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Zipper und sein Vater

Joseph Roth: Zipper und sein Vater - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/roth/zipper/zipper.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleZipper und sein Vater
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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III

Wenn ich heute an den alten Zipper zurückdenke, so wundere ich mich darüber, daß ich damals seine große Trauer nicht bemerkt habe. Ihm selbst kam sie nie zum Bewußtsein. Er hatte etwas von einem traurigen Clown. Aber ich fand ihn lustig, wie Kinder einen Clown immer lustig finden. Der alte Zipper mit seinem dünnen, hellen, teefarbenen Schifferbart, der sein breites, rundes Gesicht einfaßte und gleichsam ein überflüssiger Luxus war, wie ein Rahmen um ein gleichgültiges Bild, der alte Zipper mit seinen braunen, gutmütigen, immer todernsten Augen, der alte Zipper mit seinem ewigen runden steifen Hut, den er aufsetzte, wenn er zum offenen Fenster ging, wenn er sich nur einen Schritt vom Haus entfernte, um eine Zeitung zu kaufen, der alte Zipper mit seinem schwarzen Stock aus »echtem Mahagoni«, dieser alte Zipper verbreitet heute, sooft ich ihn in meine Erinnerung zurückrufe, eine große Schwermut. Er macht mich traurig, jetzt, in diesen Stunden, da ich von ihm erzähle. Er hatte viel Kummer in seinem Leben und wahrscheinlich keinen Schmerz. Aber eben deshalb ist er so traurig, traurig wie ein aufgeräumtes Zimmer, traurig wie eine Sonnenuhr im Schatten, traurig wie ein ausrangierter Waggon auf einem rostigen Gleis.

Es gab dennoch einen Menschen, dem er, der Sanfte, der Harmlose, großes Leid zufügte, sicherlich ohne es zu wissen. Es gab nämlich noch Frau Zipper.

Sie paßten nicht zueinander, nein, sie paßten nicht zueinander. Aber, wie es so ist, man dachte niemals daran, daß sie zueinander nicht paßten. Es geht uns gewöhnlich so, wenn wir ältere Ehepaare betrachten. Sie stellen ein Fait accompli dar, es ist nicht mehr an ihrer Gemeinsamkeit zu zweifeln. Sie haben schon Kinder, große Kinder. Nichts mehr ist übriggeblieben von den Widerständen, die sie in der ersten Zeit ihrer Ehe gegeneinander zu Felde geführt haben wie Waffen. Beide haben ihre Schärfen abgewetzt, ihre Munition verbraucht. Sie sind zwei alte Feinde, die aus Mangel an Kampfmitteln einen Waffenstillstand schließen, der aussieht wie ein Bündnis. Und man weiß nichts mehr von ihrer alten Feindschaft.

Aber in den Augenblicken, die wir fremde Beobachter nicht kennen, gebrauchen sie noch gegeneinander die übriggebliebenen Reste der Waffen, oder sie verwenden andere Geräte, Geräte des Friedens, zum häuslichen Kampf. Sie haben noch aus der Zeit, als ihre Feindschaft jung gewesen, verschiedene Mittel des Hasses, die sich nicht abnützen: ein Lächeln, das gerade dort einsetzt, wenn es den andern schmerzt; ein Wort, das an eine längstvergangene wüste Szene erinnert und das, wieder hervorgeholt, vernarbte Wunden aufreißt; eine Art, einander anzuschauen, die beide erstarren läßt; plötzliche Bewegungen, die ihre umnebelte, eingeschlafene Feindschaft jäh erwecken, wie abgeschossene Raketen eine dunkle Situation im Krieg erhellen und seine ganze Schrecklichkeit.

So war es mit dem Ehepaar Zipper. Das Angesicht der Frau Zipper wird mir immer in Erinnerung bleiben. Es lag hinter einem feuchten Schleier. Es war, als lägen ihre Tränen, immer bereit, vergossen zu werden, schon über ihrem Augapfel. Sie trug lange blaue Schürzen, die sie einer Krankenschwester zweiter Klasse ähnlich machten. Auf sanften Pantoffeln ging sie durchs Leben. Niemals sprach sie mit lauter Stimme. Oft seufzte sie und schneuzte sich. Wenn sie ihr Taschentuch vors Gesicht führte, sah man ihre Hände, trockene harte Hände, an denen die Finger unverhältnismäßig stark waren, wie künstlich angesetzt an eine viel zu schwache Hand. Zog sie manchmal, an Festtagen, ihr schwarzes Flitterkleid an, so sah sie noch gelber aus als gewöhnlich, sie hatte etwas Erfrorenes, als hätte man sie aus einem Eiskasten genommen. Steif – nicht vor Stolz, sondern vor Ergebenheit, Ohnmacht, Unglück und Trauer –, steif saß sie in einem Sessel. Ihr schütteres farbloses Haar hatte sie in die weite hohe Stirn hineingekämmt, es war eine Art erzwungener Verschönerung, eine Maßnahme gegen den Willen der Frau Zipper, als hätte man sie frisiert, während sie in einer tiefen Ohnmacht lag, und als hätte sie nicht einen Moment lang in den Spiegel gesehen. Nur der Mund der Frau Zipper, der heute eingefallen war und verbissen aussah, verriet, wenn sie ihn zu einem seltenen Lächeln öffnete, einen längst erstorbenen Reiz, eine verschwundene, schöne, runde Fülle, und im Kinn erschien noch für den Bruchteil einer Sekunde ein sanftes Grübchen – nein! kein Grübchen mehr! – sondern eine Erinnerung an ein Grübchen. Ihr Lächeln, ihr seltenes Lächeln, war wie eine sanfte, verstohlene Totenfeier für ihre Jugend. In ihren blassen feuchten Augen entzündete sich ein schwaches fernes Licht, das schnell wieder erlosch, wie das Blinkfeuer eines sehr weiten Leuchtturmes.

