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Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob

Maurus Jókai: Zoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob - Kapitel 12
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typefiction
authorMaurus Jókai
titleZoltán Karpáthi, der Sohn des Nabob
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
firstpub
translatorEduard Glatz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Zweiter Teil

1.

Trauertage

Jede Nation hat eine heilige Stadt, die ein Gegenstand ihrer Pietät, ihres Stolzes ist. Die Söhne des großen Österreich sagen mit Genugthuung, daß es nur ein Wien in der Welt giebt; der Engländer rühmt sich seines Londons; der Franzose betrachtet Paris als den Mittelpunkt der Welt und der Russe küßt die Erde, wenn er Moskau betritt; – möge es auch dem Ungar vergönnt sein, eine süße Freude zu empfinden, wenn er an Pest denkt. Wir werden nach Pest gehen! Wir werden Pest sehen! das schöne, jugendliche Pest, die jungfräuliche Braut Ofens, des ergrauten Veteranen, mit den großartigen Häuserzeilen, den weitgepriesenen öffentlichen Instituten und so vielem Schönen und Guten, daß dem Neuling, wenn er das alles genießen will, alle fünf Sinne ermüden.

Noch vor einem Jahrhundert war Pest eine kleine Stadt, ohne Vorstädte. Es zählte kaum achthundert Häuser mit neuntausend Einwohnern, und siehe, hundert Jahre später erheben sich schon viertausend Häuser, ganze Reihen von Palästen auf dem ebenen Plan seines Weichbildes, vier Vorstädte sind um die innere Stadt entstanden, Wohlstand, Reichtum hat sich entwickelt an dem solange vernachlässigten Donaustrande und – der Segen des Himmels trägt hundertfältiges Korn.

Hierher trug die Pietät der Nation alles zusammen, was ihr teuer war; die Denkmäler ihrer Vergangenheit. Die Hoffnungskeime der Zukunft, die Pracht und den Luxus des Reichtums, den Fleiß der Gewerbe, den Geist der Wissenschaft, die Hallen der Kunst, die Asyle der Wohlthätigkeit. Alle Lebensregungen des Gemeingeistes im ganzen Lande, in den obern so gut, wie in den untern Schichten, in der geistigen, wie in der materiellen Sphäre, erhalten von hier aus ihren Impuls und regeln sich gleichsam nach dem schwächeren oder stärkeren Herzschlag der neuen, der aufblühenden Hauptstadt, des schönen Pest, das an allem Überfluß hat, das jeder Ungar wenigstens einmal im Leben sehen muß, um sich zu überzeugen, daß es die schönste Stadt der Welt ist, und was es in Pest nicht giebt, das giebt es dann nirgends.

Mit kindlicher Pietät blickten die Kleinen, mit väterlicher Liebe die Großen, die Weisen des Landes auf die junge Hauptstadt und während die in Dunkelheit und Armut geborenen Jünglinge den Beginn einer neuen Lebenslaufbahn vor sich sahen, wenn sie durch die Linien Pests hereinfuhren, wo das Talent, der Fleiß sich einen Ruf, Selbständigkeit und Vermögen erwirbt; sahen die Reichen, die Hochgestellten hier eine glänzende Arena sich öffnen für wetteifernde Thatkraft und Volksbeglückung.

Es war das gemeinschaftliche Herz, das in jeder Brust schlug, dessen Kummer jeden schmerzte, dessen Freude jeder mit empfand, und in diesem Gefühle begegnete sich Klein und Groß.

* * *

Ein schwerer, tiefer Seufzer entringt sich meiner Brust, indem ich diese Zeilen niederschreibe. Auch aus der deinigen, der du dies liest.

Es war das Jahr 1838.

Ihr könnt es im voraus wissen, daß es nicht Dichtung ist, was ich niederschreiben werde. Alles, alles bis zur kleinsten Thatsache, sind es wirkliche Geschehnisse, traurig, großartig, niederschmetternd, zum Himmel erhebend! Vernichtung – Wehklagen – ein Bußtag für das ganze Land – ein riesiger, verzweifelter Kampf einzelner Kraftnaturen mit dem Schicksal, mit den empörten Elementen, ein von Gott über uns verhängter schwerer Prüfungsschlag, aus dem neugeboren hervorgegangen zu sein, uns ein tröstliches Unterpfand ist, daß wir noch lange leben werden.

Vielleicht waren wir noch nicht eifrig genug, vielleicht liebten wir uns selbst noch nicht genug und dachten nicht genug an das, woran wir beständig hätten denken sollen, daß nun plötzlich die göttliche Heimsuchung über uns kommt und uns nimmt, was uns das teuerste ist, damit wir durch den Verlust erfahren, was wir an ihm besessen.

Den ganzen Winter über hatte es der Herr nicht an drohenden Wahrzeichen fehlen lassen. In den oberen Gegenden herrschte gelindes Thauwetter, in den unteren dagegen wütete ein strenger, anhaltender Frost. Im Norden fing schon um die Mitte des Winters das Gras zu sprossen an und im Süden standen gegen Anfang April die Schneeverwehungen noch haushoch Straßen und Wege absperrend, so daß jede Stadt, aus welcher man den Schnee ausführte, aussah, als wäre sie mit einer großen Weißen Ringmauer umgeben.

Vom Dezember angefangen war die Donau beständig im Wachsen, so daß sie in den ersten Tagen des März bei Pest die seit Menschengedenken unerhörte Höhe von einundzwanzig Schuh über den Nullpunkt erreicht hatte; nächtlicherweile konnte man von weither die Töne der Sturmglocken vernehmen aus den an beiden Ufern gelegenen Ortschaften, welche die über die Dämme getretenen Fluten des Eisgangs überschwemmt hatten und in den Gassen Pests waren die traurigen Gruppen der Flüchtlinge zu schauen, welche, schlecht gekleidet, mit ihren Kindern auf dem Arm, ein oder das andere gerettete Stück Rind nach sich führend und begleitet von dem treuen Haushund, aus den benachbarten Dörfern hereingekommen waren und die Auf- und Abgehenden mit ihren erfrorenen Gesichtern erschreckten, denen man es ansah, daß sie des Bettelns noch ungewohnt waren.

Und die Gefahr hörte nicht auf. Sonst pflegte sie ebenso schnell vorüberzugehen, als sie plötzlich gekommen war. Jetzt nahm sie stetig zu und drohte beständig. Jedermann wußte die Ursache und schauderte, so oft er daran dachte.

Unterhalb Pest und oberhalb Tolna, dort, wo die Donau in drei Arme sich teilt, hatte trotz des hohen Wasserstandes das Eis sich gestockt, und war infolge der häufigen Schneefalle so fest geworden, daß, wenn der obere Eisstoß sich in Bewegung setzte, er nicht imstande war, es von der Stelle zu schieben. Hier staute sich das von oben kommende Treibeis und füllte, da es nicht weiter konnte, allmählich das ganze Strombett an, so daß stellenweife das Eis bis auf den Grund festsaß und das Wasser über die nicht zu durchbrechenden Eisbarrikaden emporstieg und sich über die Ufer ergoß.

In diesem Gedanken lag Verzweiflung.

Des Schreckens, der Verwüstung war bisher schon genug und was wird erst dann geschehen, wenn eintreten sollte, Wovon noch wenige sprechen, was die Besorgnis der Fachmänner, der Sachverständigen allein nur in seiner ganzen schrecklichen Größe zu begreifen imstande ist?

Ach, wenn es die Leute wüßten, wenn sie es so verständen, wie jene Wenigen, die sich Volk der Sachlage schon unterrichtet haben, die es aber nicht weiter zu sagen sich getrauen, wie würden sie nachts aus ihren Betten springen, ihre Häuser verlassen, zu allen Thoren der Stadt davonfliehen und nicht rückwärts blicken, solange die Spitze eines Turmes sichtbar.

Die über allen Häuptern schwebende Gefahr war die: oberhalb bei Visegrád, wo die Donau eine Biegung macht, war eine ähnliche Eisanschoppung entstanden, und da der dort bis auf den Grund zugefrorene Strom zwischen den beiden, Felsenufern feststak, stand bereits die ganze obere Gegend unter Wasser und von Gran bis aufwärts nach Wien war nichts zu hören, als ein Schrei des Jammers.

Was aber geschieht mit uns, wenn der Strom die Visegrader Barrikade früher durchbricht, als die Tolnaer, und der herabtreibende Eisstoß hier auf jenen anderen trifft?

Diese scheue Frage trieb blutigen Angstschweiß auf die Stirne.

O Pest, o Herz des Landes!

* * *

Bei dem hochgeborenen Herrn Septemvir Tarnaváry war für heute Abend eine glänzende Soiree angesagt.

Es war die Nacht des vierzehnten März.

Außer den uns schon bekannten Persönlichkeiten waren noch viele andere Gäste, die uns noch völlig fremd sind, zu dieser lustigen Abendunterhaltung eingeladen, zu welcher die Vorbereitungen schon seit länger als einer Woche getroffen wurden.

Aber jetzt tanzen! Welch ein Gedanke!

Wer steht so hoch, daß er sich nicht zu fürchten hätte vor der Hand Gottes?

Doch wem kommt das in den Sinn? Die meisten Menschen lieben es nicht, sich mit Gedanken zu beschäftigen, die ihnen unangenehm sind. Dann ist ja auch Pest gut geschützt, ein großer Damm umgiebt es von allen Seiten. Höchstens kann den Vorstädten etwas zustoßen. In der Franzstadt kommt es häufig vor, daß die Lehmhütten der armen Leute unter Wasser gesetzt werden, aber hier in den Palästen weiß man davon nichts. Dann wäre es auch nicht gut, die Bevölkerung durch übertriebene Ängstlichkeit zu alarmieren, es wird vielmehr zur Beruhigung der Gemüter beitragen, wenn das Volk sieht, daß gerade die hochgebildeten Klassen keine Angst haben und sorglos ihren Vergnügungen und Unterhaltungen nachgehen, daß also kein Grund da ist, sich zu fürchten.

Und doch fürchtet Herr Tarnaváry für seine Person im Himmel und auf Erden sich vor nichts so sehr, als vor dem Wasser. In seinem Leben ist er noch auf keinem Schiff gefahren. Als junger Mann war er zum Gesandtschaftsattaché in Neapel ernannt worden. Er verzichtete lieber auf diese Anstellung und begann eine neue Laufbahn, als sich in ein hölzernes Gefängnis einschließen zu lassen, das kein Fundament hat, als das Wasser. In dieser Furcht hatte er schon vor Monaten heimlich einen Kahn in seinen Keller bringen lassen, um ihn für den Fall der Not bereit zu haben, und er geriet in großen Zorn, wenn jemand in einem Gespräche mit ihm das Thema der Überschwemmungsgefahr auch nur fernhin berührte. Bei einer solchen Gelegenheit konnte er sehr grob werden und schnauzte jedermann an. Er litt es nicht, daß jemand auch nur an die Möglichkeit dessen glaubte, wovor er selbst doch so sehr zitterte und Zoltán fing erst dann an sein Liebling zu werden, nachdem er durch die Bekanntschaft mit irgend einem Professor in Erfahrung gebracht hatte, daß Tarnavárys Wohnung auf dem Josephsplatz den am höchsten gelegenen Punkt in der ganzen Stadt einnehme und die sicherste Zufluchtsstätte in der ganzen Umgegend darbiete.

Bevor wir an der lustigen Unterhaltung teilnehmen, wollen wir erst noch einen der Helden unseres Romans aufsuchen, den spectabilis dominus Maßlaczky, der gleichfalls geladen ist; wir können dann gleich mit ihm gehen.

Auch er rüstet sich eben zum Aufbruch. Wir treffen ihn in diesem Augenblicke bei einem sehr interessanten Geschäft. Er rasiert sich. Vor ihm stehen zwei Leuchter mit brennenden Unschlittkerzen, dazwischen ein Schachbrettspiegel, dem gegenüber Herr Maßlaczky an seiner werten Physiognomie mit einem professionellen Eifer, der einem Barbier Ehre gemacht hätte, herumarbeitete, wohlberechnete und schulgerechte Halswendungen machend und die Unterlippe zwischen den Zähnen einziehend behufs sorgfältigerer Behandlung ihrer Appertinenzien. Da die eine Hälfte des Gesichtes mit weißem Schaum eingeseift ist, kann dessen wahre Beschaffenheit nur an der andern Hälfte erkannt werden; en face gesehen, erinnert es jedoch lebhaft an jene indianische Wundergeburt, die einmal im Gasthof »zum weißen Schiff« gezeigt wurde, und deren eine Gesichtshälfte weiß, die andere schwarz war.

Die Glocke schlug eben neun, als man das Rollen eines rasch fahrenden Wagens, der vor dem Hause still hielt und darauf das Getrampel hastiger Schritte die Stiege hinauf bis in den vierten Stock vernahm; das Klingeln an der Thüre läßt erraten, daß Herr Maßlaczky es ist, dem der Besuch gilt. Nun, er möge nur eintreten. Herr Maßlaczky läßt sich dadurch nicht im geringsten stören; er faßt mit würdevoller Ruhe eben die Nasenspitze zwischen die Finger seiner linken Hand, zieht sie kunstgerecht in die Höhe und beginnt mit dem in der rechten Hand ruhenden Rasiermesser jenes Terrain bedächtig zu säubern, in welches der Schnurrbart nicht mehr hinübergreifen darf, wodurch das Gesicht ein viel jugendlicheres Aussehen gewinnt.

Nach einigen Augenblicken schiebt der späte Besuch zur Thüre herein. Maßlaczky sieht im Spiegel, daß es Frater Bogozy ist.

Der Frater wünscht keinen guten Abend, fragt nicht nach dem Befinden, sondern stößt nur mit kurzem Atem die Worte aus: der Stoß hat sich heute Morgen bei Visegrád in Bewegung gesetzt.

Ein anderes Menschenkind hätte in der Lage, in der sich Herr Maßlaczky befand, bei diesen Worten mit dem Rasiermesser sich die Nase abgeschnitten oder hätte all die Verschönerungswerkzeuge weit von sich geworfen, und wäre mit halb weißem, halb rotem Gesicht zum Haus hinausgestürzt. Maßlaczky that weder das eine, noch das andere, sondern nahm in voller Seelenruhe den Streichriemen hervor, zog darauf sein Messer ab und fragte dazwischen mit leiser Stimme den Frater: haben Sie mit Trommel gesprochen?

– Ich habe ihn gleich mitgebracht. Er wartet draußen.

– Bitte schicken Sie mir ihn herein. Dann gehen Sie zum Abendessen, erzählen Sie aber niemand, wo Sie waren.

Der Jurat entfernte sich, und nach ihm drückte sich ein korpulentes, in einen Mantel gehülltes Individuum sachte zur Thüre herein, dessen feistem, wohlgenährten Gesicht die Verlegenheit, nicht zu wissen, weshalb er gerufen sei, einen Anstrich von Albernheit lieh. Das ganze Gesicht war dunkelrot angelaufen und glich mehr einem roh geformten Schmeerklumpen, welche Ähnlichkeit noch täuschender gemacht wurde durch den Umstand, daß die Augenbrauen fehlten, oder so licht waren, daß man sie bei Kerzenbeleuchtung nicht ausnahm, so daß die Augen in der fetten, fleischigen Stirn zu stecken schienen, wie bei einem wohlkonditionierten Seekalb.

Als der Eintretende sah, daß der Herr Fiskal mit dem Messer sich um die Nase herumfuhr, verhielt er sich schweigend, bis die Operation beendet war und ließ sich auf der Ecke eines Stuhles nieder, mit seinem großen, schweren, beschneiten Mantel die Aktenstöße, auf die er sich gesetzt hatte, taufend.

Herr Maßlaczky trocknete sich das Gesicht und ließ mit wohlgefälligem Vergnügen seine Fingerspitzen über das glatte Kinn gleiten.

– Lieber Herr Trommel, nicht wahr, Sie haben Pletten?

– Ja – jawohl – ich habe welche, antwortete der würdige Herr, sich jedes Wort reiflich überlegend, wie einer, dem der Instinkt der Selbsterhaltung zuflüstert, daß man auf die Fragen eines Advokaten nie mit der ganzen Wahrheit herausrücken dürfe.

– Wie viele?

– Zwei; ja; zwei. (Es that ihm doch wohl, daß er mindestens eine hatte verschweigen können.)

– Und Kähne?

– Kähne habe ich fünf, gerade fünf. Warum belieben Sie zu fragen?

– Könnten Sie wohl auf ein paar Tage noch einige dazu ausgeliehen bekommen?

– Weshalb? bitte ergebenst weshalb? Für Lustfahrten ist jetzt das Wetter nicht darnach.

– Mein lieber Herr Trommel, ich wüßte Ihnen ein sehr nützliches Unternehmen zu empfehlen. Sie wissen ja, es ist nicht das erste, und Sie sind noch bei keinem schlecht gefahren.

– Danke ergebenst. Bitte über mich zu befehlen.

– Sie müssen wenigstens zwölf Pletten und Kähne mieten, und die nötige Anzahl von Schiffsknechten dazu aufstellen, denn in Pest wird bald große Nachfrage darnach sein. Die Donau wird austreten und die Stadt überschwemmen.

– Aber bitte gehorsamst, das ist Sache des Magistrats.

– Ich sage nicht, lieber Herr Trommel, daß Sie es aus Menschenfreundlichkeit thun sollen; was ich Ihnen vorschlage, ist eine Spekulation, bei der sich hundert Prozent gewinnen lassen.

– Verstehe schon, spectabilis. Aber es will mir doch nicht in den Kopf. Kostet sehr viel; fünf Gulden täglich für jeden Schiffsknecht, zehn Gulden der Kahn selber. Man riskiert wenigstens sechshundert Gulden. Und dann, wer weiß, ob das Unglück wirklich auch so groß wird? Um auf einen ordentlichen Nutzen rechnen zu können, dazu gehörte, daß nicht nur die Vorstädte, sondern auch die innere Stadt überschwemmt würde, wo die reichen Herren, die großen Kaufleute wohnen, dann würde schon was heraussehen. Wer aber kann das voraus wissen?

– Ich weiß es gewiß, sagte Herr Maßlaczky; in den Kanälen der inneren Stadt steht das Wasser jetzt schon an mehreren Orten mit der Erde gleich, hier und da hat man sogar die Luftöffnungen der Kanäle schon mit Brettern verschallen müssen, um das heraustretende Wasser einzufangen. Man sieht daraus, um wieviel höher schon die Donau als das Straßenniveau ist. Und sie wird noch höher steigen. Ich halte es für eine sehr gute Spekulation, was ich Ihnen vorgeschlagen habe, und bin bereit, die Hälfte der Summe vorzuschießen.

– Und werden spectabilis im Falle eines Verlustes das Geld nicht von mir zurückverlangen?

– Nicht einen Heller.

– Und wenn sich ein Gewinn ergiebt?

Maßlaczky antwortete hierauf mit einem schon bereitgehaltenen Kontrakt, in dem geschrieben stand, daß er und Herr Johann Trommel in Compagnie Kähne gemietet, um im Falle der Not die Kommunikation zwischen den beiden Städten aufrecht zu erhalten – gegen einen mäßigen Überfuhrlohn. Verstanden: ein Lohn, so groß, als man ihn von einem in Todesangst schwebenden Menschen erpressen kann.

Verabscheuungswürdiger Raub! Ausbeutung eines herannahenden Unglücks! Und auch das ist Thatsache. Die traurigste vielleicht in der ganzen Katastrophe. Es gab Menschen, welche die Chancen des Gewinnes, den sie aus einer hereinbrechenden Gefahr ziehen können, mit kaltblütiger Überlegung vorausberechneten.

Die beiden ehrenwerten Männer verstanden einander; Herr Trommel übernahm von Maßlaczky die vorgestreckte Summe und ließ ein Duplikat des Vertrags in seinen Händen zurück.

– Jetzt eilen Sie, unverzüglich Ihre Anstalten zu treffen, denn die Arbeit beginnt noch heute Nacht.

Der Schiffmeister machte sich mit großer Eile davon. Maßlaczky aber band sich mit aller Ruhe sein weißes Halstuch um und warf sich in vollen Glanz, schickte nach einer Mietkutsche und fuhr wenige Minuten darauf nach der Wohnung des Septemvir, deren lange Fensterreihe festlich in die dunkle Nacht hinausleuchtete.

Aus dem mittleren Saale vernimmt man die Töne eines Klaviers. Da wir in der Fastenzeit sind, ist keine andere Musik gestattet. Am Klavier sitzt das schone Fräulein Ilvay, dem die Ärzte das Tanzen verboten haben. Herr Maßlaczky schreitet hier mit einem flüchtigen Kompliment durch. Er war nie ein Tänzer und ist nicht gewohnt, sich am Tanze zu beteiligen. Überdies ist er ein viel zu guter Psycholog, um nicht zu wissen, daß es viel sicherer zum Ziele führt, sich bei den Eltern, als bei den Fräulein Töchtern in Gunst zu setzen, wenn man ernste Absichten hat. Er eilt also geradeswegs dahin, wo die Frau Septemvirin, Herr Köcserepy und dessen Gemahlin Whist spielen. Als Vierter muß Mitzislaw den Strohmann abgeben, mit dem sie beständig zanken, weil er sehr zerstreut ist und seine Blätter ganz ohne Berechnung zugiebt.

– Ich kann es nicht begreifen, heute ist alle Welt so konfus! rief Tarnaváry aus, der beständig in den Sälen auf und ab ging, wie das im Chaos herumirrende Atom des griechischen Philosophen. Der Bediente läßt die Teller fallen, die Köchin stellt das Gefrorene in die Ofenröhre, im Tanzsaal bringen sie die Quadrille in Verwirrung, und unser Freund Mitzislaw spielt Treff aus, wenn Pik gefordert ist. Was kann es nur heute geben?

O, was kann es heute geben! Barmherziger Gott, sei mit uns!

Herr Maßlaczky langt mit freudestrahlendem Gesicht an und küßt den beiden Damen die Hand, was sonst nicht seine Art ist.

– Gut, daß Sie kommen, sagt Eveline erfreut, deren Leidenschaft das Whist ist; Sie können gleich Mitzislaws Stelle einnehmen; wir dispensieren Sie, Mitzislaw. Es scheint ohnehin, Ihr Herz ist halb im Tanzsaale.

– Es wäre ganz dort, wäre Fräulein Wilma nicht abwesend.

In seiner Verwirrung hat er jetzt wieder der einen Dame ein Kompliment gesagt, das die andere Dame, deren drei Töchter dort tanzen, verletzen muß.

Es ist aber nicht Zerstreutheit, was ihn diese Ungeschicklichkeit begehen läßt, sondern kalter Schauer. Das bleiche Gespenst der Furcht sitzt neben den Gästen des Festes und weicht nicht von ihrer Seite; im Tanzsaale sagen sich die tanzenden Paare, die so blaß aussehen: wie kalt es hier ist, man hat wohl zu heizen vergessen.

Kalter Schauer ist es, der die Seele erstarren macht, das Herz zusammenschnürt.

Die Hand des Herrn liegt schwer über jedermann.

Herr Maßlaczky hatte erwähnen gehört, daß Fräulein Wilma nicht da sei.

– Wo ist Fräulein Wilma? Das liebe Fräulein, Sie ist doch nicht krank?

– Leider! Sie ist unwohl, seufzte die Frau Rätin, Sie mußte deshalb zu Hause bleiben.

– Es ist doch sonderbar, sprach die Frau Septemvirin dazwischen, daß, so oft bei uns eine Unterhaltung ist, Fräulein Wilma unwohl wird.

Diese Bemerkung war nicht ohne Malice.

– Ein eigenes Spiel des Zufalls erwiderte Eveline; als jedoch die Hausfrau aufgestanden war, um neu angekommene Gäste zu empfangen, flüsterte sie Herrn Maßlaczky vertraulich zu: Der Argwohn der Septemvirin ist nicht unbegründet; nur daß sie den wahren Grund nicht ahnt und nicht zu entdecken vermag; sie ist eine Frau von ganz gewöhnlichem Geiste, ihr Scharfsinn reicht nicht weiter, als ihre Augen. Wilma geht wirklich ungern in dieses Haus, doch hat das seinen besonderen Grund, wie ich schon einmal vor Ihnen erwähnte. Sie hegt einen unsäglichen Haß gegen diesen jungen Karpáthi, der jetzt unter die Vormundschaft der Tarnavárys gestellt wurde; ich wundere mich darüber nicht: dieser junge Mensch ist eine der unausstehlichsten Persönlichkeiten. Finden Sie es nicht auch, Herr Fiskal?

– Ich bin ganz einverstanden über diesen Punkt mit Euer Gnaden.

– Wilma ist in der That krank. Aber es ist der Gedanke, mit dem jungen Menschen hier zusammenzutreffen, was sie krank gemacht. Wilma ist eine sehr sensitive Natur, sie hat viel Magnetismus; Sie glauben doch an den Magnetismus? O ich halte ihn für untrüglich. Es giebt geheime Sympathien und Antipathien, denen selbst das sprödeste Herz sich nicht entziehen kann.

– Jawohl, sagte Maßlaczky mit einem tragischen Seufzer, den die Frau Rätin mit teilnehmendem Verständnis aufzunehmen schien.

Mittlerweile war die Hausfrau zurückgekehrt. Die Großmutter unseres Freundes Emanuel war angekommen; ihre Enkel hatten ihr eingeredet, die Ursache des Volksgedränges auf den Gassen sei die erwartete Ankunft eines türkischen Gesandten, dem zu Ehren die Stadt morgen erleuchtet sein werde. Die Arme weiß noch nichts von der Gefahr, die nur noch eine dünne Erdschicht von der Stadt abhält.

Mit ihr war auch Baron Berzy angelangt, der geniale Baron, der eben jetzt vom Donauufer kommt und vollgeladen ist mit lustigen Anekdoten, die er, mit seinen eigenen Witzen gewürzt, unter die Gesellschaft ausstreut. Freund Emanuel ist ihm überall auf der Ferse und hilft nach, wenn er etwas vergessen haben sollte.

– Meine Herren, in die Pester Philister ist ein panischer Schrecken gefahren – verkündet der geniale Baron – jeden von ihnen könnte man mit einem Schaff Wasser bis ans Ende der Welt jagen; das ganze Donauufer ist bedeckt mit Menschen, Kopf an Kopf; wenn jeder von ihnen nur einen Stein auf den Damm trüge und ein Stück Eis aus der Donau, so hätten sie nichts mehr zu fürchten. Auf dem Quai kam mir ein Zuckerbäcker in den Wurf, der einher rannte, als ob ihm der Kopf brenne. Heuer wird das Gefrorene billiger sein, mein Herr, rief ich ihm zu, als im vorigen Sommer; Eis in Fülle. Der Mensch sah mich an, als ob er Lust hätte, mich in die Donau zu werfen.

Es fanden sich einige, welche darüber lachten.

– Und die Badewanne? erzählen Sie doch den Spaß mit der Badewanne! erinnerte ihn der junge Epigone, Freund Emanuel.

– O, das war ein ausgezeichneter Spaß. Ich wohne im Hause eines alten Philisters, irgend eines Großhändlers, der eine Todesangst vor der Überschwemmung hat. Ich erfuhr, daß er gerade in einem Zimmer schläft, über dem sich mein Badezimmer befindet. In der vorigen Nacht nun zog ich den Spund aus der gefüllten Wanne und das herausströmende Wasser fing an durch den Fußboden hinabzurinnen. Man kann sich die Scene denken, die es gegeben haben wird, als mein George Dandin das kalte Sturzbad plötzlich auf seine Nase bekam. Wie besessen springt er aus dem Bett und rennt hinab auf die Gasse, in welchem Anzug, wage ich nicht zu beschreiben; er brüllt, die Überschwemmung sei schon da, bis die Nachbarn ihn festhalten und ihm begreiflich machen, daß die Wasserflut von unten und nicht von oben zu kommen Pflege. Nun ging es über mich her mit einer Tracht von Verwünschungen, er kündigte mir das Quartier auf und drohte mir einen Prozeß auf den Hals zu werfen, wir aber wären beinahe zerplatzt vor Lachen.

Das war nun wirklich zum Lachen. Einem großen Teil der Gesellschaft teilte sich die Heiterkeit mit, welche diese Anekdote hervorrief.

– Aber am schönsten war doch, was uns jetzt begegnet ist, sagte Emanuel. Erzählen Sie es doch, Herr Baron. Das war köstlich. Man hätte uns beinahe totgeschlagen.

