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Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob

Maurus Jókai: Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob - Kapitel 15
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typefiction
authorMaurus Jókai
titleZoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
firstpub
translatorEduard Glatz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121211
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4.

Der Märtyrer des Gebens.

Zwei Jahre waren zwischen dem Datum dieser Briefe verstrichen und diese zwei Jahre hatten die Welt hier in Ungarn ein gutes Stück von ihrem alten Fleck, gleichviel, ob nach vorwärts oder rückwärts, weiter gerückt.

Ich fühle nicht den geringsten Beruf in mir, ein Urteil zu fällen über die Kämpfe jener Zeiten, als zwei starke Parteien miteinander um die Herrschaft stritten; lieber befolge ich das Beispiel unseres Chronisten Georg Lißnay, der es für gut fand, über die Vorfälle nach König Mathias der Kürze wegen kein Wort zu verlieren.

Wir alle werden uns noch jener bewegten Zeiten erinnern, als die privilegierte Klasse der Nation, durchdrungen von einem rühmlichen Streben nach Regierungseinfluß, in und außerhalb der Komitatskongregationen sich das Leben durch leidenschaftlich geführte Parteikämpfe verbitterte, und jede, wie immer benamste Partei mit unerschöpflichem, erfinderischem Eifer Führer und Troß anwarb. Welcher Jubel war das, wenn es gelungen war, einen oder den andern berühmten Parteiführer in das andere Lager herüberzuziehen; mit wieviel Opfern war ein solches Ereignis verbunden, und welche Kraftanstrengung, wieviel Geld und Arbeit ließ man es sich kosten, um die entstandene Lücke auszufüllen, die verlorene Schlacht von neuem zu beginnen und das abtrünnig gewordene Komitat wieder zu erobern. Von alledem hat nur die ältere Generation noch einen Begriff, der heutigen Welt sind diese Zustände schon so in die Ferne gerückt, wie die Zeiten der Heroen, Ritter und Troubadoure und andere an die Dichtung streifende Gestalten der historischen Vergangenheit.

Damals wunderte sich niemand darüber, daß in einem durch seine liberale Gesinnung berühmten Komitat der einzige Sprößling einer hervorragenden, reichen Familie im Alter von sechzehn Jahren majorenn gesprochen wurde.

Dieser kaum erst sechzehnjährige Jüngling war Zoltán Karpáthi. Auf seinen eigenen Wunsch warfen die ersten Celebritäten der Gegend ihr Gewicht in die Wagschale, um den hoffnungsvollen Jüngling von der vormundschaftlichen Aufsicht zu befreien und ihn zum Herrn seines Geschicks zu machen. Es sprachen dafür hinlängliche Motive. Der junge Mensch hatte zwei Weltteile bereist und das Ergebnis lag dort auf dem öffentlichen Beratungstisch in einem zweibändigen Reisetagebuch, aus dessen Zeilen man eine neuartige Auffassung der Dinge, eine nationale Richtung, eine hochstrebende Seele herauslesen konnte. So kann man nur mit gereiftem Urteil schreiben, wer so zu denken imstande ist, der verdient in der That, daß man ihm den Freibrief des Mannes ausstelle. Die mächtigste Triebfeder des zu seinen Gunsten entwickelten Eifers war jedoch, daß die Fortschrittspartei darauf rechnete, sich in ihm einen gewaltigen Kämpen zu erziehen, welche Partei damals am Komitatsruder saß und im Geiste schon mit geheimer Freude jenen Stuhl am großen grünen Tisch nach links gerückt sah, auf dem der greise Nabob so viele Jahre hindurch rechts gesessen.

Die Alten kratzten sich den Kopf bei der durchgesetzten Majorennsprechung, während die junge Generation ihr ein um so lauteres Éljen zujubelte.

Keiner aber schrie so aus voller Brust das Éljen (oder eigentlich Vivat), wie unser spectabilis dominus Maßlaczky.

Vivat! Vivat! Viktoria! ließ sich in einem Nebengäßchen des Michaelerthores, in der engen Stiege eines schmalen, stockhohen Hauses eine bekannte feine Stimme vernehmen, als deren Eigentümer wir sogleich Herrn Maßlaczky erkennen.

