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Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob

Maurus Jókai: Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob - Kapitel 23
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typefiction
authorMaurus Jókai
titleZoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
firstpub
translatorEduard Glatz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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2.

Der Haudegen.

»Wenn ihr eine gute Zunge führt, so führ' ich ein gutes Schwert. Wenn ich am grünen Tisch gegen euch das Wort ergreife, so lacht man mich aus; aber stellt euch doch auf grünem Wiesenplan mir gegenüber und ich wette, daß man dann nicht über mich lachen, sondern über mich weinen wird. Ihr lärmt nur so lang, so lange jemand sich von euch einschüchtern läßt, wenn euch aber jemand scharf ins Auge faßt, sucht ihr mit dem Rücken die Thüre. Ihr seid Maulhelden insgesamt, die vor einem entblößten Säbel erblassen. Ihr habt ein Kleingewehrfeuer witziger Anzüglichkeiten auf mich eröffnet, ich habe mit grobem Geschütze darauf geantwortet. Zu Hunderten brüllt ihr auf einmal: »Nieder mit ihm!« – ich blicke um mich, und wen mein Blick trifft, der verstummt. Ihr seid so wütend gegen mich, daß ihr mich in einem Löffel Suppe vergiften möchtet, und doch wißt ihr, wo ich wohne, ich mache kein Geheimnis aus meiner Adresse; ich bin für jedermann zu Hause und verstehe jedes Wort, in welcher Sprache man es auch an mich richte. Und doch hat meine Mutter mich nicht bis zur Fersenspitze in Lethe getaucht, um mich unverwundbar zu machen, ich bin nicht mit einer Hornhaut zur Welt gekommen, die für jede Waffe undurchdringlich, ich trage kein Amulett, das mich kugelfest macht. Dennoch stehe ich unter euch, wie eine Säule. Ich fange an, mich vor mir selbst zu schämen, daß unter dem ganzen ungarischen Adel nicht ein Mann, der den Mut hätte, mit seiner Person für seine Worte einzustehen.«

Derartige und noch ärgere Reden konnte man täglich in Preßburg in den öffentlichen Lokalitäten, wo die damaligen Koryphäen des politischen Lebens sich zu versammeln pflegten, aus dem Munde des von uns schon in Gesellschaft eingeführten und von Tarnaváry heimgeleuchteten Individuums hören, das wir an seiner Karmin- und Ultramarin-Gesichtsfarbe und unter dem Namen Dabroni kennen.

Jedermann wußte, mit wem er es zu thun habe. Mit einem rabiaten Renommisten, der wegen seiner blutigen Heldenthaten schon in aller Herren Länder ausgewiesen worden und der jetzt hier sitzt, um wie ein wütendes Tier dem blinden Instinkt seiner Blutgier folgend, andere zu zerfleischen.

Die liberale Partei hatte ihn bei seinem ersten Erscheinen zurückgestoßen und auch die Konservativen halten es für kein Glück, daß er sich zu ihnen gesellt, denn er schadet ihrer Sache mehr, als er nützt; wegen seiner Zanksucht ist es nicht möglich zu beraten und muß man die Konferenzen heimlich hinter seinem Rücken abhalten; er läßt sich auf keine Weise kapazitieren, achtet keine Autorität, überstürzt in den Sitzungen jede Frage und ist daher der unbequemste Bundesgenosse, den man sich denken kann.

Jedermann kennt seinen Hang, öffentlich zu schwadronieren, und geht ihm, so viel er kann, aus dem Wege. Er besitzt andern Leuten gegenüber einen großen Vorteil. Einem Menschen, der in seinem ganzen Leben nichts gethan, als beständig im Zweikampf sich zu üben, der sich um das eigene Leben so wenig kümmert, wie um einen weggeworfenen Cigarrenstumpf, der nie eine menschliche Regung in seiner Brust empfand, der seinen Stolz darein setzt, sich selbst nicht für mehr zu achten, als ein herumschweifendes Raubtier, das, wenn es im Walde erlegt wird, bei niemand Bedauern erregt; einem solchen Menschen stellt sich niemand gern gegenüber, sondern weicht ihm lieber aus und läßt ihn seiner Wege gehen, wo es ihm beliebt.

Das herausfordernde Benehmen fing jedoch in dem Maße unerträglicher zu werden an, je hitziger und gereizter die Landtagsdebatten wurden. In der Jugend gährte und kochte es; bei einer Gelegenheit hatte Dabroni die seine Rede auszischende Galerie eine Herde von Feiglingen genannt; die Beleidigten kamen in ihrem gewöhnlichen Kaffeehaus zusammen, hielten Reden und faßten Beschlüsse gegen den Beleidiger und in dem Augenblicke, wo die Aufregung am höchsten gipfelte, trat Dabroni ins Kaffeehaus und setzte sich mit höhnischem Lächeln an einen der Tische, als ob er die edle Jugend fragen wollte: »stör' ich euch vielleicht?«

Diese Schmach war nicht länger zu dulden. Einer der bekanntesten jungen Redner trat mit zornglühendem Gesichte auf ihn zu und forderte den Wüterich auf, gutwillig diesen Saal zu verlassen, wo seine Physiognomie niemand zu Gesichte steht.

Dabroni stand mit kaltblütigem, schadenfrohen Selbstvertrauen auf und ersuchte den Sprecher ihm gütigst zu sagen, wo er wohne und wann er zu Hause zu treffen sei.

Der junge Redner warf ihm seine Visitenkarte hin, welche Dabroni mit stolzem Lächeln in seine Brusttasche steckte, sich verbeugte und dann fortging.

Der jugendliche Sprecher prahlte sich nun vor seinen Genossen, wie er diesen mangeur de petits enfants, diesen schwadronierenden Bramarbas schon Mores lehren werde. Er wird ihn so ausschmieren, daß er sich selbst nicht mehr erkennen soll.

Durch zwei Tage wurde nun von nichts anderem gesprochen, als von dem bevorstehenden Duell, das an dem und dem Tage früh morgens zwischen Dabroni und dem jungen Oppositionsredner stattfinden soll, man sprach davon wie von einer großen Opernvorstellung, von der die Betreffenden im voraus so viel Lärm als möglich zu machen suchen.