– Ja, das ist wahr. Also, in einem Hause der Vorstadt war schon soviel Wasser eingedrungen, daß der ganze Hof damit voll war und man zum Thore nicht herein konnte. Sieben Schustergesellen waren in aller Eile bemüht, die Einfahrt zu verbarrikadieren. Ich rief nun mit gellender Stimme zum Thore hinein in dem Tone, in welchem die Wasserträger zu schreien pflegen: »Donauwasser! Kauft's Donauwasser!« Dann aber machten wir uns auch auf die Beine, denn die Schustergesellen stürzten uns nach mit ihren Stiefelleisten, und wenig fehlte, so hatten sie uns eingeholt.

Es war unmöglich, diesen Einfall nicht ungemein witzig zu finden.

– Wo ist Zoltán? Dem muß ich das erzählen, krähte Emanuel. Bitte, Illustrissime, wo ist denn mein Freund Zoltán?

– Der Henker soll das wissen, schnauzte ihn der angeredete Hausherr an, der schon darüber in Wut geraten war, daß dieser junge Laffe es gewagt, ihn anzusprechen, bevor er gefragt worden. Such ihn dir selbst auf, mein Söhnchen. Ich bin nicht der Trabant von deinen: Freund Zoltán.

– Aber in der That, wo kann Zoltán nur sein? fragte besorgt auch die Hausfrau; ich habe ihn den ganzen Abend nicht gesehen.

Auch Fräulein Julcsa bestätigt, daß er nirgends zu finden sei; sie hat ihn schon überall gesucht, da er auf einen Tanz mit ihr versprochen war; es ist sehr unartig von ihm, nicht Wort zu halten.

Weder die Bedienten noch die Reitknechte wissen Auskunft zu geben. Nur soviel ist gewiß, daß sein Reitpferd nicht im Stalle steht.

Eine schöne Sache das, daß man von dem Sprößling der Familie Karpáthi im Hause seiner Pflegeeltern nicht einmal weiß, ob er zu Hause ist oder nicht.

Herr Maßlaczky und der Herr Rat Köcserepy wechseln bedeutsame Blicke aus. Das wäre doch ein eigentümlicher Zufall, wenn der gefährliche junge Mensch irgendwo den Hals gebrochen hätte, oder wenn das Pferd mit ihm in die Donau gestürzt und er darin ertrunken wäre. Wie sehr würde das den ganzen Prozeß abkürzen!

Tarnaváry selbst machte sich nicht die geringsten Sorgen. Ein so großer Junge geht nicht verloren. Wahrscheinlich hat er anderswo eine bessere Unterhaltung gefunden, als hier. Er wird schon kommen, der Blitzjunge.

– Meine Herren, meine Damen, unterhalten wir uns. Warum haben wir den Tanz unterbrochen!

Jedermann nimmt seine frühere Unterhaltung wieder auf: die Jugend zieht sich in den Tanzsaal zurück, die älteren Herren und Damen setzen sich an die Spieltische. Die Hausfrau hat ihren Platz der alten, schwerhörigen Dame cediert und läßt sich selbst in den Tanzsaal locken, wo sie eine Walzertour mit Baron Berzy, eine zweite mit Mitzislaw, eine dritte mit unserm Freund Emanuel und dann, ich weiß nicht, wie viele noch und mit wem allen, tanzte. Von Zeit zu Zeit mischt sich der dumpfe Schall ferner Schüsse in die Klänge der Tanzmusik, Niemand schien jedoch darauf zu achten.

Es war schon nahe an elf Uhr, als Pferdegetrapp unter dem Thor vernommen wurde und ein Kammerdiener die Meldung brachte, der junge Herr Zoltán sei in diesem Augenblicke angelangt.

– Er soll sogleich herkommen und Rechenschaft ablegen, wo er sich herumgetrieben, herrschte Tarnaváry.

– Er wird gleich erscheinen, vorher aber muß er sich erst umziehen, denn seine Kleider triefen von Wasser.

Die jüngeren Damen fingen an, neugierig aufzuhorchen. Wo muß er nur gewesen sein?

Fünf Minuten darauf erschien Zoltán.

Der Knabe war hinreißend schön. Sein auch sonst blühendes Gesicht hatte die Kälte mit noch frischerem Rosenrot gefärbt und in seinen Augen schien das Feuer einer ungewöhnlichen Aufregung zu lodern; seine Haltung war stolz und geschmeidig, wie sie nach einer außerordentlichen Kraftanstrengung bei Menschen von großer Körper- und Seelenstärke zu sein pflegt.

Die Frau Septemvirin flüsterte ihrem Gemahl etwas ins Ohr, wahrscheinlich, jetzt nicht vor so vielen Gästen mit Zoltán zu spektakeln; er möge es ihr überlassen, ihn wegen seines Ausbleibens zur Rede zu stellen. Frauen steht das besser an.

– Ei, ei, lieber Zoltán, Sie sind sehr lange ausgeblieben! Sie wären ein hübscher Hauswirt, der seine Gäste auf sich warten läßt.

– Ich bedauere sehr, allein auch ich hatte Gäste, von denen ich mich nicht früher losmachen konnte.

– Wen? und wo? fragte Karoline mit einer ihren Ärger verratenden Neugierde.

– Neun Ercsiner Einwohner, die auf einem Seelentränker durch die Eisschollen hindurch aus den Überschwemmungsfluten sich geflüchtet und die nichts gerettet haben, als das nackte Leben ...

Diese Antwort brachte jedermann zum Schweigen, nur Herr Tarnaváry fand darin einen Anlaß, anzubinden: ich kann mir denken, daß Sie wieder Ihren letzten Heller hinausgeworfen haben.

Zoltán sah ihn an mit seinen großen, seelenvollen Augen.

– Und ich weiß, daß IIlustrissime in ähnlicher Lage auch noch den Rock vom Leibe gegeben hätten.

Der Septemvir fühlte sich durch diese Antwort völlig entwaffnet. Er klopfte Zoltán auf die Schulter.

– Du hast recht. Du kennst mich, das würde ich gethan haben. Nun, deshalb mache ich dir keine Vorwürfe. Wenn ich einen unglücklichen Menschen sehe, dann gehört mir das Hemd auf dem Leibe nicht mehr, so bin ich nun einmal. Und wohin hast du sie gebracht, die armen Teufel?

– Hinaus in das Rákos-Wirtshaus.

– Schade, so weit. Nun, morgen schicke ich ihnen auch etwas. Die Armen.

– Aber das ist noch lange nicht alles, Freund Zoltán, rief Emanuel dazwischen; du hast ja das Beste verschwiegen, das hier war nur so nebenbei. Eben habe ich mit deinem Reitknecht gesprochen, der dich begleitete. Du hast ja große Bravouren gemacht. Das mußt du uns erzählen.

– Kinderei, nicht der Mühe wert, davon zu reden, sprach Zoltán mit der Antwort zögernd; aber sein Vormund drang hart in ihn.

– Nun, was hat's gegeben, Zoltán? Ich muß das wissen, – wo sind Sie gewesen? Reden Sie.

– Ich war hinausgeritten, mir den Stoß anzusehen, bis ans Ende des Soroksárer Dammes. Ein schrecklicher Anblick das. Die ganze Gegend ein großer, blauer See, in dem weiße, aufgetürmte Eismassen schwimmen, dazwischen manchmal ein schwarzer Körper – die Leiche irgend eines Ertrunkenen ...

Welcher eiskalte Schauer durchrieselte plötzlich jede Brust; – dort zu liegen auf den kalten Eisschollen, stumm und starr; ruhig trägt der Strom die Leiche weiter und rings an den Rändern des krystallenen Sarges sitzen, mit den Flügeln schlagend, schwarze, hungrige Raben ...

– Aus der weiten Wasserfläche ragten vier Dorftürme hervor, die Häuser waren schon alle unter Wasser; mit meinem Perspectiv konnte ich es gut übersehen, daß die Fluten bis an den Dachvorsprung reichten. Viele mögen sich wohl auf die Kirchtürme geflüchtet haben, denn man konnte häufig das Läuten der Sturmglocken vernehmen, wenn der Wind in der Richtung von dort wehte. Zwischen den aufgetürmten Eisblöcken sah man hier und da einzelne, in der Eile aus Thorflügeln und Brunnenpfosten improvisierte Flöße, auf denen ganze Familien, Weiber, Kinder sich zu retten suchten, mit Stangen und Latten rudernd; und dann konnte man wieder sehen, wie ihnen eine große schwimmende Eistafel sich näherte und von der andern Seite eine zweite; wir von dem hohen Ufer aus sahen, daß beide Eiskolosse zusammenstoßen würden, sie aber, den schrecklichen Tod nicht ahnend, suchten gerade auf jenen Punkt hinzurudern; umsonst schrieen wir ihnen zu, entweder verstanden sie unsere Worte nicht, oder sie konnten sich schon nicht mehr helfen; die von zwei Seiten kommenden Eisfelder verengten ihnen immer mehr das Fahrwasser, endlich prallten sie von beiden Seiten an das Floß an; einige Augenblicke gewahrte man den verzweifelten Kampf ohnmächtiger Hände, dann hallte ein Todesschrei durch die ganze Gegend und dann wieder war nichts zu hören, als das Rauschen der aneinander stoßenden Eisschollen, welche Fluß und Leute unter sich begruben.

Niemand tanzte in diesem Augenblicke.

Als würde eine Zentnerlast darauf gewälzt, so fühlte jede Brust sich zusammengepreßt bei der Erzählung des Knaben, der selber noch zu erzittern schien bei der Rückerinnerung an die Schreckensscenen, deren Augenzeuge er gewesen.

– Einem einzigen Kahn gelang es, bis zum Damm sich durchzuarbeiten. Ohne Kleider, ohne Lebensmittel, als Bettler, hatten sie aus ihren Häusern sich geflüchtet. Unter ihnen war eine Mutter mit vier Kindern, das älteste war dem aus dem Kahn gestürzten Vater nachgesprungen, um ihn zu retten, und beide waren ertrunken vor den Augen der Gattin, der Mutter.

O schrecklich!

– Mit Hilfe mehrerer Menschenfreunde brachten wir sie in Wagen nach dem höher gelegenen Rákosfelde; als ich, von dort zurückkehrend, nach der Stadt eilte, sah ich in großer Eile eine Abteilung Artillerie mit vier Kanonen den Damm entlang fahren und eine ungeheure Menschenmenge nachziehen. Diese Eile war mir unbegreiflich, bis ein Reiter, dem ich begegnete, mir erklärte, daß man die am Spitz der Csépelinsel entstandene Eismauer mit Kanonen einzuschießen beabsichtige, in der Hoffnung, wenn der Stoß eine Bresche finde, werde er sich durch seine eigene Wucht weiter Bahn brechen und so die Stadt vor der größten Gefahr bewahrt sein.

– Nun, und geschah etwas? drängte Herr Maßlaczky, den von jetzt an die Geschichte zu interessieren begann.

– Haben die Herrschaften vor einer Stunde keine Kanonenschüsse gehört?

Jedermann erinnerte sich daran, sie gehört zu haben, doch habe er die andern nicht darauf aufmerksam machen wollen.

– Das war das Brescheschießen. Ein junger Artillerieoffizier leitete die Arbeiten. Bei jedem Schuß flog von dem hochaufgetürmten Eisdamm ein flimmernder Splitterregen auf, und als die Kugel eines Vierundzwanzigpfünders in die Mitte einschlug, riß sich ein großes Stück los und schwamm ruhig weiter. Der nachschiebende Eisstoß hatte jedoch in wenigen Minuten die geschossene Bresche wieder ausgefüllt und mit krachenden Eisblocken verstopft. Es war eine Sysiphusarbeit. Da kam ein bejahrter Geniemajor angeritten, der, nachdem er mit seinem Fernrohr die Gegend rekognosziert hatte, das Feuern einstellte. Damit kommen wir nicht weiter, sagte er, das führt zu nichts. Ich ritt nahe an ihn heran, um zu hören, was er sprach; dort muß ein künstliches Hindernis das Eis aufhalten, sagte er mit einer Kennermiene. Mehrere Stadtleute bestätigten ihm, daß dort unter dem Wasser ein eisbrecherartiger Sporn sich befinde. Gewiß ist der das Hindernis, welches hinwegzuräumen ist. – In der That bemerkte man, schärfer hinblickend, einzelne Pfähle des unter Wasser stehenden Sporen hervorragen. – Ich nahm mir in diesem Moment den Mut, den Major anzureden. Mein Herr, ich habe in dem Hofe eines Hauses in der Vorstadt große Brunnenröhren liegen gesehen, vielleicht könnte man die mit Schießpulver füllen und so den Eisbrecher in die Luft sprengen? Der Major sah mich bei diesen Worten groß an und klopfte mir dann auf die Schulter: – also gehen Sie nach den Röhren, sagte er, einen Unteroffizier herbeiwinkend, der mit feiner Fuhrwesenmannschaft mich begleitete; nach einer Viertelstunde waren wir mit den Röhren da, welche der Eigentümer uns unentgeltlich überlassen hatte. Sie wurden nun mit Pulver gefüllt und in der Mitte ein Loch gebohrt, in welchem man eine eiserne Röhre anbringen konnte. Sechs Mann stiegen hierauf mit denselben in einen Nachen und ruderten mit großer Anstrengung etwa hundert Schritte weit in das Treibeis hinein. Dort mußten sie aussteigen, weil das Eis feststand. Sie zogen den Kahn aus dem Wasser und trugen die Röhren auf ihren Schultern ganz bis zum Eisbrecher; dort hieben sie mit Hacken eine Öffnung in das Eis und versenkten die Brunnenröhren zwischen den Pfählen, so daß nur das eiserne Kommunikationsrohr über dem Wasser hervorstand; in das Rohr steckten sie dann eine Stupine, deren äußeres Ende sie sehr lang machten, damit ihnen Zeit bleibe zurückzukehren, ehe die Explosion erfolgt. Als dies geschehen war, liefen sie, was sie konnten und ruderten ans Ufer zurück. Sie trieften vor Schweiß, als sie dort anlangten. Der Major bedeutete den Umstehenden, sich zurückzuziehen, er jedoch blieb hoch zu Pferde dort stehen, den Eisbrecher aufmerksam durch das Fernrohr betrachtend. Ich blieb an seiner Seite und bemerkte, daß er sich manchmal nach mir umsah, doch sagte er mir nicht, daß ich mich entfernen solle.

– Tollkühner Junge! schrie Herr Tarnaváry, dem während der Erzählung die Schweißtropfen auf die Stirne traten.

– Jetzt folgte ein Moment langer, peinlicher Erwartung. Jedermann harrte gespannt und stumm auf das Aufstiegen der Mine, kein Laut wurde gehört. So vergingen zwei, drei Minuten, es währte fünf, endlich zehn Minuten und keine Explosion war noch erfolgt. Vielleicht ist der Zunder verlöscht? Wer aber wird hingehen, um nachzusehen? Wie, wenn in demselben Augenblick, wo er kommt, die Mine losgeht?

– Nun, das möchte ich auch wissen, wer es wagen würde, hinzugehen, rief der Septemvir dazwischen.

– Und doch war keine Zeit zu verlieren, denn es war schon ganz dunkel geworden, und die Nacht hätte die ganze Wirkung der bisherigen Bemühungen vereitelt. Das Eis fing an viel dichter und stärker zu treiben, als vorher und die Donau stieg sichtbar von Minute zu Minute, so daß das Wasser die Füße unserer Pferde, welche bisher im Trockenen gestanden, schon erreichte. Da sprang der Major selbst vom Pferde herab und stieg in den Kahn, vier Mann mit sich nehmend, denen er befahl, ihn zum Eisbrecher zu rudern. Auch ich war vom Pferde gesprungen. Der Major aber, als er es bemerkte, wandte sich plötzlich um und rief mir in strengem, befehlenden Tone zu: ich erlaube niemand mit mir zu kommen; ich gehe allein.

– Das war vernünftig gehandelt, rief der Septemvir, leichter aufatmend.

– Bevor jedoch der Kahn den Sporn erreicht hatte, geriet er zwischen dichte Eisschollen, und obwohl alle heraussprangen, gelang es ihnen doch nicht, ihn frei zu machen; der Major selbst fiel zweimal ins Wasser und war nahe daran zu ertrinken; die Strömung riß endlich den Kahn mit sich fort, bis sie mit ihm irgendwo in der Mitte eines Eisfeldes sitzen blieben. Es war mittlerweile schon sehr dunkel geworden, man konnte nicht mehr weit sehen; am Ufer lag noch ein Kahn, um den fünf junge Leute standen, die wie Juraten aussahen, und denen kühner Mut aus den Augen blitzte; ich nahm mir ein Herz, sie anzureden: liebe Freunde, wollen wir nicht unser Glück versuchen? Sie verstanden mich augenblicklich und sprangen mit mir in den Kahn.

– Hattet ihr den Verstand verloren?! schrie entsetzt der Septemvir.

– Lieber Vormund, Sie sehen ja, daß ich hier bin, mit gesunden Gliedern, und daß nur nichts fehlt; zehn Minuten nur stand mein Leben in der Hand Gottes. Wir waren glücklicher, der Stoß trieb uns geradeswegs dem Sporne zu. Ehe meine Gefährten sich's versahen, sprang ich aufs Eis. Ich rief ihnen nur zu, sie möchten den Kahn herausziehen, daß er vom Eis nicht zerquetscht werde. Dann lief ich auf die Mine zu. Ich weiß nicht, was sie mir nachschrieen, aber es schien mir, als ob das ganze Ufer entlang ein Gebrüll sich erhoben hatte. Gott mit mir! dachte ich in meinem Herzen, sprang auf die Mine zu und erfaßte den Pfahl, an dem das Rohr angelehnt war. Der Zunder war erloschen. Es lief mir etwas kalt über den Rücken. Jetzt nahm ich meine brennende Cigarre und zündete das eine Ende der Lunte an und steckte das andere wieder ins Rohr. Dann eilte ich zum Kahn zurück.

Der Knabe war allmählich bei seiner Erzählung blaß geworden, wie die Wand, als schauderte er jetzt erst vor der Gefahr zurück, der er sich ausgesetzt hatte.

Den Umstehenden konnte man das Herz klopfen hören; Herr Tarnaváry wischte sich kalten Angstschweiß von der Stirne.

Herrn Maßlaczky schwebte es während der ganzen haarsträubenden Geschichte ein paarmal auf der Zunge, mit welchem Recht denn der junge Herr Zoltán sich habe herausnehmen können, ohne vormundschaftliche Bewilligung sich in ein so lebensgefährliches Abenteuer einzulassen, das überdies andern Leuten übertragen war? Er konnte jedoch nie zu Wort kommen, denn die Frauen hatten alle den Knaben umringt, die Großmutter unseres Freundes Emanuel hatte ihn zu sich gezogen und ihm an ihrer Seite auf der Causeuse Platz gemacht, was er jedoch aus Bescheidenheit nicht annahm und die Septemvirin trocknete mit großer Teilnahme und mütterlicher Sorgfalt Zoltáns Stirne mit ihrem gestickten Battisttuch und brachte ihm die in Verwirrung geratenen Locken in Ordnung. Baron Berzy aber hatte seine Brieftasche auf den Spieltisch vor sich gelegt und notierte sich darin Zoltáns Worte, wahrscheinlich für das Magazin des club of travellers, den Ellbogen auf den Tisch gelümmelt und einen Fuß soweit hinter sich ausgestreckt, daß der Septemvir dreimal darüber stolperte.

– Nun, nun, drängte der geniale Baron, die Spitze des Bleistifts zwischen den Lippen befeuchtend, nun, mein junger Freund, was geschah weiter?

Zoltán fühlte sich befangen durch das Bewußtsein, daß jemand seine Worte niederschreibe, und fing von da an den ganzen Hergang viel trockener zu erzählen, was ihm jedoch bei der Natur des Gegenstandes nicht recht gelingen wollte.

– Es geschah, daß, nachdem ich die Lunte angezündet hatte, wir nicht zurück konnten, denn der Kahn hatte sich zwischen dem Eis festgefahren, und trotz aller Anstrengungen, die wir machten, nahmen wir wahr, daß wir, anstatt uns von der Mine zu entfernen, ihr im Gegenteil immer näher kamen.

Den Umstehenden entfuhren Laute des Entsetzens.

– Ach, ach, halten Sie ein! Erzählen Sie nicht weiter, Zoltán, mir wird schlecht, rief die Septemvirin, und ließ sich nicht eher beschwichtigen, bis sie Zoltán ganz an sich gezogen und mit ihren eigenen Händen sich überzeugt hatte, daß er es wirklich, und daß ihm kein Leid geschehen.

– Mich alteriert so etwas außerordentlich, beteuerte sie auch dann noch mit affektierter Empfindsamkeit, und die neben ihr sitzenden Damen beeilten sich, Chorus zu machen. Die Fräuleins Teresa und Julcsa aber, die hinter der Mutter standen, gaben ihren Senf dazu: Mama pflegt jeden Abend in Ohnmacht zu fallen.

– Sonderbar, wenn wir allein unter uns sind, wird sie nie ohnmächtig.

Dem Baron Berzy kamen diese Intermezzos ungelegen. Er hatte schon das letzte Wort niedergeschrieben.

– Und die am Ufer Stehenden, was thaten die? He? fragte er Zoltán.

– Was würden Sie gethan haben, wenn Sie am Ufer gestanden hätten? fragte ihn Zoltán zurück, Revanche nehmend für die Neugierde des Barons.

– Das ist sehr einfach: ich würde Ihnen zugerufen haben, zurückzugehen und den Zunder wieder auszulöschen.

– Das wäre ich nicht imstande gewesen, zu thun, antwortete Zoltán stolz, denn es handelte sich hier um die Rettung von Tausenden, nicht um die meinige.

Frau Köcserepy hatte inzwischen Maßlaczky zu sich gewinkt.

– Finden Sie dieses Märchen nicht sehr langweilig?

– Und sehr unwahrscheinlich. Der junge Mensch scheint eine sehr lebhafte Einbildungskraft zu besitzen.

– Je mehr ich ihm zuhöre, um so begreiflicher finde ich Wilmas Antipathie. Welche Süffisance bei einem so jungen Menschen.

– Und welche Arroganz. Als ich so alt war, hätte ich nicht einmal gewagt, in einer solchen Gesellschaft den Mund aufzuthun. Junge Leute sollen bescheiden sein. In Gegenwart älterer Leute stillschweigen, acht geben auf das, was sie sprechen, und antworten, wenn man befragt wird – das ist mein Grundsatz.

Mittlerweile hatte der eine und der andere zum Besten gegeben, was er zur Rettung Zoltáns gethan haben würde, endlich mußte er selbst das Rätsel lösen.

– Die Gefahr macht erfinderisch; von meinem früheren, guten Pflegevater habe ich gelernt, daß, wenn die Gefahr am größten, die Hilfe am nächsten ist. Im Augenblick der größten Bedrängnis kam mir ein Einfall, den der Himmel mir eingegeben. Der bereits wieder ans Ufer gelangte wackere Major bemühte sich, uns ein Seil zuzuwerfen, das aber immer zu weit von uns fiel. Da schrie ich ihm zu, er möchte einen Bindfaden um einen Ladestock wickeln und diesen gegen uns abschießen. So könnten wir dann mit dem Spagat das Seil zu uns ziehen.

– Bravo! bravo! rief Baron Berzy und ein Beifallsgemurmel lief durch die Gesellschaft; auf diesen Gedanken war niemand geraten, und doch war er so einfach.

– Der wackere Major hatte schnell ein Gewehr und einen Knäuel Bindfaden herbeigeschafft, richtete alles selbst, zielte selbst, damit der Ladestock nicht zu weit daneben fliege oder uns treffe. Ein wackerer Mann. Er schoß wie ein zweiter Tell. Der Ladestock pfiff eine Klafter hoch über unsere Köpfe hinweg und ließ die nach sich gezogene Schnur zwischen uns niederfallen. Nach wenigen Sekunden war das Seil an der Spitze des Kahnes befestigt und hundert und aberhundert Menschen am Ufer zogen daran; es währte keine fünf Minuten und wir waren draußen am Ufer. Aber es war auch höchste Zeit. Kaum hatten wir uns für die geleistete Hilfe bei unsern Rettern bedanken können, als eine auflodernde Flamme unsere Augen blendete, welche brennende Balken und glitzernde Eisstücke zum Himmel emporschleuderte, und auf beiden Seiten die Eisfluten emporspritzen machte, einen so furchtbaren Glanz verbreitend, als hätte statt des Eismeeres ein Lavameer uns umgeben, das sofort mit dumpfem Getöse sich in Bewegung setzte.

– Es ist sonderbar, sprach Herr Maßlaczky dazwischen, der mit seiner skeptischen Weisheit der allgemeinen Bewunderung gerne einen Dämpfer aufgesetzt hätte, es ist doch sehr sonderbar, daß wir von dieser furchtbaren Explosion nichts gehört haben.

– Das rührt daher, weil die Explosion unter dem Wasser vor sich ging, antwortete ihm Zoltán; überdies ist es weit von hier und Sie waren eben mit Tanzen beschäftigt.

– Also sind Sie der Retter unserer Stadt, ließ sich Herr Köcserepy vernehmen, mit seinem ewigen Lächeln und mit honigsüßer Stimme, aus der man den Hohn herausfühlte.

Zoltán ertrug standhaft den huldreichen Blick des Rates. Er wußte es schon, daß dieser Mensch sein unversöhnlicher Gegner war, obwohl er den Grund davon nicht kannte; er wußte, daß das freundliche Lächeln voll Haß und Mißgunst war und er fand die rechte Antwort auf das spöttische Lob.

– Die Rettung kommt von dort oben, Herr Rat. Soviel aber kann ich mit Gewißheit sagen, daß ich, in die Stadt zurückgekehrt, von den am Ufer Stehenden gehört habe, daß das Eis in rascherem Gange ist, und daß die Donau seit einer halben Stunde um sechs Zoll gefallen ist.

– Pest! Dieser Ausruf entfuhr Herrn Maßlaczky, auf den diese Mitteilung einen Eindruck machte, wie eine Verurteilung in die Prozeßkosten. Den übrigen gestattete ihre Freude nicht, seine unangenehme Überraschung wahrzunehmen. Er lief nach Hut und Überrock und versprach der Gesellschaft, er werde sogleich mit authentischen Nachrichten über den Wasserstand der Donau, die er persönlich einholen wolle, wieder da sein, sie möchten sich indes nur ohne ihn unterhalten, was man auch so gethan hätte.

Zoltáns Mitteilung hatte die Wolken von den Gemütern verscheucht, alles Leid ist vorüber. Gott wollte nur die Menschen schrecken, beim Anblick ihrer bußfertigen Reue erbarmte er sich ihrer und zog seine Geißel zurück. Wohl wahr, auch jetzt schwimmen tausend und abertausend an den Bettelstab Gebrachte in gebrechlichen Fahrzeugen umher, Tausende und Abertausende warten, auf den Dächern ihrer Häuser sitzend, oder an die Zweige von Bäumen festgeklammert, umgeben von den Eisfluten, auf Rettung oder Tod, warum sollten aber deshalb diejenigen, denen nichts fehlt, nicht guter Dinge sein dürfen?

Der Tanz wird erneuert, und zwar jetzt mit großem Animo, Mit Zoltán will jedes nun tanzen. Er ist der Held des Abends, um den sich die Mädchen reißen, von denen er sich mit liebenswürdiger Naivität aus einer Hand in die andere geben, mit Schmeicheleien und Liebkosungen überhäufen läßt; mit solchem Feuer, soviel jugendlicher Grazie tanzt niemand den Mazur, wie er. Selbst aus den Spielzimmern kommen sie, ihm zuzusehen.

Dieser Knabe wird einmal ein ausschweifender Lebemann, würde Eveline zu Herrn Maßlaczky sagen, wenn er da wäre. Der indes rennt jetzt ergrimmt am Donauufer auf und ab, im schneidend kalten Wind und fragt, durch die dichten Volksmassen sich durchdrängend, mit großer Besorgnis: wie ist's mit dem Wasser?

– Gott sei Dank, es fällt! antwortet man ihm.

Erst sagt man ihm, es sei um acht Zoll gefallen, dann schon um neun Zoll; je länger er sich erkundigt, um so mehr Zoll werden angegeben, und jedermann setzt hinzu: Gott sei Dank!

Gott sei Dank! das ist ihnen leicht zu sagen; die Tölpel, die Feiglinge! sich zu freuen über den Schaden eines ehrlichen Nebenmenschen! Sie wissen nicht, daß Herr Maßlaczky volle dreihundert Gulden in dieser Unterhaltung schwimmen hat.

Ganz niedergeschlagen kehrt er in die Wohnung des Septemvir zurück. Noch in der Einfahrt muß er hören, wie ein über den neuen Marktplatz Laufender den ihm Entgegenkommenden von weitem zuruft: ein Schuh und ein Zoll!

