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Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob

Maurus Jókai: Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorMaurus Jókai
titleZoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
firstpub
translatorEduard Glatz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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2.

Der Zinkendorfer Patient.

Drei Tage und drei Nächte währte die Heimsuchung die der Herr über Pest verhängt hatte, drei Tage und drei Nächte hindurch ertönte Jammer und Wehgeschrei innerhalb der Stadtthore; am dritten Tage verlief sich die Flut aus den Gassen und nun ward es überall stille.

Ach, welch ein Morgen war das, welch ein Schauspiel, welch trauriges Bild! Zwei Dritteile der Stadt lagen in Trümmern, in ganzen volkreichen Gassen stand nur hier und da ein einsames Haus noch aufrecht; die Straßen waren von einem Ende zum andern aufgewühlt und mit Schlamm überzogen; in dem häßlichen, schwarzen Kot lagen halb eingegrabene Leichen, welche das tückische Element gewöhnlich mit den Gesichtern nach abwärts gekehrt hatte; hier ein Reiter, dort sein Roß; hier ein Säugling an der Brust der Mutter, die erstarrten Hände sind so fest ineinander verflochten, daß man sie nicht voneinander losmachen kann, ein Sarg muß beide Leichen aufnehmen; der lärmende Marktplatz ist übersäet mit Trümmern; von den vor wenigen Tagen noch so stattlichen Gebäuden sind diejenigen, welche stehen geblieben, voller Risse und Sprünge, die Mauern haben sich teilweise gesenkt oder stehen schief, so daß man besorgen muß, auch sie werden noch nachstürzen.

Wer bisher nicht geweint hat, der kann jetzt weinen.

Gehen wir nach Hause.

Aber wohin? Wir haben kein »zu Hause« mehr. Kaum, daß aus den Ruinen diejenigen das Haus wieder erkennen, dessen Inwohner sie gewesen. Was sie darin zurückgelassen, mögen sie lieber nicht erst suchen. Die Pracht des Reichen und die dürftige Habe des Armen hat gleiches Schicksal getroffen, was übrig geblieben, heißt Elend.

Jetzt weinte in der That, wer bisher nicht geweint.

Nicht drei Tage, ein ganzes Jahrhundert ist verstrichen. Die Zeit ist rückwärts geschritten, und was schon gelebt, ist zurückgekehrt in den Schoß des Ungeborenen.

Durch das ganze Land zuckte der Schmerzensschrei: »Kein Pest mehr!«

Die herrliche, die teure Stadt, an die es eine Lust war zu denken, welche zu besuchen man sich freute, wie man sich auf das Wiedersehen der Heimat freut, an welche jeder Patriot Hoffnungen der glücklichsten Zukunft knüpfte und die er in seiner Phantasie sich noch schöner umschuf, als sie es schon war, von wo die Nation die Initiative ihres geistigen und materiellen Aufschwunges erwartete – der Mittelpunkt des Landes, das Herz des Volkes ist nicht mehr! dahin – dahin, dahin!

Die schönen Hoffnungen, die stolzen Träume, die mühseligen Anstrengungen so vieler Jahre sind zunichte gemacht, zertrümmert, die Wogen haben die Luftschlösser ebenso hinweggespült, wie die handgreiflichen Werke des Fleißes.

Wochen, monatelang durchziehen Pilger alle Gegenden des Landes, die früher Bewohner Pests gewesen und nach den Tagen der Zerstörung ihre eingestürzten Behausungen verlassen hatten, in fremden Komitaten eine Unterkunft suchend. Selbst das Arbeitervolk wandert fort aus der Landeshauptstadt, es ist dort nichts mehr zu suchen; wer kann, begiebt sich zu entfernten Anverwandten; wer keine Verwandtschaft hat, geht betteln; anständige, biedere Leute sieht man von Haus zu Haus geben, Thränen entrollen ihren Augen, wenn sie um ein Almosen bitten müssen, und ihren Lippen merkt man es an, daß es ihnen noch ungewohnt ist, das bittere: vergelt's Gott! zu stammeln.

O wie ein kaltes Fieber ergießt diese Krankheit sich durch alle Adern des Landes. Jedermann fühlt, jedermann beklagt den herben Verlust. Der Ungar hat nichts mehr, dessen er sich freuen kann.

