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Charles Paul de Kock: Zizine - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorPaul de Kock
titleZizine
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. A. Benedikt.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090630
projectid904da7b7
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Dreizehntes Kapitel

Stephaniens Liebe

Drei Tage waren seit dem Balle verflossen, auf welchem sich Stephanie als den Gegenstand aller Huldigungen gesehen hatte. Drei Tage! das ist sehr kurz, für glückliche Leute, für solche, die nur einen Wunsch hegen dürfen, um ihn alsbald erfüllt zu sehen; gewöhnlich hat die Zeit Flügel, wenn man im Schooße der Vergnügungen lebt.

Stephanie aber hatte diese drei Tage unaussprechlich langweilig gefunden, es schien ihr, als wären seit ihrer Anwesenheit auf dem Balle Wochen, Monate dahingeschwunden. Die Stunden kamen ihr länger, die Tage vollends unendlich lang vor; und doch war in ihrem Innern, in ihrer Lebensweise keine Veränderung vorgegangen; ihre gute Großmutter suchte ohne Aufhören ihren kleinsten Wünschen zu begegnen. Die kleine Zizine war noch immer da, immer zum Lachen, zum Spielen bereit, sobald sie Lust dazu bezeigte; aber Stephanie war träumerisch, fast traurig geworden; Alles, was ihr sonst Vergnügen gemacht, langweilte sie jetzt; sie war sogar manchmal, gegen die Liebkosungen ihres kleinen Schützlings gleichgültig.

Woher kam diese Veränderung? ... Was hatte sie hervorgerufen? ... Nun! mein Gott! Ihr habt es ohne Zweifel begriffen; es ist nicht schwer, zu errathen, warum ein junges Mädchen träumt und seufzt. Die Liebe ist ein Gefühl, welches eine große Veränderung in unserer Gemüthsstimmung hervorbringt, wenn wir sie zum erstenmal empfinden; sie macht uns heiter oder traurig, sie macht uns schweigsam und zerstreut, manchmal schwatzhaft, oft nachsichtig gegen Andere, und fast nie boshaft. Später sind ihre Wirkungen weniger stark bei denjenigen, welche sie befällt; es ist wie bei einer Krankheit, die wir schon einmal durchgemacht haben, und die eben dadurch von ihrem bösartigen Einfluß auf uns verloren hat.

Gegen den Abend des dritten Tages hörte gerade Stephanie die kleinen Plaudereien Zizinens an, ohne darauf zu antworten, als ein Diener Herrn Emil Delaberge meldete. Plötzlich fühlte das junge Mädchen ihr Herz heftig schlagen und all' ihr Blut dorthin zurückströmen, aber Niemand bemerkte ihre Blässe und die Aufregung, welche zu verbergen sie sich bemühte.

Emil trat in den Salon, stellte sich mit jener Ungezwungenheit vor, die der Reichthum, und noch mehr das Bewegen in guter Gesellschaft verleiht; er äußerte gegen Madame Dolbert, welch' großes Vergnügen es ihm machen würde, sie öfter besuchen zu dürfen; dann wußte er die Unterhaltung so gewandt zu führen, daß er jene Kälte, jenen ceremoniellen Ton, in welchem man sich häufig mit neuen Bekanntschaften hält, daraus verbannte. Selbst Stephanie überwand bald ihre Verwirrung und nahm Theil an dem Gespräche. Herr Delaberge war geistreich, liebenswürdig und sehr angenehm zu hören. Geschickt von einem Gegenstand auf den andern übergehend, erzählte er, ohne seine Zuhörer zu ermüden; er war viel gereist, hatte viel beobachtet und flocht in seine Erzählungen witzige Anekdoten, merkwürdige Vorfälle ein, die er mit einer Einfachheit vortrug, die ihren Reiz noch vermehrte.

Der Abend verschwand sehr rasch. Emil bat die Damen um Erlaubniß, öfters kommen zu dürfen, um ihnen Gesellschaft zu leisten. was ihm mit Vergnügen gestattet wurde; denn die Großmutter wie die Enkelin fanden seine Gesellschaft sehr angenehm.

Am folgenden Morgen beschäftigte man sich natürlich mit Delaberge; den ganzen Tag sprach Stephanie von ihm; sie lachte noch über das Lustige, was er gesagt hatte, und wiederholte seine interessanten Geschichten, denn ihr war kein Wort von dem, was er erzählt hatte, verloren gegangen, und öfters rief sie: »Nicht wahr, Zizine, dieser Herr ist sehr liebenswürdig? ;...«

Und da das kleine Mädchen ziemlich frostig »ja« antwortete, verzog ihre Beschützerin zum ersten Mal das Gesicht, und schien geneigt, es auszuzanken.

Die Ursache war, daß dieser Herr in den Augen des Kindes nichts Liebenswürdiges hatte. Mit seinen Artigkeiten gegen die Damen beschäftigt, schien Emil Zizinen durchaus keine Aufmerksamkeit zu schenken, und hatte nicht ein einziges Mal das Wort an sie gerichtet; und so war es denn ganz natürlich, daß die Kleine den Enthusiasmus dieser Damen nicht theilte.

Nun hatten die Puppe, die kleinen Spiele, all' jener Zeitvertreib, welcher sonst Stephanien erfreute, mehr als je allen Reiz für sie verloren. Sie liebte Zizinen noch immer, sie war stets erfreut, dieselbe in ihrer Nähe zu haben; aber ihre Laune war eigenwilliger geworden, und sie nahm die Liebkosungen des Kindes nicht mehr mit demselben Lächeln auf; denn jetzt war ihr Herz, auch wenn sie ihre kleine Freundin küßte, bisweilen mit einem andern Gegenstände beschäftigt.