Der junge Oppositionsredner hatte eine arme, alte Mutter, die, als die Kunde von dem tollkühnen Wagnis ihres einzigen Sohnes bis zu ihren Ohren drang, herbeigeeilt kam und so lange weinte, so lange flehte, bis der junge Mann ganz erweicht war von den Thränen seiner Mutter; vor ihrem verzweifelten Gesicht vergaß er die stolzen Erwartungen seiner Parteigenossen, vor ihrem Wehklagenden überhörte er das Hohngelächter der Gegner und aller seiner Bekannten.

»Gehen wir fort von hier, mein Sohn, sagte die alte gute Frau, ihr einziges Kind umklammernd, weit fort, wohin keine Stimme der Welt dringt, dort wollen wir in Vergessenheit leben, an einem Orte, wo niemand von dir spricht, als ich, der du ihr alles bist.«

Der Jüngling schwankte, seine Kraft verließ ihn und er willigte endlich ein, mit seiner Mutter Preßburg in der Nacht vor dem Morgen zu verlassen, an dem er sich mit Dabroni schlagen sollte.

Von dem jungen Redner hat man weiter nichts gehört. Wahrscheinlich ist ein sehr glücklicher Mensch aus ihm geworden und hat sich an ihm der Segen der liebenden Mutter erfüllt.

In Preßburg aber gab es Hohngelächter, als zur bestimmten Stunde seine Sekundanten ohne ihn auf dem Kampfplatz erschienen, und mit Schamröte erklärten, daß ihr Freund plötzlich abgereist sei.

Das war ein Hallo!

»Das also ist euer Held? Und solche Helden seid ihr alle. Mit der Zunge, mit dem Maul! Und mit eurem Patriotismus ist es auch nicht weiter her, als mit eurem Heldenmut!«

Diesen Spott bekamen die Männer entschiedenster Gesinnung beständig anzuhören; vor der Menge diente dieser Vorwurf sie herabzusetzen, aus ihren erhabensten Standpunkten ihnen das Piedestal unter den Füßen hinwegzuziehen, sodaß zuletzt kein anderes Mittel übrig blieb, um diesen ewigen Nörgeleien zu entgehen, als daß die Tapfersten unter den Besten hervortreten, und entweder den wütenden Menschen niederschlagen, oder ihm zeigen, daß sie das Herz haben, sich von ihm töten zu lassen.

Nicht anderes hatte er ja gewollt.

Die damalige politische Welt nannte unter ihren ersten Lieblingen den jungen Karpáthi, in dem Jung und Alt ein Muster patriotischer Tugend bewunderte. Seine Parteigenossen liebten ihn, seine Gegner achteten ihn, die Frauen beteten ihn an. Ebenso schön an Leib wie an Seele trägt er den Adel seines Herzens in seinen Zügen. Jedermann prophezeite ihm eine große Zukunft.

Welche Wonne wäre es, diesen schönen, abgöttisch verehrten Jungen, der ebenso glücklich als edel, ebenso klug als schön, dem man eine so große Zukunft voraussagt – mit einem einfältigen Säbel niederzuhauen, oder ihn mit einem Stück Blei stumm zu machen, gerade in der Blüte seiner Volksgunst! ...

Es ist nur schwer, an ihn heranzukommen, er sucht keine müßigen Gesellschaften auf, bewegt sich nur in auserwählten Kreisen. Doch es bleibt noch das öffentliche Leben, am grünen Tisch ist er doch zu treffen. Gelegenheit dazu ergiebt sich, wenn in einer wichtigen Frage, die im Oberhause verhandelt wird, die an der Deputiertentafel sitzenden Magnaten ihre Sitze verlassen, und ihren Sitz an der Magnatentafel einnehmen. Dort hat auch Dabroni Zutritt. Durch seine Geburt kam auch ihm ein Stuhl zu an dem grünen Tische der höchsten Gesetzgeber des Landes. Hier fragt man ihn nicht: hast du Verstand, innern Beruf, festen Charakter? nicht einmal, ob er auch ungarisch kann, genug, daß er einen Geburtstitel aufzuweisen hat.

Die Gelegenheit kann nicht günstiger gewünscht werden: auf den Galerien ist das auserlesenste Publikum. Die Hauptredner beider Parteien überbieten sich in glänzender Beredsamkeit, deren Wirkung der Beifallsruf des Auditoriums steigert.

Der Zufall wollte, daß Zoltán nach Szentirmay sich als Redner aufschreiben ließ. Dabroni eilte zum Präses, um nach ihm seinen Namen aufzuzeichnen.

Er wußte nicht einmal, welches der Gegenstand der Debatte sein werde, noch weniger, was die beiden Vorredner sprechen werden; was er aber ihnen antworten wird, hat er sich schon im voraus auf einen Streifen Papier notiert und liest es während der Sitzung immer von neuem durch, um kein Wort anders zu sagen.

Nachdem Zoltán sich wieder niedergesetzt hatte und die Éljenrufe zu Ende waren, stand der Duellant auf und richtete, sein höhnisches Gesicht Zoltán zugewendet, an diesen seine Rede.

– Es ist doch sonderbar, daß die Worte meiner beiden Vorredner in der Regel miteinander so übereinstimmen, als hätten sie sich eigens darüber vorher besprochen. Ich will nicht nachforschen, welche zarten Bande diese beiden Herren im Privatleben verknüpfen, aber mit Recht muß es jedermann auffallen, mit welch kindlicher Pietät der Ideengang Herrn Karpáthis dem des edlen Grafen in die Fußstapfen tritt ...

Was Dabroni weiter noch sprach oder nicht sprach, konnte man bei dem entstandenen Lärm nicht hören, nur das sahen alle, wie Zoltán erblaßte, aufstand und bleich wie eine Leiche, stumm und ohne etwas zu erwidern, plötzlich den Saal verließ.

Der Sitzungssaal erdröhnte von dem wütenden Getrommel auf den Galerien.

Da erhob sich Baron Nikolaus und donnerte ohne abzuwarten, daß der Lärm sich lege, mit seiner alles übertönenden Stimme: – Ich fordere die hohen Stände und das Auditorium auf, durch tiefes Stillschweigen dem Redner ihre Verachtung zu votieren.

