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Charles Paul de Kock: Zizine - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorPaul de Kock
titleZizine
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. A. Benedikt.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090630
projectid904da7b7
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Zwanzigstes Kapitel

Der Schutzengel

Der Wasserträger kehrte nach Hause zurück, indem er darüber nachdachte, was er thun könnte, um seinen Wohlthäter zu rächen; denn Herr Guerreville hatte Jerome der Gesundheit, der Arbeit, vielleicht dem Leben wiedergegeben, und es gibt noch Leute, welche das Gute, das man ihnen gethan hat, nicht vergessen.

Den Auvergnaten machte der Gedanke wüthend, daß derjenige, welcher einst Herrn Guerreville beschimpft, ihm auch noch einen Degenstoß beigebracht hatte, der seinen Tod zur Folge haben könnte; er verbrachte die Nacht, ohne einen Augenblick zu schlafen und rief jeden Augenblick aus: »Ich muß die Sachen wieder in ihren natürlichen Zustand zurückbringen; der Schurke triumphirt und der ehrliche Mann unterliegt ... Ich weiß wohl, daß man das in der großen Welt ganz einfach findet ... aber ich verstehe die Gerechtigkeit nicht auf diese Weise! ... Dieser Emil Delaberge ist ein elender Mensch, nach dem, was mir der Doktor gesagt hat, welcher der treue Freund von Herrn Guerreville ist ... Und weil er ein elender Mensch ist, werde ich auch meine Zizine nicht bei ihm lassen ... wenn er Fräulein Dolbert heirathet, so nehme ich meine liebe Kleine zurück ... Armes Kind! ich will ja nur sein Glück ... und habe mich auch nur in der Hoffnung, es würde glücklicher werden, von ihm getrennt ... aber sie bei dem lassen, der vielleicht meinen Wohlthäter getödtet hat ... o! das geht nicht an ... Uebrigens will ich ein paar Worte mit ihm sprechen, mit diesem Herrn Delaberge ... Ich bin nicht verwundet, ich ... und habe große Lust, seine Rechnung auszugleichen ... ich weiß nicht, welche Art von Kränkung er früher Herrn Guerreville zugefügt hat ... aber ich brauche sie auch nicht zu wissen, um ihn zu rächen.«

Mit Tagesanbruch stand Jerome auf und ging zuerst, sich nach dem Befinden des Verwundeten zu erkundigen. Die Lage des Kranken war noch immer dieselbe; der Doktor hatte zahlreiche Aderlässe angeordnet. Aber Herr Guerreville war in einem solchen Zustand von Schwäche, daß man fürchtete, er werde ihr unterliegen. Jerome entfernte sich, nachdem er dies erfahren hatte und ging nach der Wohnung der Madame Dolbert.

Aber es war noch zu früh, um bei diesen Damen einen Besuch abzustatten: der Auvergnate ging daher auf den Boulevards spazieren, indem er auf ihr Erwachen wartete. Jerome sah alle die Leute, welche in das Haus der Madame Dolbert traten, prüfend an; er kannte Emil Delaberge nicht, aber er dachte doch, daß er ihn unfehlbar erkennen würde, wenn er bei ihm vorüberginge.

Endlich schlug es neun Uhr; Jerome entschloß sich, sich Madame Dolbert vorzustellen. Er trat in das Haus und näherte sich dem Portier, indem er ihn grüßte: »Ist Madame Dolbert zu sprechen?«

»Madame Dolbert? ... Nein. Diese Damen sind gestern abgereist.«

»Abgereist? ... wie! ... was sagen Sie da? ;...«

»Nun, ohne Zweifel auf ihr Landgut.«

»Ihr Landgut! ... und meine Zizinette, was ist aus ihr geworden? ;...«

»Wer ist das ... Zizinette? ;...«

»Nun, zum Teufel! meine Kleine ... welche bei diesen Damen wohnt ... welche Fräulein Stephanie so sehr liebte ;...«

»Ach! Ja ... ich weiß ... ein kleines Mädchen ... die ist mit diesen Damen abgereist.«

»Das begreife ich aber gar nicht ... gestern ... sollte sich da nicht Fräulein Stephanie verheirathen?«

»Ah! gewiß ... aber seit gestern hat sich Vieles ereignet! ... Da war ein Herr, der mit dem Bräutigam Streit angefangen hat ... ein fürchterlicher Auftritt! ... Fräulein Stephanie ist unwohl geworden ... ihre Großmutter weinte ... es hat eine Ohrfeige und ein Duell gegeben ... O! es muß heiß zugegangen sein.«

