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Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob

Maurus Jókai: Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob - Kapitel 17
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typefiction
authorMaurus Jókai
titleZoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
firstpub
translatorEduard Glatz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121211
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2.

Eine männliche Unterredung.

Es war noch zeitig früh als Zoltán von seinem Spaziergang nach Hause kam. Er schickte seinen Kammerdiener zu seinem Advokaten und ließ Kovács bitten, sobald er Zeit haben werde, ihn zu besuchen.

Sein Kopf war so voll von Gedanken an eine ferne Zukunft, daß er, als er durch das Vorzimmer schritt und dort in dem großen, bis zur Erde reichenden Spiegel sich erblickte, verwundert stehen blieb und Lust gehabt hätte, sich zu fragen: wer ist denn jener junge Mann? Wenn er einen reifen, gealterten Mann dort drin im Spiegel erblickt hätte, würde es ihn nicht im geringsten überrascht haben. Der Geist wird so leicht alt. Es fiel ihm schwer, zu glauben, daß seit gestern Abend erst zwölf Stunden verstrichen waren; ihm schien es, als waren es zwölf Jahre.

Kovács ließ nicht lange aus sich warten. Zoltán ging noch immer in seinem Zimmer auf und ab, in Gedanken vertieft; als er die bekannte Stimme seines Freundes hörte, der im Vorzimmer nach ihm sich erkundigte. Er mußte sich schnell fassen, um nicht verwirrt vor ihm zu erscheinen.

Er mußte lächeln, um ihn nicht in den Grund seines Herzens blicken zu lassen.

Er empfing ihn mit freundlichem Händedruck und nötigte ihn, sich zu setzen; er selbst blieb stehen, um auf und abgehen zu können; er wäre in diesem Augenblicke nicht imstande gewesen, an einem Ort ruhig sitzen zu bleiben.

– Lieber Freund, sagte er mit geheuchelter Lustigkeit, mir ist ein eigener egoistischer Gedanke aufgestiegen, aber der Egoismus liegt ja in der menschlichen Natur, nicht wahr?

Kovács nickte bloß mit dem Kopf, nicht wissend, was jener damit meine.

– Gehen Sie, ich gestehe meine Schwächen ein, begann Zoltán von neuem, indem er mit einer Feder, die er in die Hand genommen hatte, allerlei Schwenkungen in der Luft ausführte – ich halte mich für keinen gewöhnlichen Menschen. Das mag thöricht sein, aber vor Ihnen mache ich kein Hehl daraus.

Der Advokat sagte nichts darauf und wartete, wo das hinaus wolle.

– So zum Beispiel, sagte Zoltán und bog die Feder ganz zu einem Reif zusammen, bin ich der Meinung, schon so gescheit zu sein, daß ich in zehn Jahren auch nicht gescheiter sein werde.

Kovács kreuzte die Arme über seiner Brust und war ganz Ohr.

– Beurteilen Sie mich nicht zu streng, lieber, guter Kovács, sagte Zoltán, der jetzt den Schnabel der Feder entzweigesprengt hatte, ich bin ein wenig ehrgeizig und mir genügt es nicht, daß andere meine Einkünfte verwalten und darüber bestimmen, wie ich sie verwenden soll.

Kovács gab noch immer kein Zeichen, daß er zu verstehen beginne.

– Nehmen wir an: ich habe eine Menge neuer Ideen, die ich verwirklichen möchte – fuhr Zoltán fort, sich Kovács gegenüber auf einen Stuhl setzend und die eine Schnabelhälfte des gemarterten Kiels so krümmend, daß er ihr ganz die Form eines Schiffsschnabels gab, als dächte er zuerst mit der Errichtung einer Kriegsflotte zu beginnen – und mir stehen so wenig Mittel zu Gebote; nun hat aber mein Vater, wie man mir sagt, ungeheure Reichtümer hinterlassen und ich werde noch lange warten müssen, bis ich selbständig über dieselben werde verfügen können. Wie lange muß ich noch warten?

– Sie wissen es recht gut, erwiderte Kovács trocken, noch sieben Jahre.

– Das ist viel, sehr viel, sagte Zoltán aufspringend und die zerspaltene Feder aufstampfend, so lange wäre es schrecklich zu warten.

– Sie wollen wissen, Baron, sagte Kovács, die klugen Augen auf das Gesicht des Jünglings heftend, ob es möglich wäre, Ihnen eine Majorennsprechung zu erwirken?

