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Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob

Maurus Jókai: Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob - Kapitel 27
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pfad/jokai/sohnnabo/sohnnabo.xml
typefiction
authorMaurus Jókai
titleZoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
firstpub
translatorEduard Glatz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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6.

Alte gute Freunde.

Wenn wir lange Zeit von einem Orte abwesend waren, in dem wir bekannt sind, und dann zufällig wieder einmal dahin zurückkehren, so ist es wohl das erste, daß wir uns erkundigen, was aus unsern alten Bekannten geworden, und es thut uns dann so wohl, von den Guten, den Rechtschaffenen zu hören: daß sie noch am Leben und daß es ihnen gut geht, von den Schlechten, den Spitzbuben aber: daß sie in Malheur geraten, daß sie herabgekommen und in Schande verfallen.

Man pflegt dann wohl zu sagen: »die Armen! « allein es ist gar nicht wahr, daß wir sie bedauern; wir stellen uns nur so; innerlich denken wir uns: es ist ihnen recht geschehen, und wir haben ihnen dies schlimme Ende vorausgesagt. Es gewährt uns das eine innere Genugthuung, und wir danken Gott, daß er uns vor Unglück und Schande in Gnaden bewahrt hat, uns vorwärts kommen und ehrlich bleiben ließ.

Indem wir unsere Karpáthfalver Bekannten verlassend nach Pest zurückkehren, erfahren wir als frische Neuigkeit den argen Streich, der dem lieben Herrn Maßlaczky gespielt worden.

Es ist ihm nur einer widerfahren, aber man erzählt ihn auf hunderterlei Weise. Das ganze Gerede lief ungefähr darauf hinaus, daß der liebe Herr Maßlaczky als Anwalt des Geklagten mit dem Kläger unter einer Decke gespielt habe, und nachdem er sich von diesem hatte bestechen lassen, den Prozeß seines Klienten zu verlieren, dann auch den Kläger betrogen habe, welcher nicht unterließ Lärm zu schlagen und sich selbst nicht zu schonen, nur um sich zu rächen. Daraus entstand nun ein ärgerlicher Skandal; Herr Maßlaczky zog sich hundert und aberhundert Ungelegenheiten zu; sein Glück war noch, daß so viele Mitschuldige in den schmutzigen Handel verwickelt waren, welchem Umstande er es allein zu verdanken hatte, daß er ohne eklatante Bestrafung davon kam.

Etwas verlor er aber dennoch, was ihm empfindlicher war, als der Verlust seines guten Rufes und Namens: sein Advokatendiplom.

Es wurde ihm Silentium auferlegt für zeitlebens. Er darf künftighin keinen Prozeß mehr führen.

Anfangs dachte er zwar, diesem Übel werde leicht abzuhelfen sein. Es werde sich schon ein junger diplomierter Advokat finden, der ihm seinen Namen leiht und unter dessen Firma er fortfahren wird zu advocieren. Aber es fand sich keiner. In beiden Schwesterhauptstädten war kein so unglückliches Individuum aufzutreiben, das sich dazu hergegeben hatte, der Rückenschild eines Mannes zu sein, auf den alles losschlägt.

Auch Bogozy suchte er auf; er machte ihm glänzende Versprechungen, wenn er sein Anerbieten annehme.

Der wackere junge Mann dankte für die Ehre; doch könne er sie nicht annehmen, da er viel ruhigere Aussichten habe, er sei um irgend eine Ispánstelle bei dem jungen Karpáthi eingekommen, der freilich seit der Deputiertenwahl ihm zürne und es ihm nicht verzeihen könne, daß er ihm zuliebe seine Gegner aufs Haupt geschlagen; wenn er aber auch von diesem abgewiesen werden sollte, wolle er es doch früher noch bei Herrn Köcserepy versuchen, ob nicht eine Diurnistenstelle zu haben sei, erst dann werde er sich's überlegen, ob er Maßlaczkys Anerbieten annehmen solle oder nicht.

Für Herrn Maßlaczky hörte die Welt auf »ein lieber Herr und Freund« zu sein.

Seine Bekannten, wenn sie ihm aus der Gasse begegneten, wichen ihm aus; ihre sonst von weitem ihm zulächelnden Gesichter sahen ihn jetzt so an, oder drehten sich so weg, als ob sie ihn nie gekannt hatten; seine einstmaligen Gönner waren, wenn er sie besuchen wollte, nicht zu treffen. Vielleicht hatte jeder Portier schon sein Porträt erhalten, um, wenn ein so und so aussehender Mensch vorsprechen sollte, ihn damit abzuweisen, daß niemand zu Hause sei.

