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Charles Paul de Kock: Zizine - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorPaul de Kock
titleZizine
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. A. Benedikt.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090630
projectid904da7b7
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Zweites Kapitel

Eine Schachpartie

Ungefähr vierzehn Tage waren nach der von Madame Blanmignon gegebenen Katzenmusik-Soirée verflossen, welche Soirée zur Folge gehabt hatte, daß eine Masse von Visitenkarten bei dem Manne abgegeben wurden, welchen man seither den Bären von Château-Thierry genannt hatte, und der von nun an überall der erlauchte Unbekannte hieß.

In einem kleinen, einfach möblirten, aber sorgfältig gebohnten und gereinigten Salon, saßen zwei Männer an einem kleinen Tisch, auf welchem ein Schachspiel aufgestellt war. Es war ungefähr zwei Uhr Nachmittags; ein helles Feuer knisterte in dem Kamin, in dessen Nähe die Schachspieler saßen.

Der eine war ein Mann nahe an fünfzig, den man aber nicht so alt geschätzt hätte, obgleich seine sorgenvolle Stirn und der Ausdruck seines Blickes langjährige Leiden ankündigten, und seine schwarzen Haare in der Nähe der Schläfe sehr ergraut waren. Er war hoch und wohl proportionirt gewachsen, und hatte eine edle und stolze Haltung. Seine regelmäßigen Züge hatten etwas Imponirendes und seine braunen Augen schüchterten beim ersten Anblick ein; betrachtete man ihn aber länger, so gewann man Vertrauen zu ihm, und die Blässe, der Anschein von Traurigkeit, welcher über sein Antlitz verbreitet war, mußten vielmehr Theilnahme als Furcht einflößen.

Das war Herr Guerreville, dessen finstere Stimmung zu so vielen Vermuthungen Anlaß gegeben hatte; er war in einen kostbaren Schlafrock gehüllt; sein Kopf war mit einer mit Pelzwerk verbrämten Tuchmütze bedeckt, und seine Füße steckten in gleichfalls mit Pelzwerk gefütterten Pantoffeln. Während des Spiels richtete er seine Blicke häufig nach einer auf dem Kamin stehenden Uhr, und schien dann zu horchen, ob nicht Jemand käme.

Der andere Mann war der Doktor Jenneval, dessen Bekanntschaft wir schon gemacht haben und dessen Ankunft bei Madame Blanmignon der Katzenmusik ein Ende gemacht hatte.

»Geben Sie wohl Acht, Ihr Thurm steht im Schach,« sagte der Doktor nach einem ziemlich langen Stillschweigen, in dem Augenblick, als Herr Guerreville einen neuen Zug thun wollte.

»Ah! es ist wahr, Doktor, ich habe es übersehen ... Aber Sie sind edelmüthig, Sie wollen Ihren Gegner nicht überraschen ... Sie machen ihn aufmerksam, damit er sich vertheidige.«

»Sollte das nicht immer so sein? Greift ein Ehrenmann seinen Feind an, ohne daß dieser darauf vorbereitet ist?«

»Nein, gewiß nicht! ... aber dieser Grundsatz sollte, wie bei Kämpfenden, auch von der übrigen Welt heilig gehalten werden ... und man thut gerade das Gegentheil. Man verstellt sich, man intriguirt. Um Böses zu thun, läßt man es den nicht wissen, dem man eine Schlinge legt.«

»Gestehen Sie auch ein, daß es viele Dinge gibt, welche man dem, der dadurch in Nachtheil kommt, nicht vorher anzeigen kann ... zum Beispiel ... wenn man einer schönen Frau den Hof machen will ... so unterrichtet man gewöhnlich ihren Mann nicht zum Voraus davon.«