Herr Maßlaczky erscheint wie eine melancholische Nachteule in der lustigen Gesellschaft. Die Müßigstehenden eilen auf ihn zu, ihn auszufragen.

– Die Donau ist um dreihundert Zoll gefallen, giebt der werte Herr zur Antwort. Er hat noch immer die dreihundert Gulden im Kopf.

– Was zum Henker! dreihundert Zoll? schrie Tarnaváry und brachte mit seinem schonungslosen Gelächter den Fiskal so in Verwirrung, daß er sich kaum zu korrigieren imstande ist, er habe nicht dreihundert, sondern nur dreizehn sagen wollen.

Ah, also hat Zoltán doch recht gehabt, also ist die Gefahr doch vorüber. Nun, darüber sich zu freuen, ist wahre Christenpflicht. Die Bedienten rücken die Speisetische auseinander, die Herren reichen den Damen ihren Arm, und die lustige Gesellschaft zieht hinüber zur reichbesetzten Tafel. Bei den leckern Gerichten und dem begeisternden Rebensaft verschwinden die letzten Anwandlungen blinder Furcht. Hier ist gut sein.

Es ist das nicht eine jener altväterlichen, patriarchalischen ungarischen Schmausereien, wo jedermann sich zu Tisch setzt, jedem Gast sein bestimmter Platz angewiesen ist, mit der Suppe angefangen wird und ein Gang dem andern folgt, und wo der Hausherr und die Hausfrau sich heiser reden mit nötigen. Der fortgeschrittene Zeitgeist hat eine andere Mode eingeführt, die Tische sind nur für die Speisen da, dort ist aufgetürmt, was verlockend für Augen und Gaumen, daneben liegen Löffel, Messer, Gabeln und Teller, jedes in einem besonderen Haufen; jeder nimmt sich, was er bedarf, fängt an, wo er will, ißt, trinkt, ohne sich erst nötigen zu lassen und läßt sich nieder, wo er einen Platz findet; wer am meisten sich dazuhält, hat den schmackhaftesten Bissen, den bequemsten Sitz; niemand würzt das Mahl durch freundliches Zureden; die Leute fallen so darüber her, als hätten sie es geraubt und als fürchteten sie, von einer andern Gesellschaft überfallen zu werden, welche sie verdrängen und ihnen die Mahlzeit vor der Nase wegschnappen könnte.

Einigen Lions ist es in Gesellschaft mit mehreren andern gelungen, Löffel und Gabeln zu requirieren, mit denen sie sich in einen abseitigen Winkel eines verlassenen Zimmers etablieren, wo sie ungeniert tafeln und miteinander konversieren können, ohne genötigt zu sein, auf die Reden eines andern acht zu geben; dann und wann mischt sich ein leises Flüstern und Lachen in das Klappern der Teller; ein paar junge Mädchen haben sich in eine Fensternische zurückgezogen und essen dort irgend etwas von einem gemeinschaftlichen Teller mit irgend einem Kavalier und plaudern Gott weiß von was.

Baron Berzy hat mit Mathilde Ilvay den Glasbalkon eingenommen; niemand sonst wäre dieser Einfall gekommen, denn es ist jetzt noch kalt; aber Mathilde ist erhitzt und ihren glühenden Wangen thut die kalte Nachtluft wohl; der geniale Baron bringt ihr Gefrorenes. Die Ärzte haben dem Fräulein schon lange den Genuß von Gefrorenem verboten und sie vor rauher Luft gewarnt, Grund genug für das Fräulein, auf beides seitdem um so versessener zu sein, Baron Berzy aber ist ein viel zu genialer Mann, um irgend jemand an selbstmörderischen Kaprizen zu hindern.

Während sie jedoch, abgesondert von dem Lärm der Gesellschaft, auf dem Balkon miteinander plaudern, fängt ein eigentümliches Geräusch unten auf dem neuen Marktplatze an, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ganze Gruppen von Menschen sammeln sich an verschiedenen Punkten und scheinen etwas aufmerksam zu betrachten.

Mathilde hätte gern gewußt, was sie dort haben. Theodor schrie auf einen Vorübergehenden herab, was das sei.

»– Ein Springbrunnen,« lautete die rätselhafte Antwort. Der Gefragte schritt eilends weiter.

– Was? Ein Springbrunnen? sagte Theodor. Ist dieser Mensch verrückt oder betrunken?

Er rief einen Bedienten herbei und ersuchte ihn, hinabzugehen auf den Platz und sich zu erkundigen, was es dort gebe.

Der Bediente kehrte nach einigen Minuten zurück und brachte die Antwort, daß es auf dem neuen Marktplatz eine Unzahl kleiner Springbrunnen gebe, und daß man bloß einen Stock in die Erde zu bohren brauche, damit ein Wasserstrahl, etwa einen halben Schuh hoch, hervorspringe.

– Ah, das muß interessant sein, sagte der Baron, von so etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gehört. Mit dem Stock Springbrunnen aus der Erde bohren; das ist ja die Geschichte von dem Stab Mosis in der Bibel. Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein, davon muß ich mich mit eigenen Augen überzeugen. Das muß grandios sein!

Mathilde redete ihm selbst zu, hinzugehen, und sah ihm durch das geöffnete Balkonfenster nach, sich herabbeugend, mit bloßer Brust, in die schneidend kalte Nachtluft.

Das Weggehen des Barons war nicht bemerkt worden. Er hatte auch sonst die Gewohnheit, sich holländisch zu empfehlen, um die Gesellschaft nicht zu stören. Außerhalb der Küchenregion wußte niemand etwas von den kleinen Springbrunnen dort vor dem Hause.

Es war dies aber dazumal ein schreckliches Phänomen.

Um diese Zeit war der von Visegrád kommende Eisstoß angelangt und hatte die Flut binnen wenigen Minuten um volle zwei Schuh steigen gemacht; unter dem enormen Druck drang das Wasser unterirdisch durch den Pester Sandboden und fing an, auf dem ungepflasterten Platze von selbst hervorzuquellen.

Es war damals eine Stunde vor Mitternacht.

Von den älteren Herren hatten einige, darunter der Rat und der Septemvir, sich in ein stilles Kabinett zurückgezogen, aus dem der Lärm nicht gehört wurde, und gaben sich dort ungeniert ihrer ausgelassenen Lustigkeit hin.

– Trinkt, meine Herren, die Thüre ist verschlossen! rief der Hausherr, auf dessen braunem Gesicht schon glänzende Schweißtropfen standen, welche die Weinhitze hervorgetrieben hatte. Heute geht niemand von hier.

– Diejenigen, welche die in die Nebenzimmer führenden Thüren zu öffnen versuchten, fanden, daß sie wirklich verschlossen waren. Der Hausherr hatte die Schlüssel abgezogen.

Der Herr Rat beteuerte ernsthaft, er müsse nach Hause. Auch Herr Maßlaczky unterstützte diese Ansicht, als Grund angebend, daß das Fräulein krank sei.

– Du hast Angst, daß ich dich niedertrinke! brüllte Tarnaváry, den sich entfernen Wollenden am Arm fassend. Du fürchtest dich, daß ich dich unter den Tisch trinke! Wenn du dich nicht fürchtest, so bleibe und trinke mich unter den Tisch!

Auf das warf der Rat seinen Überrock, den er schon angezogen hatte, wieder von sich und sagte, sich an den Tisch hinwerfend: gut, es sei, ich will dich niedertrinken!

– Wollen sehen, ich erwarte dich! schrie Tarnaváry, mit seinen kräftigen Fäusten auf den Tisch schlagend, während seine Augen wie zwei glühende Kohlen leuchteten.

Herr Maßlaczky rückte sich ängstlich an den Armstuhl seines hohen Gönners und Freundes.

– Wein taugt nichts, sagte Köcserepy, damit dauert der Kampf zu lange. Gieb Rostopschin. Damit werden wir schneller fertig.

Die Bedienten brachten den starken polnischen Branntwein. Köcserepy füllte das Glas bis zum Rande.

– Auf deine Gesundheit, Freund!

Sie stießen miteinander an. Der Rat goß mit einem Zuge das brennende Naß hinunter, ohne eine Miene zu verziehen; er lächelte gerade so, wie früher, beide Ellbogen auf den Tisch gestützt. Dem Septemvir fingen die Augen darnach zu thränen an und seine Stimme wurde merklich heiser, obwohl er sie nach Möglichkeit schärfte.

Die Gläser wurden aufs neue gefüllt.

– Auf das Wohl deines jüngsten Prozesses! hahaha! stieß der Septemvir gratulierend an. Aber wir werden uns unserer Haut wehren.

Das Naß der beiden Gläser verschwand gleichzeitig. Der Rat füllte sie sogleich wieder an. Ein unaussprechlicher Hohn lag auf seinem süßlächelnden Gesicht.

– Auf die Gesundheit deines lieben Mündels!

Herr Maßlaczky lachte in sich hinein.

Der Septemvir hob kordial das Glas in die Höhe, aber auf halbem Wege blieb die Hand stehen. Seine Augen nahmen den Ausdruck des größten Entsetzens an. Große Schweißtropfen fingen auf seinem Gesichte zu perlen an.

Als ob er etwas gehört hätte; irgend ein fernes Brausen, irgend ein unnennbares Getöse, ein Sausen, wie man es im Schlafe hört, wenn einem jemand ins Ohr bläst. Und niemand sonst hatte es wahrgenommen.

– Nun, Freundchen, hast du schon genug? Setz es nieder, wenn du dich davor fürchtest! spottete der Rat. Auf die Gesund ...

Was war das?

Allbarmherziger Gott, verlaß uns nicht!

Unter unsern Füßen bebten die Fundamente der Erde. Die Mauern schüttelten ihre massiven Schultern, Thüren und Fenster klapperten, als würden sie von außen durch unsichtbare Hände gerüttelt, als wollten aufgescheuchte Geister hereinflüchten mit dem Jammergeschrei der Verzweiflung.

Ha, wie da mit einmal jedes Antlitz erblaßte, jeder Laut verstummte bei der furchtbaren Erscheinung des Erdbebens; was war aus der Großsprecherei, aus dem herausfordernden Trotz, aus dem gottvergessenen Übermut geworden?

Von der Festungsbastei erdröhnten drei Kanonenschüsse durch die Nacht.

Die Donau hatte die Dämme durchbrochen und war, die erschrockene Erde erschütternd, an beiden Enden der Stadt über ihre Ufer getreten.

Wehe! Wehe! Wehe!

Rennt, – flüchtet, – betet – bekehrt euch zu Gott! Tod und Verderben, das letzte Gericht ist hereingebrochen! Was hält noch fest, wenn Gott uns verläßt – und die Erde?

Die ganze Gegend verspürte in diesem Augenblick eine heftige Erderschütterung.

Wie hätte sie nicht erzittern sollen, wie hätte nicht bis in ihre tiefsten Eingeweide hinab sie ein tödlicher Fieberschauer erfassen sollen, als sie des Landes Stolz, das Werk der Bemühungen eines Jahrhunderts in Trümmern über sich zusammenstürzen fühlte? O, die Erde ist gegen uns eine weit bessere Mutter, als ihre Kinder es um sie verdienen. Das ist eine alte Wahrheit und doch will es niemand glauben.

Einen Augenblick standen die im Zechstübchen versammelten Männer starr, wie Leichen, da, jeder in der Stellung, in der ihn der Schreckensmoment überrascht hatte: die halb erhobenen Gläser in den Händen, auf den Lippen das ersterbende Wort, und das geisterhaft grinsende Lächeln auf den Gesichtern, aus denen der Schreck das Blut getrieben und in den Zügen nur das krampfhafte Zerrbild zurückgelassen hatte.

Im nächsten Moment stürzte alles auf die Thüren zu. Vergebliche Mühe, sie aufzureißen. Der Hausherr selbst hatte sie verschlossen und die Schlüssel versteckt.

– Wo sind die Schlüssel? schrie Köcserepy mit röchelnder Stimme, während er die Thürklinke nicht aus den Händen ließ.

Derjenige, an den die Frage gerichtet war, der Septemvir, saß auch jetzt noch dort am Tisch, das halb erhobene Glas in der Hand, die Lippen zum schallenden Gelächter geöffnet, als gefiele ihm diese Unterhaltung, als lachte er die anderen aus, als wollte er sagen: »Nun, meine Herren, trinken wir eins auf den panischen Schrecken.«

Aber der Blick der Augen war starr und die blauen Ringe um dieselben straften das scheinbare Lächeln Lüge.

– Her mit den Schlüsseln, Herr! schrie jetzt ein anwesender Bediente, die Flasche von sich schleudernd, die er in der Hand hielt. Es gab jetzt an diesem Orte keinen gnädigen, keinen gestrengen Herrn mehr, der vornehmste Herr war jetzt eine ebenso hinfällige Kreatur, wie der geringste Diener.

Als aber der Bediente seinen Herrn am Arm faßte, entsank diesem in demselben Augenblick das Glas aus der Hand und der Septemvir stürzte besinnungslos zur Erde. Verwünscht! Er kann nicht sagen, wo er die Schlüssel versteckt hat!

Dort in den Nebengemächern das Angstgeschrei der Bestürzung, unten das Gebrüll der durch die Gassen rennenden Leute; von den Kirchtürmen läuten die Sturmglocken und von der Festungsrondelle donnern die Kanonen, daß alle Fensterscheiben klirren! Und von hier kein Entrinnen!

Vergeblich poltern sie an den verschlossenen Thüren, wer wird darauf hören? Jedermann hat mit sich selbst zu schaffen, keiner kümmert sich um den andern. Auch im Tanzsaal sind die Paare auseinander gestoben, jeder läßt seine Tänzerin dort stehen, wo er sie in seinem Schreck fahren ließ; die Dienerschaft und die Herrschaften, alles lief in den Hof hinab; die geputzten Damen in ihren leichten Seidengewändern, mit dekoltierter Brust, standen unten in der kalten Nacht, ihre eigenen Diener anflehend, etwas für sie zu thun, was, wissen sie selbst nicht zu sagen. Auf der Mitte der Treppe liegt eine ohnmächtig gewordene Dame. Es war Eveline. Als sie bei der Erderschütterung, bei dem Krachen der Notschüsse mit den übrigen die Treppe hinabrannte, rief ein unten Stehender, die Donau habe den Damm beim Waitzner Friedhofe durchbrochen und bedecke schon die Waitzner Straße. Dort aber steht das Haus der Rätin. Sie stieß einen Schrei aus: Wilma! und sank auf den Stufen zusammen. Die Nacheilenden wichen aus, oder sprangen über sie hinweg, wem wäre es jetzt in den Sinn gekommen, einem andern in seiner Not beizustehen?

Die dort drin rüttelten mit der Wut der Verzweiflung an den Thüren, die zum Unglück von sehr fester Konstruktion waren, als plötzlich an der in den Speisesalon führenden Thüre sich nähernde Schritte vernommen wurden; bald darauf hörte man das Geräusch eines in der Nähe des Schlosses eingesetzten Brechinstrumentes, die Thüre spannte sich immer mehr und sprang endlich mit einemmal auf, sich losreißend von der Zunge des abgelassenen Schlosses; vor der bestürzten Gesellschaft stand – Zoltán.

Er allein hatte das Herz gehabt, den Hilferufen der Eingesperrten ein williges Ohr zu leihen; gehört hatten es auch andere, aber sie hatten ihr Herz davor verschlossen.

Der Rat stand ihm gerade gegenüber. Vermag er seinen Anblick zu ertragen? Wäre es nicht besser, ihm auszuweichen? Vielleicht sollte er es anderen überlassen, ihm zu danken für sein mutiges Beginnen. Aber der Knabe hat gerade ihn gesucht. Er ergreift seine Hand.

– Kommen Sie, mein Herr, geschwind. Ihr Wagen ist eingespannt, Ihre Gemahlin ist in Ohnmacht gefallen, aber sie befindet sich schon im Wagen und ist wieder zu sich gebracht; eilen Sie nach Hause, denn dorthin kann die Gefahr leichter gelangen.

Damit lief er mit ihm die Treppen hinab. Alles war schon unten im Hofe.

In Momenten großer Gefahr pflegt die ratlose Menge sich an denjenigen zu halten, der die meiste Geistesgegenwart zeigt, mag es nun eine Frau, ein Mensch aus den niederen Ständen, oder ein Kind sein.

– Hierher kommt das Wasser nicht und wenn es noch um dreißig Schuh stiege, sagte Zoltán eilig im Vorübergehen zu den im Hofe Lamentierenden, von denen die Mehrzahl nicht einmal wußte, was zu beginnen sei. Nach Hause gehen? Wie aber, wenn sie unterwegs von den Fluten ereilt werden und nicht mehr zurück können? – Hier zu bleiben erscheint gleichfalls nicht rätlich, denn es wäre möglich, daß die Fluten sich nicht so schnell verlaufen, als sie plötzlich gekommen, wie es sonst wohl zu geschehen pflegte. Wie dann, wenn die Überschwemmung diesmal mehrere Stunden, wohl gar Tage anhalten sollte?

Der Wagen der Rätin stand schon vor dem Thor. Die übrigen hatten ihre Equipagen erst für einige Stunden später bestellt, wie sollen sie in ihren Balltoiletten sich hinauswagen in die dunkle Nacht, die in diesem Augenblicke von keiner einzigen Laterne erhellt wird; in der allgemeinen Verwirrung hatte man auch die Straßenlaternen anzuzünden vergessen und die ganze Stadt war in tiefe Dunkelheit gehüllt, durch welche das Angstgeschrei, das Läuten der Glocken, die Notschüsse noch hundertmal grausiger erklangen; wirre Menschenknäuel rannten die finstern Gassen auf und nieder, nicht wissend, woher die Gefahr kommt, darunter einzelne, welche angstvoll nach ihren Kindern riefen, die sie nicht finden konnten.

– Mein Kind! mein Kind! ächzte auch der Herr Rat, dessen Tochter daheim krank im fernen Hause lag, während er mit seiner Frau in eine fremde Wohnung sich unterhalten gegangen war; er zitterte am ganzen Leibe, als er im Wagen saß, in dem schon seine Gattin lag, von heftigen Krämpfen ergriffen. Fahr zu! jage, was du kannst! rief er dem Kutscher zu ... O, meine Tochter! Nach Haus, nach Haus!

Auch das Herz des Reichen hat seine verwundbaren Stellen. Alles läßt sich verleugnen, nur das Vatergefühl nicht!

Kaum hatte Zoltán dem Rat in den Wagen geholfen, als er zurück in den Stall lief, sein Pferd losband, ohne Sattel sich daraufschwang und dem davonrollenden Wagen nachsprengte, den Zurückbleibenden zurufend, er werde bald mit einer beruhigenden Antwort wieder da sein.

In wenigen Minuten hatte er den Wagen eingeholt; er rief dem Rat zu, sich nur hinter ihm zu halten, er werde vorausreiten, um zu erfahren, ob es noch möglich sei, zum Hause zu gelangen.

Damit sprengte er voraus, der schnell fahrende Wagen immer hinter ihm her.

Als sie den Anfang der Waitzner Straße erreichten, war das ihnen entgegenkommende Menschengedränge so dicht, daß man kaum hindurchzukommen vermochte.

Alles kam von dort herab, die Straße hinauf schien niemand zu gehen.

Zwischen den Menschen liefen brüllend Kühe, Kälber, Pferde und sonstige Haustiere; alles von dort her – hin zu nicht eine Seele.

Die Flüchtenden blickten verwundert auf den ihnen entgegenkommenden Reiter und Wagen, ein paar von ihnen, die weniger Eile hatten, riefen ihnen zu, sie möchten umkehren und nicht weiter gehen. Sie aber hörten nicht darauf.

Von der Leopoldstädter Kirche an fing die laufende Menge an schütterer zu werden; nur hier und da tauchte ein keuchender Schubkarrenzieher auf, das in der Hast zusammengeraffte Gepäck führend, oder eine Frau, die sich verspätet hatte, und ihre weinenden Kinder auf dem Arm schleppte.

O wie glücklich ist dieses Weib! seufzte der Rat, der beständig zum Wagen hinaussah und mit seinen Blicken Zoltán verfolgte, der in der Dunkelheit manchmal sichtbar wurde.

Die Menschen wurden immer seltener auf der Straße. Rechts und links sah man offenstehende Hausthore, aufgerissene Fenster. In die beleuchteten Zimmer konnte man ganz hineinsehen, niemand war darin; alles hatte die Flucht ergriffen.

In der Entfernung konnte man schon Köcserepys großes Haus ausnehmen. Im ersten Stock schimmerte durch zwei Fenster ein blasses Licht, die übrigen waren dunkel. Jenes dort ist Wilmas Schlafzimmer; aus den übrigen sind gewiß alle Inwohner entlaufen.

Da mit einmal schien es, als ob am äußersten Ende der Straße auf der Oberfläche etwas Helldunkles zu glitzern anfinge ...

... Das ist die Überschwemmung! Es war ein grausiger Anblick, als zu beiden Seiten der breiten Straße die dunkeln Konturen der Häuser und die flimmernden Fensterreihen allmählich sich ausnehmen ließen, wie die wachsende Wasserflut ihren schwarzen Spiegel vorwärts schob.

Aus einer unterirdischen Spelunke drang auch jetzt noch lärmender Gesang und Gejohle hervor; wie wird in der nächsten Minute bald Jammergeschrei von dort ertönen.

Wagen und Reiter sind schon in der dunkeln Nacht verschwunden, nur von ferne hört man noch das Rollen der Räder. Allmählich verhallt auch dieses. Haben sie ihr Ziel erreicht, oder sind sie unterwegs stehen geblieben?

– Wir sind im Wasser gnädiger Herr! rief der Kutscher dem Rat zu, der sich zum Wagen hinausbeugte.

– Fahr nur zu!

Die angetriebenen Rosse sprengten hinein in die wachsende Flut, sich wild aufbäumend in blinder Furcht und der Kutscher mußte alle Kraft zusammennehmen, um das Umwerfen des Wagens zu verhindern.

Je weiter sie kommen, um so höher wird das Wasser, die Pferde können kaum mehr vorwärts, sie waten bis zum Bauch im Wasser, das bei einem Stoß des Wagens hineinschlägt.

Die eiskalte Flut, welche Evelinens Füße durch die dünnen Atlasschuhe benetzt, bringt diese mit einemmal zu sich.

– Wo sind wir? schrie sie auf, das Kutschenfenster aufreißend.

Der Rat faßte seine Gattin um den Leib, damit sie in halbem Delirium sich nicht hinausstürze in die Wellen, während einzelne große Eisschollen sich schon an den Wagenrädern zu reiben anfingen.

– Fahr zu! fahr zu! brüllte er verzweifelt dem Kutscher zu.

Dieser hieb noch einmal in die Pferde hinein, aber die Rosse rührten sich nicht mehr von der Stelle. Dem einen schlug eine mächtige Eisscholle an die Brust, erschreckt riß es die Deichsel auf die Seite und der Wagen, eine Wendung machend, stand quer über die Straße, die Eveline nun ihrer ganzen Breite nach überblicken konnte.

– Mein Jesus! rief sie entsetzt und sank, in allen Nerven erbebend, an die Brust ihres Gatten, der ebenso zitterte wie sie.

Sind das nicht Menschenstimmen? Ja doch. Von den Fenstern, von den Hausdächern herab rufen unglückliche Menschen, die sich aus ihren Wohnungen dorthin geflüchtet, wehklagend um Hilfe. Aus der Kellerkneipe taumelt ein Betrunkener heraus, Gott und die Elemente lästernd. Seine wilden Verwünschungen widerhallen grausig in der Nacht. Plötzlich brüllt er laut auf, dann flucht er nicht mehr. Wahrscheinlich ist er gestolpert und dort im Wasser ertrunken.

– Warum rührt sich der Wagen nicht von der Stelle?

– Gnädiger Herr, ein elender Kahn würde jetzt bessere Dienste leisten.

Eveline schlang in der Verzweiflung der Todesangst ihre Arme um den Nacken des Rates, in einemfort den Namen Wilma schluchzend. Und sie können nicht mehr zu ihr.

In diesem Augenblicke ertönt eine bekannte Stimme neben dem Wagen, Zoltán kam zurückgeritten; er war ganz durchnäßt.

– Sie müssen umkehren. Ich bin ganz nahe ans Haus geritten, an mehreren Stellen mußte mein Pferd schwimmen. Es ist nicht mehr möglich, zu Wagen hinzugelangen; das Wasser reicht schon bis zu den Karyatiden des Portals.

Jeder Nerv Köcserepys zuckte bei dieser Nachricht.

Zoltán hatte kaum diese Worte gesprochen, als der Kutscher, keinen neuen Befehl abwartend, die Pferde wendete.

– Meine Tochter, Wilma! rief mit einem Schmerzensschrei die Rätin, das Kutschenfenster ungestüm erfassend; sie wäre vielleicht imstande gewesen, sich zum Wagen herauszustürzen und für ihr Kind ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Zoltán beugte sich zu ihr hernieder und sagte in beruhigendem Tone: seien Sie ruhig, meine Gnädige. Kehren Sie in die Wohnung des Herrn Septemvir zurück. Ich galoppiere zum Donauufer und werde den ersten Kahn, der mir unterkommt, hierher bringen; in einigen Stunden führe ich Fräulein Wilma in Ihre Arme.

Eveline, außer sich, ergriff die Hand des Jünglings; sie selbst wußte nicht, wie es geschah, sie merkte nur, daß sie die Hand geküßt.

Der Kutscher hieb ungeduldig in die Pferde, und nach einigen Sekunden rollte der Wagen wieder zurück, während Zoltán durch eine der Nebengassen, welche zur Donau führen, so schnell, als er im Wasser weiterkommen konnte, davoneilte.

Der Wagen des Rates nahm die Richtung nach dem neuen Marktplatz, wo er glücklich aufs Trockene gelangte; der ganze Platz war bereits mit Geflüchteten, die von allen Seiten dort zusammengeströmt waren, bedeckt und man konnte durch die Menge nur im Schritt fahrend zur Wohnung des Septemvirs gelangen.

Auch dort herrschte große Verwirrung. Dem Hausherrn hatte man zur Ader lassen müssen und im Augenblick schüttelte ihn das Fieber. Von den Gästen konnte niemand nach Hause; die Equipagen waren ausgeblieben, da die Kommunikation zwischen den verschiedenen Stadtteilen unterbrochen war. Jedermann lamentierte, alles war niedergeschlagen. Wie hätte einer den andern trösten sollen, da jeder für sich selbst in Sorgen war.

Durch die ganze Stadt lief ein Angstschrei von tausend und abertausend Lippen.

In dieser Stunde der Gefahr erwies Herr Maßlaczky sich besonders tapfer unter den Kleinmütigen. Er sprach jedermann Mut zu, man dürfe die ganze Gefahr nicht zu hoch anschlagen, sie wird vorübergehen, auch zu andern Zeiten sei dergleichen in Pest schon vorgekommen, ohne daß sich erhebliches Unglück ereignet hätte. Sollte es länger anhalten, nun dann erscheinen die Rettungskähne, und werden die Kommunikation herstellen; man wird hinüber nach Ofen, oder auch nach Czinkota hinausfahren können; ein wackerer Menschenfreund, Herr Trommel, hält immer eine gewisse Anzahl von Fahrzeugen in Bereitschaft; er wird sich gewiß beeilen, seine Mitbürger aus dieser unangenehmen Lage zu befreien.

Als Köcserepys anlangten, war er der erste, welcher den Wagenschlag öffnete und Evelinen aussteigen half.

– Meine Tochter, meine einzige gute Tochter, lispelte die halb ohnmächtige Frau ihm ins Ohr, worauf Herr Maßlaczky sich in eine heroische Positur warf und mit edler Entschlossenheit sagte: meine Gnädige, beruhigen Sie sich; wenn Fräulein Wilma eine Gefahr droht, wird meine Brust die erste sein, welche sie auffängt. Und wenn es ein Lavastrom wäre, was dort die Gassen überschwemmt, diese zwei Arme würden sie retten. Mein Freund, verlassen Sie sich auf mich!

Dies sagend, küßte er Evelinen die Hand, umarmte Köcserepy und eilte, in seinen Winterrock gehüllt, zu Herrn Trommel.

Trommels Haus lag zwar nicht weit vom neuen Marktplatz entfernt und Herr Maßlaczky hatte dahin nur eine kleine Strecke durch Wasser zu waten, da aber das Haus, in welchem dieser wackere Mann wohnte, noch tiefer als die andern gelegen war, konnte man in dasselbe nur mehr durch quer übereinander gelegte Bretter gelangen.

Am Ende eines dieser Bretter stand der würdige Mann; hinter seinem Rücken im Hofe konnte man vier, fünf Kähne in ganz flottem Zustande erblicken.