»Die Hochzeit hat also nicht stattgefunden?«

»Nein, sie ist verschoben ... weiter hinausgeschoben worden ... kurz, die Damen sind auf ihr Landgut abgereist ;...«

»Und wo liegt denn dieses Landgut ... auf welcher Seite?«

»Nicht sehr weit ... bei Beaumont, über St. ;Denis und Montmorency hinaus ... bei ;...«

»Gut, gut; o! ich werde es schon finden.«

Jerome entfernte sich, indem er zu sich sagte: »Gut! die Heirath ist verschoben worden ... aber das genügt nicht ... ich muß dennoch meine Zizine sehen, und erfahren, ob ihr das gefällt, auf diesem Landgute zu sein ... Ich will zurückkehren und mich erkundigen, wie sich Herr Guerreville befindet, und dann morgen früh nach Beaumont gehen.«

Ehe wir dem Wasserträger folgen, der schon einen Plan, wie er sich verhalten wolle, gefaßt zu haben scheint, wollen wir zu Madame Dolbert zurückkehren und uns unterrichten, wie es dort seit dem unerwarteten Vorfalle, der Stephaniens Hochzeitsfeierlichkeit unterbrach, zugegangen ist.

Nachdem Herr Guerreville weggegangen war, hatten sich alle Anwesenden um Madame Dolbert und die schöne Braut herumgedrängt. Stephanie hatte das Bewußtsein verloren, die gute Großmutter schwamm in Thränen, indem sie ihre Enkelin auf die Stirne küßte. Emil wiederholte unaufhörlich der Versammlung: »Ich kenne diesen Menschen nicht, ich weiß nicht, was er von mir will ... er ist nicht recht gescheit ... aber ich werde in seinem Blute die Schmach abwaschen, die er mir angethan hat.«

Und nachdem er dies mehrere Male wiederholt, hatte er sich zwei Sekundanten aus den Anwesenden gewählt und war fortgegangen, um sich zu schlagen.

Verwirrung, Unruhe und vor Allem Neugierde herrschten in der ganzen Gesellschaft; man bildete Gruppen, man sprach ganz leise mit einander, und diejenigen, welche in Gegenwart von Emil Delaberge sich das Aussehen gegeben hatten, als glaubten sie, daß ihm Guerreville unbekannt sei, sagten jetzt halblaut zu einander: »Es ist doch sehr sonderbar ... dieser Fremde hatte ein so Achtung gebietendes Aussehen, und schien in seinen Behauptungen so sicher.«

Endlich öffnete Stephanie die Augen wieder, ihre erste Bewegung war, ihre Großmutter zu küssen, dann sagte sie ganz leise zu ihr: »Schicke alle Leute fort. Nach dem, was vorgefallen ist, kann ich ... will ich mich heute nicht trauen lassen. O, ich bitte Dich darum, schicke alle Leute fort; ich wünsche allein zu sein, um ohne Zwang weinen zu können.«

Madame Dolbert beeilte sich, den Wünschen ihrer Enkelin nachzukommen; sie machte den Anwesenden begreiflich, daß nach dem eben Vorgefallenen die Verheirathung durchaus verschoben werden müsse; denn Emil wäre fortgegangen, um sich zu schlagen, und selbst in dem Falle, daß er als Sieger zurückkehrte, dürfte man nicht an Vergnügen und Liebe denken, wenn man eben das Blut eines Menschen vergossen habe. Die Gesellschaft stimmte den Gründen der Madame Dolbert bei, und Jeder ging mit dem Vorsatze weg, sich zu Emil Delaberge zu begeben, um sich von den Folgen seines Duells mit dem Fremden zu unterrichten.

Als sie allein waren, überließen sich die Damen ihren Vermuthungen. Die gute Großmutter wagte nicht, ihrer Enkelin alle die Befürchtungen, alle die Muthmaßungen mitzutheilen, die sich in ihrer Seele erhoben; sie fing an bei dem Gedanken zu zittern, ihre Stephanie könnte unglücklich werden, wenn sie Delaberge heirathete.

Stephanie ihrerseits konnte sich eines geheimen Schauders nicht erwehren; sie hatte denjenigen, der ihr Gatte werden sollte, in dem Augenblick, da ihn der Fremde Daubray nannte, scharf angesehen: da hatten sich Emils Züge verzerrt, und ihr Ausdruck hatte Schrecken in das Herz des jungen Mädchens gejagt.

Indeß sprach die Liebe noch für Emil, und die Unruhe vergrößerte Stephaniens Qualen; denn man hatte ihr nicht verbergen können, daß ihr Bräutigam fortgegangen sei, um sich mit dem Manne, der ihn so fürchterlich beschimpft hatte, zu schlagen.