– Ja, ja, das will ich. Ich möchte die Zeit abkürzen, die mir nicht erlaubt, so schnell vorwärts zu gehen, als ich möchte. Überall entstehen großartige nationale Unternehmungen, und ich kann mich daran nicht beteiligen, weil mir noch das Alter dazu fehlt, und doch weiß und fühle ich, daß ich viel, sehr viel mit der Kraft nützen könnte, die meiner Jugend wegen brach liegt.

Kovács fühlte bei diesen Reden Mitleid mit seinem jungen Klienten, denn er durchschaute ihn und dachte sich, wie peinlich es ihm sein müsse, diesen Ideengang zu verfolgen, während er unter der Herrschaft eines ganz anderen Gedankens stand.

– Verstehe, verstehe. Sie möchten gern majorenn sein, um – um Ihren verhängnisvollen Prozeß kennen zu lernen ...

Mit diesen Worten hatte Zoltáns erzwungene Rolle ein Ende; er sank auf einen Stuhl; sein Geheimnis war erraten.

– Ich kenne ihn schon; flüsterte er, auf die geöffnete Schublade weisend, in welcher die Abschrift des Prozesses lag, und dann beide Hände sich vor das Gesicht haltend, weinte er bitterlich, wie ein Kind.

Der Advokat sah ihn traurig an, dann trat er zu ihm und umarmte ihn.

– O, was habe ich gelitten! stöhnte der Jüngling kaum vernehmbar.

– Ich glaube es.

Zoltán trocknete sich die Thränen und sagte, tief aufseufzend, mit zitternder Stimme:

– Verzeihen Sie, daß ich mich so schwach zeige in einem Augenblicke, wo ich beweisen sollte, daß ich stark bin; aber diese Thränen schulde ich dem, der noch viel herbere Thränen um mich geweint und dem ich noch weit mehr schulde, und auch abzahlen werde.

– Das war es, wovor ich mich gefürchtet, sagte Kovács im Tone tiefer Niedergeschlagenheit.

– Vor was denn? fragte Zoltán erstaunt.

– Davor, daß ich den Prozeß verlieren werde, sobald Sie von seinem Vorhandensein Kunde erlangen.

– Wenn er nur so verloren ginge, daß keine Spur davon übrig bliebe!

– Ich weiß, daß Sie dies wünschen, lieber Zoltán – erlauben Sie, daß ich Sie jetzt noch so nenne; für die Titulaturen wird noch Zeit sein, wenn Sie als volljährig anerkannt sind.

– Dann wird es derselben noch weniger bedürfen, denn dann werde ich ein armer, armer Mensch sein.

– Vielleicht nicht so ganz.

– Was sagen Sie? Dann haben Sie mich nicht verstanden. Ich will diesen Prozeß vernichtet sehen.

– Ich weiß es. Wir werden die Gegenpartei durch große Opfer dahin bringen, von der Verfolgung des Prozesses abzustehen.

– Nicht durch Opfer. Ich räume ihnen ganz das streitige Feld; ich entsage allen meinen Rechten auf meinen Besitz, Titel, Geburtsrang und werde ein einfacher Bürger, wie jeder andere.

– Wohin denken Sie?

– Ich habe jetzt nur einen Gedanken: welchen Preis auch meine Gegner auf die Vernichtung dieses fluchwürdigen Prozesses setzen mögen, ich unterhandle nicht mit ihnen, ich gehe darauf ein. Daß ich von denjenigen, die ich aus ganzem Herzen hasse und denen ich die qualvolle Nacht, die ich durchlebt, nie verzeihen kann, nach der Entsagung auf meinen rechtlichen Besitz kein Almosen annehmen werde, das steht bei mir fest. Was dann mit mir geschieht, weiß der gütige Himmel. Ich bin jung genug, um noch eine Berufslaufbahn beginnen zu können, ich werde sie dort beginnen, wo jeder andere sie beginnt, der nichts hat. Als ich reich war, haben mir diejenigen, welche mir wohlwollten, viele schmeichelhaften Eigenschaften beigelegt; ich will sehen, ob ich sie auch dann noch besitzen werde, wenn ich arm bin. Eine innere Stimme flüstert mir zu, daß ich so besser sein werde, als wenn ich reich geblieben wäre; aber wenn ich auch die Gewißheit hatte, elend zu verkommen, als ein unnützes Glied der Gesellschaft, das nur so lange etwas wert war, als es Geld hatte, so würde ich doch thun, was ich zu thun entschlossen bin. Sie müssen bewirken, daß ich meine Großjährigkeitserklärung erhalte. Wenn entweder Sie, oder Szentirmay in übel angebrachtem Eifer dies mein Vorhaben vereiteln, dann weiß ich nicht, was geschieht. Ich weiß nur das eine: wenn dieser abscheuliche Prozeß in die Öffentlichkeit gelangt, und ich noch durch volle sieben Jahre diese Qualen ausstehen soll, so verliere ich in diesen sieben Jahren den Verstand, aber meine Gliedmaßen werden an Körperkraft zunehmen, und ob ich dann nicht denjenigen ermorde, der sich mir in den Weg stellt, das wissen die Götter.

