Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Roth >

Zipper und sein Vater

Joseph Roth: Zipper und sein Vater - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/roth/zipper/zipper.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleZipper und sein Vater
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
Schließen

Navigation:

VII

Nach dem Abitur – Zipper hatte es wegen der alphabetischen Reihenfolge erst am letzten Tag abgelegt – hielt der alte Zipper seinem Sohn eine kleine Privatrede:

»Ich selbst habe nie studiert, wie du weißt. Ich bin dennoch ein Mann geworden. Ich hätte aber studiert, wenn nicht die ungünstigen Umstände mich daran gehindert hätten. Ich kann dir nicht so viel geben, daß du wie ein reicher junger Mann lebst. Aber zu essen wirst du haben, und studieren kannst du, was dir gefällt. Ich rate dir, Jura zu studieren. Mach auf jeden Fall den Doktor. Ich selbst gebe nichts auf Titel und äußere Ehren. Aber die Welt ist noch nicht so fortgeschritten.«

Arnold Zipper wurde also Jurist. Ich studierte Philosophie. Aber wir kamen immer noch einige Male in der Woche zusammen. Wie bisher aß ich oft bei den Zippers. Des Alten Sympathie blieb mir gesichert. Nichts ereignete sich im Hause Zipper, was ich nicht einen Tag später erfahren hätte.

Eines Sonntags, es war ein heißer Sommertag, wurde der Thronfolger in Sarajevo erschossen.

Die Frau Zipper war untröstlich. Man hätte glauben können, ihr Bruder sei erschossen worden. Herr Zipper dagegen hatte hier eine glänzende Gelegenheit, seine rebellische Gesinnung zu beweisen. Während seine Frau, das Taschentuch vor einem Auge, das Lorgnon vor dem andern, in der Zeitung die Details las, sagte Zipper:

»Man soll von den Toten nur Gutes sprechen. Der Thronfolger war ein Hund. Aber vielleicht wäre er gar nicht so böse gewesen ohne seine Frau. Vor zwei Jahren bestellt sie bei Weinhorn einen Anzug auf Maß für ihren jüngeren Sohn. Der Zuschneider selbst fährt hinaus, einmal, zweimal, zehnmal. Dann ist der Anzug fertig, der Zuschneider bringt ihn persönlich, da sagt die Sophie: ›Sie müssen ihn zurücknehmen, ich kann Ihnen nicht helfen, ich habe ausdrücklich kurze Hosen bestellt, ich hasse die langen Hosen bei Kindern!‹ Und nichts! Nicht einen roten Kreuzer Trinkgeld! So sind diese Leute! Die Serben müssen ersticken im eigenen Fett. Die ungarischen Magnaten haben Angst, ihre Schweine werden billiger werden. Alles zusammen ein Gesindel! Als ich bei den Vierundachtzigern war, kam er einmal zu den Manövern. Ein Hund! Die Bosheit strahlte ihm aus den Augen!«

»Der arme Kaiser!« klagte Frau Zipper.

»Der Kaiser wird froh sein, daß der Kerl umgekommen ist!«

»Pst!« sagte Frau Zipper. »Sprich nicht so laut!«

»Ich hab keine Angst, ich sag jedem meine Meinung!«

Zippers Meinung änderte sich aber doch in den nächsten Tagen, als die Demonstrationen begannen. Er selbst zog vor die serbische Gesandtschaft. Er kam nach Hause und erzählte: »Man wird's ihnen schon zeigen! Der Thronfolger war ein Hund, aber was geht es die Serben an? Wir wären schon selbst mit ihm fertig geworden. Jetzt werden sie sehn, daß mit uns nicht zu spaßen ist. Die Polizei ist doch großartig! Zieht vom Leder, und im Nu sind alle weggeblasen. Der ganze Platz in fünf Minuten gesäubert. Der Inspektor Hawerda hat heute Dienst gehabt. ›Brav habt's ihr gearbeitet!‹ hab ich ihm gesagt. – (Ein netter Mensch, der Inspektor Hawerda.) ›Aber doch ein bissel zu viel mit den Säbeln. Schließlich ist das der Wille des Volks.‹ – ›Dienst ist Dienst!‹ sagte der Hawerda. – Das muß man auch verstehn!«

Schließlich war Zipper enttäuscht, daß man nicht sofort gegen die Serben marschierte. Von allen Menschen, die ich damals kannte, war er der einzige, den die Mobilisierung nicht überraschte.