Das junge Mädchen und ihre Großmutter zählten die Minuten, die Sekunden; sie wagten es nicht, Fragen an einander zu richten, und fürchteten, sich ihre Gedanken mitzutheilen. Endlich trat ein Bedienter ein und brachte einen Brief von Emil; er war an Madame Dolbert gerichtet und enthielt nur die wenigen Worte:

»Madame, ich habe den Unverschämten, der mich beschimpft hatte, gezüchtigt; er wird für lange Zeit außer Stande sein, seine Tollheiten wieder anzufangen. Was mich betrifft, so bin ich selbst ohne Schramme davon gekommen. Beruhigen Sie meine theure Stephanie; ich fühle, daß es unpassend wäre, mich in dem Augenblicke vor ihr zu zeigen, wo ich von einem Duelle komme; morgen aber werde ich die Ehre haben, Sie zu besuchen und ich hoffe, mein Glück werde nicht auf lange verschoben bleiben.«

»Er ist Sieger!« rief Stephanie mit freudiger Bewegung aus.

»Und dieser Unbekannte scheint schwer verwundet zu sein,« sagte Madame Dolbert, einen leichten Seufzer ausstoßend.

»O, Mama, ist es nicht besser, daß Emil triumphirt? denn da er den Mann niemals gesehen hat, der ihn ohne Grund beschimpfte ;...«

Die gute Großmutter schwieg und schien traurig. In diesem Augenblicke vernahm man einige schwere Seufzer, die aus dem Hintergrunde des Zimmers kamen; man sah sich um und bemerkte Zizinen, die arme Kleine, die man in der großen Verwirrung gänzlich vergessen, die aber ihre junge Beschützerin nicht aus dem Auge gelassen und sich immer einige Schritte von ihr entfernt gehalten hatte, und die jetzt, über das Befinden Stephaniens wieder beruhigt, in einer Ecke auf den Augenblick harrte, wo sie dieselbe würde küssen können.

»Zizine, meine liebe Zizine!« sagte Stephanie, indem sie auf die Kleine zulief; »mein Gott! in meinem Kummer hatte ich Dich ganz vergessen ... Aber was hast Du denn, warum weinst Du jetzt? Du siehst doch, daß ich mich besser befinde.«

»Ja, ja!« sagte die Kleine, indem sie sich bemühte, ihrem Schluchzen Einhalt zu thun; »aber ich bin betrübt darüber, daß Herr Guerreville verwundet worden ist.«

»Wie! ... was sagst Du? ... wer ist dieser Herr Guerreville?«

»Es ist der Herr, der sich geschlagen hat ... mit Herrn Emil ... Ich hätte gewünscht, daß weder dem Einen noch dem Andern ein Schaden zugestoßen wäre.«

»Und wie! Zizine ... Du kennst den Namen dieses Fremden?«

»O ja, denn ich kenne diesen Fremden sehr gut; ich habe noch nicht gewagt, es Dir zu sagen ... ich fürchtete ;...«

»O, sprich, sprich! ... sag' uns Alles, was Du weißt ... sag uns ja Alles!«

Die Großmutter und deren Enkelin setzten Zizinen zwischen sich und warteten mit Ungeduld auf die Erklärung des Kindes; die Kleine beeilte sich, ihrem Verlangen zu entsprechen.

»Dieser Herr, den Sie gesehen haben, war der Retter meines Vaters ... Als ich noch bei ihm in der Montmartrestraße lebte, in einer kleinen Dachkammer, war mein Vater seit langer Zeit krank, er konnte nicht mehr arbeiten und wir waren sehr unglücklich. Was geschah, eines Tages kam dieser Herr, ich glaube, er suchte eine Wohnung. Er sah mich vorbeigehen, stieg in unsere Dachkammer hinauf, tröstete meinen Vater, und als er fortging, gab er mir ein Zeichen, ihm zu folgen und füllte mir dann meine Schürze ganz voll mit Geld, indem er sagte: Nimm das, liebe Kleine, bringe es Deinem Vater, daß er sich heilen lasse und sich nicht mehr gräme ... O, Madame, wenn man so gut ist, wenn man so gern Gutes thut, kann man dann wohl toll sein?«

Madame Dolbert und Stephanie schienen lebhaft bewegt, und Beide sagten zu de« Kleinen: »Fahre fort, was weißt Du noch?«

