Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Charles Paul de Kock: Zizine - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorPaul de Kock
titleZizine
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. A. Benedikt.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090630
projectid904da7b7
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel

Aushängetafeln

Einige Tage nach der Unterhaltung, welche er mit dem Doktor Jenneval gehabt, hatte Herr Guerreville seinem Diener Georg befohlen, ihre Reiseeffekten zusammenzupacken, und den folgenden Morgen fuhren sie in einer Postchaise nach Paris.

Unterwegs ließ Georg, der bei seinem Herrn im Wagen saß, hie und da einen Ausruf der Freude vernehmen, aber er unterdrückte denselben auch alsbald wieder, aus Furcht, seinem Herrn zu mißfallen. Georg war noch nie in Paris gewesen. In der Bretagne geboren und dort zum Soldaten ausgehoben, hatte sein Regiment, während der ganzen Zeit, daß er die Flinte trug, nicht ein einziges Mal in der Hauptstadt in Garnison gelegen; hernach war er gerade zu dem Zeitpunkte in die Dienste des Herrn von Guerreville getreten, als dieser, nachdem er lange auf Reisen gewesen, sich in Château Thierry niedergelassen hatte, wo sie drei Jahre verweilten.

So oft Halt gemacht wurde, um die Pferde zu wechseln, sah Georg überall herum und bemühte sich, etwas zu entdecken, das die Nähe der großen Stadt andeutete. Aber Paris läßt sich nicht wie das Meer schon von der Ferne vernehmen, und oft ist noch eine halbe Meile von der Stadt Alles still, einsam und armselig.

Zum Glück für Georg ist die Entfernung von Château-Thierry nach Paris nicht groß. Der Exsoldat sah sich bald in der Mitte einer neuen Welt: die Läden, die Equipagen, die Vorübergehenden, Alles setzte ihn in Erstaunen, betäubte ihn; er hielt sich für betrunken, als er mit seinem Herrn in ein schönes Hôtel in der Straße Richelieu eintrat.

Herr Guerreville nahm ein Zimmer, welches die Aussicht auf die Straße hatte, und Georg sagte zu sich: »Mein Herr wird sich hier nicht gut befinden, da er die Ruhe und die Einsamkeit so sehr liebt; er wird hier nicht ruhen können.« Und den andern Morgen, als er bei seinem Herrn eintrat, erlaubte er sich zu sagen: »Der Herr hat wohl nicht gut hier geschlafen; man hört zu sehr das Geräusch von der Straße.«

»Ich bin an das Geräusch von Paris gewöhnt,« erwiderte Guerreville lächelnd: »O! mein braver Georg, ich bin in dieser Stadt geboren ... ihr Geräusch, ihr Treiben und ihre Vergnügungen haben mich lange angezogen ... das macht Dich staunen, Georg; weil ich jetzt traurig und zurückgezogen bin, hast Du Mühe, zu glauben, daß ich heiter und ausgelassen sein konnte, wie die jungen Leute, die Du hier vor unsern Augen vorübergehen siehst, und deren einzige Beschäftigung zu sein scheint, sich sehen zu lassen und über Alles, was sie sehen, zu lachen. Aber auch ich war jung ... und war nicht besser als die Andern ... vielleicht sogar schlimmer. Indessen suchte ich mich nie für besser auszugeben als ich war ... und es ist eine Tugend, seine Fehler nicht zu verbergen; es gibt sehr viele Leute, welche im Gegentheile sich Tugenden beilegen wollen, die sie nicht besitzen!«

Herr Guerreville schien eher ein Selbstgespräch zu führen und laute Reflexionen zu machen, als mit seinem Diener zu sprechen. Demungeachtet hörte ihm Georg achtungsvoll zu und wartete, bis sein Herr ausgesprochen hatte, um ihn zu fragen, ob er frühstücken wolle.

Herr Guerreville kleidete sich rasch an, nahm zu Georgs großem Erstaunen nach dem Frühstücke seinen Hut und ging aus.

»Es scheint, wir werden hier kein Leben führen wie in Châtteau-Thierry,« sagte Georg, als er seinen Herrn sich entfernen sah, »wir werden nicht mehr leben wie die Wölfe ... das ist mir lieber ... es ist weit angenehmer, in Gesellschaft zu rauchen.«

Und wirklich war es auch nicht Herrn Guerreville's Absicht, in Paris ein zurückgezogenes Leben zu führen; er war mit dem Vorsatz nach Paris gekommen, noch einen Versuch zu machen, um eine Person wiederzufinden, von welcher er seit langer Zeit vergeblich Nachricht erwartete; diese Person hatte er schon einmal in Paris und dann in verschiedenen Ländern gesucht; er war drei Jahre lang in der Hoffnung gereist, ihr zu begegnen, und in Verzweiflung darüber, daß es ihm nicht gelungen, hatte er sich nach Château-Thierry zurückgezogen, wo er während dreier Jahre nur seinen Sorgen und seinem Kummer lebte, sich jedoch zuweilen der Hoffnung hingab, eine angenehme Nachricht würde seinem Schmerze ein Ziel setzen; aber nach langem, vergeblichem Harren, konnte er dem Drange, nach Paris zurückzukehren, nicht mehr widerstehen. Denn Alles ließ ihn vermuthen, dort müsse sich die Person befinden, die er suchte. Es gibt ein altes Sprüchwort, welches sagt: Suchet, so werdet ihr finden. Das Sprüchwort ist grundfalsch, denn es gibt tausend Sachen, die ich schon oft gesucht habe, ohne sie je finden zu können; und meine Leser werden mir glauben, daß es weder der Stein der Weisen, noch das Verjüngungswasser war, was ich suchte. Herr Guerreville war auch nicht glücklicher und sagte zu sich selbst: »Wie kann man in Paris Jemand finden, der sich daselbst unter einem unbekannten Namen verbirgt? Wie ist es möglich, sich in dieser unermeßlichen Stadt zurechtzufinden, in der man jeden Augenblick, ohne es zu wissen, an der Wohnung desjenigen vorbeigehen kann, den man in weiter Ferne wähnt?«

