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Charles Paul de Kock: Zizine - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorPaul de Kock
titleZizine
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. A. Benedikt.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090630
projectid904da7b7
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Neuntes Kapitel

Nachrichten von Zizine

Am Nachmittag des andern Tags kam Jenneval zu Herrn Guerreville, der ihn mit Ungeduld erwartete.

»Ich habe Ihren Auftrag vollzogen,« sprach der Doktor, »aber ich bedaure, Ihnen nichts Tröstliches berichten zu können ;...«

»Sollte Jerome kränker geworden sein?«

»O! nein; es scheint im Gegentheile, daß er wieder hergestellt ist, da er seine Wohnung verlassen hat. Der Wasserträger mit seiner Tochter ist fort; und der Portier, der den Eindruck einer bösartigen Bestie auf mich gemacht hat, konnte mir nicht sagen, wohin sie gezogen sind ... ›;»Sie sind fort,« sagte er mir; »ich weiß nicht, wo sie sind. Ich war kein Freund von dem Wasserträger, und da diese Leute niemals weder Briefe noch Besuche erhielten, so hatte ich auch nicht nöthig, sie zu fragen, wohin sie gingen ;...‹« Das ist Alles, was ich aus diesem Menschen herausbringen konnte.«

»So werde ich also wahrscheinlich diesen armen Auvergnaten niemals wieder sehen ... Das betrübt mich sehr ... Besonders bedaure ich, nicht mehr für ihn und sein Kind gethan zu haben ... Doch er befindet sich jetzt wohl; er wird seinen Lebensunterhalt verdienen können ... und glücklich sein, ich hoffe es! ... Er hat eine Tochter, die ihn sehr liebt! ... Sie haben nie ein Kind gehabt, Doktor? Dann können Sie sich auch keinen Begriff von dem Glücke machen, welches ein Vater empfindet, wenn er sich von einer zärtlich geliebten Tochter wieder geliebt sieht! ;...«

»Ich begreife, daß dies ein sehr reiner, hoher Genuß sein muß! ... Wie viel trübe Stunden bringt es aber auch, wenn man seine Kinder verliert ... oder wenn sie uns verlassen! ;...«

Herr Guerreville zitterte und ging tief bewegt im Zimmer auf und ab. Der Doktor sah, daß er den wunden Fleck seines Freundes getroffen hatte; er hielt inne und ging rasch auf einen andern Gegenstand über.

»Apropos, ich habe unsern Freund von gestern wieder gesehen ... O! ich werde ihn noch lange nicht los. Mit Tagesanbruch kam er zu mir gelaufen, um zu erfahren, was gestern aus uns geworden wäre: er behauptet, dadurch, daß er lange Zeit zwei Plätze für uns aufbewahrt, habe er beinahe zwei Duelle bekommen, und ich hätte mich in diesem Falle nothwendiger Weise für ihn schlagen müssen. Aber zum Glück ist die Sache ohne Zweikampf abgelaufen; und Vadevant, den ich ein wenig auf mich aufgebracht glaubte, trägt mir nicht den geringsten Groll nach; weit entfernt davon, hat er sogar schon Kranke für mich aufgefunden; er bat mich, in zwei Häuser zu gehen, in denen man, wie er sagte, meiner Dienste bedürfe. Ein Arzt darf niemals einen Kranken abweisen, und Sie begreifen, daß durch dieses Mittel Vadevant im Stande ist, mich bei allen seinen Bekannten einzuführen. Ich werde wenigstens versuchen, allein die Langeweile dieser Bekanntschaft zu ertragen und diesem Herrn begreiflich zu machen, daß Sie kein Verlangen nach seinen Besuchen haben. Heute, hoffe ich, daß wir allein speisen können, und sich kein Ungelegener zwischen uns drängen wird, daß Sie nachdenken und ich meine Beobachtungen mit Bequemlichkeit werde anstellen können. Sofern Sie nun damit einverstanden sind, wollen wir uns heute in eine Restauration zu fünfundzwanzig Sous wagen ... uns vorbehaltend, nachher noch wo anders zu essen, wenn wir nicht satt werden sollten.

»Ich habe Ihnen schon gesagt, Doktor, daß ich ganz zu Ihren Diensten stehe.«

Als die beiden Freunde fortzugehen im Begriffe waren, trat Georg herein und meldete, es sei ein Herr da, der Herrn Guerreville seine Aufwartung zu machen wünsche; und ehe noch dieser Zeit zu antworten hatte, trat der Besuchende, der dem Bedienten wahrscheinlich auf dem Fuße gefolgt war, in den Salon, indem er schon im Vorzimmer auslief: »Ah, guten Tag, Herr Guerreville ... Wie steht es mit Ihrer Gesundheit? Wie erfreut bin ich, Sie anzutreffen ... Ich fürchtete, Sie würden schon ausgegangen sein ... Meine Frau sagte mir: halte unterwegs keine Ständerlinge, stehe mir nicht zu allen Karrikaturenhändlern hin; ich liebe nämlich die Karrikaturen außerordentlich ... Meine Frau und meine Tochter Agathe, Ihre Pathe, haben mir aufgetragen, Sie ihrer Anhänglichkeit zu versichern.«

Während dieser Herr sich so breit ankündigte, bot ihm Herr Guerreville einen Stuhl an, und der Doktor betrachtete ihn neugierig.