– Guten Morgen! rief ihm Herr Maßlaczky zu, der bei dem Schein einer kümmerlich brennenden Lampe seinen Geschäftscompagnon erkannt hatte, und es gut aufnahm, daß ihm dieser die Bretter hinaufhalf.

Seine schönen lackierten Halbstiefel waren voll Wasser.

– Nun, sind wir in Ordnung?

– Wie Sie zu sehen belieben, antwortete Trommel. Belieben Sie herein zu spazieren.

– Nicht möglich, ich habe Eile. Geschwind, eine Plette.

Herr Trommel raunte einem Schiffsknecht einige Worte ins Ohr, worauf man anfing einen Kahn mit Ruderern und einem Steuermann zu versehen.

Das alles aber mit solcher Langsamkeit und in so gemessenem Tempo, daß der Herr Fiskal hundertmal die Geduld darüber verlor.

Herr Maßlaczky hörte mit Unruhe das Geräusch der die Gasse hinabtreibenden Eisschollen und trieb den wackern Herrn Trommel ängstlich zur Eile an.

– Mein bester Herr Trommel, seien Sie doch so gut, Ihren Leuten zu befehlen, daß sie sich sputen.

Er selbst wagte es nicht, ihnen Befehle zu erteilen, denn er hatte Mühe, auf der Spitze des einen Brettes sich im Gleichgewicht zu erhalten.

Herr Trommel legte nun selbst Hand an bei den Zurüstungen, womit jedoch nur soviel erreicht war, daß die Arbeit noch langsamer von statten ging; wo etwas festgebunden war, band er es wieder los und verzögerte nach Möglichkeit das Aufbrechen.

In dem Maße, als Maßlaczkys durchnäßte Füße zu frieren begannen, nahm seine Geduld ab; das Steigen seiner Besorgnisse aber konnte er geometrisch an der Wand abmessen, welche von Minute zu Minute einen höheren Wasserstand der wachsenden Flut zeigte. Das Wasser floß schon zu den Fenstern hinein und der Herr Fiskal war genötigt, sich auf das äußerste Ende des Brettes zu retirieren. Aber warum beeilen sie sich nicht mehr?

– Meine lieben Freunde, tändeln Sie doch nicht so lange! platzte er endlich heraus.

Trommel drehte auf diese Worte den Kopf nach ihm um und erwiderte mit der Grobheit eines echten Ruderknechtes: nun, wenn's der Herr besser versteht, machen Sie sich's selbst.

Herr Maßlaczky wußte zuerst nicht, wie ihm geschah.

– Lieber Trommel, ich bin der Meinung, daß es gut wäre, sich zu beeilen.

– Küsse die Hände, wenn wir die Narren sind, uns zu tummeln, wird uns niemand unsere Mühe bezahlen. Erst sollen die Leute sich ein wenig abängstigen, dann rücken sie um so eher mit ihrem Geld heraus.

Im Interesse der Unternehmung war das von dem wackeren Manne ganz klug gesprochen. Allein Herr Maßlaczky faßte die Sache diesmal nicht von diesem Gesichtspunkte auf. Er mußte Wilma retten, dadurch die Köcserepysche Familie mit unzerreißbaren Banden an sich ketten, das junge Mädchen durch Dankbarkeit, vielleicht durch noch wärmere Gefühle sich verpflichten, als rettender Genius erscheinen, wenn die Gefahr am größten. Eine solche Scene war in der Berechnung des Herrn Maßlaczky doch noch mehr wert, als ein paar hundert Gulden.

– Ja, ja, lieber Herr Trommel, Sie haben ganz recht, im allgemeinen; aber in specie, in einem besondern Fall sollten Sie doch wohl eine Ausnahme machen. Ich wünsche einen Kahn für mich selbst zu meiner Verfügung.

– Oho, das ist nicht ausgemacht worden zwischen uns, davon steht kein Wort in dem Kontrakt, daß Sie die Kähne noch extra benutzen. Das wäre mir schön.

– Aber mein lieber Freund, ich will ja nicht Geschäfte damit machen, ich will ihn nur zu meinem eigenen Gebrauch.

– Lirum, larum. Wo Sie wohnen, da kommt kein Wasser hin. Ich lasse mich nicht breit schlagen; wissen der Herr, wenn der Vertrag dem Herrn nicht ansteht, so gebe ich das Geld zurück und Sie geben mir meine Schrift heraus.

Herr Maßlaczky sah jetzt, in welche Falle er geraten war. Herr Trommel will ihm das einträgliche Unternehmen aus den Händen spielen. Er hatte sich seinen Mann gut ausgesucht. Er brauchte einen so kaltblütigen Schuft, der es versteht, hundertfältigen Wucher aus der Bedrängnis des Unglücks zu ziehen; nun aber fängt jener seine Rolle bei ihm selber an, läßt ihn bitten, winseln und stehen auf dem Rande eines schwankenden Brettes und leiht ihm nicht früher Gehör, bis er seinem Gewinstanteil nicht vollständig entsagt.

Ein einziges Mal in seinem Leben hat Herr Maßlaczky es sich beikommen lassen, den Menschenfreund zu spielen, und auch dies eine Mal kommt es ihm teuer zu stehen. Er sah, daß hier keine Wahl blieb.

– Sie sollen den Vertrag zurück haben, mein Lieber – Herr Trommel wollte ich sagen – und auch mein Geld lasse ich Ihnen. Stecken Sie es wieder ein. Nur geschwind einen Kahn herbei.

– Auch eine Plette, wenn Sie so sprechen. Mit guter Rede ist alles von mir zu haben. Sie sehen, Spectabilis, daß ich selbst mein Haus in Gefahr lasse, nur um andern zu helfen.

Sofort stand vor Herrn Maßlaczky eine Plette zur Abfahrt bereit, darin vier kräftige Ruderknechte und ein Steuermann; der Herr Fiskal zerriß den Kontrakt, sprang, ohne an den Schiffsmeister mehr ein Wort zu verlieren, in die Plette hinein und erteilte den Befehl, nach der Waitzner Straße zu fahren.

Anfangs führte der unheimliche Weg durch enge, finstere Gäßchen, in deren niedrige Häuser das Wasser schon durch die Fenster eindrang. Von den baufälligen Hausdächern herab schrieen die unglücklichen Inwohner, die sich hinaufgeflüchtet hatten, um Hilfe und streckten stehend die gerungenen Hände nach dem vorübereilenden leeren Fahrzeuge aus, wie zu einem vom Himmel gesandten Retter in der Not. Umsonst. Die Schiffsknechte ruderten kaltblütig weiter und trösteten die Verzweifelten mit Witzen, die nach der Branntweinstube dufteten.

Vor der Leopoldstädter Kirche auf einer der unteren Stufen des Treppenaufganges lag ein altes Bettelweib, das schon nicht mehr die Kraft besaß, bis zum Säulenvorsprung hinaufzukriechen. Einen der Ruderer rührte das Jammern der Alten und er wäre geneigt gewesen, sie in das Boot aufzunehmen.

– Jetzt haben wir keine Zeit dazu! rief Herr Maßlaczky; dann, wenn wir zurückkommen.

Die Frau flehte, ihr wenigstens auf den Vorsprung hinaufzuhelfen.

Deshalb kann man jetzt nicht stehen bleiben. Nur weiter! Wer hat jetzt Zeit, sich um das Bettelvolk der Stadt Pest zu kümmern.

Als sie aber um die Kirche herumbiegen, ertönt von dem Balkon eines hohen Hauses eine kräftige, gebieterische Stimme.

– He, Schiffsleute, hundert Gulden demjenigen, der mich von hier nach Ofen hinüberführt.

– Sie haben keine Zeit dazu! beeilte sich Maßlaczky zu antworten.

Die Ruderer hielten aber bei diesen Worten an.

– Ruhig da, sagte der Steuermann. Wieviel hundert Gulden hat der Herr gesagt?

– Zwei! rief es von oben herab.

– Ich habe vier verstanden.

– Ich gebe drei.

– Was unterhandelt ihr da, Taugenichtse! brüllte Maßlaczky, ganz außer sich über die Unverschämtheit, daß sie außer ihm noch mit einem andern sich einlassen wollten. Diese Plette gehört mir, mir allein, ich habe sie bezahlt.

– Da sehen Sie, sagte der Steuermann zu dem vom Balkon herab Unterhandelnden, der Herr erlaubt's nicht. Umsonst, er hat zu befehlen.

– Ich gebe vierhundert.

– Das ist etwas anderes; belieben Sie einzusteigen, da setzen Sie den Fuß auf meine Schulter.

– Hier habe ich zu befehlen, ihr Schurken! rief mit kreischender Stimme, Maßlaczky. Hier befehle ich!

– Den Hunden befiehlt der Herr, schrie der Steuermann zurück. Stehen wir in Ihren Diensten? Wir thun, was uns beliebt.

– Ich habe die Plette bezahlt.

– Das machen Sie mit Herrn Trommel aus, uns haben Sie nichts gezahlt. He da, Jungens, hinaus auf die Donau. Wenn's Ihnen nicht recht ist, so belieben Sie auszusteigen.

Herr Maßlaczky war nun genötigt, sich aufs Bitten zu verlegen. Er setzte mit eindringlicher Beredsamkeit auseinander, daß er schlechterdings aus dem Köcserepyschen Hause die Tochter des Rats retten müsse, welche dort krank liegt; er bittet um Gottes willen, ihn dahin zu führen; die Schiffsleute aber reden ihm hübsch zu, er möchte sich keine unnützen Sorgen machen, das Köcserepysche Haus sei solid gebaut, das stürze nicht so schnell ein; sie seien dort gewesen, es stehe noch ganz fest. Der Steuermann beteuert sogar ihm zum Troste auf sein Ehrenwort, er wisse ganz gewiß, der Rat mit seiner ganzen Familie sei vorgestern schon aufs Land gezogen und komme diese Woche nicht herein.

Herr Maßlaczky weinte, brüllte in seiner Wut, schalt, stieß Drohungen aus. Es half alles nichts. Es blieb ihm nur die Wahl, hier, inmitten des Wassers auszusteigen, oder gegen seinen Willen die lebensgefährliche Reise von Pest nach Ofen mitzumachen.

In jener Schreckensnacht hatten mehrere Beisitzer der königlichen Tafel vorsichtshalber für den Fall einer Gefahr ihre Juraten in das Gebäude der Kurie bestellt, um dort, von zwei zu zwei Stunden abwechselnd, in den Vorzimmern des Archivs Wache zu halten.

Die Reihe des Wachtdienstes in den Stunden vor Mitternacht hatte gerade Kovács getroffen. Schon seit einer Viertelstunde hörte er das Schießen, das Läuten der Glocken, das Geschrei der auf der Gasse Laufenden; auch er hatte jenen momentanen Erdstoß gespürt, von dem die großen Aktenschränke alle so krachten, als wären die darin verschlossenen hundertjährigen Prozesse lebendig geworden und forderten ihr Endurteil; als würden die Kläger und Geklagten, soviel ihrer daraus schon ausgestorben, mit den Füßen an die Thüren dieser traurigen Kripte poltern in dieser Auferstehungsnacht aller entschlafenen Seelen. Selbst die an den Wänden hängenden alten Bilder der großen Würdenträger mit goldgestickten und Hermelingewändern und mit ihren stolzen Gesichtern schienen zu zittern in ihren geschnitzten Rahmen und von allen Seiten herabzublicken auf den Wache stehenden Jüngling, das einzige lebende Wesen unter ihnen, als wollten sie ihn fragen: und du zitterst nicht?

Das Gesicht des jungen Juraten war bleicher, als das ihrige. Von allen Seiten brachen die Töne des Schreckens und der Gefahr herein. Er hörte, wie aus dem großen Gebäude alle Leute, die darin wohnten, entliefen, wie sie keuchend durch die langen Gänge rannten, und er muß allein zurückbleiben, darf diesen Ort nicht verlassen. Bei dem Schein der düster brennenden Kerze schritt er dort auf und ab mit gezogenem Säbel.

O der gezogene Säbel weiß soviel zu erzählen, wenn einer nur darin zu lesen vermag. Er sagt, daß in ihm der Mann einen lieben guten Freund besitzt, der ihrer zwei aufwiegt in der Stunde der Gefahr. Wer einen Säbel hat, der ist nie allein; der Säbel sagt, daß der Ungar ein geborener Soldat ist, und der Soldat muß auf seinem Posten ausharren, auch wenn die Welt um ihn einstürzte.

Wegen des Sturmläutens konnte er die Stunden nicht schlagen hören. Wer weiß, wie spät es schon in der Nacht ist. Bei ihren lustigen Gelagen pflegten die jungen Leute sich von einem verstorbenen alten Tabularadvokaten zu erzählen, welcher den ganzen Tag über im Archiv unter den Prozeßakten zu sitzen pflegte; dort saß er und schrieb endlose Repliken, Einsprachen, Informationen in ewig langen Prozessen, und weil ihm der Tag zu kurz wurde, schrieb er dort häufig auch in der Nacht und konnte doch nie fertig werden; und weil ihm das Leben zu kurz ward, geht er auch jetzt nach dem Tode um, holt um Mitternacht die vergilbten Akten hervor und schreibt mit großer Hast an seinen endlosen verwickelten Repliken und kann doch zu keinem Ende kommen ... Wenn er nur jetzt käme, dachte der junge Jurat bei sich ... Ich würde ihm den Rücken ein wenig durchbläuen! setzte er bei sich hinzu, mit der flachen Säbelklinge einen Hieb durch die Luft führend; kaum aber hat er es gedacht, als die Hauptthüre geräuschlos aufgeht und eine vom Kopf bis zur Zehe weiße Gestalt hereinschleicht, die Feder hinter das Ohr gesteckt, stark zitternd und die Hände fröstelnd unter die Achseln gesteckt, gerade wie ein Gespenst, das Repliken schreiben kommt um Mitternacht.

– Wer da? halt! brüllte der Jurat, die Spitze des Säbels ihm auf die Brust setzend.

– Erschrecken Sie mich doch nicht so, Spectabilis, ich kenne mich ohnehin vor Angst nicht! greinte das arme Gespenst, das kein anderer war, als der Pförtner der Kurie, der in seinem Zimmer Akten kopiert hatte und von da auf den Schreckensalarm zitternd heraufgekommen war. – Niemand, keine lebende Seele ist im ganzen Haus, als wir beide, sagte er zähneklappernd und kroch beinahe in den geheizten Kachelofen hinein. Ich bin nur nachfragen gekommen zum Spectabilis, ob ich noch nachlegen soll, Sie haben mich aber schön erschreckt, domine spectabilis.

– Ihr Glück, daß Sie erschrocken sind, sonst hatte es Ihnen übel ergehen können. Wieviel Uhr ist es schon?

– Elf Uhr schon längst vorüber.

– So hätte ich schon lange abgelöst werden sollen. Wer ist mein Hintermann?

– Der Spectabilis Tarnóczay. Ich habe schon zweimal nach ihm geschickt, er ließ mir aber sagen, er sei im Verlust und müsse sich regressieren. Jetzt habe ich neuerdings mein Söhnchen nach ihm geschickt; wenn ihn nur unterwegs die Fische nicht fressen.

Dieser fromme Wunsch des armen Portiers wurde vollkommen erhört; in demselben Augenblick ertönte lauter Klang durch die Gänge, mit Sporengeklirr vermischt, und bald daraus trat in das Zimmer der kleine Sohn des Portiers mit der Laterne, ihm nach der dominus spectabilis Tarnóczay, mit seinem stolz herausfordernden Gesicht, in das jedes zweite Frauenzimmer in Pest verliebt war.

– Guten Abend, Brüderchen! rief der Eintretende seinem Wache stehenden Kameraden zu. Hast schon Langeweile gehabt. Dein Glück, daß ich schwarz bin, sonst hattest du bis zum Morgen hier statt meiner sitzen können. Sie haben mich niederträchtig gerupft. Schändliche Kosaken sind dort. Immer Schlager, ein Schlager um den andern. Du Bankert? Wo ist der Bankert? –

– Bitte, remonstrierte der Pförtner, das ist mein eheliches, gesetzliches Kind.

– Hast du meinen Punsch mitgebracht, Bankert? Stell' ihn her, Bankert. Da hast du einen Groschen. Verdammt, ich habe keinen bei mir. Nun, wenn ich bei Geld bin, kriegst du einen Zwanziger. Du Bankert!

Der Portier zog murrend sein Söhnlein mit sich fort; auch Kovács warf sich seinen Zeke Ungarisches kurzes Oberkleid mit aufgeschnittenen Ärmeln. um und entfernte sich.

Der spectabilis dominus Tarnóczay rief ihm nach: wenn du zu Privorßky gehst, setz dich nicht auf meinen Platz, denn dort wirst du Pech haben, niederträchtiges Pech.

Kovács hörte nicht auf ihn. Herr Tarnóczay brummte dann noch lange in sich hinein: Hab so guten spurius gehabt und haben mich doch immer abgekocht; in einemfort » bakala«, reines » bakala«; mein bestes Gustieren hat der »Spitz« verdorben; umsonst habe ich brennen lassen, gekauft, gepaßt, aufgemischt, das Glück hat sich nicht gewendet. Heut hab ich großes Malheur gehabt. Nicht einmal zu einem »Schab« bin ich gekommen.

Lassen wir ihn brummen und gehen wir zu Privorßky.

Es ist eine alte Gewohnheit und noch jetzt üblich, die Kaffeehäuser mit dem Namen des Cafetiers zu benennen. Um jene Zeit waren eben Privorßkys Lokalitäten der Lieblingssammelplatz der Studierenden der Rechte und es gehörte nicht zu den Seltenheiten, noch spät nach Mitternacht dort lustige Gesellschaft bei dampfendem Bischof anzutreffen, in Rauchwolken gehüllt, die sich bis auf den Fußboden herabsenkten und vertieft in das Buch der vier Könige.

Auch jetzt war der Spieltisch dicht besetzt; lauter junge Leute in schwarzen Attilas, um die Hüften den Säbel gegürtet – dazumal noch ein obligates Ergänzungsstück der ungarischen Nationaltracht, und zumal nachts durfte er nicht fehlen, denn die Korporation der Rechtspraktikanten zählte mehr als einen Rivalen in der rauflustigen Jugend der Pester Zünfte und in solchen Fällen war dann der Säbel ein gar guter Fürsprecher.

Ein junger Mensch mit hübschem Gesichte hält die Bank und teilt die Blätter aus; er ist ganz erhitzt von der Aufregung der Kartenschlacht; eine Kucsma Eine barettartige Mütze. mit einer großen Adlerfeder ist unternehmend schief auf den Kopf gestülpt. Wer wünschte nicht ähnlichen Gestalten in einer andern Umgebung zu begegnen, etwa hoch zu Roß, oder mit blitzendem Säbel in heißem Kampfgewühl, oder im Sitzungssaal, mit begeisterter kühner Rede auf den Lippen, nicht aber mit den Werkzeugen einer häßlichen Leidenschaft in den nervigen Händen. Wie schlecht stand diesen jungen Gesichtern das Mimenspiel des Neides, der Schadenfreude. Fluch dem Versucher, der es hervorgerufen!

Auf dem Tische liegt eine bedeutende Summe Geldes aufgehäuft: die sauern Ersparnisse seiner Väter und Mütter, vielleicht der für das Advokatendiplom bestimmte letzte Dukaten, den der um die Zukunft unbekümmerte jugendliche Leichtsinn, ohne sich zu bedenken, hinwirft. Die Karten werden umgeschlagen, hier Gewinst, dort Verlust. Jedem ausgestoßenen Freudenausrufe antwortet eine Verwünschung.

Dort in einem Winkel sitzt auch der alte Jurat, Frater Bogozy, der von Zeit zu Zeit seine tiefe Baßstimme mit dem Ruf vernehmen läßt: »Es steht ein Zwanziger!« Der Bankhalter möchte sehr gern einmal diesen Zwanziger sehen; denn Bogozy hat schon wiederholt verloren, ohne daß das Geldstück zum Vorschein gekommen wäre.

Der Bankhalter war eben sehr im Glück und um so wütender waren die Pointeurs, als Kovács in den Saal trat.

Das Gesicht des wackern Jünglings war ganz entstellt, Abscheu und Entrüstung war in jedem Zug zu lesen.

– Freunde – sprach er mit erstickter Stimme, während der Bankhalter die Karten mischte – hört ihr denn nicht das Sturmläuten?

– Wir hören es seit lange, sagte der junge Bankhalter.

– Und ihr könnt ruhig weiterspielen? Die Stadt ist überschwemmt.

– Was kümmert's mich; ich setze mich aus Bogozys Schultern, in den geht kein Wasser hinein.

– Du hast ein viel zu gutes Herz, um sagen zu können, was kümmert's mich; du kannst bei so ungeheuerm Unglück nicht kalt bleiben.

– Was geht mich die Not der Hausherren an, ich habe meine Miete im voraus bezahlt, das Haus meines Quartiergebers darf nicht einstürzen.

– So ist's, sie mögen sich selber helfen, dafür sind sie Hausherren, schrie ein struppiger Bursche. Sollen wir etwa deshalb Mitleid mit ihnen haben, weil sie uns jeden Monat steigern?

– Oder weil sie die Stiegen nicht beleuchten?

– Oder weil sie schon um neun Uhr das Hausthor zumachen?

– Oder weil sie einem armen Teufel den Szür Ordinärer, aus Kammwolle gewobener Mantel. wegnehmen, wenn er die Miete nicht zahlen kann.

– Hahaha, wir haben kein Haus in Pest!

Mit solchen Einfällen überschütteten die lustigen Burschen ihren Kameraden, der auf die letzte Äußerung ruhig erwiderte: aber deshalb gehört Pest doch uns ...

Damit war ein großes Wort ausgesprochen, gegen das jede Widerrede verstummte.

– Und wenn Pest zu Grunde geht, trifft dieser Verlust auch uns, das ganze Land ...

Bei dieser traurigen Rede legte der Bankhalter die Karten vor sich hin und fing an aufzumerken.

– Auf meinem Wege von der Kurie hierher, fuhr Kovács fort, warf sich die Frau eines armen Handwerkers mir zu Füßen, in ihrem Hause draußen in der Stationsgasse war sie von den hereinbrechenden Fluten überrascht worden. Sie hat zwei kleine Kinder und da sie nicht Kraft genug in den Armen fühlte, beide mit sich zu schleppen, trug sie dieselben auf den Boden hinauf und lief dann allein durch das beständig wachsende Wasser, um Hilfe zu suchen. Jetzt kann sie schon nicht mehr zurück und es geht das Gerücht, daß in jener Gasse ein Haus nach dem andern einstürzt. Die arme Frau raufte sich in ihrem Jammer die fliegenden Haare und flehte mich an, ihren Kindern Rettung zu bringen; sie, die in diesem Augenblick all ihre Habe verliert, werde ihr ganzes Leben hindurch arbeiten, um die Kosten abzutragen, welche die Rettung ihrer Kinder verursachen würde. Ich sagte ihr, sie möchte an der Straßenecke auf mich warten und lief geradesweges hierher.

– Bei Gott und du bist nicht unrecht gegangen, rief der Bankhalter, dem das ganze Gesicht glühte. Das ist etwas, wobei auch ich sein will.

– Ich auch, wir auch! riefen die übrigen jungen Leute, von ihren Stühlen aufspringend.

– Halt einen Augenblick, Brüder, sprach der Bankhalter. Dies arme Weib verliert in dieser Stunde alles, was es hat, vielleicht soviel, als wir in einer Stunde vergeuden; hier auf dem Tisch liegen jetzt einige hübsche Geldhäufchen: mein Geld und das eurige, ohnehin, wer kann sagen, wem es nach dem Umschlagen einer Karte im nächsten Augenblick gehören wird? Raffen wir es ungezählt zusammen und geben es der Unglücklichen.

– Gut, sehr gut, ja so ist's recht! riefen sämtliche jungen Leute. Auch das alte Haus Bogozy stand auf, zog aus der Westentasche den oft erwähnten Zwanziger und warf ihn zu den übrigen.

– Nun, jetzt sag nicht noch einmal, daß du meinen Zwanziger nicht gesehen hast.

– Die ganze Summe aber verpacken sie in einen Papierumschlag, versiegelten das Paket mit aller Förmlichkeit und übergaben es dem Kaffeesieder gegen Quittung, dann gingen sie, sich ihre Säbel umzuschnallen.

Einige von den jungen Leuten nahmen es auf sich, der unglücklichen Frau eine Unterkunft zu verschaffen, welche der wackere Portier der Kurie sich gern herbeiließ ihr zu gewähren. Mittlerweile eilten die übrigen geradeswegs zum Donauufer.

Ach, war das ein trauriger Anblick. An zwei, drei Stellen strömte das Wasser über den beschädigten Damm herab, mit donnerndem Rauschen den gefährlichen Durchbruch immer weiter reißend. Durch die dunkle Nacht schimmerten mit weißem Glanz diese Wasserstürze, und ein Getöse, wie wenn nach einem Wolkenbruch die Wildbäche von den Bergen herabbrausen, ließ sich an beiden Enden der Stadt vernehmen, welche in diesem Augenblick völlig dunkel war. Und mitten aus dieser Dunkelheit erhob sich verworrenes Angstgeschrei, wie ein böser Traum über dem Ganzen schwebend.

Wo ist ein Kahn?

O, die haben jetzt zu thun. Die gutmütigeren Schiffsleute sind längst mit ihren Fahrzeugen auf dem Schauplatz der Gefahr; die berechnenden jedoch warten noch, möge die Gefahr noch größer werden, um so höher steigt dann die Hilfe im Preis.

Aber siehe, zwischen den Brettertrümmern des zerstörten Landungsplatzes liegt dennoch ein Boot müßig, die guten Leute haben die Ruder alle hineingezogen und liegen selber der Lange nach in dem Fahrzeug ausgestreckt, um weniger bemerkbar zu sein.

– He, he, Leute, schrie ihnen Kovács zu, der sie zuerst bemerkt hatte.

– Nun, was denn? was giebt's? fragte mürrisch der Steuermann und mit ihm zugleich erhoben drei Ruderknechte ihre breiten Schädel.

Es sind alte Bekannte von uns, dieselben, welche Herrn Maßlaczky uns entführt haben.

Wie, sind sie mittlerweile schon von Ofen zurück? – Die Geschichte ist einfach die: als sie ihre Opfer in das dichteste Eis hineingeführt hatten und nach viertelstündigem, lebensgefährlichen Kampf mit den Elementen das jenseitige Ufer nicht zu erreichen vermochten, versprach jener reiche Herr ihnen die doppelte Summe, nur damit sie ihn nicht nach Ofen hinüberführen, sie mögen ihn, wo immer, unter freiem Himmel absetzen, welchen Wunsch auch Herr Maßlaczky teilte, und dem Himmel dankte, den Schiffsknechten aber zehn Gulden Trinkgeld gab, als sie endlich irgendwo in der Nähe der Pfaueninsel aufs Trockene kamen, der göttlichen Vorsehung es überlassend, das kranke Fräulein des Herrn Rates Köcserepy zu erlösen.

– Herda mit dem Kahn, Gevatter! rief der junge Jurat hurtig den Ruderern zu.

– Und wer wird zahlen? frug der Steuermann, die feisten Wangen, wie er auf dem Bauche dalag, in beide Handteller gestützt.

– Wir zahlen.

– Und wieviel denn?

– Menschen, wie könnt ihr in dieser Schreckensstunde noch feilschen? sprach der warmfühlende Jüngling entsetzt.

– Freund, laß hier die Philanthropie beiseite, das sind Perlen für Säue, unterbrach ihn der Bankhalter aus dem Kaffeehaus. Die da wollen Geld, nicht schöne Worte. Heda, Burschen, ihr bekommt fünf Gulden Konventionsmünze für die Stunde.

Der Steuermann schlug ein unanständiges Gelächter auf und sagte, den Kopf grinsend nach seinen Spießgesellen umwendend: Hört ihr's? ganze fünf Gulden! Lieber gar Kreuzer. Nicht um fünfzig rühren wir uns von der Stelle.

– Und warum nicht?

– Deshalb, weil wir auch hundert bekommen können.

– Ah, das ist schrecklich! rief Kovács aus. Habt ihr denn ein Herz im Leibe, daß ihr an euern eigenen Gewinn denken könnt, während tausend und abertausend verzweifelte Menschen um Hilfe schreien?

– Schadet ihnen nicht, wenn sie ein kleines Bad nehmen, antwortete darauf der Steuermann, und die Ruderknechte hielten das für einen so witzigen Einfall, daß sie in schallendes Gelächter ausbrachen.