Diese Betrachtungen machte er, indem er auf gut Glück in der Stadt umherspazierte; dabei stießen seine Blicke jeden Augenblick auf Zettel, welche an den Häusern angeschlagen waren oder heraushingen; es fiel ihm ein, daß er nicht in einem möblirten Hôtel bleiben wollte, und er sich daher eine Wohnung suchen mußte; ferner bedachte er, daß die Aushängezettel herrliche Hülfsmittel sind, um Jemand in einer großen Stadt aufzufinden, und er dankte der Vorsehung, die ihm ein Mittel an die Hand gegeben, an das er nicht gedacht hatte. Zudem ist es auch ein Zeitvertreib, sich die Wohnungen anzusehen, welche zu vermiethen sind, und man hat dabei Gelegenheit, mancherlei Scenen zu betrachten; für einen Denkenden ein herrliches Mittel, sich zu unterrichten. Wenn ihr nichts zu thun habt, zwecklos umherschlendert und euch zerstreuen wollt, ohne den Muth zu haben etwas daran zu setzen, so machet von diesem Mittel Gebrauch; es gibt nichts Unschuldigeres, kostet nichts und ermüdet bloß eure Beine; in Paris gibt es immer Wohnungen zu besehen; man kann nicht dreißig Schritte in den Straßen oder Boulevards machen, ohne Aushängetafeln zu bemerken, und manche darunter sind höchst drollig verfaßt. Ich spreche hier nicht von der Orthographie! ... in Paris hält man sich bei dieser Kleinigkeit nicht auf, das beweisen die Aushängetafeln am besten. Die Buchstabenanstreicher bekümmern sich wenig um die Meinung, welche die Fremden von unserer Unwissenheit bekommen müssen; diese Herren, welche sich Künstler schimpfen lassen, verstehen es, Fraktur- oder gothische Buchstaben durch Schablonen über die Thüre eines Ladens zu klecksen, haben sich aber nie mit der Grammatik abgegeben. Und da sich Viele derselben dem Buchstaben nach bezahlen lassen, so wollen sie deren auch so viel als möglich anbringen und schreiben deßhalb Spezereien mit zwei Z zwei R, und zwei N am Schlusse.

Kehren wir jedoch zu dem Kapitel »Zu vermiethen« zurück. Ihr werdet mir vielleicht sagen: »Ich habe keine Lust, auszuziehen« ... aber was thut das? deßhalb kann man doch Wohnungen so viel man will ansehen. Ihr werdet dabei gar Manches wahrnehmen, während es euch nur um das Besehen der Wohnungen zu thun scheint! Ehestandsscenen, Familienscenen, Damen im Négligé, oft noch paradiesischer costümirt; hier einen Herrn, der übler Laune ist, weil er in seiner Arbeit gestört worden; dort eine junge Dame, die es noch mehr ist, weil sie gerade Musikstunde hatte und ihr junger Lehrer ihr etwas Anderes als die Scala vorsang; hier eine Köchin die noch ärger brudelt als ihr Braten, von dem sie weggehen muß und der anbrennen kann; dort eine reiche Dame, welche befürchtet, die Wohnungsuchenden möchten etwas Anderes suchen wollen und Diebe sein (was auch manchmal vorkommt), weßhalb sie ihnen durch alle Zimmer folgt, ohne sie einen Augenblick aus dem Gesichte zu verlieren, dann, sobald sie fort sind, umherläuft, um sich zu überzeugen, daß ihre Uhr, ihr Silberzeug und ihr Sekretär noch am rechten Platze sind; hier verschämte Arme, die nur mit einer sehr mäßigen Schüssel Mittag machen und auf zinnernem Geschirr speisen ... O! was diese betrifft, so ist es Einem gewiß recht leid, sie bei Tische getroffen zu haben, man thut, als ob man ihre Speisen nicht bemerke, welche sie rasch unter ihre Teller zu verstecken suchen; man entfernt sich, ohne sich den Anschein zu geben, daß man ihre Schüssel mit Kartoffeln gesehen habe, welche sie sich zu essen beeilen, während sie sehr laut und mit auffallender Betonung sagen: »Das Hühnchen war gut, das Hühnchen war vortrefflich!«

Sehet, welche Dinge euch die Aushängezettel versprechen, und ich habe noch nicht den hundertsten Theil erwähnt. Ohne einzutreten, könnt ihr euch schon an den Anschlägen an der Thüre ergötzen. Da schauet hin und leset: Schöne Wohnung für einen ledigen Herrn mit einem Keller und Spiegeln geschmückt; und dort: Großes Logis mit Stallung und Remise, frisch tapezirt; und anderwärts: Schönes möblirtes Kabinet, im Hintertheil erst kürzlich reparirt.