In seinen besseren Tagen war er häufig auf der Gasse einem ärmlich aussehenden, abgerissenen Menschen begegnet, der seit undenklichen Zeiten in einem und demselben abgetragenen Attila einherstieg, Sommer und Winter, und in Esizmen, deren Sohlen abgetreten waren und aus deren Rissen der Fuß hervorguckte.

Es war dies ein Silentiar-Advokat, dem vor langer, langer Zeit irgend einer Betrügerei wegen sein Stallum entzogen worden und der seitdem in der Hauptstadt von fremder Barmherzigkeit kümmerlich vegetierte. Dann und wann fand sich eine mitleidige Seele, die ihm so viel schenkte, um sich einen Strick kaufen zu können, er aber zog es vor, das Geld zu vertrinken, statt sich aufzuhängen.

Herr Maßlaczky erinnerte sich dieser Gestalt aus der früheren Glanzperiode seines Lebens; er war ihm häufig auf der Gasse begegnet; wie hatte jener Mensch ihn immer so unterthänig gegrüßt, und den Hut vor ihm so tief, fast bis zur Erde gezogen, obwohl auch der fast keine Krempe mehr hatte; Maßlaczky aber war mit abgewendetem Gesichte an ihm vorübergegangen, als sähe er den armen Teufel nicht, als hätte er die laut zugerufenen Worte nicht gehört: » servus humillimus, domine spectabilis, bonum mane precor

Als schon niemand mehr Herrn Maßlaczky erkennen wollte, als er durch die belebtesten Gassen gehen konnte, ohne daß jemand den Hut vor ihm lüftete, traf er einmal mit dem Silentiarius zusammen.

Die zerlumpte, schäbige Figur streckte ihm schon aus der Ferne die Hand entgegen, und wenn sie auch den Hut nicht so tief abnahm, wie sonst, rief sie ihm doch in um so vertraulicherem und freudigerem Tone entgegen: – Servus humillimus, domine spectabilis; quomodo dignetur valere? Wie steht das Befinden?

Und damit ergriff ihre des Waschens entwöhnte Hand die Hand des Herrn Maßlaczky und schüttelte sie herzhaft.

Maßlaczky erschrak; erst jetzt ging ihm ein Licht darüber auf, wie tief er gesunken sein mußte.

Er stieß den einzigen Menschen, der ihm noch die Hand drücken mochte, beiseite und rannte nach Hause in seine Wohnung im vierten Stocke, wo er noch einmal nahe daran war, vom Fenster herabzuspringen.

Dieser Auftritt vertrieb ihn von Pest.

Er zog ein, was er an Geldern ausstehen hatte und überlegte, welchen Ort er sich zum Aufenthalte wählen solle, wo er hübsch zurückgezogen, bei Sparsamkeit und Wucher, anständig bis an sein Ende leben könne.

Das allerdings wurmte ihn, daß er seine Karriere sich so hatte abschneiden lassen; er, ein so alter Praktikus, und so schmählich anzurennen! Er hätte so gerne jemand gehabt, an dem er seinen Ingrimm kühlen, dem er aus die Schultern hätte treten können, um sich aus seiner Misère emporzuschwingen. Jedermann sah ihn schon über die Achsel an.

Er gab die Hoffnung trotzdem nicht auf, noch einen Menschen zu finden, der sich von ihm ins Bockshorn jagen lasse.

Unter seinen Schriften fand er einige verworfene Verträge, veraltete Schuldscheine von Abellino Karpáthi, welche dieser wahrscheinlich die Unvorsichtigkeit gehabt, von ihm nicht zurückzuverlangen, oder wenn er es auch gethan, die Entschuldigung erhalten hatte, sie seien verlegt; möglich, daß ihm Herr Maßlaczky darüber auch Gegenscheine, Quittungen ausgestellt, die aber Abellino aller Wahrscheinlichkeit nach längst zu Papilloten für seine Perrücke verbraucht hat. Hier läßt sich noch das Glück versuchen.