Emil Delaberge kam bald wieder zu Madame Dolbert, er war sehr stark in der Musik; diese Kunst bringt diejenigen, welche sie treiben, einander bald sehr nahe, und wenn man zu einem gegenseitigen guten Verständnisse schon ganz geneigt ist, dann verschafft die Musik tausend Gelegenheiten glücklich zu sein, tausend sanfte und lebhafte, obgleich noch sehr unschuldige Genüsse.

Stephanie spielte mit größerer Vorliebe auf ihrem Piano, seitdem Herr Emil sie hörte und begleitete; sie sang die Romanzen, welche er ihr brachte, mit mehr Gefühl; war das bloß Eigenliebe und der Wunsch, den Beifall eines Kenners zu erlangen? Stephanie glaubte es, denn Stephanie, deren Herz so rein, jedem schlimmen Gedanken so fremd war, gab sich dem Gefühle, das sie zu Emil zog, hin, und suchte ihm durchaus keinen Widerstand zu leisten, weil sie gar nicht daran dachte, daß etwas Böses darin läge, in Emils Nähe glücklich zu sein, seine Gegenwart zu wünschen, vor Freude zu zittern, wenn er erschien, zu seufzen, wenn er fortging. Das junge Mädchen befragte sich gar nicht darüber; sie hatte keine Furcht vor einer Gefahr, die sie nicht begriff, sie wich dem Einflusse, den Emil bereits auf ihr ganzes Wesen ausübte, und empfand für ihn schon eine tiefe Leidenschaft, bevor sie sich noch Rechenschaft über das Gefühl abgelegt hatte, das ihr Herz erfüllte.

Auf der andern Seite überhäufte die Großmutter ihren neuen Bekannten mit Freundschaftsbezeigungen; warum sollte Stephanie nicht das Vergnügen theilen, das ihre Mutter über die Anwesenheit Emils empfand?

Und warum sollte endlich ein junges Mädchen von siebzehn Jahren sich einer Neigung hinzugeben fürchten, welche sie mit einem neuen Glücke bekannt machte, besonders da ihr Niemand sagte, daß eine Gefahr darin liege, sich hinreißen zu lassen; wie viele Andere unterliegen, obgleich sie gewarnt wurden! Wie sollte die zu widerstehen vermögen, die ungewarnt bleibt! – Die Erfahrung? ... Aber die Unschuld hat keine.

So war denn Herr Emil Delaberge noch nicht lange in das Haus der Madame Dolbert gekommen, und schon empfand Stephanie, ohne es sich selbst gestanden zu haben und ohne daß Emil auf andere Weise als durch die Augen mit ihr gesprochen hätte, die aufrichtigste Liebe für ihn.

Wahr ist es, Emils Augen waren sehr beredt, und es hielt sehr schwer, ihre Sprache nicht zu verstehen; gewöhnt, von Liebe zu sprechen, drückten sie sich so gut aus, daß man ihnen in kurzer Zeit antworten oder aufhören mußte, in sie hinein zu sehen; und Stephanie hatte es für angenehmer gefunden, auch die ihrigen sprechen zu lassen.

Und alles das war in sehr kurzer Zeit vorgegangen, in einigen gemeinschaftlich zugebrachten Abenden, dann in den Musikstunden, ohne andere Zeugen, als die Großmama Dolbert und Zizine.

Aber auch die Großmama war nicht immer da: wenn Visiten kamen, wenn man eine Partie Whist oder Boston vorschlug, blieben die jungen Musiker allein am Clavier, und dann währte die Musik gewöhnlich viel länger.

Zizine allein hörte sie und blieb einige Schritte von ihnen entfernt, während sie sich irgend einer für ihr Alter passenden Beschäftigung hingab; nur sehr selten entfernte sich das Kind von Stephanien, und wenn dies geschah, so war es nur auf sehr kurze Zeit; sie kam dann immer bald wieder zurück und eilte, sich neben diejenige hinzusetzen, welche sie zwar weniger liebkoste, aber doch noch gerne ihre Liebkosungen annahm.

Emil hatte bei seinem zweiten Besuche bei Madame Dolbert, als er Zizinen erblickte, gefragt: »Das ist ohne Zweifel eine Verwandte von Ihnen?«

Als er aber erfuhr, was es mit dem Kinde für eine Bewandtniß hatte, nahm er wenig Theil an ihm und schien sogar öfters darüber mißvergnügt, es immer in Stephaniens Nähe zu sehen.

Zizine beklagte sich nicht darüber, daß man sie seit Delaberge's Besuchen weniger liebkoste, aber sie merkte es wohl, denn Kinder beobachten oft besser als Erwachsene. Sie empfing nichtsdestoweniger stets denjenigen, welchen ihre Beschützerin so gerne sah, mit einem holdseligen Lächeln! Aber die arme Kleine lächelte vergebens; Herr Emil würdigte sie keines Blickes, oder wenn er sie ansah, entschlüpfte ihm eine Bewegung des Unwillens, die keineswegs anzeigte, daß ihr Anblick ihm angenehm sei.