– Ei ihr nichtswürdigen, herzlosen Hunde, brüllte Kovács auf dies Gelächter und sprang, den Säbel in edelm Zorn aus der Scheide ziehend, bis an den Gürtel ins Wasser, mit einer Hand die Kette des Kahns erfassend.

– Hierher, an meine Seite, Brüder! nehmen wir ihnen das Fahrzeug mit Gewalt, wenn sie es für Geld nicht gutwillig geben.

Die Ruderknechte fielen mit ihren Ruderstangen über die Angreifer her, aber Kovács wehrte sich tapfer, die Stange, mit welcher einer der Bootsleute einen Stoß nach ihm führte, mitten entzwei spaltend und dem Boot mit seinem Fuß einen Stoß gebend, daß es heftig hin- und herschaukelte und die beiden andern Mühe hatten, sich auf den Beinen zu erhalten.

Mittlerweile hatte Frater Bogozy, dem das Herz im Leibe lachte, als er es zu einer Schlägerei kommen sah, seinen verrosteten Bratspieß abgeschnallt und dem Nächststehenden zugeworfen; denn einmal stak in der Scheide eine zerbrochene Klinge, die nicht zu gebrauchen war; dann aber pflegte er es mit dem Somogyer Kanáß Schweinehirt. zu halten, der nie seine Waffe mit ins Handgemenge nimmt, aus Furcht, sie könnte in den Besitz des Gegners fallen. So stürzte er denn mit bloßen Fäusten darauf los. Es war für ihn das Werk eines Augenblicks, vom Ufer in den Kahn zu springen, im nächsten Moment hatte er schon den Steuermann am Kragen gefaßt und ins Wasser geworfen; die übrigen folgten nach. Unserem Bogozy ging diese Arbeit sehr leicht von statten; er hatte schon Übung darin; während ein anderer Mensch seinen Gegner noch fragt, was er will, hatte er den seinigen mittlerweile schon längst zu Boden gestreckt, durchgewalkt und war auch schon auf und davon.

Kovács machte ihm zwar Vorstellungen, er mochte die Leute nicht ins Wasser werfen, genug, wenn er sie entwaffnet und ihnen das Ehrenwort abnimmt, nicht mehr gegen Juraten zu kämpfen; Bogozy hörte erst, wovon die Rede war, als die guten Leute bereits alle im Wasser herumplätscherten.

– Sollen ein kleines Bad nehmen, schadet ihnen nichts, sagte Bogozy laut lachend. Nicht wahr, Herr Steuermann, das war ein guter Witz?

Die jungen Leute bemächtigten sich des Bootes, während die überwältigten Schiffsknechte schnaufend und fluchend ans Ufer heraus zu waten suchten, Bogozy mit ihren Fäusten drohend, der bereits mit kräftiger Hand das Steuerruder erfaßt hatte und das Boot gegen den Abfluß der Überschwemmungsfluten hinsteuerte. Die Ruderer teilten rasch die Wellen, die feurige Jugend fuhr mit Blitzesschnelle die große Brückgasse hinab, jene schöne, reiche, glänzende, große Brückgasse, in der man jetzt mit den Ruderhaken schon nicht mehr den Grund erreichte.

* * *

Was ist aus Zoltán geworden?

Wenn Kovács und seine Gefährten wüßten, wo in dieser Stunde dieser Augapfel der jungen Generation, dieser herrliche junge Sprößling, in dem die phantasiereiche Jugend den Führer einer besseren Zeit zu erblicken hofft – wie würden sie mit einemmal das Steuerruder wenden und in einer andern Richtung aufbrechen, um den so oft in ihren Reden genannten Jüngling dort zwischen den dunkeln, labyrinthischen Gäßchen aufzusuchen.

Dort kämpfte der mutige Junge auf ermattetem Roß gegen das sich entgegentürmende Treibeis. Die scharfen Kanten der Schollen haben die Brust des Pferdes schon ganz blutig geritzt und das bedrängte Tier, im Vorgefühl seines Unterganges, wiehert laut auf in tödlicher Angst, mit den ungewohnten Lauten seines Gebrülls das Herz seines Reiters erschütternd.

Es geht nicht weiter!

Das Pferd wird immer schwächer, es bricht immer mehr zusammen, Zoltán beugte sich herab auf den Nacken seines Lieblingspferdes, es sanft klopfend und streichelnd.

– Nur eine Minute noch halte aus, mein liebes, gutes Roß, redete er ihm mit schmeichelnder Stimme zu. Sieh, gleich sind wir am Ufer, dort kannst du dich ausruhen, mein wackeres Pferd, mein treues Tier.

Das kluge Tier, als verstünde es die Worte seines Herrn, nahm einen neuen Anlauf gegen die entgegenströmenden Wellen, manchmal halb heraufspringend auf die sich schoppenden Eisschollen, die es gewaltsam zurückdrängten, als plötzlich ein dumpfes Krachen seine Ohren spitzen machte; das Pferd stand plötzlich wie eingewurzelt still und warf den Kopf so rasch herum, daß Zoltán beinahe aus dem Sattel geflogen wäre; in der nächsten Minute stürzte das vor ihnen stehende stockhohe Haus mit furchtbarem Gekrache zusammen, so nahe bei ihnen, daß die Flut Zoltán über den Kopf spritzte. Die Schreckensscene wurde von keinem menschlichen Laute belebt. Die Inwohner des Hauses hatten sich entweder schon geflüchtet, oder sie waren alle lautlos dort zu Grunde gegangen.

Das erschreckte Pferd warf sich unruhig unter dem Reiter hin und her, seine vom Entsetzen herausgetriebenen Augen leuchteten durch die Finsternis. Zoltán benötigte seine ganze Kraft, um sich im Sattel zu erhalten.

Eine dichte Staubwolke erhob sich aus dem eingestürzten Hause, und als der Wind sie langsam davontrug, sah man erst, daß das enge Gäßchen von den Schutt- und Trümmerhaufen ganz abgesperrt war, aus denen einzelne zerbrochene Balken, losgerissene Thüren, Fensterrahmen, Dachrinnen hervorstanden.

Es war keine Möglichkeit, hier weiter zu kommen. Der Schutt hatte die Passage verrammelt. Zoltán war genötigt, das Pferd seinem Instinkt zu überlassen. Auch gegen seinen Willen hatte es immer schon umkehren wollen; jetzt ließ er ihm die Zügel schießen, möge es sich seinen Weg selbst wählen.

Zurück ging es viel leichter, die Strömung selbst half dem schwimmenden Hengste in seiner Eile und er brauchte nicht mehr mit seiner Brust gegen das scharfe Eis sich hindurchzuarbeiten. Trotzdem fühlte Zoltán, daß die Kraft des Tieres im Erlöschen war; manchmal versinkt es bis an den Nacken und vermag kaum den Kopf über dem Wasser zu halten, sein Atem zittert und Wird immer kürzer, an einer Stelle bricht es ganz zusammen.

Sonst war er mit diesem Pferd über die Donau geschwommen und es hatte keine Ermüdung gezeigt. Jetzt aber verwundeten die Eisschollen das kräftige Tier und der Blutverlust und die Kälte erschöpften seine Ausdauer. Vielleicht wäre es besser, das arme Tier sich selbst zu überlassen. Ohne Reiter konnte es sich leichter herausarbeiten.

Zoltán wußte, daß hier keine Möglichkeit für ihn war, sich durch Schwimmen zu retten. Das Wasser war voll Eis, das auch den tollkühnsten Schwimmer unter seinen Schollen begraben hätte.

Eben waren sie bis zur Leopoldstädter Kirche gelangt, von der Emportreppe stand nur noch eine Stufe aus dem Wasser hervor. Zoltán sprang hier vom Pferd auf die Treppe herab, riß ihm den Zaum vom Kopfe und ließ so das gequälte Tier frei.

Etwa dreißig Schritte schwamm es noch weiter, dann wandte es plötzlich den Kopf und als es seinen Herrn, den es verlassen, dort auf der Kirchentreppe stehen sah, bäumte es sich aus dem Wasser empor, stieß ein lautes, schmerzliches Gewieher aus, kehrte um und nahm seinen Weg zurück; unter konvulsivischen Anstrengungen kämpfte es sich bis zu ihm hindurch; dort, am Fuße der Treppenflucht, sank es zusammen, seinen schönen schlanken Hals aus dem Wasser hervorstreckend und mit seinen halbgebrochenen klugen Augen zu seinem Herrn aufschauend, als ob es sagen wollte: »setze dich wieder auf, wir wollen uns zusammen retten, solange noch meine Kraft aushält.«

Zoltán beugte sich zu ihm herab und nahm den Kopf des treuen Tieres in seinen Schoß, das schmerzlich ächzend und schnaubend zu den Füßen seines Herrn lag, von dem es auch in der Stunde der größten Gefahr sich nicht trennen konnte.

In diesem Moment schien es dem Jüngling, als ob im Dunkel eine menschliche Stimme ihn anredete, eine kaum vernehmbare, zitternde, geisterhafte Stimme.

Er streckte in der Richtung, von wo die Stimme kam, seine Hand aus und fühlte, wie sie von einer andern Hand krampfhaft ergriffen wurde, hinter der eine halb im Wasser liegende Gestalt sich die Treppe herauswand.

Es war die alte Bettlerin, welche die Schiffer hier hatten liegen lassen.

Sie war schon ganz ohne Besinnung, nur der blinde Instinkt war noch in ihr wirksam gewesen, als sie, das Geräusch eines Menschen hörend, die Hand aus dem Wasser streckte.

Zoltán zog sie ganz herauf, und ihr die einzige trockene Stelle, auf der er stand, überlassend, stieg er selbst eine Stufe tiefer ins Wasser hinab.

Das arme Weib zitterte vor Kälte und Fieber. Zoltán hatte einen guten, warmen Zeke, den zog er aus und bedeckte damit die Bettlerin; er wird deshalb nicht erfrieren; er knöpfte sich seine Ballkleider gut zu und kreuzte die Arme über der Brust. Das wird schon warm halten.

Der Nachtwind blies schneidend vor der Kirche und drang überall durch die leichten Kleider. Den Hut hatte Zoltán schon längst verloren und so stand er da, die Haare im Winde flatternd, und mit den Füßen bis zu den Knöcheln in dem eisigen Wasser.

– Nein, ich werde nicht frieren, es darf mich nicht frieren, sagte er zu sich. Es fällt nur anfangs schwer, dann stumpft man sich dagegen ab. Die Nacht kann nicht mehr lange währen und am Morgen wird doch endlich Hilfe kommen.

Dann und wann flüstert ihm ein feiger Dämon ins Ohr. Vielleicht ist die Bettlerin nicht einmal mehr am Leben, was nützt ihr das warme Kleidungsstück, nimm es ihr weg; was schadet es ihr, wenn sie etwas ins Wasser kommt, schiebe sie weg!

– Nein, nein! rief er, sich abhärtend gegen den von Frost zitternden Körper. Ich werde standhaft bleiben, ich werde warten. Das wäre schändlicher, als Raub und Mord. Man darf nicht feig sein.

Das Wasser stieg jedoch beständig; schon reichte ihm die Flut bis zu den Knieen und allmählich beschlich Bitterkeit das Herz des Jünglings.

Er fing an, der süßen Heimat zu gedenken, der stillen, glücklichen Abende in Szentirma, der im trauten Freundeskreis verlebten fröhlichen Stunden, dann dachte er wieder an die Momente süßen Schweigens unter den Ahornbäumen, an das lächelnde Gesicht seiner lieben Kleinen, an ihre zarte kleine Hand, die in der seinigen ruhte. Und hier ringsum eisige tödliche Flut mit den aneinander schlagenden grauen Schollen, Todesgewimmer in seiner Nähe, Todesgebrüll in der Ferne, Tod zu seinen Füßen, Tod über seinem Haupt. Er wurde so schwindlich, es überfiel ihn eine solche Mattigkeit und ein so sehnsüchtiges Verlangen, sich hier hinabzustürzen in die kalten Wogen und seinen trügerischen Freuden, seinem quälenden Kummer ein Ende zu machen – mit einemmale.

– Doch nein, nein! Nur Feiglinge verzagen, nur Zwerge brechen zusammen unter der Last des Lebens. Kein solches Los, kein solches Ende ist dem Mutigen beschieden. Sein Stolz, sein Selbstgefühl flüstert ihm zu, daß eine rühmliche, thatenreiche Zukunft seiner noch harre, und daß, was er duldet und leidet, nur die Vorbereitung dazu ist.

Dieser Gedanke erwärmt seine Brust und läßt ihn den frostigen Windeshauch nicht fühlen. In der That, Sultan Orkhan fror weniger in seinem offenen Zelt, als sein Nachkomme Mahmud, der als achte Wonne des türkischen Paradieses ganze Zimmer mit kostbarem Pelzwerk überziehen ließ.

Diese geschichtliche Erinnerung brachte das wankende Gemüt des Jünglings wieder ins Gleichgewicht, Mahmud hätte besser gethan, sich mit einem mutigen Herzen als mit warmem Pelzwerk zu versehen. Siehe, wie der Mut erwärmt!

Schon bespült die Flut auch die letzte Stufe, das Eis wetzt sich an der Seitenwand der Kirche und türmt sich an der Treppe zu einer gefrorenen Schanze auf. In diesem Augenblicke beginnt am untern Ende der breiten Straße ein rötlicher Schein zu dämmern. Zoltán hält auch das noch für ein Spiel seiner Phantasie, für einen jener lichten Zukunftsgedanken, welche seine Brust durchwärmen.

Der Schein wird immer heller und nicht lange währt es, so kommt ein schwimmendes Floß zum Vorschein, auf dem einige Fackeln stecken. Mehrere Männer bewegen mit Rudern und Haken das Floß vorwärts, welches rasch den mit Eis bedeckten Wasserspiegel zu durchschneiden scheint.

Zwischen den Fackeln am Steuerruder stand eine muskulöse, herkulische Gestalt, ohne Kopfbedeckung, nur einen leichten Rock über die Schulter geworfen. Wer würde sich des stolzen braunen Gesichts nicht erinnern und dieser blitzenden, tollkühnen Augen, die ungestraft in die Sonne zu starren wagen? Ein hoch hinaufgedrehter pechschwarzer Schnurrbart bedeckt die stolzen, schön geformten Lippen, von denen jedes Wort so viele Herzen, so viele Geister zu entflammen vermag, während das trotzige Kinn, mit einem tiefen Grübchen, von einem schwarzen Vollbart eingefaßt ist. Wer hätte ihn nicht gekannt, hätte nicht gewußt, wer er sei, würde sich seiner nicht erinnern? In den drei traurigsten Nächten der Stadt Pest hörten tausend und abertausend diesen Namen als die Losung der Rettung aussprechen und sprachen ihn nach, segnend, lobpreisend, zu Gott betend.

Dieser Mann war – Nikolaus Wesselényi.

Das große geräumige Floß war schon voll mit geretteten Weibern und Kindern. Die Männer blickten ja gern der Gefahr ins Auge, wenn sie nur die Schwächeren ihrer Familie in Sicherheit wußten.

Der große Landessohn stand mit weiser Ruhe am Steuerruder; wenn er an unversehrten, festen Gebäuden vorüberfuhr, von deren Ballons bleiche, vornehme Gesichter auf ihn herabblickten, winkte er ihnen mit der Hand zu: ihr könnt noch warten, ihr seid in keiner großen Gefahr, eure Behausung hält noch lange gegen das Wasser stand, wir müssen die in größerer Gefahr Schwebenden befreien; wenn er aber ein ebenerdiges, baufälliges Häuschen erblickte, von dessen leckem Dache halbnackte Jammergestalten die Hände nach ihm ausstreckten, da eilte er hin, ergriff mit nerviger Hand das Ruder, holte die Unglücklichen von ihrem gefährdeten Zufluchtsort herab, hüllte sie in warme Kotzen, wies ihnen einen Platz auf dem Floß an und steuerte dann weiter gegen die Strömung mitten hinein in den gährenden Rachen des Verderbens.

Zoltán staunte sprachlos die herabkommende Erscheinung an. Er glaubte ein Traumgesicht vor sich zu haben; diese hohe, hehre Männergestalt, im roten Widerscheine der Fackeln, auf der Stirne der heitere Glanz mutigen Gottvertrauens, zu ihren Füßen die Gruppe dankerfüllter Gesichter, glich einer jener phantastischen Scenen in den Dichtungen des indischen Mythus, wo der menschgewordene Brahma, der sündhaften Welt sich erbarmend, in leuchtendem Schiffe dahingleitet über die schwarze Meeresflut.

Der Junge vergaß dadurch ganz, sich durch Schreien bemerkbar zu machen. Vielleicht hätte er auch dann die Vorüberfahrenden angerufen, wenn der Steuermann nicht selbst dem Floß die Richtung dahin gegeben hätte. Die Kirche, dachte er, könne auch jemand eine Zuflucht gewährt haben und wer dort an der Schwelle des Gotteshauses sie gesucht, soll in seinem Vertrauen nicht getäuscht werden.

– Haho! ist dort jemand? ertönte eine tiefe, donnernde Stimme, wie wir eine ähnliche weder vordem, noch nachher gehört haben; milde Ermutigung und niederschmetternder Schrecken, des Leuen Zorn und des Leuen Liebe erklang aus dieser Stimme.

Zoltán hätte auch jetzt noch nicht geantwortet; irgend eine unerklärliche Betäubung hatte sich seiner bemächtigt, so daß er nicht vermochte, einen Laut von sich zu geben; die scharfen Augen des Erretters hatten ihn jedoch erblickt.

– Dort stehen Menschen! rief er, und während er mit der Linken das Steuerruder drehte, gab die Rechte mit dem Ruderhaken dem Fahrzeug einen so gewaltigen Stoß, daß es, mitten durch das angeschoppte Eis sich Bahn brechend, in wenigen Sekunden vor der Kirche anlegte.

– Warum antwortet ihr nicht? Wer ist dort?

Zoltán kam erst jetzt zur Besinnung. Er erkannte Wesselényi.

– Eine Bettlerin, mein Herr.

– Sie soll die Hand reichen.

– Sie kann es nicht, sie ist schon halb tot.

Wesselényi kam näher und in diesem Augenblick erkannte auch er den Knaben.

– Zoltán, du bist's! wie kommst du hierher?

– Ich sollte ein krankes Kind retten, aber mein Pferd konnte nicht durch das Treibeis schwimmen und so nahm ich meine Zuflucht hierher.

– Ein krankes Kind? sagte Nikolaus, während einer seiner Diener das Weib hinüberhob. Und du hast der Bettlerin deinen Zeke gegeben? Da wirst du bald selbst ein krankes Kind sein. Nun steig ein.

– Aber mein Herr, Sie müssen mir versprechen, daß Sie mir behilflich sein werden zur Rettung des kranken Kindes.

– Wo ist es? Wer ist es?

– Köcserepys Tochter.

– Ah, sie sind in Gefahr und du rettest sie? Seltsames Spiel des Zufalles. Es war nicht klug, dich deshalb zu verkühlen, mein Sohn. Herrn Köcserepys Haus ist fest gebaut, das stürzt nicht ein, und er hat überdies gute Freunde genug, welche sich beeilen werden, ihm beizustehen.

Zoltán antwortete bitter: Herr Baron, diese Nacht ist nicht dazu angethan, einen Unterschied zu machen zwischen Freund und Feind, wenn einer in Gefahr ist.

– Bei Gott, Junge, dieser Mensch ist nicht nur im Landtagssaale mein Gegner, sondern auch dein persönlicher Feind. Steig ein, wir haben hier nicht Zeit, uns lange herumzustreiten.

– Ich steige nicht ein, entgegnete der Junge trotzig. Ich habe es der Mutter des Mädchens versprochen, die in ihrer Verzweiflung mich darum bat. Und hätte ich es selbst dem Mörder meines Vaters versprochen, ich würde es halten. Ich werde hier bleiben und warten bis ein anderer kommt, der mich hinführt.

Der Befreier stritt nicht länger, sondern faßte den Jungen mit seiner großen, gewaltigen Hand an den Kleidern und hob ihn wie eine Flaumfeder ins Floß.

Das Reitpferd fing an im Wasser zu zappeln, als es seinen Herrn sich entfernen sah.

– Wem gehört dies Reitpferd? fragte Nikolaus, der ein großer Pferdenarr war, – bindet es ans Floß an, es mag uns nachschwimmen. Es wäre mehr schade um das edle Tier, als um ein paar bleichsüchtige, grimassige Modepuppen.

Es war leicht zu erraten, wen er darunter meinte.

Zoltán betrachtete erstaunt den seltsamen Mann, der ebenso gewaltig zu hassen, als zu lieben weiß, und auch noch bei Ertrinkenden einen Unterschied macht zwischen Freund und Gegner; der, während er für einen Bettler, für ein Kind armer Leute in einer Stunde hundertmal sein Leben aufs Spiel setzt, für solche, die er nicht liebt, nicht einmal den kleinen Finger rühren würde.

– Nimm diesen Haken und hilf! rief Nikolaus mit tiefer Baßstimme dein Knaben zu. Zoltán dankte es ihm, denn dadurch erwärmte er sich.

Nach einer Weile schrie er ihm wieder in donnerndem Tone zu: mach einen Schluck aus diesem Kulacs Ungarische Feldflasche., sag ich dir.

Zoltán gehorchte. Der Syrmier Sliwowitz goß wohlthätige Wärme in seine Eingeweide und unter der schweren Arbeit gewannen seine Muskeln wieder die frühere Spannkraft. Es war eine Freude, zu sehen, wie er arbeitete, wie er schwitzte. Nikolaus wandte kein Auge von ihm ab.

Sie waren schon nahe beim Köcserepyschen Hause. Die beiden Fenster waren auch jetzt noch von dem matten Schein einer Ampel erhellt, die übrigen waren schon dunkel.

– Armes Mädchen, seufzte Zoltán bei sich; in welcher Angst wird sie jetzt sein, so allein, so verlassen!

Mittlerweile fing das Floß sich langsam zu wenden an und Zoltán nahm mit Freuden wahr, daß Nikolaus dasselbe nach dem Köcserepyschen Hause steuerte. Freudig sprang er zu ihm hin und küßte dankbar die Hand des trefflichen Mannes.

– Ich thue es nicht deshalb, sagte dieser mit gedämpfter Donnerstimme, weil sie es etwa verdienen, oder weil ich ihretwegen besorgt bin oder Mitleid mit ihnen fühle, denn sie beten nur solange, als die Gefahr anhält, und sind sie in Sicherheit, so sprechen sie wieder der göttlichen Gerechtigkeit Hohn; sondern ich thue es um deinetwillen. Ich thue es deshalb, damit du ihnen sagen kannst: seht, ihr wollt mein Verderben, ich aber rette euch. – Da sind wir.

Nikolaus hatte bereits Kenntnis von dem schrecklichen Prozeß und all den geheimen Anschlägen und Intriguen gegen die Karpáthische Familie.

Das Floß wurde unter den beiden beleuchteten Fenstern angelegt und an den vorstehenden Korbgittern der Fenster des Erdgeschosses befestigt, worauf eine bereitgehaltene Leiter an die oberen Fenster angelegt wurde, auf der Zoltán mit jugendlicher Hitze rasch hinaufkletterte. Nikolaus selbst hielt das untere Ende der Leiter, als wäre sie festgerammt in die Erde.

– Fürchte dich nicht, mein Sohn! brummte er ihm nach.

Nur eine düstere Lampe mit einer Glocke von weißem Milchglas erhellte das Zimmer, Sie hätte wohl heller brennen können, aber die Augen der Kranken konnten das Licht nicht vertragen. Auch alle sonstigen Einrichtungsstücke waren weiß, als wäre das Zimmer für eine früh Verstorbene geschmückt, welche als Vermächtnis hinterlassen, man möchte nicht in Schwarz, sondern in Weiß um sie trauern. Stühle, Tische, Schranke waren aus weißem Holz, im Hintergrunde befand sich ein kleiner alabasterner Kamin, in welchem das Feuer schon auszugehen anfing, vor demselben ein Porzellanlichtschirm, darauf in konkaver Arbeit die Gestalt eines Engels, der durch die Luft fliegt und zwei an seiner Brust schlummernde Kinder in den Armen hält. Wenn das Feuer manchmal aufflackert, erscheint jedesmal der weiße Engel im dunkeln Hintergrund, wie eine Geistererscheinung, die wieder davonfliegt, wenn die Flamme einschläft. Selbst die Bilderrahmen sind weiß, nur mit einer schmalen Goldleiste eingefaßt, und enthalten, statt Kupferstichen oder Malereien, leblose Gips-Basreliefs.

Wie kalt muß es in diesem Zimmer sein, wo alles so weiß ist.

Auch sie selber, die Kranke, die dort aus dem weißen Bette ruht. Ihre Hände sind ganz bedeckt von den langen Krausen des Nachtkorsetts; die Haare verschwinden unter dem Spitzenbesatz der Schlafhaube; würde sie mit diesen dunkeln, schwarzen Augen nicht hineinblicken in das Lampenlicht, so wäre man versucht, sie für eine jener Gipsbüsten zu halten, welche von dem Aufsatz des Schreibtisches herabstarren – man weiß nicht, wohin?

– Lege nicht mehr nach im Kamin ... sagte sie mit matter Stimme zu jemand. Komm her zu mir, Liza.

Auf diesen Ruf kommt hinter dem Engelsschirm die Gestalt eines Mädchens hervor, das im Alter von zehn bis elf Jahren sein mag. Es ist ein schönes Kind mit einem runden, vollen Gesichtchen; auch der Anzug der Kleinen ist weiß, wie alles in diesem Zimmer; nur ihre Wangen hatten sich nicht in Einklang bringen lassen mit der Geisterfarbe der übrigen Gegenstände, denn sie hatten ihr Rot behalten, so daß sie wie das einzige lebende, rosige Wesen in einem farblosen Mondscheinthal herum zu wandeln scheint.

Die Kleine lächelte, als wollte sie ihre Freude darüber ausdrücken, daß ihre kranke Herrin sie zu sich ruft und gab sich alle Mühe, dem Rufe so schnell als möglich zu folgen; dabei trat sie vorsichtig auf die Fußspitzen und berührte mit vorgestreckten Händchen jedes Möbel, in dessen Nähe sie kam, während die großen schwarzen Augen starr emporzublicken schienen auf jene weißen Genien, mit denen der Plafond des Zimmers geschmückt war.

Dies Mädchen ist blind ...

Sie ist blind zur Welt gekommen und für sie ist es einerlei, ob alles weiß oder schwarz in diesem Zimmer und in der ganzen weiten Welt mit ihren bunten Fluren, mit Sonne, Mond und Sternen, die für sie nicht vorhanden sind.

Wilma hatte einst mit ihren Eltern das Pester Blindeninstitut besucht und dort unter den andern beklagenswerten Geschöpfen das kleine Mädchen gesehen. Sie fühlte tiefes Mitleid mit ihm, gewann es lieb und bat ihre Eltern solange, bis diese die arme unglückliche Waise zu sich nahmen.

Der Herr Rat dachte, da das Blindeninstitut unter dem Protektorate Seiner Kaiserlichen Hoheit des Erzherzogs Palatin stand, daß diese menschenfreundliche That ihm die Gunst desselben zuziehen werde, Eveline aber, als Philosophin, räsonnierte sehr vernünftig, daß für Wilma eine solche Gesellschafterin mit der wenigsten Gefahr verbunden sei. Das blinde Mädchen kann sie nicht unerlaubte Dinge lehren – kennt es doch nichts von der Welt; kann ihr nicht schmeicheln, hat es doch nicht einmal einen Begriff von dem, was man schön nennt.

Eveline hatte recht.

Die Gesellschaft des blinden Mädchens war nicht im geringsten gefährlich für Wilma, was so die Philosophen unter gefährlich für junge Mädchen zu verstehen pflegen, Wilma fand ein Vergnügen darin, mit dem um einige Jahre jüngeren Mädchen, das sie ihr »Töchterchen« nannte, den ganzen Tag über zu spielen, es zu warten, anzukleiden und zu ihrem bleichen Kindergesicht paßte so gut jener schwermütige, mütterliche Ausdruck, wenn sie die kleine Gespielin wartete, mit einem Ernst, einer Gesetztheit, als wäre sie – nicht deren Mutter, sondern schon irgend eine kleine Großmama.

Des Nachts ließ sie Liza neben sich schlafen, betete mit ihr, legte sie zu Bett, deckte sie zu, gerade wie eine Mutter es mit ihrem Kinde macht. Des Morgens war sie beschäftigt sie anzukleiden, und konnte ganze Tage sich damit abmühen, ihr ein Stückchen auf dem Klavier oder auf der Guitarre, oder ein Strickmuster beizubringen oder sie mit den auf das Buch gelegten Fingerspitzen lesen zu lehren, bis das Kind es darin zu einer solchen Vollkommenheit gebracht hatte, daß es auch den kleinsten Druck mit seinen sensitiven Fingern zu lesen vermochte.