»Ich hab es immer gesagt, daß es ohne Krieg nicht ausgehn wird.«

Und Zipper, Zipper, der revolutionäre Zipper sagte zu seiner Frau:

»Pack mir die Uniform aus, man kann nicht wissen. Im Krieg spielen Krampfadern keine Rolle. Ich bin ein alter Soldat, mag der Kaiser sein, wie er will, ich hab den Eid geleistet.«

Vielleicht wäre Zipper gegen den Krieg gewesen, wenn sich die Gesinnung seiner Frau nicht geändert hätte. An dem Tag, an dem die ersten Männer einzurücken begannen, hörte ihr Patriotismus auf.

»Wenn man will, kann man sich immer in Güte einigen«, sagte Frau Zipper.

»Misch dich nicht in die Weltpolitik«, rief der Alte. »Arnold, morgen meldest du dich freiwillig!«

Da sah ich zum erstenmal Frau Zipper aufspringen. Zum erstenmal hörte ich sie kreischen. Sie stand auf gegen ihren Mann, sie erhob den Sessel, sie mußte in diesem Augenblick die Kraft von tausend Müttern gefühlt haben.

»Nein!« rief sie. »Solange ich lebe, wird sich keiner meiner Söhne freiwillig melden. Arnold nicht und Cäsar auch nicht. Geh allein in den Krieg. Ich brauch dich nicht! Geh, geh zu deinem Kaiser! Du! Du!«

Sie raufte sich die Haare. Zum erstenmal sah ich Blut in ihr Gesicht steigen. Sie wurde schön. Zum erstenmal nach zwanzig Jahren wurde sie wieder schön.

Da schwieg Zipper. Arnold meldete sich nicht, und der Alte meldete sich auch nicht.

Aber jedesmal, sooft ich mit dem Herrn Zipper zusammentraf, hielt er folgenden Vortrag:

»Wir ziehen uns zurück, wir lassen die galizische Ebene den Russen. Wir teilen uns, wir werden zwei Fronten bilden. Vom Norden und vom Süden werden wir die Russen packen, verstehen Sie, in einer Zange!« Er krümmte Zeige- und Mittelfinger, spreizte sie und schloß sie wieder. »Indessen wird im Westen Paris erobert. Die Franzosen unterwerfen sich, denn wenn sie noch länger warten, werden sie im Süden von Italien angegriffen. Dann wirft Wilhelm die ganze Armee nach dem Osten. In drei Monaten ist der Zar vernichtet. Die ganze Kunst besteht heutzutage darin, den Feind zu umzingeln. Mit möglichst wenig Truppenmaterial umzingeln! Außerdem muß man die richtige Balance halten zwischen Offensive und Defensive.«

Jeden Tag las Zipper alle Zeitungen. Er vernachlässigte sogar das Sechsundsechzig. In seinem Stammcafé war er einer der glühendsten Patrioten. Einige begannen sich über ihn lustig zu machen. Er wurde wild. Er drohte, den und jenen anzuzeigen. Man zog sich zurück. Die Zweifler grüßte er nicht. Mit seiner Frau sprach er nicht mehr. Auch seine kleinen Scherze gab er auf. Wie lange war es schon her, seitdem er seinen Chronometer hatte läuten lassen! Wie lange war es her, seitdem er zum letztenmal im Zirkus gewesen war! Nur in die Theater ging er noch. Selbst seine einflußreichen Freunde vernachlässigte er, Polizeiinspektoren verachtete er. Was taten sie? Sie blieben zu Hause. Sie drückten sich! Sie »tachinierten«!

