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Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob

Maurus Jókai: Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/jokai/sohnnabo/sohnnabo.xml
typefiction
authorMaurus Jókai
titleZoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
firstpub
translatorEduard Glatz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121211
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3.

Handel um eine arme Seele.

Es ist eine uralte Sage, die in den Mythen beinahe aller Religionen vorkommt, daß jener seltsame Geist, welcher das schlechte Prinzip in der Welt repräsentiert, mag er nun Satan, Dämon, Asmodi oder Mephistopheles heißen – da dieser in allen Ländern steckbrieflich verfolgte, aber nie eingebrachte Industrieritter der Unterwelt verschiedene Namen führt – sich eine oder die andere arme Seele aussucht, welche arme Seele dann, um sie vor dem Untergange zu retten, ein anderer idealer Geist, den man nur einfach Engel nennt, in seinen Schutz nimmt, sich dem mühseligen Geschäft unterziehend, eine elende Kreatur vor dem Mißgeschick zu bewahren, aus eigenem Antriebe die Nase in eine Pfütze zu stecken, was gewiß auch nur für Engel ein Zeitvertreib ist. Menschliche Geduld würde so einen armen Kerl längst sich selbst überlassen haben und sich weiter darum nicht kümmern, ob ihn der Teufel oder er den Teufel holt, wie sie es nun miteinander abgemacht haben mögen.

Einer solchen übermenschlichen Aufgabe unterzog sich unser Freund Kovács, indem er nach Preßburg reiste, um Abellino mit geistigen Bekehrungsmitteln auf den ihm unbekannten Pfad des Rechts und der Vernunft zu bringen.

Nach Ablauf weniger Monate war es ihm gelungen, für seinen Klienten die gewünschte Majorennsprechung zu erlangen. Er hatte dabei wenig Hindernisse zu besiegen gehabt; abgesehen von dem mächtigen Einfluß der Parteikämpfe sah jedermann mit Freuden eine Persönlichkeit, wie Zoltán, selbständig werden, dies umsomehr, da der Vormund selber, da auch Tarnaváry die Entlassung Zoltáns aus der Kuratel billigte; wahrscheinlich war er froh, der Verantwortlichkeit für den ihm auf den Hals gewachsenen Sohn los zu werden.

Tags darauf, nachdem Zoltán seine Majorennerklärung erhalten hatte, befand sich Kovács schon in Preßburg und beeilte sich, Abellino, nachdem er dessen Wohnung erfahren, aufzusuchen.

Wie wir wissen, war Maßlaczky um dieselbe Zeit gleichfalls in Preßburg.

Jene kleine Episode mit dem Salzdoktor hatte ihn verhindert, Abellino davon zu unterrichten, daß, wie er zu glauben Grund habe, Zoltán nur deshalb um seine Majorennsprechung eingekommen sei, um in dem Prozeß selbständig auftreten zu können. Es war ihm leicht, das herauszufinden, nachdem er wußte, daß der Jüngling von dem Inhalt des Prozesses sich Kenntnis verschafft hatte und unmittelbar darauf um seine Großjährigkeitserklärung eingeschritten war.

Der Advokat muß Psycholog sein!

Am andern Tage kehrte er Arm in Arm mit dem Herrn Doktor zu dem im Bett liegenden Unglücklichen zurück, der höchlich verwundert war zu sehen, daß die beiden einander noch keine Kugel durch den Leib geschossen. Dazu waren die beiden viel zu vernünftige Leute. Advokaten und Ärzte pflegen nicht leicht sich zu duellieren. Die ersteren wissen sehr gut, daß dies ein außergesetzlicher Akt, die anderen aber kennen zu genau die physischen Folgen, die er nach sich ziehen kann; ein vom Geiste seines Berufes erfüllter Advokat muß zudem sich immer vor Augen halten, daß er dazu bestellt ist, auf gesetzlichem Wege und zwar gerade dem angegriffenen Teile Recht zu schaffen; ein vernünftiger Arzt hinwiederum kann sich leicht denken, daß er sein Diplom nicht erhalten hat, um Wunden zu machen, sondern um Wunden zu heilen; deshalb kommen auch in diesen zwei Fakultäten keine Duelle vor. Diese Art, sich Genugthuung zu verschaffen, bleibe leichtsinnigen Grafen, Baronen und andern Leuten überlassen, deren Beruf das Waffenhandwerk ist.