– Sie bereiten Ihren Gegnern einen vollständigen Triumph.

– Ich bereite mir selbst einen weit größeren, wenn ich den Beweis liefere, daß ich auch ohne Reichtum mich in der Welt zu behaupten weiß. Ich bin zu jeder Arbeit bereit. Ich habe entbehren, ich habe arbeiten gelernt. Es wäre traurig, wenn in Ungarn ein paar arbeitsame Hände ihren Herrn nicht zu ernähren vermöchten. Und endlich, wenn alle Stricke reißen, wenn es sich zuletzt herausstellen sollte, daß ich zu nichts tauge, und daß in diesem gesegneten Kanaan, wo Milch und Honig fließt, und jeder sein Körnchen Brot findet, für mich allein kein grüner Zweig blüht, nun, so gehe ich zur See, und werde niemand zur Last fallen, weder meinen Freunden, noch meinen Feinden.

– Mein lieber Zoltán. Lassen wir jetzt auf ein Weilchen alles Pathos beiseite und sprechen wir über die Sache als Philosophen. Ich schicke voraus, daß es mir nicht einfällt, Ihnen den Vorsatz, den Prozeß niederzuschlagen, ausreden zu wollen.

– Ich danke Ihnen! sagte der Jüngling mit einem warmen Händedruck.

– Ich war dessen gewiß und wußte es im voraus, daß Sie so handeln würden, sobald der Inhalt des Prozesses ihnen bekannt wird.

– Ich freue mich dieser guten Meinung.

– Leider kann ich darüber nicht sehr erfreut sein. Ein solcher Ausgang des Prozesses war vorauszusehen. Auf dem Wege, den Ihre Gegner eingeschlagen hatten, war es nicht möglich, zu reüssieren und den Prozeß zu gewinnen. Trotz jener sehr verdächtigen Protektion, durch welche ein Mann von großem Einflüsse ein Gewicht zu gunsten der Gegenpartei in die Wagschale der Gerechtigkeit zu legen suchte, besitzen doch unsere Richter zu viel Gewissenhaftigkeit, um eine so schwache Motivierung als Beweis für eine so schwere Anklage annehmen zu können.

– Wer kann jener einflußreiche Mann sein?

– Sie erraten ihn nicht? Haben Sie nie den Rat Köcserepy lächeln gesehen?

– Ich bin einigemale in Gesellschaften mit ihm zusammengetroffen.

– So müssen Sie wissen, daß derjenige sein größter Feind ist, den er anlächelt.

– Ich habe ihm nie etwas zuleide gethan.

– O nein, Sie haben vielmehr seiner einzigen Tochter das Leben gerettet. Er ist auch nicht Ihr Feind, weil er Ihnen persönlich übel will, sondern weil er von Bela Karpáthi eine Cession auf die Karpáthischen Güter besitzt.

– Wie wäre das möglich?

– Maßlaczky, ein Busenfreund des Herrn Rates, hat den schwachsinnigen Menschen dahin gebracht, für eine Jahresrente von 24 000 Gulden dem Rat seine Besitzansprüche auf jene Güter abzutreten.

– Ehe der Prozeß noch gewonnen ist?

– Bevor er nicht einmal noch begonnen war. O diese Herren spielten ein sicheres Spiel. Sie wußten, daß der Prozeß mit einem solchen Inhalte nie zum Spruche gelangen würde, aber sie trugen Sorge dafür, Sie damit seiner Zeit bekannt zu machen.