Der Sekretär war eingerückt, zur Feldpost. Seine seltenen Karten waren Zippers abendliche Zerstreuung:

»Ich bin neugierig, wo diese Feldpost 106 steckt! Das ist doch ein kluges System. Nur Nummern – und die drüben wissen schon, wo es hingehört. Und dabei geht sicher nichts verloren. Organisation ist eine großartige Sache. Nie hat die Post im Frieden so gut funktioniert!«

Der Salon stand leer. Frau Zipper hängte einen Zettel an das Haustor: Zimmer für soliden Herrn zu vermieten. Herr Zipper entfernte den Zettel wieder. Er trat mit ihm am Abend ins Haus, hielt ihn mit zwei Fingerspitzen hoch, wie ein ekelhaftes Gewürm, und sagte:

»Meine Frau hängt gerade jetzt den Zettel heraus! Jetzt sucht sie, erstens, einen soliden Herrn. Alle soliden Herren sind eingerückt, und die Krüppel sind schon mit Wohnungen versorgt. Zweitens wird Wandl zurückkommen. Was wird man ihm sagen, wenn sein Zimmer vermietet ist? Es ist eine Rücksichtslosigkeit sondergleichen, einem Feldgrauen das Zimmer hinter dem Rücken zu vermieten!« Den Zettel warf Herr Zipper zum Fenster hinaus.

Eines Tages sah ich ihn mit einer schwarzen eisernen Uhrkette. Auch trug er drei eiserne Ringe. »Gold gab ich für Eisen!« stand auf allen drei eingraviert.

Einmal ging er mit Arnold und mir, Nägel in den »Eisernen Mann« schlagen.

»Hier«, sagte er, »ich spendiere dir einen Nagel!« Und er kaufte für mich einen Nagel, weil ich kein Geld hatte. Er selbst schlug nicht weniger als fünf ein.

Jede Woche kam er mit einem neuen Abzeichen. Er trug das schwarzgelbe Kreuz, das silberne und ein Edelweiß am Hut. Einer der Wohltätigkeitsvereine, denen er angehörte, veranstaltete eine Sammlung alter Kleider und warmer Wollsachen für unsere Krieger zu Weihnachten. Zipper selbst begleitete den Wagen, einen großen Trainwagen. Vor jedem Haus hielt er, ging mit einer Glocke in den Flur und nahm die Geschenke entgegen. Er fuhr eine Woche lang herum, die ganze sogenannte Warme-Woll-Woche. Jeden Abend kam er spät nach Hause. Sein Papier-Kommissionsgeschäft begann langsam einzuschlafen. Nur von einem patriotischen Verein, der unter dem Protektorat der Gräfin Windischgrätz stand, bekam er jeden Monat einen Auftrag, Drucksorten zu beschaffen. Auch im militärgeographischen Institut war man auf Zipper aufmerksam geworden. Eine Zeitlang schien es, als würde er bei der Papierlieferung für das Werk »Unsere Helden im Winter« etwas verdienen. Da kam ein anderer und machte das Geschäft.

Nein! Zipper verdiente immer weniger. Im Jahre 1915 gab er endlich zu, daß der Salon vermietet würde – und zwar nur an eine Militärperson. Es war der superarbitrierte Oberleutnant Mauthner vom Kriegsministerium. Dieser Offizier, in Zivil Antiquitätenhändler, kümmerte sich überhaupt nicht um den Krieg. Er leitete im Kriegsministerium das Büro, das die Eintrittskarten für die Besucher ausstellte. Am Abend zog der Oberleutnant seine Zivilkleider an und ging ins Kaffeehaus, wo er Geschäftsfreunde traf. Mit der Zeit stellte es sich heraus, daß Zippers Salon dem Oberleutnant nur als Absteigquartier diente. Der Herr Mauthner wohnte mit Frau und Kindern in sechs Zimmern außerhalb der Stadt. In Zippers Salon quartierte er das Fräulein Minna vom Rathauscafé ein. Er zahlte aber gut und war schließlich ein Oberleutnant.