Der Neuangekommene war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, an der Seite hatte er blondes und nach der Mitte des Kopfes etwas dunkleres Haar, was keinen Zweifel über ein künstliches Toupet aufkommen ließ. Es war eine von jenen possirlichen Physiognomien, die man kaum ansehen kann, ohne Lachlust zu verspüren; ein sehr zufriedenes Aeußere, ein Zucken des Mundes, der immer bereit schien, einen Witz loszulassen, und eine Nase, die immer auf dem Punkte zu stehen schien, zu niesen. Das war Herr Grillon, der Gatte der Dame, welcher Herr Guerreville auf dem Boulevard begegnet war, und mit der er eine so lange Unterhaltung gehabt hatte.

Herr Guerreville erwies Herrn Grillon alle gebräuchlichen Artigkeiten, und wollte ihn eben fragen, was ihm das Vergnügen verschaffe, ihn bei sich zu sehen; aber dieser ließ ihm nicht Zeit dazu. Herr Grillon hatte die Gewohnheit, niemals auf das zu antworten, was man ihn fragte; er sprach beinahe immer, ohne auf den Andern zu hören. Diese Art des Benehmens kommt im gewöhnlichen Leben sehr häufig vor, da fast Alle, die gerne das große Wort führen, um den Faden der Unterhaltung nicht zu verlieren, es für das Zweckmäßigste halten, die Andern gar nicht zu Worte kommen zu lassen.

Dann gibt es wieder welche, die es aus Gewissenhaftigkeit thun, da sie in ihrem Innern die Ueberzeugung hegen, daß das, was sie sprechen, tausendmal mehr werth ist, als das, was sie anhören sollen.

Andere thun es aus Zerstreuung, da sie niemals auf das Acht geben, was man ihnen sagt, sofern es in keinem Zusammenhang mit dem steht, was sie erzählen.

Endlich thun es Manche aus Dummheit, Mangel an Lebensart, aus Unverschämtheit, aus dem Bedürfniß zu schwatzen. Im Allgemeinen wird man bemerken, daß Leute, welche es nicht verstehen, Andere anzuhören, oder es nicht verstehen wollen, immer eine starke Dose Eigenliebe besitzen, welche ihre Gesellschaft sehr langweilig macht.

Herr Grillon machte Anspruch darauf, liebenswürdig zu sein, und bei ihm war die ungetheilte Aufmerksamkeit auf das, was er selbst sagte, oder sagen wollte, eine der Ursachen, die ihn verhinderten, auf Andere zu hören.

Er nahm einen Stuhl, während er sich umsah, wo er seinen Hut und Stock ablegen könnte, die er sich endlich entschloß, zwischen den Beinen zu halten und Herrn Guerreville die Hand zu reichen, wobei er ausrief: »Wie bin ich doch erfreut, Sie zu sehen! ... Sie lieber Herr Guerreville! ... Es ist schon sehr lange, daß Sie Paris verlassen haben! ;...«

»Ja, mein Herr ... ich bin indeß einige Male hier gewesen, ohne daß Sie mich gesehen haben.«

»O! es sind wohl zwölf Jahre, daß Sie abwesend sind ... O! o! wir sind alte Bekannte ... Ich finde Sie nicht verändert ;...«

»Sie sind sehr gütig ... Aber ich habe im Gegentheile sehr gealtert ;...«

»Ich habe mich eben so wenig verändert, ich, und habe noch immer einen vortrefflichen Appetit ... und meine Frau, wie haben Sie die gefunden? ... he!« – »Aber ich.«

»Sie war einmal sehr schön ... meine Frau ... ausgezeichnet schön! ... Meine Tochter ist ihr sehr ähnlich ... und mir auch ... Sie haben Agathen gesehen ... Ihre Pathe ... Ein charmantes Kind ... Ein Ausbund von Geist ... Sie beißt überall an ... wie ihre Mutter ... Wir haben ihr eine glänzende Erziehung geben lassen, Musik, Zeichnen, Tanz ;...«

»Ich habe das Vergnügen gehabt, meine Pathe zu sehen. Sie ist sehr hübsch und hat eine sehr sanfte Miene.«

»Und dann die Modesprachen, Italienisch, Englisch! ... Sie weiß Alles. Hören Sie! Man hat nur ein Kind; man ist stolz darauf, das ist natürlich; und die eine Tochter, die ich habe, ist mir ordentlich vom Himmel geschickt worden; Sie erinnern sich noch? Ich war auf Reisen. Ich hatte meine Frau, wie ich glaubte, krank zurückgelassen, aber nein, sie war in gesegneten Umständen. Sie hatte es gar nicht vermuthet, ich noch viel weniger; als ich daher nach Verlauf eines Jahres zurückkam, wie war ich erstaunt und entzückt, Vater zu sein!«

»Und Ihr Geschäft, Herr Grillon, das haben Sie, glaube ich, aufgegeben?«

»Leider konnte ich seitdem keine Kinder mehr bekommen; ich habe nur diese Tochter ... ich hätte mir auch einen Knaben gewünscht. Doch ... was wollen Sie? ... Der Mensch denkt! ... und Sie, Herr Guerreville, haben Sie Kinder?«

»Ja, mein Herr, ich habe eine Tochter, aber sie wohnt ferne von Paris.«

»Sie wissen nicht, warum ich gekommen bin, aber ich will es Ihnen sagen. Erstens, um das Vergnügen zu haben, Sie zu sehen ... und dann, da wir lebhaft wünschen, die Bekanntschaft mit Ihnen zu erneuern, so möchten wir Sie bei Tische haben ... Sie haben es gestern meiner Tochter abgeschlagen ... obgleich sie Ihre Pathe ist ;...«