– Liebe Gnaden, wie fühlen Sie sich seit gestern? Sie sehen um vieles besser aus, der liebe Doktor verrichtet in der That Wunder, das ist wirklich ein Meisterstück.

So sprach Herr Maßlaczky.

Der Doktor beeilte sich das Kompliment zurückzugeben.

– Freiherrliche Gnaden werden um zwei Wochen früher das Bett verlassen, wenn Sie die gute Neuigkeit erfahren, die Ihnen mein Freund mitteilen wird. Herr Maßlaczky ist ein erstaunlicher Mensch. Kaum daß ich es erwarten kann einen Prozeß zu haben, um ihm denselben anvertrauen zu können.

– Und ich kann kaum erwarten, einmal krank zu werden, um von dem Herrn Doktor in einen neuen Menschen umgewandelt zu werden.

– Was treiben Sie da? fuhr Abellino in ärgerlichem, hoffärtigem Tone die sich gegenseitig beräuchernden Diplomträger an.

– Was thun wir denn?

– Machen Sie einander nicht so viele Komplimente in meiner Gegenwart! – Dann aber setzte er hinzu, um die beiden Herren nicht zu beleidigen: – in Gegenwart eines kranken Menschen.

– Wie so denn?

– Es ist nicht wahr, daß ich besser bin. Ich bin vielmehr ganz hin, stöhnte Abellino, der kaum imstande war, seine Kiefern zusammen zu bringen. Wegen Ihrer garstigen Zänkerei lag ich die ganze Nacht im Fieber.

Abellino sprach so stotternd und abgerissen, als lernte er jetzt erst aus der Fibel das Syllabieren. Die zwei Diplomierten ließen sich den Text von ihm lesen.

– Es war abscheulich von Ihnen, vor einem kranken Menschen sich so zu zanken. Sie könnten doch wissen, wie nervös ich bin. Ich bin um drei Wochen zurückgesetzt in meiner Kur.

Maßlaczky sprach mit Katzenfreundlichkeit dazwischen:

– Die gute Nachricht, die ich Ihnen bringe, lieber Baron, wird Sie um sechs Wochen vorwärts bringen.

Sonst bramarbasierend, war er jetzt zuckersüß. Er hatte seine Gründe dafür.

– Also, was ist's denn? sagen Sie's – brachte Abellino mühsam hervor. Es war eine Pein, ihn reden zu hören.

Beide Männer traten mit lächelnder Miene näher zum Bett.

– Der Advokat Zoltáns ist in Preßburg angekommen und wird Euer Gnaden besuchen.

Und was dann? fragte der Patient, dessen Gedankenräder auch in gesundem Zustande sich schwerfällig bewegten.

– Wahrscheinlich wünscht er einen Vergleich vorzuschlagen.

– Wozu nimmt er sich diese Mühe? Mich holt ohnehin heute, morgen der Teufel. Kann er nicht so lange warten? Dann steht ihm niemand mehr im Wege.

– Um Gottes willen, wie können Eure Gnaden so sprechen? begann nun der Arzt. Euer Gnaden sind gerade jetzt in dem Stadium, wo alle Lebenswerkzeuge sich neu bilden; noch eine zweiwöchentliche Kur, dann ein kurzer Ausflug nach Marienbad und hernach ein Sommeraufenthalt in Ischl, so werden Euer Gnaden zurückkehren als ein Antinous. Sehen Euer Gnaden nur mich an; ich selbst habe diese Kur durchgemacht, ich war so eingetrocknet, wie ein Hering, und wie bin ich jetzt? – Belieben mich anzusehen. Ich war siech, elend, hatte schon Testament gemacht, meine junge Frau glaubte schon, sie werde bald nach Belieben sich einen zweiten Mann wählen können; sie täuschte sich: ich habe sie zum Trotz überlebt und noch ein zweites Mal geheiratet.

Abellino lächelte. Wir wissen nicht, ob deshalb, weil er es für einen köstlichen Spaß vom Doktor hielt, seine junge Frau zu überleben, die sich schon Rechnung auf einen zweiten Mann gemacht hatte, oder vielleicht, weil eine ähnliche Hoffnung auch in ihm entstand.

– Euer Gnaden haben keinen organischen Fehler und werden sich ganz erholen, sobald Sie von drückenden Sorgen befreit sein werden und wieder ihren nobeln Passionen nachhängen, auf Reisen gehn, sich unterhalten, jagen, bequem leben können; und in dieser Beziehung muß ich respektvoll meinem Freund, dem Herrn Fiskal, den Platz räumen, als welcher allein imstande ist, diesen noch fehlenden Teil meines Heilplanes zu ergänzen.

