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Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob

Maurus Jókai: Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob - Kapitel 19
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typefiction
authorMaurus Jókai
titleZoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
firstpub
translatorEduard Glatz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121211
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4.

Die Entsagung.

Eine Woche genügte, um die Sache gerichtlich in Ordnung zu bringen. Herr Maßlaczky trug dafür Sorge, daß alles aufs schnellste erledigt wurde, damit nicht etwa Abellino noch früher sterbe.

Zoltán reiste mittlerweile nach Karpáthfalva. Er hatte noch eine letzte Prüfung durchzumachen; – Abschied zu nehmen von seinen Jugendplänen.

Nicht der Verlust von Reichtum, Besitz und Macht war es, was seiner Seele am schwersten fiel, sondern das Aufgeben der daran geknüpften Entwürfe.

Wie viel Gutes hatte er stiften, wie viel Großes schaffen können, wenn er im Besitz dieser Güter geblieben wäre.

Wie viele schon in Angriff genommene Projekte werden sich zerschlagen, dadurch, daß er zu einem unbegüterten einfachen Landesbürger herabsinkt, der bald vollauf damit zu thun haben wird, um die eigene Existenz zu kämpfen und auf dessen Mitwirkung in öffentlichen Angelegenheiten nun nicht mehr zu rechnen ist.

Seine Besitzentsagung ändert nicht bloß sein Los, sondern greift auch in die Geschicke anderer störend ein, wofür die Verantwortlichkeit aus ihn zurückfällt. Vor einigen Monaten hatte er seine Unterthanen animiert, die ersten zu sein, welche die große Idee der Grundentlastung bei sich durchführen, seine Einwilligung hatten sie im voraus zugesichert, die geringe Ablösungssumme war schon vereinbart und aufgebracht und die mit dem Zeitgeist fortschreitende Partei wartete auf den Tag, wo diese, eine neue Ära der Nation eröffnende Thatsache sich vollziehen sollte, wie auf einen Triumph.

Das mußte nun unterbleiben. Er war genötigt, mit Thränen im Auge vor der Deputation jener wackeren Leute zu erklären, sie möchten die Loskaufssumme nur behalten und für bessere Zeiten zurücklegen, er habe aufgehört, über seine Güter verfügen zu können, er könne sie nicht frei machen; Gott weiß, wen sie nach ihm zum Herrn bekommen.

Als die biederen Alten ihm zum letztenmale die Hand drückten, als sie von ihm schieden, ohne imstande zu sein, vor Rührung ein Wort hervorzubringen, konnte er sich nicht des Gedankens erwehren, daß er vielleicht doch ein größeres Opfer gebracht, als ihm zu bringen erlaubt war, daß vielleicht die Pflicht der kindlichen Pietät doch nicht die Forderungen, welche das Vaterland an ihn stellt, aufzuwiegen vermöge. Er dachte einen Augenblick darüber nach, ob denn die Verwirklichung der Entwürfe, die er zur Beglückung einer neuen Generation gefaßt, zu teuer erkauft sein würde durch das verbitterte Lebensglück dreier Menschen und ob nicht Szentirmay und er die Kränkungen, die ihnen daraus für ihre Person erwachsen würden, leichter ertragen können, als das arme Volk, das ohne sein Verschulden die ererbten Lasten noch fürder schleppen muß.

Der Gedanke war erhaben. Allein Zoltán besaß eine zu feste Willenskraft, als daß er auf dem einmal betretenen Wege hatte umkehren können. Er hatte den Namen eines großen Patrioten hingegeben für den eines rechtschaffenen Menschen, das Lob der Nachwelt für die Ruhe des Herzens.

Was wird aus der wackern, betriebsamen Bevölkerung, welche binnen anderthalb Dezennien durch Szentirmays Fürsorge zu Wohlstand und geistiger Wohlfahrt sich emporgearbeitet hat? Wie wird sie herabkommen unter dem Regiment eines Prunksüchtigen, verschwenderischen herzlosen Gebieters, der um auf seinen Nutzen sieht, nur auf Erpressung sich versteht und die Lebensfarbe des Gemeinwohls mit den Strahlen seines Glanzes aufsaugt.