Endlich kamen Arnold und ich zum Militär. Einen Monat später war auch Cäsar in Uniform. Arnold konnte, sollte und mußte Offizier werden. Also kümmerte sich der alte Zipper um seinen Sohn Cäsar überhaupt nicht. Cäsar wohnte in der Kaserne, kam nur einmal nach Haus, einen Tag, bevor seine Marschkompanie ins Feld ging. Er betrank sich, lag achtzehn Stunden auf dem Sofa und schrie aus dem Schlaf. »Ein schöner Held, ihr Sohn!« sagte der alte Zipper. Am Abend holte uns der alte Zipper von der Einjährigenschule ab. Er trank ein Glas Bier mit unserm Feldwebel. Eines Tages, es war ein nebliger Novemberabend, das Licht der kriegsmäßig reduzierten Laternen sah aus wie in Watte verpackt, standen wir fünf Minuten vor der Schule und warteten auf den alten Zipper. Er kam nicht. Plötzlich tauchte vor uns ein Feldwebel auf, ein kleiner Feldwebel. Wir salutierten. Da lachte der Feldwebel. Es war der alte Zipper. Er hatte sich freiwillig gemeldet.

Oh, wie schön sah er aus! Er trug eine Extrauniform, seine Goldborten glänzten, sein teefarbener Schifferbart war verschwunden, nur sein kleiner, grauer Schnurrbart, auch er stark reduziert, war übriggeblieben. In der prallen Uniform sah man deutlich, daß der alte Zipper einen Bauch hatte und daß er sich in den Hüften wiegte, wenn er ging, und daß er mit den Füßen stark nach auswärts trat.

Er ließ uns ein paarmal auf der Straße salutieren. Wir gingen mit ihm in ein Wirtshaus, und er erzählte alte Geschichten von seinem Regiment. Jetzt war er im Landsturm, und weil er etwas Tschechisch verstand, kam er nach einigen Tagen in die russische Zensurabteilung. Er sollte die Briefe an russische Kriegsgefangene prüfen. Er konnte sie aber nicht lesen. Er fing an, Russisch zu lernen. Indessen häuften sich auf seinem Tisch die Briefe. Er verteilte sie unter seinen Untergebenen und lernte fleißig Russisch.

Er ließ sich photographieren: am Schreibtisch, die Briefe, die er nicht lesen konnte, in zwanzig sortierten Päckchen vor sich; mit Mütze, Überschwung und Säbel; mit Arnold, dem Einjährigen; mit Arnold und mir; mit Arnold zu Hause; mit Arnold auf der Straße. Alle Bilder hingen im Salon.

Dann gingen wir ins Feld, er begleitete uns zur Bahn. Er begann zu winken, bevor der Zug abging. Der Zug stand nämlich noch nicht auf dem richtigen Geleise. Man verschob ihn oft. Immer, wenn ich dachte, jetzt wäre der alte Zipper schon zu Hause, erschien er wieder. Weil er ein Feldwebel war, konnte er bis in die fernsten Güterbahnhöfe vordringen, während alle andern den ersten Bahnsteig schon verlassen mußten. So froh wie damals, als wir in den Tod gingen, hatte ich den alten Zipper noch nie gesehen. Als unser Zug schon endgültig abrollte, erschien er noch einmal, lief neben dem Waggon her, ein Zeitungsblatt in der Hand, und rief uns nach:

»Sieg bei Lublin!«

Wir sahen uns an, Arnold und ich, und begannen, eine Wurst zu essen.

 

Zwei Monate später verlor Cäsar sein linkes Bein.