Das Michaelerthor befindet sich in Preßburg, weshalb denn auch niemand das einstöckige Haus in Pest suchen möge, in dem Herr Maßlaczky schon auf der Treppe diesen Siegesgesang anstimmt. Er war ganz im Reiseanzuge, wie er eben vom Dampfschiffe ausgestiegen und seinen Reisesack unter dein Arm haltend, eilte die Treppe hinauf, wie einer, der sich hier in allen Winkeln auskennt.

Das erwähnte Haus war nicht für fürstliche Einwohner gebaut, es hatte keine Portierloge, keine Vorzimmer, keine breiten Treppen, und wenn dort ein ungarischer Magnat sich einquartierte, mußte sein Diener auf dem Gang antichambrieren, wie dies jetzt mit Abellinos William der Fall ist, der eigentlich nicht William heißt, sondern Ferko, und dem es viel angenehmer wäre, seinen rückständigen Lohn ausgezahlt zu erhalten, als mit einem englischen Namen gerufen zu werden.

– Viktoria, Freund William, Viktoria! rief ihm der Fiskal zu, als er des herumlungernden Lümmels gewahr wurde, und winkte ihm vertraulich mit der Hand zu, was dieser damit erwidern will, daß er dem Herrn Fiskal gleichfalls seine Hand hinreicht, der jedoch dies Mißverständnis übel aufnimmt.

– Ist dein gnädiger Herr zu Hause?

– Ja, er ist zu Haus, antwortete der Bediente im Tone unendlich verächtlichen Mitleides und gab Herrn Maßlaczky achselzuckend zu verstehen, er möge hineingehen, wenn's ihm Vergnügen macht. Eine Anmeldung lohnt sich nicht erst der Mühe.

Maßlaczky trat mit strahlendem Gesicht in das Zimmer, in welchem der Eintretende vor allem sein Augenlicht in acht zu nehmen hat, denn die Fenster sind mit purpurroten Gardinen verhängt, und sowie die Sonne hereinscheint, glaubt man erblinden zu müssen in dem Zimmer, in welchem! jeder Gegenstand rot erscheint.

Nachdem der Fiskal einigermaßen von dem roten Lichtreflex sich erholt hat, nimmt er mit großer Bestürzung wahr, daß niemand im Zimmer zu sehen ist, bis aus dem Versteck hinter einer bunten spanischen Wand eine schwache, matte Stimme hervorwinselt: wer ist's? Wer ist da?

Herr Maßlaczky trat ängstlich an das spanische Gehege, als fürchtete er sich, daß jemand nur deshalb dort hinten mit so schwacher Stimme spreche, um ihn hinzulocken und dann hervorzuspringen, ihn am Genick zu fassen und wacker zu zausen. Als er jedoch vorsichtig einen Flügel der papierenen Pallisade beiseite geschoben hatte, war er ganz gerührt bei dem Anblick eines unkenntlichen, formlosen Gerippes, das sich auf dem nichts weniger als luxuriös hergerichteten Lager herumwarf.

Es gehörte in der That eine starke Dosis guten Willens dazu, in diesem eingefallenen Gesicht, dieser bleichen, hagern Gestalt Abellino wiederzuerkennen. Durch das Ausgehen der Haare erschien die Stirne unverhältnismäßig größer, das Gesicht war so schmal, und stellenweise schienen die Bartstacheln durch die Haut oder ragten daraus hervor.

Lange Zeit starrte er Maßlaczky an mit den unbeweglichen Augen, welche ein so gläsernes Aussehen hatten, als wären es zwei in altes Elfenbein gefaßte, verwitterte, grünliche Türkise. Er schien ihn nicht früher zu erkennen, als bis dieser ihn anredete.

– Um Gottes willen, gnädiger Herr Baron, geruhen Sie vielleicht krank zu sein?

An der Stimme erkannte er jetzt Maßlaczky und streckte wie einen beweglichen Telegraphenarm seine lange, dürre Hand nach ihm aus, auf der man durch die gelbe Haut hindurch die blauen Adern zählen konnte.

– Warum nicht gar, krank, teurer Herr Fiskal, sagte er, ein Lächeln in seine Worte mischend, das aber dem abgemagerten Gesicht sehr übel stand. Wenn Sie länger hier blieben, würden Sie sehen, daß ich keineswegs krank bin. Au contraire. Im Gegenteil.

– Im Gegenteil? Ich verstehe nicht.

– Im Gegenteil, ich restauriere mich, ich sammle neues Blut, neue Gesundheit.