– Entschuldigen Sie. Dagegen muß ich sie in Schutz nehmen. Ich selbst habe meine Schritte gethan, um den Prozeß kennen zu lernen. Maßlaczky war zu der Zeit nicht einmal in Pest.

– Herr Maßlaczky arbeitet nie mit eigenen Fingern, ihm stehen viele Hände zu Gebote. Ich werde früher oder später schon dahinterkommen.

– Bitte, thun Sie das nicht, es würde darunter ein Unschuldiger zu leiden haben, der nur mir zuliebe und auf mein Ersuchen sich in der Sache bemühte, der nicht einmal wußte, was er that und im Glauben war, mir damit einen guten Dienst zu erweisen.

– Schon gut, Maßlaczky hat dafür Sorge getragen, daß man ihm nicht vorrücken kann, er selbst habe dazu geholfen, daß die seiner Geheimhaltung anvertraute Angelegenheit an Sie verraten wurde, aber es ist doch so. Es war schändlich von ihm, doch will ich meinetwegen die Sache auf mich nehmen.

– Wie so?

– Gewiß wird man fragen, wer von uns beiden Sie mit diesem Prozeß bekannt gemacht hat. Mag ich es denn gewesen sein. Mir wird man es als jugendlichen Leichtsinn hingehen lassen, Herrn Maßlaczky würde man es als Gewissenlosigkeit zur Last legen. Lassen wir also diesen Punkt ganz aus dem Spiele, Ich stehe Ihnen hier einmal als Rechtsanwalt und dann als aufrichtiger Freund gegenüber, nehmen Sie meinen Rat an, den ich Ihnen hier in dieser doppelten Eigenschaft erteile.

Zoltán hängte sich in den Arm des Advokaten ein und hörte seiner Rede aufmerksam zu, während sie beide in dem Zimmer auf- und abgingen.

– Den ganzen Prozeß fristet noch der Umstand, daß Abellino von Herrn Köcserepy eine Jahresrente zugesichert erhalten hat. Das wäre freilich ein tiefes Geheimnis, wenn nicht Abellino selbst, um seine ihn drängenden zahlreichen Gläubiger zu vertrösten, ihnen die Sache unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit ausgeplaudert hätte. So kam auch ich dahinter. – Gegen Graf Rudolph erwähnte ich kein Wort davon, denn hitzig wie er ist, und delikat, wie die Sache ist, konnte er, wenn er um die Rolle erführe, welche Köcserepy in diesem Prozeß spielt, sich leicht zu übereilten Schritten gegen ihn hinreißen lassen, was in Anbetracht der Stellung, welche der Rat einnimmt, den politischen Gegnern Rudolphs einen erwünschten Vorwand geben würde, den Grafen aus seiner einflußreichen Wirksamkeit zu verdrängen.

– Und liegt es im Bereiche der Möglichkeit, daß ein solcher Fall mit meinem Pflegevater eintritt?

– Glauben Sie denn, daß, wenn Szentirmay nur eine entfernte Hoffnung hatte, in diesem widerwärtigen Prozeß auf einen Mann zu stoßen, der ihm mindestens Stand hält, der Knoten nicht längst schon mit dem Schwerte von ihm durchhauen worden wäre? Und das wäre noch schlimmer für ihn, viel schlimmer. Abellino gegenüber kann er an eine Herausforderung nicht denken; der ist eine elende, blinde, ausgemergelte, sieche Kreatur. Maßlaczky aber ist ein Helote, der sich mit seiner Feigheit zu brüsten pflegt; und es ist sehr gut, daß Szentirmay es mit solchen Gegnern zu thun hat. Wären es nur andere Leute, würde er vielleicht längst schon landesflüchtig sein.

– Und dies alles um meinetwillen! Nein, ich kann nicht Schuldner bleiben für so viele Leiden! seufzte Zoltán, mit dem Schnupftuch über das bleiche Gesicht fahrend.

– Unsere, bezüglich meine Pflicht, als Advokat, ist es: das Interesse Köcserepys von dem Abellinos zu trennen und lediglich das letztere ins Auge zu fassen. –

Zoltán fing an, nicht mehr aufzumerken auf das, was der Advokat sprach; Kovács schrieb die Zerstreutheit seines jungen Klienten der schlaflos durchwachten Nacht und der stürmischen Gemütsaufregung zu und brach die Unterredung ab.