»Nun ... mein Vater hätte so gerne seinem Wohlthäter danken mögen, aber er wußte weder dessen Namen noch dessen Wohnung. Um diese Zeit hatten Sie die Güte, mich lieb zu gewinnen, und nahmen mich zu sich ... Aber eines Tages begegnete mein Vater endlich diesem Herrn auf der Straße; er bedankte sich sehr bei ihm, wie Sie sich wohl denken können! ... Da sagte dieser Herr meinem Vater, wie er heiße und wo er wohne, indem er ihn aufforderte, ihn zu besuchen, und mein Vater hat mir das Alles erzählt ... an jenem Abende, wo er mich in dem Kabriolet fand, als ich ihn besuchen wollte, weil ich glaubte, er sei krank ... Endlich, heute, daß Herr Guerreville hieherkam ... o, ich bin deßhalb sehr betrübt ... das geschah um meinetwillen ;...«

»Um Deinetwillen?«

»Ja, meine liebe Freundin. Herr Guerreville hatte gestern meinen Vater gesehen, der ihm den Auftrag gegeben hatte, mit Ihnen zu sprechen, Madame; als Guerreville sich in dem Salon unter so vielen Menschen sah, war er ganz erstaunt und sagte zu mir: Ich wollte Madame Dolbert besuchen, aber da man gerade hier eine Hochzeit feiert, so habe ich meine Zeit schlecht gewählt ... ich werde wiederkommen. Nachdem er dies gesagt hatte, drückte er mir die Hand und entfernte sich, als Herr Emil gerade in den Salon trat ... und ... Sie wissen ja, was weiter geschehen ist.«

Zizinens kindliche Erzählung ließ an der Wahrheit ihrer Aussage nicht zweifeln. War es unter solchen Umständen möglich, zu glauben, daß Guerreville nicht bei Verstande, oder daß es seinerseits ein durchdachter Plan gewesen sei, um Emil zu schaden; man rief sich die achtbare Miene, die edle Haltung Guerreville's ins Gedächtnis und man dachte bei sich: Wenn er nicht gelogen hat, so ist Emil ein Elender, der ihm seine Tochter geraubt, und, statt sein Verbrechen einzugestehen, ihm noch einen Degenstich beigebracht hat.

Diese Betrachtungen stellten Stephanie und ihre Mutter gegenseitig in der Stille an, aber ihre Blicke verstanden sich; endlich rief Madame Dolbert: »Meine Stephanie, nach Allem, was diesen Morgen hier vorgegangen ist ... nach dem unangenehmen Aufsehen, das dieser Vorfall machen muß ... bist Du da nicht meiner Meinung, daß wir gut daran thun würden, Paris zu verlassen und einige Zeit auf unserem Landgut zuzubringen?«

»O ja, meine gute Mutter ... aber Zizine kommt doch mit uns?«

»Das versteht sich von selbst.«

»Willst Du, Zizine?«

Das Kind zauderte, indem es stotterte: »Aber mein Vater ;...«

»Dein Vater! ... glaubst Du, daß er Dich auffordern würde, mich zu verlassen, wenn ich Kummer habe ... wenn ich unglücklich bin?«

»O nein, nein ... Sie haben Recht, ich werde Sie nicht verlassen,« sagte Zizine, indem sie Stephanien an den Hals sprang.

Und noch denselben Abend reiste Madame Dolbert mit ihrer Enkelin und Zizinen nach ihrem Landhause bei Beaumont.

Als sich Emil den folgenden Morgen bei derjenigen einfand, die er den Tag vorher hatte heirathen sollen, war er sehr erstaunt, zu vernehmen, daß die Damen sich nach ihrem Landhause begeben hatten. Aber ohne Zeit zu verlieren, ohne sich mit schwankenden Vermuthungen aufzuhalten, stieg er in sein Kabriolet, peitschte sein Pferd und fuhr auf der Stelle nach Beaumont.

In weniger als zwei Stunden hatte der rasche Renner die Strecke zurückgelegt, und bald stieg Delaberge aus und trat in das Haus der Madame Dolbert.

Stephanie befand sich in dem Salon bei ihrer Großmutter, als Emil hastig eintrat, indem er ausrief: »Ei, mein Gott, meine Damen, warum denn diese hastige Abreise? Man könnte glauben, Sie seien aus Paris geflohen. Ei was! ohne sich mit mir darüber zu besprechen, ohne es der Mühe werth zu halten, mir Nachricht davon zu geben! ... Es scheint mir, daß, was vorgefallen ist, Ihnen nicht die mindeste Unruhe verursachen dürfe, und die Art und Weise, wie sich die Sache geendigt hat, Sie vollkommen beruhigen müsse.«

Während Emil sprach, betrachtete ihn Madame Dolbert aufmerksam, sie hätte mögen in der Tiefe des Herzens dieses Mannes lesen, dem sie jetzt die Zukunft ihrer Enkelin anzuvertrauen sich fürchtete. Stephanie im Gegentheil hielt ihre Augen auf den Boden gerichtet und schien den Blicken ihres Bräutigams ausweichen zu wollen.