Mit einemmale wurde es still, wie im Grabe. Das war abgestimmt.

Dabronis Gesicht aber widerstrahlte von dem Triumph eines errungenen Erfolges, als wäre es ihm gelungen, eine Bürgerkrone zu erringen.

Auf Szentirmays Gesicht zeigte sich keine Spur eines auf ihn gemachten Eindrucks; er hatte es in seiner Gewalt, seine Gemütsbewegungen vollkommen zu beherrschen.

Er wußte ganz wohl, warum Zoltán sich entfernt hatte. Man mußte dem jungen Mann zuvorkommen. Ihn an dem, was er vor hatte, hindern zu wollen, wäre zwecklos, unmöglich gewesen; aber ihm zuvorzukommen war möglich.

Neben Rudolf saßen zwei junge Magnaten. Er flüsterte ihnen in gleichgültigem Tone zu: – Haben Sie die Güte, nach der Sitzung mit mir zu kommen.

Sie versprachen es bereitwillig.

Sowie die Sitzung zu Ende war, warf Rudolf mit den erbetenen Begleitern sich in seinen Wagen und fuhr zur Wohnung Dabronis.

Dieser war noch nicht zu Hause.

Rudolf und seine Freunde setzten sich in seinem Zimmer nieder, und warteten, bis er kommen werde.

Nicht lange, und man hörte, wie er pfeifend die Treppe herauf kam und, den Hut auf dem Kopf, in das Zimmer trat.

Rudolf beeilte sich, die Sache mit ihm abzumachen.

– Sie hatten die Absicht, mich zu beleidigen, sagte er zu ihm mit völliger Ruhe.

– Ich glaube, sagte der Bravo, daß ich die Absicht hatte, nicht sowohl Sie als einen andern zu beleidigen.

– Ich weiß. Einen schwächeren Gegner, als ich.

– Es scheint, Sie fürchten für ihn.

– Kann sein. Ich glaube aber, ihm zuvorgekommen zu sein.

– Allerdings. Doch weiß ich gewiß, daß auch er mich aufsuchen wird.

– Ohne Zweifel. Da ich nun aber früher da bin – wann hätten Sie Zeit?

– Morgen, wann immer.

– Früher nicht?

– Man pflegt dergleichen Dinge nicht nachmittags vorzunehmen.

– Also können Sie vor morgen früh sich nicht mit mir schlagen?

– Auf Ehrenwort, nein, auch mit niemand anderem.

– Welches ist Ihre früheste Stunde?

– Sechs Uhr morgens. Früher stehe ich nicht auf.

– Gut. Das übrige werden Sie die Güte haben mit meinen Zeugen zu verabreden.

Damit entfernte sich Rudolf, seinen Begleitern es überlassend, Ort und Waffen festzusetzen.

Kaum waren sie fort als zwei neue Besucher bei Dabroni erschienen.

Es waren Zoltáns Abgesandte.

Sie hatten ihn zu einem kleinen Stelldichein in der Au auf morgen früh sechs Uhr einzuladen.

– Es ist mir unmöglich, Ihnen früher als um acht Uhr zu Diensten zu stehen, antwortete Dabroni; ich habe einen kleinen Ehrenhandel abzumachen. Wenn ich den beendigt habe, stehe ich um acht Uhr zu Gebote.

Man einigte sich über die achte Stunde.

Also alle beide nacheinander!

Der Haudegen freute sich, tanzte vor Vergnügen: einer nach dem andern! auf zwei Schüsse zwei Vögel!

Es wurde neuerdings an der Thüre geläutet.

Kommt vielleicht noch ein Dritter?

Baron Nikolaus trat ein.

– Frater, begann der Baron, ohne nur Dabroni zu grüßen, du weißt recht gut, daß du ein niederträchtiger Schuft bist, und ich bedaure nur sehr, daß ich dich schon so lange dein Wesen treiben ließ. Heute aber ist dein Maß voll geworden und ich rufe dir ein »bis hierher und nicht weiter!« zu. Du bist in dich selber vernarrt und glaubst, weil man dir ausweicht, man fürchtet dich. Diesen Glauben muß ich dir endlich ein wenig erschüttern. Wenn dir die Rolle des Mörders gefällt, so gefällt es mir, den Scharfrichter zu spielen, und wenn du bei mit Waffen des Geistes geführten Debatten immer auf den Säbel schlägst, so thut es dir not, auf einen zu treffen, der ihn dir um den Rücken schlägt. Ich hoffe, du wirst zu finden sein, dort wohin ich dich bestellte.

Avec plaisir, beeilte sich Dabroni zu erwidern – ihm war das ein Vergnügen.

– Morgen früh.

– Nun, das ist mir nicht möglich; um sechs habe ich ein Rendezvous und um acht Uhr ein zweites.

Nikolaus stampfte zornig mit dem Fuß auf.

– Der Teufel soll es holen. So lange kann ich nicht warten. Zwischen sechs und acht ist noch eine Stunde Zeit, um sieben Uhr kommst du, oder ich erwarte dich vor deiner Thüre und schleppe dich mit mir.

– Ist's so dringend?

– Ja, sehr dringend. Wenn ich dir länger Zeit lasse, könnte der Oberstallmeister Bei den Landtagen übte bekanntlich der Oberstallmeister die oberste Polizeigewalt aus. darum erfahren und das Zusammentreffen verhindern. Ich habe Eile.

– Durch wen sollt' er es erfahren? sagte Dabroni; ich habe keine alte Mutter.

Es war dies eine höhnische Anspielung auf den jungen Mann, der vor dem Duell ausgerissen war.

Baron Nikolaus gab darauf eine sehr drastische Antwort.

– Frater, du liebst es, Ausflüchte zu suchen, wenn man dir eine Herausforderung macht; wenn ich das gewußt hätte, würde ich meine Reitpeitsche mitgenommen haben.

– Genug! schrie Dabroni ergrimmt. Um sieben Uhr bin ich bereit. Du kannst sogleich deine Sekundanten herschicken.

– Versäume die Stunde nicht! rief der Baron, ihm den Rücken kehrend und die Thür öffnend, deren Klinke unter dem Druck seiner Faust zerbrach.

