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Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob

Maurus Jókai: Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob - Kapitel 25
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typefiction
authorMaurus Jókai
titleZoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
firstpub
translatorEduard Glatz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121211
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4.

Stille!

Der Rat ging auf sein Zimmer und setzte sich nieder, um einen Brief zu schreiben.

Er hat ein großes, in schwarzes Leder gebundenes Tagebuch, in dem er seine Korrespondenzen einzutragen pflegte, deren Originale er immer zurückbehielt; hier waren die geheimsten Schriften aufbewahrt; auf den Einband war mit glänzenden Buchstaben gedruckt: » Dies Buch ist nach meinem Tode zu verbrennen

Der letzte Brief, den er geschrieben, lautete an Dabroni.

Er las ihn von Anfang bis Ende durch, und überlas ihn immer wieder aufs neue. Diese Strafe war er sich schuldig. Es war ihm dies eine schwerere, härtere Buße, als wenn er barfuß in strengem Winter um Ablaß zu den Gräbern seiner Feinde hätte wallfahrten müssen, jede Zeile darin enthielt für ihn einen grausamen Vorwurf, einen auf sein Haupt zurückfallenden Stein.

Er selbst hatte mit diesen Marterwerkzeugen des Hasses sein eigenes, teures Kind gefoltert. Jeder Dolchstoß, für den Gegenstand seines Hasses bestimmt, fuhr zuerst durch das Herz der Tochter, jedes Mißgeschick, das er einem andern zugedacht, fiel zerschmetternd auf ihr Haupt.

Daß die Kinder so verschlossen! Warum sind sie nicht offen gegen uns Eltern? Warum glauben sie nicht, daß wir sie wahrhaft lieben?

Wenn man dies traurige Kind fragte, warum es so blaß sei und so trübsinnig, warum blieb es die Antwort schuldig? Niemand konnte etwas von ihm herausbringen.

Jetzt war es dem Rat wohl auch klar, wie sich Wilma in das Szentirmaer Gehölz verirrt hatte. Das teure Leben zu retten, für das sie zitterte, hatte sie sich auf den Weg gemacht mit ihrem zarten gebrechlichen Körper, während sie daheim den furchtbaren Racheplan ausbrüteten, und vielleicht im selben Momente, als er in übermütiger verbitterter Stimmung den Brief an Dabroni schrieb, schrieb das verzweifelte Kind am Rande des Walddickichts, niedergebeugt auf einen morschen Baumstrunk, heimlich die rettende Warnung an die Anverwandten des angebeteten Jünglings mit zitternder Hand, mit bebendem Herzen.

Wenn er das früher gewußt hätte!

Der stolze, mächtige Mann ergriff die Feder um zu schreiben.

Er begann den Brief gleich dort, wo der andere Brief aufhörte.

 

»Herrn Zoltán Karpáthi.«

»Mein Herr!

Was noch niemand von mir gehört, das können Sie hier geschrieben von meiner Hand lesen: Ich bereue, was ich gethan. Ich weiß wohl, daß Sie ein Recht haben, sich zu freuen, wenn ich weine, aber ich kenne Ihr Herz zu gut, um es einer solchen Freude fähig zu halten. Mein einziges Kind ist todkrank und wird in seinen Phantasien von dem Schreckbild verfolgt, daß Sie ermordet wurden. Dem Allmächtigen sei Dank, das ist nicht geschehen; Sie leben und können mit einem Worte, durch Ihr persönliches Erscheinen der Retter meines geliebten Kindes werden, das meine einzige Freude von Gott ist; ich kenne das Opfer, das Sie bringen, wenn Sie diese Schwelle betreten, aber ich hoffe und glaube, daß Sie es nicht verweigern werden dem Unglücklichsten der Menschen

Köcserepy.«

 

Welche schwere und herbe Züchtigung!

Was war aus den Götzenbildern des Stolzes, der gespielten Weltrolle geworden, als er diesen Brief schrieb; Was aus dem selbstgefälligen eitlen Selbstvertrauen, das ihn bisher durchs Leben begleitet hatte? Wie viel Selbstverleugnung lag in diesen wenigen Zeilen, welche Selbsterniedrigung!

Der Rat schrieb den Brief noch einmal ab, ließ den Verwalter holen und übergab ihm den Brief, um ihm nach Szentirma zu bringen.

Zoltán und die Szentirmayschen waren nach dem Trauertage sobald als möglich von Preßburg abgereist, die einbalsamierte Leiche Rudolfs mit sich nach Szentirma nehmend.

Die Kunde von dem tragischen Ende des edlen Patrioten machte einen schmerzlichen Eindruck in der ganzen Gegend, und als Köcserepy sie vernahm, schlug sein Herz gewaltig, als klagte es ihn darob an.

Das war kein gutes Werk, das hätte nicht so kommen sollen.

Sowie er den Brief abgeschickt hatte, eilte er wieder an das Krankenlager seiner Tochter.

Das Mädchen war ganz bei sich: nach dem Parorixmus der Fieberhitze folgten die lichten Momente der Erschöpfung.

Der Vater setzte sich an das Bett der Kranken.

– Wo thut es dir weh, meine Gute, meine Liebe?

– Da und da! sagte das Mädchen, die Hände aus das Herz und die Stirne legend. Ich wußte ja, daß mich das töten wird.

– Von was sprichst du mein Töchterchen, mein Herzchen?

– Weißt du auch, Vater, wie das thut? Das ist ein großer Schmerz. Wenn Liza noch lebte, könnte sie dir's sagen, denn sie wußte das, Ich sagte ihr's gleich, als wir in dies Haus kamen. Als hier oben die vielen Gaste jubelten und lachten, weinten wir beide dort unten unter den Platanen, denn wir wußten recht gut, daß wir hier sterben werden. O wenn jemand darauf gemerkt hätte.

– Auf was hätten wir merken sollen? fragte der Rat, sich zur Kranken so weit herabbeugend, um selbst ihr leisestes Flüstern vernehmen zu können.