Wie werden die begonnenen Gemeindeinstitute: Schulen, Kinderbewahranstalten, Kornsparmagazine in Stocken geraten und bald in Zinsgebäude sich verwandeln, in welchen der neue Grundherr Schankläden aufthut, durch die, was dem Landvolk noch an Wohlstand geblieben, verrinnt; wie werden Wegelagerer, Diebe, Räuber überhand nehmen in der verarmten Gegend, welcher aufzuhelfen der neue Besitzer unfähig ist, auch wenn er den Willen dazu hatte, denn er hat nur gelernt, das Vorhandene auszusaugen, und bringt, statt befruchtender Aussaat, nur gehäufte Schulden mit sich, die sich rascher mehren als das Ungeziefer; während eines Menschenalters wird die ganze ungeheure Herrschaft zersplittert sein und in den zerschlagenen Teilen werden wildfremde Namen sich festsetzen.

Es war bitter an das zu denken, den ganzen Ideengang zu verfolgen und nirgends einen tröstlichen Ruhepunkt zu finden.

Vor einigen Monaten hatte er, von großen Patrioten dazu aufgefordert, bedeutende Summen für gemeinnützige Unternehmungen gezeichnet, deren Zustandekommen ein großer Triumph für die Fortschrittspartei sein wird, deren Fehlschlagen ihr in den Augen der Bekämpfer jeder nützlichen Neuerung den Todesstoß geben würde. Jetzt wird es nicht mehr in seiner Macht stehen, diese Verpflichtungen zu erfüllen; man wird ihn auslachen, ihn wie ein einfältiges Kind betrachten, das große Zahlen hingeschrieben, ohne einen Begriff zu haben von dem Wert, den sie repräsentieren.

Dieser Gedanke quälte ihn am meisten. Mit welchem Gesicht wird er vor jenen ernsten Männern erscheinen, welche ihm die Ehre erwiesen, seine Unterschrift anzunehmen, wie die eines volljährigen Mannes und ihn nicht um die Zahl seiner Jahre gefragt hatten. Auch diese Demütigung harrte seiner noch, auch darauf mußte er gefaßt sein!

Herb war der Prüfungsbecher, den er leeren mußte, aber er trank ihn aus bis auf den letzten Tropfen.

Einen ganzen Tag brachte er damit zu, von den teuern Erinnerungszeichen Abschied zu nehmen, die aus jedem Winkel Karpáthfalvas ihn mit lebenden Worten anzureden schienen; er durchwandelte die öden Gemacher, besuchte die einsame Grabstätte und sprach hier und dort mit der leeren Luft – für ihn war sie bevölkert mit lebenden Gestalten. Gegen Abend ließ er den einstmaligen Güterdirektor seines Vaters, den biederen Varga, zu sich kommen und übergab ihm die von den Wänden herabgenommenen Ahnenbilder, die Urkunden des Familienarchivs, er möge sie mit sich nehmen auf jene Pußta, welche Johann Karpáthi seinem treuen Verehrer testamentarisch vermacht hatte, um sie dort aufzubewahren.

Dem guten Alten bebten krampfhaft die Lippen, als er die altehrwürdigen Familiendenkmäler übernahm und auf seinen Wagen lud. Kaum vermochte er vor seinem jungen Herrn zu stammeln, er möchte deshalb diese Gegend nicht für immer verlassen, ihn wenigstens manchmal auf seiner einfachen Pußta besuchen, die sein Vater gesegneten Andenkens ihm zu Geschenk gemacht.

– Danke, gutes, altes Onkelchen, sagte der Jüngling mit erzwungener Lustigkeit, es kann sein, daß ich einmal, wenn ich nirgends einen Ort habe, mein Haupt hinzulegen, vor Ihrer Thüre erscheine und sage: ich bin gekommen, hier zu wohnen, können Sie mich zu etwas brauchen?

Herr Varga fand diesen Scherz keineswegs witzig und säumte nicht, dies auszusprechen.