Die Kälte und die Verlegenheit dieser Damen entgingen Emil nicht, welcher sich in einen Stuhl warf, indem er sagte: »Aber was haben Sie denn, meine theure Stephanie? Empfangen Sie auf solche Weise Ihren Gatten? ... denn ich wäre es bereits, wenn nicht ein unerklärliches Ereigniß mein Glück verzögert hätte.«

»Verzeihen Sie mir,« sagte Stephanie, »aber ich bin noch so verwirrt ... so erstaunt über Alles, was vorgefallen ist!«

»Ich begreife es; aber das ist kein Grund, meine Blicke zu vermeiden ... Theure Stephanie! lassen Sie uns das Alles vergessen. Es war ein Traum, eine Wolke, welche über unsern Festtag einen Augenblick trübend hinwegzog. Doch es ist vorbei ... und weil ein Mann, den ich nicht kenne, der verrückt ist oder mich für einen Andern hält, mir einen abgeschmackten Auftritt bereitet hat ... so darf doch dies, wie mir scheint, Ihre Gesinnungen gegen mich in nichts ändern. Ich bin gewiß, daß Ihre achtungswerthe Mutter die Erste gewesen ist, Ihnen das Nämliche zu sagen.«

»Ich,« sagte die gute Großmutter, »ich gestehe Ihnen, Herr Delaberge, daß ich mir diese Scene noch nicht erklären kann. Wie! Sie hätten ihn niemals gesehen, Sie kennten diesen Mann nicht, der behauptet, Sie hätten ihm seine Tochter entführt?«

»Er ist mir völlig unbekannt ... Wahrscheinlich hat ihn eine große Aehnlichkeit getäuscht ... das geschieht oft ... Sie haben ja gehört, daß er mich Daubray nannte ... und habe ich jemals Daubray geheißen?«

»Wir wenigstens haben Sie niemals unter diesem Namen gekannt ... Dieser Mann sah aber so achtbar aus ;...«

»Achtbar! ein Mann, der wie ein Narr, wie ein Rasender hereintritt, um Verwirrung in ein Haus zu bringen ... der sich den äußersten Gewaltthätigkeiten überläßt ... Ah! Madame ... kann man also Genugthuung für eine Beleidigung fordern, selbst wenn man beschimpft worden ist? ... Aber ich wiederhole es Ihnen und ich denke, mein Wort wird Ihnen genügen, ich kenne ihn nicht ... ich habe diesen Menschen niemals gesehen, der mir den Weg in dem Augenblicke versperrte, wo ich Ihre Tochter zum Altare führen wollte.«

»Nun gut! mein Herr, dann wissen wir jetzt mehr davon als Sie, denn wir kennen diesen ... Fremden ... der für uns keiner mehr ist, wir wissen, daß er sich Guerreville nennt.«

Als er diesen Namen von Madame Dolbert aussprechen hörte, bedeckte eine Leichenblässe Emils Gesicht; er bemühte sich vergeblich die Bewegung zu bezwingen, welche ihn erfaßt hatte, er versuchte sogar zu lächeln; aber der Ausdruck seiner Züge hatte etwas so Falsches, daß Stephanie rasch ihre Blicke von ihm abwandte und zu zittern begann; denn in diesem Manne, der gegenwärtig vor ihr stand, erkannte sie den nicht mehr, der es verstanden hatte, ihr Herz zu rühren.

»Ah! Sie wissen, daß dieser Mensch ... dieser Herr Guerreville heißt?« sagte Emil, indem er eine ruhige Miene heuchelte; »und woher wissen Sie denn das?«

»Durch einen sonderbaren Zufall ... Zizine kennt diesen Herrn ;...«

»Zizine! ... Ah! ... also durch sie! ;...« Emil drehte sich um und warf einen durchbohrenden Blick auf die Kleine, welche einige Schritte von ihm entfernt stand.