Bald hielt auch Stephanie, obgleich sie gegen das Kind, welches sie aufgenommen hatte, immer freundlich war, nicht mehr alle ihre Versprechungen. Die Unterrichtsstunden wurden vernachlässigt, man hatte ja an so viele andere Sachen zu denken, oder vielmehr, es gab eine, die so sehr in Anspruch nahm, daß man keinen Augenblick mehr finden konnte, die kleine Schülerin zu bilden; aber Zizine arbeitete für sich allein und noch mit weit größerem Eifer; man konnte sagen, je weniger man sich mit ihr beschäftigte, desto mehr suchte sie sich die Freundschaft ihrer Beschützerinnen zu erwerben.

Die Besuche von Emil Delaberge wurden häufiger, es verging kein Tag mehr, an dem er nicht einige Stunden in Stephaniens Nähe zugebracht hätte, und die gute Madame Dolbert empfing ihn immer mit gleicher Freundlichkeit. Indeß, die Großmutter hatte Erfahrung, sie hatte die Liebe kennen gelernt und konnte nicht zweifeln, daß die schönen Augen Stephaniens viel zu dem Vergnügen beitrugen, welches man darüber äußerte, sie zu besuchen.

Woher kam die große Sicherheit von Madame Dolbert? Daher, weil sie dachte, ihre Enkelin sei mit allen Reizen und Talenten geschmückt und werde mit der Zeit zwanzigtausend Franken jährlicher Einkünfte bekommen; deßhalb müßte sich Jeder, der in sie verliebt sei, glücklich genug schätzen, ihr Gatte zu werden. Da ferner Herr Emil Delaberge ein schöner Mann, reich und von guter Familie war, so sah sie kein Hinderniß, daß er nicht Stephaniens Mann werden sollte, und sie ließ ihn sich in ihre Enkelin verlieben, überzeugt, er werde, sobald er sich ihres Herzens versichert, kommen und um ihre Hand anhalten.

So folgerte die gute Mama, und Emil hatte indessen Zeit gehabt, in dem Herzen ihrer Enkelin reißende Fortschritte zu machen. Dennoch hatte er noch nicht zu ihr gesagt: Ich liebe Sie! aber seine Augen suchten immer Stephaniens Augen, seine Hände begegneten oft den ihrigen, welche er dann sehr zärtlich drückte; das hieß schon sprechen, oder wenigstens seine Liebe pantomimisch erklären, und man weiß, daß kluge junge Mädchen die Pantomime sehr bald verstehen.

Emil wollte dabei nicht stehen bleiben, aber die kleine Zizine wich nicht aus Stephaniens Nähe, und die Gegenwart des Kindes genirte ihn gewaltig. Das war bei Stephanien nicht der Fall: sie fand es so natürlich zu lieben, daß sie gerne ihre Liebe vor der ganzen Welt gestanden hätte. Es schien ihr, als müßte ihr Emil etwas zu sagen haben, als dürfte er sich nicht darauf beschranken, ihr die Hand zu drücken und ihr verliebte Blicke zuzuwerfen; und da sie nicht begriff, warum er ein so strenges Stillschweigen beobachtete, war sie zuweilen versucht, ihn zu fragen, was ihn am Sprechen verhindere, und warum er, wenn er im Begriffe zu sein schien, ihr ein Geständniß zu machen, plötzlich inne halte und in Schweigen versinke, sobald sich ihnen Jemand näherte.

Mehr als einmal hatte Emil, wenn er die kleine Zizine auf Stephanien zulaufen sah, eine Bewegung übler Laune nicht überwinden können und vor sich hingemurmelt: »Wie langweilig! man kann niemals einen Augenblick mit Ihnen allein sein!«

Stephanie betrachtete dann Emil staunend und begriff nicht, warum die Gegenwart ihres kleinen Schützlings ihrem Geliebten ärgerlich sein könnte.

Eines Abends jedoch, als Delaberge zu Madame Dolbert kam, fand er die Großmutter sehr eifrig bei einer Partie Whist beschäftigt. Stephanie war in dem hübschen Boudoir, welches an das Gesellschaftszimmer stieß, und die kleine Zizine übte sich allein auf dem Piano, auf welchem sie jetzt selten Unterricht empfing.

Emil benützte diesen Augenblick, er trat in das Boudoir, setzte sich rasch neben Stephanien und bemächtigte sich einer ihrer Hände, indem er mit leiser Stimme zu ihr sagte: »Endlich kann ich doch einen Augenblick mit Ihnen sprechen, ohne daß Sie von Beobachtern umgeben sind, liebe Stephanie. O, ich habe Ihnen so Vieles zu sagen!«

Das junge Mädchen betrachtete Emil mit einer liebenswürdigen Unbefangenheit und erwiderte: »Sie haben mir Vieles zu sagen ... aber wer hindert Sie denn zu sprechen?«

»Es gibt Geständnisse, welche das Geheimniß erheischen, welche indiskrete Zeugen scheuen.«

Und der junge Mann dämpfte die Stimme, aus Furcht, im Salon gehört zu werden, während Stephanie ihm antwortete: »Ich verstehe Sie nicht.«

»Schöne Stephanie! haben Sie, seitdem ich Sie das erste Mal erblickte, noch nicht in meinem Herzen gelesen, haben Sie das Geheimniß meiner Seele noch nicht errathen? Nun gut! ich will Ihnen Alles sagen, was ich für Sie empfinde ... Ich liebe Sie ... ich bete Sie an ... Doch, wenn Sie mich nicht wieder liebten, wäre ich der unglücklichste Mensch.«