– Neues Blut, neue Gesundheit? wiederholte mechanisch der Advokat, dem vorderhand nichts Klügeres einfiel, als das Märchen von der alten Hexe, die ihr zweihundertjähriges Blut abzapfte, um es durch das Blut eines jungen Mädchens zu ersetzen, das sie in ihre Adern einströmen ließ.

Neben dem Bett Abellinos stand ein Tisch, auf diesem ein Teller, auf dem eine dem Anschein nach ganz ausgetrocknete Semmel lag und eine Handvoll grob geriebenes Salz.

Abellino wies mit seinem langen, magern Zeigefinger darauf hin.

– Sehen Sie das, Herr Fiskal.

– Hm, wozu soll das gut sein?

– Denken Sie nur, ich bin jetzt auf einen geschickten Arzt gestoßen, der einen ganz neuen Menschen aus mir schaffen will. Frisches Blut, frischen Mut, frische Gesundheit, Gott weiß, mit wie langem Leben.

– Ei, ei.

– Sie fragen, womit er dies Wunder bewirkt? Ganz einfach, mein Herr. Mit einer halben Semmel und einer Handvoll Salz.

– Zum Henker.

– Täglich muß ich eine Dosis Salz nehmen, zuerst nur einen Gran, jetzt schon mehrere Lot, zuletzt bis zu einem halben Pfund täglich.

– Alle Wetter, davon muß man ja großen Durst bekommen.

– Einen Höllendurst, meine Zunge bleibt am Gaumen kleben, und ich darf nicht einen Tropfen Wasser trinken.

– Was denn?

– Ich darf auch nichts dazu essen, als eine trockene Semmel, eine drei Tage alte Semmel, sehen Sie nur, wie das hart ist: – nur jeden fünften Tag wird mir erlaubt, sie mit einer ins Wasser getauchten Semmel abzuwechseln.

Herr Maßlaczky sah nun eine Weile vor sich hin, ob er denn glauben solle, was man ihm da erzählt, Abellino überzeugte ihn jedoch bald, daß er die Wahrheit geredet. Vor seinen Augen verschluckte er einige Salzkörner unter mitleiderregenden Gesichtsverzerrungen. Jeder Zug seines Gesichtes, das so schmächtig war, als hätte man aus einer Münzsammlung das am meisten abgewetzte herausgesucht, verzog sich zu dem schrecklichsten Ausdruck des Widerwillens und Ekels, auf den zuckenden, offenstehenden schmalen, blauen Lippen saß der quälendste, schmachtendste aller tierischen Triebe, der Durst; ein Durst, der Meere austrinken möchte.

– Aber fühlen denn Euer Gnaden zuzeiten nicht Durst? fragte ihn mit mitleidigem Schauer der Fiskal, in dem bei diesem Anblick die Nächstenliebe soweit erwacht war, daß er bereit gewesen wäre, ihm eigenhändig ein Glas Wasser zu holen.

– O, ob ich Durst fühle, entgegnete der Selbstpeiniger, kaum imstande, die trockene, ausgebrannte Zunge im Munde zu bewegen. Einen Höllendurst. Dann bilde ich mir ein, daß ich imstande wäre, die Donau auszutrinken. Die Donau und dazu die Theiß und alle fließenden und stehenden Gewässer des Landes. Wenn nur die Kur einmal zu Ende, dann gehe ich ins Gebirge, lege mich auf den Bauch an eine Quelle und schlürfe gutes, kaltes Quellwasser – ja – ja!

Der Baron tröstete sich, wie man kranke Kinder zu trösten pflegt.

– Aber, lieber Baron, wozu diese selbstmörderische Diät? frug besorgt der Fiskal, den es besonders beunruhigte, daß, wenn Abellino zufällig früher sterben sollte, ehe die Karpáthischen Güter in Köcserepys Hände gelangt sind, dies den Stand des Prozesses sehr verschlimmern würde. Wozu diese Inquisitionstortur?

– Wozu, lieber Freund? Sehen Sie her. Und mit diesen Worten streckte er dem Fiskal seine mumiendürre Hand hin.

– Sehen Sie hier diese Adern? Nicht wahr, die eine ist tiefblau und die andere dunkelrot? Diese blauen führen das schlechte Blut ab, den alten Krankheitsstoff, die verdorbenen Lebenssäfte; diese roten aber führen frisches, neues Lebensblut zu. Sehen Sie, wie langsam diese blauen Adern pulsieren, man sieht eigentlich kaum, daß sie schlagen; das ist sehr gut, sie müssen sich allmählich ganz entleeren, und statt dessen müssen die roten Adern sich immer mehr und mehr füllen.

