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Charles Paul de Kock: Zizine - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorPaul de Kock
titleZizine
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. A. Benedikt.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090630
projectid904da7b7
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Sechstes Kapitel

Der Tag der Begegnungen

Acht Tage nach dieser Begebenheit fand Herr Guerreville eine Wohnung in der Helderstraße, die ihm gefiel; er ließ sie sogleich anständig möbliren und lichtete sich mit seinem treuen Georg darin ein.

Den Tag nach seinem Einzuge schrieb Herr Guerreville, um sein, dem Doktor Jenneval gegebenes Versprechen zu erfüllen, an denselben, fügte seine Adresse bei und lud ihn ein, sobald er nach Paris komme, ihn zu besuchen.

Indessen hörte Guerreville, obgleich er für sich keine Wohnung mehr nöthig hatte, dennoch nicht auf, in die Häuser zu gehen, an welchen geschrieben stand: Wohnung zu vermiethen, und überall brachte er, wie er es bei Herrn Fourré gethan, die Portiers zum Plaudern, da er mehr über die Bewohner, als über die Wohnungen Auskunft zu erhalten wünschte, welche letztere ihm nur zum Vorwande dienten, um wo möglich die Person, welche ihn unaufhörlich beschäftigte, wiederzufinden.

Mehr als einmal hegte Guerreville den Wunsch, Jerome und die kleine Zizine wieder zu sehen, aber immer, wenn er sich anschickte, zu dem Auvergnaten zu gehen, hielt ihn der Gedanke zurück: wenn ich hingehe, wird da der arme Mann nicht glauben, ich komme, um mir den Dank für das Wenige zu holen, was ich für ihn gethan habe?

Und Herr Guerreville wandte sich nach einer andern Seite, indem er dachte, es sei besser, den Besuch des Doktors Jenneval abzuwarten, um diesen dann zu bitten, hinzugehen und sich nach der Gesundheit des armen Wasserträgers zu erkundigen.

Eines Tages, als Herr Guerreville auf den Boulevards spazieren ging und die Blicke nach seiner Gewohnheit auf die Hausthüren richtete, um die Aushängetafeln zu lesen, kam ihm eine Dame entgegen, die ihn scharf ansah, dann mit dem Ausruf auf ihn zulief: »Ich täusche mich nicht ... Sie sind es, Eduard! Sie sind es gewiß! ;...«

Herr Guerreville betrachtete seinerseits diese Dame, die schon nahe an den Vierzigen war, aber noch gut aussah, und deren Kleidung und Haltung anzeigten, daß die Koketterie derselben nicht fremd geblieben. Zwei braune, noch sehr zärtliche und anziehende Augen waren auf Herrn Guerreville mit einem Ausdruck gerichtet, der mancherlei vermuthen ließ; doch der, welchem diese Augensprache galt, schien durch diese Begegnung mehr unangenehm als angenehm berührt zu sein, und erwiderte in einem sehr kalten Tone: »Ja, Madame, ich bin es ... Sie täuschen sich nicht.«

»Ach! wie freue ich mich. Sie wieder zu sehen! ... es ist schon lange her! ... O! das heißt, ich bin Ihnen einmal begegnet ... vor ungefähr drei ober vier Jahren ... und Sie haben mir versprochen, mich zu besuchen ... aber Sie sind nicht gekommen ... Es ist sehr unrecht, seine alten Bekannten so zu vernachlässigen ... ich, ich bin so glücklich, Sie wieder zu sehen ... O Gott! wie aufgeregt bin ich ... ich muß sehr blaß aussehen ;...«

»Sie sind zu gütig, Madame!«

»Zu gütig! ... Ach! ja, das ist wahr, ich bin immer zu gut gewesen ... und Sie wissen auch davon zu sagen ... aber ich ändere mich nicht mehr ... es ist jetzt schon zu spät ... Aber wie! Sie fragen mich nicht einmal nach Agathen ... Ihrer Pathe?«

»Ach! verzeihen Sie! eben wollte ich fragen.«

»O! wenn Sie wüßten, wie hübsch jetzt meine Tochter ist; ein so feines, graziöses, nobles Gesicht ... sie ist ganz das Ebenbild von ... von Jemand, an den ich immer gedacht habe.«