»Dieser Herr Guerreville,« fuhr Madame Dolbert fort, »ist Jerome's, des Vaters unserer Zizine, Wohlthäter gewesen ... Die Kleine hat seinen Namen von ihrem Vater erfahren, welchem dieser Herr ihn gesagt hatte, indem er ihm seine Wohnung bezeichnete. Kurz, dieser Herr war im Auftrage Jerome's und um mit uns über Zizinen zu sprechen, zu uns gekommen ... Sie sehen also, daß er den Auftritt, den er mit Ihnen gehabt, durchaus nicht vorbereitet hatte ;...«

»Ah! ... das ist sehr sonderbar ... Ich wiederhole es Ihnen, eine unglückliche Ähnlichkeit muß ihn irre geleitet haben. Aber wir haben uns schon genug mit diesem Menschen und mit dieser Angelegenheit, die nun beendigt ist, beschäftigt. Erlauben Sie mir, Madame, Sie daran zu erinnern, daß ich im Begriffe war, mich mit ihrer Enkelin zu verbinden, als dieser Auftritt vorfiel ... Bedenken Sie, daß meine Liebe zu Stephanien durch diese Zögerung schon Qualen genug erlitten hat ... und haben Sie die Güte, mir zu sagen, welchen Tag wir zur Feier unserer Verbindung festsetzen wollen ... Wenn Sie vorziehen, daß unsere Verheirathung auf dem Lande stattfinde, bin ich es zufrieden ... nur möge Stephanie endlich meine Frau werden ... und ich wünsche, daß dies morgen geschehe ... oder spätestens in zwei Tagen.«

»O! mein Herr ... Sie werden uns doch einige Zeit lassen, um uns zu erholen ... und, nach alle dem, was meine Stephanie gelitten hat ... erlauben Sie uns, daß wir einige Wochen hingehen lassen, ehe wir an diese Heirath denken.«

»Einige Wochen! ;...« rief Emil, indem er beleidigt aufsprang, »und warum denn diese Verzögerung meines Glückes? ... Bedenken Sie, Madame, daß mich das ernstlich böse machen könnte ... Es würde das Aussehen haben, als ob Sie den abgeschmackten Beschuldigungen, die man gegen mich aufgebracht hat, Glauben schenkten ... In der That, es ist sehr ungewöhnlich, daß man den Erzählungen ... eines Kindes ... mehr Glauben schenkt, als den Worten eines Mannes wie ich ... Weil Ihnen die Tochter eines Wasserträgers gesagt hat, daß der Mann, der mich beschimpfte, ihrem Vater einst einigte Thaler geschenkt habe ... so scheint dieser Herr ... Guerreville eine sehr achtbare Person geworden zu sein ... die man nicht beleidigen darf ... Madame, das kann nicht Ihre wahre Gesinnung sein. Sie können mich nicht wegen der Thorheiten eines Andern bestrafen. Ich habe mich als Mann von Ehre benommen; ich habe den, welcher mich beschimpfte, besiegt ... Nun komme ich, die Hand Stephaniens wieder zu fordern ... sie ist mir versprochen ... ich hoffe nicht, Madame, daß Sie die Absicht haben werden, das mir gegebene Wort zu brechen.«

»Herr Delaberge,« sagte Madame Dolbert, »Sie dürfen sich über die Befürchtungen, über die äußerste Vorsicht einer Großmutter nicht aufhalten. Das Glück meiner Stephanie ist kein Gegenstand, den ich so leichthin preisgeben möchte. Der Mann, mit welchem Sie sich geschlagen haben, wird, ich hoffe es, wieder genesen ... Dann wird er sich erklären müssen ... und ohne Zweifel erkennen, daß er sich in Ihrer Person geirrt hat ... worauf nichts mehr Ihrer Verbindung mit meiner Tochter im Wege stehen wird.«

»Das genügt, Madame,« erwiderte Emil, indem er sich bemühte, seinen Zorn zu verbergen, »ich sehe, daß ich es vergeblich versuchen würde, Ihren Entschluß wankend zu machen ... Ich entferne mich ... ich werde warten, bis eine vernünftigere Ueberlegung Ihren Verdacht zerstreut haben wird ... und Sie mir die Gerechtigkeit werden widerfahren lassen, die mir gebührt ... Ich werde wiederkommen ... in einigen Tagen ... dann hoffe ich, daß der Eindruck, den dieser Vorfall hervorgebracht, verwischt sein wird ... und Sie mir ein geneigteres Ohr schenken werden.«

Nachdem Emil diese Worte gesprochen, verbeugte er sich tief vor Stephanien und ihrer Großmutter und verließ den Salon, indem er eine traurige aber resignirte Miene zeigte. Als er aber aus dem Hause heraus war, wurde er ein ganz Anderer; er zerknitterte, zerriß seinen Hut zwischen seinen Händen und warf sich in sein Kabriolet, indem er murmelte: »Diesem kleinen Mädchen verdanke ich wieder den Empfang, der mir zu Theil geworden ist ... durch das, was sie über Guerreville erzählt hat, hat sie die Stimmung dieser Damen geändert ... Ah! soll mir denn dieses Kind immer im Wege stehen, um mich zu hindern, das mir vorgesteckte Ziel zu erreichen! ... Es scheint mein böser Dämon zu sein ... Man will warten, bis Guerreville gesund ist, um nähere Erklärung von ihm zu fordern ... doch man wird vergebens warten, hoffe ich ... er wird von dem Stiche, den ich ihm beigebracht, nicht wieder genesen.«

»Er ist erzürnt weggegangen! ;...« sagte Stephanie, als Emil fort war, und warf sich in die Arme ihrer Mutter.