Dabroni aber tanzte und pfiff vor Freude, warf seine Mütze in die Höhe und nahm von der Wand ein Rapier herab, mit dem er in der Luft so herumfocht, als könnte er mit jedem Stoß einem achtungswerten Helden der öffentlichen Meinung das Herz durchbohren.

Auf der Gasse begegnete Rudolf unserm Zoltán.

So wie sie einander erblickten, schienen beide im ersten Moment zu erschrecken; dann aber eilten sie wohlgemut aufeinander zu, sich zu begrüßen.

Wie gut aufgelegt, wie lustig bemühte sich jeder zu erscheinen. Sie hängten sich ineinander ein und wandelten so Arm in Arm durch Preßburgs Gassen und das Donauufer entlang. Wie viel Unterhaltendes sie einander zu erzählen haben! Der geringfügigste Gegenstand, was auf dem Spaziergange ihnen zufällig unterkam, war imstande, ihr Interesse zu erregen, und sie konnten darüber sich in ein langes Gespräch verwickeln.

Es war auch schon Essenszeit, und man konnte sich dessen wahrlich erinnern, denn es ging schon auf fünf Uhr. Wie komisch, daß sie im Eifer des Gesprächs es erst jetzt gewahr werden.

Rudolf lud Zoltán ein, heute bei ihm zu speisen. Dieser nahm die Einladung mit Vergnügen an, haben sie doch schon so lange nicht zusammen diniert.

Noch immer Arm in Arm traten sie den Weg zu Rudolfs Wohnung an; sie rannten die Treppen hinauf, als gälte es eine Wette, wer zuerst oben sein wird.

Zoltán öffnete zuerst die Thüre, wollte aber doch Rudolf vorauslassen; Rudolf deprezierte, er sei hier zu Hause, wogegen Zoltán behauptete, das sei er auch, worüber dann großes Gelächter entstand.

Lachend eintretend, erschrecken plötzlich beide.

Im Vorzimmer lagen Frauengewänder, wie von einer Reise Kommende sie abzulegen pflegen.

– Wer ist hier? fragte Rudolf den vorauseilenden Diener.

– Die gnädige Gräfin und das Fräulein.

– Meine Frau und meine Tochter?

Wie waren beide Männer mit einemmale blaß geworden.

Wie einer, der auf einer strafbaren Handlung ertappt wird. Im ersten Augenblick konnte keiner ein Wort vorbringen.

Rudolf gewann zuerst seine Fassung wieder.

– Nun, das ist wirklich merkwürdig, wie die Überraschung auf uns wirkt, sagte er mit scherzhaftem Lächeln; statt erfreut zu sein, sehen wir aus, als wären wir bestürzt.

Damit ergriff er Zoltáns Hand und führte ihn mit heiterem Gesicht in das anstoßende Zimmer.

Kaum hatte er die Thüre geöffnet, als die beiden Frauen weinend an seinem Hals hingen.

Beide weinten sprachlos, bitterlich.

– Was fehlt euch? fragte Rudolf verwundert. Was ist euch geschehen? Warum kommt ihr uns so schnell nach? Wir erwarteten euch erst in vier Wochen. Dachtet ihr vielleicht uns auf irgend einem verbotenen Abenteuer, einer kleinen Untreue zu überraschen? Oder ist es die Freude des Wiedersehens, was euch so weinen macht?

– Nein, nein, sagte Flora; sieh diesen Brief.

Und damit überreichte sie Rudolf die geheime Warnung von Köcserepys Tochter.

Rudolf las sie durch und lächelte dazu.

– Also dem haben wir es zu verdanken, daß wir euch so schnell wiedersehen? O ihr lieben Närrchen! Da, Zoltán, lies!

Zoltán las den Zettel und auch er lachte dabei.

Kathinka drohte ihm halb weinend, halb zornig mit dem Finger, wie er so lachen könne, während sie doch seit drei Tagen seinetwegen in Verzweiflung sind.

Wirklich, in Verzweiflung? O für dies zarte Geständnis muß er diese kleine, liebe, bebende Hand, diese schwesterliche Hand hundertmal küssen.

– Also du warst meinetwegen in Angst? Du fürchtetest für mich? Du möchtest mich ungern verlieren?

Auf dies Wort mußte sie von neuem zu weinen anfangen.

Die beiden Männer, was konnten sie anders thun; als noch besser lachen?

Diese Närrchen bilden sich ein, daß man hier in Preßburg die Leute so zusammenschießt, wie die Spatzen, sagte Rudolf neckend, und sein liebes, schönes Weibchen umarmend.

Kathinka dagegen wendete sich zu Zoltán und that recht böse gegen ihn, daß er die Sache so leicht nehme.

– Aber meine liebe Kleine, bildest du dir ein, daß es in der Gewalt jedes einfältigen Tropfes stehe, mich so ohne weiteres, mir nichts, dir nichts, umzubringen? Da werde ich wohl auch noch ein Wörtchen dreinzureden haben. Hast du mich nie schießen, nie fechten gesehen? Hab' ich mich vor jemand zu fürchten? Und nun gar vor einem solchen Maulhelden, mit dem dein geheimer Berichterstatter mich zusammen bringt. Einem so traurigen Ritter, der überall durchgeprügelt und hinausgeworfen wird, der sich nur aufs Prahlen versteht und der höchstens mit solchen Leuten anbindet, wie Papa Tarnaváry, von denen jedermann weiß, daß sie mit dem Säbel nicht umzugehen wissen.

Rudolf war ihm behilflich, den Gedanken noch weiter auszuführen.

– Das ist wahr, man hat euch mit einem prächtigen Hidalgo geschreckt!

– Mit einem wahren Don Quixote de la Mancha.

– Ein Bramarbas, gut um die Kinder damit zu schrecken, dessen Feigheit sprichwörtlich geworden.

– Es war ein köstlicher Spaß, von wem immer der Einfall herrühren mag.

– Wahrscheinlich ist es das Werk eines schmachtenden Liebhabers, sagte Rudolf, die schlanke Taille seines schönen Weibchens umfassend und einen Kuß auf ihre rosigen Lippen drückend, irgend eines eifersüchtigen Verliebten, dessen Donna vielleicht im Theater oder in den Sitzungssälen nach uns hinüber kokettiert hat, und der uns dadurch unschädlich machen will, daß er euch hierher sprengte.