– Wenn ihr auf das gemerkt hättet, wie so oft, wenn wir speisten, fremde Gäste scherzten: »was ist das, diese beiden Mädchen lassen die besten Bissen unberührt auf dem Teller liegen?« Bei solcher Gelegenheit sagt man, daß ein ferner Anverwandter hungert. Ich und Liza, wir drückten uns die Hände, wir wußten, was das bedeutet. Wenn wir in die Kirche beten gingen, scherzte man über uns: was machen sie in dieser Dorfkirche? für wen haben solche zwei Kinder zu beten? Wir wußten, für wen. Von meinen Blumen, meinen Kleidern hatte jedes seinen besonderen Namen, seine besondere Bedeutung, die außer mir niemand kannte, nur Liza. Und niemand wird sie auch erfahren. Am Allerseelentage zündeten wir abends drei Wachslichtchen an: das eine bin ich, das andere bist du, Liza, und das dritte ist er. Am schnellsten war das seine herabgebrannt, dann das deine, mein kleines Mädchen, und dann meines ... Aber keines brannte viel länger, als das des andern ... Was treiben die Kinder? ... Sie spielen ein Spiel für sich ... aber dies Spiel muß man verstehen ... man muß es verstehen, sonst hat es keinen Wert.

Es war augenscheinlich, daß, sowie die Kranke auf ihre fixe Idee von Zoltán zurückkam, auch die gefährlichen Paroxismen sich wieder einstellten. Kein Zweifel, an ihn denken und – sterben, ging Hand in Hand bei ihr.

Der Rat sah unruhig nach seiner Uhr. Er hatte schon hundertmal auf die Minute berechnet, in wie viel Zeit der Verwalter in Szentirma und von da wieder zurück sein kann. Aber die möglichen Zufälligkeiten ängstigten ihn. Wie, wenn er Zoltán nicht zu Hause trifft? wenn Zoltán seine Bitte abschlägt und nicht kommt?

Der Arzt verordnete wieder eine neue Medizin. Die gestrige verwarf er, sowie er die von vorgestern und ehevorgestern verworfen hatte. Keine hatte geholfen, so wie die heutige auch nicht helfen wird. Die Wissenschaft hat hier ein Ende.

– Mein Herr, helfen Sie, machen Sie meine Tochter wieder gesund! flehte der Rat, dem sich entfernenden Arzte verzweiflungsvoll die Hand drückend.

– Ich bin nur ein Handlanger der Natur, sagte der Mann der Wissenschaft; gegen Gott ist nicht anzukämpfen.

Der Rat ging in schlafloser Unruhe aus einem Zimmer ins andere. Es war schon dunkel geworden und mit der hereinbrechenden Nacht fing der Zustand der Kranken sich zu verschlimmern an. Aus Szentirma war noch keine Antwort eingetroffen.

Draußen fingen an schwarze Gewitterwolken aufzusteigen; die schon ganz finstere Nacht wurde nur von Zeit zu Zeit durch wetterleuchtende Blitze erhellt, deren dumpfes Donnerrollen immer naher rückte; der Wind pfiff über die weite Flache und drehte knarrend die neuen Wetterfahnen auf dem Dachgiebel, welche mit dem Wappen Köcserepys geschmückt waren; plötzlich stürzt eine von ihnen mit großem Gepolter herab.

Eine abscheuliche Nacht! Wer möchte um solche Zeit den heimischen Kamin verlassen und sich in Sturm und Wetter hinauswagen?

Die Kranke stöhnte und ächzte so kläglich ... O, und niemand kann ihr helfen!

Wieder ein heller Blitz, und darauf lange nachrollender Donner.

Und doch ... das scheint nicht mehr Donnergepolter zu sein, das ist das Rollen eines Wagens.

Eine Kutsche fuhr zum Schloßhof hinein. Das ist deutlich auszunehmen. Das Rollen einer Kutsche. Der Verwalter war in einem leichten Wägelchen weggefahren. Es ist also jemand gekommen, ein Fremder.

Aber wer?

Der Rat eilte dem Angekommenen entgegen.

Sowie er den Korridor entlang ging, hörte er, daß jemand die Treppe heraufstieg und sich nach ihm bei dem Kammerdiener, welcher den Weg zeigte, erkundigte.

Aber das war keine Männerstimme, sondern eine weibliche. Es kam ihm vor, als müßte er diese liebliche, melodische, kindliche Stimme schon irgendwo gehört haben, aber er konnte sich nicht mehr genau daran erinnern.

Als er um die Ecke des Korridors bog, stand die Fremde ihm gegenüber. Es war ein schönes, schlankes Mädchen, ganz in Trauer.

Köcserepy erschrak vor ihr. Das ist Szentirmays Tochter. Jenes Szentirmay, der einen so tragischen Tod gefunden. Kommt dieser schwarze Anzug nicht, ihn anzuklagen in dieser Stunde? Ist dieses trauernde Kind nicht deshalb jetzt erschienen, um ihm zu sagen: »Leben für Leben, für den Vater die Tochter!«

O nein. In dem Schmerz der Taube ist kein Gift. Das trauernde Mädchen eilt sanft und freundlich auf den Hausherrn zu, ihm das zarte Händchen hinreichend, und erkundigt sich in teilnehmenden, bekümmerten Tone nach Wilma.

Sie hat von dem Verwalter gehört, daß ihre Freundin krank sei. Der Brief fand Zoltán nicht in Szentirma an, er hatte ihre Mutter zur Tante Marion nach Köhalom begleiten müssen. Der Verwalter eilte ihn, mit dem dringenden Schreiben nach. Sie aber habe sich schnell auf den Weg nach Karpáthfalva gemacht, um die gute Wilma zu besuchen; sie haben sich immer so lieb gehabt und schon so lange nicht gesehen. Vielleicht wird es ihr Freude machen, sie wiederzusehen.

Köcserepy drückte so warm das in seiner Hand ruhen gebliebene Händchen ... Unschuldiges, glückliches Kind, das nach keine Ahnung hat von der Schlechtigkeit, den Gehässigkeiten, den Tücken der bösen Welt!

Mittlerweile waren sie bis zum Krankenzimmer gelangt, dessen Thüre Köcserepy vorsichtig öffnete.