Es war ihm ein Leichtes, durch den Karpáthischen Familienbankier, welcher die Apanage auszuzahlen hatte, zu erfahren, daß Abellino jetzt in Gräfenberg sei, wo er sich zu einem neuen Menschen verjüngen will.

Um jene Zeit war eben der Ruf von Priesnitz und seiner Kaltwasserheilmethode bis nach Ungarn gedrungen; auch Abellino trug seine werten Glieder nach Gräfenberg, um sich frische zu holen.

Maßlaczky zögerte keinen Augenblick, ihm nachzureisen.

Er dachte bei sich, wenn es ihm gelänge, dem Baron von jenen vierundzwanzigtausend Gulden, die er ihm zugeschanzt, auch nur die Hälfte abzudisputieren, so würde das kein schlechtes Geschäftchen sein.

Er hat volles Recht sich zu beklagen; er hat durch zwölf Jahre in einem großen Prozeß sich abgemüht, Geld ausgelegt und für alle seine schönen, erfolgreichen Bemühungen keinen Lohn empfangen. Wohl wahr, es ist seine eigene Schuld, daß er, dumm genug, freiwillig auf die ihm zugesicherte Summe verzichtete, um von Köcserepy die Hand seiner Tochter zu gewinnen, der ihn dann so schön hinters Licht geführt. Und jetzt ist dort nichts mehr zu suchen: die Tochter ist gestorben, die Güter sind an Karpáthi zurückgegeben, Lebende und Tote, Wahrheit und Lüge, Recht und Betrug sind so untereinander gemengt, in einen unentwirrbaren Knäuel verwickelt, daß, wer es wagen würde, in dies Labyrinth hinabzusteigen, keine Aussicht hätte, während eines Menschenalters sich aus demselben wieder herauszufinden. Hier ist kein anderes Mittel, als Abellino zu Leibe zu gehen; vielleicht gelingt es, ihm einen solchen Schreck einzujagen, daß er die eine Hälfte seiner Haut in der Hand des Angreifers läßt, um in der andern Hälfte unbehelligt zu bleiben.

Während Herr Maßlaczky noch diesen tröstlichen Ideengang verfolgte, erblickte er vor sich die sprudelnden Bäche und die säuselnden Fichten Gräfenbergs, und dachte bei sich: wenn alle diese schönen Bäche Tinte wären und jede einzelne Fichtennadel eine Schreibfeder, wären ihrer doch nicht genug, um den ganzen Prozeß niederzuschreiben, den er sich in seinem Kopf ausspintisiert und zurecht gelegt hatte.

In der Badeanstalt angelangt, erkundigte er sich nach Seiner freiheitlichen Gnaden. Man machte aus der Anwesenheit des Barons kein Geheimnis.

Wann kann man mit ihm zusammentreffen?

Wann immer. In Grafenberg giebt es keine Geheimkuren; man kann die Kranken zu jeder Zeit besuchen.

Maßlaczky ließ sich zu ihm führen. Draußen im Freien stürzt aus einer Höhe von vier Klaftern ein mannsdicker Wasserstrahl herab, unter demselben stand eine mehr als halbnackte menschliche Gestalt.

Maßlaczky glaubte, der dort müsse sogleich des Todes sein.

An dieses Gesicht kann er sich nicht erinnern. Mit so kahlem Kopf und roten Backen hat er noch keinen Menschen gesehen, den er kennt.

Man sagte ihm, das sei der Herr Baron.

Er konnte es nicht glauben, bis der Mensch dort unter der Douche hervorkommend Herrn Maßlaczky erblickte und ihn mit seinen nassen Armen umhalste.

Servus amice!

Die triefende Gestalt lief auf dem thaunassen Gras barfüßig weiter, und gab durch Winke zu verstehen, Maßlaczky, der aus Furcht, sich in der kalten Morgenluft eine Halsentzündung zu holen, es noch nicht gewagt hatte, seinen Shawl herunterzunehmen, möchte ihm nur nachkommen.

Ganz verblüfft zottelte er hinter dem laufenden Baron her. Als er das Zimmer erreichte, worin er diesen hatte verschwinden gesehen, saß der edle Freiherr schon in einer Badewanne mit eiskaltem Wasser und vollführte ein solches Geplätscher, daß Maßlaczky selbst in dem entferntesten Winkel des Zimmers nicht ganz sicher davor war, bespritzt zu werden.

In einem solchen Zustande ist es nicht wohl thunlich, von Prozeßangelegenheiten zu sprechen.