Bei diesen seine Phantasie entzündenden Versicherungen begann das abgezehrte Gesicht Abellinos sich zu beleben, mit großer Anstrengung richtete er sich auf den Ellbogen im Bette auf und bemerkte nicht, daß er kaum imstande war, den Kopf aufrecht zu erhalten.

– Wirklich? Ist dem in der That so, Herr Doktor? Wenn das alles wahr wird, setze ich im Reichstag durch, daß Sie geadelt werden! – Ich selbst erlege für Sie die Indigenatstaxe.

Der Herr Doktor fand diele Zusicherung sehr schmeichelhaft; bei sich aber dachte er, ihm wäre es viel lieber, das Geld auf die Hand zu bekommen und dann meinetwegen zum Bauer degradiert zu werden.

Es wurde an der Thüre geklopft.

– Herein! riefen alle drei.

Sie hatten sich in ihrer Erwartung nicht getäuscht: der Hereintretende war Zoltáns Advokat.

Kovács war von sanftem und stillen Temperament, allein sein Aussehen war nicht darnach. Er war von ungewöhnlich brauner Gesichtsfarbe, hatte eine niedrige Stirne, kurzes pechschwarzes Haar, seine dichten Augenbrauen waren vorne beinahe zusammengewachsen; wer ihn nicht näher kannte, konnte sich leicht einbilden, mit diesem Menschen wäre es nicht geraten, an einem einsamen Orte zusammen zu treffen. Möglich, daß er bei dieser Gelegenheit sich noch weniger Mühe gab, als sonst, freundlich zu erscheinen.

Er sagte kurz, wer und was er sei, und daß er in dem bewußten Prozeß eine kurze Unterredung wünschte mit dem Herrn Baron. Während er sprach, warf er einige Seitenblicke auf die anwesenden zwei Herren, welche deutlich genug ausdrückten, daß er nicht böse sein würde, wenn dieselben zur Stunde sich auf einer Kunstreise befinden würden. Schlechteres wünschte er ihnen nicht.

Maßlaczky bemerkte diese Blicke und beeilte sich, ihnen zuvorzukommen.

– Wir sind Vertrauensmänner des gnädigen Herrn Barons! ich bin sein Anwalt, der seine Rechte wahrzunehmen verpflichtet ist.

– Ich aber bin sein Haus- und Familienarzt, der über seine kostbare Gesundheit zu wachen hat.

– Wir können keinen Augenblick uns von ihm entfernen.

– So ist's, bekräftigte Abellino, mit einfältiger Übertreibung hinzusetzend: diese Herren wohnen bei mir und schlafen auch hier.

Schade, daß Kovács es nicht fragte, ob unter dem Bett oder im Wandschrank?

– Es wäre mir lieber gewesen, eine Unterredung unter vier Augen erhalten zu können, wenn es aber nicht sein kann, muß ich mich darein fügen.

– Belieben sich zu setzen, lieber Herr Kollege, sagte Maßlaczky, einen Stuhl anbietend, und so nahmen die drei Männer Platz um das Bett Abellinos, zu nicht geringem Verdruß des letzteren, der es lieber gesehen hätte, wenn alle drei respektvoll in stehender Stellung verblieben wären.

– Ich komme ohne Umschweife zur Sache, Ich will Euer Gnaden nicht lange belästigen. Euer Gnaden haben einen Prozeß gegen meinen Klienten und ich bin von ihm bevollmächtigt, den Prozeß mit Ihnen nach Möglichkeit auszugleichen.

– Nachdem Se. Hochgeboren Herr Zoltán Karpáthi seine Majorennsprechung erwirkt hat, – das hatte vorausgeschickt werden müssen, bemerkte Herr Maßlaczky. Nun lieber Herr Kollege, ich sage das nur, weil bei einer Information es immer nötig ist, die logische Ordnung einzuhalten. Ein Advokat muß auch Logik haben.