Seit mehreren Tagen ging Herr Guerreville gleich nach dem Frühstück aus und brachte die ganze Zeit bis zum Mittagessen mit dem Besehen von Wohnungen hin. Verweilen wir mit ihm vor einem Hause der Straße Montmartre, über dessen Eingang Aushängetafeln hin- und herschaukeln. Herr Guerreville trat ein und bemerkte an der linken Seite die Loge des Portiers; er klopft an ein viereckiges Fenster, es erfolgt keine Antwort, aber man gibt ihm ein Zeichen, daß er den Knopf an einer Scheibe umdrehen soll; er öffnet sie und steckt seinen Kopf durch, aber ist versucht, ihn sogleich wieder zurückzuziehen; ein starker Geruch von Kohl, Knoblauch und Leder bemächtigt sich zu gleicher Zeit seiner Nase und seiner Kehle. Es befanden sich hier in einem Raume von ungefähr fünf Quadratfuß zwei Kinder, die sich auf dem Boden herumwälzten, eine Frau, die ein drittes an der Brust hatte, während sie zugleich ihren Kochtopf abschäumte, und ein schmutziger, gelber und häßlicher Mann, der den Absatz auf einen Stiefel nähte, indem er trillerte:

Gebt mir mein Vaterland zurück,
Wo nicht so laßt mich sterben.

Herr Guerreville entschloß sich endlich doch, die Ausdünstungen, die aus der Loge kamen, einzuathmen, und indem er zugleich an sich selbst die Frage stellte: wie ist es möglich, Kinder in dieser Atmosphäre aufzuziehen? richtete er an den Portier die gewöhnliche Frage: »Was ist in diesem Hause zu vermiethen?« Der Portier beugte sich hier über ein Brett weg, das ihm als Werktisch diente, und begann nach der Gewohnheit dieser Art Leute damit, denjenigen, der an ihn diese Frage stellte, von oben bis unten zu messen, dann entschloß er sich zu erwidern: »Wir haben mehrere Lockalle, große und mittelmäßige; es kommt darauf an, was der Herr darauf verwenden will ... Frau, gib auf den Kleinen Acht, er wird sonst in den Topf purzeln.«

In der That hatte sich die Frau des Portiers so sehr übergebogen, um nach ihrer Kohlsuppe zu sehen, daß ihr Säugling, der sich vom Busen losgemacht hatte, einem sehr großen Stücke Speck, welches sich hartnäckig über dem siedenden Wasser hielt, Gesellschaft zu leisten drohte.

»Kann man die Wohnungen nicht sehen?« fragte Herr Guerreville.

»O ja, mein Herr, man kann sie jeden Augenblick sehen ... ich werde Sie führen, denn der Hausbesitzer verlangt, daß wir die Leute selbst führen ... dies ist seinerseits eine Schwachheit ... damit wir auf die Vorzüge des Lockalles aufmerksam machen. Frau, gib auf den Kleinen Acht, der Schlecker will sich an den Speck machen.«

Der Portier verläßt seinen Stiefel, sucht sich durch seine verkrüppelten Kinder und alten Schlarfen, welche die Loge ausfüllen, einen Weg zu bahnen, und gelangt endlich bis zu Herrn Guerreville, der das Lächeln nicht unterdrücken konnte, da er ihn nun aufgerichtet sah; sitzend schien der Mann von gewöhnlichem Wuchse zu sein, aber stehend war er nicht so groß wie ein Besen; seine ganze Person steckte im Rumpfe, seine Beine und Schenkel bemerkte man kaum, was jedoch den schuhflickenden Portier nicht hinderte, sich im Gehen wie ein Tambour-Major hin- und herzuwiegen.

»Sucht der Herr ein Wirthschafts lockall? ;...« – Vielleicht. – »Ah! gut! ... mit Küche?« – Ohne Zweifel. – »Sehr gut! Frau, gib auf den Kleinen Acht ... Haben Sie Kinder, mein Herr?« – Bei dieser Frage konnte Herr Guerreville eine heftige Bewegung nicht unterdrücken, die dem Portier Schrecken einjagte; er entgegnete diesem trocken: »Was kümmert Sie das, ob ich Kinder habe? Werden Sie mit Ihren Fragen bald zu Ende sein?«

»Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich Sie das fragte, aber der Hausbesitzer liebt die Kinder nicht, er hat die Schwachheit, zu behaupten, das ruinire die Häuser.«

»Wie kommt es alsdann, daß er Sie als Portier beibehält?« – Ah! das ist wahr, sehr wahr ... die Bemerkung ist richtig ... aber, sehen Sie, meine Kröten dürfen nicht aus der Loge heraus; sie sind hinein konzinknirt ... niemals ... sonst setzt es Belehrungen mit dem Knieriemen ab. Wollen Sie kommen, mein Herr ... Frau nimm den Kleinen in Acht?«

Herr Guerreville folgte dem Portier, der sich endlich entschloß, die Treppe hinaufzusteigen. Sie kamen in den ersten Stock.

Der Portier blieb stehen und sagte mit höhnisch lächelnder Miene: »Nicht hier ... Sie sehen doch die Platte auf der Thüre. Hier wohnt ein Advokat ... Auf dieser Seite ist das Arbeitszimmer, hier arbeiten die Schreiber ... o! wie die Pferde ... wie meine Frau sagt, welche zuweilen in die Studirstube kommt, um den jungen Leuten Tisane zu bringen. Diese jungen Schreiber verbrauchen sehr viel Tisane, sie haben oft den Schnupfen; aber der Herr arbeitet eben so stark ... o! fest! Er ist jedoch auch noch ein junger Mann; aber er will Geld verdienen, darauf hat er es abgesehen. Er ist seit Kurzem verheirathet ... und hat vielleicht seine Stelle mit der Mitgift seiner Frau bezahlt; eine kleine Frau, die nicht besonders schön aber um so böser ist. Ich höre sie oft in meiner Loge mit der Köchin handthieren ... Ah! gut, daß ich gerade davon spreche, es ist eben die Zeit, in welcher das Donnerwetter gewöhnlich losbricht ... lächerliche Geschichte! Uebrigens ist ihr Mann, der Advokat, auch nicht heiterer als nöthig; man will sogar behaupten, seine Frau sei ihm mit sammt seinem Posten zum Ekel ... O! o! wie lustig war der, ehe er Advokat wurde! er war der erste Schreiber auf dem Biero, sang den ganzen Tag und machte selbst Wodiewilllieder für die große Opera. Nun singt er freilich nicht mehr, dafür hat er einen schönen Lehnstuhl mit rothem Leder und einen Schlafrock wie ein Türke, wie meine Frau sagt.«

Herr Guerreville hörte das Alles mit der größten Geduld an, wie Jemand, der in der Hoffnung, unter vielem Schund eine interessante Neuigkeit zu erfahren, sich mit einem unermüdlichen Schwätzer in ein Gespräch einläßt.