– Mein lieber junger Herr, ich könnte sehr traurig werden über diese Rede, wenn ich nicht wüßte, daß es so weit nicht kommen wird; wenn Sie auch wirklich Ihren Gütern entsagen, so werden Sie deshalb doch nicht Not leiden, denn Ihr seliger Herr Vater hat in seinem Testamente eine Summe von mehreren hunderttausend Gulden dem Grafen Szentirmay zur Verfügung gestellt, mit der allgemeinen Weisung, damit vaterländische Unternehmungen zu fördern. Der hochgeborne Graf hat diese Summe zum größern Teil in solche Aktien gesteckt, welche seinerzeit wann immer in bares Geld umgesetzt werden können, was an den einen verloren geht, ersetzen die andern. Diese Summen werden noch immer hinreichend sein, um Euer Gnaden vor Mangel und Erniedrigung zu schützen.

Zoltán war es bei diesen Worten, als erwachte er aus einem furchtbaren Traume. Ihm bleiben noch einige hunderttausend Gulden, über die er verfügen kann! Dies war für ihn ein Erlösungsgedanke. Es steht also in seiner Macht, die große Ehrenschuld einzulösen, welche schwerer als die ganze Karpáthfalver Herrschaft, ja als das ganze Karpathengebirge, auf seiner Brust lastete. Er wird seinen Versprechungen nachkommen, die er als Unmündiger von sich gegeben, und die man dem Versprechen eines Mannes gleich geachtet! Das richtete sein Gemüt wieder auf, das stählte sein Herz. Möglich, daß er nach Abtragung seiner Verbindlichkeiten wirklich arm sein wird, daß ihm nichts übrig bleiben wird, doch was verschlägt's? bleibt ihm doch die Ehre, die Unversehrtheit des verpfändeten Manneswortes, und die ist doppelt kostbar, wo man auf sie seine Zukunft zu bauen hat.

Zoltán ließ den herrschaftlichen Beamten und der ganzen Dienerschaft ihren vollen Jahresgehalt auszahlen; wer weiß, ob der neue Besitzer sie noch langer in seinen Diensten behalten wird.

Er nahm von allem ein Inventar auf, machte Rechnungsschluß, damit der neue Besitzer die ganze Wirtschaft in Ordnung finde und nicht sagen könne, daß etwas verschleppt worden. Sogar den Wagen und die Pferde, mit denen er hergekommen, ließ er in das Inventar eintragen, auch sie gehören zur Karpáthischen Herrschaft, möge sich der neue Besitzer an ihnen gut geschehen lassen. Er selbst wird in einer Mietkutsche zurückreisen, mit der sein Advokat von Pest eintreffen soll, den er stündlich erwartet.

Kovács ist ein pünktlicher Mensch; er fährt eben in den Schloßhof herein, als die Lichter angezündet werden.

Das Hausgesinde, jeder herumschlendernde Unterthan zeigt ihm ein so trauriges Gesicht. Sie wissen schon, daß die Karpáthische Herrschaft aus den Händen des jungen Herrn Zoltán in die eines unbekannten fremden Herrn übergehen wird, obwohl sie keinen erdenklichen Grund dafür auffinden können; sie sind alle so niedergeschlagen im Vorgefühle der Änderung, die in ihrem eigenen Lose eintritt.

Kovács holte aus der Truhe des Wagensitzes einen Bund Papiere hervor, schob ihn unter die Achsel und fragte nach dem jungen Baron. Der wohlbekannte Kammerdiener führte ihn bis zur Thüre, dort sagte ihm der Advokat, er möchte niemand hereinlassen und trat dann in den Archivsaal, wo einst die Karpáthischen Ahnherren in der Ausübung des jus gladii die Herrenstühle abhielten und den sie deshalb mit einem großen Kamine versehen hatten.

Der alte Varga hatte vorsorglich im Kamin ein Feuer anmachen lassen, denn es war regnerische Herbstwitterung, bei der ein warmes Zimmer schon Anwert findet. Zoltán saß ermüdet in einem Armstuhl, mehr geistig als körperlich abgespannt; der alte Varga half ihm schweigen.

Das Erscheinen des Advokaten belebte beide; Zoltán ging ihm entgegen, während dieser den Aktenstoß, den er in der Hand hielt, ihm schon von weitem entgegenhielt: – Da sind sie ...

Jene fluchwürdigen Papiere, jene schändlichen, abscheulichen, unflätigen Aufzeichnungen, welche teuflische Berechnung zusammengetragen, sie sind endlich hier niedergelegt, in den Händen desjenigen, dessen Seelenruhe, dessen Lebensglück sie vergifteten; er kann mit ihnen thun, was er will, er braucht sich nicht mehr vor ihnen zu fürchten, sie werden seinen Schlaf nicht mehr stören.