– Vielleicht wird es besser sein, wenn wir nachmittags die Sache weiter besprechen, jetzt legen Sie sich nieder und ruhen Sie aus.

Zoltán blickte ihn groß an mit seinen in Thränen schwimmenden Augen und erwiderte mit vor leidenschaftlicher Aufregung zitternder Stimme:

– Mir ist es gleich viel, was Sie thun, ich überlasse den streitigen Besitz wem immer, mir gilt es gleich, wer sich darin festsetzt. Ich will nichts davon. Nur eins bedinge ich mir aus. In dem Karpáthfalver Kastell ist ein vermauerter Gang, und neben der Ortschaft ein umfriedetes Rondell; jener Gang führt zu den Zimmern meiner Mutter, und das Rondell birgt ihr Grab. Auf diese beiden soll niemand ein Recht ...

Der Jüngling vermochte nicht seine Rede zu beendigen. Er wandte sich weg, sank vor einem Stuhl in die Knie und verbarg sprachlos sein Gesicht in beide Hände: man wußte nicht, weint er, oder ist das Leben aus ihm gewichen.

Kovács blickte teilnahmsvoll auf den Jüngling, ihn ungestört seinem geheiligten Schmerz überlassend, bis er von selbst wieder sich ausraffte.

– O meine Mutter, meine teuere geliebte Mutter!

Er streckte seine Arme gegen den Himmel empor, als wollte er sie von da herabziehen in seine Umarmung.

– Wie haben sie dein süßes holdes Antlitz geschändet, lispelte er vor sich hin. Dies gebenedeite Antlitz, das mich überall hin begleitet, mein Schutzgeist, mein guter Engel!

Dann legte er seine Hand aus den Arm seines Freundes.

– Thun Sie statt meiner, was Sie für gut finden. Ich will kein Wort drein zu sprechen haben. Der Himmel behüte diejenigen, die so an mir gehandelt, daß ich je mit ihnen zusammentreffe. Bringen Sie die Sache so zum Abschluß, daß mir jede Begegnung mit ihnen erspart bleibe. Ich bevollmächtigte Sie zu allem. Machen Sie aber diesem Prozeß ein Ende, ein Ende um jeden Preis, Ich bin so »erbittert, ich fühle erst jetzt, daß ich imstande Ware, mich an jemand zu vergreifen, vielleicht an mir selber. Beschleunigen Sie die Angelegenheit; wenn sie nicht bald ein Ende erreicht, laufe ich Gefahr, ein schlechter Mensch zu werden. Ich fürchte mich vor mir selbst.

– Seien Sie ruhig. Ich weiß, daß ein edles Herz der größte Schatz ist; wenn Sie auch alles andere verlieren sollten, das eine werde ich Ihnen nicht rauben lassen. Die Welt wird mich als Advokaten auslachen: Sie werden mich achten als Ihren Freund.

Die beiden jungen Männer umarmten einander. Kovács riet Zoltán seinem Gram nicht zu sehr nachzuhängen. Zerstreuung zu suchen, vor andern seinen Kummer nicht zu zeigen, und jetzt möge er sich niederlegen und sich ausschlafen.

Zoltán schüttelte nur zu dem allen den Kopf; er versprach, sich niederzulegen. Er bedurfte in der That der Ruhe, sein ganzer Körper glühte wie Feuer.

Als Kovács ihn verließ, trug er im Vorzimmer dem Kammerdiener auf, bis Mittag niemand bei Zoltán vorzulassen, da er sich niedergelegt.

– Ist er vielleicht krank? fragte der treue Diener.

– Es fehlt ihm nicht viel, nur daß er heute Nacht lange aufgeblieben.

Die gute Seele sah ihn mit zweifelnder Miene an wie einer, der noch gerne mehr zu erfahren wünscht.

– Guter armer Junge du! sagte im Weggehen der Advokat.

Schon wieder »armer Junge!« dachte der Diener bei sich. Was haben sie denn an mir zu bedauern? Zuerst der Herr, und jetzt auch der Advokat.

Sie bedauern, »armer Junge,« daß ein so treuer Diener bald einen anderen Herrn sich suchen müssen wird, denn Zoltán ist die längste Zeit reich gewesen: weiß Gott, wer dann deiner sich annehmen wird.

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