»Mein liebes Kind, wenn er sich nichts vorzuwerfen hat, so wird er es mir gewiß vergeben, eure Hochzeit verschoben zu haben ... Wäre es aber anders ... o! theure Stephanie, hätte ich dann nicht wohl daran gethan, ihn Dir zum Gatten zu verweigern?«

Stephanie wagte nicht mehr, zu Gunsten Emils zu sprechen; sie hatte in seinen Augen einen Ausdruck wahrgenommen, den sie sich nicht erklären konnte und der sie erschreckte. Sie begnügte sich damit, zu seufzen, Zizinen zu küssen und an ihr Herz zu drücken.

Das kleine Mädchen war sehr betrübt, die Ursache von Allem zu sein, was vorgefallen war. »Du wirst mich nicht mehr lieben,« sagte sie zu Stephanien, »denn ohne mich wäre Herr Guerreville nicht zu euch gekommen und wäre nicht mit Herrn Emil in Streit gerathen.«

»Theure Kleine,« sagte die Großmutter und küßte Zizinen ebenfalls, »weit entfernt, Dir deßhalb übel zu wollen, werden wir Dir vielleicht noch Dank dafür schuldig sein; denn es ist möglich, daß Du meine Stephanie vor einem großen Unglücke bewahrt hast. Doch wie fangen wir es jetzt an, um Nachrichten von diesem Herrn Guerreville zu bekommen?«

»Durch meinen Vater, Madame; oh! wenn er weiß, daß sein Wohlthäter verwundet ist, so wird er gewiß keinen Tag vorübergehen lassen, ohne ihn zu besuchen.«

»Sie hat Recht,« sagte Stephanie; »Jerome wird uns von diesem Herrn Nachricht geben können. Warten wir einige Tage; ohne Zweifel wird er herkommen, um seine Tochter zu besuchen. Wenn er nicht kommen sollte, gute Mutter, so könnten wir nach Paris schicken und ihn zu uns bitten lassen.«

»Oh! ja, meine liebe Freundin, und mein Vater wird gleich herkommen, das weiß ich gewiß.«

Zwei Tage vergingen. Jerome kam nicht nach Beaumont und man hatte daher beschlossen, am folgenden Morgen einen Bedienten nach Paris zu schicken, um den Wasserträger zu bitten, Madame Dolbert auf dem Lande zu besuchen. Am Morgen des dritten Tages aber, als Zizine in Stephaniens Zimmer hinabging, bemerkte sie einen Mann, der mit großen Schritten über den Hof kam, und auf das Haus zuging. Die Kleine hatte ihn gleich erkannt, sie lief ihm entgegen, und bevor er noch Zeit gehabt hatte, die Treppe hinaufzusteigen, lag das Kind in Jerome's Armen.

»Meine liebe Kleine, wie lange habe ich Dich nicht geküßt!« sagte der Auvergnate, indem er Zizinen an sein Herz drückte. »Ah! Teufel ... das schnitt mir in die Seele, Dich fern von Paris zu wissen.«

»Lieber Vater, Fräulein Stephanie hatte Kummer ... und weinte ... sollte ich da nicht mit ihr gehen?«

»Wohl, mein Kind, wohl, Du hast wohl daran gethan.«

»Du weißt ohne Zweifel Alles, was zwischen Herrn Guerreville und dem Bräutigam meiner Freundin vorgegangen ist?«

»Ja! ja! ... ich weiß, daß sie sich geschlagen haben.«

»Aber komme doch, lieber Vater, komme doch, die Damen brennen vor Begierde, Dich zu sehen, Dich auszufragen.«

Und das Kind zog Jerome fort, der sich in ein Zimmer führen ließ, wo er Madame Dolbert und Stephanien vorfand. Man empfing den Auvergnaten sehr freundlich und nöthigte ihn, sich niederzusetzen; dann wiederholte ihm die Großmutter Alles, was ihnen Zinzine in Betreff Guerreville's gesagt hatte, und fragte ihn, ob sich das wirklich so verhalte.