Stephanie hatte ohne besondere Aufregung Emils Erklärung angehört; sie begnügte sich zu lächeln, indem sie erwiderte: »Nun wohl, mein Herr, ich hatte Alles, was Sie mir eben sagten, errathen ... ja, ich sah wohl, daß Sie mich liebten, und ich war bloß darüber erstaunt, daß Sie es mir bis jetzt noch nicht gesagt hatten.«

»Wie, Sie haben mich errathen?« erwiderte Emil, die Stimme dämpfend, um das Mädchen zu bewegen, ein Gleiches zu thun; aber diese fuhr mit ihrer gewöhnlichen Stimme fort: »Ja, mein Herr ... gewiß, ich habe Sie errathen ... denn ich liebe Sie auch, ich ;...«

»Ist es möglich! Sie lieben mich ... o, ich bin zu glücklich! ;...«

»Ja, mein Herr, ich liebe Sie.«

»Liebe Stephanie! ... O, aber leiser ... ich bitte Sie darum ... daß Niemand dieses süße Geständniß, das mein Glück ausmacht, hören kann.«

»Warum denn das? Ist es denn etwas Unrechtes, die Liebe eines Mannes zu erwidern? ... O, ich bin vollkommen überzeugt, daß meine gute Großmutter nichts Schlimmes darin finden wird ... Und nun, da Sie mir gesagt haben, daß Sie mich lieben, und da ich gewiß bin, mich nicht getäuscht zu haben, so will ich ihr sagen, daß auch ich Sie liebe ... daß ich es Ihnen gestanden habe, daß ;...«

»O nein, nein, liebe Stephanie! ... noch nicht, ich bitte Sie ... Die Liebe gefällt sich im Schweigen ... Wozu ist es nöthig, unsere süßesten Gedanken Andern anzuvertrauen ... Behalten wir unser Glück für uns.«

»Ich verstehe Sie nicht ... ich sage meiner guten Großmutter Alles ... Warum wollen Sie, daß ich ihr unsere Liebe verschweige, da ich gewiß bin, daß sie nicht böse darüber sein wird?«

»Vielleicht täuschen Sie sich ... sie könnte böse darüber werden ... mir verbieten, Sie so oft zu besuchen ;...«

»O, ich wiederhole Ihnen, nein, sie thut Alles, was ich will ... darum wird sie es auch nicht für unrecht halten, daß ich Sie liebe ;...«

»Das macht nichts ... Ich bitte Sie darum, liebe Stephanie, sagen Sie noch nichts; Gründe, die ich Ihnen im Augenblicke noch nicht mittheilen kann, nöthigen mich, Ihnen Verschwiegenheit über unsere Liebe aufzuerlegen ;...«

»Nun! da Sie es wollen, werde ich schweigen; es ist jedoch Schade; ich hätte mich so sehr gefreut, das Alles meiner guten Mama zu erzählen! ;...«

»Aber das Geheimniß wird uns nicht hinderlich sein, uns zu verstehen ... Mittel zu finden, uns einander zu nähern ... O, wenn Sie wüßten, wie viel es zum Glück zweier Liebenden beiträgt ... wenn Sie ;...«

Emil konnte nicht weiter sprechen, die Stimme von Madame Dolbert ließ sich vernehmen; sie rief ihrer Enkelin; diese sprang sogleich auf und lief zu ihr in den Salon, und Delaberge war gezwungen, ihr zu folgen; aber während des ganzen übrigen Abends wechselte er mit Stephanien die zärtlichsten Blicke und jene halben Worte, welche für Liebende so vielbedeutend sind. Emil konnte an seinem Triumphe nicht mehr zweifeln, er besaß das Herz Stephaniens, er herrschte als Gebieter in dieser kindlichen und reinen Seele, der bisher die Liebe fremd geblieben war und die sich mit um so größerem Vergnügen derselben hingab, weil sie nichts Böses darin sah, sich diesem neuen Gefühle zu überlassen.

Mehrere Male während des Abends hatte Emil versucht, das Mädchen in das Boudoir zurückzuführen, aber er fand keine Gelegenheit; Stephanie schien die Zeichen, die er ihr gab, nicht zu verstehen und blieb im Salon; er mußte sich mit jenen kleinen Gunstbezeigungen begnügen, die für einen schüchternen Liebhaber schon sehr viel sind; aber Emil war kein solcher, und es war ihm schon zuwider, daß Stephanie ihm unverhohlen die Hand überließ und ihn zärtlich ansah.

Am darauf folgenden Morgen dachte Emil Delaberge, während er noch in seinem eben so weichen als geschmackvollen Bette lag, vor welchem auf einem Nachttische eine Pyramide von Broschüren und Journalen aufgethürmt war, an den verflossenen Abend und sagte zu sich selbst: »Diese junge Stephanie ist anbetungswerth! ... und sie hat mir ihre Liebe mit einer Unschuld gestanden, die täglich seltener wird. Aber werde ich die Thorheit begehen, sie zu heirathen? Sie hat, glaube ich, zwanzigtausend Franken jährlicher Einkünfte; ist das genug für mich, der ich fast hunderttausend habe? O nein, das wäre unvernünftig. Ueberdies will ich mich nicht verheirathen ... ich will diesem Leben voll Triumphen, voll Genüssen nicht entsagen, welches mich zum glücklichsten, zum beneidetsten Sterblichen macht. Nein ... ich werde gewiß kein solcher Thor sein, meine Freiheit zu verlieren. Ich liebe Stephanien, aber mit dieser Liebe wird es wie mit den andern gehen, sie wird mit dem Besitze des geliebten Gegenstandes erlöschen! Und Stephanie wird mein sein, ich habe keinen großen Widerstand von ihr zu fürchten ... sie betet mich an ... es kommt nur noch darauf an, eine Gelegenheit zu finden oder herbeizuführen. Das kleine Mädchen, welches sie aufgenommen hat und das sich immer in ihrer Nähe befindet, ist mir sehr im Wege; aber ich werde schon alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen wissen. O! entzückende Stephanie! Kein Anderer als ich, ich schwöre es, soll Deine ersten Küsse erhalten. Deine ersten Liebesseufzer hören ... und Du wirst eine meiner schönsten Eroberungen sein.«