Der alte Zipper teilte diese Begebenheit Arnold mit: »Er bekommt eine tadellose Prothese!« schrieb der alte Zipper. Und die Mutter schrieb nur eine einzige Zeile dazu. Man sah, wie ihre Hand gezittert hatte. Ich erinnere mich deutlich an ihre Schrift. Die Buchstaben lagen wie Bündel dünner Drähte über- und nebeneinander. »Bleibe ganz und gesund!« schrieb die Frau Zipper.

Arnold aber bekam einen Steckschuß und Urlaub und die Leutnantscharge. Was gab es Schöneres für den alten Zipper. Er ließ sich photographieren als Feldwebel, der Sohn als Leutnant daneben. Arnold schickte mir die Photographie. Da stand der alte Zipper, hielt seine Hand auf der Schulter des Leutnants und blickte starr geradeaus. Immerhin war er älter geworden. Seine Wangen hingen schlaff an den Gesichtsknochen, und auf der Hand, die des Sohnes Schulter hielt, sah man Krampfadern. Arnold schrieb, es ginge jetzt nicht mehr so schlecht. Die Mutter beziehe Geld für alle drei eingerückten Männer. Cäsar würde jetzt versorgt werden, weil er ja ein Bein verloren habe.

Ein wenig später bekam ich Urlaub. Da sah ich, wie die Frau Zipper um Mitternacht mit einem Schemel und einem halbgestrickten Strumpf, mit Brille und Topf und Markttasche vor den Laden ging, um am Morgen Fleisch und Milch zu holen. Immer noch sprach Zipper zu seiner Frau in der dritten Person. Dennoch stand er um drei Uhr morgens auf, um seine Frau abzulösen. Cäsar hätte als Invalider, ohne zu warten, alle Nahrungsmittel bekommen können. Aber er kam nur einmal in der Woche aus dem Spital nach Hause, am Samstagnachmittag, humpelte zur Lade in der Kommode, wo die Mutter ihre Geldbörse verbarg, leerte sie und begab sich ins Wirtshaus.

Er war finster geworden, seine kurze Stirn schien noch kürzer zu sein, sie bestand nur noch aus einem kleinen Stückchen tausendfach zerknitterter Haut. Immer hing ein trauriges, dumpfes Lächeln in seinen Mundwinkeln, es war wie das Abzeichen eines selbstgefälligen Stumpfsinns, wie der Anfang eines Fluches und wie der Beginn einer Verwandlung aus dem Menschen zum Tier.

Er bekam eine Prothese, die nicht paßte, er warf sie weg. Er zerbrach eine Krücke nach der andern. Wenn die Mutter ihn im Spital besuchte, versteckte er sich im Klosett. Man schickte ihn ins Irrenhaus. Er bekam einen Wutanfall, wurde in die Tobsuchtszelle gesperrt, weinte, wurde sanft, sprach nichts mehr. Er begann Zeitungspapier zu essen. Die Irrenhäuser füllten sich, man konnte ihn nicht mehr behalten, man schlug den Zippers vor, ihn nach Hause zu nehmen.

Jetzt schien er endgültig verblödet zu sein. Er saß in einem samtenen, roten Stuhl, den man aus dem Salon geholt hatte, und aß die Kriegsberichte, die der alte Zipper gelesen hatte.

Einmal aber erwischte er eine Zeitung, die der Vater erst am Nachmittag lesen sollte. Der alte Zipper versuchte, seinem Sohn das Blatt wegzunehmen. Da verlor Cäsar seine Sanftmut. Er sprang auf, fiel nieder, erhob sich, verwüstete mit seinem Stock alle Möbel, das Geschirr, die Spiegel. Man holte Sanitäter, Cäsar verfiel in Delirium und starb einige Tage später.