»Ja, Madame,« sagte Jerome, »dieser Herr Guerreville ist der bravste Mann, den ich kenne! Ich hatte ihn am Abende vor dieser verdammten Geschichte besucht und ihm erzählt ... ganz frei heraus ... daß, wenn Fräulein Stephanie diesen vornehmen Herrn heirathete, der sich um meine Zizinette gar nicht zu kümmern schien ... ich fürchten müßte, meine Kleine würde sich bei Ihnen nicht mehr so Wohl befinden.«

»Ah! Jerome.«

»Verzeihung, Entschuldigung, Madame; aber was kann ich dafür, es war nun einmal mein Gedanke; so zwar, daß der gute Herr Guerreville, um mir einen Gefallen zu thun, sich erbot, zu Ihnen zu gehen ... Es scheint, daß der Anblick dieses Herrn Delaberge ihn in Wuth verseht hat. Ach! ich weiß nicht, was ihm dieser gethan hat, man hat es mir nicht erzählt ... aber Herr Guerreville versicherte mich, er sei ein Niederträchtiger ... und das ist mir genug, um nicht daran zu zweifeln. Herr Guerreville ist nicht fähig, eine Unwahrheit zu sagen.«

»Jerome! wissen Sie, daß Herr Delaberge ein geachteter, in der Gesellschaft angesehener Mann ist? und ;...«

»Nun gut! was beweist das Alles? ... daß er reich ist ... daß er Einfluß hat, das ist möglich! denn um das Uebrige kümmert man sich wenig. Uebrigens werden Sie Herrn Guerreville in Kurzem selbst fragen können.«

»Wäre es möglich! ... es geht also besser?«

»Ah! natürlich! ... wenn es nicht besser ginge, würde ich denn hier sein, ich! ... aber dem Himmel sei Dank, er ist gerettet. Gestern Abend hat mir sein Arzt, oder vielmehr sein Freund, denn das ist ein wahrhafter Freund, dieser Doktor, die Versicherung davon mit einem Händedruck gegeben. Oh! da sagte ich zu diesem guten Doktor: »›;Ich gehe fort; und wenn ich zu Herrn Guerreville zurückkehre, will ich ihm gute Nachrichten bringen, welche seine Genesung vollenden sollen.‹«

»Wie, welche Nachrichten?«

»Oh! nichts! das ist so eine Idee, ein Plan, den ich im Kopfe habe! Drauf habe ich mich rasch auf den Weg gemacht, um meine Zizine bald küssen zu können ... Ah! nun bin ich zufrieden! und kann nach Paris zurückgehen. Aber glauben Sie mir, Madame, verheirathen Sie Ihre Enkelin nicht, bevor Sie mit Herrn Guerreville gesprochen haben; denn Sie könnten einen Schritt thun, den Sie Ihr ganzes Leben hindurch bereuen würden. Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen das so sage: die Theilnahme, die ich für Sie hege, zwingt mich, so zu sprechen ... und wenn Sie Herrn Guerreville, und dann seinen Freund, den Doktor Jenneval, kennen werden ... denn ich werde sie Ihnen alle Beide herbringen; ah! dann, Madame, werden Sie einsehen, daß es brave Leute sind, die von Niemand Böses sagen würden, ohne davon überzeugt zu sein.«

Jerome grüßte und entfernte sich; als er aber in den Hof gelangt war, umarmte er nochmals Zizinen, die ihn bis ans Thor geleitet hatte, und sagte da noch halblaut zu ihr: »Adieu, liebe Zizine, adieu, meine liebe Kleine; indem Du Fräulein Stephanie Alles sagtest, was Du wußtest, hast Du sie vor einem großen Unglück bewahrt ... und es ist, wie ich glaube, für die Damen ein großes Glück, daß Herr Guerreville gerade in dem Augenblicke erschien, wo Alles beendet werden sollte. Oh! Du bist eben, wie meine arme Frau immer sagte: Der Schutzengel der ganzen Welt ... Du hast mich davor bewahrt, gebraten zu werden, Du bewahrst Deine Wohlthäterin davor, die Frau eines Elenden zu werden, und wer weiß, was Du Alles noch für Gutes ausüben wirst? ... Auf Wiedersehen, mein liebes Kind!«

Und der Wasserträger entfernte sich mit großen Schritten, aber nicht ohne sich oft umzudrehen und seiner Kleinen zuzulächeln, welche vor dem Hause stehen geblieben war und erst hineinging, als sie Jerome auf der Landstraße nicht mehr sehen konnte.

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