Kovács bedankte sich nicht für diese gütige Belehrung, sondern fuhr sehr lakonisch fort:

– Im Namen meines Klienten bin ich so frei, Euer Gnaden einen Vergleich anzubieten. Der Karpáthische Familienbesitz besteht aus zwei gleich großen Herrschaften, aus der Karpáthfalver und der Madaraser. Beide befinden sich jetzt in sehr gutem Stande und werfen bei zweckmäßiger Verwaltung eine jede zwei bis dreimalhunderttausend Gulden jährlich ab. Mein Klient bietet Ihnen eine brüderliche Teilung an. Wählen Sie nach Belieben eine von diesen Herrschaften, er tritt sie Ihnen ab, unter der Bedingung, daß der Prozeß niedergeschlagen wird.

Bei diesem Anerbieten blieb Abellino der Atem stehen; schon reichte er die Hand hin, als Maßlaczky vom Stuhle aufsprang, und hitzig dazwischen fuhr.

– Kein Kompromiß! entweder alles, oder nichts! Lieber Herr Kollege: ein Abellino Karpáthi läßt sich kein solches Anerbieten stellen, wenn er dem Abschlusse des Prozesses nahe ist. Warum haben Sie dieses Anerbieten nicht gemacht bei Beginn des Prozesses und warum thun Sie es jetzt, wo der Prozeß der Entscheidung nahe gerückt ist? weil Sie sehen, daß Sie alles verlieren werden.

Kovács hätte auf diese Fragen viel zu antworten gehabt, allein in der Gegenwart eines vierten mußte er das Geheimnis seines Klienten bewahren. Maßlaczky wußte sehr gut, daß Kovács damit nicht herausrücken wird, aber er hatte keine Ahnung, daß er ein ganz anderes Geheimnis zum besten geben könne.

– Mein Herr, Sie waren vorher so gütig, mich zu belehren, daß ein Advokat Logik haben müsse. Ich bin so glücklich, meinerseits Ihnen mit einer andern Lehre dienen zu können. Ein Advokat muß es auch ehrlich meinen mit seinem Klienten. Ich behaupte nicht, daß dies bei Ihnen nicht der Fall, ich weiß nur soviel mit Gewißheit, daß Sie Ihrem Klienten eine Cession der Karpáthischen Güter an einen dritten abgedrungen und ihm aus den enormen Einkünften, welche dieser dritte erwirbt, nur ein armseliges Almosen gesichert haben. Und nun, wo ich dem Herrn Baron statt der vierundzwanzig Tausend, welche Sie ihm versprachen, zweihundert Tausend verspreche, treten Sie dazwischen, um es zu verhindern, wohl wissend, daß, wenn wir uns ausgleichen, die gegebene Cession alle Kraft verliert, weil sie auf Voraussetzungen beruht, die nicht eingetreten sind und daß Sie dann für jenen dritten die Sache verlieren, welche Sie Ihrem eigenen Klienten aus den Händen spielen wollten. Das ist eine Handlungsweise, mein Herr, wofür Ihr Klient, wenn er Lust dazu hat, lebenslängliches Silentium über Sie verhängen lassen könnte und welche Sie Ihre Advokatenstellung kosten kann. Ich bin so frei, an den Baron Bela Karpáthi einfach die Frage zu stellen, ob er die allen Ansprüchen der Billigkeit genügende honette Jahresrevenue von zweimalhunderttausend Gulden, welche wir ihm anbieten, geringer anschlägt, als das schäbige Almosen von vierundzwanzigtausend Gulden, welches sein eigener Rechtsanwalt ihm aufgedrungen hat.

Abellino sprang auf diese Worte aus seinem Bette. Er sah aus wie ein dem Grabe entstiegenes Totengerippe. Seine Zähne schlugen aneinander und seine Hände zitterten.

– William! William! kreischte er. Komm her! Hilf mich ankleiden. Ich gehe. Ich gehe auf der Stelle. Das ist schändlich, entsetzlich, was man mit mir treibt. Meinen Gehrock, meine Stiefel! William!

Maßlaczky war einer Ohnmacht nahe. Er wandte sich an den Doktor um Assistenz, der aber hätte ihn beinahe auch aufgefressen.

– Herr Advokat! dieser zweite Herr Advokat hat vollkommen recht. Wenn's von mir abhinge, würde ich dem Herrn Silentium auferlegen. So was ist noch nicht erhört worden! Kommen Sie mir nicht in die Nähe. Ich fürchte mich vor Ihnen. Das ist ja ein crimen stellionatus!

Herr Maßlaczky fühlte, daß er in seinem Leben noch in keinem solchen Gedränge gewesen. Abellino fing wirklich an, sich anzukleiden, obwohl jedes seiner Glieder ihn aufs Lager zurückzog.