Der Portier hatte sich auf das Treppengeländer gleichsam wie auf ein Pferd gesetzt und wollte in seiner Unterhaltung fortfahren, als sich die Thüre des Arbeitszimmers öffnete: ein junger Mann mit einem Stoß Akten unter dem Arm trat heraus, und der Thürhüter sagte sogleich zu ihm: »Herr Benjamin, ich bin schon an Ihrem Absatze, ich darf nur noch fünf oder sechs Nägel einschlagen.«

»Sehr gut, Herr Fourré, vergessen Sie nicht, daß Sie mir die Stiefel schon auf morgen früh versprochen haben.«

»Ja, Herr Benjamin, ich habe es versprochen und Schustersparole geht über Alles.«

Herr Fourré, da wir nun doch einmal wissen, daß das der Name des Portiers ist, wandte sich zu Herrn Guerreville, indem er sagte: »Das ist eines von den Bieropferden. O Gott! wie das trampelt! ... so nützt er seine Schuhsohlen ab! ... Auch bin ich immer hinter seinen Absätzen her! ... Aber er hat die Schwachheit, zu verlangen, daß ich ihm Hufeisen auf sie setzen soll, als ob er ein wirkliches Pferd wäre! ... Pfui! das ist eine schlechte Manier ... das hält viel zu lange... Wollen Sie mir folgen, mein Herr? Mein Gott, ich fürchte, meine Frau gibt auf den Kleinen nicht Acht!«

Und Herr Fourré bog die Hälfte seines Körpers über das Treppengeländer und schrie so laut er konnte: »Athenais, nimm den Kleinen wohl in Acht!«

Man war im zweiten Stock angekommen; hier blieb der Portier vor einer Thüre stehen, und schickte sich an zu klingeln, als er sich, wie wenn ihm plötzlich etwas eingefallen wäre, zu Herrn Guerreville mit den Worten wandte: »Apropos! Haben Sie Hunde?«

»Nein.«

»Das ist gut! Denn das ist wiederum eine Schwachheit des Hauseigenthümers; er behauptet nämlich, die Hunde verunreinigen die Treppen ... er hat unendlich viele Schwachheiten dieser Mann ... er hat sich durch seinen Handel mit Brennholz ein großes Vermögen erworben, ist aber jetzt häkeliger als ein Graf vom reinsten Wasser! ... Sie werden mir zwar sagen, wir sind Alle sterblich! Ich will indessen klingeln.«

»Einen Augenblick,« sagte Herr Guerreville, »was ist das für eine Wohnung, die Sie mir zeigen wollen?«

»Es ist die schöne, die große, sechs Zimmer und eine Küche ... in der Runde herum ... zwei Eingänge ... preußische Oefen. Preis zwölfhundert Franken und ein Sou Trinkgeld vom Franken; ferner muß die Beleuchtung der Treppe besonders bezahlt werden.«

»Ist diese Abtheilung bewohnt? ;...«

»Ja, von anständigen Leuten: Einem Manne, dessen Frau, ihrer Köchin und einem kleinen Kammermädchen, um die Kleider der Frau zu heften, die stets aussieht, als ob sie ersticken wolle. Der Mann spielt an der Börse, wie man mir sagte, aber da er ungefähr fünfundzwanzig Jahre mehr auf dem Rücken hat als seine Ehehälfte, die jung und schön ist, so verursacht ihm das ein wenig Ohrensausen. Dieser Mann ist jalousie! ... Er kommt manchmal unversehens zurück, wenn man glaubt, er sei beim schönsten Spiel auf der Börse. Wenn er mich sodann frägt, ob Jemand gekommen sei, hat er sogar etwas Wildes im Blicke, und ich, Sie können sich's wohl einbilden, sage immer nein, wenn ich gleich ja sagen sollte ... Die kleine Frau ist so großmüthig! ... sie überhäuft meine Familie mit Geschenken ... Frugalitäten ... und endlich, Sie begreifen ... wir sind Alle sterblich. Auch ist sie mit aller Gewalt gegen das Ausziehen, die Frau nämlich! ... aber der Mann besteht darauf, weil er gegenüber einen neuen Nachbar bemerkt hat, einen jungen, hübschen, brühnetten Mann, mit einem Schnauzbarte, der ihm ganz um den Hals herumgeht; dieser junge Mann ist stets am Fenster, wenn Madame sich daran zeigt! ... was wollen Sie! ... lächerliche Geschichte.«

Der Portier klingelt; ein junges Kammermädchen öffnet; Herr Fourré nimmt seine Fischottermütze ab und grüßt mit freundlicher Miene:

»Guten Tag, Mamsell Laide; entschuldigen Sie, Mamsell Laide, wir kommen wegen der Wohnung ... kann man sie sehen?«

»Ja, Herr Fourré, Sie können eintreten.« – Ich küsse Ihnen die Füße, Mamsell Laide ... wissen Sie ... das kleine Fleckchen an Ihrem wunderhübschen prunellnen maikäferflügeldeckenfarbenen Schühchen ... mein Gott! was für ein Füßchen, um so etwas anziehen zu können! ... Da kann man sagen, das ist ein Fuß und damit ist Alles gesagt!«

Mamsell Laide antwortete auf diese Schmeichelei mit einem lauten Gelächter, und Herr Guerreville trat in die Wohnung.