So sprach Herr Emil Delaberge zu sich, indem er sich behaglich in seinem Bette ausstreckte, und war mit seinen Anschlägen auf die Enkelin der Madame Dolbert ganz beschäftigt, als sich ein Klingeln hören ließ und bald ein Diener die Thüre des Schlafzimmers halb öffnete indem er sagte: »Mein Herr, es ist Jemand da, der Sie sogleich zu sprechen verlangt. Es ist derselbe Herr, der schon dreimal da war, ohne Sie zu treffen.«

»Ah! mein Gott! was will denn dieser Mensch von mir? Macht man schon so früh Besuche? Wie viel Uhr ist es denn, Düpré?«

»Halb zwölf Uhr, mein Herr.«

»Ja, aber ich bin erst spät zu Bette gegangen, ich habe noch Schlaf; Du hättest sagen sollen, ich sei noch nicht aufgestanden.«

»Ich habe es gesagt, aber der Herr fragte, ob Sie ihn demungeachtet nicht annehmen wollten, sonst würde er warten, bis Sie aufgestanden seien.«

»Was Teufels kann denn dieser Mensch von mir wollen? Wenn ich Gläubiger hätte, so würde ich gleich errathen, was ihn zu mir führt; aber ich habe die Schulden niemals geliebt, das ist etwas so Gewöhnliches; ich habe es für viel origineller gehalten, keine zu machen ... Der Name dieses Menschen?«

»Vadevant.«

»Vadevant! ein komischer Name; er ist mir ganz unbekannt. Doch gleichviel, laß den Vadevant eintreten, der muß sonderbar aussehen. Düpré, zieh' einen Fenstervorhang halb weg, damit ich diesen Herrn um so besser betrachten kann.«

Der Diener vollzog die Befehle seines Herrn, und führte bald darauf Herrn Vadevant in das Schlafzimmer von Emil Delaberge.

Der kleine Mann trat ein und grüßte mit einer ungezwungenen und zuversichtlichen Miene, welche keinen Sollicitanten verkündete; er näherte sich dem Bette und sagte lächelnd: »Ich bin entzückt, endlich so glücklich zu sein, Herrn Emil Delaberge zu begrüßen; es ist schon lange, daß ich mich nach der Ehre sehne, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Emil betrachtete den Mann, der Luft zu haben schien, seine Hand zu ergreifen, und sich in seine Decke wickelnd, erwiderte er in sehr kurz angebundenem Tone: »Was wollen Sie mein Herr? Ich kenne Sie nicht. Was haben Sie mir zu sagen? Machen Sie schnell, ich bitte Sie, denn ich habe noch Lust zu schlafen.«

Vadevant machte einen Schritt zurück, stellte sich auf die Fußspitzen, biß sich in die Lippen, runzelte die Stirne und sprach: »Mein Herr, der Gegenstand, der mich herführt, ist sehr wichtig. Er wird Ihnen, wie ich hoffe, die Lust zum Schlafen vertreiben.«

»Dann, mein Herr, beeilen Sie sich, denn bis jetzt hat er diesen Eindruck noch nicht auf mich hervorgebracht.«

Da Vadevant sah, daß man ihm keinen Stuhl anbot, rückte er sich selbst einen herbei und war im Begriffe, sich darauf zu setzen, als er ihn, wie mit Ueberlegung, wieder zurückstieß und sich einen Lehnstuhl nahm, in welchen er sich hineinwarf, indem er sagte: »Ich sehe mich unaufgefordert; Sie haben es bequem, mein Herr, erlauben Sie, daß ich es mir auch so mache.«

»Das ist eine kuriose Erscheinung!« sagte Emil zu sich, indem er den kleinen Mann alle diese Vorbereitungen treffen sah.

Nachdem er seinen Hut vorsichtig auf ein Möbel nahe bei sich gelegt hatte, nahm Vadevant wieder das Wort: »Mein Herr, ein sehr wichtiger und zugleich sehr heiliger Beweggrund führt mich zu Ihnen: und wenn ich sage wichtig und heilig, so übertreibe ich nicht; denn gibt es in der Welt etwas Interessanteres, das mehr unsere Rücksichten verdient, als dieses schwache Geschlecht, dessen natürliche Beschaffenheit uns schon ;...«

»Ah! mein Herr!« rief Emil aus, indem er sich auf seinen Kopfkissen umdrehte, »soll das ein Scherz sein, eine Wette ... wollen Sie mir eine Scene aus den Prozeßkrämern vorspielen? ... Noch einmal, wer sind Sie?«

»Nun gut! mein Herr, ich komme zur Sache: Sie sehen in mir den Cousin und intimen Freund der Damen Devaux.«