Mutter und Tochter fanden zuletzt selbst die Sache so spaßig, daß sie sich von der guten Laune der Männer anstecken ließen und darin übereinstimmten, daß, was immer damit beabsichtigt gewesen sein mochte, doch das Gute dabei herausgekommen, daß sie jetzt um einen Monat früher, als man sie erwartet, hier seien und jetzt würden sie auch keinen Tag mehr von Rudolf getrennt bleiben.

– Nur bis morgen wird das doch geschehen müssen, bemerkte Rudolf in heiterer Weise. Wo soll ich euch hier unterbringen? Eure Zimmer müssen erst eingerichtet werden. Bis morgen also müßt ihr schon bei den Szcenczischen euch einquartieren, die sich ohnehin so einsam fühlen; morgen könnt ihr dann hierher übersiedeln.

Das war natürlich, und es dauert ja nur so kurz.

Mittlerweile meldete der Kammerdiener, daß das Essen aufgetragen sei. Rudolf mußte sich entschuldigen. Das hat nicht sein Koch bereitet, er hat es nur aus dem Kasino holen lassen; was jedoch den Speisen an Schmackhaftigkeit abging, wurde reichlich ersetzt durch die süße Freude des Wiedersehens – ein zärtlicher Händedruck, ein Blick gewährt mehr Hochgenuß, als alle ambrosischen Genüsse eines Göttermahls. Bis zum Abend sitzt der kleine Familienkreis am Tisch beisammen, scherzend und plaudernd. Zoltán ist heute unerschöpflich in witzigen Einfällen.

In welcher Angst waren wir um euch, sagte Flora, sich zärtlich zurücklegend auf den sie umschlungen haltenden Arm des Gatten, als wir fern von euch waren; getrennt von denen, die wir lieben, glauben wir sie so leicht in der größten Gefahr.

Arme Frau. Und jetzt, wo diejenigen, die sie liebt, in der größten Gefahr, lehnt sie so ruhig, so sorglos ihr Haupt auf die Brust des einen und blickt lächelnd zu dem andern hinüber.

Diese stießen die Gläser an auf das Wohl ihrer Lieben. Mögen sie lange leben und glücklich sein!

Man durfte nicht lange aufbleiben; die Frauen waren müde von der in Eile zurückgelegten Reise, sie bedurften der Ruhe. Zoltán nahm es auf sich, sie zu den Szenczischen zu begleiten.

– Morgen früh um sieben Uhr komm in meine Wohnung, sagte Rudolf zu Zoltán – ich habe etwas Geschäftliches mit dir abzumachen.

– Um sieben Uhr? – sagte Zoltán, es sich überlegend – ja, da kann ich kommen.

– O, ihr steht so früh auf? fragte Flora.

– Wir sind das vom Landleben her gewohnt, scherzte Rudolf und Frau und Tochter küssend, drückte er auch Zoltán die Hand, und während sie so heiter und scherzend sich die Hände drücken, denkt der eine bei sich: »teuerer Freund, morgen räche ich dich!« und der andere: »teuerer Junge, morgen komm ich dir zuvor!«

Zoltán ließ Flora und Kathinka an beiden Seiten sich in ihn einhängen, und führte sie absichtlich auf einem Umwege, um länger in ihrer Gesellschaft sein zu können; er konnte so glücklich sein.

Er konnte hören und fühlen, wie sehr er geliebt wird; es war kein Geheimnis mehr, sondern fest beglaubigte Wirklichkeit, daß er ein teueres Herz sein nennen kann, das reich an Liebe und Treue und das niemand ihm rauben kann in diesem Leben.

In diesem Leben.

Auch zu den Szenczischen mußte er noch hinauskommen und dort wieder hören, wie besorgt man um ihn ist, wie sehr man ihn liebt; und als er sich verabschiedete, begleitete ihn das holdeste Lächeln und bat ihn die süßeste Stimme, morgen um zehn Uhr wiederzukommen, um sie zu Rudolf zu führen.

Morgen früh um zehn Uhr! Wird der morgige Tag diese Stunde für ihn bringen?

* * *

Es schlug Punkt Sieben, als Zoltán an der Thüre Szentirmays läutete.

Er hatte auch Sechs schlagen gehört, auch Fünf, und alle Stunden seit Mitternacht. Er wird auch noch Acht schlagen hören.

Der Kammerdiener öffnete die Thüre und bat Zoltán leise aufzutreten, denn dem Grafen sei ein Unglück passiert.

Zoltán fühlte den Boden unter sich wanken.

– Was ist geschehen? fragte er zitternd.

– Der Graf war heute früh ausgefahren und hatte nicht bemerkt, daß in der Seitentasche seines Zeke eine geladene Pistole stak; zufällig wurden die Pferde scheu, und indem der Graf aus dem Wagen sprang, schlug die Pistole an das Rad an, ging los und verwundete den Grafen.

– Gefährlich?

– Vielleicht nicht.

Zoltán erriet das übrige. Rudolf war ihm mit dem Duell zuvorgekommen und hatte einen Schuß bekommen; im nächsten Moment kniete er dort vor seinem Bett.

Im Zimmer war außer Rudolf niemand, als der Arzt.

Die blutigen Kleider lagen dort auf dem Sofa.

Das Gesicht des Grafen zeigte auch jetzt den ruhigen Ausdruck, der ihm eigen war. Mit gedämpfter, aber fester Stimme ersuchte er den Arzt, ihn auf einen Augenblick mit Zoltán allein zu lassen.