»Stille! stille!« flüsterte das Mädchen, den weißen Finger emporhebend. An dem stammenden Rot der glühenden Wangen konnte man sehen, daß wieder eine schlechte Nacht folgen werde.

Kathinka trat an das Bett und faßte die Hand der Gespielin in die ihrige.

Ein heiteres Lächeln spielte über das Gesicht der Kranken und verschwand wieder im nächsten Augenblick.

– Auch du trauerst um ihn, nicht wahr? fragte sie, auf das schwarze Gewand der Freundin zeigend.

Kathinka wußte schon durch den Verwalter von der fixen Idee Wilmas: sie glaubt, daß auch sie um Zoltán Trauer trage.

– Ich traure um meinen Vater, antwortete Kathinka – die bei diesen Worten die hervorbrechenden Thränen nicht zurückhalten konnte. Sie mußte ihr Gesicht verhüllen.

Das kranke Mädchen zog die Freundin näher an sich und fragte, furchtsam um sich herblickend.

– Auch ihn haben sie gemordet?

– Nicht doch, antwortete Kathinka, in diesem Augenblick mehr an die Freundin, als an den eigenen Kummer denkend: er starb durch einen unglücklichen Zufall.

– So, durch einen Zufall? lispelte die Kranke, Glaubst du, daß die Menschen zufällig sterben? O, das weiß ich besser, das weiß ich viel besser.

Und ihre Augen starrten lang auf den Vater, sodaß der kluge, nicht aus der Fassung zu bringende Mann das Blut in seinen Adern gerinnen fühlte und den stummen Vorwurf dieses geisterhaften Blickes nichts zu ertragen vermochte.

Stille, stille, meine Liebe, lispelte Kathinka, den Kopf der Fieberkranken mit ihrer Hand aufrichtend.

Wie sanft, wie zart sie mit der Kranken umzugehen weiß. Als wenn es die eigene Schwester wäre.

Der Rat sieht so aus, als wenn ihm das Herz im Leibe bräche.

Kathinka weiß schon, was Wilma so großes Seelenleiden bereitet, und flüstert ihr die beruhigenden Worte ins Ohr: – Ängstige dich nicht, Zoltán ist zu Hause in Szentirma, Jemand schrieb uns, daß er in Gefahr schwebe und wir holten ihn ab.

Wie die Augen der Kranken aufleuchteten bei diesen Worten. Jemand! dachte sie bei sich. Dieser jemand war ich, aber das wirst du nie erfahren.

Dann aber verdüstert sich wieder ihr Gesicht, ihre Augen schweifen im Zimmer umher, die alten Fieberphantasien kehren wieder zurück.

– Noch haben sie ihm nichts gethan, lispelte sie mit gedämpfter Stimme zurück, aber bald werden sie es thun. Hörst du, wie sie die Säbel schärfen, ich hör' es schon. Ich war dabei, als sie sich davon besprachen, daß sie ihn umbringen werden, Eile, eile weg von hier zu ihm, laß ihn nicht fort von dir. Sprich mit meinem Vater; nur ein Wort sprich mit ihm, und es wird ihm nichts geschehen. Sprich mit ihm, Kathinka, meine liebe gute Kathinka, aber schnell.

Der Rat stand dort an der Bettlehne und fühlte bei diesen Reden seines Kindes kalten Schauer durch seine Adern rieseln.

– Was wird die Kranke noch alles sagen?

Mit zitternder Hand ergriff er die Hand der jungen Komtesse.

– Lassen wir die Kranke ruhen, liebe Gräfin; auch Sie werden ermüdet sein; wollen Sie nicht auf Ihr Zimmer, das man mittlerweile für Sie zurecht gemacht? Küssen Sie die Kranke nicht, beugen Sie sich nicht zu ihr herab. Erlauben Sie, daß ich Sie zu meiner Frau führe. Morgen früh werden wir Wilma wieder besuchen.

– Geh, geh! lispelte auch die Kranke. Sprich mit meinem Vater; sprich mit meinem Vater für ihn. Aber halte dich nicht lange auf.

Köcserepy zog mit sanfter Gewalt Kathinka vom Bett der Tochter fort. Fürchtete er, daß die Kranke in ihren Fieberphantasien irgend ein schreckliches Geheimnis verraten könnte? oder zitterte er davor, daß die Tochter jenes Mannes, der durch seine Schuld jetzt unter der Erde ruht, während sie sein fieberkrankes Kind pflegt, den Keim der tödlichen Krankheit in ihren zarten, empfänglichen Körper einatmen könnte? Die Luft um sie war geschwängert mit den Miasmen des Todes und der Zerstörung. Es war besser, jedermann von ihr fern zu halten.

Er beeilte sich Kathinka zu Evelinen zu führen.

Die Rätin saß auch jetzt am Schreibtisch und schrieb an ihrem Tagebuch.

Köcserepy sagte ihr, Fräulein Kathinka Szentirmay sei da, welche zu Wilma auf Besuch kam.

Auf das stand die Rätin auf, ging auf Kathinka zu, umarmte sie und drückte einen Kuß auf ihre Stirne. Nachdem sie Kathinka neben sich hatte Platz nehmen lassen und sie mit ihren kalten, dunkeln Augen von oben bis unten betrachtet hatte, begann sie: – Ich höre, Ihr lieber Vater, der Herr Graf ist verreist.

– Gestorben – berichtigte Kathinka – welche dieser, Eingang des Gesprächs unheimlich berührte.

– Das kommt auf eins heraus, meine Liebe, versicherte Eveline, im Tone stolzer Belehrung. Der Tod ist nur eine Reise. Wenn wir die Erde verlassen, übersiedeln wir in einen andern Stern; von da wieder in einen andern, und von da auf einen dritten, und so geht es fort von Stern zu Stern und das ist das ewige Leben.

Kathinka fand nicht viel Tröstliches in dieser Aufklärung, welche Eveline ihr noch deutlicher zu machen suchte.