Und die zwei braunen Augen dieser Dame suchten von Neuem die des Herrn Guerreville, der sie aber niederschlug, indem er sagte: »Wie alt mag nun Ihre Tochter sein?«

»Wie alt? Nun bald achtzehn Jahre; es scheint mir, daß Sie ihr Alter eben so gut berechnen könnten, wie ich; aber ich sehe, Sie haben Alles vergessen ... Für Sie hat die Vergangenheit nicht einmal Rückerinnerungen, wie ich bemerke ... O diese Ungeheuer von Männern ... Es sind Undankbare, die wir selbst dazu machen! ;...«

Diese Betrachtung war von einem tiefen Seufzer begleitet: Herr Guerreville schien ihn nicht zu bemerken und fuhr fort: »Und Ihr Gemahl, wie befindet er sich?«

Diese Frage schien der Dame ein wenig ungelegen zu kommen, und sie antwortete mit etwas gereizter Miene: »Mein Mann befindet sich, dem Himmel sei Dank, sehr wohl; Herr Grillon ist niemals krank; ich habe nie wahrgenommen, daß er einen Anfall von Fieber gehabt hätte ... es ist ein so sorgloser Mann ... von einem so glücklichen Charakter! ... wenn nur sein Mittagsessen Punkt fünf Uhr bereit steht, ist ihm alles Uebrige gleich ... Hätte er nicht eine ordnungliebende und gescheite Frau bekommen, wie ich bin, die ihn leitet, wenn er Geschäfte machen will, so würde es jetzt schlimm mit uns stehen! ... Aber glücklicher Weise war ich immer da und verbesserte die Thorheiten meines Mannes. Wenn ich mir daher auch einige Schwachheiten vorzuwerfen habe, so glaube ich doch von der andern Seite nur Lobeserhebungen zu verdienen ... Ich sage das nicht, um mich zu entschuldigen; aber Ihr Benehmen gegen mich hat mir hauptsächlich viel Kummer gemacht ... Wahrhaftig, wenn man auch aufhört, in eine Person verliebt zu sein, so ist dies noch kein Grund, sie ganz zu verlassen ... kann man nicht einige Freundschaft bewahren? ... Sprechen Sie doch, mein Herr, Sie gelobten mir ja einst, stets mein Freund zu bleiben ;...«

Dies sagend, streckte sie eine Hand aus, und ergriff die des Herrn Guerreville, der sie, wie aus Gefälligkeit, gewähren ließ.

»Eduard, was habe ich denn gethan, daß Sie es gänzlich unterließen, mir Nachricht von sich zu geben? ... Sie dachten wohl niemals an Euphemien ... an jene arme Euphemie, die Sie Mimie nannten ;...«

»Ach! mein Gott, Madame!« rief Herr Guerreville, ihr hastig seine Hand entziehend, »wenn man jung ist, sagt man vielerlei, wobei man nichts denkt ... Wenn man sich an alle die Thorheiten erinnern wollte, die man begangen hat ... würde man oft selbst darüber erstaunen.«

Madame Grillon, oder Euphemie, biß sich in die Lippen und schwieg; sie schien sich sogar entfernen zu wollen; aber Herr Guerreville, der sich bereits über den rauhen Ton ärgerte, in welchem er mit ihr gesprochen hatte, fuhr fort: »Verzeihen Sie mir, Madame, ich fühle in Wahrheit, daß ich sehr wenig liebenswürdig bin ... ich erwidere Ihre Freundschaft schlecht; aber, Sie wissen ... ich war jederzeit ein wenig schnell und aufgeregt. Und seitdem Sie mich nicht gesehen haben, hat der Kummer meine Gemüthsart so sehr verdüstert, daß ich mich oft eines einzigen Wortes ... des geringsten Umstandes wegen, zu Regungen des Zorns, der Ungeduld hinreißen lasse, über die ich nachher erröthe. Ach! meine Gesellschaft hat nichts Angenehmes mehr! ... Ich bin nicht mehr jener Eduard, den Sie einst gekannt haben! ... und die Zeit hat meinen Charakter noch mehr als meine Züge verändert.«