– Lieber Zoltán, sagte der Verwundete zu dem vor ihm knieenden Jüngling, ich bin gefährlich verwundet; noch eine halbe Stunde werd' ich bei Bewußtsein sein, dann tritt das Fieber ein und in der nächsten halben Stunde werde ich aufgehört haben, zu leben. Warum dies geschehen – du weißt es, aber du wirst es für dich behalten. Meiner Familie sage, daß ein unglücklicher Zufall meinen Tod herbeigeführt hat. Diesen war ich dir, war ich denen schuldig, die dich lieben, in dieser Welt und in der andern. Der, von dessen Hand ich fiel, wird deshalb aus dem Lande flüchten müssen und du findest ihn nicht mehr. Dort auf meinem Tisch liegt ein an dich adressiertes Couvert, das stecke zu dir und sobald du eine ruhige Stunde haben wirst, erbrich es und lies: es sind zwei Briefe darin, der eine von mir, der andere von der Hand deiner teuern Mutter, beide vor unserer Todesstunde geschrieben und im Vorgefühle derselben durch den Tod besiegelt. Diese beiden Schriften werden dir die Gewißheit geben, daß du keine Ursache hast, bei dem Andenken an uns zu erröten, sie werden deine Seele beruhigen, wenn in ihr noch ein Verdacht gegen die Toten schlummern sollte.

Das zu Kopf steigende Blut hinderte Rudolf am Weiterreden, obwohl er nur leise und flüsternd sprach. Zoltán wollte den Arzt rufen, aber Rudolf winkte ihm mit der Hand zu bleiben. Warum Zeit verschwenden?

Nach einer Minute konnte er wieder sprechen.

– Ich habe eine Bitte an dich. Um diesem schrecklichen Märchen ein Ende zu machen, um es für ewig vor der Welt zu widerlegen: nimm meine Tochter zur Frau. Das wird die teuflische Lästerung zum Schweigen bringen.

Der Jüngling schluchzte so, daß er nicht imstande war, ein Wort zu erwidern.

– Versprich mir, daß du sie lieben wirst.

Ein stummer Händedruck antwortete mit Ja.

– Versprich mir, daß du keinen andern Gedanken haben wirst, als sie glücklich zu machen.

Ein noch stärkerer Händedruck schien zu sagen: Ja; aber vorher nehme ich Rache für dich.

– Dies Versprechen schuldest du meiner Ehre und ihrem liebenden Herzen.

Schwerer noch als die Hand des Todes lag auf dem brechenden Herzen der Gedanke, daß auch Zoltán mit jenem furchtbaren Menschen sich bestellt hat, daß er ihn selbst auf der Flucht aufsuchen wird oder daß jener ihn erwartet und tollkühn zur bestimmten Stunde erscheint, um sich ein zweites Opfer zu holen. Darum bestand er so sehr auf diesem Versprechen.

– Jetzt schicke um meine Familie. Du bleibe an meiner Seite.

Nach wenigen Minuten waren alle drei vor dem Lager des Sterbenden.

Rudolf konnte schon nicht mehr sprechen, sie nur lächelnd anblicken.

Flora konnte den Gedanken nicht fassen, daß Rudolf sterben solle; noch gestern so lebensfrisch, so heiter, und heute tot. Das ist unmöglich. So Schreckliches geschieht nicht in dieser Welt. Sie konnte nicht einmal weinen, das Auge versagte jede Thräne. Es ist ein Scherz, ein Traum, eine Lüge, was sie sieht. Ihre Sinne täuschen sie.

Rudolf drückte die Hand seiner teuern Gattin an die bleichen Lippen. Ach, scherze nicht, steh auf aus dem Bett, lache, lach' uns aus, sagte sie, gesteh, daß du dir nur einen Scherz mit uns machen, uns nur schrecken wolltest, es ist ja unmöglich, daß du stirbst. Mach' uns nicht irre an Gott! ...

Aber die beiden Kinder schluchzen so.

Also sie glauben, daß er sterben wird? Rudolf zieht ihre Hände zu sich und legt sie ineinander, er drückt sie so fest zusammen.

Mit der andern Hand drückt er Flora an seine Brust, und blickt sie so zärtlich lächelnd an.

Diese schönen, lächelnden Augen, wie sie allmählich brechen und sich verdunkeln! dies männliche Antlitz, wie wird es bleicher und bleicher! Ihr aber scheint es, als ob die eigenen Augen sich verdunkelten, als ob ihr Gesicht es sei, das so erblaßt.

Plötzlich lassen die beiden so zärtlich drückenden Hände los und fallen starr auf die Bettdecke herab. »Mutter! Mutter!« schluchzt das Mädchen verzweifelt, Flora umarmend, diese aber sinkt kalt, bewußtlos an die Brust der Tochter, und nicht Thränen, sondern kalter Angstschweiß rieselt von ihrem Gesichte herab.

Auf Zoltáns Läuten erscheint die Dienerschaft, kommt auch der Arzt. Man muß diese beiden Frauen von hier entfernen. Rudolf hat ihnen nichts mehr zu sagen. Rudolfs Gesicht hat für niemand mehr ein Lächeln.

Der Tod macht es rasch.

Die Uhr schlägt Dreiviertel auf Acht. Zoltán fragt leise den Arzt: Ist die Kugel aus der Wunde herausgenommen worden?

– Hier ist sie, sagte der Arzt; sie war in die Brust hineingedrungen und zum Rücken herausgekommen.

Zoltán nimmt die Kugel und bewahrt sie in der Tasche. Er wird dieselbe Kugel dem Mörder zurückschicken.

Die Zeit drängt, er muß eilen; noch einmal küßt er Rudolfs kalte Stirne, und ohne noch seine Geliebte zu umarmen, verläßt er eilends das Haus.

Und wenn die Seligkeit selbst ihn erwartete, er würde nicht versäumen, den Menschen aufzusuchen, der Rudolf getötet.

Unten wartet seine Mietkutsche auf ihn.

– Fahr zu! In zehn Minuten müssen wir drüben in der Au sein!

* * *

Köcserepys Tochter ist krank! schwer fieberkrank.

Seit Tagen ist niemand im Hause zur Ruhe gekommen; ein Arzt löst den andern ab. Keiner kann die eigentliche Krankheitsursache herausfinden. Der eine hält es für ein hitziges Fieber; der andere schreibt das rätselhafte Übel der jugendlichen Vollblütigkeit zu, ein dritter vermutet Blattern. Hat man wohl vor den Ärzten davon gesprochen, daß auch ihre Seele leidend?

Die Kranke duldet niemand um sich, nur das blinde Mädchen.