Manchmal, wenn sie oft halbe Tage lang in der Ofener Villa allein miteinander auf- und abwandelten, oder in langen Nächten, wenn Wilma nicht schlafen konnte, nahm sie dann Liza an ihre Seite und ließ sich Geschichten von ihr erzählen.

O wieviel schöne Märchen wußte das kleine blinde Mädchen. Von wunderbaren Gestalten, von unmöglichen Dingen, wie nur die überschwängliche Phantasie einer Blinden sie zu schaffen vermag, welche die Welt nie gesehen und eine eigene Welt sich aufbaut, indem sie aus einzelnen Wahrnehmungen, welche die mangelhaften Sinne ihr zuführen, aus Tönen, von denen sie auf die Gegenstände schließt, aus den Reden der Menschen, sich Himmel und Erde, ein mit lebenden Tieren, mit redenden, läutenden Blumen, mit wandelnden Wäldern bevölkertes Universum, in dem Menschen und Tiere gemeinsam herrschen, sich erschafft, und aus alledem sich unmögliche Geschichten aussinnt und zusammenstellt, in denen Menschen und Engel, Tiere und Pflanzen, Gewitter, Feuer, Sonne und Sterne wunderbare Romane aufführen. Wilma hörte immer so gerne diese seltsamen Märchen, die Lieschen so ununterbrochen zu erzählen wußte, wie einen langen Traum.

Seit einiger Zeit war Wilma sehr oft krank.

Erfahrene Leute beruhigten die Eltern damit, daß dieser Zustand nichts anderes sei, als das natürliche Stadium der jungfräulichen Entwickelung.

Sie schien besonders jede geräuschvollere Gesellschaft zu meiden, Sie bekam dort jedesmal Kopfweh und wenn sie es sagte, ließen gewiß ihr bleiches Gesicht und ihre brennenden Augen daran nicht zweifeln. Eveline gewöhnte sich an diese Paroxismen; die Ärzte behaupteten, es sei das etwas ganz Natürliches, was einen nicht zu ängstigen brauche. Eveline erinnerte sich, daß sie in jenem Alter ähnliche Zustände gehabt, seitdem aber leidet sie nie mehr an Kopfschmerzen. Sie kann daher auch ungeniert den Einladungen Folge leisten; zwar würde es ihrem mütterlichen Herzen wohler thun, daheim bei ihrem Kinde zu bleiben, allein da ihre Abwesenheit für Wilma keine übeln Folgen haben kann, ihr Wegbleiben aus den Gesellschaften aber leicht zu Verdrießlichkeiten Anlaß geben könnte, so wird man auf dem Wege der strengsten logischen Abwägung zu dem Schlusse gelangen, daß Evelinens Fortsein metaphysisch gerechtfertigt ist.

Die kleine Liza setzte sich auf einen Schemel an Wilmas Bett und drückte die zarte Hand ihrer jungen Gebieterin an ihre Brust, bei sich selbst Betrachtungen darüber anstellend, wie sonderbar es doch sei, daß diese Hand gleichfalls nur fünf Finger hat, wie die des Musiklehrers in der Blindenanstalt, der doch nur Violine spielen kann, und auch das nicht zum besten, während Wilma so Klavier spielt, als hätte sie für jede Taste einen besonderen Finger.

Das Feuer im Kamin fing laut an zu knistern.

– Soll ich dir etwas erzählen, lieb Mütterchen, kleines Mütterchen?

Von was soll ich dir erzählen? soll ich dir von den Vögeln erzählen, die im Feuer wohnen?

Wie sie lärmen, wenn der Mensch ihnen zu essen giebt, Holz oder Kohle. Sie schlagen mit ihren Flügeln dem Menschen auf die Hand und fächeln ihm Wärme zu und sagen: rop, rop, rop, pitt, patt! Wenn du uns nichts zu essen giebst, so ziehen wir fort.

Es war einmal ein armer Mann, der hatte sich im Winter ein kleines Haus gebaut; statt der Steine hatte er Eisstücke genommen und statt des Mörtels Schnee; darein verkroch er sich, denn der Wind war sehr grimmig gegen ihn. Da drinnen lockte er die Vögel hervor, die im Feuer wohnen, und wärmte sich an ihnen die Hände; sie aber klapperten immer und schrieen: rip, rop, gieb uns zu fressen, sonst sterben wir. Aber der arme Mensch hatte kein Holz; er ging also zum Nachbar, der ein reicher Mann war und ein großes Haus hatte, das ganz bis zum Himmel reichte, und viel, viel Holz. Der arme Mann bat ihn um welches, aber er gab ihm keins. Er sagte ihm, geh in den Wald und hol es dir selbst. Da ging der Mann hinaus in den Wald mit seiner Axt: aber die Bäume waren alle schon fort. Sowie sie ihn von weitem herankommen sahen mit seiner Axt, zogen sie ihre langen, langen Füße aus der Erde und setzten ihre großen, rauschenden Flügel in Bewegung und rannten und flogen davon. Der arme Mann kehrte in seine Schneehütte zurück. Die Feuervögel sprachen schon kaum mehr. Sie fächelten nicht mehr Wärme mit ihren Flügeln, einer nach dem andern flog davon und der letzte ließ ein kleines, winziges Feuer-Ei zurück, und auch das legte er in die Asche, damit man es nicht sehen könne. Wie nun das Feuer fortgeflogen war, kam der Feind des armen Mannes, der Wind; zuerst pfiff er durch die Ritzen hinein: »wein – grein – fürchte dich – rühr dich nicht!« Der arme Mann zitterte, dann kam der Wind zu den Fenstern, die aus Eisblumen gemacht waren und schüttelte sie: »klirr – brr – huhu! – deck dich zu!« Der arme Mann verkroch sich vor ihm und zitterte. Endlich streckte der häßliche Wind den Kopf zur Thüre hinein und pfiff und heulte: »Erbleich, verdirb, stirb! ich bin der Entfärber, ich bin der Verderber, ich bin der Tod!« Und darnach ist der arme Mann erfroren. Als hierauf der reiche Nachbar hörte, daß der arme Mann gestorben sei, ging er zu ihm, um sich das Feuer-Ei zu holen. Er fand es unter der Asche, legte es in die Pfeife und trug es heim. Zu Hause legte er sich damit nieder, die Pfeife im Mund und das Feuer-Ei in der Pfeife, und schlief ein. Nachts kroch der Feuervogel aus dem Ei und fand Futter ringsum; rop, rop kamen auch die andern haufenweis herbei und füllten das ganze Zimmer, das ganze Haus, bis hinauf zum Dach; rop, rop, rop! sie wuchsen größer und immer größer, schrecklich groß und verzehrten den bösen Mann samt Haus und Schätzen, bis nichts mehr übrig war davon, als ein Häuflein Asche; der alte Wind heulte und wehklagte in dem großen Feuer, denn die Feuervögel peitschten ihn mit ihren Flügeln und stießen ihm den Bart in die glühenden Kohlen und hackten ihn mit ihren großen, scharfen Klauen. Kann mir's denken, wie das dem Bösewicht weh that, der nur Kälte und Frost liebt.

Solche unmögliche Geschichten pflegte das des Augenlichtes beraubte Kind aus dem Stegreif zu erfinden und damit seine kleine Gebieterin zu unterhalten, welche ihm aufmerksam bis ans Ende zuhörte, ohne der ausschweifenden Phantasie durch Einwürfe störend in den Weg zu treten.

– Soll ich noch ein Märchen erzählen, frug Lieschen, bereit, ein zweites zu beginnen.

– Es wird genug sein, mein Töchterchen, leg dich jetzt auch zu Bette, damit sie dich nicht noch wach finden, wenn sie nach Hause kommen.

– Wenn sie aber werden wissen wollen, wie es meinem guten Mütterchen geht?

– Mir fehlt nichts.

– Hab ich Sie vorhin nicht seufzen gehört? O, ich hab es gut gehört. Warum haben Sie geseufzt?

– Es kam nur so über mich. Ich dachte gerade an etwas.

– Und an was hat lieb Mütterchen gedacht?

– Daran, daß niemand mich liebt.

– Und ich? fragte das Kind betrübt.

– Du allein.

– Und die gnädige Mama?

– Nein.

– Aber der liebe Papa?

– Auch der nicht, niemand. Warum sollten sie mich auch lieb haben? Welche Ursache hätte auch jemand, mich zu lieben? Was wäre an mir liebenswert?

– Daß Sie so gut und so schön! lispelte das Kind, die Hand seiner Herrin an die Lippen pressend.

– Das ist nicht wahr. Ich bin weder gut noch schön. Das sagen sie nur so, aber es ist nicht wahr. Ich weiß am besten, wie ich bin. Ich bin schlecht und häßlich, darum kann auch niemand mich lieb haben.

– Wie wäre das möglich! rief das blinde Mädchen erstaunt über das Gehörte und unfähig, in ihrer Einbildungskraft den Gedanken zu fassen, daß jemand sich für schlecht und häßlich halten könne, wenn er immerhin auch gesunde Augen besitzt, mit denen er sich in- und auswendig sehen kann.

– Wie kann mein liebes Mütterchen denken, von niemand geliebt zu werden, da doch jedermann es so sehr liebt und seine Gunst sucht, flüsterte das Kind, und ließ seine Händchen zitternd an Wilmas glühendem Körper dahingleiten, als suchte es die schmerzende Stelle, von wo diese traurigen Gedanken ihren Ursprung nehmen, und als glaubte es, wenn es nur seine Hand darauf lege, müsse der Schmerz gleich aufhören.

– Meine Gunst suchen sie, sagst du? ich aber weiß recht gut, daß ich ihnen zur Last bin; immer krank, immer elend, wie ich bin; das ganze Haus schmeichelt mir ins Gesicht und niemand kann mich ausstehen. Ich bin unausstehlich, das sehe ich allen Leuten von den Augen ab und weiß es auch selbst recht gut, wie unausstehlich ich bin; ich würde mich nicht grämen und ich weiß, daß auch andere sich darob nicht grämen würden, wenn ich schon längst unter der Erde läge.

Das blinde Kind brach bei diesen Worten in Thränen aus und umarmte leidenschaftlich seine kleine Gebieterin, indem es laut schluchzte.

– O sagen Sie das nicht, sprechen Sie nicht so! Was würde dann aus mir, wer würde das arme verwaiste Lieschen dann noch lieben?

Wilma streichelte sauft das Köpfchen des blinden Kindes, wie eine bedächtige Mutter. Fast hätte sie nicht einmal geweint.

– Sei nicht betrübt, ich habe für dich gesorgt. Wenn ich sterbe, ist hier in meinem Sekretär eine silberne Börse, in welcher ich alles Geld, das ich geschenkt bekam, aufzuheben pflegte. Das alles wird dir gehören, wenn ich gestorben bin. Siehst du, als man vor vier Jahren dich hierher zu mir brachte, fing ich gleich an, für dich zu sorgen. Ich habe jedes Stück Geld beiseite gelegt für mein kleines Töchterchen. Schon lange, lange hab ich es niedergeschrieben in einem Brief, den ich versiegelt habe mit meinem Amethystring, auf dem mein Name steht, mit fünf schwarzen Siegeln – dort ist er in der Schreiblade – daß ich meinem kleinen Töchterchen alles hinterlasse. Auch den kleinen Fußschemel, auf dem du sitzest – ich hab ihn selbst gestickt – mein Bett und meine gestickte Decke, mein Armband aus geflochtenen Haaren; du wirst es dann tragen und dich meiner erinnern.

Das arme blinde Mädchen weinte und schluchzte so bitterlich und flehte seine kleine Gebieterin an, sie möchte ihm doch nicht so schreckliche Märchen erzählen, denn es ist ja doch kein Wort davon wahr; sie wird noch lange leben; sie wird eine so stattliche Dame werden, wie ihre liebe Mama; sie möchte nicht einmal daran denken, ihrem Töchterchen etwas vermachen zu wollen, das nichts anderes braucht, als immer die Stimme seines lieben Mütterchens zu hören.

Wilma aber streichelte lächelnd das Kind, als machte es ihr Freude, von jemand so beweint zu werden.

In diesem Augenblick schien es, als liefe ein dumpfer Stoß unter dem Hause weg.

– Jesus! was ist das? schrie, von dem Schemel aufspringend, das blinde Mädchen.

– Ein Wagen ist unter das Thor gefahren, sagte Wilma, welche, im Bette liegend, die Erschütterung nicht so stark gefühlt hatte, vielleicht ist die Mutter nach Hause gekommen.

– Nein, nein, sagte Liza mit bebender Stimme und fing an mit innerer Unruhe zu horchen. Ihr Gesicht war ganz blaß geworden, so daß Wilma erschreckt von ihrem Lager sich aufrichtete und die Hand des zitternden Kindes ergriff.

– Was ist dir, was horchst du?

Wilma selbst hörte noch nichts, aber die Nerven der Blinden sind viel empfindlicher; was die Natur dem einen Sinne versagt, war sie bemüht, in dem anderen zu ersetzen. Lizas Ohren hatten schon das ferne Sausen und Brausen vernommen, mit dem die Fluten durch die eingerissenen Damme hereinbrachen, das dumpfe Geräusch, welches das aus den unterirdischen Kanälen in die Keller eindringende Wasser verursachte, und das immer mehr anwachsende Wehgeschrei, zuerst von einzelnen, dann aus hundert, bald aus tausend Kehlen und sie wußte sich nicht zu erklären, was das sei. Darum stand sie so blaß da, wie die Wand; ihre Brust wogte auf und ab, schwer atmend, und ihre Augen rollten umher, wie die Augen eines Blinden zu rollen pflegen, ziellos, in der Irre umherschweifend.

– Auf was horchst du? fragte Wilma aufs neue, mit weit geöffneten Augen nach dem dunkeln Fenster starrend.

Ein schwacher Blitz erhellte einen Augenblick die Scheiben, die bald darauf von dem nachfolgenden Krachen des Kanonenschusses erzitterten.

Liza schrie auf bei diesem plötzlichen Knall und sank in die Kniee. Man pflegte sonst nie mit gegen die Stadt gerichteten Kanonen zu schießen; das donnernde, die Fenster erschütternde Krachen hatte sie noch nie gehört.

Und wieder ein Schuß und ein dritter noch ... dann begannen die Glocken zu läuten, zuerst von einem Turme, dann von zweien, von dreien, zuletzt von allen Türmen.

– Es brennt. Es muß irgendwo Feuer sein, sagte Wilma, aufhorchend auf das Sturmgeläute.

– Feuer! stammelte ihr das blinde Mädchen nach. Die Feuervögel stiegen; wer hat sich an ihnen versündigt? dachte das Kind in seinem verstörten Geist.

– Es muß aber weit von hier sein, denn draußen ist es ganz finster, flüsterte Wilma, die Augen auf die dunkeln Fensterscheiben geheftet. Fürchte dich nicht, mein Töchterchen, sei ohne Sorgen! beruhigte sie das Kind, das furchtsam sich an ihre Brust geschmiegt hatte und bebend den sich nähernden Lärm, das heranrollende Getöse, das die Luft erschütternde Wehgeschrei, das dumpfe Krachen der in der Ferne einstürzenden Gebäude vernahm und immer mehr zitterte und immer blasser wurde.

Im ganzen Hause entstand plötzlich großer Lärm und Tumult, man hörte die Fußtritte der Auf- und Abrennenden, beunruhigende Angstrufe, denen man den Grund der Bestürzung nicht entnehmen konnte. Wilma hatte schon dreimal den Dienstboten geklingelt, niemand zeigte sich. Man hörte, wie sie die Thüren hinter sich zuschlugen und davonrannten. Eine Zofe sucht weinend in einem Nebenzimmer ihre Sachen, die sie nicht finden kann, aber sie antwortet nicht auf den Ruf, entweder hört sie nicht, oder hat keine Zeit. Keine Seele kümmert sich darum, daß im Nebenzimmer zwei hilflose Wesen zurückbleiben, ein krankes Mädchen und ein blindes Kind.

Das Getöse, der Menschenlärm kam immer naher; von der Gasse herauf vernimmt man deutlich das eilige Fußgetrampel einzelner Flüchtlinge und aus dem Angstgeschrei, das bisher nur ein gespenstiges Stimmenchaos gewesen, hört man deutlich einen Schreckensruf heraus: »Die Überschwemmung!«

»Die Überschwemmung kommt! Rette sich, wer kann! Die Donau hat an zwei Stellen die Dämme durchbrochen. Gott erbarme sich unser!«

– Gott erbarme sich unser! schrie das blinke Mädchen, das Gesicht in Wilmas Bettkissen vergrabend und verzweifelt die Hand seiner Beschützerin an die Brust drückend, als wäre diese imstande, sie zu retten.

– Die Überschwemmung! die Überschwemmung! – Was war in ihrer Einbildung die Überschwemmung? Das flüssige, eisige Element war Herr geworden über die Erde; eine furchtbare Gewalt, an welcher jeder menschliche Widerstand zerschellt, bricht los und ergießt sich über den Häuptern der Lebenden; die Wogen kommen heran mit großem Brausen und Getöse, wie in jenen vierzig Tagen der Sündflut, in denen nach den Worten der Bibel der Herr auf so schreckliche Weise alles Lebendige von der Erde hinweggetilgt; umsonst alles Schreien, alles Beten, nirgends ein Ort, wohin man sich retten konnte. Die gespenstige Flut wächst und wächst in einemfort, sie schlägt zusammen über den Dächern der größten Häuser, über den Spitzen der höchsten Türme und steigt und schwillt an solange, bis sie nicht ausgefüllt hat die unendliche Leere zwischen Himmel und Erde. O das ist schrecklich, schrecklich!

Auf die Stirne des armen Kindes traten kalte Schweißtropfen unter dem fieberhaften Eindrucke dieser Phantasmagorien, welche dessen lebhafte Einbildungskraft mit gräßlichen Bildern bevölkerte. Dort oben zu schwimmen auf dem Wasser, wenn schon kein Baum, kein Berg mehr hervorragt aus dem Wasserall; unten zu wandeln in den Gassen, und bei jedem Atemzuge statt Lebenslust erstickendes Wasser einatmen; zusammenzutreffen mit den kalten Wundern des Wassergrundes; wohin man sich wende, in Berührung zu kommen mit seinen schlüpfrigen, klebrigen, schuppigen Körpern und, statt im warmen Dünenbett, dort im zähen, ekelhaften Schlamm zu liegen, aus derselben Lagerstätte mit dem häßlichen, krabbelnden Gewürm, zwischen schleimigen Schlingpflanzen und zwischen dem geheimnisvollen Gemurmel der Wassertiefe. O, wie sie zitterte und stöhnte unter dem Alp dieser Gedanken ...

Das rasende Gebrüll der Laufenden und Flüchtenden verhallte allmählich, nur manchmal unterbrachen von Zeit zu Zeit die unartikulierten Laute eines Hilferufs die eingetretene Stille. Aus dem Hause hatten schon alle Inwohner sich entfernt, man hatte sie einzeln zählen können, wie sie mit großem Gepolter die Treppen hinabstürzten.

Die beiden Kinder hielten sich fest umschlungen; das eine fieberhaft zitternd in seiner Todesfurcht, das andere so ruhig, so still, als ob das, was unter und über ihm vorging, nichts Schreckliches, Unbekanntes, Unbegreifliches wäre.

Nicht lange und man konnte hören, wie das Wasser rauschend und sprudelnd durch die Kellerfenster hinabstürzte, das ganze Gebäude in beständiger Erschütterung erhaltend; nach einigen Minuten hatten sich die Kellerräume angefüllt, aus denen die zusammengepreßte Luft mit dumpfem, schluchzenden Geräusch stoßweise entwich, ein paarmal vernahm man noch ein lautes Röcheln, wie von einem ertrinkenden riesigen Tiere, welches das in seinen Rachen dringende Wasser ausspeit und dann trat für einige Minuten wieder Todesstille ein.

Droben im Zimmer hörte man nur das rasche Atmen des zitternden Kindes, das in seiner Einbildung dem großen, unbekannten Tiere sich gegenüber befand, das unter seinen Füßen so gräßlich erstickt.

Nach drei, vier Minuten ließ sich ein wiederholtes Knarren und Krachen im ganzen Gebäude vernehmen; doch hörte sich das alles so nahe an, als geschähe es zu den Füßen.

Das in die Keller eingedrungene Wasser begann jetzt das massive Deckengewölbe zu heben, und die sich biegenden Eisenklammern waren es, was so knarrte, und einzelne durch den unwiderstehlichen Druck aus den Fugen getriebene Dielen im Fußboden der ebenerdigen Zimmer verursachten jenes unheimliche Krachen.

Auf dem Nachttische am Bette des kranken Mädchens stand ein Trinkglas und darin ein silberner Kaffeelöffel. Allmählich begann nun das Trinkglas zu läuten, sowie der Löffel sich in zitternde Bewegung setzte und an die Wände des Pokals anschlug, als ob auch er sich fürchtete und ein Warnungszeichen geben wollte, wie die sturmlautenden Glocken aus den Türmen.

Eine bange Stunde verstrich so, ohne gezählt zu werden von dem heimlichen Picken des Sekundenpendels, denn von der beständigen Erschütterung war selbst die Wanduhr stehen geblieben und hatte die erste Stunde so geschlagen, daß zwischen jedem einzelnen Schlag minutenlange Pausen eintraten.

Da mit einemmal fing in dem Innern des Gebäudes etwas an vorzugehen und sich langsam vorzubereiten, das sich so anhörte, als sollte das ganze Haus in Staub zerbröckeln und als wollte ein Stein durch den andern hindurchschlagen. Ein furchtbarer Krach folgte darauf, der nach einigen Minuten mit einem dumpfen Getöse endigte.

Das blinde Mädchen sah mit ihren starren, lichtlosen, dunkeln Augen aus, als erwartete es, daß deren ewige Nacht, zu welcher der Sonnenstrahl keinen Weg gefunden, von diesem Todesschreck durchbrochen werden müsse.

Die Treppe war eingestürzt. Noch lange darnach hörte man, wie die einzelnen Marmorstufen des zurückgebliebenen Teils einzeln nachkollerten und der abgelöste Mörtel an der Wand herabrieselte.

Wilma umschlang mit ruhiger Fassung die kleine Gefährtin, faltete über ihr die Hände zum Gebet und horchte still auf das nahe Geräusch des Einsturzes.

In der That, sie fürchtet sich nicht vor dem, was da folgen wird.

Affektierter Lebensüberdruß ist keine so ungewöhnliche Erscheinung bei heranwachsenden Kindern; oft kann man aus dem Munde von Kindern den einfältigen Wunsch hören: wenn sie doch nur schon sterben könnten – sie, die kaum noch angefangen zu leben: – wenn sie aber das leibhaftige Bild des Todes vor sich erblicken, vergessen sie ihren affektierten Lebensüberdruß und zittern für das bedrohte Dasein. Diese Stunde mit ihren Schrecknissen war für Wilma die härteste und untrüglichste Seelenprobe. So nahe war sie dem Tode und empfand doch keine Furcht vor ihm. Mag herankommen, was kommen muß. Sie ließ alle, die ihr im Leben näher gestanden, an ihrer Seele vorüberziehen, bei keinem Namen traten ihr Thränen in die Augen. Sie werden sie bald vergessen haben, – sie werden sich trösten. Die einzige, die sie beweinen, die sie schmerzlich vermissen würde, geht mit ihr zu Grunde, so daß man die beiden, wenn man unter den Trümmern nach ihren Leichen suchen wird, noch im Tode sich umschlungen haltend nebeneinander finden wird.

Ein leises Krachen wurde im Zimmer vernehmbar. Sie blickte hin und gewahrte, daß an der gegenüberstehenden Wand ein schmaler Riß entstanden war, die Papiertapeten waren auseinander geplatzt an einer Stelle und man sah, wie sie hübsch ruhig weiterrissen. Die Spalte wurde immer länger, immer breiter, die Papiertapete raschelte lose an der Wand.

Den aufgeregten Sinnen des blinden Mädchens waren jene Töne nicht entgangen; es wußte sie wohl zu unterscheiden.

– Nicht wahr, jetzt werden wir gleich sterben? frug es Wilma und verbarg das Gesicht an ihrer Brust.

Wilma antwortete nicht darauf und preßte das Kind nur fester an sich. Auch sie glaubte nicht anders, als daß sie jetzt sterben müssen. Ruhig sah sie es mit an, wie der Spalt immer weiter klaffte, schon kann man durch ihn in die Nacht hinausblicken, ein und der andere nebelige Stern schimmerte hindurch aus der trostlosen Ferne. Der Riß reicht bereits bis zum Plafond, man kann das ganze Sparrwerk sehen, wie es ineinander greift, nur nach abwärts muß er sich noch spalten und die Fensternische erreichen und dann wird alles aus sein, im Nu aus sein, schneller, als daß Zeit bliebe, vom Leben Abschied zu nehmen, und dann wird kein Unterschied sein zwischen der Blinden und der Sehenden, die eine wird so glücklich sein, wie die andere und auch so kalt, wie die andere.

Bei diesem Gedanken drückte sie die Augen zu, damit der ewige Schlaf sie geschlossen finde.

– Haho! hier legt an! erscholl von der im Wasser schwimmenden Straße heraus eine tiefe, herzerschütternde, ermutigende Stimme.

– Ah, der Befreier kommt! Der Herr ist erschienen! rief aufkreischend das blinde Mädchen, vor Freude zitternd und von der Lagerstätte ihrer Gebieterin aufspringend. Es will davonstürzen, will sprechen, vermag aber weder das eine, noch das andere.

– Ja, du hast recht, gutes Kind. Gott der Herr wandelt einher unter dem Verderben. Sein Geist ist es, der die Herzen der Großen, der Edeln lenkt, damit sie dort erscheinen, wo man zu ihm betet. Gesegnet die Hand, gesegnet das Herz, welche der Herr auserwählt, um durch sie seine Wunder zu verkünden. – Dort unten ist Wesselényi.

Im nächsten Moment wird eine Leiter angelegt an das Fenster, dessen Scheiben sie einstößt.

Auf dies Geräusch hin sprang Wilma heftig von ihrem Lager auf.

– Meine Kleider! schrie sie, ängstlich nach ihren Gewändern greifend. Der Gedanke, sterben zu müssen, hatte sie nicht erschreckt, wohl aber erschrickt sie bei dem Gedanken, von jemand im Nachtgewande überrascht zu werden.

Sie hatte kaum soviel Zeit, um sich das Überkleid umzuwerfen; jemand kletterte eilig die Sprossen der Leiter herauf, steckte die Hand durch die zerbrochene Scheibe und öffnete das Fenster. Nur die herabgelassenen weißen Vorhänge verdeckten noch die Gestalt des Ankömmlings.

– Noch nicht! hauchte Wilma mit kaum vernehmbarer Stimme, als im nächsten Augenblick schon die Fenstergardinen sich teilten und, vom Fenstergesims herabgesprungen, Zoltán Karpáthi vor ihr stand.

Wilma hatte bis jetzt nicht gezittert, nun aber fing sie an allen Gliedern zu beben an und das Blut stieg ihr bald in die Wangen, bald wieder zurück ins Herz; bald ward sie feuerrot, bald wieder blaß, wie die Wand.

Wenn der Engel des Todes ihr erschienen wäre, sein Anblick würde sie nicht so durchschauert haben, vor Schreck und – Wonne.

Zoltán hatte sogleich den Mauerriß bemerkt und eilte auf Wilma zu, ihre bebende Hand ergreifend.

– Fräulein, kommen Sie schnell mit mir, die Wände haben schon Sprünge.

Er mußte sie verwundert anstaunen, als sie ihre Hand zurückzog und sich sprachlos auf den Rand des Bettes niedersetzte. Sie sah in diesem Augenblicke aus wie eine Nachtwandlerin.

Ja doch, das Mädchen ist krank, fiel ihm plötzlich ein, und auf dem Fauteuil einen warmen Wintershawl erblickend, langte er darnach und hing ihn dem sprachlosen Mädchen um die Schultern.

– Jetzt eilen wir!

– Wohin? frug das Mädchen, seine großen, dunkeln Augen aufschlagend, die Zoltán so in Verwirrung zu bringen wußten.

– Zu Ihren Eltern! Sie sind Ihretwegen in Verzweiflung.

– In Verzweiflung? wiederholte das Mädchen seine Worte mit bitterem Lächeln; warum sind sie dann nicht gekommen mich zu holen?

– Es war unmöglich.