»Ach! Sie sind stets für mich der einzige Mann, der mein Herz klopfen macht ... Ich finde Sie nicht verändert! Wenn Sie wieder lächeln wollten, wären Sie noch derselbe ... Sie haben Kummer gehabt, armer lieber Freund! ... Aber Sie haben mir ihn nicht anvertraut! ... Als ich Ihnen das letzte Mal begegnete, es sind jetzt vier Jahre, da werden Sie sich wohl erinnern, daß ich es merkte, daß Sie ein geheimer Kummer drücke, und damals bat ich Sie, mir denselben mitzutheilen; aber Sie haben meine Tröstungen zurückgewiesen.«

»Weil es Qualen gibt, die kein Trost mildern kann, und solche muß man, wie mir scheint, in der Tiefe seines Herzens bewahren.«

»Aber, mein Gott, was ist Ihnen denn so Schreckliches begegnet? Sind es pekuniäre Verluste? O! nein, ich kenne Sie zu gut, um nicht gewiß zu sein, daß Sie dergleichen Ereignisse mit Philosophie ertragen würden. Sie sind Wittwer ... und der Tod Ihrer Frau mußte Sie tief betrüben; denn ich weiß, daß Sie sie sehr liebten, obgleich Sie ihr häufig untreu waren ... Aber die Männer haben das Vorrecht, die Liebe mit der Unbeständigkeit zu vereinigen: das ist ein Recht, das sie sich angemaßt haben, und dessen sie sich in vollem Maße bedienen. Kurz, Sie liebten Ihre Frau zärtlich; aber seit ihrem Tode sind, wie ich glaube, beinahe zehn Jahre verflossen, und ich habe Sie seitdem traurig, aber nicht verzweifelt gesehen. Sie hatten eine Tochter ... eine Tochter, die Sie anbeteten ... von der Sie mir ohne Unterlaß erzählten. Sollte Ihrer lieben Pauline etwas widerfahren sein?«

Bei dem Namen Pauline veränderten sich die Züge Guerreville's; eine düstere Wolke bedeckte seine Stirne, seine Blicke senkten sich zu Boden, und er stotterte mit bewegter Stimme: »Nein ... nein ... meiner Tochter ist nichts widerfahren ... aber seit langer Zeit ist sie nicht mehr bei mir ... sie ist verheirathet.«

»Was! Ihre Tochter ist verheirathet, und Sie konnten sich entschließen, sich von ihr zu trennen?«

»Ich mußte wohl ... Es war zu ihrem Glücke.«

»Wo wohnt sie denn jetzt?«

»Weit von hier ... in der Dauphiné ;...«

»Und Sie?«

»Ich! nun, ich bin in Paris ... und habe die Absicht, mich einige Zeit hier aufzuhalten ;...«

»Sie wollen sich in Paris niederlassen! Haben Sie denn Ihre schöne Besitzung in der Nahe von Orleans nicht mehr? ;...«

»Doch ... Aber seit meine Frau todt und ... meine Tochter verheirathet ist ... hat es mir da nicht mehr gefallen ... Darum bin ich auch einige Zeit gereist ... und will nun ein wenig in Paris bleiben.«

»O! wie freue ich mich darüber ... ich hoffe, daß Sie uns besuchen werden ... Sie werden nicht wie ein Einsiedler leben ... Sie werden die Welt nicht fliehen ... und Ihre Pathe ... Ihre kleine Agathe, haben Sie denn gar kein Verlangen, sie zu sehen, sie zu küssen? ... Ich, ich habe ihr oft von ihrem Pathen erzählt, die arme Kleine, sie hat Sie fast zwölf Jahre nicht mehr gesehen. O! ja, so lange ist es gewiß, daß Sie nicht mehr in unser Haus gekommen sind, sie wird Sie vielleicht nicht wieder erkennen ... aber ich will, daß sie morgen gehe und ihrem Pathen ihre Aufwartung mache ... Meine Kammerfrau wird sie zu Ihnen bringen ... denn meine Tochter geht nie allein aus. Erlauben Sie es, mein Herr?«