Manchmal spricht sie so klug, dann wirrt sie wieder alles durcheinander. Das eine Mal sieht sie im leeren Zimmer Menschen, die nicht da sind, und ein andermal sieht sie auch die wirklich Anwesenden nicht und phantasiert von dem einsamen Wald, in welchem sie sich verirrt hat.

Eines Morgens redet sie ihre blinde Wärterin an: – Gieb meine Kleider her, ich will mich anziehen.

Liza wagt dies nicht auf eigene Faust zu thun, sondern läßt durch die im Zimmer befindliche Zofe bei der gnädigen Frau anfragen, ob es erlaubt sei.

Eveline eilt herbei. Wilma ist mit dem Ankleiden beschäftigt; sie wirft sich das Oberkleid um, zieht die kleinen Schuhe an. Ihr ganzer Körper zittert wie Espenlaub.

– Wohin willst du gehen? fragt Eveline. Der Arzt hat dir verboten, aufzustehen. Was beginnst du?

Eine dunkle Röte überzieht Wilmas Gesicht, sie blickt finster auf ihre Mutter und fährt fort sich anzukleiden.

Eveline will strenger sein; sie fragt in härterem Tone: »Warum ziehst du dich an?«

Das Mädchen antwortet in ganz verändertem Tone: – Weil ich ihn retten will.

– Retten? wen?

– Ihn, damit sie ihn nicht umbringen.

– Umbringen? wen denn? fragt Eveline verwundert.

– Wen? wen? rief das Mädchen mit flammendem Gesicht. Als ob ihr es nicht wüßtet. Ihr wollt ihn ja morden. Ihr! Ihr!

Und sie zeigte mit dem zitternden Finger auf die Mutter.

– Mein Kind, Wilma! schrie Eveline erschrocken, und lief zu ihr hin.

– Komm mir nicht in die Nähe! Rühre mich nicht an. Ihr wollt ihn umbringen. Aber ich laß es nicht zu. Nein, nein!

– Von wem sprichst du, mein Kind, meine Tochter? Teures Kind, komme zu dir!

– Warum wollt ihr es leugnen; höre ich nicht das Klirren der Säbel? Höre ich nicht, wie sie sich schlagen im Walde, wie ihre Säbel klirren. O Zoltán, Zoltán, halte ein! Ich komme. Ich werfe mich zwischen euch, zwischen eure Klingen. Mich tötet! O Zoltán, kämpfe nicht! Wirf dein Schwert fort! Dieser Mensch wird dich umbringen!

Die Fieberkranke umklammerte bei diesen Worten ihre Mutter, die vor ihr auf den Knien lag und es fühlen konnte an den glühenden Küssen, mit denen das kranke Mädchen in der Fieberhitze ihre Brust, ihre Wangen, ihre Lippen bedeckte, wie sehr es – nicht die Mutter, sondern den liebe, den sie hassen.

Ach, das hatte ihr die Philosophie nie gesagt.

Die Kranke brach erschöpft zusammen, man mußte sie wieder ins Bett tragen; sie ist völlig außer sich, spricht wirr durcheinander, aber jede Rede endigt damit: »sie töten ihn und töten mich. O Zoltán, teurer Zoltán!«

Die Rätin steht dort zu Häupten des Bettes und sagt bebend zu ihrem Gatten, der so blaß, wie sie: – Sieh, sieh, und höre, was sie spricht.

* * *

Um sechs Uhr hatte Rudolf mit dem Haudegen sich duelliert, um acht kam an Zoltán die Reihe.

Sieben Uhr fiel dazwischen. Das war die dem Baron Nikolaus gegebene Stunde.

Der Haudegen hatte nach der tödlichen Verwundung Rudolfs nicht die Flucht ergriffen; er dachte bei sich, zwei Stunden habe er noch Zeit zu bleiben, die Affaire mit Nikolaus und Zoltán zu beenden und dann wird er die Welt unter seine Füße nehmen.

Mit Nikolaus war man auf Säbel übereingekommen: zum Kampfplatz hatte man einen leeren Tanzboden gewählt.

Um sieben Uhr hatten die Kämpfer und die Kampfzeugen sich eingefunden. Die Thüren wurden verschlossen; die Sekundanten benachrichtigten die Parteien, daß alle nötigen Vorbereitungen in Ordnung seien.

Diese fingen an, ohne ein Wort zu reden, ihre Kleider abzulegen.

Welche prachtvolle Muskulatur, welchen festen Körperbau lassen uns beide bewundern. Jede Muskel an Dabronis entblößtem Arm scheint sich selbständig zu bewegen, ein selbstständiges Leben zu haben; das Handgelenk bewegt sich frei, ohne daß der Ellbogen sich rührt, bei einer Anspannung wölbt sich jede Muskel und spielt immer nur diejenige, welche den Streich zu führen hat. In dem herkulischen Körperbau des Baron Nikolaus sind die Verhältnisse weniger harmonisch. Die Natur hat alles bei ihm überaus reich ausgestattet; seine breiten Schultern scheinen dazu bestimmt, eine Welt zu tragen, und sein ausgestreckter Arm bringt uns in Erinnerung, daß er einmal eine halbe Stunde lang mit der bloßen Faust gegen einen grimmigen Eber gekämpft. Wen ein Schlag von dieser Faust trifft, und wäre er aus Eisen gegossen, der kann seine Rechnung mit dem Himmel machen.

Als die Kämpfer sich gegenüber gestellt haben, holt man die Säbel hervor. Bis dahin waren sie beide noch ohne Waffe in der Hand gewesen. Es sind zwei gute Stahlklingen, drei Zoll breit mit einem Korbgriff, wie ihn Duellschläger zu haben pflegen. Man kann gewiß sein, daß sie jeden Hieb aushalten, was hier wohl in Betracht kommt, wo sich zwei Kämpen gegenüber stehen, welche es nicht auf leichte Ritzer abgesehen haben.

Nikolaus wußte bereits, daß Rudolf im Duell geblieben war. An seinem ganzen Gesichte konnte man wahrnehmen, daß er auch jetzt daran denkt. Warum hat er ihm nicht zuvorkommen können!

– Beeilen Sie sich, meine Herren, trieb Dabroni die mit den üblichen Formalitäten beschäftigten Sekundanten an. Auf mich wartet noch ein Dritter.