Nachdem er diese Worte gesprochen hatte, warf sich Vadevant in die Brust und betrachtete den jungen Mann, auf welchen, wie er glaubte, diese Worte eine gewaltige Wirkung hervorbringen würden. Aber Emil begnügte sich, den Kopf ein wenig zu erheben, indem er murmelte: »Die Damen Devaux? Wer sind diese?«

»Wer meine Cousinen Devaux sind? Nun, mein Herr, diese Frage scheint mir sehr sonderbar. Sie erinnern sich nicht meiner liebenswürdigen Cousinen Laura und Ophelia, der vortrefflichen Virtuosinnen, von denen die Eine singt, während die Andere mit den Castagnetten tanzt?«

»Ah! warten Sie doch ... ja, ja ... ich erinnere mich jetzt ... zwei sehr originelle junge Frauenzimmer; die Mutter ist eine dicke Mama, die immer einen Turban trägt.«

»Eine dicke Mama!« murmelte Vadevant mit beleidigter Miene: »es ist meine rechte Cousine, mein Herr, ich bitte Sie, das nicht zu vergessen.«

»Nun gut! mein Herr, zur Sache ... weßhalb sind Sie hergekommen? und was geht es mich an, daß Sie der Cousin der Damen Devaux sind?«

»Sie sollen es erfahren, mein Herr, da Sie es nicht errathen wollen. Es scheint mir indeß, daß nach den Verhältnissen, die zwischen Ihnen und meinen Cousinen stattgefunden haben, Ihr Herz Ihnen sagen sollte, was mich herführt.«

»Die Verhältnisse meines Herzens ... Was Teufels soll Alles das bedeuten?«

»Das soll bedeuten, mein Herr, daß Sie zu meiner Cousine Devaux gekommen sind, und daß Sie dort ihren Töchtern offenkundig den Hof gemacht haben. Zuerst Ophelia, dann Laura ... daß die Mutter Ihre häufigen Besuche ruhig mit angesehen hat, vollkommen überzeugt, daß Sie nur anständige Absichten haben könnten ... daß die jungen Mädchen zu gefühlvoll ... bei Ihnen ihre Kälte verloren haben ... und daß endlich meine Cousine Devaux, nicht zweifelnd, daß Sie um die Hand wenigstens einer ihrer Töchter anhalten würden, mir geschrieben hat und mich aus Château-Thierry hat herkommen lassen, damit ich der Hochzeit Laura's oder Ophelia's, gleichviel welcher, beiwohnen solle; man willigt ein, Ihnen diejenige zu geben, die Sie wählen wollen. Nach diesem, mein Herr, hat man doch Ursache, sich zu wundern, daß man Sie nicht mehr bei meinen Cousinen sieht, und um den Grund hiervon zu erfahren und um Sie zu fragen, wann Sie einmal die Sache zu Ende bringen wollen, bin ich hierher gekommen.«

Vadevant wartete auf die Entscheidung über das, was er eben gesagt hatte; aber Emil war nicht im Stande, ihm zu antworten; seitdem er den Zweck des Besuches des kleinen Mannes erfahren hatte, wälzte er sich, laut auflachend, im Bette herum. Ungeduldig über diese Ausbrüche von Lustigkeit, die kein Ende nehmen wollten, schrie Vadevant: »Es scheint mir, mein Herr, daß meine Worte Ihnen Vergnügen machen; ich bin sehr erfreut darüber, aber wenn Sie mir antworten wollten ;...«

»Ha! ha! das ist zu drollig! ... das ist zu drollig!«

»Was ist denn hier drollig, wenn es Ihnen beliebt, mein Herr?«

»Ha! ha! ha! das ist herrlich! Man sollte die Familie Devaux unter eine Glasglocke stellen.«

»Wie! mein Herr ... was soll das heißen ;...«

»Das soll heißen, daß nur ein Narr glauben kann, ich habe je die Absicht gehabt, Fräulein Laura oder Fräulein Ophelia zu heirathen ;...«

»Was! mein Herr ... Sie wollen nicht mehr?«

»Ach! mein lieber Herr, habe ich denn jemals wollen können. Weil ich manchmal zu den sogenannten Concerten dieser Damen gegangen bin ... und gelacht habe, wozu es übrigens dort an Gelegenheit nie fehlte, und weil ich Ihren Cousinen gesagt habe, was mir gerade in den Kopf kam! sollte man glauben ... Ach! dazu muß man Madame Devaux sein. Sagen Sie ihr doch, ich sei zu ihr gekommen, wie man zuweilen zur Parade auf die Boulevards geht, um sich einen Spaß zu machen, sich einen Augenblick zu ergötzen, und das war Alles.«

Vadevant sprang mit einer wüthenden Miene auf und schrie: »Sie sind zu meinen Cousinen gegangen wie zur Parade! O! mein Herr, das ist doch zu stark. Aber das wird Ihnen nicht so hingehen. Wir sind da, mein Herr; Sie haben ohne Zweifel geglaubt, nur mit Frauen zu thun zu haben, da haben Sie sich gewaltig getäuscht. Die Damen Devaux haben achtzehn Cousins, von denen ich der Jüngste bin, und wir werden nicht zugeben ;...«

