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Zipper und sein Vater

Joseph Roth: Zipper und sein Vater - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/roth/zipper/zipper.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleZipper und sein Vater
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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XX

Einige Monate, nachdem ich die letzte Karte Arnolds aus Amsterdam erhalten hatte, fuhr ich nach Wien.

Ich beschloß, das Haus Zipper aufzusuchen, nicht nur, weil mich Arnolds Schicksal interessierte, sondern auch, weil ich mit dem alten Zipper sprechen wollte. Schon sah ich die geräuschvolle Straße wieder, in der sie wohnten, das breite Haus mit der falschen Marmorstukkatur, rechts den »Galanteriewarenladen«, in dessen Schaufenstern alle Gegenstände zum »Luxus« gehörten und alle aus einem anderen Material bestanden, als man auf den ersten Blick glauben mußte. Was wie Krokodilleder aussah, war künstlich verändertes Kalb, Schlangenhaut kam von Eidechsen, Seide war Kunstseide, Saphire waren Glas, goldene Ringe waren Doublé, silbernes Besteck war Alpaka, Stahl war Nickel, Schildpatt war Kautschuk, und selbst das Eisen war nicht echt. Ich sah den alten Photographenkasten an der linken Seite des Eingangs, in dem immer wieder neue Brautpaare ausgestellt wurden. Als ich ihn das letztemal betrachtet hatte, hing noch eine Photographie vom alten Zipper in der Feldwebeluniform da, das letzte Bild aus der Zeit des Krieges – alle andern Uniformen hatte der Photograph entfernt. Der alte Zipper war geblieben, weil der Photograph wahrscheinlich Rücksicht auf einen so würdigen und engen Nachbarn genommen hatte.

Ich sah die kalte Stiege aus Stein, den grünen zerfransten Teppich, der nur bis zum zweiten Stock lief, das Geländer aus Eisen und die bunten Fensterscheiben in den Korridoren, mit den weiß eingelegten nackten Frauen, sogenannten symbolischen Figuren. Ich roch die Düfte der Wohnungen, die man passierte, ehe man zu den Zippers kam, Erbsen, Menschen und Betten, ich sah den Zettel an der Tür der Zippers: Bitte stark klopfen, Glocke funktioniert nicht – seit wieviel Jahren funktionierte sie nicht mehr? –, und das dunkle Vorzimmer, in dem seit meiner frühesten Jugend ein Regenschirm im Ständer lehnte, von dem niemand wußte, wer ihn vergessen hatte. Wir spielten dann mit ihm. Allmählich hatte er seine Haut verloren, man sah sein dürres stählernes Skelett.

Endlich stellte ich mir den alten Zipper vor – den »alten Zipper«. Immer war er für mich alt gewesen, noch als er selbst glaubte jung zu sein. Wie alt war er erst jetzt! Wie grün mußte sein schwarzer Anzug schon geworden sein, wie grau seine weiße Krawatte, wie locker der Elfenbeingriff seines Stockes; wie sanft mußte er jetzt mit seiner Frau umgehen, vielleicht lebten sie zusammen wie ein paar alte Tauben. Sie konnten keine giftigen Pfeile mehr gegeneinander abschießen, das Gift war ungefährlich geworden, oder die Körper waren schon daran gewöhnt. Kam Zippers Bruder aus Brasilien noch zu Ostern? Wohnte der Sekretär Wandl noch im Salon?

Wenn ich daran dachte, daß ich bald wieder bei den Zippers im »Speisezimmer« sitzen sollte, so war es mir, als riefe ich einen alten langweiligen Schmerz wieder zurück, der einen die ganze Kindheit lang begleitet hat, etwa geschwollene Mandeln, und dem man dennoch ein paar sorglose Stunden im Bett zu verdanken hat. An den vielen Veränderungen im Hause Zipper, an den traurigen Resultaten der traurigen Bemühungen, die schon immer eine falsche Fröhlichkeit vorgetäuscht hatten, an diesen zuschande gewordenen Hoffnungen, deren Farbe schon immer einen falschen Schimmer gehabt hatte, als wären sie nicht grün von Natur, sondern nur grün gemalt – an diesem traurigen Wechsel ermaß ich die Zeit, die ich selbst zurückgelegt hatte. Nun kam ich bald in das Alter, in dem Zipper schon ein Vater gewesen war. Mir aber kam es immer noch vor, daß ich mit Arnold in die Schule gehe. Rechts an der Ecke saß er, in der dritten Bank.

Ich hatte eine gewisse Zärtlichkeit für den alten Zipper, er war gut zu mir und manchmal fröhlich mit mir gewesen. Er hatte gesagt: »Zeig mir mal deine Hand her, du hast dich ja verletzt? Wir wollen in die nächste Apotheke gehen und etwas draufgeben lassen.« Und als unsere Marschkompanie abging, rief er noch: »Sieg in Lublin!« – Alles war falsch gewesen, was er unternommen hatte. Er kaufte in der Apotheke etwas Falsches für die verwundete Hand, und er tröstete uns mit einem Sieg, der uns nichts half. Seine Witze waren nicht heiter, sein Ernst war lächerlich, sein Ehrgeiz rannte schief zum Ziel, er war ein Redner mit einem schlechten Gedächtnis, ein Tischler, der nichts herzustellen wußte, ein Geigenmacher, der nur ein Lied spielte – – und dieses Lied war traurig, und bei diesem Lied war er munter. Aber er hatte doch meine Tage ausgefüllt. Arnold hatte ihn mir manchmal geliehen.

Ich ging am frühen Vormittag zu Zipper, weil ich wußte, daß er nach einer alten Gewohnheit um elf Uhr durch die Straßen spazierte, daß er nach dem Essen im Kaffeehaus saß, daß er am Abend seine Freikarte im Kino ausnützte. Ich war etwa zehn Schritte vom Haus entfernt, hellgelb lag die Sonne auf der Straße, da sah ich, wie man einen schwarzen Kasten in einen schwarzen Wagen lud, zwei Männer in schwarzen Zylindern stiegen dann auf den Bock, die Zügel strafften sich, und hurtig rollte der Totenwagen im Sonnenglanz dahin.

Kein anderer als Zipper war gestorben.

Der Galanteriewarenhändler erzählte es mir. Vor einer Woche war die Frau Zipper zu ihrem Bruder nach Brünn gefahren. Noch gestern hatte der Alte zu ihm, dem Galanteriewarenhändler, gesagt, seine Frau bliebe zu lange weg. Nach einer so glücklichen Ehe könne man nicht einmal zehn Tage mehr allein sein. Am Abend ist er gestorben. Die Hausmeisterin hat um sechs Uhr früh auf den Friedhof telephoniert. In dem Augenblick war Zipper gestorben, in dem er, wie jeden Abend, seine Uhr – wie genau erinnerte ich mich an sie – hatte aufziehen wollen. Er ließ sie fallen und fiel selbst hin. So hat ihn dann das Dienstmädchen gefunden.

Drei Tage später sah ich, wie man ihn begrub. Die Frau Zipper stand am Grab, sie weinte nicht. Alle ihre Tränen sind schon längst vergossen, dachte ich. Mitglieder vieler Vereine hielten Reden. Arnold war nicht da.

Nach zwei Tagen wollte ich zu seiner Mutter gehen und nach ihm fragen.

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