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Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob

Maurus Jókai: Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob - Kapitel 24
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typefiction
authorMaurus Jókai
titleZoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
firstpub
translatorEduard Glatz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121211
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3.

Harte Herzen.

Von Tag zu Tag wird die Trauer größer im Karpáthfalver Kastell.

Das Fräulein ist sehr, sehr krank, es wird immer schlechter mit ihr: wer weiß, ob sie noch genesen wird?

Jede Nacht hat sie andere und neue Phantasien; sie träumt mit geöffneten Augen und spricht laut zu denen, von denen sie träumt.

Vater und Mutter sitzen abwechselnd an ihrem Lager; wenn das eine die Nachtwache bei ihr gehabt, wacht das andere am Tage bei ihr; dann erzählen sie sich, wovon die Kranke gesprochen, was sie geträumt, und zerbrechen sich lange, lange den Kopf darüber.

Wer wohnt hier im Zimmer nebenan? frug eines Morgens die Kranke, mit ihrem kreideweißen Finger an die neben dem Bett befindliche, mit Tapeten überzogene Wand klopfend – wer hat hier in der Nacht Klavier gespielt, im andern Zimmer? Hier rechts neben mir?

Der Rat streichelt sanft die fieberheiße Stirn seines Kindes.

– Dort sind leere Zimmer, mein liebes Töchterchen, dort wohnt niemand. Selbst der Gang, der in jene Zimmer führt, ist abgesperrt.

Nein, nein. Ich höre alles genau – versichert die Kranke – manchmal ertönt eine Klaviersaite und klingt dann lange nach. In der Nacht gehen sie dort beständig auf und ab; sie schleichen trippelnd auf den Fußzehen umher; ich höre das Rascheln ihrer Kleider.

– Niemand ist dort, gar niemand, mein teures Kind:

– O doch! Hier zu Füßen meines Bettes ist eine Thüre; ich weiß, daß eine dort ist, nur daß sie von den Tapeten verdeckt wird. Vergangene Nacht, eben als es Mitternacht schlug, öffnete sich die Thüre neben dem Bett, und heraus trat die weiße Frau, die dort neben mir wohnt; wie blaß war sie und wie traurig! Eine Zeitlang saß sie dort am Bett mir zu Füßen und sah mich ruhig an; dann rückte sie näher und setzte sich auf den Rand des Bettes, ganz nahe zu mir.

– Das ist nicht möglich, meine liebe Tochter, ich saß die ganze Nacht über an deinem Bett und niemand anders.

– O nicht doch. Ich rief nach dir, auch nach Liza und nach dem Stubenmädchen; keines von euch war hier, nur die Weiße Frau. Sie saß hier die ganze Nacht an meinem Bett und wandte kein Auge von mir ab. Sie dachte bei sich: auch du wirst bald dort wohnen, wo ich wohne.«

Köcserepy ließ noch in derselben Nacht die Kranke in den entgegengesetzten äußersten Schloßflügel, weit von dem vermauerten Zimmer hinüberschaffen.

Und doch – du lieber Gott – was giebt es dort? Nichts, als eine angeworfene Mauer: Steine und Malter: weiter nichts. – Und inwendig? ein leerer Raum, bloß mit Luft gefüllt, von der jeder vernünftige Mensch weiß, daß sie weiter nichts als eine Mischung von Oxygen, Hydrogen und Karbonikum; das Oxygen setzt Rost an auf den Klaviersaiten, davon springen sie; und das Bild dort im Rahmen ist nichts als Leinwand mit sein zerriebener Farbe; das kann nicht von dort herabsteigen.

Jeder vernünftige Mensch mußte das einsehen, und doch wagte von den Vernünftigsten einer es nicht, sein krankes Kind in der Nähe jener Zimmer zu lassen, in denen Zoltán Karpáthis Mutter ihren Todeskampf gekämpft hatte.

Wilma lag an einem schweren, hitzigen Nervenfieber darnieder. – Für nervöse Menschen ist es nicht geraten, mit ihr in Berührung zu kommen. Die Ärzte selbst rieten Köcserepy, besonders Eveline von ihr fern zu halten, denn die Krankheit sei ansteckend. Die Kranke durfte das nicht bemerken. Aber auch noch etwas anderes durfte sie nicht erfahren, das man ängstlich vor ihr geheim hielt.