Man durchschritt ein Vorzimmer, einen Speisesaal, dann einen geschmackvoll dekorirten Salon, ohne Jemand zu bemerken. Das schien den Portier zu geniren, der zu dem jungen Kammermädchen sagte: »Ist Ihre Herrschaft abwesend? ich habe sie doch nicht ausgehen sehen.« – Herr und Madame sind im Schlafzimmer. – »Ah so! ... und werden wir sie nicht belästigen, wenn wir dort eintreten? ;...«

»Durchaus nicht! Ich sagte Ihnen ja, es ist der Herr und die Frau.« – Richtig! ... Mamsell Laidchen ist doch immer schelmisch.«

Herr Guerreville erklärte sogleich, daß er das Schlafzimmer nicht sehen wolle; aber der Portier hatte schon eine Thüre links geöffnet, und als er den Mann und die Frau, die er darin wußte, erblickt hatte, zog er sich zurück, klopfte an die Thüre und rief: »Darf man eintreten? ... entschuldigen Sie ... es ist wegen der Wohnung.«

Ein Herr von mittleren Jahren saß einige Schritte von einer jungen, hübschen Frau entfernt, welche nur den Fehler hatte, daß sie etwas zu umfangreich war, deren regelmäßige Züge jedoch an die schönen Gesichter erinnerten, welche Dubuffe, vielleicht ein wenig zu oft, in seinen Gemälden anbringt, und denen man noch lieber begegnet, wenn sie lebendig sind.

Die Frau erwiderte auf anmuthige Weise den tiefen Gruß des Herrn Guerreville, der sich wegen der Störung entschuldigte. Der Mann aber konnte eine Bewegung der Ungeduld nicht unterdrücken, und seiner verdrießlichen Miene sah man es an, daß er alle Wohnungsuchenden zum Teufel wünschte.

Fourré betrachtete sie Beide, dann richtete er einen lächelnden Blick auf Laiden.

»Hier sind große Schränke,« sagte der Portier, um Guerreville, der schon grüßte und sich entfernen wollte, zurückzuhalten.

»Es ist gut, ich brauche sie nicht zu sehen.«

»Aber Sie haben noch lange nicht Alles gesehen, mein Herr ... hier ist ein Ankleidezimmer. Darf man eintreten, Mamsell Laide? ;...«

»Ich wiederhole Ihnen, daß es unnöthig ist,« erwiderte Herr Guerreville, indem er das Zimmer verließ; Herr Fourré war genöthigt, ihm zu folgen, was er sehr ungern that, indem er vor sich hinbrummte: »Hm! armer, lieber Mann! ... Du verstehst auch nichts vom Logismiethen, geh! ;...«

»Die Küche ist gegenüber,« rief der Portier, als er sich mit Herrn Guerreville wieder in dem Vorsaale befand. – »Es ist gut, ich weiß, was eine Küche ist, und brauche diese nicht zu sehen. – »Teufel! Sie sind auch gar nicht neugierig ... wenn ich eine Wohnung zu suchen hätte, würde ich sogar bis unter die Betten sehen ... nun! gefällt Ihnen dieses Lockalle?« – Ich werde sehen, ich will es überlegen ;... – »Die Dame ist artig, nicht wahr? und großmüthig; wenn ihr Mann nicht hier gewesen wäre, hätte sie mir sicher etwas gegeben. Unter uns, dieser Mann hier ist ein Despotismus ... Wollen der Herr vielleicht jetzt die kleine Wohnung sehen?« – Sehr gern. – »Adieu Mamsell Laide ... ah! sie ist nicht mehr da! Gleichviel ... das kleine Kammermädchen ist eine schlaue Katze.«

Man gelangte in den dritten Stock; Fourré zeigte auf eine Thüre, indem er sagte:

»Hier ist es nicht; in diesem Stocke sind die Lockalle abgetheilt. Hier wohnt ein Angestellter bei der Stadt, mit seiner Frau, Leute im besten Alter; er geht jeden Morgen um neun Uhr aus und kommt um halb fünf Uhr wieder nach Hause: das ist recta; seit vier Jahren, die er im Hause wohnt, habe ich nicht bemerkt, daß es bei seinem Ein- und Ausgehen um fünf Minuten variationirt hat: das ist ein Mann nach der Schnur! ... Abends geht er bis um neun Uhr ins Kaffeehaus, und nur Sonntags erlaubt er sich bis um zehn Uhr auszubleiben. Die Frau, ist ganz das Abbild ihres Mannes ... man möchte sagen seine Zwillingsschwester ... jeden Tag um elf Uhr geht sie aus, um ihre Einkäufe zu machen und kommt um Mittag zurück; dann würde sie nicht einmal aufstehen, um den Fastnachtsochsen vorbei promeniren zu sehen. O! das sind wirklich sehr achtungswerthe Leute.«

»Und gegenüber?« fragte Guerreville, der nicht müde zu werden schien, ihn anzuhören.

