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Zipper und sein Vater

Joseph Roth: Zipper und sein Vater - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/roth/zipper/zipper.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleZipper und sein Vater
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectidabd30cab
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IV

Weshalb war aus dem alten Zipper nichts geworden – wenigstens seiner Meinung nach nichts geworden? – Weil er den größten Teil der Energie, die ihm Gott mitgegeben hatte, dazu hatte verwenden müssen, um aus einem Proletarier ein Bürger zu werden. Denn das ist der Weg der kleinen Menschen. Als Zipper, der Sohn eines Tischlers, jung war, sollte er auch ein Tischler werden. Er wurde Lehrling. Er verfertigte Tische aus Eichenholz, Schränke, Wiegen, Koffer und Särge. Schließlich kam er zu einem großen Tischler in die Lehre nach Wien.

In der kleinen Stadt ist es, als wäre man von Geburt an für irgendeinen Beruf, irgendeine Sendung, irgendein Geschäft bestimmt. Der ist Gemeindepolizist und jener Totengräber. Der ist Uhrmacher, und jener handelt mit Nahrungsmitteln. Der ist ein reicher Kaufmann und jener ein armer Glasermeister. Schon der Vater des Reichen war reich, und der Großvater des Reichen war es auch schon. Die ältesten Menschen der Stadt können sich nicht erinnern, daß irgendein Vorfahre des Reichen arm gewesen wäre. Der Sohn eines Tischlers wird niemals ein Totengräber. Der Sohn eines Delikatessenhändlers wird niemals ein Flurwächter. Zipper, der Sohn eines Tischlers, wäre ein Tischler geblieben, wenn er nicht in die große Stadt gekommen wäre.

Er steckte nicht mehr ganz in seinem Beruf. Er ragte mit einem Teil seiner Strebsamkeit über die Grenzen hinaus, die seinem Leben gezogen waren. Schließlich lag ihm die Strebsamkeit im Blut. Ein wenig flatterhaft war er auch. Er arbeitete nicht mehr in einer einfachen Werkstatt mit drei Gesellen, wie zu Hause, bei seinem Vater, sondern in einer großen Sargfabrik mit dreihundert Arbeitern, die keine Tischler waren. Jeden Tag wurden genau siebzig Särge fertiggestellt. Wo viele Menschen leben, sterben auch viele. Es war ein trauriges Geschäft. Im Anfang dachte Zipper fortwährend an den Tod. Er aber war dem Leben zugeneigt.

Er wechselte den Beruf, aber er blieb beim Holz. Er kam zu einem Instrumentenmacher in die Lehre. Er lernte Violinböden herstellen, Stege und Bodengriffe. Bei dieser Gelegenheit entdeckte er seine musikalische Begabung. Er gedachte nicht so lange zu warten, bis er eine ganze Geige hätte verfertigen können. Er hoffte auf ein außergewöhnliches Glück, zumal da er sich in ein Mädchen verliebt hatte, dessen Eltern, wohlhabende Delikatessenhändler, ihre Tochter nur einem wohlhabenden Manne zu geben gewillt waren. Er spielte in der Lotterie und gewann. Hierauf besuchte er die Eltern seiner Geliebten und sprach davon, eine Musikalienhandlung zu eröffnen. Er verlobte sich. Eine kleine Musikalienhandlung paßte ihm nicht, er wollte mit einer großen anfangen. Dazu mußte man mehr Geld haben, als er gewonnen hatte. Weil er an sein Glück glaubte, auch einige Abenteuer zu bestehen gedachte, ging er zur Bahn und fuhr nach Monte Carlo. Und dort ereigneten sich jene außergewöhnlichen Umstände, unter denen er seinen Chronometer erstanden hatte.

Er verlor den größten Teil seines Geldes, kam zurück, heiratete. Es reichte nicht einmal mehr für eine kleine Musikalienhandlung. Er bekam durch die Vermittlung seines Schwiegervaters ein Papiergeschäft in Kommission. Wie weit war er da vom Eichenholz entfernt! Er mußte den ganzen Tag zu den großen Firmen der inneren Stadt gehen, um Bestellungen auf Drucksorten aufzunehmen. Indessen saß seine junge Frau in einem kleinen Delikatessenladen und verkaufte Heringe auf Kredit. Nachdem Zipper sich, wie es heißt, »eingearbeitet« hatte, gab seine Frau die Heringe auf. Man konnte bei dem Papiergeschäft nie reich werden, aber lange am Leben bleiben. Allmählich war Zipper seine Beschäftigung lieb geworden. Sie war keine Arbeit. Sie gestattete ihm, langsam durch die lebendigsten Straßen der Stadt zu gehen, mit den Direktoren der größten Geschäfte zu sprechen, bei der und jener Gelegenheit manches zu erfahren, wonach ihn zu wissen dürstete. Er schaffte sich Verbindungen, an denen ihm viel gelegen war. Theaterkassierern, Varieté-Agenten, Zirkusdirektoren kam er immer näher. Kleinen Menschen machte er gelegentlich kleine Geschenke, zum Beispiel Visitkarten. Wo andere zahlen mußten, stand ihm der Zutritt frei. Wo andere warteten, drang er als erster vor. Und selbst wo man, ohne zu warten, vordringen konnte, war es ihm lieb, so zu tun, als könnte nur er zuerst darankommen.

