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Zipper und sein Vater

Joseph Roth: Zipper und sein Vater - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/roth/zipper/zipper.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleZipper und sein Vater
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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VIII

Dennoch hörte eines Tages der Krieg auf. Die Monarchie zerfiel. Wir kamen nach Hause.

Im letzten halben Jahr hatte ich Arnold nicht gesehen. Er war krank geworden und als Rekonvaleszent zu einem Bahnhofskommando gekommen. Ich kehrte infolge verschiedener widriger Umstände erst Anfang Dezember 1919 zurück. Da war Arnold schon wieder in Zivil. Es stand fest, daß er nicht mehr den Doktor machen würde. Er mußte schnell eine Arbeit suchen.

Es war ein häßlicher Winter im Jahre 1919. Er war feucht, der Schnee hielt kaum einen Tag. Der Wind galoppierte durch die Stadt wie ein nasser Mörder. Die Straßen waren finster. Italienische Offiziere trugen warme, wollene Schals, Gamaschen, knarrende gelbe Ledertaschen, sie gingen siegreich herum, sie waren die Verbündeten des Winters und überhaupt Verbündete. Aus Amerika kamen: Cornedbeef, Pastoren mit Weihnachtsbäumen für arme Kinder und die befreiten Zivilgefangenen. Aus Rußland und aus Italien kamen die Heimkehrer. Viele, die sie erwartet hatten, starben und machten ihnen Platz. Die Börse war lebhaft, und das Geld wurde wertlos. Eine Million junger Männer ging herum und suchte Arbeit. Arnold war unter ihnen.

Bis zu dieser Zeit hatte ich Arnold nur im Schatten seines Vaters und seines Hauses gesehen, ich hatte nur den Mitschüler Zipper gekannt, der in der dritten Bank an der Ecke saß, immer einen halben Kopf kleiner war als die »ganze Klasse«, sich durch viele Sommersprossen vor den andern auszeichnete, die mich an geröstete Semmelbrösel erinnerten, der manchmal fleißig und manchmal faul war, wie alle andern, und Gedichte »fließend« aufsagte, wie es sein Vater ja verlangte. Dann war Arnold ein Student wie viele andere. Er liebte ein Mädchen, das ihm Briefe an die Universität schickte, sein Name stand oft auf der schwarzen Tafel bei der Portierloge, der letzte Name (nicht viele Namen begannen mit Z). Dann wurde Arnold Soldat. Und er verbarg wie alle seine Physiognomie. Vielleicht hatte er bis dahin auch noch keine gehabt. Ich sah ihn wachsen, älter werden, Geburtstage feiern. Aber ich sah nicht, wie er ein Gesicht bekam. Ich betrachtete ihn niemals, ich glaubte, ihn so genau zu kennen. Acht Monate vorher hatte ich ihn in einer Uniform gesehen, die wie die meisten Uniformen der jungen Offiziere jener kriegerischen Zeit immer um ein wenig gegen die Vorschriften verstieß – um das kleine bißchen gegen die Vorschriften verstieß, das genügte, die Heldenhaftigkeit in Koketterie zu verwandeln. Denn die Eitelkeit war in jenen Tagen – nicht zum ersten Male im Lauf der Jahrtausende – stärker als die Disziplin und sorglos vor dem Tod. Arnold trug zum Beispiel, was Infanterieoffizieren verboten war, eine Mütze ohne Schild schief auf dem Kopf. Er war nicht kindisch genug, um mit seiner militärischen Existenz und seinem Offiziersgrad zufrieden zu sein; und den Charakter selbstgefälliger Keckheit verlieh er seiner Kleidung nicht deshalb, weil er sich mit der Uniform freute. Aber er gehörte zu jenen Männern – ich konnte es später bei vielen bemerken –, die einer Mode erliegen, wie Menschen mit empfindlichen Atmungsorganen einer Influenza.

Ich weiß, daß mir Arnold Zipper erst auffiel, als ich ihn nach dem Krieg traf.