– So zum Beispiel stirbt hier auf Erden der Vater, wo anders, z. B. im Uranus oder im Mezarthim wird er zur selben Zeit neu geboren; nach ihm sterben die Kinder, auch sie folgen einzeln ihrem Vater nach und treffen auf den, Uranus oder Mezarthim mit ihm zusammen – und das ist der Lohn der Gerechten.

Kathinka antwortete nichts auf diese weisen Worte; die Rätin sprach noch lange irres Zeug durcheinander; dann stand sie heftig von ihrem Sitz auf, ging unruhig einige Schritte auf und ab, und blieb plötzlich in der Mitte des Zimmers stehen.

– Wie aber, wenn die Kinder zuerst sterben und die Eltern später? fragte sie sich selbst, sehr beunruhigt von diesem Gedanken? Was geschieht dann? Was entsteht daraus?

Und sie begann nun mit heftigen Schritten auf und abzuschreiten, die Hände vor das Gesicht gelegt.

– Kommen Sie, flüsterte der Rat, schwer aufseufzend, Kathinka zu. Gehn wir fort von hier.

Das arme Mädchen zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub.

Welche schreckliche Nacht!

Draußen tobt das Gewitter; der Wind krümmt die Bäume, welche ächzend und rauschend unter dem wütenden Anprall sich auf und nieder beugen; der Gußregen schlägt an die Fenster, als würden sie mit kleinen Steinen beworfen; manchmal schüttelt sie der Orkan, daß sie erzittern, wie beim Geschützdonner; jene knarrenden, rasselnden Wetterfahnen drehen sich um und um, als ob sie nicht mehr wüßten, wohin der Sturmeswut auszuweichen.

Welche abscheuliche, grausige Nacht da draußen.

Aber schrecklicher noch und bluterstarrender ist die Nacht drin im Kastell. Niemand schläft. Die Inwohner rennen mit brennenden Kerzen und Lampen aus einem Zimmer in das andere; manchmal erlischt ein Licht in der Hand des Eilenden in dem starken Windzuge, als ob in jeder Thürspalte ein tückischer, boshafter Geist lauerte, der bemüht ist, die Flamme auszublasen und die Eiligen in ihrem Geschäfte aufzuhalten.

O gewiß würde Rat Köcserepy in dieser Stunde hundertmal lieber draußen sein unter dem stürmischen Himmel und hinschleichend an einem Pußtagraben dort in der unbewohnten Halde die dröhnenden Donnerschläge und das Pfeifen des Windes anhören, als in dem ruhigen, geheizten Zimmer zu sitzen, das mit fest schließenden Tapeten und warmen Teppichen selbst jedes Geräusch des Sturmes abwehrt, und dort das dumpfe Ächzen und die irren Worte von den todesbleichen Lippen des kranken Kindes zu vernehmen.

So lange die Fiebervisionen anhielten, war es eine Qual, die Kämpfe der Dulderin mit anzusehen. Die schrecklichen Phantasien des erhitzten Gehirns prägten sich in jedem Zuge ihres Gesichtes aus und verwandelten das engelsmilde Antlitz in ein Zerrbild. Dort vor ihren Augen sah sie die greulichsten, schrecklichsten Mordthaten vor sich gehen; sie nannte diejenigen mit Namen, welche sie verübten, sah ihre Gesichter Zug für Zug, jede ihrer Bewegungen, jeden geführten Stoß; wie das Opfer sich wehrte, wie es zu Boden stürzte, wie das Blut aus seinen Wunden strömte, wie es um Hilfe schrie.

Um wie viel besser wäre es gewesen, draußen den Sturm zu hören.

Um Mitternacht nahm der Paroxismus ab und traten lichtere Momente ein.

Die Kranke erkennt jedermann, ruft ihren Vater zu sich und bittet ihn, die Schublade ihres Schreibtisches zu öffnen.

– Du findest dort unter meinem Gebetbuch einen zusammengelegten Brief mit fünf schwarzen Siegeln.

Köcserepy fand ihn am bezeichneten Ort und brachte ihr ihn.

Wilma nahm die Schrift und hielt sie in beiden Händen.

– Das ist mein Testament.

– Dein Testament! seufzte der Rat mit schmerzlicher Überraschung.

– Sei unbesorgt, sagte die alles mißverstehende Kranke, ich habe nur über dasjenige verfügt, was mein ist. Meine Kleider, von denen ihr ja doch keinen Gebrauch machen könntet, meine Stickereien vermachte ich meinem kleinen Töchterchen, das nicht mehr ist, und nun schon irgendwo mich erwartet. Ich muß ein neues Testament machen, – Dies hier ist nichts mehr wert. – Verteilt meine Kleider unter die armen Mädchen im Dorf, die mich immer so freundlich grüßten, wenn ich ihnen begegnete. – In meiner silbergestickten Börse ist mein erspartes Geld, ich hab' alles an meinem Namenstage und andern Festtagen zu Geschenk bekommen und beiseite gelegt für mein kleines Töchterchen, für meine Liza, damit ich ihr etwas hinterlassen kann. Jetzt braucht sie's nicht mehr. Laßt in Szentirma das kleine Mädchen aufsuchen, dem einmal ein fremdes Fräulein im Wald einen Brief für Kathinka Szentirmay übergab, gebt dem Mädchen dies Geld, es soll sich brav aufführen und glücklich sein ...

Hier schwieg die bleiche Kranke einige Minuten; in dem ruhigen Zimmer war kein anderes Geräusch zu hören, als das Klopfen jenes kleinen Wurmes, der sich im Holzwerk der Betten so gut zu verkriechen weiß, und von dem man sagt, daß er mit seinem Klopfen die Todesstunde anzeigt. Er findet sich in den Schlafgemächern der Großen so gut wie in den Hütten der Armut und pflegt elfmal hintereinander zu klopfen.

– Wirst du dies im Gedächtnis behalten, Vater, was ich sage? fragte die Kranke. Vergiß nichts davon, denn ich sage dies alles in vollem Ernst und Wunsche, daß es so geschehe.

Der Rat küßte die bleiche Hand der teuern Kranken und es that ihm so weh, sich von ihr nicht geliebt zu wissen.