(Es scheint, der Herr Baron hat bei irgend einem Quacksalber die Anatomie studiert.)

– O, ich werde ein ganz neuer Mensch werden. Mein Doktor hat mir es versichert, drei Wochen habe ich schon hinter mir, drei Wochen sind noch übrig. Und dann wird man Abellino Karpáthi ansehen müssen. Ich werde ein Pferd halten, ich werde reiten. Nun, nicht wahr, das kann ich doch mit einer Revenue von vierundzwanzigtausend Gulden Konventionsmünze? Ich werde meine stattliche Figur wieder bekommen, ich werde Embonpoint ansetzen. Nicht, daß ich mich so fett herausmästen will, wie mein Onkel Jantsi, mit einem solchen Schmerbauch möchte ich nicht durch die Welt laufen; aber ich werde robust, kräftig sein, künftigen Fasching werd ich auch schon tanzen können. Auch heiraten werd ich. Ja gewiß, ich heirate. Es ist mein fester Vorsatz. Ich nehme ein braves Mädchen aus einer anständigen, mir ebenbürtigen Familie, das ich lieben werde, und das auch mich lieben wird. Sie werden sehen, welch glückliches Leben ich führen werde. Mein Arzt sagt, ich habe noch zwanzig Jahre zu leben. Aber nicht wahr, mein lieber Maßlaczky, das geht doch an und wird keinen Anstand haben, in die Cession hineinzusetzen, daß nicht nur ich, sondern auch meine Nachkommen die vierundzwanzigtausend Gulden zu erhalten haben. Für den Fall, daß ich heiraten sollte. Das muß hineingesetzt werden. Ich nehme mir jedenfalls ein junges Mädchen.

(Den alten Sensenmann wirst du heiraten! dachte der Advokat bei sich, mit dem Kopf nickte er jedoch beistimmend zu.)

Abellino freute sich so sehr. Welche Selbstliebe gehört nicht dazu, um an den nichtigen Genüssen des Lebens so zu hängen, daß man sich um ihretwillen solchen Martern unterzieht. Der indische Fakir kasteiet sich in ähnlicher grausamer Weise, aber er thut es um der himmlischen Seligkeit willen, während dieser hier es thut, um seine irdische Schattenexistenz noch um einige Tage zu verlängern.

– Lieber, gnädiger Herr, haben Sie denn aber auch die volle Gewißheit, daß diese Marterkur den gewünschten Erfolg haben wird? frug Maßlaczky, den der Zustand seines Klienten nicht wenig beunruhigte.

– Der Erfolg ist untrüglich! Nehmen Sie denn nicht an meiner Stimme wahr, um wieviel heller und kräftiger sie geworden ist? Nun, Sie werden ja sehen. Ich selbst fühle es, daß ich besser werde, von Tag zu Tag fühle ich jetzt schon die innere Zunahme der Kräfte. Mir ist so leicht auf der Brust, alle meine Poren dehnen sich aus, meine Ganglien vibrieren nur so, Milz und Leber werden merklich kleiner, auch das Gehör kommt mir wieder. Ich höre den schwächsten Ton. Versuchen Sie's nur. Drücken Sie einmal auf die kleine Repetieruhr, die hier auf dem Tische liegt, und ich werde zählen, wieviel Schläge sie macht. Eins, zwei, drei, vier. Nicht wahr, sie hat viermal geschlagen?

Sie hatte nicht einen Schlag gemacht, denn sie war nicht aufgezogen, aber der Advokat ließ ihn dabei.

– Und erst meine Augen! Es ist gar kein Vergleich, meine jetzigen Augen und meine früheren. Jetzt habe ich Sie gleich erkannt, wie Sie eintraten, sonst wäre ich in einer Entfernung von zwanzig Schritten nicht imstande gewesen, auszunehmen, ob Sie es sind, oder mein Bedienter, oder irgend ein Pinkeljude.

(Hm, seine Phantasie hat sich durch die große Kur nicht sehr gebessert, dachte Herr Maßlaczky bei sich.)

– Auch mein Haar wächst ganz neu. Sehen Sie nur meinen Schädel an, bemerken Sie die vielen kleinen, flaumartigen weißen Fäden. Das werden lauter Haare. Schönes schwarzes, gekraustes Haar, wie ich es in meiner Jugend hatte; ja, ich hatte sehr schönes Haar, alle Welt war in mein Haar verliebt.