»Mein Herr, es war mir unmöglich, es anzunehmen.«

»Deßhalb sagte mir meine Frau: Grillon, gehe Du selbst, Herrn Guerreville einzuladen; er hat es vielleicht abgeschlagen, weil Du Deine Tochter nicht begleitet hast.«

»O! ich bitte Sie, zu glauben, daß das nicht der Grund war ;...« ;–

»Ich ging sogleich aus, und da haben Sie mich. Ich komme, Sie selbst um einen Tag zu fragen ... welchen Sie wollen ... es ist uns ganz gleich ... wir essen alle Tage zu Mittag ... lassen Sie hören, welcher ist Ihnen der liebste?«

»In der That, Herr Grillon, ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie sich hierher bemüht haben ... Aber ich befinde mich nicht recht wohl ... Sie sehen hier sogar meinen Arzt ;...«

»Nun gut! übermorgen, ist es Ihnen da angenehm?«

»Ich habe die Ehre, Ihnen zu sagen, daß ich durchaus nicht aufgelegt bin, außer dem Hause zu speisen, und ;...«

»Oder Sonnabend, wenn Sie lieber wollen, denn uns ist es ganz gleich. Allein ... ich gehe nicht hinweg, ohne Ihr Versprechen zu haben.«

Herr Guerreville sah, daß es kein Mittel gab, dem Mittagessen Grillon's zu entgehen. Vielleicht sagte ihm auch eine geheime Stimme, daß er für die ihm erwiesene Freundschaft wenigstens zum Dank verpflichtet sei. Diese Rücksichten bestimmten seinen Entschluß, und er erwiderte: »Nun wohl, mein Herr, von heute über vierzehn Tage werde ich das Vergnügen haben, bei Ihnen zu speisen.«

»Heute über vierzehn Tage, das ist ein wenig lang ... doch das macht nichts. Sie haben es zugesagt und wir werden dafür sorgen, daß Sie Ihr Versprechen nicht vergessen ... Ich werde die Ehre haben, Sie wieder zu besuchen.«

»O, bemühen Sie sich doch nicht! Sie können auf mich rechnen!«

»Und dann wird Sie auch Ihre Pathe besuchen, die lustige Agathe. Sie liebt ihren Pathen sehr, sie spricht den ganzen Tag von nichts Anderem mit uns, als von ihrem Pathen; das ist wahr, und wenn sie es nicht thut, so thut es meine Frau. Sie ist sehr schön gewesen, meine Frau ... Adieu, Herr Guerreville; ich gehe, denn die Stunde des Mittagessens rückt heran und ich bin sehr pünktlich ... Also, von heute über vierzehn Tage. Haben Sie unsere Adresse?«

»Ja, mein Herr, Ihre Frau Gemahlin hat sie mir gesagt.«

»Halt, hier ist sie ... und Punkt fünf Uhr, wenn es Ihnen gefällig ist ... Uebrigens wirb Ihre Pathe noch die Ehre haben. Sie zu besuchen ... sie spricht von nichts als von ihrem Pathen.«

»Ich habe die Ehre, Sie zu grüßen, mein Herr.«

»O, Agathe liebt Sie sehr! Recht guten Tag, mein lieber Herr Guerreville, außerordentlich erfreut, die Bekanntschaft mit Ihnen erneuert zu haben ... Punkt fünf Uhr!«

Grillon ging; der Doktor betrachtete lächelnd Herrn Guerreville und sagte zu ihm: »Sie haben wohl gethan, diese Einladung anzunehmen, sonst wäre wahrscheinlich der Vater, die Mutter und Ihre Pathe Eins um's Andere gekommen, Sie von Neuem aufzufordern.«

»Ja, ich mußte nachgeben; aber Sie sehen, Doktor, selbst in Paris ist man nicht immer Herr, zu thun was man will; man muß, mag man wollen oder nicht, in Gesellschaft gehen.«

»Da Sie einige Personen in dieser Stadt suchen, so werden Sie sie sicher nicht finden, wenn Sie in der Zurückgezogenheit leben.«

»Sie haben Recht ... Aber es gibt Häuser, in die ich nie zurückzukehren wünschte.«

»Es scheint indeß, daß die Familie Grillon viel Anhänglichkeit an Sie hat?«

»Doktor, haben Sie noch nie empfunden, daß die Zuvorkommenheiten und die großen Freundschaftsbezeigungen gewisser Leute uns mehr abstoßen als anziehen?«

»O, wohl, leider! Ich habe es schon oft empfunden ... Gerade deßhalb muß man nie mit Gewalt Freundschaft oder Liebe erringen wollen: das sind Gefühle, die ganz von selbst kommen müssen, ganz natürlich, und die zurückweichen, wenn man sie erzwingen will. Aber wollen wir nicht in die bewußte Restauration zu fünfundzwanzig Sous gehen?«

»Sehr gern.«

In dem Augenblicke, da die Herren den Salon verlassen wollten, öffnete Georg die Thüre und sagte: »Herr Julius ist da und bittet Herrn Guerreville um die Erlaubniß, ihm zwei Worte sagen zu dürfen.«

»Noch Einer!« rief Herr Guerreville, indem er eine ungeduldige Bewegung machte; »will man mich denn keinen Augenblick in Ruhe lassen?«

»Wenn ich Sie vielleicht genire,« sprach der Doktor, »will ich in ein anderes Zimmer gehen.«

»Nein, bleiben Sie ... Nun, gut, wo ist dieser Herr Julius? Ich will ihn hören, er soll eintreten.«

Georg kehrte zu dem jungen Manne zurück, der im Vorzimmer wartete, und bald näherte sich Julius schüchtern dem Salon, wo die verdrießliche Miene und der ärgerliche Ton, womit Herr Guerreville ihn empfing, ihm die Röthe in's Gesicht trieb.