»Ohne Zweifel ... Indeß ... Ihr Gatte ;...«

»O! mein Mann ... Sie wissen wohl, daß er nichts im Hause anzuordnen hat! ... ausgenommen sein Mittagessen ... Uebrigens liebt Sie Herr Grillon sehr, und wird entzückt sein, Sie wieder zu sehen. Er hat mich mehrere Male gefragt, ob ich keine Nachrichten von Ihnen habe, und ich werde ihn sehr erfreuen, wenn ich ihm sage, daß Sie in Paris sind ... Ah! geben Sie mir doch Ihre Adresse ... denn Sie wären im Stande, uns auch jetzt noch nicht zu besuchen; auf jeden Fall aber werde ich Ihnen meine Agathe schicken ... Ich will, daß Sie sehen, wie hübsch sie ist ... wie ähnlich ihrem ... Aber, mein Gott, das scheint Ihnen ganz gleichgültig zu sein« ... Ach! die Männer, die Männer! sie bleiben nicht lange liebenswürdig.«

Herr Guerreville zog aus seiner Tasche eine Karte mit seinem Namen und seiner Wohnung, und übergab sie an Madame Grillon, die sie in ihre Tasche steckte, ihm die Hand drückte und zu ihm sagte: »Agathe wird kommen, ihren Pathen zu küssen ... alsdann, mein Herr, werden Sie uns aus Freundschaft für dieses Kind vielleicht der Ehre werth halten, uns bisweilen zu besuchen.«

Hierauf trennten sie sich; die Dame lächelte und Herr Guerreville zwang sich, ihr Lächeln zu erwidern.

Herr Guerreville setzte seinen Weg fort, indem er über die Begegnung nachdachte, die er so eben gemacht hatte. Der Anblick der Madame Grillon hatte ihn an eine Epoche seines Lebens erinnert, in welcher die Galanterie eine große Rolle spielte. Damals nahmen die Frauen, die Liebe, all seine Zeit in Anspruch; der Anblick einer neuen Schönheit erweckte stets seine Begierden und bereitete ihm neue Triumphe. Damals wußte der Mann, dessen Aeußeres so kalt und ernst geworden war, zu lächeln, ein Herz zu fesseln, und seine Freimüthigkeit und Lebhaftigkeit hatten einen Reiz, dem wenige Frauen zu widerstehen vermochten.

Herr Guerreville konnte einen leichten Seufzer nicht unterdrücken, als er sich diese glückliche Zeit seines Lebens ins Gedächtniß zurückrief, und doch würde er, wäre eine Rückkehr möglich gewesen, sich dieses Glück nicht zurückgewünscht haben.

In dem Augenblick, wo er in sein Haus zu treten im Begriffe war, erinnerte er sich, daß er Handschuhe habe kaufen wollen; er setzte daher seinen Weg fort und sah sich nach einem Laden um, in welchem solche zu haben wären. Er bemerkte bald ein kleines Magazin von Parfümerie- und Krämerwaaren. Er trat ein; eine Dame saß allein am Zähltische; Herr Guerreville richtete die Blicke kaum auf die Verkäuferin, er verlangte Handschuhe, und während man ihm solche suchte, setzte er sich vor dem Zähltische nieder.

Man öffnete, man durchsuchte die Pakete; die Verkäuferin schien ganz verwirrt, sie brachte Männer- und Frauenhandschuhe unter einander, und vermengte die Farben, weil sie ihre Blicke nicht von Herrn Guerreville ließ, der gar nicht auf sie achtete und wieder in seine Betrachtungen versunken war.

»Diese hier werden Ihnen vielleicht passen,« sprach sie endlich mit zitternder Stimme.

Herr Guerreville hielt die Hand hin, fühlte aber, daß man sie ihm sanft drückte, ohne den Versuch zu machen, ihm die Handschuhe anzuprobiren; er erhob nun seine Augen zu der Verkäuferin und Beider Blicke begegneten sich.

»Maria! ;...« rief Herr Guerreville.