Niemals lächelte sie in Anwesenheit ihres Mannes. Niemals beteiligte sie sich an seinen kleinen Späßen, niemals ging sie auf ein Gespräch ein, das er manchmal anzuknüpfen versuchte. Auf seine Fragen antwortete sie mit ja oder nein. Wie mußte sie ihn hassen, verachten vielleicht! Er mochte ihren Haß hinter ihrer Stille fühlen, wie man glattes, scharfes Eis unter der Schneedecke spürt. Sie reizte ihn. Weil er nicht klug war, begann er, sie zu verspotten. Sooft Cäsar nach einem Sturm verschwunden war, trat sie mit einem Seufzer aus der Küche. Dann geschah es, daß der alte Zipper mit einer frohlockenden Stimme sagte: »Hat dir dein lieber Sohn gesagt, wohin er sich begeben hat?« Zwar hatten die Zippers ein Dienstmädchen, aber der Alte wollte keine »fremden Gesichter beim Essen sehn«. Deshalb mußte die Frau Zipper selbst die Speisen von der Küchentür zum Tisch bringen. Wenn sie die Suppenterrine in die Mitte des Tisches stellte, sagte Zipper: »Etwas näher, Madame, bitte, spielen wir doch nicht Versailles!« Manchmal sagte er: »Die Serviette ist schon mindestens zwei Wochen alt! Ein anderer muß sie benützt haben! Hier sind Spuren von Eiern, und ich esse keine Eier. Seit Jahren keine Eier!«

An den Tagen, an denen ich eingeladen war, schien ihm ganz besonders an einer Konversation gelegen zu sein. Er versuchte um jeden Preis, das Schweigen seiner Frau zu brechen. Ja, er zwang sich sogar, ihr eine Freundlichkeit zu sagen. An ihr aber glitt selbst seine Güte ab, wie ein Tropfen Öl an vereistem Glas. Wenn Cäsar oder Arnold einen Fettfleck auf ihre Kleider machten, unachtsam waren, ein Glas Wasser verschütteten, so sagte der alte Zipper zu seiner Frau: »Sieh her, wie sich deine Kinder schon wieder benehmen.« Seit einem Jahrzehnt trank er nach jedem Essen einen Tee. Es mußte ein ganz besonderer Tee sein, das Glas nicht zu voll, damit Zipper es am oberen Rand fassen konnte, ohne sich die Finger zu verbrühen. War aber der Rand zu breit gelassen, so sagte er witzig: »Was kostet ein ganzes Glas, Madame?« War der Tee zu hell, so schickte er ihn zurück, damit er länger aufgebrüht werde. War er zu dunkel, so verlangte er warmes Wasser. Er bekam es in einer metallenen Kanne, deren Henkel so heiß war, daß er ihn mit einem Taschentuch anfassen mußte; und obwohl er wußte, jedenfalls aus Erfahrung wissen mußte, daß der Henkel nicht zu fassen war, griff er doch immer mit nackten Fingern nach ihm, fuhr erschrocken zurück, schüttelte die Hand in der Luft wie einen weißen Vogel und durchbohrte seine Frau dabei mit jenem Blick, mit dem man einen bedenkt, der uns auf ein Hühnerauge getreten ist. Niemals vergaß der alte Zipper, sich über den Tee, seine Zubereitung, die verschiedenen Arten, seine Heilkraft, seine Schädlichkeit zu verbreiten. Mindestens sechzehnmal habe ich selbst aus seinem Munde gehört, wie er sich einmal einen Teerausch angetrunken hatte. »Es war allerdings«, schloß Zipper seine Erzählung, »kein Tee wie dieser hier!« Und dabei sah er seine Frau an.