– Dann – fuhr die Kranke fort, nachdem sie wieder Kraft geschöpft hatte – hier auf meinem Finger ist ein schwarzer Ring, aus meinen Haaren geflochten; dieser Ring soll Kathinka Szentirmay gehören. Sie soll ihn tragen. Und wenn sie sich vermählt, soll sie diesen Ring dem Manne geben, der sie liebt: er wird ihr treu sein bis zum Tod.

– O mein teures Kind! schluchzte der Rat, sein glühendes Gesicht in das weiße Nachtgewand der Kranken verbergend.

Das Kind sah ihn an und sagte mit herber, kalter Trauer: – Dir aber und der lieben Mutter – lasse ich meinen kostbaren Schmuck, lasse ich dies prächtige Kastell – all diese reichen Güter, Schätze, Besitztümer und herrlichen Gärten, die ganze schöne Welt! Wie reich werdet ihr sein nach mir. Alles, alles bleibt euch.

O das war der Weg, um wahnsinnig zu werden.

Der Rat wartete immer noch, ob nicht vielleicht noch irgend ein verzeihendes tröstliches Wort nachkommen werde ... Aber das Mädchen, mit dem Gesicht gegen die Wand sich umlegend, schwieg still und flüsterte kaum vernehmlich: »Still ... still ... still!« ...

Der Rat erhob sich neben dem Bett und ging, tiefe Nacht wie es war, in sein Schreibzimmer, den ihm begegnenden Hausleuten leise zuflüsternd: »Still, still!«

Diese schlichen auf den Fußspitzen weiter den Korridor entlang. Selbst der Sturm draußen schien dem Stille gebietenden Worte zu gehorchen, als ob es auch an ihn gerichtet wäre, er zähmte seine Wut und schwieg – still – still ...

Dort oben im Schreibzimmer saß seelenallein der Rat und schrieb.

Ihm vor den Augen lag auf dem Tisch jener Brief mit den fünf schwarzen Siegeln; er warf beständig einen Blick darauf und schrieb dann weiter; als ob seine Gedanken immer auf denselben Gegenstand zurückkehrten und von da einen neuen Impuls erhielten.

Von Zeit zu Zeit blickte er mit einem die Brust erleichternden Seufzer empor; als wäre jeder Buchstabe, den er niederschrieb, die Centnerlast einer schweren Schuld, die sich von seiner Seele abwälzt.

Von seinem Gesicht verschwand gänzlich jenes stereotype Lächeln; sein Aussehen war völlig verändert, so ernst, so gebrochen.

Die Schloßuhren schlugen Eins nach Mitternacht, auf dem Gang war der Schall lebhafter Schritte zu vernehmen. An der Schlußpforte wurde geläutet, die Thorflügel öffneten sich mit trägem Knarren. Köcserepy hörte weder das Schlagen der Uhren, noch das Läuten der Glocke, noch den übrigen Lärm. Seine Seele treibt sich ganz wo anders umher.

Er wird es nicht einmal gewahr, daß jemand die Thüre des Schreibzimmers öffnet und mit leisen, durch die Fußteppiche gedämpften Tritten dem Schreibtisch sich nähert; erst dann fährt er auf, als der Eingetretene, in den Lichtkreis der Studierlampe gelangt, ihm Auge in Auge gegenüber steht.

Er ist's ...

Ganz durchnäßt, mit zerzaustem Haar, erhitztem Gesicht stand Zoltán Karpáthi vor dem Rat.

Dieser traute kaum seinen Augen, so unbegreiflich erschien es ihm, daß dieser Jüngling, der so viel Bitterkeit gegen ihn im Herzen tragen muß, in so stürmischer Nacht auf den Ruf seines tödlichen Feindes sich einfindet, in demselben ahnherrlichen Kastell, aus dem er durch ihn so schnöde hinausintriguiert worden – um dort Trost zu bringen seinen Feinden.

Lange vermochte er nicht zu sprechen. Der junge Mann trat selbst näher und sagte: – Mein Herr, Sie baten mich hierher zu kommen – hier bin ich.

In solchem Unwetter! stammelte Köcserepy.

Zoltán hätte darauf bemerken können, daß, wenn der Gedanke an Rudolfs Tod ihn nicht ferngehalten, das Gewitter sein Kommen nicht hindern konnte. Aber er sagte nichts. Beim Anblicke dieses kummergebeugten Hauptes war es ihm unmöglich, diesem Manne einen Vorwurf zu machen, unmöglich, den Mann nicht zu bedauern.

Gewiß gereicht es auch seinem jungen Herzen nicht zur Unehre und es thut seinem Charakter keinen Abbruch, daß er diesen tief und wahrhaft leidenden Menschen, dessen Haare in wenigen Tagen grau geworden, mit gealtertem, gramdurchfurchten Gesicht und verweinten Augen vor sich sehend, vergaß, wie viel derselbe gegen ihn verbrochen, und ihm die Hand hinreichte ...

Wie glücklich machte er ihn damit! Wie drückte der trostlose Vater diese Hand und preßte sie dann an sein Herz.

– Sie sind ein edler ... sehr edler Mensch ... mehr vermochte er nicht zu stammeln.

Die Kleider des Jünglings trieften von Wasser. Köcserepy bemerkte es, und drang in ihm, es sich bequem zu machen; er führte ihn zum Kamin, half ihm den Rock ausziehen, setzte ihn ans Feuer.

– Thun Sie, als ob Sie zu Hause wären, ganz wie zu Hause, sagte er ein um das andere Mal, und setzte dann, als besänne er sich, nach einer Pause hinzu: Sie sind ja ohnehin schon zu Hause.

Zoltán blickte den Rat verwundert an.

Dieser eilte zum Schreibtisch hin, nahm die Schrift, die er eben jetzt aufgesetzt hatte und reichte sie seinem Gast hin, mit der Aufforderung, das Geschriebene zu lesen.

Zoltán, nachdem er die ersten Zeilen überflogen, legte das Papier betroffen wieder zusammen.

Es war eine förmliche Cessionsurkunde, durch welche Köcserepy die von Abellino Karpáthi erlangte Abtretung der Karpáthfalver und Madaraser Herrschaften aus Zoltán Karpáthi überträgt.