– Mir recht, ganz recht! keuchte der Herr Fiskal vor sich hin, indem er gleichfalls den Oberrock anzuziehen begann. Belieben Euer Gnaden nur dasjenige zu thun, was Ihnen von Ihren Gegnern geraten wird. Belieben Sie mich austrommeln zu lassen als einen landesgefährlichen Betrüger, belieben Sie Silentium gegen mich zu verlangen, belieben Sie jene einflußreichen Männer, denen Sie den günstigen Stand Ihrer Angelegenheit verdanken, zu kompromittieren! Ich habe es ja nicht besser verdient dafür, daß ich mich seit sechzehn Jahren in Ihren Angelegenheiten ohne alle Bezahlung abmühe; jetzt werde ich wenigstens kavaliermäßig belohnt. O nur zu!

Herr Maßlaczky hatte während dieses Monologs den Oberrock bis zum Hals zugeknöpft und war jetzt daran, sich einen großen Shawl um den Hals zu wickeln. Abellino war mittlerweile mit dem Beistand Williams noch nicht in seine Stiefel gekommen. Es fehlte ihm die Kraft dazu. Er war genötigt, seine Schuhe hervorzuholen. Diese waren seit Wochen nicht geputzt worden, und hatten schon grünen Schimmel angesetzt. O William, was für ein unordentlicher Schlingel bist du!

– Herr Maßlaczky hatte schon seine Handschuhe angezogen.

– Ich verlasse Sie für immer, mein lieber gnädiger Herr. Es wird eine Zeit kommen, wo liebe Gnaden viel darum geben würden, mich zu haben, aber ich werde nicht zu finden sein. Gehen Euer Gnaden, wohin man Sie ruft. Kehren Sie zurück zu Ihrem lieben Cousin, küssen Sie ihm die Hand, oder meinetwegen auch die Wangen. Er ist sehr seiner lieben Mutter ähnlich. Ja, auch seinem lieben Vater. Das Wiedersehen mit ihm wird sehr angenehme Erinnerungen bei Ihnen erwecken. Auch der Graf Szentirmay ist ein sehr lieber Mann. Er wird sehr erfreut sein, Euer Gnaden wieder zu sehen. Es war schade, so lange mit ihm in Feindschaft zu leben. Nun Sie werden sich das alles gegenseitig vergessen, Sie werden sich aussöhnen, die Teilung vornehmen, sich umarmen. Mich kümmert das alles nicht mehr. Niemand wird Euer Gnaden Charakterlosigkeit vorwerfen. Warum auch? Euer Gnaden sind ein guter Christ, der seinem Todfeinde sechzehn Leidensjahre mit Freuden vergiebt für ein paar tausend Gulden. Ich für meine Person muß gestehen, kein so barmherziger Samaritaner zu sein. Mir haben Hochdero Gegner nie etwas zu Leide gethan, mir hat Herr Johann Karpáthi keine Geliebte vor der Nase weggeschnappt, mich hat er nicht verhöhnt und beschimpft, mich hat man nicht durch sechzehn Jahre in meinem Ahnenhause um mein tägliches Stück Brot betteln lassen, mich hat man nicht zum Gespötte der Welt gemacht – aber wenn sie nur ihre Hand hinreichten und mir eine ganze Welt versprächen ... ich bin ein armer Mensch, der nur von der Arbeit seines Kopfes lebt ... aber ich würde sie zurückweisen und lieber auf dem Straßenpflaster zu Grunde gehen, aber meinen Stolz retten. Das würde ich Gabriel Maßlaczky thun, der ich weder Graf, noch Baron, noch ein Gentleman bin; aber deshalb würde ich doch keinen Händedruck von einem Arm annehmen, der mich einmal ins Gesicht geschlagen.

Während dieses Sermons hatte sich Herr Maßlaczky den Shawl wieder vom Halse gewickelt, obwohl kein Mensch ihn darum ersucht halte.

Der unglückliche Baron saß während dieser Rede schmerzlich zusammengekrümmt auf seinem Lager, den schweren Kopf in den Händen haltend und die spitzen Ellbogen auf die magern Knie gestützt, während die Fußsohlen vom Rande des Bettes trostlos herabhingen.

William brachte die gereinigten Schuhe; der Baron schlug sie ihm um den Kopf: Das ist ja ein ungleiches Paar!