– Sind alle Schriften darin? fragte Zoltán, als er seine bebenden Hände nach den Prozeßakten ausstreckte.

– Alle, ich habe mich davon überzeugt; es sind die Originalien. Der Prozeß ist für niedergeschlagen erklärt, der Kläger hat seine Auflage zurückgezogen und dem Einflusse Köcserepys gelang es sogar, die Streichung des Prozesses aus dem Archiv zu erwirken.

Zoltán nahm mit klopfendem Herzen den Aktenstoß und schleuderte ihn, zusammengebunden wie er war, in das Kaminfeuer.

Die drei Männer standen sprachlos um den Kamin und wandten kein Auge von dem brennenden Prozeß ab, der Stück für Stück in Flammen aufging. Die einzelnen aufflackernden Blätter bewegten sich in der heißen Kaminluft hin und her, als ob eine teuflische Hand in ihnen blätterte, um noch einmal die glühenden Zeilen zu lesen, und die Lappen jedes verkohlten Blattes flogen hinauf in die Flammen und wurden in den Rauchfang emporgerissen durch den starken Luftzug, der in den engen Kaminröhren so sauste, als ob darin etwas sich freute, oder zürnte. Von dem ganzen Aktenstoß blieb nicht einmal die Asche zurück; alles verschwand, nur der steife Umschlag blieb dort zusammengerollt zwischen den Kohlen; aus seiner schwarzen Oberfläche liefen die Feuerwürmchen geschäftig hin und her, ihre verstorbenen Geschwister suchend.

Wie seufzen alle drei Männer erleichterten Herzens aus.

Er ist nicht mehr!

Zoltán wandte sich mit freudestrahlendem Gesicht zu dem alten Güterdirektor.

– Sie können dem Grafen Szentirmay schreiben, daß Sie diese Schriften zu Asche verbrennen sahen.

– Noch besser würde diese Nachricht aus Ihrem eigenen Munde sich anhören, sagte der Alte. Jetzt hindert Sie nichts mehr, Szentirmays zu besuchen, die gewiß hocherfreut wären, Zoltán Karpáthi wieder als Familienmitglied aufzunehmen.

– Ich weiß, lieber Freund. Jetzt aber wäre es noch zu früh. Bis nun hatten sie mir den Zutritt versagt, jetzt bin ich es, der mir ihr Haus verbietet. Gegenwärtig bin ich nichts und ich will niemand zur Last fallen, am wenigsten denen, die mich lieben.

Kovács nickte Beifall. So hatte er Zoltán immer gekannt. Mit der Änderung seines Loses konnte sein Charakter keine Umwandlung erleiden.

– Ich habe noch eine Bestellung an Sie, sagte er, mit unveränderter Miene ein versiegeltes Schreiben aus der Brusttasche hervorziehend, das an Zoltán adressiert war.

Das Schreiben war von der Hand Maßlaczkys, der ihm in schwülstigen Phrasen zu wissen gab, es sei ihm gelungen, den gutmütigen Rat Köcserepy dahin zu bewegen, aus freiem Antriebe (diese Worte waren doppelt unterstrichen) Zoltán ein Vitalitium von zwölftaufend Gulden jährlich auszuwerfen, welche Großmut dem Herzen des hochgestellten Mannes sehr zu Ehren gereiche; zweitens habe sein hochherziger Einfluß auf ein anderes edles Gemüt die edle Wirkung gehabt, daß der Herr Advokat Kovács sein Amt auch fernerhin beibehalten wird, indem er seinen Posten als Fiskal der Karpáthischen Familie mit dem eines Rechtsanwaltes der Familie Köcserepy vertauscht, nachdem er selbst (Herr Maßlaczky nämlich) ohnehin eine ganz andere Stellung in der Familie des Herrn Rates einnehmen werde. Gegenwärtiges Schreiben habe als urkundlicher Nachweis für die gemachten Versprechungen zu dienen, im übrigen versichere er beide seiner aufrichtigen Gönnerschaft u. s. w.