Der Doktor lachte und schien zu wünschen, daß seine Bemerkung auch Herrn Guerreville zum Lachen bringen sollte, aber dieser schüttelte den Kopf und murmelte: »Sie haben Recht, Doktor, aber dann muß man sich auch zeigen, wie man ist, nicht seinen Geschmack, seine Neigungen verbergen, nicht in der Nähe der Frau, auf deren Eroberung man ausgeht, die Augen niederschlagen, eine zurückhaltende Sprache annehmen, strenge Tugendgrundsätze heucheln, während man in der Tiefe des Herzens alle menschlichen Schwächen hat. Was mir am meisten verhaßt ist, ist die Heuchelei; man muß seine Fehler, wie seine guten Eigenschaften eingestehen, alsdann weiß wenigstens die Welt, was sie von Einem zu halten hat, und um so schlimmer für die Frauen, welche man verführt, wenn sie es später bereuen! ... Aber nur wenig Menschen lieben die Offenherzigkeit ... die Männer wollen geschmeichelt, umkrochen sein ... die Frauen wollen, daß man sie anbete, oder wenigstens, daß man es ihnen sage. Sehen Sie, Doktor, ich kenne Sie erst seit einem Monat, und wäre ich nicht krank geworden, so hätte ich Sie wahrscheinlich nie gesehen, weil ich in der Zurückgezogenheit leben wollte ... Aber es reut mich nicht, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, denn ich halte Sie für offen und wahr, und mit Ausnahme eines leichten Hanges zum Witzeln über die wichtigsten Gegenstände ;...«

Hier verbeugte sich der Doktor lächelnd.

»Nun, die Menschen können einmal nicht vollkommen sein,« fuhr Herr Guerreville fort, »Sie besitzen also, wie ich glaube, Alles, was zu einem Freund und sogar zu einem guten Arzt gehört ... Wenn ich Ihnen dies sage, geschieht es, weil ich es auch denke, ich mache nie Complimente; aber gestatten Sie mir, Ihnen einen Rath zu geben ... Sie erlauben es, Doktor?«

»Sehr gerne, ich werde ihn mit Dank annehmen.«

»O, mit Dank! und Sie wissen noch nicht einmal, was ich Ihnen sagen will. Nun gut! wenn Sie in Ihrer Kunst Fortschritte machen wollen, so legen Sie sich hauptsächlich darauf, in den Physiognomien zu lesen, die Geheimnisse der Seele zu erforschen, welche oft der Mund nicht auszusprechen wünscht, oder wagt ... Man heilt oft mehr durch Worte als durch Arzneien ... wenn das Gewissen ruhig ist, sind die physischen Uebel selten gefährlich.«

»Das ist mir längst bekannt!« sagte der Doktor lächelnd.

»Ah! Dann brauche ich es Sie nicht erst zu lehren!«

»Zum Beispiel, Herr Guerreville, glauben Sie denn, ich erriethe nicht, daß die Blässe Ihres Gesichtes, das Aufgeregte in Ihren Zügen, viel mehr von einem tiefen Kummer, als einer Störung in Ihrer Constitution herrührt? Ich habe Sie nicht um Ihre Geheimnisse gefragt, weil ich nicht die Gewohnheit habe, nach dem zu forschen, was man verbergen will.«

»Sie haben sehr recht daran gethan, Doktor, denn ich hätte sie Ihnen auch nicht gesagt. Nicht als ob ich Sie meines Vertrauens nicht werth hielte, sondern weil es Dinge gibt, welche man nicht gerne erzählt ... die man in seinem Busen verwahren will, und die alle Tröstungen der Freundschaft nicht zu heilen oder in Vergessenheit zu bringen vermögen.«

Während dieser letzten Worte war die Stimme von Herrn Guerreville immer matter geworden, seine Blicke waren auf die Erde geheftet und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust.

Es erfolgte eine lange Pause; endlich fuhr Herr Guerreville mit der Hand über die Stirne und wandte sich gegen den Doktor, indem er sagte: »Aber wie! ... spielen wir nicht mehr?«

»Ich wartete, bis Sie mehr dazu aufgelegt wären,« sprach Jenneval.