– Was wollen Sie damit, Herr Rat? fragte Zoltán ganz verwirrt.

– Nur was recht ist. Sie sind der legitime Besitzer dieser Güter, jeder andere ist nur ein Usurpator. Dies hat meine eigene Tochter mir ins Gesicht gesagt. Ich übergebe Ihnen diese Güter und ziehe ab. Ich bleibe auch dann noch reich genug. Nur mein Kind soll mir am Leben bleiben, und ich tausche mit keinem Krösus. Sie ist mir alles. Erst jetzt fühle ich es, wo ich nahe daran bin sie zu verlieren. Aber nein, ich werde sie nicht verlieren! Wir kehren heim in unsere schöne Ofner Villa, wo sie so glücklich war, dort wird sie wieder glücklich sein; ich werde mich nicht mehr um das Treiben der Welt kümmern, nicht um Reichtum – sie wird mein Schatz, meine Freude, meine Glückseligkeit sein. Es wird keinen glücklicheren Menschen geben als mich. Ist es mir nicht schon ein Vorzeichen ihrer Genesung, daß Sie gekommen sind, in solchem Unwetter? Bei Ihrem Anblick wird die Krankheit sich brechen.

Zoltán fühlte so aufrichtiges Mitleid mit diesem Manne, den die Leidensprüfung weniger Tage so mürbe gemacht, der mit selbstvergessener Hingebung sich ganz von seinem einzigen wahren Gefühle hinreißen läßt und sich mit kindischer Begeisterung an seine schmerzlichen Illusionen klammert.

Also waren es wirklich nur Täuschungen?

Sollte in der That vom Schicksal ihm die Strafe zugemessen sein, den einzigen Schatz zu verlieren, an dem seine Seele hängt und die Vorsehung für die Leiden dieses unschuldigen Kindes kein anderes Heilmittel haben, als daß sie es in jene Behausungen ruft, wo man den Schmerz nicht kennt? ...

O wer vermag darauf Antwort zu geben? Wie viele sterben jung und geliebt, mit den Rosen der Jugend auf den Wangen, mit süßen Hoffnungen in der Brust? Und wenn jemand fragt: warum? so antworten wir: Der Herr hat sie geliebt, denn er ließ sie jung sterben.

– Gehen wir zu ihr ... sagte der Rat, den Jüngling unter den Arm nehmend; Zoltán zog den am Feuer getrockneten Rock wieder an und sprach das Bedenken aus: – Werden wir sie in dieser Stunde nicht stören?

Der Rat besann sich einen Augenblick, dann sagte er zu Zoltán, er werde vorausgehen, um sich nach der Kranken zu erkundigen! bis er zurückkomme, möge Zoltán so gut sein, hier im Saale auf ihn zu warten.

Nachdem Köcserepy fortgegangen war, blieb Zoltán allein im Saale zurück.

Es war dies derselbe Saal, in dem vor einundzwanzig Jahren der greise Johann Karpáthi vor den versammelten Zeugen sein Testament diktiert hatte, bei dem alle Anwesenden so viele Thränen vergossen hatten.

Es war stille Nacht um ihn und in der stummen, melancholischen Einsamkeit zogen die, an die Mauern dieses Schlosses sich knüpfenden Erinnerungen seines ganzen Lebens an seinem Geiste vorüber: die ungekannte Zeit des Säuglingsalters, wo in der Stunde der Geburt das gebrochene Mutterauge auf ihn herablächelte, das unbewußte Glück seiner Kinderjahre, das wir erst dann würdigen lernen, wenn wir aus der Ferne darauf zurückblicken; die Entbehrungen, die täglichen Kämpfe eines neu begonnenen Lebens, die bittere Trennung, die gespenstigen Nebelbilder des ihn verfolgenden Geheimnisses und dann wieder jene nie gesehenen teuren Gestalten, von denen nur manchmal seine Phantasie ihm erzählt ... Und jetzt ist er wieder zwischen den Mauern dieses Kastells, dessen Schwelle bisher wie ein verhexter Stein auf seinem Wege lag. Er ist wieder dahin zurückgekommen auf wunderbaren Wegen des launenhaften Schicksals.

Das Ganze erschien ihm wahrhaft wie ein Traum, wie ein wunderlicher, phantastischer Traum.

– Guten Morgen, Zoltán!

Aus diesem sonderbaren wachen Traume weckte ihn plötzlich der süße Laut einer bekannten Stimme.

Er sah sich erschrocken um. Hinter ihm stand Kathinka.

In diesem Momente hatte er an sie gedacht. Siehe, die erhitze Phantasie schafft lebende Gestalten! Das Mädchen steht wirklich vor ihm und grüßt ihn freundlich.

Wie kommst du hierher? fragt Zoltán, der direkt von Köhalom, ohne Szentirma zu berühren, nach Karpáthfalva geeilt war und so von Kathinkas Hiersein nichts wußte.

– Ich hörte, daß Wilma krank sei und kam, sie zu besuchen. Ich habe doch nichts Schlechtes damit gethan? Die Mutter würde es gewiß erlaubt haben.

Zoltán drückte die Hand des guten Kindes. Ob du nichts Böses damit gethan! Daß du die Tochter desjenigen zu pflegen, zu retten kamst, der noch mehr gegen dich verbrochen, als gegen mich.

– Und du bist noch wach zu so später Stunde?

– Ich erfuhr von dem Verwalter, den man zu dir geschickt hatte, daß man dich hierher rief und wußte gewiß, daß du kommen werdest. Ich erwartete dich die ganze Nacht. Erst jetzt hörte ich von den Dienstleuten, daß du angekommen seist. Da eilt' ich sogleich zu dir. Siehst du, als ich von Szentirma aufbrach, war das Gewitter schon im Anzug. Ich ahnte, du werdest unterwegs von dem Wetter überrascht werden, ohne dich davon abhalten zu lassen und hier durchnäßt ankommen. Ich hab' dir darum auch Kleider mitgebracht; da sind sie in diesem Reisesack. Ziehe dich um. Sieh, du könntest leicht krank werden von den nassen Kleidern. Adieu!