Hier, bei dieser wehmütigen Rückerinnerung seufzte der Kranke auf und sein galvanisiertes Gesicht sank wieder zu einem Jammerbilde des Todes ein, als sagte ihm eine innere Stimme: alles, was du da gesprochen, war nur eitle Lüge, mit der du dich selbst hintergehst, der Leib, in dem du wohnst, ist ein baufälliges, morsches Gebäude und keine schöpferische Kraft ist mehr imstande, es von Grund aus neu aufzuführen.

Der Advokat beeilte sich, die eingetretene Pause zu benützen.

– Liebe Gnaden, ich komme jetzt mit einer erfreulichen Nachricht von Pest. Zwar bin ich auch darüber hoch erfreut, Sie auf dem Wege der Besserung zu finden bei dieser, wenn auch nicht angenehmen, doch ökonomischen Kur ...

– O, ökonomisch gerade nicht, nahm ihm Abellino das Wort aus dem Munde; sie kommt mir hoch genug zustehen. Dem Doktor allein zahle ich täglich einen Dukaten dafür, daß er gehörig nachsieht.

– Nun, das ist teuer genug.

– Die Arzeneien bestreitet er jedoch selbst.

– Das ist etwas anderes. – Aber noch mehr muß ich mich darüber freuen, daß unsere Angelegenheit an der Schwelle einer glücklichen Lösung steht.

– Wieso? fragte Abellino, bemüht, auf beiden Ellbogen sich aufzurichten, um besser zu hören.

– Dieser Tage soll unser Prozeß vom Gerichtshofe vorgenommen werden. Unsere Hoffnung, ihn zu gewinnen, ist so gering als möglich.

– Um Gottes willen, ich bitte Sie, regen Sie meine Nerven nicht auf, sondern sagen Sie mir kurz heraus das Ende der Sache.

– Das zwar können wir erreichen, daß wir Szentirmay in den Augen der Welt herabsetzen ...

– Weiter, weiter, das alles weiß ich schon.

– Auch das, lieber Herr Baron, daß Zoltán Karpáthi dieser Tage um seine Großjährigkeit nachgesucht und sie auch erlangt hat?

– Davon weiß ich nichts, ist mir auch sehr gleichgültig!

– Lieber Baron, sagte Herr Maßlaczky, wenn ich gewußt hätte, daß Sie Salz essen, hätte ich mich nicht persönlich von Pest herbemüht, sondern hätte die Sache brieflich abgemacht; denn ich weiß wohl, daß der Mensch, wenn er Salz ißt, reizbar und ungeduldig wird; wenn ich im Gasthaus stark gesalzene Speisen zu essen bekomme, spring ich den Leuten in die Physiognomie, wie ein Hamster. Schon vor Jahren habe ich Euer Gnaden gesagt, daß unsern Zwecken nichts so förderlich ist, als das edle Herz Ihres Vetters Zoltán, und daß wir vor allem darauf unsere Augen gerichtet haben müssen. Der junge Mensch war auf Reisen und ist jetzt wieder zurück; selbst in Amerika ist er gewesen, er hat sich trefflich ausgebildet, man hört nicht von dem geringsten Exceß, den er begangen hätte, er ist gesund, unverdorben an Leib und Seele, von schwärmerischer Gemütsart und thatendurstig. Ich weiß wohl, Euer Gnaden würden es viel lieber hören, wenn ich statt alles dessen Ihren Cousin Ihnen schildern könnte als einen liederlichen Taugenichts, der nur ans Faulenzen denkt, dessen Charakter keinen schlechten Groschen wert, der niemand liebt und von niemand geliebt wird. Das alles würde Ihren Privatgefühlen weit mehr Befriedigung gewähren. Allein für unsern Prozeß wäre das von keinem Nutzen. Wäre er der entartete Schlingel, als den ihn liebe Gnaden sich gern denken möchten, nun dann würde er sich einen blauen Teufel um den Prozeß scheren, den wir gegen Szentirmay angestrengt, mögen sie mit dem Grafen machen, was ihnen beliebt, er wird fürwahr nicht auf einen Heller verzichten, um dem Grafen eine Unannehmlichkeit zu ersparen. Vielleicht würde er selbst noch Witze darüber reißen, es geschehe dem Grafen schon recht, warum habe er seiner Mama den Hof gemacht; jedenfalls würde er die Sache auf die leichte Achsel nehmen, wohl wissend, daß wegen ähnlicher Fälle sich noch niemand eine Kugel vor den Kopf geschossen; Szentirmay wird sich schon zu entschuldigen wissen vor seiner Frau, sie wird sich schon aussöhnen lassen. Die schöne kleine Kathinka aber hätte er längst schon vergessen, ihr Gedächtnis wäre längst schon verwischt in seinem Herzen durch neue Schönheiten, die reichen Jünglingen gegenüber mit ihrer Gunst nicht zu kargen pflegen. Allein die Sachen stehen ganz anders, gerade so, wie wir es brauchen, Belieben Euer Gnaden mir jetzt volle Aufmerksamkeit zu schenken ...