»Ach! Sie sind sehr gütig!« sagte der Reconvalescent, dem Doktor freundlich die Hand reichend. »Ich werde nicht viele Menschen finden, die Ihre Geduld besitzen ... Und wirklich, eine Partie mit einem Manne, den traurige Gedanken jeden Augenblick zerstreut oder verstimmt machen, muß langweilig sein.«

»Mir gefällt sie; während Sie Ihren Betrachtungen nachhängen, kann ich da nicht auch die meinigen machen?«

»Das ist wahr; doch gestehen Sie, daß ich sehr recht thue, nicht mehr unter die Menschen zu gehen: da will man nur heitere, liebenswürdige, gesprächige Leute, und das ist auch ganz natürlich. Zu Einem, der in eine muntere Gesellschaft käme, um sich immer abzusondern, zu seufzen und nur einsilbig zu antworten, würde man sagen: Sie wären besser zu Hause geblieben.«

– Man würde es ihm nicht sagen, aber man würde es denken.

– »Und mit Recht ... Schach der Königin, Doktor.«

Sie setzten die Partie noch einige Zeit fort, endlich sagte der Doktor das fatale Wort: »Schach und matt.«

»Ich bin besiegt,« erwiderte Guerreville, indem er den Tisch wegschob und sich dem Feuer näherte; »indessen glaube ich doch eben so stark zu sein wie Sie ... allein es gehen mir zu viel andere Dinge durch den Kopf. Ach! Doktor, es ist oft sehr schwer, sich zu zerstreuen. Apropos, wie finden Sie mich heute?«

»Gut ... Ich habe Sie, so weit ich es vermochte, wieder hergestellt; jedoch, wie Sie so eben selbst sagten, ist es Ihre Seele, welche man ebenfalls in ärztliche Behandlung sollte nehmen können ... Aber Sie wollen Ihren Kummer für sich allein behalten.«

»Verstehen Sie sich auf Physiognomien, Doktor?«

»Ich habe es bis jetzt geglaubt ... aber viele Beispiele haben mir gezeigt, daß ich nur ein Schüler in dieser Kunst war. Zudem täuschen die Handlungen eben so oft als die Gesichter.«

»Die Handlungen! ... Das ist das erste Mal, daß ich das sagen höre.« – Weil man die Handlungen fast immer beurtheilt, ohne auf den Grund zurückzugehen, der sie hervorrief. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen zwei ziemlich interessante historische Ereignisse anzuführen, als Beweise für das, was ich so eben äußerte?«

»Sehr gerne; ich höre Ihnen zu.«

Der Doktor rückte seinen Stuhl ebenfalls ans Feuer und begann seine Erzählung:

»Ich wurde vor ungefähr zwei Jahren durch die Frau eines Handwerkers zu ihrem Manne gerufen, der sehr krank war. Ich behandelte ihn vierzehn Tage lang und besuchte den Mann regelmäßig; ich fand die Frau immer an seinem Bette sitzend, ihn sorgfältig pflegend, ihn mit einem Eifer bewachend, der keinen Augenblick ermüdete, und beinahe immer die Augen in Thränen gebadet. Arme Frau! sagte ich zu mir, wie sie ihren Mann liebt! sie ist das Muster eines Weibes. Allein eines Abends, als ich meinen Kranken verließ, stieg eine Nachbarin und Hausfreundin mit mir die Treppe hinab und fragte mich, was ich von dem Zustande des Kranken halte. Es ist keine Hoffnung mehr, erwiderte ich ihr, der Mann kann nicht mehr aufkommen; mit großer Sorgfalt gelingt es vielleicht, ihn noch einige Tage hinzuhalten, aber es ist unmöglich, ihn zu retten. Ich konnte mich noch nicht entschließen, dies seiner armen Frau zu sagen, weil ich ihre Verzweiflung fürchte. Sehen Sie, ob es möglich ist, sie auf diesen Unglücksfall vorzubereiten. Die Nachbarin ermangelte nicht, das zu hinterbringen, was ich ihr gesagt hatte; aber denken Sie sich mein Erstaunen, als ich den andern Tag das Honorar für meine Besuche mit einem Zettel bekam, der die Worte enthielt: »›;Da mein Mann nicht mehr aufkommen kann, mein Herr, so ist es unnütz, daß Sie ihn ferner besuchen.‹« Ich konnte nicht an das glauben, was ich so eben zu lesen bekommen, und begab mich wie gewöhnlich zu meinem Kranken. Die Frau öffnete mir die Thüre und rief: »Aber, mein Herr, ich hatte Ihnen ja zu wissen gethan, daß Sie sich nicht mehr hierher zu bemühen brauchten.« – Madame,« sagte ich zu ihr, »man läßt Niemand sterben, ohne ihn bis auf den letzten Augenblick gepflegt zu haben. – »Nach Belieben, mein Herr, aber sicher werde ich weder Ihre Besuche mehr bezahlen, noch einen Groschen für Medizin ausgeben, da mein Mann nicht mehr gerettet werden kann.« – Das wird mich nicht abhalten, ihn wieder zu besuchen, Madame. –»Halten Sie das, wie Sie wollen, mein Herr ... Der arme liebe Mann ... Ich werde sogleich sein Werkzeug verkaufen; da er doch nicht mehr davonkommen wird, so brauche ich es nicht zu behalten.« – Und nun, mein Herr, wie benahm sich dieses Weib, welches ich für das Muster der Gattinnen gehalten? Sie sorgte, sie wachte nur für den Mann, der ihr Nahrung verschafft hatte; sie weinte nur vor Kummer, ihn nicht mehr arbeiten zu sehen, und von dem Augenblicke an, als sie die Gewißheit erhielt, sie habe keine Hülfeleistung mehr von ihrem Manne zu erwarten, entzog sie ihm ihre Freundschaft.«

»Ja, hier war die Handlungsweise sehr trügerisch; und Ihr anderes Beispiel, Doktor?«

»Ein andermal behandelte ich als Arzt auch wieder arme Handwerksleute, welche einen Sohn hatten, den sie sehr liebten; aber der junge Mann, der sich bis zu seinem neunzehnten Jahre sehr gut aufgeführt und stets dem Willen seiner Eltern gehorcht hatte, änderte bald seinen Charakter und wurde in kurzer Zeit ein rechter Taugenichts; er frequentirte die Weinhäuser, wollte nicht mehr arbeiten und setzte sogar mehrere Male den Ermahnungen seines Vaters Beleidigungen entgegen! Auf diese Weise erreichte er sein zwanzigstes Jahr und die Zeit der Conscription; er verlor durch das Loos und sollte abreisen; aber an dem nämlichen Tage an welchem er zu seinem Corps, abgehen sollte, denken Sie sich mein Erstaunen, erschien der junge Mann bei mir; er näherte sich mir mit verlegener Miene und sagte mit bewegter Stimme: »Mein Herr, meine Eltern lieben Sie, sie haben Vertrauen zu Ihnen ... und das mit Recht; aber auch ich weiß, daß ich mich Ihnen anvertrauen kann, und deßhalb will ich Ihnen bekennen, was ich noch Niemand gesagt habe.« Schon ganz erstaunt über die Veränderung, welche ich in den Manieren, in dem Tone des jungen Mannes wahrnahm, forderte ich ihn auf, sich zu erklären, und er sagte mir alsdann: »Meine Eltern sind sehr arm, aber ich bin ihr einziger Sohn und sie lieben mich sehr; mehrere Male habe ich sie, ohne von ihnen bemerkt zu werden, von der Zeit sprechen hören, wo ich zur Conscription mußte, und da sagten sie: Wir wollen Alles verkaufen. Alles verpfänden, was wir besitzen, wir wollen, wenn es nöthig ist, uns lange Zeit nur von Brod nähren, aber wir lassen unsern Sohn nicht abreisen, der uns eben so zärtlich liebt, wie wir ihn. – Ach! mein Herr, ich kann Ihnen nicht sagen, was ich damals empfand, denn ich wollte meine Eltern nicht dem Elend Preis geben; sie zu bitten, mich abreisen zu lassen, ihren edeln Entschluß zurückzunehmen, wäre unnütz gewesen, das fühlte ich wohl. Da faßte ich den Entschluß, sie zu täuschen; ich hörte auf zu arbeiten, trieb mich in Kaffee- und Wirthshäusern herum, hörte nicht mehr auf ihre Ermahnungen, wagte es sogar, unverschämt mit ihnen zu reden. So wurden sie betrogen, sie glaubten mich jeder Besserung unfähig, der Tag der Loosziehung kam heran und sie ließen mich abreisen. Ich habe ihnen Lebewohl gesagt ... aber noch ohne sie zu enttäuschen ... denn sie wären im Stande, mich loskaufen zu wollen. Aber, mein Herr ... wenn ich in Spanien fallen sollte, wo man sich schlagen wird, wie es heißt, so wäre es schrecklich für mich, die Verachtung meiner Eltern mit ins Grab zu nehmen. Dann ... ach! aber auch dann nur sagen Sie ihnen, was ich gethan habe, damit sie erfahren, daß ihr Sohn ihrer Zärtlichkeit nicht unwürdig war.« Der arme Junge weinte, während er diese Worte sprach; ich öffnete ihm meine Arme und drückte ihn lange an mein Herz; denn auch ich war ihm eine Genugthuung schuldig, auch ich hatte ihn, seiner Ausführung nach, für ein sehr schlechtes Subjekt gehalten.«