»Was wollen Sie von mir, mein Herr?«

»Mein Herr, ich bitte Sie recht sehr um Verzeihung, daß ich mir die Freiheit genommen habe, schon so bald wieder zu kommen und Sie zu stören.«

»Was gibt es denn?«

»Ich wollte Ihnen sagen, da Sie zu wünschen schienen, zu erfahren ... Es ist, weil ;...«

»Sprechen Sie deutlicher mein Herr, ich verstehe Sie nicht.«

Der arme Julius war durch diese Worte ganz außer Fassung gebracht; er schlug die Augen nieder, murmelte einige unverständliche Worte und wußte nicht, ob er bleiben oder sich zurückziehen sollte. Der Doktor, gerührt durch die Verlegenheit des jungen Mannes, näherte sich Herrn Guerreville und sagte ihm ganz leise:

»Der arme Bursche! er weiß gar nicht mehr, wie er daran ist; er sieht sehr schüchtern aus und Ihr Empfang wird ihn den Zweck seines Kommens ganz vergessen machen.«

Herr Guerreville wandte sich um, betrachtete Julius und drückte dann dem Doktor die Hand, indem er sagte: »Sie haben Recht, ich bin ungerecht, habe großes Unrecht.« Und sich Julius nähernd, welchem die Lust zu kommen schien, zu weinen, klopfte er ihm auf die Schulter und sagte in weit sanfterem Tone zu ihm: »Nun gut, lassen Sie hören, lieber Freund, was haben Sie mir zu sagen ... Was wünschen Sie von mir?«

Die Stirne des jungen Mannes heiterte sich auf und er antwortete in einem Zuge: »Mein Herr, ich habe Ihnen von Herrn Krächzer, Professor der Deklamation, erzählt, und Sie haben die Güte gehabt, mir zu versprechen, mich einmal bei ihm zu hören, damit Sie über meine Anlagen für das Theater urtheilen könnten. Ich wollte Ihnen nun sagen, mein Herr, daß übermorgen in der Mittagsstunde dort eine große Lektion stattfindet; man wird Fragmente aus Zaire und aus der Schule der Alten spielen, damit die Zöglinge um so leichter beurtheilt werden können. Ich soll eine bedeutende Rolle übernehmen, und wenn Sie kommen könnten, um mich zu hören ;...«

»Gut, ich werde kommen, Herr Julius, da Sie es wünschen.«

»Ah, mein Herr, es wird mich sehr glücklich machen. Sie wissen doch die Adresse des Herrn Krächzer, in der kleinen Heulerstraße?«

»Ja, Sie haben sie mir gegeben; ich hoffe, Sie werden es nicht übel nehmen, wenn dieser Herr mit mir kommt, sofern es ihm seine Zeit erlaubt.«

»O, ganz im Gegentheil, mein Herr, bringen Sie so viele Leute mit, als Sie wollen. Das wird meinem Professor sogar noch große Freude machen; er empfiehlt uns stets, unsere Bekannten mitzubringen, weil diese dann ein Publikum bilden und wir uns dadurch daran gewöhnen, vor den Leuten zu spielen; und wenn unsere Freunde nicht kommen, so holt er die Nachbarsleute und die Portiers aus der Nähe herbei, weil diese doch auch ein kleines Publikum ausmachen; aber wenn Sie etwa zu uns kämen, so werden Sie doch meiner Mutter und meinem Vater nichts davon erzählen?«

»Seien Sie unbesorgt; Sie haben mir Ihr Vertrauen geschenkt und ich werde dasselbe nicht mißbrauchen.«

»Also übermorgen, mein Herr.«

»Ja, Herr Julius.«

»Ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung, daß ich mir die Freiheit genommen, Sie zu belästigen. Ich wollte nur das Vergnügen haben, Sie davon zu benachrichtigen.«

»Das ist sehr schön von Ihnen; auf Wiedersehen.«

»Meine Herren, ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen!«

Julius entfernte sich fast rückwärts gehend, um sich noch mehrmals verbeugen zu können; als er fort war, rief Jenneval: »Dieser junge Mann gefällt mir sehr; seine Manieren haben noch die Frische, die Schüchternheit der Jugend. Was ich aber nicht begreifen kann, ist, daß er Sie bittet, seinen dramatischen Versuchen beizuwohnen, und daß Sie ihm versprochen haben, hinzukommen, um den Unterricht des Herrn Professor Krächzer mit anzuhören.«

»Was kann man machen, Doktor? Ich hatte ohne Zweifel einige Gründe, es diesem jungen Manne nicht abzuschlagen. Seine Mutter hat mir ihn dringend empfohlen; aber er ist leidenschaftlich für das Theater eingenommen, und ich fürchte, er möchte dadurch seine Zukunft gefährden. Wenn Sie übermorgen zur angegebenen Zeit nichts Besseres zu thun haben, und Sie mit mir zu diesem Lehrer der Deklamation gehen wollen ;...«

»O, ich acceptire Ihr Anerbieten von ganzem Herzen. Zaire und die Schule der Alten in der kleinen Heulerstraße vortragen zu hören, muß sehr interessant sein, und um Alles in der Welt würde ich diese Gelegenheit nicht unbenützt vorübergehen lassen. Ich habe im Conservatorium bisweilen die Schüler der Deklamationsklasse gehört, aber ich nehme an, daß es bei Herrn Krächzer viel pikanter hergehen wird. Indessen, wie wäre es, wenn wir jetzt den Versuch wagten, zu Mittag zu essen?«

»Ja, aber gehen wir schnell, damit uns nicht wieder ein Besuch über den Hals kommt.«

Herr Guerreville und der Doktor schlugen den Weg nach dem Quartier Latin ein, und fanden bald eine Restauration zu fünfundzwanzig Sous.