Wenn ich mir heute das Bild der Frau Zipper zurückrufe, sehe ich, daß sie in einem Nebel gelebt hat, in einer Art von grauem trübem Heiligenschein, wie er für Märtyrer paßt, die für lächerliche Zwecke und aus lächerlichen Gründen Schmerz und Pein erdulden. Ich weiß nicht, ob sie ihre Kinder geliebt hat. Vielleicht waren sie ihr gleichgültig oder verhaßt, wie der Vater. Sie schien mir mehr für den Schmerz dazusein als für die Liebe. Was die Kinder betrifft, so kam Arnold erst spät dazu, seine Mutter zu lieben. Vorläufig hielt er sich mehr an den Vater, der ihm ja mehr Spaß bereitete. Die Erziehung hatte der alte Zipper allein übernommen, obwohl er seine Söhne häufig ihre Kinder nannte. Es waren Söhne, und er hatte beschlossen, aus ihnen »Menschen zu machen«.

Er begann mit der »Erziehung zur Männlichkeit«. Die spartanischen Methoden imponierten ihm, aber Athen nicht weniger. Von Sparta und Athen wußte er nur, was er, ein Autodidakt, unter der Hand an Wissen errafft hatte. Er kannte überhaupt die Geschichte aus Anekdoten, die Welt aus dem Photoplastikon, das Leben aus dem Briefkasten der Zeitung. Was er nicht wußte, erfuhr er aus dem Lexikon oder am Mittwoch von der Redaktion. Viele Fragen beschäftigten ihn im Laufe eines Tages. Ihn interessierte die Entfernung der Erde vom Mond, vom Mond zur Sonne, von der Sonne zum Mars. Ihn interessierten die Milchstraße, der Brand von Moskau, der Krieg in der Krim, die letzte Choleraepidemie in Wien, ein System, Geld in Monte Carlo zu gewinnen, die Schädlichkeit der Fliegen, die Wirkung eines Sonnenbrands, die Höhe des Gaurisankars, der erste Aeroplan, das Privatleben des Grafen Zeppelin, die erste Aufführung der »Räuber«, die letzten Indianer in Bolivien. Er hatte den ewig ungestillten Wissensdurst des einfachen Mannes, der sich hinaufgearbeitet hat und der an dem Irrtum leidet, Wissen sei Bildung, Bildung mache stark und Stärke erfolgreich. Er schwor auf Hygiene. Er selbst tauchte seine Kinder jeden Tag in kaltes Wasser. Als sie drei Jahre alt waren, kaufte er ihnen kleine Fahrräder. Cäsar hatte sich schon mit acht Jahren selbständig gemacht. Arnold aber bekam immer neue, immer größere Fahrräder. Er bekam Roller, Schlittschuhe, Schlitten und Skis, Tennisrackets und Säbel zum Fechten. Als Fünfjähriger lernte Arnold tanzen. Er lernte Nationaltänze. Er tanzte Mazurka, Krakowiak, Kasatschok, Csárdás, er lernte mit Kastagnetten klappern. Der alte Zipper ließ bei einer Wohltätigkeitsvorstellung Arnold als Tänzer auftreten. Der Alte saß in der ersten Reihe. Für den halben Saal hatte er Freikarten verteilt. Weite Verwandte, gleichgültige Bekannte schleppte er herbei. Dann ließ er Arnold auf der Bühne photographieren. Er selbst kam heraus und verneigte sich, nachdem er fünf Minuten vorher geklatscht hatte.

Er führte Arnold jeden Sonntag ins Hippodrom und lehrte ihn reiten. Er nahm einen »Lehrer für dramatische Kunst«, Arnold lernte deklamieren. Bestimmte Verse mußte Arnold immer wieder seinem Vater vorsprechen. Der Alte hatte einen besonderen literarischen Geschmack. Er liebte ein Gedicht von Rudolf Baumbach: »Die Reise ins Paradies«. Obwohl er den Kaiser verachtete, hörte er doch gerne das Gedicht eines zeitgenössischen Lyrikers, der zum Thema seiner Dichtung den Tag des Kaisers gewählt hatte. Jede Strophe behandelte je eine Stunde dieses Tages und die Arbeit, die der Monarch in dieser Stunde verrichtete. Der alte Zipper liebte: »An der Quelle saß der Knabe«, »Habe nun, ach, Philosophie«, »Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht«, »Durch diese hohle Gasse muß er kommen«, »Der Gott, der Eisen wachsen ließ« und die »Lorelei«. All das rezitierte Arnold »fließend«, wie der alte Zipper zu sagen liebte. Denn auf den Fluß kam es ihm an.

Blieb aber Arnold einmal irgendwo stecken, so legte der alte Zipper die Hände auf seine Stirn und fragte: »Was soll aus dir werden?« Dieselbe Frage erfolgte, wenn Arnold vom Rad oder vom Pferd fiel. Was sollte aus ihm werden?! Nach dem Wunsch des Vaters alles mögliche: ein Zirkuskünstler und ein Schauspieler; ein Gelehrter und ein Dichter; ein Erfinder und ein Kavalier; ein Diplomat und ein Zauberer; ein Glücksritter und ein Komponist; ein Don Juan und ein Musikant; ein Abenteurer und ein Ministerpräsident. Alles konnte Arnold werden; alles, was der alte Zipper nicht geworden war.

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