»Dieses Beispiel tröstet uns für das andere,« sagte Herr Guerreville, »aber leider halte ich die ersteren für weniger selten.«

In diesem Augenblicke öffnete man die Thüre des Salons; ein großer Kerl von höchstens dreißig Jahren, mit einer Soldatenmütze von Wachsleinwand auf dem Kopfe, einem Paar Husarenbeinkleider und einer bis an das Kinn zugeknöpften Jagdweste, näherte sich dem Herrn des Hauses und blieb vor ihm stehen, indem er die Hand an seine Mütze legte wie ein Soldat, der einen Offizier grüßt.

Das war George, der Diener des Herrn Guerreville; der Bursche war Soldat gewesen und hatte von daher jene Gewohnheit, eines raschen, passiven Gehorsams beibehalten, welcher bei den Dienstboten so selten wird; dabei war er von außerordentlicher Ordnungsliebe, eine Eigenschaft, auf welche bei dem Militär streng gehalten wird; endlich war er weder geschwätzig noch neugierig: Alles dies ließ seinen geringen Verstand und seine beschränkte Fassungskraft in jedem andern Theile des Dienstes übersehen.

»Nun, George, sind Sie auf der Post gewesen?« fragte Herr Guerreville, als er seinen Diener eintreten sah.

»Ja, Herr, aber es sind keine Briefe für Sie da.«

»Nichts Neues! ... gar nichts ... Nun sind es bald sechs Jahre ... und dennoch hoffe ich noch manchmal. Aber ich sehe wohl, daß Alles aus ist. O! es ist doch schrecklich, in dieser fortwährenden Spannung zu leben ... und immer wieder in seinen Hoffnungen getäuscht zu werden!«

Guerreville hatte diese Worte mit halber Stimme gesprochen, aber mit einer so wehmüthigen Betonung, daß sich der Doktor versucht fühlte, sich in seine Arme zu stürzen, um ihn zu trösten, aber er hatte den Muth nicht dazu, denn die Blicke seines neuen Freundes waren so finster, so nachdenklich geworden, daß er befürchtet hätte, ihn in seinen Gedanken zu stören.

Georg stand noch immer in der Mitte des Salons kerzengerade vor seinem Herrn.

»Was machen Sie noch da?« rief Herr Guerreville heftig, indem er seinen Diener ungeduldig ansah.

»Ich habe dem Herrn noch Einiges zu übergeben ... verschiedene Karten, die man mir für ihn zugestellt hat;« und Georg überreichte seinem Herrn mehrere Karten und verließ dann mit raschem Schritte den Salon.