Sie traten in einen weiten, mit Tischen besetzten Saal, zwischen welchen nur so viel Raum übrig blieb, daß sich eine Person mit genauer Noth durchdrängen konnte; fast alle Tische waren besetzt, und der nämliche diente öfters mehreren Partien. Es ließ sich eine fortwährende Bewegung von Schüsseln, Tellern und Kellnern wahrnehmen; dazu ertönte das Geräusch der Gabeln, Gläser und Kinnbacken, wie das Sumsen eines Bienenschwarms; dann hörte man von allen Seiten des Saales fortwährend den Ausruf wiederholen: »Brod! Kellner! hieher Brod!«

Nicht ohne Mühe fand der Doktor zwei Plätze mitten an einem Tische, an welchem zwei junge Leute saßen, von welchen der eine einen mächtigen Bart à ;la Franz ;I., der andere einen Knoten an der Halsbinde hatte, der noch breiter war, als sein Hut. Der Erstere stritt sich mit dem Marqueur.

»Ich habe eine Portion Crème bei Ihnen bestellt.«

»Mein Herr, es ist keine mehr vorhanden.«

»Ich habe sie schon bei meiner Ankunft bestellt.«

»Mein Herr, da war schon keine mehr da.«

»Schon seit acht Tagen gibt es keine mehr, zu welcher Stunde ich sie auch verlangen mag. In diesem Falle muß man ein- für allemal erklären, daß man keine mehr macht ... Oder wenn Sie etwa zwei Dutzend Portionen für die zweihundert Menschen bereiten, welche hier speisen, so ist das eine saubere Wirthschaft. Ich werde nicht mehr hier speisen ... und alle meine Freunde werden es machen wie ich. Wir werden anderswohin gehen und Ihr Etablissement wird ruinirt sein! ... denn wir haben es empor gebracht, und wir werden es auch wieder herunterbringen, wenn es uns beliebt ;...«

Während er diese Worte sprach, erhob sich der junge Mann rasch, warf seine Serviette zornig auf den Tisch und ging mit drohender Miene davon, indem er noch einige Worte, wie: Sauwirthschaft und elende Kneipe! vor sich hinmurmelte.

»Sehen Sie nur, wovon das Glück abhängt,« sagte der Doktor. »Da steht eine Anstalt am Rande des Verderbens wegen einer Portion Crème ... Revolutionen haben zuweilen keine wichtigeren Ursachen.«

»Bah!« sagte der Kellner, das Couvert des jungen Mannes, der eben fortgegangen war, wegnehmend, »der wird froh sein, wenn er morgen wieder kommen kann. Wenn man auf alle diese Leute hören wollte, so müßte man allein zu ihrem Dessert noch dreißig Sous aus seiner Tasche zusetzen ... und dann essen sie Brod, daß es zum Erschrecken ist ... Was befehlen die Herren? Es gibt nur noch Beefsteaks, Kalbsbraten und Spinat.«

»So bringen Sie uns Spinat, Kalbsbraten und Beefsteaks.«

»Sehr wohl, die Herren sollen sogleich bedient werden.«

Während man für sie deckte und sie sich über das Mittagsbrod um fünfundzwanzig Sous hermachten, vergnügte sich der junge Mann mit dem großen Knoten an dem Halstuch damit, den Inhalt einer Pfefferbüchse in einen Senftopf zu schütten; dann warf er eine Handvoll Salz in eine Wasserflasche und versuchte es, Brodkügelchen in eine Oelflasche zu bringen.

»Errichtet doch menschenfreundliche Anstalten,« sagte Jenneval, »um dafür belohnt zu werden. Alle diese junge Leute würden sehr in Verlegenheit gerathen, wenn es keine billigen Gastwirthe gäbe. Hier bekommen sie für fünfundzwanzig Sous eine Suppe, etwa drei Schüsseln zur Auswahl, Dessert, ein Fläschchen Wein und Brod nach Belieben, das sie auch nicht schonen; und in der That, es ist Alles genießbar, besonders wenn man Appetit hat, der diesen Herren nicht zu fehlen scheint. Dagegen ist es ihre Lust, Pfeffer und Salz zu vermengen, den Senf und das Oel zu verderben, kurz demjenigen, der es unternommen hat, sie für weniges Geld satt zu machen, allen möglichen Schaden zuzufügen. Thut den Menschen nur Gutes und glaubt an ihre Erkenntlichkeit! ;...«

Herr Guerreville schüttelte das Haupt und stieß einen leichten Seufzer aus. Während des Essens durchlief er mit den Blicken den Saal, prüfte alle Gesichter und versank dann wieder in seine Betrachtungen, welche der Doktor niemals zu unterbrechen suchte, wenn Herr Guerreville sehr traurig schien; denn Jenneval hatte auch den Grundsatz, daß man die Leute nicht zwingen könne, heiter zu sein, und um sie zum Lachen zu bringen, müsse man den passenden Augenblick zu wählen wissen.

In den Restaurationen, in denen man zu festem Preise speist, wird man sehr schnell bedient; es scheint sogar, daß man Alles, was verlangt wird, Schlag auf Schlag bringt, um Einen gleichsam zur Eile zu nöthigen, damit man wieder Andern Platz mache.

