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Zipper und sein Vater

Joseph Roth: Zipper und sein Vater - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/roth/zipper/zipper.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleZipper und sein Vater
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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V

Eines Abends, es war Sommer, neun Uhr, knapp nach dem Abendessen, just um die Stunde, in der die Bewohner des Viertels ihre Wohnungen verlassen (die Frauen ohne Hüte, die Kinder an der Hand, die Hunde ohne Leine und die Männer ohne Weste), um in den nächsten kleinen Park zu gehen oder auf den Kai, da sagte Zipper plötzlich zu seiner Frau:

»Ich habe heute den Salon vermietet.«

An diesem Abend ging die Familie Zipper nicht mehr an die Luft. Alle, die im Zimmer waren – auch ich, der ich gekommen war, meinen Freund abzuholen –, dachten, der alte Zipper sei verrückt geworden. Die Frau Zipper stand auf, trat hinter die Lehne ihres Sessels, wie hinter eine Schanze, um sich zu verteidigen. Als sie sah, daß ihr Mann ruhig saß, blieb auch sie bewegungslos stehen. Sie sah ihn gerade an, sie schien am schnellsten von uns zu begreifen. Auf einmal begann sie den Kopf zu schütteln, es war, als bekräftige sie etwas, was sie nur für sich gedacht hatte, als bejahte sie irgendeinem Unsichtbaren eine Frage, die er, nur ihr hörbar, gestellt hatte. Ja, ja, ja, ja, sagte fortwährend ihr armer Kopf, und ihre knochigen harten Hände lagen regungslos auf der Stuhllehne. Ja, ja, ja, ja, nickte ihr Kopf, und nichts sonst bewegte sich im Zimmer. Arnold saß ruhig da, Cäsar war schon fortgegangen, ich kauerte auf der Ecke eines Sofas, am Kopfende des Tisches saß der alte Zipper, und ihm gegenüber stand seine Frau und nickte mit dem Kopf.

»Was nickst du so?« sagte Zipper. – Sie antwortete nicht – das heißt: ihr Mund antwortete nicht, aber ihr blasses feuchtes Auge antwortete, es ließ eine Träne fallen. Ich erinnere mich, wie sie glänzte, diese Träne auf dem gelben Gesicht.

»Da läßt sich mein Freund, der Sekretär Wandl«, begann Zipper, »von seiner Frau scheiden. Das heißt, ich meine: nur von Tisch und Bett. Er sucht eine Wohnung. Wo soll er hin? ›Kommen Sie zu mir!‹ sag ich ihm. ›Ich hab einen Salon frei, ein Bett kann ich Ihnen nicht geben, aber jetzt werden Sie doch froh sein, eine Zeitlang kein Bett zu sehen, glaub ich, was?‹ Darauf lacht er natürlich. Von dem Preis –«

»Ja, was zahlt er?« unterbrach ihn die Frau Zipper. Es war zum erstenmal, daß ich die Frau Zipper ihren Mann unterbrechen hörte. Sie dachte an die unbezahlten Rechnungen, die arme Frau, und sie war schon über das Unglück getröstet, das ihr Mann eben verkündigte. Sie sah schon die Kehrseite dieses Unglücks, es fing an, einer Hoffnung ähnlich zu sehen.

Da sagte Zipper: »Von dem Preis haben wir natürlich nicht gesprochen.«

Dieses »natürlich« habe ich damals nicht begriffen. Warum war es Zipper so natürlich, nicht vom Preis zu sprechen? Ach, was war er doch für ein nobler Mann, der alte Zipper!...

Jetzt kam aus dem Auge der Frau Zipper die zweite Träne. Still und glänzend kam sie, rollte langsam und lautlos in die Stille und verlor sich bei den Lippen.

Dann nahm der Abend seinen Lauf. Frau Zipper begab sich in die Küche, Arnold und ich arbeiteten an einer mathematischen Aufgabe, Herr Zipper las die Zeitung. Die alte Wanduhr, die in dem vermieteten Salon hing, schlug die Stunden, das Fenster war offen, man hörte Stimmen plaudernder Menschen und von Zeit zu Zeit einen Hund bellen, ein Kind schreien, eine schwere Fliege um die Lampe summen. Alles war so, wie es jeden Abend hätte sein können. Aber es war außer all dem noch etwas da, der Atem eines Fremden, der Flügelschlag eines unbekannten Fluches, das unhörbare Signal einer Entscheidung. Wir waren alle zerschmettert, als hätten wir soeben erfahren, daß in dieser Nacht die Welt untergehen würde. Was schien mir denn so schrecklich an der Tatsache, daß die Zippers den Salon vermieten würden? War es, weil ich so oft in jenem kühlen, modrigen Zimmer gespielt hatte? War es mir lieb geworden? Ging es mir verloren, ein Stückchen Heimat? Sah ich den schmalen Sonnenstreifen schwinden, die Staubsäule vom Tisch zum Fenster? Dachte ich mit Wehmut an die blaue gläserne Garnitur?

Es war, als wäre jemand gestorben. Der alte Zipper raschelte mit der Zeitung – und jedesmal, wenn er ein Blatt umwandte, ergriff mich ein Schrecken. Arnold zeichnete mechanisch, er konnte nichts begreifen. Wir wollen lachen und können nicht. Plötzlich sehen wir uns an und senken wieder die Köpfe über den Heften. Aus der Küche kommt ein Schluchzen. Wahrscheinlich weint Frau Zipper. Arnold geht hinaus und kommt wieder nach zwei Minuten. Er sagt gar nichts. »Wo warst du?« fragt der Herr Zipper. »Draußen!« sagt Arnold.

Schließlich erhob sich der Herr Zipper, ging, die Hände auf dem Rücken verschränkt, ein paarmal durch das Zimmer, setzte sich wieder, faltete die Zeitung zusammen, fuhr mit der flachen Hand über sie hin, um sie geradezubügeln, sah auf seinen Chronometer und sagte:

»Es ist elf Uhr und siebzehn Minuten.«

Da ging ich nach Hause.

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