Emil lachte noch stärker, als er die drohende Miene sah, welche der kleine Mann annahm. Dieser näherte sich dem Bette, stemmte seine Hand in die Hüfte und versuchte es, seiner Stimme eine gewaltige Stärke zu geben, indem er rief: »Sie müssen eine von meinen Cousinen heirathen, mein Herr; Sie müssen, sonst läuft Ihr Leben große Gefahr ... Sie verstehen mich.«

»Ja, mein theurer Freund, ich verstehe Sie sehr gut; ich werde mich mit den achtzehn Cousins schlagen müssen, mit allen in- und ausländischen Devaux', nicht wahr? Wohlan! Um die Sache abzukürzen, können wir Beide sogleich den Anfang machen. Ich habe vortreffliche Degen und Pistolen hier, Sie können wählen. Ich bitte Sie bloß um die Erlaubniß, mich im Hemde schlagen zu dürfen, das wird mir bequemer sein, wenn ich blessirt werde.«

Während der letzten Worte Emils war in Vadevants Haltung eine große Veränderung vorgegangen; die drohende Miene war verschwunden, er ließ seine Hand von seiner Hüfte herabsinken und das Maul hängen und sah sich in allen Winkeln des Zimmers um; endlich bemächtigte sich eine sichtbare Aufregung seines ganzen Wesens, und in dem Augenblicke, in welchem der junge Mann, zu dessen Besuch er gekommen war, sich anschickte, aus dem Bette zuspringen, beeilte sich Vadevant, ihn darin zurückzuhalten, indem er mit einer fast honigsüßen Stimme zu ihm sagte: »Mein Herr, wofür halten Sie mich! Ich werde nicht zugeben, daß Sie sich im Hemde schlagen; denn man erhitzt sich beim Duelliren, und da könnten Sie leicht einen Katarrh oder gar eine Brustentzündung davon tragen.«

»Das darf Sie nicht beunruhigen, mein Herr, ich mache mir nichts aus einem Katarrh.«

Emil wollte noch immer sein Bett verlassen, aber Vadevant wickelte ihn in sein Couvert ein, indem er ausrief: »Nein, mein Herr, bleiben Sie doch, ich bitte Sie darum. Ich mich mit Jemand schlagen, der fast nackt ist? Was denken Sie? Alle Vortheile wären auf meiner Seite.«

»Wenn es mir nun aber so beliebt.«

»Aber ich, mein Herr, will, daß in einem Duell die Vortheile auf beiden Seiten gleich seien.«

»So ziehen Sie sich aus, so weit ich es bin, dann werden die Vortheile gleich sein.«

»Wie! ich soll mich bis aufs Hemd entkleiden! Pfui! mein Herr, unser Kampf wäre unanständig.«

»Nun denn, so lassen Sie mich ein Paar Hosen anziehen, das ist gleich geschehen.«

Emil wollte immer wieder aufstehen, Vadevant verhinderte ihn aufs Neue daran, indem er rief: »Es ist unnütz! Wir können uns diesen Morgen nicht schlagen, wir haben keine Sekundanten, und es müssen wenigstens zwei auf jeder Seite sein. Ich will nicht für einen Mörder gelten.«

Emil betrachtete den kleinen Mann scharf, dann zuckte er die Achseln und legte sich nieder, indem er sagte: »In der That; ich glaube, es ist unnütz, daß ich aufstehe. Gestehen Sie, mein Herr, daß Sie überhaupt keine Lust haben, sich zu schlagen, daß alle Ihre Reden nur Großsprechereien waren, und das wird besser sein.«

Vadevant erwiderte nichts, aber er zog sein Sacktuch aus der Tasche, brachte es an seine Augen, schnauzte sich dreimal hintereinander, und stieß dann einen tiefen Seufzer aus. Während dieser Zeit drehte sich Emil nach der Wand um, drückte sich in die Kopfkissen ein, und schien auf die sich im Zimmer befindliche Person gar nicht mehr zu achten.

Nachdem er eine sehr gerührte Miene angenommen, nachdem er mehrere Male die Augen zusammengezwickt hatte, um wo möglich Feuchtigkeit herauszupressen, stotterte Vadevant mit weinerlicher Stimme: »Ach! mein Herr, wäre es nicht grausam, deßhalb zu dem immer so unangenehmen Aeußersten zu greifen, und ist es nicht viel besser, viel vernünftiger, sich zu verständigen. Lassen Sie mich zu Ihrem Herzen sprechen, es wird für meine Worte nicht taub sein; besonders da ich die Sache der Unschuld und der Schönheit vertheidige; denn Sie werden nicht läugnen, daß meine Cousinen schön sind. Es sind zwei Rosen, die nur auf Ihren Hauch warten, um sich zu öffnen.«

Vadevant hielt einen Augenblick inne, doch da ihm Emil nicht antwortete, so schloß er daraus, daß er ihm mit Aufmerksamkeit zuhöre; und nachdem er sich noch einmal geschnäuzt, um glauben zumachen, er weine, fuhr er fort: »Meine jungen Cousinen lieben Sie, ich suche nicht es Ihnen zu verbergen. Laura springt für Sie mit Ihren Castagnetten durchs Feuer; sie vervollkommnet sich in den spanischen Tänzen, weil Sie diese zu lieben schienen. Heirathen Sie sie, und jeden Morgen wird sie Ihnen, während Sie Ihre Chokolate trinken, die Cachucha vortanzen. Ophelia betet Sie an. Schon ausgezeichnete Virtuosin, treibt sie ihre Stimmfertigkeit zu einer Höhe, daß es Einem schwindelt, da sie weiß, daß Sie ein großer Liebhaber vom Gesänge sind; sie hat auf Ihren Namen eine herrliche Orgelpièce componirt; einmal Ihre Frau, wird sie nur in Rouladen mit Ihnen sprechen. Ich weiß wohl, daß Sie nur Eine von ihnen heirathen können; aber wählen Sie, und die Andere wird sich trösten, indem sie Ihnen den so süßen Namen eines Bruders beilegen wird.«

Vadevant hielt inne; er war überzeugt, daß seine Rede einen tiefen Eindruck auf den jungen Mann gemacht haben mußte: aber dieser beharrte in seinem Stillschweigen.