– Allen war es unmöglich, nur Ihnen nicht!

Zoltán fing an ungeduldig zu werden.

– Fräulein Wilma, um Gottes willen, setzen Sie in diesem Augenblicke Ihren Groll beiseite, was es auch sein mag, weshalb Sie mir zürnen, und folgen Sie mir eilig, die da unten können nicht lange warten, sie werden heute noch viel Arbeit haben.

Auch das blinde Mädchen, sich an die Brust ihrer kleinen Herrin werfend, bat flehentlich: »Gehen wir von hier, gehen wir, das Haus wird einstürzen, das Wasser uns verschlingen, Wir werden verloren sein!«

Wilma richtete sich auf.

– Zuerst bringen Sie das Kind in Sicherheit, flüsterte sie Zoltán mit bebender Stimme zu. Sie sehen ja, es würde in Verzweiflung geraten, wenn es zurückbleiben müßte. Ich bitte Sie.

Zoltán gehorchte; er nahm das blinde Kind in seine Arme, das jedoch die Hand seiner Gebieterin nicht loslassen wollte.

– Und Wilma? Kommt Wilma nicht mit? Ich gehe nicht ohne sie.

– Auch ich komme mit, beruhigte sie Wilma, ich bleibe an deiner Seite. Laß dich nur tragen.

– Aber wer ist der Mensch, der mich trägt? – fragte das Kind, mit der Scheu vor dem Unbekannten, – ich kenne ihn nicht. Wohin trägt er mich?

– Geh nur, sagte Wilma tief ergriffen, es ist ein Mensch, wie es keinen zweiten giebt auf dieser Welt.

Bis hinab zum Floß klang es Zoltán beständig im Ohr:

»Ein Mensch, wie es keinen zweiten giebt!« Was wollte sie damit sagen: keinen so thörichten, oder so schlechten, oder keinen bessern?

Das Mädchen aber war oben auf ihrer Lagerstätte zusammengesunken.

Also die Eltern sind ihretwegen in Verzweiflung! und dennoch kamen sie nicht zu ihrer Rettung herbei, sondern überließen dies dem jungen Menschen, den sie haßten, über den sie in ihrer Gegenwart nie ein gutes Wort sagten, von dem sie glauben, daß er auch ihr verhaßt sei und den sie verderben wollen.

Denn ihrer scharfen Beobachtungsgabe war es nicht entgangen, daß gegen Zoltán irgend ein großer Anschlag, ein Vernichtungsplan im Werke sei, dessen Fäden ihre Eltern in den Händen halten; daß Zoltán einst sein ganzes Vermögen verlieren wird, daß sie in dessen Besitz gelangen werden und daß es ihre Tochter noch reicher machen wird. – O, wenn sie wüßten, was sie thun!

Zoltán kehrte eilig ins Zimmer zurück. Wilma hatte sich wieder von ihrem Bette aufgerichtet, aber sie war nicht imstande, sich auf den Füßen zu erhalten, so schwach fühlte sie sich. In der That, sie mußte sehr krank sein, Zoltán drang in sie, ihm ihre Hand zu reichen und ihm rasch zu folgen. Das Mädchen hätte es gern gethan, aber sie vermochte nicht, sich von der Stelle zu rühren. Vielleicht lag ihr etwas noch schwerer auf dem Herzen, als die lähmende Krankheit.

– Sie sehen, daß ich nicht einen Schritt gehen kann.

Hier war nicht Zeit, lange zu überlegen.

– So entschuldigen Sie, sagte Zoltán, da giebt es kein anderes Mittel, als Sie auf meinen Arm zu nehmen. – Und ohne erst eine Antwort abzuwarten, hatte er das Mädchen umfaßt, bevor es noch etwas dagegen hatte sagen können.

In diesem Augenblick schlug das Herz des Mädchens so stark, daß es unmöglich war, sein Pochen nicht zu hören.

– Beugen Sie sich auf mich herab, Fräulein, und schlingen Sie Ihre Arme fest um meinen Hals.

Das Mädchen atmete kurz und fieberhaft. Sich auf ihn herabbeugen? seinen Hals umschlingen? o ja, sie neigte sich zu ihm herab, legte ihr Gesicht auf sein Haupt und drückte mit ihrem Arm, mit beiden Armen den Jüngling an sich und in diesem Moment brachen ihre Thränen hervor, Zoltán fühlte, wie diese heißen Thautropfen auf sein Gesicht herabrollten.

Ach, in diesem Augenblick wußte er, was jener dunkle magnetische Strahl war, der aus den Augen des Mädchens auf ihn zu sprühen pflegte, wie Zornesglut.

Armes, armes Kind!

Er hüllte sie in das warme Umhängetuch und eilte mit ihr davon aus dem Einsturz drohenden Gebäude.

Als sie auf dem Fenster waren und Zoltán den Fuß auf die oberste Sprosse der Leiter setzte, flüsterte ihm das Mädchen mit fieberhaftem Zittern ins Ohr: o Zoltán, stürzen Sie mich von da ins Wasser, lassen Sie mich umkommen, es wird besser sein für uns beide.

Der Jüngling preßte Wilma noch fester an sich und ließ sie nicht eher aus seinen Armen, bis er mit ihr zu Liza gekommen war; dort übergab er sie dem blinden Mädchen, es möge seine Herrin umfangen halten, damit sie nicht vielleicht ins Wasser falle.

– Weiter! rief die eherne Stimme des Befreiers, der mit seiner sehnigen Faust einen Ruderhaken ergriff und damit dem verlassenen Hause einen gewaltigen Stoß gab, worauf das Fahrzeug mit einem Ruck in die Mitte der Straße zurückprallte. Das Haus aber, als hätte dieser einzige gewaltige Stoß es zum Wanken gebracht, fing zuerst an, vom Giebel bis zum Fundament an zwei Stellen sich zu spalten, die vordere Mauer neigte sich immer weiter nach außen, die Fensterscheiben sprangen klirrend entzwei und mit einemmale löste sich die ganze Front ab, mit furchtbarem Krachen ins Wasser stürzend und den ganzen Umkreis in eine weiße Staubwolke hüllend. Sowie die Staubwolke sich verzogen hatte, bot das Haus einen merkwürdigen Anblick dar. Die vordere Mauer war so eingestürzt, daß der hintere Teil des Gebäudes stehen geblieben war, und gestattete nun, wie ein aufgezogener Vorhang den Einblick in das Innere der langen Zimmerreihen. Einige Gemächer waren ganz unversehrt geblieben, Klavier, Tische, Stühle standen an ihrem gewohnten Platz, in andern wieder war alles untereinander geworfen, wie bei einer eiligen Übersiedelung.

Zoltán suchte ängstlich mit seinen Blicken das weiße Zimmer. Das war nicht wieder zu erkennen. Der Plafond war gänzlich eingestürzt und die fremden, dunkeln Möbel des darüber befindlichen Zimmers begruben das kleine weiße Asyl, über den weißen Trümmern lagen grüne Ofenkacheln, braune Sofas.

Ihm war, als hörte er hinter seinem Rücken flüstern: warum haben sie mich nicht dort gelassen!

Er ging auf die andere Seite hinüber. Dies Wort hatte ihn frostiger angehaucht, als der schneidend kalte Nachtwind.

Das Floß schwamm die Waitzner Straße hinab und füllte sich unterwegs immer mehr mit Unglücklichen. Man mußte schon die Last auf dem neuen Marktplatz abladen, einstweilen, bis sie an einen geeigneteren Ort gebracht werden konnte.

An der Ecke der großen Brückgasse kam ihnen ein Kahn entgegen, der sich mit großer Unbehilflichkeit vorwärts bewegte; keiner von den sechs oder sieben Männern, die sich darin befanden, verstand sich aufs Steuern, jeden Augenblick wurden sie vom Eise eingeschlossen und die Strömung riß sie in die Mitte der Straße.

– Wohin wollt ihr? rief sie der Befreier an, als er ihre Ratlosigkeit gewahrte.

Vor lauter Anstrengung fanden sie keine Zeit zu antworten. Zum Glück erkannte Zoltán unter ihnen einige von den Dienstleuten Tarnavárys. Sie hatten diesen Kahn aus dem Keller des Septemvirs gezogen, wo er schon in Bereitschaft stand; allein bevor Tarnaváry wieder zum Bewußtsein gekommen war, wußte niemand, wo er versteckt war. Jetzt eilten sie damit wahrscheinlich nach dem Köcserepyschen Hause.

– Hier ist das Fräulein! rief Zoltán ihnen zu. Sie vermochten sich aber nicht zu nähern, und das Floß mußte an sie heranfahren.

Im Kahn befanden sich ein paar junge Herrchen, die zu den couragierteren gehörten. Sie waren hoch erfreut, das Fräulein gerettet zu sehen (und sich nicht soweit um sie bemühen zu müssen) und erboten sich mit großem Eifer, sie zu den Ihrigen zu bringen. Zwanzig Schritte davon hatte man schon trockenen Boden und das Wasser reichte nur mehr bis an die Hüften.

Zoltán, als er sah, daß hier ohnehin genug hilfreiche Hände waren, trat nicht einmal näher, als man Wilma in den Kahn hinüberhob. Jeder der jungen Herren schätzte sich glücklich, ihr die Hand reichen zu können, oder ihr Platz zu machen.

– Und du gehst nicht mit? fragte Wesselényi den jungen Karpáthi.

– Ich bleibe hier, um zu helfen, wenn Sie es erlauben. Wesselényi klopfte dem Jungen auf die Schulter. Anfangs hatte er geglaubt, Zoltán sei in das Mädchen verliebt, das er retten wollte; nun sieht er, wie Zoltán, nachdem das Rettungswerk vollbracht, sich wieder zurückzieht, da er Hände bereit sieht, sich für sie zu rühren, und daß er sogar anderen es überläßt, den Lohn seines edeln Mutes zu ernten.

Die jungen Herrchen brachten Wilma glücklich zum Tarnaváryschen Haus und führten sie im Triumph in die Arme ihrer Eltern; der Rat und seine Gemahlin umarmten und küßten einen um den andern ab; es währte drei Stunden, bis sie mit der Erzählung zu Ende kamen, welche schrecklichen Gefahren sie bestanden, bis sie zum Fräulein gelangt waren. Nun, daß es ihnen nur gelungen, sie zu retten, der Himmel segne sie dafür! Wer eigentlich ihr einziges Kind aus der größten Gefahr gerettet, davon wäre es überflüssig gewesen, zu sprechen. Und Wilma – sprach zu niemand ein Wort von Zoltán.

Aber sie zeigte auch keine Freude beim Wiedersehen. Sie vergoß keine Thräne, wenn die andern weinten. Sie hatte kein Wort des Lobes, als die Retter ihre Heldenthaten bis zum Himmel erhoben.

Sie schwieg. Sie war krank. – – –.

Alles war nun bereits auf den Beinen, jede Hand voll mit Arbeit; wer nur sein Herz auf dem rechten Fleck hatte, wer Mut und menschliches Mitgefühl im Busen trug, beeilte sich diejenigen zu retten und in Sicherheit zu bringen, die schwächer waren und sich in größerer Gefahr befanden, als er. In jeder Gasse, auf jedem Platze konnte man diese kämpfenden Helden sehen, welche auf »Seelentränkern«, die aus zusammengebundenen Thüren, Ballen u. s. w. improvisiert waren, zur Rettung ihrer Mitmenschen auszogen.

Die Geschichte hat auf ihren Blättern die Namen dieser Wackern, dieser Helden ausgezeichnet, und verdienen es diese Namen nicht, daß ein Dichter der späteren Zeit sich für sie begeistere? für sie, die mit kühner Entschlossenheit den Kampf aufnahmen gegen die Vernichtung, einen drei Tage und drei Nachte dauernden, beschwerlichen, von tausend Gefahren umringten Kampf, und die siegreich aus demselben hervorgingen, denn während die Verheerungen des Elementes zwei Dritteile der Hauptstadt in einen Friedhof umgewandelt hatten, – kam, dank den heldenmütigen Anstrengungen dieser Wackern, auf soviel Gräber nur ein Toter von je tausend Seelen! (Nach amtlichem Ausweis.)

Der Ruhm der Helden des Schlachtfeldes ist minder groß, als der ihrige.

Jetzt zeigten diejenigen, welche der Volksglaube die Väter des Landes nennt, daß sie nicht umsonst diesen geheiligten Namen führen, jetzt zeigten die, welche sich Patrioten nennen, daß sie diesen Titel zu verdienen wissen. Die Jahre haben ihr Gedächtnis in neblige Ferne gerückt, aber auch jetzt noch ragen ihre Gestalten hoch und glänzend hervor, und wenn die Erinnerung sie der Reihe nach an uns vorüberführt, tritt auch jetzt noch eine Thräne in unser Auge, und wir wissen nicht, ob es Freude, Dankbarkeit oder Trauer ist, was sie fließen macht.

In der ersten Schreckensnacht seht ihr dort über die dunkeln Wasser das Schiff Wesselényis dahingleiten. Wie der Schutzgeist selbst erscheint er überall, wo die Gefahr am größten ist, in engen Gassen, zwischen wankenden Häusern, auf deren über dem Wasser hervorragenden Dachgiebeln in Todesfurcht zitternde Menschengruppen auf ihn, den Rettungsengel Gottes, warten. Der Mensch ist nicht allmächtig, er vermag nicht auf einmal nach allen Punkten Hilfe zu bringen. O wie wünschte er jetzt, daß seinen Armen, deren Riesenstärke an das Märchenhafte alter Sagen streift, wirklich jene Macht innewohnte, Tausende auf einmal dem Rachen des Todes zu entreißen; daß diese Brust, die erprobt ist im Kampfe gegen Sturm und Gefahr, sich als Damm entgegenstemmen könnte, an dem die Wut der Elemente sich bricht; daß jene Donnerstimme, vor der so oft der menschliche Wille zurückwich, die Kraft besäße, den verheerenden Fluten zu gebieten, in ihr Bett zurückzukehren, wie sie es so oft den empörten Leidenschaften geboten. Doch der Mensch ist nicht allmächtig. Dem Heros fiel die schmerzliche Rolle zu: die Leiden seiner Mitmenschen gegeneinander abwägen, mitten in der Gefahr mit sich darüber zu Rate gehen zu müssen, wer sogleich zu retten sei und wer noch länger warten könne. – Hier rufen sie vom Dache eines wankenden Hauses weinend zu ihm herab; dort aber rufen sie nicht mehr, denn das Haus ist schon eingestürzt und die Inwohner sind unter den Trümmern begraben. Diese bedürfen zuerst der Hilfe. Hinein zwischen die Trümmer, hinein in die größte Gefahr! Ihr anderen betet einstweilen, ihr habt noch eine kurze Gnadenfrist, auf jene dort hat schon der Tod seine Hand gelegt; ans Werk, Männer! frisch Hand angelegt, mutig mit dem Tode gerungen, hinein in das offene Grab und die Sterbenden hervorgeholt aus Schutt und Trümmern! Ein paar Kontusionen von herabfallenden Balken, wer würde sie jetzt beachten? oder die eisige Flut, durch die man bis zum Hals hindurchwaten muß? Jeder Mann fühlt jetzt die Kraft von dreien in seinem Arm, und er in dem seinigen die von Hunderten. Er ist imstande, mit der einen Hand ein sinkendes Dach zu stützen und mit der andern die schon dem Untergang Geweihten herabzuheben. Von allen Seiten tönt Jammergeschrei und Hilferuf zu ihm herab und er kann nicht jeden befreien. Der Kahn, das Floß sind schon überfüllt, es geht nichts mehr hinein und es sind ihrer noch so viele. »Gebt nur die Kinder her!« ruft mit vor Aufregung zitternder Stimme der Befreier und von den Hausdächern, aus den Fenstern reichen mit bebenden Armen Väter, Mütter ihm ihre Kinder herab, als legten sie sie in die Hand Gottes und blickten segnend dem sich Entfernenden nach, die Gefahr nur zur Hälfte mehr fühlend, weil sie ihre Kinder gerettet wissen. »Ich komme wieder!« erschallt es aus der Ferne, und die Bedrängten erwarten von dort das Morgenrot, wo sie den Schein seiner Fackel verschwinden sehen.

Alles rührt sich, keine Hand feiert. Hier lenkt ein angesehener Bürger den Kahn, dort sehen wir einen Mönch mit aufgeschürzter Kutte durch das Wasser rudern und den Bedrängten mit Hand und Wort Trost bringen.

Hier wieder schwimmt eine mit Brot beladene Plette durch die Gassen. Es fehlt auch an Lebensmitteln. Wer war es, der daran dachte, daß man die Hungernden auch einstweilen laben müsse, bis man sie retten kann; wer verteilt dort, an dem Schnabel des Schiffes stehend, Brot unter die bleichen Notleidenden? Dieser Mann ist Aurel Dessewffy.

Draußen in den entferntesten Stadtvierteln seht ihr einen Szapáry in voller Arbeit, wie er in seinen Armen, auf seinen Schultern zerlumpte Kinder des Elends in seinen Kahn hebt, wie er in das Innere umfluteter Häuser eindringt und Kranke durch das tiefe Wasser schleppt; eine Karte von Pest in der Hand haltend, entwirft er berechnete Operationspläne, Tag und Nacht nach Stunden sich einteilend, wann er dort und dort zu erscheinen habe; klug überlegend, voraussichtig wie die Vorsehung.

In den Hauptgassen macht Albert Pronay, der Obergespanstellvertreter, die Runde, seine wackern Beamten Pajor und Egressy an der Seite; sie ermutigen die Geängstigten, befreien die mit Untergang Bedrohten und sind überall zur Hand, wie es den obersten Beamten des Komitats geziemt.

Noch halb krank, aber seiner Leiden vergessend und kaum an sich denkend, eilt ein Podmaniczky dorthin, wo der Notruf erschallt. Die können Gott danken, zu denen sein Weg ihn führt; alle Notleidenden schafft er auf sein nahe gelegenes Gut und öffnet ihnen gastlich sein Schloß; mögen sie dort wohnen, mögen sie sich teilen mit ihm in das, was da ist.

So thaten ein Károlyi, so die beiden Eötvös, Joseph und Dionys; Franz Szapary, Draskovics, die Wenkheime, welche ihr durch drei Tage und drei Nächte überall erblicktet, ihr, die ihr nach Hilfe aussahet und davon Zeugnis ablegen könnt, daß sie ihn verdient haben den Titel: die » Optimaten«, die Besten unter den Besten.

Um zwei Uhr nach Mitternacht war bereits jede Gasse bevölkert; hundert und aberhundert schwimmende Fahrzeuge durchschnitten die Flut. Auf den meisten Kähnen und Pletten ist der Name Szitányi zu lesen. Beim Ausbruch der Katastrophe hatte der wackere Großhändler sich beeilt, alle seine Schiffe, sein ganzes Dienstpersonal hochherzig zur Verfügung der Behörden zu stellen. Gewiß, auch er war vorbereitet auf die Gefahr, auch er hatte die Minuten ihrer Annäherung gezählt, aber seine Berechnung ging Hand in Hand mit menschenfreundlicher Opferbereitwilligkeit und als die Stunde schlug, begnügte er sich nicht damit, seine Habe niederzulegen auf dem Altar des Elendes, er lieh auch noch seine dienstwillige Hand hinzu und mühte sich ab, wie der geringste seiner Bediensteten.

In den am meisten gefährdeten Gassen konnten die Kämpfer, die Befreier einem kräftig gebauten, breitschulterigen brünetten Manne begegnen, der mit tiefer, donnernder Stimme das Elend anrief, sich zu zeigen und der vor jedem eingestürzten Hause anhielt, ob nicht dort einer noch am Leben, ob nicht das Wimmern eines mit dem Tode Ringenden zu vernehmen? Er durchsucht, durchstöbert die Schlupfwinkel der Verunglückten, als wäre ihr Verlust der seinige, als traf ihr Unglück ihn selber, als hinge von ihrer Rettung seine eigene ab. Und dieser Mann kommt in dieser Stunde vielleicht um sein ganzes Vermögen. Es ist Landerer, der Buchdrucker. Das Wasser war auch in seine Druckerei gedrungen. Die Frucht langjährigen Fleißes, der Lohn so vieler Mühe geht dort im Wasser zu Grunde; aber der Edle hat jetzt nicht Zeit, an die Bergung seiner Habe zu denken, ihm ist das Leben seiner Mitbürger weit kostbarer. Das Haus, in welchem er seine Druckerei hat, ist massiv gebaut; in den untern Gewölben giebt er seine dort aufgestapelten Vorräte der Zerstörung durch das eindringende Wasser preis, in den Gelassen des obern Stockwerkes segnen hundert und aberhundert der Gefahr Entrissene den Lebensretter, der sie mit Speise, Trank und warmer Schlafstätte versieht und für sie hingiebt, was von seiner Habe ihm noch geblieben.

Überall neue und neue, Bewunderung und Schauder erregende Scenen glänzender Bürgertugend und tiefster Verworfenheit!

In einer der Gassen der Leopoldstadt hören wir unter das Angstgeschrei die rohen Laute unmenschlicher Flüche sich mengen. Ruchloses Raubgesindel treibt sich dort umher unter den Schrecknissen der Nacht und plündert die Schutz- und Wehrlosen in ihren wankenden Häusern, das Wertvollste, was sie unter den Trümmern ihrer Habe finden, mit sich nehmend. Die Angsterfüllten sehen erfreut den Kahn herankommen, der sie in den sicheren Hafen bringe, und wenn sie eingestiegen, fallen diese Teufel in Menschengestalt über sie her und stoßen sie nackt hinaus unter die öden Häuserruinen. Wo ist die strafende Hand des Himmels, die sie erreichen könnte? Das Laster hat jetzt offenes Feld. Seht, wie dort in der Finsternis schändliche Lüste im Kahn dahinschleichen an den Mauern der Häuser. Setze deinen Fuß nicht hinein, zarte, schöne Jungfrau, die du auf Befreiung harrst, des Wüstlings ruchlose Arme erwarten dich dort, ihm dünkt die Stunde des göttlichen Gerichtes geeignet dazu, die Nacht mit seinen Schandthaten zu bevölkern. Der Schrei verhallt in der Nacht und wenn ihn auch jemand hörte, wer könnte zu Hilfe kommen? Unten ist die Flut.

Und doch ist einer, der ihn hört? Gott hört ihn! Siehe, durch die Dunkelheit nähert sich Fackelschein den Räubern und ein Kahn gleitet rasch die Gasse herab durch die Wellen Drinnen sitzen die Juraten, unsere Bekannten.

– Halt! brüllt Kovács den Schurken zu; seine Gefährten stehen, ihre Waffen in der Hand, im Kahne, der pfeilgeschwind auf die Räuber losschießt.

Der Kahn des Wüstlings ergriff die Flucht, sein einsames Opfer zwischen den Schutttrümmern zurücklassend, die Räuber aber setzten sich zur Wehr. Sie hatten drei Kähne, die Jünglinge nur einen. Das geplünderte Volk streckt segnend, ermutigend die Hände der kleinen Rächerschar entgegen, während es unter Verwünschungen nach den Ungeheuern zeigt.

– Vorwärts, Brüder! rief Kovács, kühn zwischen die Räuber hineinsteuernd. Es sind ihrer drei gegen einen. Das macht nichts. Das dort sind Lumpe, ihr aber seid ganze Kerle und habt eure Säbel in der Faust; schlagt drein unter sie. – So ist's recht!

Der eine Kahn war schon an die Mauer gedrängt. Dort empfing ihn das empörte Volk mit Steinwürfen und die Bemannung war genötigt, ins Wasser zu springen, um dem Kreuzfeuer zu entkommen. Die beiden andern Kähne jedoch nahmen wütend den Kampf auf. Es war ihnen gelungen, die Juraten zwischen sich in die Mitte zu bekommen. Der arme Bogozy, der auf der Spitze des Kahnes stand, hatte schon mit einem Ruderhaken einen Stoß auf die Stirn erhalten (die übrigen hatte er gar nicht beachtet) und die Säbelklinge von Kovács war am Griff abgebrochen beim Parieren eines Streiches, den einer der Räuber mit seinem schweren Ruder auf Kovács geführt hatte. Schon haben sie zwei, drei Haken in die Seite des Kahnes gestoßen und sind bemüht, ihn umzuwerfen, da mit einmal erhebt sich hinter dem Rücken der Räuber der Ruf eines unbekannten Gegners. Landerer kommt dort, der Buchdrucker; er war dem flüchtenden Wüstling gerade in den Weg gekommen, hatte ihm den Kahn weggenommen und hinten an den seinigen angebunden, als er das Säbelgeklirr vernahm. Er trifft eben zur rechten Zeit ein. Die Räuber warten nicht, bis er sie erreicht hat, sondern wenden ihre Fahrzeuge und suchen durch ein Nebengäßchen donauwärts zu entrinnen. Ihnen nach! schreien die Verfolger, und setzen den schändlichen Dieben nach, welche bemüht sind, in dem Gewirre der engen Gäßchen sich den Blicken ihrer Verfolger zu entziehen.

– Halt da! erdröhnt plötzlich ganz nahe eine kräftige Männerstimme. Ein hoher, robuster Mann kommt mit seinem Kahn geradezu auf die Räuber losgefahren. Es ist der wackere Fleischhauermeister Dorn, sein Kahn ist voll mit Geretteten. Die Räuber sind umzingelt. Es bleibt ihnen nichts übrig, als sich durchzuschlagen. Im Rücken ist der stärkere Feind, sie müssen also mit ganzer Kraft ihren Angriff auf den schwächeren Gegner richten. Die Mannschaft des einen Kahnes stürmt mit vorgehaltenen Ruderstangen auf den Fleischermeister ein. Ein muskulöser Metzgerknecht steht mit aufgeschürzten Hemdärmeln auf dem Vorderteil des Nachens und faßt mit beiden Händen das Ruder. »Laß dich nicht drunterkriegen, mein Sohn!« Die Räuber stoßen mit den Haken nach ihm; das Ruder schwirrt durch die Luft, und wo es niedersaust, streckt es auf einmal zwei der Räuber zu Boden. »Bravo, mein Sohn, du hättest beim Meisterstück keinen bessern Streich führen können!« Die Räuber sind von allen Seiten umdrängt und man kann sich denken, welche blauen und grünen Flecke die Fäuste der Juraten, des Buchdruckers und des Fleischhauers, dort, wo sie niederfielen, zurückließen. Man schleppt die Räuber zu einem großen Baum. Sie hätten es verdient, dort der Reihe nach aufgeknüpft zu werden; doch das that man nicht. Zwischen den Ästen der Krone sitzt eine ganze Familie, die aus einem eingestürzten Hause sich dahin geflüchtet hat. Man holt sie herunter in den Kahn und setzt die Räuber auf dem Baume ab. Dort mögen sie warten, bis jemand nach ihnen kommt, damit man Gericht halte über sie. Die Sieger teilen sich unter die erbeuteten Kähne und ziehen weiter, um ihr Rächeramt fortzusetzen und denjenigen das Handwerk zu legen, die in dieser Schreckensnacht auf Verbrechen ausgehen.

Das Siegesgeschrei verhallt, der Fackelschein verschwindet allmählich und wir wandeln wieder durch dunkle, schwarze Gassen, durch welche die Fluten sich wälzen, an unbeleuchteten Häusern vorüber. Welches Menschengewirr taucht da vor uns auf? Eine Insel, die aus den Überschwemmungsfluten hervorragt und auf die sich die halbe Bevölkerung der Stadt geflüchtet. Wir sind wieder auf dem neuen Marktplatz. Zweihundert Schritte in die Länge, zweihundert in die Breite und ringsherum eisige Flut. Auf diesem isolierten Raum sind tausend und abertausend von Menschen – Männer, Weiber, Kinder – zusammengedrängt, den Himmel zum Obdach und Gottes Schutz und Schirm als einzige Gewähr ihrer Sicherheit. Auch herumirrende Haustiere, Hunde, Pferde, Kälber, die den Häusern und Stallungen entlaufen sind, haben, vom Instinkt geleitet, sich hierher geflüchtet; furchtsam bewegen sie sich in dem Menschengewühle und heulen, wiehern, brüllen, als fühlten sie den Untergang der Welt voraus, und als suchten sie Schutz bei dem Menschen, der ebenso hilflos ist wie sie.