Er beschloß, die ruhigeren Stadien der Kur abzuwarten.

Es dauerte nicht lange, so traten zwei handfeste Männer in die Kammer, holten den Baron aus dem Wasser, schlugen nasse Kotzen um ihn, verpackten ihn, wie ein Wickelkind, und trugen ihn aufs Bett, damit er schwitze.

Nun, jetzt kann er mir nicht entkommen, dachte Herr Maßlaczky. Zudem, wenn er schwitzen soll, warum sollten wir ihm dazu nicht ein wenig behilflich sein?

– Teuerster gnädiger Herr, geruhen Sie sich noch an du angenehmen Zeiten zu erinnern, wo wir aus Anlaß des Prozesses Karpáthi contra Karpáthi so viele vergnügte Stunden miteinander zubrachten?

– Lassen wir das, mein lieber Maßlaczky, reden wir nicht davon, replizierte Abellino dort unter seinen vielen Kotzen hervor. Es waren infame Zeiten. Dieser nichtswürdige Charlatan, dieser Doktor Maus, welche furchtbaren Martern hat mich der ausstehen lassen! Warum haben Sie ihm nicht gleich damals eine Kugel durch den Kopf geschossen, mein lieber Maßlaczky, als Sie mit ihm auf meinem Zimmer den heftigen Auftritt hatten. Er hat mir zehn Jahre von meinem Leben gestohlen. Was sage ich zehn – zwanzig, die schönsten Jahre meines Lebens. Das viele Salz, das er mich fressen ließ, muß ich nun alles ausschwitzen. O dieser Priesnitz ist in der Thal ein Segen Gottes; wenn nicht ein guter Stern mich hierher geführt hätte, läge ich schon längst unter der Erde.

– Das wäre sehr schade gewesen, beeilte sich Herr Maßlaczky zu äußern, indem er bei sich dachte: das fehlte mir noch, daß auch du abgefahren wärst, bevor ich dir tüchtig zur Ader gelassen.

– O mein lieber Maßlaczky, ich bin jetzt ein ganz anderer Mensch; jetzt esse ich eine Schüssel voll gestockter Milch zum Frühstück auf, und dazu vier bis fünf Pfund schwarzes Brot, bei dessen Anblick ich sonst schon Fieber bekommen hätte; alle meine Knochen sind wieder auf dem Fleck, neues Blut durchströmt mich, das kalte Wasser durchspült mir alle Eingeweide, selbst meine Haut erneuert sich, ich häute mich, wie die Schlangen im Frühjahr. Das ist hier ein Leben! Nun, Sie Werdens ja sehen: Früh morgens stehen wir auf, douchen, baden uns, laufen im erfrischenden kühlen Regen herum, denn hier regnet es alle Tage; wir rennen barfuß umher; Sie können sich's gar nicht vorstellen, welches angenehme Gefühl es ist, bloßfüßig herumzuwaten in dem kalten, thaunassen Gras, in dem plätschernden Kot. Seien Sie nur erst einen Monat hier, und Sie werden sehen, wie umgewandelt Sie sich fühlen werden. Dieser Prießnitz wird Sie so abwaschen und durchwässern, daß Sie sich selbst nicht wieder erkennen werden.

Herr Maßlaczky dachte bei sich, er möchte gerne den Priesnitz sehen, der ihm sein Silentium herunter zu waschen imstande wäre.

Abellino sprach sehr gern über diesen Gegenstand.

– Sie werden sehen, mein lieber Maßlaczky; die erste Woche ist nicht sehr angenehm, bis man sich an die Douche gewöhnt hat; aber dann ...

– Aber bitte zu Gnaden, unterbrach ihn Maßlaczky ungeduldig, ich bin keineswegs hierher gekommen, um hier mich zu waschen und zu baden und das Wasser eimerweise zu saufen...

– Also weshalb denn? Hier ist's nicht erlaubt, eine andere Kur anzuwenden, Priesnitz gestattet das nicht; Priesnitz kennt nur ein Heilmittel, und das ist das kalte Wasser.

– Danke ergebenst. Ich bin nicht krank. Das heißt, es fehlt mir wohl auch etwas, aber dagegen hilft weder die Hydro-, noch Alleo-, noch Homöo-, noch sonst eine Pathie; denn das ist eine ganz exotische Krankheit.