Herr Guerreville und der Doktor hielten sich nicht lange bei dem Speisewirthe auf, sie gingen fort, der Eine nachdenklicher und trauriger als er gekommen war, der Andere, indem er sagte: »Es ist gar nicht übel hier, aber ich werde doch nicht wieder kommen.«

Nachdem sie einige Zeit stillschweigend neben einander hingegangen waren, sagte Jenneval endlich zu seinem Begleiter: »Sie scheinen mir diesen Abend noch sorgenvoller gestimmt, als heute Morgen; sollten Sie vielleicht bei dem Speisewirth Jemand gesehen haben, der Ihren Kummer erregt hätte?«

»Nein, Doktor, nein! Ach! wollte der Himmel, ich wäre denen begegnet, die ihn kennen, welche Schuld daran sind; aber nichts, immer nichts, das bringt mich zur Verzweiflung. Vergebens gehe ich überall hin, vergebens erkundige ich mich und durchrenne diese Stadt, kein Zeichen bringt mich auf die Spur derjenigen, die ich suche. Manchmal, Sie haben es gesehen, versuche ich zu lächeln, mir Muth zu machen, sogar mich zu zerstreuen; doch wenn Sie wüßten, wie wenig mir das möglich ist! In der Tiefe meines Herzens habe ich immer denselben Schmerz, dieselbe Erinnerung; und endlich, wenn ich müde bin, mir Zwang anzuthun, dann ist es mir Bedürfniß, zu träumen, zu seufzen, mich ungestört meinem Unglücke hinzugeben! Adieu, Doktor, Adieu, morgen sehen wir uns wieder.«

Jenneval versuchte es nicht, Herrn Guerreville zurückzuhalten; er wußte, daß unzeitig angebrachte Trostgründe belästigen und nicht beruhigen; er ließ seinen Freund allein nach seiner Wohnung zurückgehen und sagte zu sich: »Warten wir, bis er mir sein Vertrauen schenkt, dann erst will ich versuchen, seine Schmerzen mit ihm zu theilen.«

Des andern Tags, in aller Frühe, kehrte Herr Guerreville, der sehr bald ausgegangen war, um ein von seiner Wohnung ziemlich entferntes Stadtviertel zu besuchen, eben von dort langsam am Kai zurück, als ein Ausruf, der in seiner Nähe erscholl, und von einem ziemlich starken Geräusche begleitet war, seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Ein Wasserträger blieb vor Herrn Guerreville stehen und setzte so hastig die beiden Eimer, die er trug, auf dem Pflaster nieder, daß ein Theil des darin enthaltenen Wassers herausfloß und einen See zu seinen Füßen bildete. Dieser Mann betrachtete Herrn Guerreville mit einem schwer zu beschreibenden Ausdruck von Freude und Glück; er wollte sprechen, aber seine Bewegung war so stark, daß er nur die abgebrochenen Worte hervorbringen konnte: »Er ist es ... Ach! mein Gott! ... er ist es ... welche Wonne ... vor Entzücken ... ihn wieder ... wie glücklich bin ich.«

»Es ist Jerome!« rief seinerseits Herr Guerreville, der den Wasserträger wieder erkannte, und dem Auvergnaten die Hand reichte, der sich Anfangs zu fürchten schien, sie zu berühren, sie dann achtungsvoll ergriff, und endlich mit einer Kraft drückte, daß er sie fast zerbrochen hätte.

»Ja, ich bin's, mein Herr ... mein Herr Wohlthäter.«

»Lassen Sie das, Jerome, es war ja nur ein schwacher Dienst.«

»O! was Sie gethan haben, das war ein großer Dienst, Sie haben mich von der Noth, von dem Elend gerettet, von dem Teufel und seinem Gefolge, das bei mir war. O! Sie sind mein theurer Wohlthäter! Sehen Sie, Ihre Hülfe hat mir die Ruhe wiedergegeben, und mit diese, ist die Gesundheit sehr schnell zurückgekehrt. Ach Gott! wie arm waren wir! ... obgleich ich noch zu lachen versuchte, um meine arme kleine Zizine nicht zu betrüben! ... o! als sie mir Alles das brachte, was Sie in ihre Schürze gethan hatten ... Sie war auch so glücklich, das liebe Kind, und dann hätte sie Ihnen so gerne gedankt, besonders, als sie sah, wie ich vor Freude weinte.«

»Stille, stille, Jerome, lassen wir das!«

»O nein, mein Herr, ich muß mir Luft machen! Es ist schon so lange, daß ich Ihnen zu begegnen wünschte, um Ihnen meine Dankbarkeit zu bezeigen. Sehen Sie, es erstickte mich fast, das Alles auf meinem Herzen zu behalten. Verzeihen Sie mir, wenn ich mir erlaube, so mir nichts dir nichts mit Ihnen auf der Straße zu sprechen. Aber ich kann Sie ja sonst nirgends sehen.«

»Jerome, ich gehöre nicht zu den Leuten, welche sich etwas zu vergeben glauben, wenn sie mit einem Wasserträger sprechen, oder einem Handwerker die Hand drücken. Ich habe viele Leute gesehen, welche die Gleichheit in ihren Schriften predigten und doch für ihre Untergebenen sehr unzugänglich waren; ich aber, der ich nichts predige, weil ich Niemand zu bekehren hoffe, habe nie begriffen, wie man darüber erröthen kann, mit einem anständigen Manne zu sprechen, von welchem Stande er auch immer sein mag. Auch ich freue mich, Sie wieder getroffen zu haben, denn mehr als einmal habe ich an Sie gedacht. Ihre Lage, Ihre Zärtlichkeit für Ihr Kind haben mich lebhaft interessirt, und sind Sie nun glücklicher?«