Der Geist der Kranken war immer beschäftigt, etwas zu entdecken, herauszufinden, zu erraten, was man ihr zu verbergen suchte.

– Wo ist Liza? wo ist meine Liza? fragte sie oftmals. – Ich habe sie schon lange nicht gesehen.

– Sie war hier, sagte beruhigend der Rat; du schliefst gerade und konntest sie nicht sehen. Sie wird bald wiederkommen.

– Bald, bald, sagte die Kranke beruhigt; wenn sie kommt, soll man mich wecken.

Wenn sie ihre heftigsten Paroxismen hatte, phantasierte sie immer von Zoltán; wenn sie von ihm zu sprechen anfing, zitterte man in dem ganzen Hause, dann traten kalte Schweißperlen aus ihre Stirne, dann färbte sich ihr Gesicht flammenrot, dann war es zum Wahnsinnigwerden den Schmerzensausdruck zu sehen, der ihre Züge krampfhaft zusammenzog und jenen Ton zu hören, der mit ihrem Schluchzen durch die verschlossenen Thüren drang.

Ihr Vater mußte dann ihren zuckenden schwachen Leib mit aller Kraft umklammert halten, denn sie wollte zum Bett hinausspringen und sich zwischen die ihren brennenden Augen vorschwebenden Gestalten werfen, welche dort kaum zwei, drei Schritte von ihr mit scharfen Schwertern den tödlichen Kampf kämpfen. O wie schluchzte sie, wie bedeckte sie ihr Antlitz mit den Händen. Jetzt hat ein sein Schwert ihm ins Herz gestoßen und ein roter Blutstrom springt hervor.

Und der Rat mußte das alles mit ansehen, mit anhören, mit durchempfinden!

Eines Morgens erhielt Köcserepy einen Brief aus Preßburg. Seine Hand zitterte, als er ihn öffnete. Man benachrichtigte ihn darin, daß Dabroni durch einen Säbelhieb für alle Zeiten unschädlich gemacht sei.

– Dem Allmächtigen sei Dank! lispelte der hartherzige Mann, weil das nicht geschehen war, was er mit solcher Sicherheit arrangiert hatte. Der gerechte Gott hatte seine allgewaltige Hand dazwischen gelegt, damit das nicht geschehen konnte. O, wie das wohlthat. Das giebt noch Hoffnung. Das wird mehr helfen, als alle Balsame der Heilkunst.

Er lief mit dem Brief zur Kranken.

– Sieh her, meine Liebe! Zoltán Karpáthi lebt. Der ihn umbringen wollte, dem ist die ganze Hand abgehauen worden. Der wird ihm nichts mehr zu Leide thun. Sieh, lies!

– Die Kranke schüttelte ungläubig den Kopf.

– Ich glaub' es nicht. Das haben sie nur ausgedacht, um mich zu täuschen. Sie wollen mich immer zum Narren halten: wozu das? Weiß ich etwa nicht, wo Liza ist, mein blindes Mädchen? Sie sagen, sie sei hier gewesen, als ich schlief. O ich weiß recht gut, wo sie jetzt ist. O ich weiß alles! Ich weiß, Liza ist tot. Hab ich etwa nicht gehört, wie sie vorige Nacht im oberen Stock hämmerten und weiß ich nicht, daß man da ihren Sarg zunagelte? Man hat sie ins Gartenhaus getragen, dort hat man ihr ein Grablied gesungen, Hab ich es nicht gehört? Wein armes kleines Mädchen, ich konnte nicht einmal dabei sein, um dir den Kranz auf die Locken zu drücken – den Totenkranz; konnte dir nicht einmal den letzten Abschiedskuß geben. Mir lügt man vor, daß sie noch lebt. –

Der Rat war erstarrt und vermochte nicht zu sprechen. Welche durchdringende Einbildungskraft doch die Kranken besitzen, daß ein aufgefangener Ton ihnen genügt, um zu erraten, was alles geschieht.

– Warum verschweigt man mir alles? Da unlängst blies das Posthorn vor unserem Hause; das Gesinde übernahm den Brief unten im Hof und sagte leise: schwarz gesiegelt! Eine Stunde darauf kam die Mutter zu mir. Sie hatte verweinte Augen, aber sie wollte es nicht merken lassen. »Von wem hast du einen Bries erhalten?« fragte ich sie. »Von den Ilvayschen,« gab sie zur Antwort, »sie lassen dich schön grüßen.« – »Wie geht es Mathilden?« – »Sehr gut,« sagte die Mutter – »sie hat dieser Tage Hochzeit gemacht.« – Ja, Hochzeit im Grabe. Warum hält man das geheim vor mir? Alle sterben, die mich lieben, alle, alle ...