– Ei, was denn? fragte Abellino neugierig, der sich nicht entfernt einfallen ließ, daß Herr Maßlaczky sich ihn selbst zum Arzt könnte ausersehen haben.

– Herr Baron belieben zu wissen, wie schändlich der Rat Köcserepy mich hintergangen hat.

– Wie sollt' ich's nicht wissen. Er hat Ihnen die Hand seiner Tochter versprochen, dann hat er Ihnen aufgebracht, daß Sie in seine Frau verliebt seien und hat Ihnen den Laufpaß gegeben. Das war ein genialer Einfall von ihm. Gewiß, mein lieber Maßlaczky, ich bin sehr portiert für Sie, aber das muß ich gestehen, daß Köcserepy Ihnen einen köstlichen Streich gespielt hat.

Maßlaczky hätte Lust gehabt, über Abellino herzufallen und ihn, da er, in die Kotzen eingewickelt, weder Fuß noch Hand rühren konnte, tüchtig durchzubläuen.

Er besann sich aber, daß er einen viel besseren Trumpf auszuspielen habe.

Per se, per se – es war ein köstlicher Streich von Köcserepy, sich aus seinen Verpflichtungen herauszuziehen und sie alle auf Euer Gnaden zurückzuwälzen.

Dem Baron verging die Lust zu lachen. Er fing an besser aufzuhorchen.

– Was hätte er auf mich zurückgewälzt? fragte er, die Augen weit aufreißend.

Herr Maßlaczky hatte eine erschrecklich große Rocktasche und in dieser eine lederne gelbe Brieftasche von ungewöhnlicher Größe. Diese holte er hervor, öffnete sie, suchte daraus ein vergilbtes Papier hervor, entfaltete es und hielt es dem in Kotzen Eingehüllten unter die Nase.

– Kennen Sie das? Das ist Dero Handschrift, mit der Sie mir fünfmalhunderttausend Gulden für meine Bemühungen in dem Prozeß gegen Zoltán Karpáthi verschrieben haben.

Abellino fing an zu schwitzen.

– Euer Gnaden belieben zu wissen, daß ich meinen Ansprüchen in dem Falle entsagt hätte, wenn Herr Köcserepy sein Wort gehalten hätte. Da er dies aber nicht gethan, so bin ich genötigt, meine früheren Ansprüche geltend zu machen.

– Aber wer wird Ihnen das auszahlen? fragte Abellino sehr neugierig, die Antwort darauf zu vernehmen.

– Herr Köcserepy schwerlich, denn der hat die Herrschaften wieder an Zoltán abgetreten; Zoltán noch weniger, denn der hat mit mir nichts zu schaffen.

– Also am Ende wohl ich? fragte verblüfft Abellino.

Herr Maßlaczky fand für gut, seiner Zufriedenheit, daß Abellino den Rebus so glücklich gelöst, durch ein beifälliges Lächeln Ausdruck zu geben.

– Erraten.

Abellino war so erschrocken, daß er keine Widerrede hervorzubringen imstande war.

Maßlaczky trat näher an ihn heran.

– Glauben Herr Baron etwa, ich werde mich zum Narren halten lassen? Euer Gnaden werden vielleicht sagen, daß ich auf meine Forderung verzichtet habe. Besitzen Sie darüber etwas Schriftliches? Nicht einen Buchstaben. Gesprochene Worte beweisen nichts. Verba volant, scripta manent. Das Wort verfliegt, der Buchstabe bleibt. Haben Euer Gnaden auch nur eine Zeile von mir in Händen, daß ich unter der oder jener Bedingung meinen Anspruch aufgebe? Oder hoffen Euer Gnaden sich damit retten zu können, daß Sie nicht in den Besitz der Güter gelangt sind? Ja, aber kann ich dafür, daß Euer Gnaden an Köcserepy eine Cession ausgestellt, daß Sie für lumpige vierundzwanzigtausend Gulden ihren ganzen Grundbesitz verschleudert haben? Habe ich Ihnen dazu geraten, haben Sie nicht auf die Cession gedrungen, mich nicht mit aller Gewalt zu Köcserepy geschickt?

Abellino vermochte auf alles das kein Wort zu erwidern. Zuerst suchte er die Hände unter den Kotzen frei zu machen, dann wieder rang er mit der Zunge nach einer Antwort, aber weder das eine noch das andere wollte ihm gelingen, Herr Maßlaczky saß dort, ihm den Atem verschlagend, die Zunge lähmend, wie die verzauberte Katze im Märchen, die der Schläfer nicht verscheuchen kann.