Das Blut war Zoltán in die Wangen gestiegen, während er den Brief zu Ende las. Er war so empört, daß er ihn in vier Stücken zerriß und ins Feuer werfen wollte. Erst dann besann er sich, daß ja der Brief auch Kovács angehe und fing an zu bedauern, ihn voreilig zerrissen und dadurch dem Glück seines Freundes sich in den Weg gestellt zu haben. Wie, wenn dieser das Anerbieten annähme?

Ein Blick auf das unveränderlich ernste Gesicht brachte ihn wieder auf andere Gedanken. Er ballte den Brief zusammen und schleuderte ihn ins Feuer.

Erst dann teilte er Kovács den Inhalt des Briefes mit.

Er zweifelte nicht daran, daß der junge Advokat das ihm gemachte Anerbieten ebenso dem Feuer überantwortet haben würde, wie er es mit dem seinigen gethan; und den jungen Rechtsgelehrten erfreute diese Eigenmächtigkeit seines Klienten mehr, als irgend eine Belohnung, die von interessierten Menschen als etwas, das sich greifen und zählen läßt, für wertvoll gehalten zu werden pflegt.

Auch er würde ebenso gehandelt haben und es that ihm wohl, daß Zoltán nicht einmal die Möglichkeit des Gegenteils bei ihm vorausgesetzt hatte.

Am anderen Tage, noch vor Tagesanbruch, verließen Zoltán und sein Advokat Karpáthfalva. Varga blieb dort, um der künftigen Gutsherrschaft die Rechnungen einzuhändigen.

Sie entfernten sich in aller Stille aus dem Kastell, als noch alles schlief. Schon am Abend vorher hatte Zoltán seine Dienerschaft verabschiedet; auch der Kammerdiener erfuhr jetzt, warum man ihn »armer Junge« genannt. Zoltán gab ihm zu wissen, daß er nicht mehr in der Lage sei, einen Kammerdiener zu halten.

Als sie ans Ende des Karpáthfalver Wildparks kamen, durch welchen die mit hohen Pappeln eingefaßte Straße lief, ging eben die Sonne auf und gewahrten die beiden Reisenden, daß die Straße vor ihnen der Länge nach mit Landvolk besetzt war; Männer, Weiber und Kinder standen an den Rändern der Straßengraben und so wie ihr gewesener Grundherr an ihnen vorüberfuhr, begrüßten sie ihn von allen Seiten mit lauten Éljenrufen.

Die guten Leute hatten sich erkundigt, wenn er abreisen werde, und so geheim er auch seine Abfahrt gehalten, hatten sie ihm doch aufgepaßt, nur um ihn noch einmal zu sehen und ihm nachzurufen: Gott geleite Sie und führe Sie zu uns je eher wieder zurück!

Zwölf berittene Burschen sprengten aus dem Gehölz hervor, an beiden Seiten des Wagens. Marczy, der Stallknecht des seligen Herrn, war ihr Anführer. Zoltán ersuchte sie, zurückzubleiben.

O, wenn es auf sie ankäme, würden sie ihn bis ans Ende der Welt begleiten.

Bis hin zur Theißüberfuhr ritten sie neben seinem Wagen her, erst am Ufer blieben sie zurück und auch da noch riefen sie die Hüte nach ihm schwenkend: – Der Himmel bringe Sie uns je eher zurück!

Zoltán entfernte sich von Karpáthfalva, ohne auch nur ein einziges Mal nach seinem verlorenen Erbbesitz zurückzublicken. Hatten doch die leblosen Dinge ihm ebenso nachfolgen können, wie die Herzen der Menschen!

Sie übernachteten nirgends, sondern reisten mit unterlegten Pferden ohne Unterbrechung weiter und hielten am Abend des andern Tages vor Kovács' Wohnung in Pest.

Als sie aussteigen wollten, trat zu ihrer nicht geringen Überraschung der in Karpáthfalva zurückgelassene Kammerdiener an die Kutsche, um den Wagenschlag zu öffnen.

Zoltán wußte nicht, was er ihm sagen sollte. Der wackere alte Knabe war hinten aufgestiegen und so von Karpáthfalva bis hierher gekommen.

– Jetzt können der junge Herr mich doch nicht fortschicken; wenn Sie mir auch keinen Lohn zahlen, ich werde schon etwas zu beißen finden.

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