Das Kind verhüllte seine Augen und hatte geweint, wenn es nur gekonnt hätte.

Jener hartherzige Mensch saß dort am Lager seines kranken Kindes mit einen» Gefühl, als würde das schwere Herz da drin in seiner Brust in hundert Mörsern zerstampft und als Ware jedes der tausend Stücke, in die es zerspringt, so schwer, wie ein Felsblock.

– Also wir lieben dich nicht? fragte der Vater seine Tochter, von der ihm dieser Gedanke so weh that. Also wir lieben dich nicht?

Das Kind fuhr mit der zitternden Hand über die Stirne.

– O, o, nicht so hättet ihr mich lieben sollen, nicht so ...

– Nicht so? Warum sagst du das, mein Kind? Wilma dachte lange nach, dann machte sie plötzlich mit der Hand eine unverständliche Bewegung vor den Augen, und lispelte leise: – Es wird ja ohnehin bald aus sein.

Der Rat, vor Schmerz darniedergebeugt, umarmte sein einziges, fieberkrankes Kind.

– Wir dich nicht lieben? o, sage das nicht! Wir, die wir dich so heiß lieben!

Die Kranke ergriff ruhig die Hand des Vaters und führte sie an ihr Herz.

– Fühlst du, was hier ist? – Das Herz. – Das aber weißt du nicht, warum es so laut schlägt. O, das weiß niemand, nicht ihr, nicht die Ärzte. Nur drei wußten darum und die sind alle gestorben. Ihr fragtet mich immer, warum ich so traurig sei, und wolltet mich damit erheitern, daß ihr in meiner Gegenwart loszogt über ihn. Ihr sagtet ihm alles Böse nach, schmähtet, haßtet ihn und frugt mich doch, warum ich so blaß sei? Ihr fingt an ihn zu verfolgen, ihr vertriebt ihn aus dem väterlichen Hause und brachtet mich hierher, um diese Luft einzuatmen, die er verflucht hatte; ihr machtet ihn zum Bettler, nahmt ihm alles – nur um mich mit Pomp begraben zu können. Das that mir so weh, so weh und ihr wußtet das nie. Nicht genug, daß ihr ihm seine Güter genommen, ihr nahmt ihm zuletzt auch das Leben. Ihr habt ihn hingemordet mit kaltem Blut, ohne Gnade, ohne Barmherzigkeit! Ihr durchbohrtet ihm das Herz, sein Herz, dies teure Herz, dies liebe süße Herz! ...

Bei diesen Worten rang das arme Mädchen die ineinander gefalteten Hände über die bleichen Lippen und richtete den Blick gen Himmel mit einem Ausdrucke des Schmerzes, eines übermenschlichen Schmerzes, der selbst einen eingefleischten Teufel nicht hatte ungerührt lassen können.

– Meine Tochter! meine teuere, gute Tochter! ächzte der Vater; mehr konnte er ihr nicht sagen. Der Fieberkranke weiß wohl, was er selber spricht, nicht aber, was andere zu ihm sprechen.

– Siehst du, siehst du, wie schön wir hätten leben können, sprach das kranke Mädchen weiter. Wir daheim und er hier. Er hat euch ja nie was zuleide gethan, was brauchtet ihr ihn zu verfolgen. Wir waren in unserem Hause wohnen geblieben und er in dem seinigen; keiner hätte über den andern auch nur ein Wort gesprochen. Was habt ihr davon, daß ihr ihm alles genommen, Haus, Hof und selbst das Licht der Sonne? Ihr könnt jetzt allein wohnen in diesem großen Hause, allein in dieser weiten Welt. Was ist euch nun das wert?

So aufrichtig kann nur das Fieber sprechen, so öffnet nur der das Herz, der alle Herzen schließt und bevor er sie schließt, ihre Geheimnisse entblößt und bevor sie auf ewig verstummen, sie noch redselig macht.