»Gegenüber ist gerade die Wohnung, die ich Ihnen zeigen will; das ist ein anderer Apropos! Da muß man beständig die Thürschnur ziehen ... Stellen Sie sich eine dicke Wittwe vor, die zwei Töchter hat und Abendgesellschaften gibt, in welchen ihre Töchter Musik machen müssen ... ein Höllenlärm! ... die tappen auf dem Clavier herum, daß ich in meiner Loge darnach tanzen könnte. Alles hat Zutritt, und jeden Abend muß ich für diese Leute das Thor aufsperren; wenn sie wenigstens auch freigebig wären, so würde ich sagen: Wir sind alle sterblich! ... ich weiß aber nicht, was ihr Geld für eine Farbe hat, und manchmal ist noch um Mitternacht eine Abendgesellschaft bei ihnen, man tanzt, man singt, man treibt's wie im Tollhaus; diese Leute sind der Tod des Portiers. Man sagt, die Mutter empfange deßhalb so viele Leute, weil sie hoffe, auf diese Art ihre Töchter an Mann zu bringen, aber wer wird sich an denen vergreifen? Ich bin gewiß, daß die so arm ist wie Hiob; das hat nicht einmal eine Hausmagd: die Töchter besorgen Alles, die Küche, die Zimmer, die Schuhe ... und dann spreizt sich das ... stellt sich vor das Piano und schlägt darauf, um sich einen Anstrich von Virtulosität zu geben, wie meine Frau sagt. O! die machen mich schwitzen; mich ... ich will klingeln ... Ei, apropos, haben Sie Katzen?«

»Nein.«

»Wieder gut! Denn der Hauseigenthümer hat auch die Schwachheit die Katzen zu verabscheuen, weil, wie er behauptet, diese Thiere nicht zu den wohlriechenden gehören.«

Herr Fourré hing sich an die Klingel und zog daran, als ob er sie abreißen wollte; eine junge Dame von etwa zwanzig Jahren öffnete; sie hatte die Haare in der Mitte des Kopfes mit einem Kamme, an dem nur noch drei Zähne waren, zurückgesteckt und hielt in der einen Hand ein Brenneisen für die Locken, in der andern ein Stück Butterbrod; sie war noch in der Bettjacke, obgleich es schon stark auf vier Uhr ging.

»Wir kommen, um die Wohnung zu sehen,« sagte der Portier, mit ungezogener Miene, ohne auch nur die Hand an die Mütze zu legen.

»Gut, sehen Sie sie,« antwortete die Demoiselle, drehte sich um, ließ die, welche geklingelt hatten, stehen, und ging essend davon.

»Das hat keine Spur Lebensart,« sagte Herr Fourré; »zum Glück kenne ich die kleinsten Schlupfwinkel im Hause. Kommen Sie, mein Herr, und gehen Sie nach Gefallen weiter. O! machen Sie Lärm, so viel Sie wollen, hier braucht man sich nicht zu geniren.«

Herr Guerreville folgte dem Portier, indem er die Unverschämtheit beobachtete, mit der dieser Mann die Miethsleute behandelte, von denen er kein Trinkgeld erhielt; als er aber sah, in welchem Zustande sich die Wohnung der Wittwe und ihrer Töchter befand, so war er zu glauben versucht, daß an der Beschreibung des Herrn Fourré etwas Wahres sei.

Der Speisesaal war noch nicht gekehrt; in der Mitte des Zimmers befanden sich Schuhe und Brodkrusten; auf einem Tische lag ein dickes Haargeflechte neben einer Flasche englischer Wichse.

Herr Fourré stieß mit seinem Fuß die Schlappschuhe weg, welche ihm im Wege lagen und sah Herrn Guerreville an, indem er vor sich hin brummte: »Was habe ich Ihnen gesagt ... das ist fein! Das ist proper! ... wenn meine Frau das sähe, würde sie vor Aerger bersten, sie, die nicht einen Floh auf ihrem Körper leiden kann, ohne sich gleich nackt wie ein Wurm auszuziehen, um Jagd auf das Innzekt zu machen ... O, das ist aber noch nichts ... die Fortsetzung folgt.«

Der Portier öffnete eine Thüre, welche zum Schlafzimmer dieser Damen führte; die Betten waren noch nicht gemacht. Mieder und Strümpfe lagen auf den Stühlen umher; und gewisse unentbehrliche Möbel, die man gewöhnlich zu verstecken pflegt, waren wie zur Schau auf dem Marmor der Nachttische aufgestellt.

Herr Fourré zog eine zinnerne Dose aus der Tasche und nahm auf auffallende Weise mehrere Prisen, indem er halblaut raisonnirte: »Ah! mein Gott! ... man sagt mit vollem Recht, der Tabak ist der Tröster des Mannes ... ist Ihnen eine Prise gefällig, mein Herr?«

Guerreville wies die ihm dargereichte Dose zurück, und der Portier steckte sie wieder in die Tasche, indem er sagte: »Sie müssen einen Stockschnupfen haben, denn sonst ;...«

Eine kolossale Frau von ungefähr 50 Jahren, mit einem ungeheuren rothen Turban auf dem Kopfe, als ob sie auf den Ball gehen, im Uebrigen aber gekleidet, als ob sie auf den Markt gehen wollte, war eben daran, sich ihre Schuhe zuschnüren zu lassen; das junge Mädchen, welches die Thüre geöffnet hatte, lag vor der dicken Frau auf den Knieen; sie hatte ihr Butterbrod auf den Boden gelegt und schwitzte große Tropfen, um das Fußgestell ihrer Frau Mutter möglichst fein herzudressiren.