Guerreville nahm mit übler Laune die Karten, heftete seine Blicke darauf, und warf sie dann ins Feuer, indem er sagte: »Vadevant ... Boullardin ... Desboulleaux ... kenne ich denn alle diese Leute! ... werden sie mich nicht endlich einmal in Ruhe lassen! Welche Wuth haben sie seit einigen Tagen, mir jeden Augenblick ihre Karten zu schicken! ;...«

Der Doktor Jenneval konnte einen Ausbruch des Lachens nicht unterdrücken, da er die Namen der Hauptmitglieder der Gesellschaft, die sich bei Madame Blanmignon zu versammeln pflegte, im Feuer auflodern sah. Guerreville wandte sich gegen ihn, indem er sagte: »Sie lachen, weil Sie mich diese Karten verbrennen sehen? ;...«

»Ja ... denn ich erinnere mich ... O! aber ich darf es Ihnen nicht sagen!«

»Sprechen Sie doch, Doktor. Ach! wenn Sie wüßten, wie gleichgültig mir jetzt alle Geschwätze in der Welt sind!«

»Nun wohl! vor noch nicht langer Zeit nannte man Sie in der ganzen Stadt nur den Bären, weil sich Jeder darüber ärgerte, daß Sie die Einsamkeit der Gesellschaft vorzogen. Aber seitdem man erfahren, daß der Herr Unterpräfekt ein Freund von Ihnen ist, o! da hat sich die Stimmung hinsichtlich Ihrer sehr verändert! ... Sie sehen es, man thut die ersten Schritte, und gibt seine Karte bei Ihnen ab ... O! nun sind Sie in Gunst!«

Guerreville versuchte zu lächeln und entgegnete: »Glücklich die Leute, welche sich mit all' diesen kleinen Gesellschaftsklatschereien beschäftigen können! ... Das beweist zum mindesten, daß sie keine große Sorge auf dem Herzen haben! Uebrigens, Doktor, werde ich in einigen Tagen aufhören, ein Gegenstand der Neugierde für die Bewohner dieser Stadt zu sein.«

»Wie! hätten Sie wirklich die Absicht, uns zu verlassen?«

»Ja ... ich werde nach Paris gehen ;...«

»Auf längere Zeit?«

»Ja! wahrscheinlich.«

»Das ist mir leid, denn ich habe Sie stets mit Vergnügen besucht, und ich schmeichle mir, daß Sie mich von der Seite kennen, um zu glauben, daß dieses Vergnügen uneigennützig war.«

Guerreville ergriff die Hand von Jenneval und drückte sie ihm heftig, indem er entgegnete: »Ja, gewiß, ich glaube Ihnen; und auch ich war gerne in Ihrer Gesellschaft.«

»Zudem,« sagte der Doktor, »wissen Sie, daß man nicht vom Handwerk lassen kann; und ich gestehe Ihnen, daß ich mir mit der Hoffnung schmeichelte, Sie allmählig von Ihrem Trübsinn heilen zu können.«

»O! niemals ... niemals! ... Es gibt Leiden, die sich nicht vergessen lassen; und zudem ... ist es bei mir nicht Melancholie ... Menschenhaß ... es ist ... daß ich lieber an das denke, was mir mein Leiden verursacht, als mich zu zerstreuen versuche.«

»Aber es ist möglich, daß auch ich nach Paris gehe, um mich dort niederzulassen. Sie wissen, daß ich Ihnen oft gesagt habe, daß mir der Aufenthalt in dieser kleinen Stadt nicht sehr angenehm sei. In dem Fall, daß ich nach Paris komme, werden Sie mir erlauben, Sie zu besuchen?«

»Ich bitte Sie sogar darum. Da ich den Aufenthalt in den möblirten Hôtels nicht liebe, werde ich mich beeilen, eine eigene Wohnung zu nehmen, und sobald ich eine solche gefunden, Ihnen meine Adresse zuschicken.«

»Sie versprechen es mir?«

»Ich verspreche es Ihnen.«

Der Doktor war aufgestanden, er drückte auf's Neue Guerreville's Hand und nahm Abschied von ihm.

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