Dem Herrn Rat stieg in dieser Stunde ein großer Gedanke auf. Er verscheuchte diesen Gedanken nicht aus seinem Herzen. Er fand Rettung darin. Es war dies ein ganz anderer Gedanke, als die, welche er bisher in seiner Brust genährt hatte, ganz das Gegenteil davon.

– Sei ruhig, mein liebes Kind, sagte er zu der Tochter sich herabbeugend. Der, von dem du sprachst, ist außer Gefahr, Ich werde dich davon überzeugen. Versprich mir, daß du bis dahin ruhig bleiben, dich nicht quälen willst. Damit du wieder gesund werdest, mir zum Trost ... und zur Freude.

Die Kranke seufzte auf, als der Vater sie verließ und lispelte vor sich hin: Es ist nicht möglich, das kann so nicht sein. Bald werd' ich das Wahre erfahren.

Köcserepy wollte sich beeilen mit dem, was er vor hatte. Im Salon fand er den Arzt und rief ihn zu sich, um seinen Rat zu hören. Er sagte ihm offen und rückhaltslos, was er beobachtet, was er erfahren und was er jetzt thun wolle.

Der Arzt billigte vollkommen seine Absicht. Wenn etwas, so könne das noch helfen.

Köcserepy sagte ihm auch, auf welche Art er sein Vorhaben verwirklichen wolle. Der Arzt staunte.

Der Vater stammelte mit gebrochener Stimme: Für sie würd' ich die ganze Welt dahin geben.

Es war nötig, auch Evelinen davon in Kenntnis zu setzen. Die Rätin hatte in diesen Tagen die furchtbarsten Qualen ausgestanden. Wenn sie gewisse Gedanken überkamen, weinte sie so laut, daß man sie in allen Zimmern hörte; schon viele Tage hindurch hatte sie kein Auge geschlossen, und wenn sie nicht bei der Tochter war, schickte sie jede Stunde fragen, wie es ihr gehe.

Es war auffallend, daß sie gerade heute sich nicht nach ihrem Befinden hatte erkundigen lassen.

Köcserepy ging in Begleitung des Arztes seine Frau aufsuchen. An der Thüre blieb er horchend stehen; man hörte kein Geräusch.

Er öffnete leise und sah sich um, ob er nicht störe. Die gnädige Frau saß dort am Schreibtisch und schrieb sehr aufmerksam in ihrem Tagebuch.

Ihr Gesicht war blässer als gewöhnlich, aber vollkommen ruhig und gelassen.

Ihr Gatte redete sie an, sie sah vom Papier auf, winkte den Männern, sie möchten sich setzen und schrieb weiter.

Meine Liebe ... redete sie der Rat an, nachdem sie, eine gute Weile gewartet hatten – schreibst du etwas sehr Dringendes?

Bei diesen Worten legte Eveline die Feder nieder, stützte den Ellbogen auf den Tisch, lehnte das Kinn auf die Hand und begann wie einer, der ganz in eine vorgefaßte Idee versunken ist: Ich schreibe nieder, wie es doch sonderbar ist, daß im Menschen zwei ganz verschiedene Wesen thätig sind: der Verstand und das Herz, und so wie der eine oder das andere das Übergewicht erlangt, ändern sich Charakter, Schicksal und Leben des Menschen, so daß man fügen kann: in jedem von uns existieren zwei Menschen, ein Verstandes- und ein Gefühlsmensch. Herz und Verstand sind zwei verschiedene Menschen ...

Die beiden Männer sahen sich betroffen an. In den Augen und auf der Stirne Evelinens lag ein Ausdruck, der etwas Unheimliches hatte.

Meine Liebe, sagte Köcserepy, ich möchte über Wilma mit dir sprechen.

So? – sagte die Rätin sehr mißvergnügt, gleich, etwas später. Ich muß erst diesen Satz beenden: »Denn das Herz und der Verstand sind zwei verschiedene Menschen.«

Damit ergriff sie wieder ihre Feder und schrieb, in Gedanken vertieft, im Tagebuch weiter.

Der Arzt und ihr Mann konnten aufstehen, von ihr fortgehen, sprechen, was sie wollten.

Barmherziger Gott ... flüsterte der Gatte, die Hand des Doktors ergreifend, als sie leise das Zimmer verlassen hatten; sie wird doch nicht etwa den Verstand verlieren?

Vielleicht schon nicht mehr – sagte der Arzt.

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