Obwohl ich ihn nur ein halbes Jahr nicht gesehen hatte, schien er mir doch in der Zivilkleidung so verwandelt, daß ich glaubte, ihn nach langen Jahren wieder getroffen zu haben. Er trug einen dunkelblauen Anzug aus billigem, gefärbtem Militärstoff. Es war einer von den Anzügen, die man in armen Vierteln auf Stangen vor kleinen Läden hängen sieht, die, wenn man sie angezogen hat, den menschlichen Körper abzuschrecken scheinen, so daß er sich selbst vor ihnen zurückzieht und zwischen sich und dem Stoff, der ihn bekleiden sollte, der ihn aber nur umhüllt, einen luftleeren Raum läßt. Hinter den Bewegungen, die Arnold Zipper in diesem Anzug machte, ahnte ich die ursprünglichen, feineren und gelenkigeren Bewegungen des nackten Körpers. Es war, als kämen der Ärmel und die Hose dem Arm und dem Bein um den Bruchteil einer Sekunde nach. So entstand eine kaum bemerkbare Unbeholfenheit im Gehaben Zippers – vielleicht verursachte sie es eigentlich, daß ich Arnold jetzt genauer zu beobachten begann.

Ein blau-weiß gestreifter weicher Kragen, den Arnold zu einem Hemd von der gleichen Farbe, aber einem andern Muster trug, wahrscheinlich in der Hoffnung, daß die auffallenden Farben die Verschiedenheit der Zeichnung vergessen machen, lenkte vielleicht erst meine Aufmerksamkeit auf das frauenhafte Grübchen in seinem Kinn, das mich manchmal an seine Mutter erinnerte und das ihm den Ausdruck eines genußfreudigen Menschen und eines gutherzigen verlieh. Auffallend waren seine kleinen weißen Zähne, die Zähne eines Nagetiers, die Arnolds Angesicht heiter machten, beinahe übermütig, wenn er sprach. Hielt er den Mund geschlossen, so war sein Gesicht düster. Seine Stirn war rein und groß, sie wirkte unschuldig und unbeschrieben. Seine Augen hatten einen federleichten Blick, der von den Zielen abglitt, wie ein Korkpfropfen, abgeschossen aus einer Knabenflinte. Mit diesen Blicken sah Arnold die Welt. Er kannte ihre Flächen, ihre Glätte und ihre Rauheit, ihre Buntheit und ihre Eintönigkeit. Manchmal wirkte seine Gabe, zu fühlen, was er nicht sehen konnte. Im übrigen war er verschwiegen, aber nicht vorsichtig genug, um sich nicht zu verraten. Er war feinfühlig, aber nicht aufmerksam genug, um niemanden zu verletzen. Mit seinem Vater verglichen, erschien er nicht merkwürdig, sondern eher gewöhnlich.

Er wohnte, obwohl er wenig Geld hatte, nicht bei seinen Eltern. Er aß nur bei ihnen. Wovon er das übrige bestritt, wußte ich lange nicht. In einer andern Zeit hätten ihm seine Fähigkeiten eine Existenz gesichert. In den ersten Monaten nach dem Krieg aber konnte nur einer jener außergewöhnlichen Zufälle helfen, die man »Glück« nennt, oder jene außergewöhnliche Kraft, die ein Genie oder ein Brutaler vor sich her treibt wie einen Tank. Arnold Zipper war nicht genial und nicht herzlos. Er war im Gegenteil zart, gutherzig, begabt und schüchtern.

Vom Dezember bis zum März lebte er von dem Handel mit Militärstoffen, wie ich bald erfuhr. Er vermittelte zwischen Käufern und Verkäufern. Es war damals Sitte im Land: die »abgerüsteten« Offiziere, die ohne Beruf waren oder ihren Beruf nicht mehr ausüben konnten, handelten mit Militärstoffen. Zipper gehörte nicht zu den Tüchtigen.