Dann warf er sich wieder rücklings aufs Bett, zog die Decke über sich und stierte mit seinen gläsernen Augen den Plafond an.

Kovács sah mit verschränkten Armen dem tobenden Advokaten zu, dessen Schmähreden er für Ausbrüche seiner Ohnmacht nahm und sie mit keinen, Worte unterbrach.

Maßlaczky hatte allmählich seinen Oberrock wieder aufgeknüpft, ohne daß Ihn jemand dazu aufgefordert hatte.

– Mögen einfältige Leute mit offenen Augen in die Falle gehen. Wenn jemand ein Vergnügen daran findet, sein Glück zum Fenster hinaus zu werfen, wer kann ihn daran hindern? Ich werd' es nicht thun. Mit solchen Dingen gebe ich mich nicht ab. Ich bin lange genug der gute Narr gewesen, mich foppen zu lassen. Nicht Euer Gnaden zuliebe! – Bitte sich das nicht einzubilden. Hatte mich nicht ein Engel dazu genötigt, würde ich wohl je einen Schritt in dieser Sache gethan haben? Nie! Ja, ein Engel, der mir sagte: hier dieser arme, vom Schicksal verfolgte Mann wäre eines glücklicheren Loses wert, suchen wir ihm aufzuhelfen, seien wir ihm behilflich, das ihm geraubte Erbgut zurückzuerlangen, machen wir ihn glücklich, machen wir ihn glückselig. Ja: glückselig! Wissen Sie, was Sie in dieser Stunde ausgeschlagen? Die Liebe einer reinen, unschuldigen Seele, deren Hand Sie in den vollen Besitz ihrer ahnherrlichen Güter gesetzt und Sie nicht nur reich, sondern auch zum glücklichsten Menschen unter Gottes Himmel gemacht haben würde. Ich danke dem Allmächtigen, daß ich Ihnen das nicht schon früher gesagt habe. So wird wenigstens ein unschuldiges Kind seinen Traum fahren lassen, Sie glücklich zu machen

Der treffliche Psychologe ging so weit, seinem Klienten mit der Hoffnung auf die Hand seiner eigenen Verlobten zu schmeicheln. Er dachte, der Baron werde ohnehin nicht mehr so lange leben.

– Doch was kümmert das Euer Gnaden? Was denken Sie an Familienfreuden? Eine stille, häusliche, reizende junge Frau, ein traulicher Familienherd, eine blühende Nachkommenschaft, was ist Ihnen das?

Er wußte wohl, daß Abellinos Herz keine süßeren Träume kannte, für die jeder abgelebte Sünder schwärmt.

– Was brauchen Euer Gnaden an Familie zu denken, fuhr Herr Maßlaczky mit bitterm, schneidenden Hohn fort. Können Sie sich ja doch mit dem Grafen Szentirmay aussöhnen, und dann brauchen Sie nicht mehr für ihr eheliches Glück besorgt zu sein.

– Mein Herr! rief Kovács, vom Stuhle aufspringend; – ich verbiete Ihnen, dies Thema zu berühren.

Das Verbot ward mit einer Stimme und einer Aktion eingelegt, daß alle drei anwesenden Männer erschrocken verstummten und der arme Doktor in seinem Schreck von einem solchen Schlucken befallen wurde, daß man befürchten konnte, er werde aus sich selbst herausfahren.

Kovács' Augen funkelten, seine Lippen bebten so, daß man gefaßt sein mußte, er werde, was nur in dem Hause neben dem Michaeler Thor wohnt, durch dies eine Fenster hinausfuhrwerken.

Abellino zog sich die Decke bis über die Nase und Herr Maßlaczky trat zwei Schritte zurück. Erst später fiel ihm ein, daß er keine Ursache habe sich zu fürchten, daß ihm vielmehr nichts erwünschter sein konnte, als wenn sein Gegner sich an seiner Person vergriffe, er wurde dadurch ein crimen majoris potentiae begehen, und zwar in Gegenwart zweier Zeugen; – er trat also wieder nach vorne.

– Was haben Sie ein Recht mir zu verbieten? sagte er, den Oberrock über der Brust auseinanderschlagend. Daß ich meinen Klienten von seinen Gegnern nicht hinters Licht führen lasse? Daß ich in eine Sache drein rede, die auch mich betrifft? Oder was?

