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Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob

Maurus Jókai: Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorMaurus Jókai
titleZoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
firstpub
translatorEduard Glatz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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6.

Charaktere.

Köcserepy hatte eine schlechte Nacht. Für ihn war nebst der großen Niederlage die Erkrankung Evelinens ein harter Schlag. Die empfindsame Dame war bei der Demütigung ihres Gatten ohnmächtig geworden und lag die ganze Nacht über in furchtbaren Krämpfen; wenn sie auf einige Minuten zu sich kam, ächzte sie: »welche Schmach! welche Schande!« und dann fing sie wieder zu weinen an und verfiel in Zuckungen, sodaß der Schaum auf ihre Lippen trat.

Das war eine Nacht!

Draußen auf den Gassen lärmte bis zum Tagesanbruch lustige Musik, der Nationalmarsch; Fackelschein erhellte die Gassen. Gewiß bringt man den siegreichen Helden des Tages eine Fackelserenade.

Wenigstens einen Trost hatte das bei der Wahl durchgefallene Parteihaupt, wenn seine Niederlage eine schmähliche gewesen, so war es der Sieg der Gegner nicht minder. Die Schande ist eine gemeinsame. Auch sie werden ihres Sieges sich vor niemand rühmen. Durch den Gang der Ereignisse sind auch sie in die Reihe derjenigen geworfen, welche ihre Person emporbrachten, aber das Prinzip mit Füßen traten.

Auch dieser Trost sollte ihm nicht bleiben.

Die Helden der Fackelmusik fanden weder Rudolf noch Zoltán in ihren Wohnungen; beide hielten sich die ganze Nacht über versteckt; erst am nächsten Tag erschien Zoltán allein in der Komitatskongregation, wo der Obergespan das Ergebnis des gestrigen Tages publizierte. Durch Abstimmung der Anwesenden waren Szentirmay und Karpáthi zu Deputierten gewählt.

Beide erhielten ein lautes Éljen. Nur die Kokánfalver Wähler waren im Saal gegenwärtig. Die Galerien waren schwach besucht, die Damen waren alle weggeblieben.

Es konnte ihnen leid thun, Zoltán in dieser Stunde nicht gesehen zu haben.

Ganz blaß von der schlaflos durchwachten Nacht erhob er sich nach den Éljenrufen, welche ihn auf seinem Deputiertensitz bestätigten.

Jedermann erwartete, er werde nun seinen Dank abstatten für die ihm gewordene Auszeichnung.

– Die Gesetze meines Landes, begann der Jüngling, die dunklen Augen über die ganze Versammlung streichen lassend – die Gesetze meines Landes sind mir viel zu heilig, als daß ich auch meinen Parteigenossen gestatten könnte, sie zu verletzen. Was gestern auf dieser geheiligten Stätte vorgefallen, wird mir eine ewig beklagenswerte Erinnerung bleiben und das Ergebnis davon, ob es auch für uns günstig, kann ich ebensowenig als legal und rechtsgültig anerkennen, als wenn es zu gunsten der Gegenpartei ausgefallen wäre. So wie ich daher gegen den gewaltthätigen Bruch unserer verfassungsmäßigen Wahlordnung auf der andern Seite Verwahrung eingelegt, so lege ich auch gegen meinen eigenen Anhang Verwahrung ein und betrachte die Wahl für null und nichtig. Ich kann einen Sitz, auf dem ich über die Aufrechterhaltung unserer Verfassung wachen soll, nicht einnehmen, wenn der Bruch dieser Verfassung der Weg ist, auf dem ich dazu gelangt bin, und Gewaltthätigkeit und Terrorismus finden in mir einen ebenso entschiedenen Gegner, mögen sie von oben oder von unten kommen. Ich suche Gerechtigkeit, nicht Sieg. Darum protestiere ich feierlich sowohl in meinem eigenen Namen, als in dem meines Mitkandidaten, gegen diese Wahl, nehme das Mandat nicht an und verlange die Vornahme einer neuen, gesetzlichen Wahl.

Diese Worte überraschten jedermann. In den Reihen der Opposition ließ hier und dort ein Murren sich vernehmen und doch that ihnen die Rede so wohl, daß sie Lust gehabt hatten, den Jüngling ans Herz zu drücken; was aber die Anhänger Köcserepys betrifft, so können wir als gewiß behaupten, daß Zoltán durch seine unverhoffte Entsagung mindestens ein Drittel derselben zu sich herüberzog, sodaß, als nach einigen Minuten allgemeiner Beifall losbrach, dieser zuerst von der rechten Seite ausging.

Der Obergespan selbst fühlte sich erschüttert; er mußte sich eingestehen, daß von den zwei Gegenkandidaten dies der rechte Mann war.

Er verbeugte sich achtungsvoll gegen Karpáthi und sagte ergriffen zu der Versammlung: – Ich hege alle Achtung für die Ablehnung des edlen Barons und nehme sie an; für die neue Wahl setze ich denselben Tag der künftigen Woche fest und verpfände mein Ehrenwort, daß ich die Kandidaten derjenigen Partei, welche zu der geringsten Bestechung ihre Zuflucht nimmt, nicht in die Kandidatenliste aufnehmen werde. Das verspreche ich und das werde ich halten.

Der Herr Obergespan erhielt diesmal ein allgemeines und aufrichtiges Éljen. Er bemühte sich auch, es zu verdienen.

Szentirmay war noch in der Nacht des Wahltages an den Sitz der Regierung geeilt, um die Anullierung des Wahlergebnisses zu betreiben. Während der nächsten Woche war er ganz Wachsamkeit, um jedem Bestechungsversuch vorzubeugen.

Zu dem anberaumten Tage wurde der Adel neuerdings einberufen. Die Wähler erschienen auf beiden Seiten mit reiflicher Erwägung, nüchtern, durchdrungen von der Wichtigkeit des konstitutionellen Aktes.

Die Abstimmung ging in tiefster Ruhe mit aller Würde vor sich, nicht der kleinste Skandal, der geringste Unfug ereignete sich. Drei Vierteile der Wähler stimmten für Szentirmay und Karpáthi; dem Rat Köcserepy blieb nur ein Viertel.

So mußte er sich denn überzeugen, daß nicht Achtung, nicht Liebe es war, sondern nur Taumel des Rausches, was die Menschen ihm zugeführt. Ernüchtert hatten sie ihn verworfen.

O wie mußte er sie hassen, diese Menschen, von denen er sich gestehen mußte, daß sie besser waren, als er, selbst diejenigen, mit denen er Händedrücke ausgetauscht hatte, waren von ihm abgefallen.

Wie erst, wenn er an sie gedacht hatte, die seinem Herzen die nächste steht und deren Herz doch am weitesten von ihm und bei seinen gehaßtesten Gegnern ist – an die eigene Tochter! ...

Die zweite Wahl löschte den Schandfleck der ersten aus; nicht die Institution war zu verdammen, sondern diejenigen waren es, die sie mißbrauchten; nicht das Volk war schlecht, o das Volk ist immer gut, sondern diejenigen, welche Unkraut unter den Weizen gesäet, und so oft in der Geschichte unseres konstitutionellen Lebens ähnliche Fälle vorkamen, hatten sie ihren Ursprung nicht in der Zwietracht der Parteien – denn das Volk wußte sich immer zu vertragen, sondern in der gewissenlosen Selbstsucht, in der eitlen Ehrsucht, in den persönlichen Antipathien der Führer: wo gefehlt wurde, lag die Schuld immer nur an den Großen, nicht am Volk, nicht an der Institution.

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