Er haßte sein Geschäft. Bevor er in ein Kaffeehaus trat – denn in den Kaffeehäusern wickelte man die Geschäfte ab –, hatte er hundert Bedenken. Andere kamen mit der siegreichen Festigkeit eines Commis voyageur von Beruf, in der Überzeugung, ihr Opfer zu finden, zu überreden und gefügig zu machen; eine Überzeugung, die Geschäftsreisende ebenso unwiderstehlich macht wie couragierte Liebhaber und angreifende Generale. Zipper aber war zaghaft, und er zog infolgedessen das Mißgeschick an, ungefähr wie manche Menschen Krankheiten anheimfallen, weil sie Ansteckung und Erkältung fürchten. Zippers Empfindlichkeit verursachte es, daß er den zufälligen und harmlosen Blick eines Kellners für einen vorwurfsvollen hielt. Man mußte im Spielsaal des Kaffeehauses stehen, so lange, bis der Käufer von seiner Kartenpartie aufstand. Wie oft aber kam es vor, daß der Käufer Zipper schon bei seinem Eintritt bemerkte, ihm durch ein Zeichen zu verstehen gab, daß er warten möchte, und in der Hitze des Spieles den Wartenden vergaß oder nur zu vergessen schien! Denn es war auch eine Methode darin, denjenigen, der das Angebot machte, zu zermürben; zu erproben, ob er so sehr »im Druck« war, daß er geduldig wartete, oder ob er so unabhängig war, sofort wegzugehen, wenn der Käufer nicht schnell genug zugriff. Andere konnten in dem Kaffeehaus, in dem sie ein Geschäft abschließen wollten, auch Gäste werden – durch die recht einfache Tatsache, daß sie sich an einen Tisch setzten, von dem aus sie ihr Opfer zu beobachten vermochten und wo sie einen Kaffee tranken. Allein diese »Spesen« konnte Zipper nicht aufbringen. Für ihn bestand die Schwierigkeit darin, in ein Kaffeehaus so zu treten, als suchte er einen Geschäftsfreund; zu warten, bis der Geschäftsfreund mit seinem Spiel fertig war – und zwar so zu warten, daß man ihn weder für einen Unerwünschten noch für einen Zudringlichen noch für einen Bemitleidenswerten halten durfte. Er mußte die Fähigkeit vortäuschen, jeden Augenblick einen Kaffee zu bestellen, und jene Freiheit der Haltung, die dem Kellner zu verstehen gibt, daß man nur deshalb nichts bestellt, weil man gesättigt und ganz ohne Wunsch ist.

Man wurde müde, während man stand, durfte sich aber nicht setzen, weil man nicht einen Tisch einnehmen konnte, ohne zu »konsumieren«. Es gab nichts Schlimmeres für Zipper als diese Viertel- und halben Stunden, in denen er wartete, im Zwielicht des Spielsaals, in dem die gelben Lichter schon entzündet waren, obwohl aus dem vorderen Raum noch die Sonne eindrang. (Aber die Spieler brauchten diesen vorgetäuschten Abend, ebenso wie die Besucher der Freudenhäuser herabgelassene Jalousien.) Zipper wartete. Er ging hin und zurück. Er blieb stehen und blätterte in einer Zeitung und gab sich den Anschein, als hätte er gerade eine Notiz gefunden, die ihn besonders interessierte. Dabei durfte er den Mann, auf den er wartete, nicht aus dem Auge lassen. Ja, er mußte von Zeit zu Zeit versuchen, seine Anwesenheit dem Käufer in Erinnerung zu bringen. Gelang es ihm endlich und stand der Ersehnte auf, so war Zippers Energie schon verbraucht, die Energie, deren er bedurft hätte, um den Widerspenstigen von der Notwendigkeit eines Kaufs zu überzeugen. Hätte Arnold doch die harmlose, optimistische Freude am Gespräch gehabt, die seinen Vater auszeichnete! Aber der junge Zipper hatte ein schwereres Blut als der alte, ein klügeres Gehirn und eine zartere Haut.

Wenn es Arnold trotzdem gelang, so viel zu verdienen, daß er jeden Abend ins Kaffeehaus gehen konnte – in ein anderes Kaffeehaus, wo keine Kunden saßen –, daß er Zigaretten rauchte und mit der Straßenbahn manchmal die freie Natur erreichte, so verdankte er es dem Umstand, daß viele seiner früheren Kameraden unter den Geschäftsleuten waren, die für ihn in Betracht kamen. Diese Kameraden, Kaufleute aus Zufall, hatten eine leichtere Hand, ein menschliches Herz und eine gewisse Solidarität mit Zipper. Sie gaben ihm zu verdienen – wie man sagt. Nachdem aber schon all seine Bekannten an der Reihe gewesen waren, mußte Zipper eine neue Beschäftigung suchen.