Herr Guerreville brachte einige Entschuldigungen vor und wollte sich zurückziehen; die dicke Frau jedoch widersetzte sich dem, indem sie rief: »Bleiben Sie doch, mein Herr ... das Zimmer ist noch nicht aufgeräumt, aber Sie wissen wohl, wie es in einer Haushaltung geht ... Ziehe, meine Liebe, ziehe immerhin ... Wir hatten gestern ein lyrische Abendgesellschaft; meine Töchter haben gesungen ... man blieb sehr lange ... Laura, meine liebe Freundin, Du ziehst nicht genug ... sehen Sie sich um, mein Herr, sehen Sie sich um, geniren Sie sich nicht.«

Und die dicke Frau hob ihr Bein ein wenig mehr in die Höhe, so daß man eine Fleischmasse sehen konnte, in der jede Spur einer Wade verschwunden war; dann wandte sie sich von Neuem an ihre Tochter: »Laura, ist Deine Schwester am Piano? Sie soll die Arie von Benjowsky wiederholen, denn sie muß sie heute Abend vor einem Professor des Conservatoriums singen:

Welch' neuer Tag für mich! Welch' Wechsel des Geschicks!

Ach! Wie schön das ist, Gott, wie schön! ... das wird niemals veralten, das ... so ziehe doch an, mein liebes Kind!«

Während die Dame mit dem Turban sprach, hörte man in dem anstoßenden Zimmer die Töne eines Piano. Herr Guerreville wollte sich nicht länger in dem Schlafzimmer aufhalten, obgleich die dicke Mama wiederholte: »Sehen Sie sich nach Gefallen um, mein Herr, ich bitte Sie darum.«

Er ging in den Salon.

Ein junges Frauenzimmer, bereits frisirt und mit einem Stirnband, saß am Piano und sang, indem sie sich selbst dazu begleitete; die Ankunft eines Fremden störte sie nicht; im Gegentheil, sie schien die volle Stärke ihrer Stimmmittel dergestalt entwickeln zu wollen, daß die Fensterscheiben zu springen drohten. Herr Fourré lächelte mit spöttischer Miene, indem er halblaut vor sich hin sagte: »Habe ich Sie nicht versichert, daß ich es in meiner Loge höre?«

Herr Guerreville war nicht gesonnen, dem Concerte beizuwohnen, und wollte sich daher entfernen, als die dicke Mama, die ihn absichtlich zu verfolgen schien, mit einem Schnürstiefel an dem einen und einem Pantoffel an dem andern Fuße hereintrat, von ihrer Tochter Laura begleitet, welche den Mund noch voll und ein neues Butterbrod in der Hand hatte.

»Nun! mein Herr, wie finden Sie sie?« fragte die Frau, indem sie sich an Herrn Guerreville wandte. Dieser, in der Meinung, sie spreche von der Wohnung, erwiderte: »Ein wenig zu hoch.«

»Wie, zu hoch ... mein Herr? Aber es ist doch die Orchesterstimmung, meine Tochter richtet sich immer darnach!«

»Ah! verzeihen Sie, Madame, ich glaubte, Sie sprechen von dieser Wohnung. Ihr Fräulein Tochter singt sehr gut.«

»Nicht wahr, mein Herr? Sie sind Beide sehr musikalisch. Die Aeltere spielt auch die Castagnetten. Diesen Winter war sie, als Andalusierin verkleidet, auf einem mittelalterlichen Ball ... einem Ball, auf dem es sehr vornehm herging; und den ganzen Abend hörte sie während des Tanzes nicht auf, die Castagnetten zu spielen, und ihre Arme wie zu einem Bolero zu bewegen; es war entzückend!«

»Ich glaube es, Madame.«

»Ich gebe sehr oft Bälle: wenn man erwachsene Töchter hat, muß man sie unter die Leute bringen; man amüsirt sich bei mir sehr gut!«

Man sieht, daß die dicke Mama, angezogen durch das freie und vornehme Wesen des Herrn Guerreville, vor Begierde brannte, ihn zu ihren Abendgesellschaften einzuladen; aber dieser ließ sie nicht dazu kommen, sondern entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung, vom Portier gefolgt, während die jüngere Tochter einen Orgelton erklingen ließ, und die ältere sich mit Butterbrod vollstopfte.

»Nicht wahr, hier geht es drollig zu?« fragte der Portier, als sie in dem Vorsaale waren. Herr Guerreville begnügte sich zu lächeln, indem er erwiderte: »Ist das Alles, was Sie mir zu zeigen haben?«

»Ja, denn ich setze voraus, daß Sie nicht im vierten Stocke wohnen wollen ... Dort ist ein Dachstübchen, zur Seite des Herrn Fluttmann, eines Schneidergesellen; ein guter Kerl, ein Deutscher: nur ist es Schade, daß er die Schwachheit hat, die Flöte spielen zu wollen; sobald er in's Zimmer tritt, greift er nach seinem Instrument. Glücklicherweise kommt er spät nach Hause und geht sehr früh wieder aus, sonst würde man nichts zu hören bekommen, als:

Kennst du der Liebe Sehnen! ...