Endlich brach er in ein verzweifeltes Brüllen aus.

– He, Hilfe! Räuber! Diebe! Man bringt mich um! Zu Hilfe! Zu Hilfe!

Auf das große Geschrei lief die ganze Badedienerschaft und die ganze Kurnachbarschaft zusammen; der eine halb, der andere ganz unangekleidet, mit über den Rücken geworfenen Kotzen, von Wasser triefend, mit struppigen Haaren, mit Kot bespritzt, stürzten sie in das Zimmer Abellinos, der mit Händen und Füßen unter den Kotzen zappelte, und ein um das anderemal Zetermordio schrie.

Herr Maßlaczky zog sich erschreckt in einen Winkel des Zimmers zurück und schwur bei Himmel und Erde, daß er den Baron nicht mit einem Finger berührt habe; er kehrte seine Taschen um, damit jeder sehen könne, daß er weder ein Terzerol, noch ein Federmesser, noch sonst ein Mordinstrument bei sich führe. Der gnädige Herr sei ohne Zweifel verrückt geworden, vielleicht sei ihm vom kalten Wasser das Blut zu Kopf gestiegen, und da habe er plötzlich zu rappeln angefangen.

Kaum hatte man Abellino aus den Kotzen losgewickelt, als er, auf Maßlaczky losstürzte, und wenn man ihn nicht beizeiten noch erwischt hatte, so wäre das Ende vom Lied gewesen, daß nicht sein, sondern Maßlaczky Leben gefährdet war. Er bat die ihn Zurückhaltenden, sie möchten ihm nur erlauben, diesem Ungeheuer den Kragen umzudrehen.

Natürlich ließ man das nicht zu, sondern entfernte statt dessen Herrn Maßlaczky und trug dann Abellino unter die Douche, wo man ihm so lange das Wasser auf den Kopf pumpte, bis er erklärte, daß sein Zorn sich gelegt habe.

Das erste, was Abellino that, war jedoch, daß er Priesnitz die Kur aufsagte.

– Entweder ich gehe, oder es muß dieser Mensch von hier abgeschafft werden.

Der Badeeigentümer war ein findiger Kopf. Nachdem er sich die Ursachen des Streites von Anfang bis Ende hatte auseinander setzen lassen, eilte er sofort in die Wohnung Maßlaczkys und bat diesen mit aller Höflichkeit um Entschuldigung wegen des unangenehmen Auftritts, der zwischen ihm und dem Baron vorgefallen. Er müsse das nicht zu hoch aufnehmen. Der Herr Baron habe nicht aus Bosheit so gehandelt.

Und hier flüsterte er ihm vertraulich zu, der Herr Baron sei zwar ein sehr lieber, wackerer Mann und in jeder Beziehung sehr klug und vernünftig, zuzeiten leide er jedoch an einer Monomanie, indem er von der fixen Idee befallen werde, keine Seele zu haben, die ihm von irgend jemand gestohlen worden sei. Diese Narrheit ist sonst in der Regel sehr unterhaltend, manchmal artet sie jedoch dahin aus, daß der Baron, wenn es ihm einfallt, keine Seele zu haben, sie dem ersten besten, der in seiner Nähe ist, wegnehmen will und in einem solchen Augenblicke wäre es allerdings für einen Menschen von schwächlicher Konstitution nicht geraten, ihm in den Wurf zu kommen, denn die Kranken besitzen in einem solchen Seelenzustande eine unglaublich gesteigerte Körperkraft, und sind imstande, mit einem Drucke der Hand, jemand zu erwürgen.

Herr Maßlaczky blieb keine Stunde länger in Gräfenberg.

In der andern Welt möge wer immer die Seele mit ihm tauschen, aber in dieser möge jedermann die Lust nach der seinigen sich vergehen lassen.

Von jener Stunde an bekam Abellino Herrn Maßlaczky nicht mehr zu Gesichte.