Während dieses Vortrags war ein uns noch unbekanntes Individuum unbemerkt zur Thüre hereingekommen, welche der Herr Fiskal hinter sich offen gelassen hatte. Es war ein dicker Herr, mit glattrasiertem Gesicht, in einem langgeschwänzten Frack, der ihm über dem Bauch nicht zusammenging, zwischen den feisten Wangen verschwand die kleine Stumpfnase beinahe gänzlich, von der nur die Nasenlöcher hervorstanden, als wollten sie den Augen sehen helfen, die mit der Nase ein gleiches Schicksal hatten, indem die sie umgebende Fleischmasse ihnen fast keinen Raum ließ, sich zu bewegen. Nur der Mund hatte sich nicht aus seiner Stelle verdrängen lassen, obwohl an beiden Seiten die Pausbacken eine Schanze bildeten, über die er nicht hinauswachsen konnte, dagegen war ihm nach oben und unten um so freierer Spielraum geblieben und die Lippenwülste hatten sich dort aufgeworfen wie zwei Bratwürste.

Gedachtes Individuum steht schon seit einigen Minuten vor der spanischen Wand mit hinaufgezogenen Augenbrauen, oder eigentlich mit demjenigen, was bei ihm die Stelle der fehlenden Augenbrauen vertrat und horchte, die Nase mit dem Knopf seines Rohrstockes stützend, den Worten Maßlaczkys zu; die beiden Nasenlöcher nahmen sich so aus, als ob sie ihm nicht nur zum Sehen, sondern auch als Gehörwerkzeug dienten.

Als der Fiskal eben im besten Zuge war mit seiner Exposition, trat der dicke Herr vor und berührte den Sprecher mit dem Knopf seines Stockes.

Dieser wandte sich, wie galvanisiert, um und starrte erstaunt den fremden Ankömmling an, die herausgedrehten Spitzen seines Schnurrbartes gleichsam zur Abwehr den beiden Ungetümen von Nasenlöchern entgegenhaltend.

– Was beliebt, mein Herr? Was wollen Sie hier?

– Ihnen das Sprechen verbieten antwortete der Ankömmling, und da zeigte es sich, daß auch seine Zunge so unmäßig dick war, daß sie kaum imstande, sich in der Mundhöhle zu bewegen und deshalb jeden Laut doppelt ausstößt und bei jedem Wort stottert.

– Wer sind Sie, mein Herr? fuhr ihn Maßlaczky an, nachdem er sich von seinem ersten Schrecken erholt hatte.

– Ich bin der Hausarzt des gnädigen Herrn Baron – Doktor Maus.

– Ich aber bin der Familienanwalt Seiner Hochgeboren, Advokat Maßlaczky, und frage, mit welchem Recht, auf welchen Gesetzartikel gestützt, Sie mir das Sprechen verbieten können?

– Mein Herr, sagte Doktor Maus, die verschobene Krawatte zurecht rückend, die Rechte des Arztes gründen sich nicht auf menschliche, sondern auf göttliche Gesetze. Ich verbiete Ihnen das Sprechen, weil ich meinem Patienten jede Gemütsaufregung verboten habe, und dazu war ich berechtigt, denn der Arzt ist der unbeschränkte Gebieter über den Kranken und der Patient hat sich unbedingt den Anforderungen des Doktors zu fügen; ich aber erlaube nicht, daß hier jemand meine Kur mit unnützen Zungendreschereien unterbreche.

– Mit unnützen Zungendreschereien?! fragte Maßlaczky, der sich jetzt schon vom Stuhle erhoben hatte.

– Mit unnützen Zungendreschereien, wiederholte Doktor Maus.