– Daß Sie von dem Grafen Szentirmay in unehrerbietigem Tone sprechen! sagte Kovacs mit fester Entschiedenheit.

– Das thue ich beileibe nicht. Habe ich es je gethan? Ausgenommen, was mir meine Berufspflicht auferlegte. Das aber kann ich keinenfalls zugeben, daß am Schlusse des von mir instruierten Prozesses Graf Szentirmay, oder Sie, oder Baron Zoltán Karpáthi meinen Klienten auf ihre Seite ziehen. Wenn Sie ihm die Hälfte der Karpáthischen Herrschaften antragen, so sichere ich ihm dasselbe zu; versprechen Sie Zweidrittel, so verspreche ich Dreiviertel; stellen Sie ihm das Ganze in Aussicht, so zeige ich ihm als Zugabe noch die Hand eines reizenden Engels in der Perspektive. Nun, belieben Sie zu licitieren.

Mit diesen Worten setzte sich Herr Maßlaczky herausfordernd vor das Bett Abellinos.

– Belieben Sie zu licitieren!

– Belieben Sie! wollte auch der Herr Doktor sagen, der jetzt wieder Maßlaczkys Partei ergriff, allein mitten im Worte befiel ihm wieder der Schlucken und stieß den Laut beinahe zum Scheitel des Kopfes hinaus.

Kovács blickte stumm auf Abellino, auf dessen Gesicht sich in schmerzlicher Verzerrung der Gedanke auszuprägen schien: es sei leicht ihn jetzt Hunderttausende, Millionen und alle irdischen Engel zu versprechen, wo er schon am Rande des Grabes liegt! ...

Kovács blickte mit verächtlichem Mitleid auf den hinfälligen willenlosen Menschen, dessen Gedanken bei jedem neuen Wort umsprangen und der jetzt unter den konträren Einflüssen, die auf ihn einstürmten, körperlich und geistig alles Gleichgewicht verloren hatte.

– Lassen Sie mich in Ruhe, meine Herren! jammerte er, ungeduldig auf das untere Ende seines Bettes stampfend. Was stören Sie einen armen kranken Menschen, gehen Sie fort von hier; machen Sie die Sache unter sich ab, wie immer; nur mich fragen Sie um nichts; ich unterschreibe nichts, ich antworte auf nichts.

Darauf drehte er sich gegen die Wand und fing an zu flennen, welche Gottlosigkeit es sei, ihn nicht gesund werden zu lassen.

Kovács sah ein, daß sein Prozeß verloren sei: dieser klägliche Mensch hat nicht eine Stunde seinen eigenen Willen.

– Bis morgen früh werde ich Ihnen schriftlich unsere letzten Bedingungen mitteilen, sagte er zu Maßlaczky gewandt, dann nahm er seinen Hut und entfernte sich.

Abellino beachtete er so wenig, als er ein unter einer Bettdecke liegendes Stück Holz beachtet haben würde. In der That lag er dort wie ein Klotz.

Herr Maßlaczky rieb sich die Hände und bäumte sich vor Vergnügen, er hätte Lust gehabt, auch mit der Zunge zu schnalzen und auf den Sessel zu springen, um sich von dort herab zu freuen.

Der Klotz bewegte sich im Bette. Sein Blick traf die beiden zurückgebliebenen Männer.

– Und warum find Sie noch da? Gehen Sie! Um Gottes willen lassen Sie mich allein! Niemand soll zu mir kommen, ich will niemand sehen.

Herr Maßlaczky schlug sich das große Tuch lustig um den Hals, beugte sich über das Haupt des Kranken, und flüsterte ihm zärtlich ins Ohr: – Lieber, teuerer, süßer Baron, bald werden wir am Ziele sein.

– »Bald werden wir am Ziele sein,« stöhnte ihm das Stück Holz nach, mit dem Gedanken an das letzte aller Ziele, das dunkle Grab.

Herr Maßlaczky hätte beinahe Tisch und Stühle umgeworfen mit seinen Abschiedskomplimenten und hielt schon die Thürklinke in der Hand, als der Doktor, der bisher beim Fenster gestanden war und hinausgeschaut hatte, sich umwandte und mit ernster argwöhnischer Miene sagte: – Ich habe ihn noch nicht zum Thor hinausgehen gesehen.

– Wen? fragte Herr Maßlaczky erschrocken.