»Glücklich! O Gott! mein Herr ... wie man will. Auf eine Art bin ich sehr glücklich, weil ich mich jetzt wohl befinde und meinen Lebensunterhalt verdienen kann; aber auf der andern Seite bin ich nicht mehr so vergnügt, wenn ich nach Hause komme, weil ich meine Kleine nicht mehr vorfinde, die ich so gerne auf meinen Knieen wiegte und schwatzen hörte.«

»Wie! Sie haben Ihre Tochter nicht mehr bei sich?«

»Ich will Ihnen das erklären, wenn Sie es mir gütigst erlauben wollen. Als Sie mir so viel Geld gegeben hatten, um meinen Hausherrn zu bezahlen, so war das das erste, was ich that; aber er ließ mir durch seinen elenden Schuhflicker von Portier sagen, daß ich am Termin nichtsdestoweniger ausziehen müsse, weil er seine Wohnung brauche. Ich sagte; das ist mir ganz gleich, da er mir nunmehr meine Möbel nicht mehr zurückbehalten kann, so werde ich wohl anderswo eine eben so hübsche Bodenkammer finden; und sobald ich wieder auf den Füßen war, was nicht mehr lange währte, so machte ich mich auf, eine andere Lagerstätte zu suchen; ich fand sie, wie ich sie wünschte, in einem schönen Hause der St. ;Honoréstraße, dessen Portier ein guter Mann war, der die armen Leute nicht roh behandelte. Nach Verfluß von zehn Tagen waren wir in unserem neuen Lokale im sechsten Stocke eingerichtet, zu dem doch wenigstens eine ordentliche Treppe führte, auf der man nicht Hals und Bein riskirte. Meine kleine Zizine ging deßhalb auch oft hinunter, sei es zur Obsthändlerin, oder um ein wenig mit der Kleinen des Portiers, die mit ihr von gleichem Alter war, zu spielen. In dem ersten Stock wohnte damals zufällig ein Fräulein mit ihrer Mutter. O! aber das waren reiche Leute, vornehme Leute! ... Trotzdem fiel dem Fräulein meine Zizinette, wenn sie ihr auf der Treppe begegnete, auf. Sie wissen doch, mein Herr, daß sie sehr artig ist, das liebe Kind, daß sie ein so vernünftiges, so bedächtiges Wesen hat, daß man sie für zwanzig Jahre alt halten könnte, wenn sie nicht so klein wäre. So fing denn das Fräulein aus dem ersten Stocke an, sich mit Zizinen zu unterhalten, und mit ihren Antworten zufrieden, ließ sie dieselbe zu sich ins Zimmer kommen, gab ihr Zuckersachen, Kuchen, kleine Hauben; endlich kam es so weit, daß das Fräulein keinen Tag ohne die Kleine sein konnte, und daß Zizine beständig bei ihr bleiben mußte. Ich wußte das, und Sie begreifen, daß ich darüber nicht böse sein konnte, denn ich sagte mir: dem lieben Kind wird es im ersten Stocke wohler sein, als im sechsten! Und alle Tage kam die Kleine mit neuen Geschenken herauf, welche ihr diese guten Damen gemacht hatten. Eines Tages ließen sie mich denn endlich auch zu sich hereinkommen: das machte mich zuerst ein wenig stutzig; aber das ist gleich, ich zog mich sauber an und begab mich zu Madame Dolbert, das ist der Name dieser Dame. Man ließ mich eintreten; ich fand die Mutter und die Tochter, und dann, wie gewöhnlich, meine Zizinette, welche mit zwei oder drei Puppen spielte. Die alte Dame (denn es ist eigentlich nicht die Mutter, sondern die Großmutter von Fräulein Stephanie, welche außer ihr keine Verwandte mehr hat) näherte sich mir und sagte: »Jerome, meine Enkelin liebt Ihre Kleine zärtlich, Sie sind Wittwer und können sich daher nicht recht mit ihr abgeben, wenn Sie darauf eingehen wollen, sie bei uns zu lassen, so werden wir die größte Sorgfalt für sie tragen; wir werden sie erziehen; sie hat schon so vielen Geist und Verstand, daß es Jammerschade sein wurde, die glücklichen Anlagen, welche sie von der Natur empfangen hat, nicht auszubilden. Meine Enkelin wird sich ein Vergnügen daraus machen, sie auch in der Musik und im Zeichnen zu unterrichten, kurz, wir würden sie wie unser Kind behandeln, und wenn sie groß sein wird, so verpflichtet sich meine Stephanie, abgesehen davon, daß sie in ihren Kenntnissen Hülfsmittel gegen alle Noth finden wird, ihr auch noch eine kleine Mitgift zu geben, wenn sie sich sollte verheirathen wollen. Nun! Jerome, verstehen Sie sich dazu, uns dieses Kind zu überlassen?« Ach Gott! Mein Herr, Sie begreifen wohl, daß ich über diesen Vorschlag ganz roth, ganz blaß, ganz verwirrt wurde l Mein Herz war schwer, vor Freude und vor Schmerz! Ich glaube sogar, daß Thränen aus meinen Augen drangen, denn meine kleine Zizine verließ all ihr Spielzeug und lief in meine Arme, indem sie sagte: Hast Du Kummer? Ich umarmte sie, ohne ihr sogleich antworten zu können, aber ich drückte sie fest an mein Herz, es schien mir schon, als ob es das letzte Mal wäre ;...«