Damit lief das kleine, liebe Mädchen davon, das in hausmütterlicher Sorgfalt nicht darauf vergessen hatte, daß man nicht nur das Bild dessen, den man liebt, im Herzen mit sich herumtragen, sondern auch auf seine Gesundheit bedacht sein müsse.

Zoltán blickte ihr gerührt nach.

– Pure Liebe! pures, reines, lauteres Gold der Liebe!

Diese ewig lange Nacht wollte kein Ende nehmen. Wirres Durcheinander, lärmendes Hin- und Herlaufen, zugeschlagene Thüren, Stille gebietendes Flüstern, auf den Zehen umherschleichende Tritte in allen Zimmern und Gängen.

Irgend ein altes abergläubiges Mütterchen sucht und sucht in einem vergilbten Kalender, was das heute für ein Tag sein muß, himmlischer Vater! ob es nicht die Sterbenacht der Gemahlin des Johann Karpáthi, die dort drin mit dem Geisterfinger an die vermauerte Thüre klopft und Rechenschaft fordert für die, welche sie einst geliebt? Was suchst du armes Mütterchen nach dem Datum? Andere Jahresläufte, andere Zeitrechnung sind dort, wo die Toten einkehren. Aufeinander folgen Fehltritt und Sühne und der Schnitter wartet nicht auf die Jahreszeit mit der Ernte.

* * *

Zoltán war längst fertig mit dem Umkleiden, als Kathinka zu ihm zurückkehrte. Sie kam eben von der Kranken. Das Gesicht des guten Mädchens war ganz verschwollen, die Augen waren verweint.

– Sie muß sehr schlecht sein, flüsterte sie Zoltán zu; es ist schrecklich, was sie leidet. Schon das anzuhören, was sie spricht, macht das Blut erstarren. Immer sieht sie dich ermordet und phantasiert von einer blassen Frau, die in diesem Hause gestorben und die Leiche ihres Sohnes auf den Händen herumträgt, die sie hinzulegen nirgends einen Ort findet. O das ist entsetzlich!

Zoltán eilte mit Kathinka nach dem Krankenzimmer. Das Mädchen teilte ihm mit, daß Köcserepy sowohl, als der Arzt das Beste davon hoffen, wenn die Fieberkranke ihn sehen und sich überzeugen werde, daß er lebe. Er möge sich doch nicht fürchten vor ihr, setzte Kathinka, die Zoltáns bebende Hand ergriffen hatte, mit einem sanften, ermutigenden Händedruck hinzu. O dies Beben hatte einen ganz andern Grund.

Selbst durch die Tapetenthüre hindurch hört man das schmerzliche Weinen und Stöhnen der Kranken. Der Arzt kam hier Zoltán entgegen und eröffnete ihm: daß eben jetzt der Moment der entscheidenden Krisis eingetreten auf dem Scheidewege zwischen Leben und Tod. Vielleicht, daß Ihre Erscheinung die an der Grenze zweier Welten herumirrende Seele noch auf das diesseitige Ufer zurückzurufen vermag.

Das Krankenzimmer war nur durch eine, unter einem Milchglassturz matt brennende Lampe erhellt; der Hintergrund, wo die Thüre sich befand, war ganz dunkel.

Aus diesem dämmerigen Dunkel sah die Kranke ihre Visionen hervorsteigen, die weißen, die blutigen Gestalten, die bleichen Gesichter, die Nebelgebilde, die starr blickenden Gespenster, die verworrenen Gruppen, die dem Grabe entstiegenen Geister.

Wer immer zur Thüre hereinkommen mochte – sie erkannte niemand, sondern nannte ihn mit dem Namen einer von ihr gefürchteten Person und erschrak vor allen Anwesenden.

Der Rat saß zitternd auf einem niedern Taburett an ihrem Lager und hielt ihre weiße, bebende Hand in der seinen.

Da öffnet sich wieder die Thüre, und aus dem dunkeln Hintergrunde trat langsam Zoltán hervor.

Die Kranke erhob mit einmal den Kopf von den Kissen, ihre Lippen blieben geöffnet stehen, sprachlos stammelnd, aus ihren Augen strahlte unbeschreibliche Wonne, sie streckte ihre bebenden Arme aus und ein rosiger Hauch überflog das lächelnde Antlitz; eine Weile blieb sie so, sprachlos, bewegungs-, atemlos, dann sank sie wieder zurück auf ihre Weißen Kissen, die fieberhafte Röte schwand von ihrem Antlitz, nur das süße Lächeln blieb darauf zurück.

Sie fuhr einige Male mit der Hand über die Stirne, atmete tief auf und blickte ruhig im Zimmer herum, wie einer, der aus einem schweren Traume erwacht.

Zoltán trat näher zu ihr heran.

– Wie fühlen Sie sich, teures Fräulein? fragte er mit sanfter Stimme.

– Sehr wohl ... antwortete die Kranke und reichte Zoltán die Hand. Ich danke Ihnen, daß Sie mich besucht haben.

Von jetzt an kam sie immer mehr zu sich. Sie warf jedermann erkennende Blicke zu, ergriff die Hand ihres Vaters und zog ihn zu sich.

– Lieber Vater, flüsterte sie ihm ins Ohr, wie kommt Karpáthi hierher?

– Als Schloßherr dieses Kastells, als Besitzer dieser Güter.

Wilma schlang bei diesen Worten beide Arme um den Hals des Vaters und drückte einen Kuß auf seine Lippen.

– Siehe, daß ist recht, das ist sehr gut so.

Und dieser Kuß, diese Worte thaten dem mächtigen großen Herrn wohler, als hätte man ihm die ganze Welt geschenkt.

– Du wolltest es so und so that ich es. Er wird wieder hier einziehen, wir gehen fort von hier, nach Hause in unsere schöne Ofner Villa, die du so gern hattest, wo du so glücklich warst und dort werden wir wieder glücklich sein, lange, lange!