»Sie antworten mir nicht,« sagte Vadevant, »ich errathe die Ursache; Sie fühlen Ihr Unrecht und wollen es nicht eingestehen; beruhigen Sie sich! Im Namen meiner Cousinen wage ich es, Ihnen zu versichern, daß Alles vergeben ist. Es wird von dem Vergangenen keine Rede mehr sein; Sie sollen keinen Vorwurf hören; sagen Sie mir nur, welche von den beiden Schwestern Sie wählen, und ich kehre zurück, um der Familie Devaux das Glück wieder zu bringen.«

Vadevant näherte sich dem Bette: keine Antwort; er neigte sich ein wenig gegen Emil, indem er sagte: »ihren Namen ... derjenigen, welche Sie wählen: Laura oder Ophelia ... lassen Sie hören ... Wie?«

Da der kleine Mann etwas zu hören glaubte, beugte er seinen Kopf noch mehr vor; aber er bemerkte bald, daß das, was er für eine Antwort gehalten, nur ein langes und dumpfes Aufathmen war, welches anzeigte, daß der, an welchen er seine Worte gerichtet hatte, in einen tiefen Schlaf versunken war.

»Er schläft!« sagte Vadevant zu sich; »er ist eingeschlafen, während ich zu ihm sprach ... das ist sehr unartig ... das ist sogar unbegreiflich ... denn ich sagte ihm so ergreifende Dinge, daß es ihn hätte rühren müssen ... Was ist zu machen? Soll ich so weggehen ... ohne eine Antwort zu haben? Ich weiß wohl, daß er mir gleich Anfangs gesagt hat, er wolle Nichts von meinen Cousinen; aber ich hatte mich schlecht dabei benommen, ich hatte ihn in Zorn gebracht, während ich, wenn ich ihm ans Herz sprach, einen glücklichen Erfolg erreichen mußte ... Und wer weiß, ob dieser Schlaf nicht verstellt ist ... ob er nicht bloß die Augen schließt, um mir seine Thränen zu verbergen.«

In dieser Ueberzeugung beugte sich Vadevant noch einmal über Emil hin, faßte ihn sanft am Arm, indem er flüsterte: »Ist es Laura? ist es Ophelia? ... Erklären Sie sich, theurer Cousin!«

Da er sich berührt fühlte, erwachte Emil sogleich: er gähnte, öffnete die Augen, drehte sich um und bemerkte Vadevant, dessen Gesicht fast auf dem seinigen lag; bei dem Anblicke dieses Kopfes belebte ein Ausdruck von Zorn die Augen des jungen Mannes, und er rief: »Abermals dieser vermaledeite Mensch! Er hat sich also verschworen, mich nicht schlafen zu lassen ... Ah, das ist zu stark! Düpré! Düpré! Germain! ;...«

Emil hatte sich aufgesetzt und zog mit Heftigkeit an einer Klingelschnur, welche neben seinem Kopfkissen hing. Der Kammerdiener erschien. Während dieser Zeit lief Vadevant, seinen Hut suchend, im Zimmer hin und her.

»Düpré! wirf diesen Menschen augenblicklich zur Thüre hinaus!« rief Emil, auf Vadevant zeigend, der in der Angst seinen Hut nicht finden konnte; »und wenn ihm noch einmal das Unglück passirt, sich bei mir zu zeigen, so befehle ich Dir, ihn die Treppe hinabzuwerfen.«

Der Diener näherte sich und schickte sich an zu thun, was ihm sein Herr befohlen hatte; aber Vadevant, dem es endlich gelungen war, seinen Hut zu packen, drückte ihn in den Kopf und beeilte sich selbst, die Thüre zu gewinnen, während er schrie: »Das ist abscheulich! das ist ein Gräuel! So behandelt man keinen Ehrenmann! ... Aber Sie werden von mir hören, mein Herr, ich werde meine Cousinen rächen ... ich werde Sie lehren ... ich ;...«

Die letzten Worte erreichten Emils Ohr nicht mehr; denn während er sprach, hielt es Vadevant für klug, seine Beine aufs Schnellste in Bewegung zu setzen, aus Furcht, von dem Bedienten verfolgt zu werden; auf der Straße erst fand er seine volle Stimme wieder und überließ sich einem Zorne, der die Vorübergehenden lachen machte.

Emil indeß, ärgerlich, geweckt worden zu sein, weil er von Stephanien träumte, legte sein Haupt aufs Neue auf seine Kissen; und schon nicht mehr an den eben empfangenen Besuch denkend, suchte er den Traum, um den man ihn gebracht hatte, wieder zu finden. Er liebkoste das Bild des herrlichen Mädchens, dem er den Hof machte, von Neuem in seinen Gedanken, und schloß die Augen, indem er zu sich sagte: »Das Kind genirt mich ... das Kind muß ich von Stephanien entfernen.«

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