Wenn er aber gedacht hatte, nunmehr vor ihm Ruhe zu haben, so hatte er sich getäuscht. Wenn er auch persönlich nicht seine Aufwartung machen konnte, so kamen Briefe von ihm, worin er auf drei dicht beschriebenen Seiten bat, flehte, drohte, beteuerte, daß er ihn vorladen, einsperren, exequieren lassen werde und ihn mit Zureden, sich auszusöhnen, mit gütlichen Vergleichsvorschlägen, mit der Aufzählung seiner geleisteten, treuen Dienste ärgerte, quälte und in Verzweiflung brachte.

Abellino flüchtete sich vor ihm aus einer Stadt in die andere; die Briefe des Herrn Maßlaczky folgten ihm überall nach und waren immer so geschickt maskiert, daß Abellino sie jedesmal erbrach. Die Adressen waren von fremder Hand, manchmal französisch oder deutsch geschrieben. Wenn er glaubt, endlich einen Ort gefunden zu haben, wo er vor ihm sicher sei, erhält er auch dort wieder einen jener verwünschten Briefe, und zieht wieder weiter, wie ein gehetzter Fuchs.

Endlich wanderte er aus dem Lande aus; Herr Maßlaczky, der ihm nicht mehr so leicht mit seinen Briefen beikommen konnte, nahm nun seine Zuflucht zu den Zeitungen.

Abellino stieß bald hier bald dort aus der letzten Seite eines ausländischen Journals auf eine an ihn gerichtete Liebeserklärung.

»Herr Baron B. K. wird von Gabriel Maßlaczky aufgefordert, das Advokatenhonorar, welches er diesem schuldet, zu berichtigen; widrigenfalls dieser sich genötigt sehen wird, dessen ganzen Namen auszusetzen.«

Oder aber: »Herr Baron Bela Karpáthi, dessen Aufenthaltsort unbekannt ist, wolle an dem und dem Tage entweder persönlich oder durch einen Bevollmächtigten zur Abmachung einer wichtigen Angelegenheit bei Gabriel Maßlaczky sich einfinden.«

Dann wieder: »Gabriel Maßlaczky hat dem Freiherrn Bela von Karpáthi eine sehr dringende Mittheilung zu machen.«

Und dergleichen mehr.

Abellino glich in seiner Wut einem Kannibalen, der Blut gerochen hat; er wußte sich nicht zu helfen gegen diesen Menschen. Sich in eine Polemik mit ihm einlassen? ihn zu einem Duell einladen? ihn durchprügeln? – er würde eines wie das andere nur dazu benutzen, Abellino einen Prozeß an den Hals zu werfen, aus dem er sich nicht mehr loswickelt, der nie ein Ende erreicht.

Endlich wurde die Sache auch Zoltán zu viel; er forderte Maßlaczky auf, irgend eine Summe als Preis seiner Verzichtleistung festzusetzten, damit er seinen werten Namen mit dem Namen Karpáthi nicht mehr in Verbindung bringe und Abellino und Köcserepy und andere unglückliche Kreaturen in Ruhe lasse.

Maßlaczky sprach zuerst von Hunderttausenden, dann aber ging er allmählich herab bis auf fünftausend Gulden. Diese wuchsen wieder mit allerlei Sporteln und Unkosten auf sechstausend an. Zoltán ließ ihm durch Kovács diese Summe auszahlen, gegen Zurückgabe der von Abellino in seinen Händen gelassenen Schriften und ihm bedeuten, er möge nun diese leidige Sache ruhen lassen, denn, wenn er noch einmal in irgend einer Weise sie vor die Öffentlichkeit bringe, so werde Zoltán die Auslage von fünf Gulden für eine Karbatsche und von weiteren zweihundert Gulden für das Vergnügen nicht zu viel finden, an Herrn Maßlaczky damit einen Akt der Gewaltthätigkeit zu begehen im Sinne des ungarischen jus privatum criminale.

Dies drastische Mittel half. Seitdem wissen von Herrn Maßlaczky nur diejenigen, denen er zu blutigen Wucherzinsen Geld leiht. Denen geschieht übrigens nur recht, warum wenden sie sich an ihn. Einer und der andere geht ihm manchmal mit dem aufgenommenen Gelde durch, aller Psychologie zum Trotz; der ehrenwerte Herr macht sich dann an den übrigen bezahlt.

Wenn jemand zu Schaden kommt, so nennt man das einen Verlust, beim ihm ist es immer ein übel Anrennen und dazu pflegen die Leute zu sagen: »Er ist sehr zu bedauern, aber ich gönn' es ihm.«

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