Hier hielt Jerome inne, denn durch die Erinnerung an jenen Augenblick traten ihm aufs Neue Thränen in die Augen. Herr Guerreville, der nicht weniger bewegt war, drückte ihm die Hand und stammelte: »Armer Jerome!«

Der Wasserträger stieß einen tiefen Seufzer aus und fuhr dann fort: »Ich hatte nicht lange Zeit zu überlegen; es zerriß mir zwar das Herz, mich von meiner Zizine zu trennen, aber es war zu ihrem Wohle, zu ihrem Glücke; ich willigte ein.«

»Wie! Jerome, Sie konnten einwilligen, sich von Ihrer Tochter zu trennen, von Ihrem einzigen Kinde, von derjenigen, die Ihre alten Tage erheitern sollte?«

»Ich that es, damit sie glücklicher werde, mein Herr; es schien mir, als dürfte, als könnte ich dem nicht entgegentreten.«

»Ah! Sie haben da ein großes Opfer gebracht.«

»O! Gott weiß es, ja! es war ein Opfer. Indessen die Damen, welche mir den harten Kampf ansahen, sagten zu mir: »Sie können Ihre Tochter sehen, wann Sie wollen, so oft Sie es wünschen.« Und das beruhigte mich ein wenig. Zu Zizinetten sagte man nur: »›;Dein Vater will, daß Du hier schlafest und im ersten Stocke wohnest, statt in den sechsten hinaufzusteigen; aber er wird Dich, so oft er Zeit hat, besuchen.‹« Das liebe Kind wollte Anfangs nicht, es warf die Spielsachen bei Seite und rief: »›;Ich will lieber bei meinem Vater schlafen, ich will ihn nicht verlassen! Wenn er wieder sein Bett anzündete, so hätte er Niemand bei sich, es zu löschen!‹« Arme Kleine! Ich mußte mich böse stellen, um sie zu bewegen, nicht mehr in meiner Dachkammer zu schlafen! und noch mußte man ihr versprechen, daß sie oft zu mir hinaufsteigen dürfe! Das geschah dann und so wurde die Sache abgemacht. Zizine blieb bei Madame Dolbert. In den ersten Tagen besuchte ich sie oft, dann etwas seltener, denn ich befürchtete immer, zu stören, und ich befand mich in Gegenwart dieser vornehmen Damen nicht so recht behaglich; aber ich faßte mich, weil ich sah, daß die Kleine gut aufgehoben war. So standen die Sachen, als vor sechs Wochen die Damen ihre Wohnung veränderten; sie verließen die Saint Honoréstraße, um nach dem Boulevard de la Madeleine zu ziehen. Ach Gott! ich konnte nicht mitziehen, denn ich habe in jenem Stadtviertel keine Kunden. Ich mußte also meine Kleine sich weit von mir entfernen sehen, und wage nun nicht, oft zu ihr zu gehen; nicht etwa, daß sie mir weniger Anhänglichkeit erwiese ... o nein! im Gegentheil, das liebe Kind springt mir an den Hals, sobald sie mich erblickt; aber die Arbeit nimmt mich den ganzen Tag in Anspruch, und des Abends muß ich essen und schlafen, um den andern Morgen wieder anfangen zu können. So, mein lieber Herr, ist es mir ergangen. Es ist ein großes Glück für meine Kleine, welche wie eine vornehme Dame erzogen wird; aber es ist eine große Entbehrung für mich, sie nicht mehr jeden Abend und jeden Morgen küssen zu können.«

Jerome hatte seine Erzählung beendet und trocknete sich die Augen mit seinem Sacktuch; Herr Guerreville schien auch ganz ergriffen, indem er zu ihm sagte: »Ich wünsche, Jerome, daß Sie das, was Sie gethan haben, niemals mögen zu bereuen haben. Aber sich von seinem Kinde zu trennen! Nun, Sie können sie wenigstens täglich sehen. Arme Kleine! Ich begreife wohl, daß man eine solche Zuneigung zu ihr fassen konnte, sie ist wirklich anziehend; und ihre Beschützerin, sagen Sie, nennt sich Madame Dolbert?«

»Ja, mein Herr.«

»Und wohnt Boulevard de la Madeleine?«

»An der Ecke der Straße Duphot.«

»Ich werde suchen, Erkundigungen einzuziehen, um zu erfahren, ob Ihre Tochter auch wirklich in guten Händen ist. Und Ihnen, Jerome, gebe ich hier meine Adresse, besuchen Sie mich; bringen Sie mir bisweilen Nachricht von sich, erzählen Sie mir von Ihrer Tochter; ich bin auch Vater, und ich liebe meine Tochter ebenso zärtlich, als Sie die Ihrige lieben ... darum werde ich Sie immer mit Vergnügen anhören.«

»Ach! mein Herr, das ist zu viel Güte ... ich danke Ihnen dafür recht sehr, und werde gewiß von Ihrer Erlaubniß Gebrauch machen ... ich werde das Glück haben ;...«

»Ja, besuchen Sie mich, Jerome, wir plaudern dann von Ihrem Kinde; Adieu!«

Herr Guerreville entfernte sich, nachdem er noch zuvor dem Auvergnaten die Hand gedrückt, und Jerome sagte zu sich, indem er seine Wassereimer wieder aufhob: »Ein so braver Mann! ... Sollte er nicht glücklich sein! ... An was denkt alsdann die Vorsehung! ;...«

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