– Ich danke dir, mein guter Vater. Ich danke dir, lieber guter Vater. Mir zuliebe hast du es gethan. O wenn du wüßtest, wie du mich glücklich gemacht. Wie ich dich liebe! Wie ich mich freue, dich wieder lieben zu können. Man darf nicht glauben, daß du ungerecht bist. Mit dem beglückenden Gedanken, daß du gut und gerecht, mein Vater, werde ich sterben. Nun weine doch nicht! Ach dieser Gedanke ist so süß, so süß ...

Aber dem Rat war es unmöglich, bei diesem Wort nicht zu weinen.

– Vor einer Stunde war mir sehr schlecht, sprach die Kranke in tröstendem Ton weiter; o, das War schrecklicher, als Verdammnis; jedermann flößte mir Furcht und Entsetzen ein, auch du. Und jetzt fühle ich mich so Wohl, habe dich so lieb, freue mich so über dich. Weine doch nicht, Vater. Ist denn glücklich sterben nicht mehr wert, als unglücklich leben? Wo ist meine Mutter?

Der Rat seufzte schwer auf.

– Sie ist sehr krank.

– Sehr krank? wiederholte Wilma. Arme Mutter. Sag' ihr, daß ich sie sehr geliebt.

– Auch sie liebte dich sehr.

– Ich weiß es. Nur konnte sie es nicht zeigen. Jedermann hat mich ja geliebt. Jetzt weiß ich schon alles. Es thut mir so wohl zu wissen, daß mich jedermann geliebt. Auch du, liebe Kathinka, auch du. Wie gut du warst! Als du hörtest, ich sei krank, kamst du gleich zu mir, mich zu pflegen und zu trösten. Aber auch ich habe mich deiner erinnert. Nicht wahr, lieber Vater? Ich sagte, wenn ich gestorben, solle man dir diesen schwarzen Ring geben, der aus meinen Haaren geflochten; er soll dein Verlobungsring sein; den du liebst, der soll ihn tragen, und er wird dir treu sein bis zum Tod.

Sie sah bei diesen Worten Zoltán nicht an, noch er sie, aber sie verstanden einander doch.

Der Rat sagte mit zarter Besorgnis zu seinem Kinde.

– Ruhe ein wenig aus, meine Liebe, schlummre ein wenig.

– Jetzt noch nicht, dann später, stammelte sie, sich die verwirrten Locken aus dem Gesicht streichend. Es ist ja schon Morgen. Ich möchte so gern die Morgenröte sehen, die schöne Morgenröte, wie sie durchs Fenster hereinscheint. Richtet mein Lager dahin.

Kathinka faßte ihre kranke Freundin um den Leib, der Rat rückte die Polster zurecht; man legte die Kranke mit dem Gesichte gegen die Fenster, die schon sich zu erhellen anfingen.

Nach dem nächtlichen Gewitter brach ein heiter lächelnder Morgen an; goldige Lämmerwölkchen schwammen am tiefblauen Himmel, und das Läuten der Morgenglocke klang so tröstlich, so zauberisch durch die Lüfte.

Der Busen der Kranken fing unruhig zu wogen an ... Ach, das Leben ist doch so schön, so schön!

Etwas lag ihr noch auf dem Herzen ... Sie hatte es lange in sich zurückgedrängt. Soll sie es noch langer tragen?

Ihre Augen suchten Zoltán, sie wandte sich zu ihm hin, auf ihrem Angesichte malte sich eine doppelte Morgenröte, die der aufgehenden Sonne und die des Herzens.

– Nicht wahr, Sie zürnen mir nicht? sagte sie in weichem, bebenden Tone, ihm die Hand hinreichend.

– O nein, nein! beeilte sich Zoltán zu rufen, die dargebotene Hand ergreifend. Ich habe Ihnen nie gezürnt!

– Sie tragen mir nicht nach, was Sie gelitten!

– Sie, Fräulein, haben mir nie ein Leid zugefügt.

– Sie verzeihen meinem Vater? flüsterte die Kranke kaum hörbar.

– Von ganzem Herzen.

– Dank! Dank! Und jetzt noch eine Bitte. Nicht wahr, Sie gönnen mir ein kleines, kleines Plätzchen dort in der Nähe; Sie wissen ja, dort unter den Tannenbäumen, den immergrünen, welche Sie sich vorbehalten, als Sie alles hinweggaben – dort ein kleines Plätzchen für mich.

Das Herz des Jünglings schnürte sich bei diesen Worten zusammen, er wußte kein Wort zu erwidern.

Auch Kathinka war hingesunken in den Schoß der Kranken, der Vater hielt ihr schönes Haupt in beiden Händen, sie war rings umgeben von liebenden Herzen.

– Nicht wahr, meine liebe Kathinka, flüsterte die Kranke, ihr werdet mich oft dort besuchen; ihr werdet auch Blumen pflanzen auf mein Grab und wenn ihr mein gedenkt, spottet meiner nicht – daß ich so viel gelitten.

– O sprechen Sie nicht so, teure Wilma! flehte Zöllen, das kranke Mädchen umarmend, Sie werden noch gesund werden und noch lange glücklich leben.

Und indem er dies sagte, drückte er sie immer fester an seine Brust, klammerte er immer fester die Arme um den hinfälligen Leib, seine Lippen berührten fast das Gesicht des Mädchens.

Und das kranke Mädchen, als es so da lag in den Armen des Jünglings, erhob die reinen schonen Augen zu ihm, die beiden schneeweißen Hände über die Brust gekreuzt und seufzte' – O jetzt bin ich glücklich ... überglücklich.

Und mit einem liebenden, verklärten Lächeln schloß sie die schönen Augen.

... Sei glücklich, teures Kind ... dein Glück wird nichts mehr stören.

Draußen erklingen die letzten Töne der Morgenglocke.

Ihr, die ihr dort um das Sterbelager steht, kniet nieder und betet stille ... stille ...

Stille!

Die Sonne entsendet ihre ersten Strahlen über die erwachenden Fluren; draußen von der Höhe des Turmes ertönt das Lied des Glöckners:

»Erwacht ist der Morgen, so frisch und rot! ...
Auf der Bahre die Jungfrau bleich und tot!«

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