Seinem Beruf entsprechend wechselte seine Kleidung. Eine bestimmte Delikatesse in der Wahl seiner Stoffe und seiner Hemden und seiner Krawatten schien ihm angeboren. Daß er von Zeit zu Zeit in Modeschriften einen Blick warf, glaubte er seiner Karriere schuldig zu sein. Sie zu machen, war er fest entschlossen. Doch war auf dem Weg eines alltäglichen Papierhandels freilich kein großer Reichtum zu erwarten. Infolgedessen unterbreitete Zipper, in seinem »Auftreten« unterstützt durch die elegante Note seiner Kleidung, verschiedenen einflußreichen Persönlichkeiten »Projekte«. Seine Vorschläge bezogen sich auf die Verbesserung der Straßenbahnbremsen, auf die Hebung des Fremdenverkehrs, auf eine neue Organisation des Reklamewesens. Manche Einfälle gebar sein Kopf. Ständig ging er mit Plänen schwanger. Allmählich, da kein einziger gedieh, wurde er traurig, wie ein Gärtner, der kraftlosen Samen gesät und dem der Sommer und der Herbst ohne Gabe vorbeiziehn. Er gab immer weniger auf seine Haltung acht. Verschiedene Methoden, eleganter zu erscheinen, als er in Wirklichkeit sein konnte, behielt er noch bei. Er trug weiße Krawatten zu einem schwarzen Anzug. Er sah einem Herrenreiter ähnlich, einem Lakaien, einem Fischer am Sonntag, einem Kapitän, der nach langen Jahren zum erstenmal wieder festen Boden betritt, einem Manager in einem Zirkus, weiß Gott noch wem. Als ihm die Haare auszugehen begannen, erfand und mischte er allerhand Salben, sie zu bewahren. Durch eine Verbindung von Terpentin, Chinin, Schwefel und Salz gelang es ihm, ein Haarmittel herzustellen, das er selbst mit Erfolg verwendete und dessen Geheimnis er einem Friseur verkaufte – um den Preis eines Gratisabonnements für zwei Jahre, Haarschneiden einmal im Monat inbegriffen. Denn es ging dem alten Zipper keineswegs um einen Verdienst, sondern um die Möglichkeit, sich sogar in puncto Rasieren und Haarschneiden von andern Männern zu unterscheiden, die ihren Barbier mit barer Münze bezahlten.

Es war sein Ehrgeiz, »Protektionen« zu haben. Meist gelang es ihm, die Gunst derjenigen Persönlichkeiten zu gewinnen, die man überhaupt im Leben nicht braucht. Da er sich aber einbildete, man müsse Freundlichkeit erhalten, verlor er viel Zeit – die ihm allerdings immer zur Verfügung stand. Er kannte die Rayoninspektoren der Polizei, einige Männer von der Feuerwehr, er hatte seine Beziehungen auf den verschiedensten Bahnhöfen, er grüßte Zollbeamte, Magistratssekretäre, Gerichtsadjunkten, Männer, die Steuern einkassierten, Sollizitatoren, Notare. Ja, auch den Henker kannte er. Er rühmte sich seiner Fähigkeit, Hinrichtungen beiwohnen zu können, ließ es aber niemals darauf ankommen – ich vermute, daß ihn sein weiches Herz nicht gehen ließ. Doch gelang es ihm immer, bei Unglücksfällen, Bränden, Volksversammlungen, Verhaftungen, Demonstrationen, Umzügen, offiziellen Feiern und andern Gelegenheiten dort durchzukommen, wo es verboten war. Er, der sich aus dem Kaiser nichts machte und abfällige Witze über ihn sogar im Kaffeehaus vorbrachte, marschierte am Vorabend des kaiserlichen Geburtstages an der Seite der Fackelträger und der Veteranenmusik.

Wenn eine hohe Persönlichkeit begraben wurde, hinderte ihn seine Ungläubigkeit nicht, in einer Reihe mit den nächsten Leidtragenden in der Kirche zu sitzen. Jeden Sommer, wenn der Kaiser nach Ischl fuhr, befand sich der alte Zipper unter Generälen, Bürgermeistern und fast neben dem Stationschef – den er kannte – auf dem Bahnsteig. Längst nachdem er wegen starker Krampfadern von der Teilnahme an Manövern befreit war, ging er in die Dörfer, in denen sie stattfanden. Alle Bewegungen der Truppen kannte er. Dank einer Beziehung zu einem Portier des Parlaments, saß er, wenn es tagte, neben der Journalistenloge. Bedeutenden Prozessen wohnte er bei, Eintrittskarten hatte er für alle Angehörigen zur Verfügung.

Indessen gingen leider seine Geschäfte immer schlechter. Denn er bemühte sich weniger um die Kunden, die ihm Aufträge erteilten und bei denen er verdienen konnte, als um jene, die ihm für gleichgültige Gelegenheiten kleine Vorteile verschafften. Andern wieder machte er Geschenke, er lieferte ihnen Drucksorten umsonst. »Man muß sich revanchieren!« sagte der alte Zipper. Es ging abwärts mit seinen Geschäften. Seine Frau blieb dem Greißler schuldig, das Klavier war erst zur Hälfte bezahlt, die Monatsrechnung für das Lexikon, Darwin, Haeckel und Schillers gesammelte Werke blieb liegen, der Ratenagent kam und drohte mit der Pfändung. Aber Zipper lächelte: ihn pfänden? Gab es im ganzen Bezirk einen Steuereinnehmer, der Zipper pfänden würde?

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