Er spielt immer dasselbe Melodium

Herr Guerreville hielt es für unnöthig, höher hinauf zu steigen, er ging die Treppe hinunter, und der Portier folgte ihm, indem er sagte: »Neben Herrn Fluttmann, zum Beispiel, wohnt ein Künstler; aber im großen Stiele, ein Maler ... Wenn der Herr einmal einen Maler brauchen sollten, so empfehle ich Ihnen diesen. Wir sind sehr intime Freunde: Er ist ein Künstler im vollsten Sinne des Worts.«

»In welchem Fache?«

»O! in allen Fächern, das ist ihm gleich. Er malt Portraits in Oel, Handlungs- und Wirthofschilder, spanische Wände, kurz Alles, was man will; das ist ein Mann, der seine Kunst liebt, wie ich einen seidenen Schuh liebe. Er ist durch und durch ein Talent! Er hat mir das Bild meines jüngsten Knaben gemacht, wie er am Busen seiner Mutter hängt: Es ist zum Sprechen! es macht Einem Lust zu heulen.«

Man war beinahe die Treppe hinabgestiegen, als der Portier aufs Neue begann: »Was die kleine Wohnung betrifft, die zu vermiethen ist, so wird diese von einer schönen Frau bewohnt ... Ich sage Frau, sie kann aber auch ein Mädchen sein ... obgleich sie sich Madame nennen läßt. Aber wir, die wir die Welt kennen ... wir lassen uns keinen Bären aufbinden ... Ein junger, schöner Mann besucht sie häufig ... Es ist so, was man sagt, eine romanische Geschichte, eine verführte Frau, die sich vielleicht unter einem falschen Namen verbirgt ... doch das ist in Paris etwas Gewöhnliches!«

Seit einigen Augenblicken hörte Herr Guerreville mit weit mehr Aufmerksamkeit zu. Endlich blieb er stehen und wandte sich gegen den Portier, indem er sagte: »Wie alt mag diese Dame sein?«

»Wie alt? ... Ah! sie ist noch gar nicht alt ... Aber ihr Aeußeres ist schon etwas angegriffen ... man ist, wie ich glaube, betrübt, weil der schöne junge Mann seit einiger Zeit weniger oft kommt ... O! ich gebe auf Alles das Acht, ohne es merken zu lassen.«

»Ist es eine Frau von Stande?«

»Von Stande? ... wie meinen Sie das?«

»Ich wollte damit sagen, ob sie keine Handwerksfrau sei, ob sie nicht arbeite ... kein Geschäft habe?«

»Ich habe noch keines bei ihr wahrgenommen.«

»Führen Sie mich, ich will diese Wohnung sehen.«

Herr Guerreville war schon wieder eine Treppe hinaufgestiegen; der Portier folgte ihm brummend. »Ei, aber sagen Sie mir doch ... das fängt an, mich zu ermüden, so im Hause herumzuspazieren ... zuerst sagten Sie, Sie müßten eine große Wohnung haben, und nun wollen Sie zwei kleine Zimmer sehen, die gar nicht zu achten sind.«

Herr Guerreville stieg immer weiter, ohne sich um die Bemerkungen des Portiers zu kümmern, der sich doch endlich entschloß, ihm zu folgen, indem er laut schrie: »So warten Sie doch wenigstens auf mich! ... Teufel! der Herr ist nicht engbrüstig.«

Im vierten Stocke angelangt, wollte Herr Fourré seine Betrachtungen, sein Geschwätz von Neuem beginnen, aber Herr Guerreville ließ ihm keine Zeit dazu.

»Wo wohnt diese junge Frau?« fragte er mit bewegter Stimme, den Arm des Portiers heftig schüttelnd.

»Diese junge Frau ;... – Hier ist ihre Thüre ;... – Nicht dort, da wohnt ja Flottmann; hier ist es ;...«

»Vorwärts, mein Herr, klopfen Sie, klopfen Sie doch!«

Diese Worte waren in einem Tone gesprochen, welcher dem Portier nicht erlaubte, noch länger zu zögern; er verbeugte sich, nahm sogar seine Mütze ab und klopfte an die von ihm bezeichnete Thüre, ohne auch nur einen Laut hinzuzufügen.

Eine Art von Haushälterin öffnete die Thüre; Herr Guerreville sah wohl, daß das nicht die Inhaberin der Wohnung war; er stotterte einige Worte über den Beweggrund, der ihn herführte, und ohne eine Antwort abzuwarten, ohne zu überlegen, ob es nicht unbescheiden wäre, einzutreten, eilte er durch ein Zimmer, dann durch einen kleinen Durchgang, und gelangte endlich in ein anderes Zimmer, wo eine junge Dame vor dem Kamine saß.

Bei dem raschen Eintreten von Guerreville wandte die junge Dame den Kopf gegen ihn, und er konnte ihr bequem ins Gesicht sehen ... aber schon war das Feuer, das bisher seine Blicke belebt hatte, erloschen, um einem Ausdruck von Trauer und Niedergeschlagenheit Platz zu machen; er ließ den Kopf auf die Brust sinken und seufzte: »Sie ist es nicht!«

»Aber! mein Herr ... wie Sie zu Werke gehen, können Sie unmöglich die Zeit haben, etwas zu sehen!«

Das waren die Worte Herrn Fourré's, der hinter Herrn Guerreville einherkeuchte und sich weder die rasche Weise, mit welcher dieser bis in das Innerste der Wohnung eingedrungen war, noch die Eile erklären konnte, mit welcher derselbe, nachdem er einige Entschuldigungen gegen die Dame gestammelt, ihn von sich stieß und wieder hinausrannte.

»Es scheint mir, mein Herr,« sagte Fourré, »daß es nicht der Mühe werth war, mich vier Treppen heraufzusprengen und zu dieser Dame zu gehen, um wieder fortzueilen, ohne etwas angesehen zu haben! ... Ich wette, daß Sie nicht einmal wissen, ob Schränke da drin sind ... Sie werden mir zwar sagen: wir sind Alle sterblich! aber inzwischen wird mir die Suppe kalt.«

»Wieder eine Aussicht vernichtet!« sprach Herr Guerreville betrübt, indem er sich einen Augenblick an das Treppengeländer lehnte.

»Sie haben bei dieser jungen Dame die Aussicht vernichtet? Haben Sie vielleicht eine Fensterscheibe zerbrochen?«

Herr Guerreville ging auf die Treppe zu, ohne dem Portier zu antworten.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.