– Den von vorhin. Es sieht ihm nichts Gutes aus den Augen. Ich möchte nicht bei Nacht auf der Gasse mit ihm zusammentreffen. Ich glaube er führt auch einen Stilettstock bei sich, er warf meinem werten Freunde beim Weggehen einen Blick zu, als ob er etwas Böses im Schilde führte. Hier auf dieser dunklen Treppe könnte man eins übers Ohr erhalten und man wüßte nicht einmal, von wem es kommt.

– Herr Doktor, sagte Maßlaczky, gehen wir zusammen.

– Ich kann nicht, entschuldigte sich dieser. Ich muß mit meinem Patienten konsultieren: das dauert lange, eine Stunde, auch zwei.

– Mein Herr, sagte Maßlaczky in dem Tone desperater Dreistigkeit, das ist eine Herzlosigkeit von Ihnen. Mich allein in den Rachen der Gefahr hinabsteigen zu lassen, Sie wären imstande nicht zu hören, wenn jemand Zetermordio schreit, und mir nicht zu Hilfe zu eilen.

– Ich, mein Herr? Ich würde Sie ohnehin nicht beschützen können, das ist nicht meines Amtes. Ich bin ein friedfertiger Mensch, ich diene niemand als salvus conductus.

Herrn Maßlaczky trat der Schweiß aus allen Poren. In seiner Freude hatte er schon mit seiner Siegesnachricht in die Arme Köcserepys fliegen wollen, aber das Bewußtsein, keine Flügel zu haben, brachte ihn wieder auf den Gedanken, daß es vielleicht besser Ware, hier zu bleiben. Endlich fand er sich zurecht. Draußen vor der Thüre lungerte William, an den machte er sich liebkosend.

– William, mein guter William, nicht wahr, du hast jetzt Zeit? sich, da hast du zehn Kreuzer, begleite mich nach Hause: nur bis dort, wo die Fiaker stehen, dort kannst du wieder umkehren. Nicht wahr, du thust es?

William ließ sich für einen Silberzehner herbei, Herrn Maßlaczky zu begleiten, der ihn aus der Treppe als Avantgarde vorausgehen ließ; als sie zum Thor hinaus waren, nahm er ihn hinter sich, um sich den Rücken zu decken.

Als der friedliebende Arzt vom Fenster aus sah, daß Maßlaczky den William entführt hatte, fing er für sein eigenes teueres Leben zu zittern an.

– Er schleppt den einzigen Mann im ganzen Hause mit sich. Jener Mensch wird zurückkommen und uns alle der Reihe nach umbringen. Im ganzen Stock wohnt nur noch eine alte Frau mit ihrer Köchin. Gnädiger Herr, ich empfehle mich. Ich lasse mir niemand zuliebe die Gurgel abschneiden. Ergebenster Diener.

Er nahm den Hut und lief davon; den Stock vergaß er und kam noch einmal zurück, um ihn zu holen. Ohne Stock wäre es nicht rätlich, nach Hause zu gehen. Bis er nicht die dunkle Treppe unten war, sprach er beständig nach rückwärts, als ob dort noch fünf, sechs Personen waren, die ihn hinabbegleiten wollen, die ihm hinunter leuchten. Er bat, sie möchten sich doch nicht bemühen und wagte erst, als er beim Thore draußen war, frei aufzuatmen, im Gefühle, daß er sich hier schon unter dem Schutze der Öffentlichkeit und der Gesetze befinde.

Jenes Stück Holz aber dort oben lag still und steif auf seinem Marterbett. Daß man ihm soeben ganze Truhen voll Schätzen versprochen, ihm ein langes, langes Leben zugesichert; – daß vor seinen Augen die Spiegelbilder neuer und bunter Freuden, eines lustigen Lebens, eines ruhigen Lebens, verliebter Abenteuer, häuslichen Glückes gaukeln; – daß der lang ersehnte Reichtum und damit die Befriedigung rachedurstigen Hasses als reife Frucht vor seinen Händen schwebt – und daß gerade in dieser Stunde seine Seele sich um ihn kümmert, daß er allein gelassen ist in diesem ärmlichen Zimmer, wo aus jedem Winkel die Not hervorguckt, daß auf der ganzen Erde kein elenderes, verlasseneres Geschöpf, als er: – von alledem hat er ebensowenig ein Bewußtsein, eine Empfindung, wie ein Stück Holz, wie ein morscher, gefällter, verfaulter, vom Holzwurm zernagter Baumklotz.

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