– Ich aber erlaube nicht, schrie Maßlaczky um einen Ton höher, daß mir jemand meinen Prozeß verderbe mit unnützen Quacksalbereien!

Das Blut des Doktors fing an in Wallung zu geraten bei diesem empfindlichen Gegentrumpf, da aber seine innere Aufregung sich nicht durch das Sprühen der Augen zu erkennen geben konnte, so mußten die gewaltig sich aufblasenden Nasenflügel diese Funktion übernehmen.

– Freiherrliche Gnaden! sagte er zum Patienten gewendet, ich verlange, daß Sie diesen Menschen augenblicklich fortschicken, sonst gehe ich und komme nie wieder.

Herr Maßlaczky stellte sich auf seine Zehen und entgegnete: Lieber Herr Baron, ich meinerseits prätendiere, daß Sie diesen Dominus hier hinauswerfen lassen, sonst werfe ich den ganzen Prozeß zum Fenster hinaus.

– Wenn ich Euer Gnaden hier mitten in der Kur sitzen lasse, keuchte der Doktor, dann können Euer Gnaden im Paradies Heilung suchen.

– Wenn aber ich den Prozeß unerledigt im Stich lasse, dann können Sie betteln gehen, wo der Pfeffer wächst.

Abellino flehte mit gefalteten Händen sein aneinander geratenes Leibpersonal an, sie möchten sich doch um Himmelswillen besänftigen, wodurch er die beiden noch besser aufeinander hetzte.

– Wie, Ihren lumpigen Exceptiven wegen soll ich eine solche Wunderkur aufs Spiel setzen?

– Und ich soll wegen Ihrer stinkenden Dekokte seinen zwölfjährigen Prozeß gefährden?

– Der noch weitere zwölf Jahre dauern wird, nicht wahr?

– Dessen Ende mein Klient in zwei Wochen erleben wird, wenn ihn bis dahin Ihr Unverstand nicht umgebracht hat.

– Nehmen Sie sich in acht, mein Herr, ich bin diplomierter Arzt, Sie aber sind nur ein simpler Prozeßverlierer.

– Und Sie, mein Herr, sind ein Charlatan, ein Beutelschneider, Sie sind nicht einmal ein Doktor, sondern nur ein Barbier!

– Sie aber sind ein Federvieh-Advokat!

Die zwei Diplomierten standen auf dem Punkte, sich ad majorem gloriam ihrer respektiven Fakultäten zur Thüre hinaus zu fuhrwerken. Abellino konnte kein beschwichtigendes Wort für sie finden und streckte nur seine langen, mageren Hände zu ihnen empor.

– Was, was bin ich? fragte Maßlaczky, als ob er nicht recht gehört hätte, dem dreimal korpulenteren Gegner auf den Bauch rückend

– Ein Federvieh-Advokat.

– Und Sie sind ein Giftmischer.

– William, William! jammerte Abellino, worauf dann der Bediente herein kam und um die beiden feindlichen Gegner zu trennen, auf die List verfiel, zuerst Herrn Maßlaczky ins Ohr zu raunen: »Aber Spectabilis, was streiten Sie sich mit diesem Menschen herum, wissen Sie denn nicht, daß er nach Tisch immer einen Rausch hat? Einem Betrunkenen weicht auch ein Heuwagen aus!«

– Ah so! sagte Herr Maßlaczky, nun dann verliere ich kein Wort weiter.

Dann flüsterte William dem Doktor zu: »Lassen Sie ihn seiner Wege gehen, er ist sonst ein guter Kerl, nur ist ihm der Schnaps jetzt zu Kopf gestiegen.«

– Ah, das ist was anderes, beschwichtigte sich der Doktor und kehrte seinem Gegner verächtlich den Rücken.

Durch diese einfache Kriegslist gelang es, den Sturm zu beschwören.

– Da gehe ich meiner Wege, sagte spöttisch der Fiskal, nach seinem Hute greifend. Einem solchen Menschen weicht auch ein Heuwagen aus.

– Schade um jedes Wort, das ich verloren, sagte der Arzt, der, die Hände über den Rücken gekreuzt, zum Fenster spazierte. In einem solchen Zustande erregt man eher Mitleid und bedarf ärztlicher Pflege.

Herr Maßlaczky stand schon an der Thüre und Herr Maus beim Fenster; der Fiskal konnte sich nicht enthalten, noch einmal, gleichsam zum Abschied, ihm zuzurufen: Quacksalber!