In jenen Tagen lag im Zinkendorfer Kastell jener Mann krank darnieder, den die Geschichte einst nur mit den Worten zu bezeichnen braucht » Er hat mehr als alle sein Vaterland geliebt,« und jedermann wird wissen, wer gemeint ist.

Schon lange vorher, als diese Ereignisse sich zutrugen, hatte er gekämpft für das Gedeihen seines Stammes, auf andern Wegen, mit andern Mitteln als diejenigen waren, deren die Großen des Landes sich bisher bedient hatten und eben deshalb mit verdoppelter Mühsal, denn er hatte anzukämpfen nicht bloß gegen seine Gegner, sondern auch gegen die eigenen Parteigenossen.

Er trug Stein auf Stein zu dem großen Bau, dessen Gedanken zu entwerfen schon etwas Riesiges war, denn seine Wölbungen umspannen eine ganze Nation, und sein Name ist: geistige und materielle Wohlfahrt des ungarischen Volkes. Er war Baumeister und Handlanger in einer Person an dem Riesenwerke.

Wie oft mußte er an ihm ermatten! Wie oft mußte er die Tantalusqualen empfinden, welche der strebende Geist dem Sterblichen bereitet; wie oft mit jenem bösen Dämon der Mythe zusammentreffen, der über Nacht zerstört, was den Tag über fleißige Hände gebaut.

Ermattet, lebensmüde, gleichgültig lag der edle Mann auf seinem Krankenlager zwischen Tod und Genesung, als die erschütternde Kunde eintraf, Pest liege in Schutt und Trümmern.

Wenn jemand der Gedanke an die Hauptstadt teuer war, so war er ihm zehnfach teuer. Andere beklagten an Pest nur die schöne Stadt, ihm war es das Fundament in dem Gebäude seines ganzen Lebens. Wer fühlte diesen Schlag so wie er?

Und siehe! Auf diese Schreckenskunde, welche das ganze Land krank machte, erhob dieser eine kranke Mann sich genesen von seinem Lager. Nach dem Eintreffen einer solchen Nachricht war ihm nicht mehr erlaubt, krank darnieder zu liegen, nein! wäre er schon tot gewesen, es hätte ihm selbst im Grabe keine Ruhe gelassen und er wäre ihm entstiegen, um sein schöpferisches Losungswort hinauszurufen in die Welt: »Pest ist nicht zu Grunde gerichtet, Pest wird wieder ausblühen zu neuem Leben, zu neuer Freude!

Diese Losung fand ein Echo in jeder Brust; auf Trübsal und Entmutigung folgte Opferfreudigkeit und Thatkraft; Millionen sammelten sich an aus den Opferspenden von Groß und Klein, damit für das verloren Gegangene, das uns teuer war, Neues entstehe, das uns noch teurer sei und die schmucke, jugendliche Stadt wurde noch schöner und reicher, als sie es vordem gewesen, ihre Bevölkerung nahm zu, Wohlstand und Überfluß verwischten die Spuren des Unglücks und Elends und Reihen von Palästen, die aus der Erde zu wachsen schienen, erhoben sich über den Trümmern; die rechte Hand Gottes war sichtbar an dem gesegneten Boden.

Eine so wunderbare Auferstehung hat noch kein irdischer Toter gehabt, wie die Hauptstadt Ungarns.

Möge die Zeit es bringen, daß Pest seinen Wohlthätern zurückzahle, was es von ihnen einst empfangen: Größe und Wohlstand. Mit einer großen Lehre hat es uns schon beschenkt durch sein Wiederaufblühen »Wer sich selbst neu zu schaffen imstande, der ist unsterblich.«

Staunend, in Gedanken vertieft wandeln wir die Gassen und Quaie der aus dem Schutt neu erstandenen Stadt entlang und unserer Phantasie scheint es, als ob von den Giebeln dieser Steinkolosse, von den Fassaden dieser Paläste, aus den Laubgängen dieser Parkanlagen überall ein schwermütiges Geisterantlitz scheu auf uns herabblickte, mit dunkel beschatteten Augen, das Antlitz eines, der überall dort sein mußte, wo es galt, zu gründen, neu zu schaffen, zu beglücken, – nur er selbst kann nicht glücklich sein, nur er allein ist in Trümmer gegangen bei dem großen Werke. Wird ein Gott die zertrümmerten Stücke dieses Meisterwerkes uns je wieder zusammenfügen?

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