Es ist eben Marktzeit und so ist jetzt der Platz mit Markthütten angefüllt. Die fremden Kaufleute haben ihre Buden den Flüchtlingen gastlich geöffnet und harren dort mit ihnen der kommenden Stunde entgegen, jammernd, betend, auf den Knieen. Hier in den Bretterbuden ist es doch noch besser. Siehe, wie die hohen Paläste ringsum in ihren Fundamenten erbeben. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich unter den Volksgruppen die Kunde, daß das große Derrasche Haus, eines der massivsten Gebäude der Stadt, eingestürzt sei. Steigende Angst bemächtigt sich der Gemüter. Was wird mit so vielen Menschen geschehen, wenn das Wasser noch um einige Schuhe steigt? Es ist gespenstig, zu sehen, wie die Vorsichtigeren die Markthütten abdecken, um aus den Dächern Flöße zu improvisieren. O mein Gott, so willst du diese Stadt gänzlich dem Untergange weihen! Aus der Mitte des Marktplatzes vernimmt man seltsame Töne eines erschütternden Gesanges. Dort sind die Ältesten der jüdischen Kaufmannschaft versammelt in einer hölzernen Bude, die sie mit Lampen erleuchtet haben; sie haben ihre weißen Sterbehemden angezogen, die heilige Schrift auf dem Fußboden ausgebreitet und das Haupt zu ihr herabgeneigt, beten sie zu Gott Zebaoth, dem furchtbar strafenden, und wehklagen über den Untergang der Welt, auf die der zürnende Jehovah seine Vernichtungsengel herabgesandt hat, vor denen kein Entrinnen ist. In der Schreckensnacht ertönen diese Klagelieder so fürchterlich von den Lippen der Greise, daß selbst den Beherztesten ein Grausen beschleicht. So soll denn wirklich alles ein Ende haben mit dieser Nacht? Hundert Schritte davon ertönt Orgelspiel und Kirchengesang. Das kommt aus der protestantischen Kirche, wo Tausende den Herrn anrufen in ihrer letzten Zufluchtsstätte. Nächtliches Gebet, nächtlicher Gesang! Wem sollte das Herz im Leibe nicht erbeben? Und in der Ferne rauschen die grollenden Wogen und wimmert das Klagegeheul durch die Luft.

Auch die hohen Paläste stürzen ein, nicht nur die Hütten des Elends. Dort stürzt der Balkon eines zwei Stock hohen Hauses herab, gegenüber umspülen die Fluten das Dach einer ebenerdigen Lehmhütte. Den Besitzer des Palastes hat man gerettet, in der Hütte ist alles still. Dort wohnte ein reicher Kaufmann, hier ein armes Weib. Erst als der Kaufmann im Kahne stand und sein Leben in Sicherheit wußte, fiel ihm ein, daß er seine Geldkasse, alle seine Papiere in seiner Wohnung zurückgelassen. Wer ist der Mutige, der sich noch zurückwagt in das Gebäude? Fünftausend Gulden dem als Belohnung, der die Kasse herabbringt! Die Schiffsleute kratzen sich hinter den Ohren. Der muß des Lebens sehr überdrüssig sein, der die Götter so versuchen wollte! Niemand bietet sich an. Da kommt ein abgelumpter, ärmlicher Tagelöhner in einem elenden Seelentränker herangerudert zu dem reichen Herrn und erklärt sich bereit, die Kasse herabzuholen. Der Kaufmann überreicht ihm ohne Zaudern die Schlüssel. Der Tagelöhner ist schon vor dem Hause, da blickt er zurück und sieht, daß aus dem Dachfenster der Lehmhütte etwas Weißes ihn heranwinkt. Es ist eine arme, alte Frau, die dort mit dem Schnupftuch winkt, sie kann nicht mehr schreien, sie schwenkt nur das Tuch, Der Tagelöhner wendet sein Fahrzeug. »Verzeihen Sie, lieber Herr,« sagt er zum Kaufmann, »erst muß ich diese arme Person retten; für Ihre Kasse wird es später auch noch Zeit sein!« Und damit rudert er hin an das Dach des Häuschens und faßt die herausgestreckte Hand der Alten. »Hierher zu mir!« ruft er der Ohnmächtigen zu ... In diesem Augenblick stürzt der unterwaschene Kotziegelbau ein und die Wogen schlagen über den beiden zusammen. Das Haus des Kaufmanns hielt sich noch mehrere Stunden aufrecht; der hochherzige Retter ging unter den Trümmern zu Grunde. Dort aber wird ihn finden, der jeden edeln Opfertod aufzeichnet in seinem Buche – der Herr ...

Unter so vielen schönen, so vielen rührenden Scenen war noch eine herzerhebende Erscheinung: – der Soldat als Landesbürger! Als die Gefahr hereinbrach, ließen die Kommandanten in aller Eile Dämme aufwerfen vor den Kasernen, um das Eindringen der Fluten in dieselben zu verhindern, und während ein Teil der Garnisonstruppen mit aller Macht gegen das feindliche Element ankämpfte, um es von ihren Hofräumen abzuhalten, zogen die übrigen auf schwimmenden Flößen und Pontons aus ins Gefecht, in dem sie nicht Tod, sondern Leben austeilen und brachten die geretteten Unglücklichen in die Kasernen, wo der Soldat sein warmes Zimmer, seine Lagerstätte, seine fertige Mahlzeit und sein Brot mit ihnen teilte und die Kranken pflegte, die Leidenden tröstete, als wäre er sein ganzes Leben hindurch in diesen Verrichtungen aufgewachsen.

Aus einem hohen Gebäude hatte sich alles schon geflüchtet, nur in dem obersten Stockwerke befand sich noch ein kranker Familienvater mit seiner Frau und seinen Kindern. Ein Kahn mit wackern Kriegern kommt angefahren, sie halten vor dem Hause, das schon überall geborsten ist und rufen hinauf, er möchte Betttücher zusammenbinden und so einzeln die Glieder seiner Familie herablassen. Der Mann thut, wie ihm geheißen, und läßt eins nach dem andern, Frau und Kinder, herab, welche die wackern Krieger in ihren Kahn aufnehmen. Als auch das letzte Kind unten ist, macht das Haus einen Krach und donnernd stürzt die ganze Vordermauer herab, nur die beiden Seitenwände bleiben noch stehen, zusammengehalten von dem Dachgebälke. Der Kahn ist genötigt, vor dem herabstürzenden Steinregen die Flucht zu ergreifen. Aber die geretteten Kinder umklammern weinend die Kniee der Wackern und bitten sie flehentlich, ihnen auch den Vater zu retten, sie nicht ohne ihren Vater davonzuführen. Da trennt sich ein junger Kriegsmann von den übrigen, springt hinaus auf den Schutthaufen, klettert an einem herabhängenden Balken hinauf in das obere Stockwerk, den Vater zu suchen. Der liegt ohnmächtig auf dem auseinander gespaltenen Fußboden. Der wackere Krieger schlingt schnell das eine Ende des improvisierten Rettungsseiles um seinen Leib und läßt ihn herab. Alles um ihn her bebt, wankt, kracht, er ist mitten im Rachen des Todes. Nach einer Minute verkündet das Freudengeschrei der Kinder, daß ihr Vater gerettet ist. Da erfolgt plötzlich ein furchtbares Krachen; das ganze Haus fällt zusammen, auch das Dach stürzt herab. Mit kaltem Blut und warmem Herzen vernimmt der Tapfere die Tod verkündenden Schreckenstöne und in dem Augenblicke, wo alles zusammenbricht, springt er von einem hervorstehenden Balken hinab ins Wasser, taucht wieder hervor und schwimmt unter dem Jubelgeschrei der staunenden Zuschauer an den Rettungskahn. Niemand hat den Namen des Wackern aufgezeichnet, nur soviel weiß man, daß es ein Kanonier war.

* * *

Wie möchte es sich wohl ausnehmen, wenn inmitten so vieler schauerlicher Scenen jemand lachen würde?

Horch! Das ist wahrhaftig Gelächter. Aus vollem Halse kommendes, schallendes Gelächter, wie man nur in lustiger Gesellschaft bei einer das Zwerchfell erschütternden Anekdote zu lachen pflegt.

Durch die traurigen Gassen rudert ein Kahn, in demselben befinden sich fünf oder sechs Männergestalten; diese sind es, die so herzlich lachen, daß darüber beinahe das Angstgeschrei, das Wimmern der Sterbenden verstummt: als würde irgend ein böser Kobold, mitten in der Gefahr, die Betenden verhöhnen, so widerwärtig, so grausig ertönt dies Lachen zwischen den öden Mauern.

Ah, das sind unsere lieben Bekannten: Baron Berzy, Mitzislaw, unser Freund Emanuel, Abellino und noch ein paar treffliche Kavaliere, welche sich einen Kahn verschafft haben und gemütlich darin herumfahren, sich an dem großartigen Schauspiel weidend.

– Famos! Grandios! rief unser Freund Mitzislaw an jeder Straßenecke, worauf Baron Berzy antwortete, daß er eine viel merkwürdigere Überschwemmung in Sankt Petersburg gesehen, als die Newa den Damm durchbrochen hatte und im Hofe des Kaiserpalastes bemastete Schiffe absetzte, während die aus dem Theater nach Hause fahrenden Wagen bei Kronstadt herausgefischt wurden. So etwas giebt's hier nicht.

Abellino saß auf dem Boden des Kahns, denn er war zu sehr besorgt für seine werte Person, als daß er die Großartigkeit des Schauspieles hätte genießen können; er bat seine edeln Freunde flehentlich, sie möchten den Kahn doch ja nicht umwerfen, denn man bekäme gar zu leicht einen Katarrh, wenn man um solche Zeit ein unfreiwilliges kaltes Bad nähme.

Den Anlaß zum Gelächter aber hatte gegeben, daß sie auf ihrer Vergnügungs-Gondelfahrt durch die Waitznergasse rudernd, im zweiten Stockwerk eines Hauses einen jungen Mann erblickten, der mit einer höchst eigentümlichen Operation beschäftigt war. Hinaus konnte er nicht, aber auch wenn er es gekonnt hätte, so wußte er nicht wohin. Er fand es daher viel bequemer, das Ende der Gefahr im warmen Zimmer abzuwarten, als aufs Geratewohl bis an den Hals naß zu werden. In dieser Lage beunruhigte ihn nur ein Gedanke, was er anfangen werde, wenn ihn der Hunger überkommt? Der pfiffige Jurat – denn was hätte er anders sein können? – geriet also auf den Einfall, an einen langen Spagat einen Angelhaken, den er sich aus einem Nagel gemacht, zu befestigen und aus dem Fenster des zweiten Stockes herabzulassen; aus den umgestürzten Buden der Hökerweiber trieb das Wasser Obst, Grünzeug und Brot in Menge herab, welches unser Jurat mit seiner improvisierten Angel herausfischte und zu sich heraufzog. Die lustfahrenden Kavaliere fanden dieses neue Verproviantierungsverfahren so bizarr und so hochkomisch, daß sie gar nicht aufhören konnten, sich vor Lachen zu schütteln. Nun, das mußte der geniale Baron doch einräumen, daß ein derartiges Genrebild im Club of travellers noch nicht vorgekommen, so daß der Baron schnell eine Zeichnung davon in sein vor sich auf den Knieen ausgebreitetes Portefeuille entwarf, wobei unser Freund Emanuel ihm mit der Laterne leuchtete.

Die gemütliche Unterhaltung wird zuweilen durch das Angstgeschrei der auf den Hausdächern und in den Fenstern stehenden Unglücklichen gestört, welche in herzzerreißenden Tönen die an ihnen Vorbeirudernden bei allen Heiligen anflehen, sich ihrer zu erbarmen. Solches Lamento anzuhören ist nicht angenehm, Baron Berzy übernahm es, diese ihr Vergnügen störende Zumutungen mit treffenden Witzen abzufertigen. Wir können nicht umhin, seinen Witz zu bewundern.

Von dem Balkon eines Hauses ruft eine anständige Dame zu ihnen herab.

– Wir bedauern, meine Gnädige, rief der Baron, den Hut lüftend, nicht in salonmäßiger Toilette zu sein, um Ihnen unsere Aufwartung machen zu können.

Welch herrlicher Witz!

Wo anders klammert sich ein armer, zerlumpter Mensch an das Eisen eines Laternenpfahls.

– Fürchte dich nicht, mein Junge, tröstet ihn Baron Berzy; wem der Galgen bestimmt ist, der ist sicher vor dem Ertrinken.

Ein köstlicher Spaß!

Vor eingestürzten Häusern halten sie still, läuten an der Hausglocke und Theodor ruft hinein: he, Hausmeister, sind hier keine Wohnungen zu vermieten?

Ein pompöser Einfall!

Eine Stunde früher hatte der witzige Baron den Einfall, mit seinem Kahn zu einem Hause hinzurudern, dessen Inwohnerinnen der jungen Herrenwelt allgemein bekannt waren. Sie saßen draußen auf den Fenstern und harrten mit bebenden Herzen, wie andere sündige Kreaturen, auf ihre Befreiung.

– Hierher, schöne Göttinnen! hier ist der Befreier! rief der lustige Baron und die galanten Herren holten die zitternden Nymphen von den Fenstern herab und fuhren eine Stunde lang mit ihnen kreuz und quer durch alle Gassen der Stadt, wobei sie den Kahn so unsinnig schaukelten, daß die Frauenzimmer kreischend und weinend baten, sie möchten sie doch lieber irgend wo in einem verödeten Hause absetzen, als sie noch länger ängstigen; endlich führten sie sie dahin zurück, von wo sie sie geholt hatten und luden sie dort wieder ab.

Unter solchen Scherzen verstrichen die Stunden der lustigen Unterhaltung. Abellino kochte mitten im Kahn einen Punsch, der die Gesellschaft in einen so fröhlichen Dusel versetzte, daß sie zuletzt eine Barcarole anzustimmen begann. Schade nur, daß man vergessen hatte, eine Guitarre mitzunehmen.

Während der geniale Baron die schönsten Fisteltöne anschlug, wozu Mitzi mit prachtvollem Tremolo den Contre-Alt gurgelte und unser Freund Emanuel seiner mutierenden Stimme einen Bariton abrang: siehe, da tauchte plötzlich am äußersten Ende der Gasse eine glänzende Erscheinung auf, und die neugierigen Jünglinge sahen ein großes Boot aus sich zuschwimmen, das hell erleuchtet war von Wachsfackeln, die unter Glasglocken brannten.

Die Ruderer waren lauter Lakaien mit silbernen Achselschnüren, das Steuer lenkte ein Mann in Uniform mit goldenem Kragen; mitten im Schiff stand eine jugendliche schlanke Gestalt mit einer langen Ruderstange in der Hand. Sein Haupt war entblößt und um die hohe Stirne legten sich die von Schweiß befeuchteten lockigen Haare; in seinen sanften Augen, seinem länglichen, ernsten Gesichte spiegelte sich tiefe Gemütsbewegung; man sah ihm an, daß er mit jenen weinte, die dort um ihn stehen und segnend seine Hände küssen. Das Schiff ist schon voll mit verwaisten Flüchtlingen.

– Wer kann das sein? fragen die trefflichen Jünglinge einer den andern. Jeder von ihnen ist kurzsichtig und zum Unglück hat keiner seinen Operngucker mitgenommen. Erst als die Plette nur mehr zwanzig Klaftern von ihnen entfernt ist, gewahren sie an der jungen Brust den gestickten Stern und erkennen den Erzherzog Stefan. –

Der junge Erzherzog hatte sie schon lange aufs Korn genommen.

– Sie haben sehr hübsch gesungen, meine Herren! rief er ihnen mit klangvoller, reiner Stimme in ungarischer Sprache zu.

Baron Berzy antwortete mit großer Geistesgegenwart: »obwohl diese Nacht nicht viel Ähnlichkeit hat mit einer venetianischen Karnevalsnacht, Kaiserliche Hoheit.«

– In der That, nein. Fahren Sie schon lange so herum?

– Von allem Anfang, Kaiserliche Hoheit. Wir waren dabei, wie der Damm durchbrochen wurde, wir sahen, wie das erste Haus einstürzte, wie die ausgetretenen Fluten von einer Gasse in die andere drangen. Es war dies alles großartig, grandios, nur schade, daß ich schon ein schöneres Schauspiel in Sankt Petersburg mit angesehen habe, als die Newa den Damm durchriß und auf dem Hofe des Kaiserpalastes Segelschiffe absetzte; so etwas giebt's hier nicht.

– Ist ein Menschenleben zum Opfer gefallen? fragte der Erzherzog mit gedämpfter Stimme.

– O was ist das hier, gegen dort, Kaiserliche Hoheit! tröstete der Baron. In Sankt Petersburg, als die Newa den Damm durchbrach, kamen viertausend Menschen in den Wellen um, die auf den Schiffen Befindlichen, welche ins Meer geschwemmt wurden, gar nicht gerechnet. So etwas kann hier gar nicht vorkommen.

– Ich hoffe aber doch, daß Sie, meine Herren, Ihren Mitmenschen zu Hilfe geeilt sind?

Diese Frage ward in einem Tone vorgebracht, daß man darauf keine ausweichende Antwort geben konnte.

– Kaiserliche Hoheit, ich gestehe, daß ich so etwas zu den Ixionsarbeiten zähle; ja, ich begreife Bajazid, der, als er nach einer verlorenen Schlacht, in der alle seine Helden gefallen waren, durch einen Strom schwamm und bemerkte, daß ein Krieger sich an dem Schweif seines Rosses festhielt, um sich so zu retten, diesen durchhieb mit den Worten: wenn die anderen alle zu Grunde gegangen sind, so magst auch du zu Grunde gehen! Was würde ich anfangen mit ein, zwei Menschen unter so vielen? Überdies habe ich mir zur Aufgabe gemacht, dem Club of travellers eine detaillierte Beschreibung dieser Vorfälle zu liefern und kann mich mit Kleinigkeiten nicht abgeben.

Mitzislaw rieb sich die Hände vor Freude, daß der geniale Baron sich so tapfer herausgehauen, während Abellino besorgt bald ihn, bald den Erzherzog anstarrte, da er bei seiner Schwerhörigkeit nicht alles verstand, was gesprochen wurde.

– Fahren Sie hinter mir drein, sagte der junge Erzherzog, mit einem Stoß des Ruderhakens die trefflichen Jünglinge hinter sich lassend.

– Wir werden uns glücklich schätzen, sagten sie wie aus einem Munde und folgten dem Fahrzeug des jungen Erzherzogs.

Der junge Erzherzog fuhr die Herrengasse hinab, dann und wann halten lassend, wo eben Hilfe nötig war.

Am Ende der Herrengasse, zwischen der Franziskanerkirche und dem Gebäude der Kurie, ist ein kleiner, erhöhter Platz, welcher, trocken geblieben, wie eine kleine Insel hervorragte. Dieser enge Raum war jetzt angefüllt mit Pferden und Rindern, welche Mietkutscher und ärmere Leute hierher getrieben hatten; die Menschen, welche sich hierher geflüchtet, waren von den frommen Mönchen des Franziskanerklosters und von den Kanzleibeamten der Kurie in den gesicherten Lokalitäten der öffentlichen Gebäude untergebracht worden; nur ein und der andere kräftige Gesell, oder ein Mönch mit härener Kutte, oder ein Jurat mit klirrendem Säbel ging auf und ab auf dem rings vom Wasser eingeschlossenen Inselchen, um zu sehen, ob nicht noch irgend ein hilfloser Flüchtling zwischen den brüllenden, unruhigen Tieren sich befinde.

Der Erzherzog dirigierte das Boot dahin.

Sowie man dem trockenen Grunde so nahe war, daß die Ruder das Pflaster streiften, ließ er das Boot halten und winkte den Baron mit seinem Kahn zu sich.

Dieser beeilte sich, dem Wink zu gehorchen.

– Geruhen zu befehlen?

– Belieben Sie auszusteigen aus dem Kahn!

– Wohin, Kaiserliche Hoheit? frug dieser bestürzt.

– Wohin immer, das Wasser ist nicht mehr tief. Den Kahn werde ich schon einem andern übergeben, der einen bessern Gebrauch davon zu machen versteht, als nur zu seinen, Vergnügen darin spazieren zu fahren.

Dies war ein furchtbarer Urteilsspruch für unsere Dandies. Jedem von ihnen war zu Mute, als drehte sich der Kahn mit ihm. Nur Baron Berzy besaß Geistesgegenwart genug, um an Opposition zu denken.

– Aber bitte, Kaiserliche Hoheit, wir sind Gentlemen, es ist nicht Sitte, mit Adeligen so zu verfahren.

– Wer aus einer solchen Landeskalamität sich eine Unterhaltung macht, wer kein Herz hat, um Unglücklichen zu helfen, der ist in meinen Augen kein Edelmann. Belieben Sie nur auszusteigen, meine Herren, und es an sich selbst zu erfahren, wie das ist: in Gefahr sein und zum Himmel um Rettung flehen.

– Aber enfin, das ist eine Privatangelegenheit, durchlauchtigster Herr, die unter kein Tribunal, keine Jurisdiktion fällt. Meine Mutter war eine Tochter des Fürsten Korsovszky, ich bin mütterlicherseits ein geborener Russe, ich habe nichts mit Ungarn gemein, ich kann so neutral bleiben, wie irgend ein Fremder.

– Werft sie heraus aus dem Kahn! rief der Erzherzog, entrüstet über einen so unverschämten Cynismus. Stürzt den Nachen um!

In diesem Augenblicke enterte das Gefolge des Erzherzogs mit den Ruderhaken den Kahn und der geniale Baron, der bis dahin mit verkreuzten Armen, in napoleonischer Positur, parlamentiert hatte, war durch das Schwanken des Fahrzeugs genötigt, sich schnell niederzusetzen und an dem Rande des Kahnes festzuklammern.

Seine Gefährten sprangen erschrocken aus dem Kahn, Mitzislaw unter den ersten, und suchten sich aufs Trockene zu flüchten, nur Abellino streckte sich der Länge nach auf dem Boden des Kahnes aus und bat den Baron flehentlich, er möchte sich doch auf Diskretion ergeben und nicht das Leben seiner Gefährten aufs Spiel setzen.

– Wer hat Lust, zur Rettung seiner Mitmenschen den Kahn zu übernehmen? rief nun der Erzherzog den auf dem Platze Stehenden zu; auf welche Aufforderung sogleich drei oder vier kräftige, junge Burschen hinzusprangen und die am Schiffsschnabel hängende Kette ergriffen, mit der sie den Kahn samt den darin befindlichen zwei Kavalieren ans Trockene zogen.

Auf den entstandenen Lärm hin waren mehrere vornehme Damen, welche sich in die Kurie geflüchtet hatten, ans Fenster getreten, welche den Erzherzog erkannten und ihre Schnupftücher grüßend schwenkten.

– Ah, hier sind schöne Damen! sagte Baron Berzy, als ob er in diesem Augenblicke an nichts anderes zu denken hätte; – mit diesen schönen Damen müssen wir bekannt werden. Und als ob dieser Grund ihn allein veranlaßt hätte, den Kahn zu verlassen, sprang er mit diesen Worten heraus, warf sich stolz in die Brust, knöpfte seinen Überrock einmal nach rechts, einmal nach links übereinander, grüßte mit ausgesuchter Courtoisie die aus den Fenstern schauenden Damen und rannte, beständig zu ihnen hinaufblickend, gegen eine kleine rote Kuh, so daß er seinen Shawl kaum von ihren Hörnern losmachen konnte.

Seine Gefährten schlichen beschämt hinter ihm drein, als hätten sie Nasenbluten. Der geniale Baron tröstete sie, sie möchten nicht niedergeschlagen sein, hier warten ihrer noch amüsante Abenteuer genug, die Säle der Kurie sind alle vollgepfropft mit schöner Damenwelt, daraus können noch tausenderlei romantische Situationen sich entspinnen, und es wird Spaß in Hülle und Fülle geben. Dort jedoch erhielten sie den tröstlichen Bescheid, die obern Gemächer seien alle von Frauen und Kranken eingenommen, sie möchten sich nur in die untern Lokalitäten begeben, wo die Männer abgesondert untergebracht sind.

Sacrebleu! rief Berzy, wer kann der Zopf sein der jetzt, zu so einer Zeit, auf eine solche Pedanterie verfällt! Wenn die Welt sich umkehrt, sollte man doch wenigstens den Profit davon haben, sich ungeniert unterhalten zu können.

Sie waren indes genötigt, sich in die untern Gemächer zurückzuziehen.

Fidonc! was das hier für eine Atmosphäre ist! Schmierige Bauern, schäbige Handwerker, schreiende, weinende Bälge, Krethi und Plethi in einem übel duftenden Haufen durcheinander. Ah! das ist nicht auszuhalten. Lieber hinaus zwischen Ochsen und Kälber! Dort gelang es dem genialen Baron, ein Fiakerpferd zu mieten, auf dessen Rücken er die Nacht mindestens in einer Lage zubringen kann, die sich besser für einen Gentleman schickt.

Nur Abellino blieb im Kahn. Er schwur, sich lieber aufs Rad flechten zu lassen, als seine Füße naß zu machen. Er ist ohnedem, beteuert er kläglich, an nichts schuld. Er war zu allem bereit und hätte gerne retten geholfen. Aber die andern herzlosen Schufte wollten davon nichts wissen. Er wünscht auch ferner im Kahn zu bleiben und will lieber rudern helfen, nur möge man ihn nicht ans Land setzen. Die Leute erlaubten ihm, dort zu bleiben, nur baten sie ihn dann, er möchte doch ja nicht rudern, denn er würde sie alle umschmeißen, er möge nur auf dem Schiffsschnabel sitzen bleiben und nicht mucksen.

Das Boot des Erzherzogs fuhr wieder weiter, begleitet von dem Segensruf der Menge; es war angefüllt mit Geretteten, daß es bis zum Rand tauchte. Mit dieser kostbaren Last brach nun der Erzherzog gegen die zu einem See angeschwollene Donau auf, um sie durch den Eistrieb hindurch nach Ofen zu bringen. Habt keine Furcht! Wo soviel Thatkraft der Tugend, da sind viele Hände Gottes.

Die schwimmenden Eisfelder weichen aus, machen Platz vor dem mit geheiligtem Gut befrachteten Schiffe, als ob unsichtbare Genien sie beiseite schieben würden! und die glänzende Erscheinung gleitet wie eine Feengondel über den dunkeln Spiegel des brausenden Stromes, in dem die hellerleuchteten Fenster der königlichen Burg feurige Streifen ziehen.

Ah, auch dort wacht man in dieser Nacht!

Ein fürstlicher Greis, der Erzherzog Palatin, wohnt dort, der in dieser Nacht die sechsundsechzig Zimmer der königlichen Burg den Unglücklichen geöffnet und um ihretwillen seine eigenen Gemächer geräumt hat; wie ein Vater, der seine Kinder erwartet, steht er an der Pforte, mit tröstenden Worten die Anlangenden empfangend und mit gefühlvoller Teilnahme das bleiche, zitternde Volk, welches sein ritterlicher Sohn ausgelesen hat auf den Pfaden des Todes, hinaufführend in die Prunksäle.

Dort oben empfangen zarte, pflegende Hände den Leidenden, den Unglücklichen, jedem lächelt das Antlitz einer lieben, gütigen Mutter entgegen, ein so mildes, teueres Frauenantlitz, daß bei dessen Anblick der Leidende seinen Kummer und seinen Verlust vergißt. Jedem weist sie seinen Platz an, niemand entgeht ihrer Aufmerksamkeit. Der größte Teil der Geretteten besteht aus Kranken, aus Durstigen, ihnen allen wird von der hohen Frau treue Pflege, Heilung, Trost gespendet mit aufrichtendem mütterlichen Wort.

Die königliche Burg ist ein großes Spital, durch die Seufzer steigen Dankgebete empor zu der ewigen Vorsehung, welche die Verzweifelten hierher geführt, und in den späten nächtlichen Stunden scheint es den im Fieber liegenden Kranken, als ob in himmlischem Glanze eine überirdische, weibliche Gestalt zwischen ihnen auf und ab wandelte, so bezaubernd, so sanft, so gut, wie man sie auf Altarbildern sieht, wie eine liebe, jugendliche Schwester aus den Asylen des Elends, unter deren wartender Hand jeder Schmerz sich lindert, auch der, welcher an der Seele nagt, der Schmerz des Verlustes, die Verzweiflung selbst; deren sanfte, melodische Stimme das Herz genesen macht und vor deren himmlischem Lächeln jeder Kummer entweichen muß, denn ihr Lächeln und ihre Rede sind der Hoffnungsstrahl eurer glücklicheren Zukunft.

Aber es ist keine Vision. Es ist die holde, engelsmilde Erzherzogin, die feenhaft schöne Tochter des Palatins von Ungarn, welche die ganze Nation so liebt, so verehrt – wie eine Heilige.

In jenen drei Trauertagen wandelte sie dort, Tag und Nacht, eure himmlische Trösterin, zwischen den Weinenden.

Warum mußte sie so früh zurückkehren in den Himmel!

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