– Prozeßverlierer! rief ihm der Doktor nach, den Kopf umwendend und das Wort nur bei einem Mundwinkel herauslassend.

Maßlaczky warf hinter sich die Thüre zu und recitierte, indem er die Treppe hinabstieg, laut vor sich her die übrigen Ehrentitel, von denen er keinen einzigen mit sich nach Hause nehmen wollte: Giftmischer, Pillendreher, Barbiergeselle! ...

Der Doktor, bis zu dessen Ohren diese schmeichelhaften Ausdrücke heraufdrangen, stürzte ihm nach und rief, den Kopf zur Thüre hinausstreckend, ihm nach: Winkeladvokat, Aktenschmierer, Prozeßverlierer, Leutebetrüger!!!

Der Fiskal verschwand unter dem Thor und Herr Maus lief nun zum Fenster, riß es auf, beugte sich hinaus und schrie ihm nach: »Prozeßverlierer!« und Maßlaczky von der Gasse herauf: »Giftmischer!« und als Maßlaczky schon soweit gegangen war, daß sie ihre Stimmen nicht mehr ausnahmen, kehrte er sich noch einmal um und schabte sich mit dem Zeigefinger das Gesicht, um dem Herrn Maus damit pantomimisch zu verstehen zu geben, daß er nur ein Bartscherer sei; worauf Herr Maus ein Bündel Papiere hervorzog und sie auf die Gasse streute, in dieser sinnreichen Weise den Begriff: »Prozeßverlierer« symbolisierend.

Abellino blieb halbtot auf dem Kampfplatz liegen. Ihn verdroß es am meisten, daß er nicht hatte erfahren können, warum Maßlaczky zu ihm gekommen sei und was er ihm von Zoltán hatte sagen wollen.

Tags darauf begegneten sich die zwei übereinander geratenen Diplomträger auf der Promenade, welche die damalige verbauernde Generation schon anfing, sétány (Wandelplatz) zu nennen, und es dadurch zweifelhaft machte, ob es auch noch für die fashionable Gesellschaft schicklich sei, dort zu erscheinen. Der Doktor und der Fiskal kamen aufeinander zu, jeder von dem entgegengesetzten Ende der Allee (oder des Baumganges, wie unsere barbarischen Sprachneuerer sich einfach ausdrücken würden) und statt, als sie einander erblickten, wie gewöhnliche Menschen gethan haben würden, plötzlich einander den Rücken zuzukehren und ein jeder den Weg zurückzugehen, den er gekommen war, eilten die beiden mit freundlichen Gesichtern auseinander zu; Doktor Maus reichte schon von weitem seine Hand hin, Maßlaczky aber beeilte sich, sie zu ergreifen und zu schütteln, soweit seine Körperkraft dazu ausreichte, und versicherte dem Herrn Doktor aus dem Grunde seines Herzens, daß er den gestrigen Vorfall außerordentlich bedauere und daß er hoffe, der Herr Doktor werde seine ungewöhnliche Heftigkeit auf Rechnung der ungewöhnlichen Umstände schieben, worauf Doktor Maus gleichfalls zu hoffen wagte, der Herr Fiskal werde seinem sanguinischen Temperamente etwas zugute halten, für das er nun einmal nichts könne, und damit schlossen sie in einer kordialen Umarmung Frieden und ein Schutz- und Trutzbündnis miteinander, heilig beteuernd, ihre junge Freundschaft solle hinfort nicht durch das kleinste Wölkchen eines Mißverständnisses getrübt werden, und eilten schließlich, Arm in Arm eingehängt, durch die Gassen, welche Zeugen ihres gestrigen Haders gewesen waren, bis zur Wohnung Abellinos.

Die beiden Ehrenmänner hatten jeder in der Nacht überlegt, welche Thorheit es wäre, sich gegenseitig zu befehden, da einer dem andern so nützlich sein könne. Dem Herrn Anwalt muß alles daran gelegen sein, daß ein so einfältiger Mensch, wie Abellino, sein irdisches Dasein solange als möglich friste, und dem Herrn Doktor, daß der stabile Patient auch beständig bei Kasse sei. Vermöge dieses doppelten Interesses wäre es sehr unvernünftig, wenn sie einander ihre Thätigkeit paralysieren würden, was sie hinfort auch nicht thun werden.

Lassen wir sie Arm in Arm ihren Weg fortsetzen.

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