»Ja, mein Herr, ja ... Maria ... Sie sind wohl hier eingetreten, ohne zu wissen, daß dieser Laden mir gehört?«

»Wer hätte mir es sagen können? ... Und wenn ich es gewußt hätte ;...«

»So wären Sie vielleicht nicht eingetreten.«

»O! das habe ich nicht gesagt!«

»Aber ich ... ich bin überzeugt davon ... Doch der Zufall war mir günstig und ich fühle mich glücklich, daß Sie, beim Vorbeigehen hier, Handschuhe nöthig hatten.«

Diese Worte wurden mit mehr Traurigkeit als Verdruß ausgesprochen, und Herr Guerreville blieb verlegen stehen, ohne zu wissen, was er antworten sollte.

Die Verkäuferin war eine Frau von sechsunddreißig Jahren, weiß, blond und recht hübsch. Ein über ihre Züge ausgebreiteter Ausdruck von Traurigkeit erhöhte ihre Reize noch. Sie war von feinem, zarten Wuchse und hatte ein jugendliches Benehmen, und alle diejenigen, welche ihr Alter nicht kannten, waren überzeugt, die liebenswürdige Frau sei nicht über dreißig Jahre alt. Als man daher einen großen, jungen, schon kräftigen und wohlgebauten Mann bei ihr sah, dessen Züge viel Ähnlichkeit mit denen der Verkäuferin hatten, so sagte man: »Das ist Ihr Bruder, nicht wahr, Madame?«

Aber die hübsche Parfümeriehändlerin umarmte den großen Jungen zärtlich und antwortete: »Nein, es ist mein Sohn!«

»Ihr Sohn? ... Aber das ist nicht möglich ... Ihr Stiefsohn wollen Sie sagen!«

»Nein, es ist mein Sohn, ich bin seine rechte Mutter.«

»Aber wie alt ist er denn?«

»Bald neunzehn Jahre.«

»Ach, mein Gott! ... wer hätte das geglaubt! ... Sie Madame, schon einen Sohn von neunzehn Jahren! ... da müssen Sie sehr jung geheirathet haben.«

Und die Ausrufungen des Erstaunens begannen von Neuem, und wiederholten sich so oft, als Julius im Laden stand und ein neuer Kunde eintrat. Oft sogar langweilten Madame Gallet all' die faden Schmeicheleien, die sie anhören mußte; aber sie war Verkäuferin und genöthigt, Alles dies mit freundlicher Miene aufzunehmen.

An diesem Tage war der Sohn der Verkäuferin nicht im Laden, aber die Mutter hätte da gerade gerne gewünscht, daß er anwesend gewesen wäre, und ihre Blicke richteten sich oft nach dem Boulevard, in der Hoffnung, dort ihren Sohn zu bemerken; in gleichem Maße vermied sie es, in den Hinterladen zu sehen, wo sich ein etwa vierzig Jahre alter Mann, mit einem langen, magern und ziemlich häßlichen Gesichte befand, der die Augenbrauen zusammenzog, indem er in den Registern nachschlug und seine Rechnungsbücher berichtigte, ohne sich im mindesten um das zu kümmern, was in dem Laden vorging, so sehr schien ihn seine Arbeit in Anspruch zu nehmen.

Herr Guerreville probirte und wählte sich Handschuhe; die Frau hinter dem Zähltische sah ihn öfters prüfend an, schlug dann die Augen nieder oder richtete ihre Blicke nach der Thüre; aber sie schien es nicht mehr zu wagen, ihn anzusprechen.

»Es scheint mir, Madame, Sie haben gute Geschäfte gemacht,« sagte endlich Herr Guerreville, indem er sich umsah; »dieser Laden ist geschmackvoll, wohl assortirt und in einem schönen Stadttheile gelegen.«

»Wenn man sein ganzes Leben hindurch arbeitet, so muß man wohl endlich etwas zusammenbringen ... Geld verdienen, das ist der einzige Gedanke meines Mannes ... das war stets der Beweggrund aller seiner Handlungen.«

»Und im Uebrigen ... macht Sie Herr Gallet glücklich?«

»Glücklich! ja, so wie ich es sein kann ... Er behandelt mich nicht schlecht, aber ich habe ihn auch in den achtzehn Jahren, in denen wir verheirathet sind, nie um einen Ruhe- oder Erholungstag gebeten. Ich war immer da, saß immer in dem Gewölbe ... zuerst in einem kleinem, sehr einfachen Laden, dann in einem schöneren, zuletzt hier.«