In der Familie Zipper hatte die Hoffnung Platz gegriffen, daß Arnold nach Brasilien kommen könnte, zu des alten Zippers Bruder, der seit dem Krieg nichts geschrieben hatte. Manche, die keinen Onkel drüben wußten, machten sich auf den Weg. Die Heimat war so eng geworden, daß die ältesten Menschen, die nie ihren Bezirk verlassen hatten, Sehnsucht bekamen, in eine sehr ferne Welt auszuwandern und die nahe auszutilgen aus der Erinnerung, aus dem Herzen, aus dem Leben. Arnold schien es der einzige Ausweg. Wenn er sich aufrichtig nach seinen Absichten ausforschte, so mußte er zugeben, daß ihm nichts gleichgültiger war als eine öde, geregelte Arbeit zu Hause. Vielleicht mußte man in der Fremde härter arbeiten, aber es war die Ferne. Er las viele Reiseschilderungen. Er hatte sie schon seit seiner Knabenzeit gelesen. Aber niemals war der Wunsch zu reisen in ihm vorher erwacht. Erst als er aus dem Krieg zurückkam, dieses Haus wiedersah, in dem er groß geworden war, diesen Vater, der ihn erzogen, diese Mutter, die um ihn geweint hatte, als er den Schatten des Bruders fühlte, der jetzt erst, nach dem Tode, ein Mitglied der Familie geworden war; als Arnold dieses Land sah, dessen Bürger er war, in dem es galt, jeden Augenblick irgendeiner Partei anzugehören, irgendeine Gesinnung zu bezeugen, in Wirklichkeit also weiter zu dienen für irgendein »öffentliches Wohl«, das man nicht kannte, das man nicht sah und griff und das nur in den Zeitungen beschrieben stand, da erst wollte er nach Brasilien.

Er war aber zu empfindlich, um im Vertrauen auf seinen Onkel auszuwandern, wie es seine Eltern gewünscht hatten. Von allen Grundsätzen der verkehrten Erziehung, durch die der Mensch verdorben wird, war einer der dümmsten Arnolds Überzeugung geworden, jener Grundsatz, der in dem geflügelten Wort seine törichte Form gefunden hat: »Selbst ist der Mann!« Er hatte diesen amerikanischen Ehrgeiz, ganz allein, ohne Hilfe, etwas zu erreichen. Den Grundsatz, der einen amerikanischen Milliardärssohn veranlaßt, nicht im Alter von zwanzig Jahren so nützlich zu werden, wie er sein könnte, sondern zuerst mit Streichhölzern zu handeln und den Weg, den sein Vater schon gemacht hat, noch einmal zurückzulegen. Ein widernatürlicher Ehrgeiz, etwa jenem vergleichbar, der einen jüdischen Verteidiger für Zivilsachen zwingt, als erster einen noch nie erstiegenen Alpengipfel ohne Führer zu erklimmen; einen Artisten, seine Kunststückchen auf einem Aeroplan zu vollführen, obwohl sie auch auf dem Trapez lebensgefährlich sind; einen Maurermeister, ohne Gerüst an einem Wolkenkratzer zu arbeiten. Diesen Ehrgeiz besaß Arnold. Er wollte allein nach Brasilien, und er träumte davon, eines Tages seinen Vater mit einem Telegramm vom Bord eines Dampfers zu überraschen. Im Grunde war sie vielleicht ein Erbe des alten Zipper, diese Freude an Überrumpelungen, ein Vergnügen für kleine Bürger. Es gab in jener Zeit viele Agenten für Auswanderer in romantische Fernen. Es gab Vereine von jungen Leuten, die eine gemeinsame Fahrt nach Australien für einen Sonntagsausflug hielten und die überzeugt waren, daß ihnen nichts unmöglich sei, weil sie dem Tod entronnen waren. Einem dieser Vereine trat auch Arnold bei. Es schien ihm besser zu gehen, seitdem er seinen Wochenbeitrag regelmäßig zahlte. Sein Leben hatte wieder einen Sinn bekommen. Etwas zu verbergen war auch eine Beschäftigung. Aber nach kurzer Zeit verschwand der Kassierer des Vereins mit allen Monatsbeiträgen. Wahrscheinlich war er der einzige, dem es gelang, Brasilien zu erreichen.

Indessen hatte Zippers Vater schon an den Bruder geschrieben. Man knüpfte wieder Beziehungen an, wie Staaten untereinander. Von Zippers brasilianischem Bruder kam ein eingeschriebener Geldbrief. Man möge warten, schrieb der Bruder. Er gedenke, seine alljährlichen Besuche wieder anzufangen wie vor dem Kriege, und bald wolle er kommen.

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