In der einen Stunde, in der Cäsar wütend und die Frau Zipper in Ohnmacht gefallen war, färbten sich die Haare Zippers weiß. Er begrub seinen Sohn und war plötzlich ein alter Mann. Er sprach zu seiner Frau wieder, er sagte ihr wieder du. Die Briefe, die er Arnold ins Feld schickte, klangen wie zerbrochene Glocken. Seine Schrift war immer noch flott, seine Buchstaben waren immer noch rund und groß, seine Unterschrift lag immer noch eingewickelt in ihrem alten Ornament, das einer großen Schleife ähnlich sah oder einem Schmetterling. Die Wendungen, mit denen er seine Briefe einleitete und schloß, waren immer noch die alten. Jeder Brief begann mit der Anrede: »Mein innig geliebter Sohn!« – jeder schloß mit den Worten: »Ohne sonstige Wichtigkeiten Dein Dich liebender Vater.« Aber in den Briefen war die Rede von der Bitterkeit der Zeit. Sie strömten einen trostlosen, unerbittlichen Nebel aus. Er stieg aus ihnen auf wie aus herbstlichen Feldern. Die Briefe rochen schlimmer als der Tod. Sie waren wie das Leben der Lebendigen im Krieg.

Man hatte dem alten Zipper ein Verdienstkreuz gegeben. Er bat um die Erlaubnis, außerhalb der Dienststunden Zivil zu tragen. »Ich wünsche mir nur«, so schrieb er einmal an Arnold, »Dich noch einmal zu sehen.«

Ich dachte an den Alten aus den Friedenszeiten, der mit uns die Türme bestiegen, die Liliputaner besichtigt hatte, den Schnelläufer, den Wanderzirkus, den Löwenmenschen, die Frauen ohne Unterleib, an den alten Zipper, der seine Uhr unter merkwürdigen Umständen in Monte Carlo erworben hatte, der sein geheimes Läutewerk in Bewegung setzte, Mäuschen aus Zündholzschachteln springen ließ und das Tischtuch gespenstisch bewegte. Ich sah, wie es zu Ende ging mit ihm, den wir gekannt hatten. Er verwandelte sich in einen ganz unbekannten, neuen. War das noch der Zipper?

Als ich das letztemal in Urlaub kam, besuchte ich ihn. Er ging in Zivil, es war ein Sonntag, ich traf ihn vor seiner Haustür. Sein Schnurrbart war weiß, seine Haare waren weiß, er stützte sich auf den Stock mit der Elfenbeinkrücke, und sein Rücken war rund. Zipper war um einen halben Kopf kleiner geworden. Einige Male blieb er auf der Stiege stehen, nicht um Atem zu holen, wie mir schien, sondern um nachzudenken. Er sprach sehr wenig. Als wir oben waren, ging er in die Küche und sagte: »Fanny, komm her!«

Es kam die Frau Zipper. Ich erfuhr so zum erstenmal, daß sie Fanny hieß.

Ihre Haare waren farblos wie immer. Ihr Gesicht war mager, ihre Hände waren hart wie immer. Nur aus ihrem Kinn war, wenn sie lächelte, die letzte Erinnerung an ein Grübchen geschwunden.

In der Ecke neben dem Fenster, in dem Zimmer, in dem wir so oft gesessen hatten, als in der Welt noch Frieden und bei den Zippers noch Krieg gewesen war, in der Ecke stand ein roter samtener Sessel aus dem Salon.

»Hier«, sagte Zipper, »ist Cäsar immer gesessen, die letzten Wochen.« Frau Zipper ging wieder in die Küche.

»Wann wird dieser Krieg zu Ende sein?« fragte Zipper.

»Noch nicht, glaube ich«, sagte ich. »Wir warten auf den Tod.«

Ich fuhr wieder in den Krieg. Und der Krieg war nicht zu Ende. Die alten Zippers dienten und die jungen. Millionen Zippers schossen und starben, und hunderttausend wurden verrückt.

Jedesmal kamen Briefe an Arnold. Sie enthielten alle dasselbe.

Arnold schrieb Briefe nach Hause. Ich fügte immer einen Gruß hinzu.

Manchmal, wenn ich die Feldwachen kontrollierte, sah ich das Zimmer der Zippers vor mir – und es kam mir vor wie ein Zimmer des Friedens.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.