»Dies einförmige Leben muß Sie langweilen.«

»Nein, ich bin daran gewöhnt, und möchte es nicht mehr vertauschen ... denn wenn ich so in meinem Laden sitze, oft ganz allein, so kann ich nach Gefallen meinen Gedanken nachhängen, und darin beruht mein Glück! ... Meine Erinnerungen ... immer meine Erinnerungen.«

Mariens Stimme verrieth ihre Bewegung, man sah ihr an, daß sie sich Gewalt anthat, um ihre Thränen zurückzuhalten. Herr Guerreville zerknitterte in seiner Hand die Handschuhe, die er anprobiren wollte; er war selbst gerührt, obgleich er sich bemühte, es nicht zu scheinen; er hustete zu wiederholten Malen, machte einige Gänge durch das Gewölbe, betrachtete sich den Mann im Hintergrunde, der an seine Bücher wie angenagelt saß, ging dann wieder an den Zähltisch und fragte mit leiser Stimme: »Aber haben Sie nicht noch einen andern Trost?«

Maria erhob den Kopf und sah Herrn Guerreville an; ein Ausdruck der Freude belebte alle ihre Züge und sie rief: »Ah, Sie haben es doch nicht vergessen! Ich wollte sehen, ob Sie mit mir darüber sprechen würden ... ob Sie noch an ihn denken, an das arme Kind, meinen Abgott, meinen Schatz ... meinen Sohn ... Ihren ... O, aber mein Gott! sagen Sie mir doch wenigstens, daß Sie ihn ein wenig lieben ... daß Sie ihn sehen ... umarmen wollen; sagen Sie mir dies, mein Herr, damit ich das für eine Mutter süßeste Vergnügen empfinde, damit mein Herz noch einmal vor Freude aufjauchze! ... O! ja ... ja ... nicht wahr, Sie haben den Wunsch, ihn zu sehen?«

»Maria! Maria! ... Still ... nehmen Sie sich in Acht, wenn man Sie hörte ;...«

»O, es hat keine Gefahr! Man berichtigt die Bücher ... man hat keine Lust, auf mich zu hören; zudem war Herr Gallet niemals eifersüchtig ... Konnte er es auch sein? Als er mich heirathete, wußte er wohl, daß ich die Frucht einer schwachen Stunde unter meinem Herzen trug ... die Frucht meiner Liebe zu einem Andern! ... Ich habe ihm nichts verschwiegen ... er hatte nicht das Recht, mir einen Vorwurf zu machen, weil ich ihn nicht zu täuschen suchte. Er sagte mir, er sei Philosoph ... er würde mein Kind wie das seine lieben und ihm seinen Namen geben. Die fünfzehntausend Franken, die ich von Ihnen erhalten, überwanden alle Hindernisse; ich, meinerseits, würde es vorgezogen haben, nie zu heirathen und mit meinem Sohne allein zu bleiben, aber Sie waren der Ansicht, daß ich Herrn Gallet heirathen sollte, und ich habe gehorcht.«

»Es scheint mir, daß Sie es nicht bereuen dürfen; heute hat Ihr Sohn einen Namen ... Sie selbst, haben ein Geschäft, sind geachtet ... Maria! die Fehler der Jugend werden durch eine gute Aufführung verwischt und vergessen.«

»Ja, aber auch die Glückseligkeit wird verwischt ... Doch es mußte so sein! ... und Sie, mein Herr, sind Sie glücklich? ... Ach! ich habe oft für Sie gebetet ... denn ich dachte immer an Sie ... Ihre Frau? ;...«

»Meine Frau ist nicht mehr! ... ich habe sie vor zehn Jahren verloren.«

»Ihre Frau ist todt! Welches Unglück! sterben, wenn man so glücklich ist ... wenn man nichts zu wünschen hat ... denn Sie liebten sie und sie sah Sie täglich ... Arme Frau! Ach! ich wünschte, ich wäre an ihrer Stelle gewesen und auch schon gestorben. Aber Sie haben Kinder?«