– Beim Himmel! rief Nikolaus mit einer Stimme, welche dem Brüllen eines Löwen glich, dieser Dritte wird vergeblich auf dich warten.

– Meinen Sie, Herr Baron? fragte Dabroni mit spöttischem Lächeln.

– Das wirst du sehen.

– Wollen Herr Baron etwas zu sehen bekommen? frug der Spadassin mit tückischer Freundlichkeit.

– Vor allem andern dein Blut! rief Nikolaus, den ihm dargereichten Säbel in die Hand nehmend und stampfte mit dem Fuß auf, daß das ganze Gebäude erdröhnte.

Beide Kämpfer stellen sich in Positur; sie kreuzen ihre Klingen, deren geschliffene Schärfen sich aneinander wetzend einen so durchdringenden Ton von sich geben, daß es einem dabei kalt über den Rücken läuft.

Über eine Minute herrschte Totenstille im Saal; die Sekundanten treten zurück. Die zwei Klingen ruhen gebunden aneinander. Die Blicke der Kämpfer suchen sich gegenseitig auf; aus Nikolaus Augen sprüht Zornesglut, aus denen Dabronis das Gift einer Schlange.

Nikolaus eröffnet den Kampf.

Mit einem strammen Hiebe schlägt er die Parade seines Gegners durch und wie der Blitz nach dessen Haupt.

Wenn der Spadassin sich mit der verspäteten Klinge gegen den furchtbaren Hieb hätte decken wollen, so wäre Säbel und Kopf ihm so entzwei gehauen worden, daß auch der jüngste Tag kein Ganzes mehr daraus gemacht haben würde. Statt dessen aber sprang er rasch zurück, seinen ganzen Körper nach rückwärts werfend, auch seine Klinge zog er zurück und ließ den ganzen wütenden Hieb vor sich niedersausen; die Spitze des Säbels fuhr nur einen Zoll vor seinem Körper in den Boden.

Im nächsten Augenblick war er schon wieder auf seinem Fleck. Auf seinem Gesichte war nicht die geringste Verwirrung zu sehen, keine Spur von Bestürzung. Seine Augen leuchteten vielmehr wie die eines geübten Spielers, dem es gelungen, seinen Gegner durch eine List zu täuschen.

Der Angegriffene wurde nun selbst zum Angreifer; er bog seinen Körper vor, kroch ganz unter die Klinge des Gegners und nötigte diesen durch Scheinhiebe, sich näher zum Leib zu decken und ihn so auf geringere Distanz herankommen zu lassen.

Den Sekundanten Nikolaus' floß kalter Schweiß von der Stirne. Es war klar, daß Dabroni ein viel gewandterer Fechter als Nikolaus ist, der trotz seiner Geistesgegenwart und ungeheuren Körperkraft seinen Finten nicht immer erfolgreich genug zu begegnen weiß.

Schon ist er genötigt, einen Schritt zurückzutreten. Seinen Gegner macht das noch kühner. Auch er macht einen Schritt vorwärts.

– Seien Sie unbesorgt, Herr Baron, ich folge Ihnen schon nach.

Er hat auch noch Zeit, sich lustig zu machen über den Gegner in dem Gefühl seiner Überlegenheit.

Nikolaus schlägt auf diesen Spott wütend drein. Dabroni fängt den schweren Hieb mit seinem Säbel auf und läßt ihn an der Schneide desselben hinabgleiten bis zum Korbblatt, damit dort seine Wucht sich breche und schlägt nun einen untern Hieb nach dem Baron, einen jener tückischen Hiebe, deren Wunde unheilbar ist und wie der Baron, um ihn zu parieren, seine linke Seite ungedeckt läßt, führt er einen Seitenhieb nach dessen Nacken.

Ah, der scharfe Säbel ist eingedrungen!

Die beiden Sekundanten fahren sich entsetzt mit der Hand vor die Augen. Aus dem Nacken des Barons quillt plötzlich Blut hervor und strömt aus die Brust herab.

Im nächsten Moment ist ein furchtbares Brüllen zu vernehmen; Nikolaus stürzt mit der blinden Entschlossenheit der Wut auf den Gegner. Das Blitzen eines Säbels war zu sehen, ein Krachen zu hören – und dort lag der Spadassin, sprachlos und bleich.

Die Sekundanten liefen zu ihren Parteien.

– Kein Unglück geschehen! donnerte Nikolaus, die Wunde mit der Hand zuhaltend. Der dort aber wird sich nicht mehr schlagen!

Jene aber waren starr vor Entsetzen. Der furchtbare Hieb hatte das den Griff schützende Korbgeflecht durchhauen und mit dem Griff auch die Hand; dem Spadassin blieb nur der verstümmelte Arm.

– Der Himmel sei gepriesen! brummte Nikolaus vor sich hin und half selbst von seiner entblößten Brust das Blut wegwischen, während der Arzt die klaffende Halswunde zunähte ...

... Ach, wie liefen wir, damals noch Kinder, einige Wochen später zusammen, als er zum erstenmal auf die Gasse kam, die heilende Wunde mit einem schwarzen Verband bedeckt, wie zeigten wir ihn uns einer dem andern und wie gerne hätten wir die teure Narbe und die Hand geküßt, welche sich dafür bezahlt gemacht!

* * *

Es schlug Punkt Acht, als Zoltán in der Au ankam. Seine Sekundanten warteten schon auf ihn.

Es ward halb neun und der Gegner ließ noch immer nichts von sich hören und sehen. Endlich erschienen seine Sekundanten.

Sie gingen auf Zoltán zu und entschuldigten Dabroni wegen seines Ausbleibens. Derselbe werde weder jetzt noch später mehr sich mit ihm schlagen können, denn er habe in einem vorausgegangenen Duell seine rechte Hand verloren.

Zoltán fühlte einen kalten Schauer durch seine Seele ziehen. War es nicht Rudolfs herabgestiegener Geist, der in unsichtbarer Gestalt ihn schirmend umschwebt hatte und jetzt wieder sich emporschwingt, um dort oben Rechenschaft abzulegen jenen, denen er einst gelobt hatte, Sorge zu tragen für ihr einziges Kind ...

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