»Ich habe nur eine Tochter, welche verheirathet ist ... und weit von mir entfernt lebt. Deßhalb habe ich mich in Paris niedergelassen ... wo ich es versuchen will, mich ein wenig zu zerstreuen.«

»Sie bleiben in Paris? O! dann, wenn Sie es erlauben, wird mein Sohn Sie besuchen ... nur hie und da ... ich hoffe, das wird Sie nicht belästigen. O, Sie glauben gar nicht, wie gut er ist, mein lieber Julius; er ist schon ein Mann. Denken Sie daran, daß er achtzehn und ein halbes Jahr alt ist ... aber er ist voll Talent ... voll Geist ... und verbindet damit ein gutes Herz, einen ausgezeichneten Charakter.«

»Was treibt er?«

»Er hat in einer Pension studirt, aber seine Studien bereits beendet. Ich hätte gewünscht, daß er irgend einen ausgezeichneten Stand ergriffen hätte, wobei Ruhm zu erwerben ist, wobei man sich einen Namen macht ... wie die Advokatur, die schönen Wissenschaften; aber mein Mann, der nur an den Handel denkt und nur Geld zu verdienen sucht, will seinen Sohn als Commis behalten, weil Julius ihm sehr nützlich ist. Unter uns, ich glaube, mein Sohn möchte gerne Künstler werden; er ist in das Theater vernarrt und spricht mir fortwährend davon; jede Stunde, über die er verfügen kann, bringt er im Theater zu. Das gibt sogar manchmal Anlaß, daß Gallet ihn auszankt, und ihm vorwirft, daß er all sein Geld für die Komödie ausgebe ... er hat vielleicht nicht Unrecht, denn dieser Enthusiasmus von Julius für das Theater läßt mich manchmal befürchten, er könnte Lust bekommen, Schauspieler zu werden ... Das wäre ein großes Unglück, nicht wahr?«

»Warum? wenn er wirklich Talente hätte ... einen entschiedenen Beruf ;...«

»O, mein Herr! das ist so selten. O nein, ich möchte nicht, daß mein Sohn Schauspieler würde, und ich glaube, es würde Ihnen auch mißfallen. Da mein Julius Sie besuchen wird, so bitte ich Sie, mein Herr, ihn von seiner Neigung zum Theater abzubringen.«

Mit welchem Rechte darf ich mir erlauben ihm Rathschläge zu geben? Warum glauben Sie, daß er darauf hören werde?«

»Nun ... weil ... ich weiß nicht ... es scheint mir, daß er auf Sie hören, Sie achten müsse; ich werde ihm sagen, Sie seien ein alter Freund meiner Familie, Sie hätten mich gekannt ... beschützt, als ich eine Waise war. Wollen Sie, daß ich ihm dies sage?«

»Ich verlasse mich auf Sie, Maria, daß Sie Ihrem Sohne nichts sagen werden, was jemals die Achtung schmälern könnte, die er vor seiner Mutter haben muß.«

»O! wenn man die Leute recht liebt, so achtet man sie auch immer ... Also morgen wird Ihnen mein Sohn die Handschuhe bringen, die Sie ausgesucht haben ... Sie wünschen es, nicht wahr?«

»Ja, Madame.«

»Wenn ich nun auch nicht zu hoffen wage, mein Herr, daß Ihnen mein Anblick angenehm sei, so würde es mich doch sehr glücklich machen, wenn Sie beim Vorbeigehen an diesem Laden gerade etwas nöthig hätten.«

»Sie dürfen überzeugt sein, Madame, daß ich diesem Magazine stets den Vorzug geben werde ... Hier ist meine Adresse ... Sagen Sie Ihrem Sohne, daß ich stets bis gegen Mittag zu treffen bin.«

»O! ich werde es nicht vergessen.«

»Adieu, Madame.«

»Adieu, mein Herr.«

Herr Guerreville wechselte einen letzten Blick mit der Verkäuferin, dann verließ er den Laden und ging nach Hause, indem er sagte: »Sonderbarer Tag! ... Das waren Begegnungen, die ich nicht erwartete! ... Arme Frau! ... Alles das war meinem Gedächtnisse entschwunden!«

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