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Zipper und sein Vater

Joseph Roth: Zipper und sein Vater - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/roth/zipper/zipper.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleZipper und sein Vater
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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I

Ich hatte keinen Vater – das heißt: ich habe meinen Vater nie gekannt –, Zipper aber besaß einen. Das verlieh meinem Freund ein besonderes Ansehen, als wenn er einen Papagei oder einen Bernhardiner gehabt hätte. Wenn Arnold sagte: »Ich gehe mit meinem Vater morgen auf den Kobenzl«, so wünschte ich mir, auch einen Vater zu haben. Man konnte ihn bei der Hand nehmen, seine Unterschrift nachahmen, man konnte von ihm Rügen, Strafen, Belohnungen, Prügel erhalten. Manchmal wollte ich meine Mutter veranlassen, noch einmal zu heiraten; denn selbst ein Stiefvater kam mir begehrenswert vor. Die Lage der Dinge ließ es aber nicht zu.

Der junge Zipper protzte immer mit seinem Vater. Dies hatte ihm der Vater gekauft, jenes verboten. Dies hatte er ihm versprochen, jenes versagt. Mit dem Lehrer wollte der Vater sprechen, einen Hauslehrer wollte er bestellen, Arnold eine Uhr zur Konfirmation kaufen und ihm ein eigenes Zimmer einrichten. Selbst wenn der Vater dem Sohn eine Unannehmlichkeit zufügte, so war es, als hätte Arnold sie selbst gewünscht. Der Vater war ein mächtiger, aber zugleich auch ein dienstbarer Geist.

Manchmal kam ich mit Arnolds Vater zusammen. Eine Viertelstunde lang behandelte er mich wie seinen eigenen Sohn. Er sagte mir zum Beispiel: »Mach den Kragen zu, es geht ein Nordwest, man kann Halsweh kriegen.« Oder: »Zeig mir mal deine Hand her, du hast dich ja verletzt, wir wollen drüben in die Apotheke gehen und etwas draufstreichen.« Oder: »Sag deiner Mutter, sie soll dich zum Friseur schicken. Im Hochsommer trägt man keine langen Haare.« Oder: »Kannst du schon schwimmen? Ein junger Mann muß schwimmen können!« Dann war es, als hätte mir der junge Zipper den alten geliehen. Ich war meinem Freund dankbar, hatte aber zugleich das peinliche Gefühl, daß ich ihm seinen Vater zurückgeben müsse, wie ich ihm den »Robinson« zurückgeben mußte. Geliehene Sachen waren schließlich nicht eigene.

Immerhin durfte ich zuweilen Zippers Vater längere Zeit behalten, wenn auch nur, um ihn mit Arnold zu teilen. Wir gingen gelegentlich alle drei zu besonderen Anlässen, wir bestiegen bedeutende Türme, besichtigten Menagerien, Mißgeburten, Liliputaner, Tanagratheater und den Schnelläufer, der in zehn Minuten die lange Lastenstraße zurücklegte. Damals behauptete Zipper, es wären eigentlich elf Minuten und fünfundvierzig Sekunden gewesen. Denn er nahm es mit der Zeit genau. Er besaß eine Uhr, von der mein Freund mit Recht sagte, sie wäre ein Chronometer. Es war eine große goldene Uhr mit Deckel. Das Zifferblatt bestand aus lila Emaille. Die schwarzen römischen Ziffern hatten goldene Ränder. Ein unscheinbarer, kaum sichtbarer Haken neben dem Bügel brachte ein Läutewerk in Bewegung. Eine klare, kleine, silberne Glocke schlug die eben verflossene Stunde und Viertelstunde. »Diese Uhr«, so sagte Zippers Vater, »kann ein Blinder ebensogut benützen wie ein Sehender. Die Minuten«, fügte er witzig hinzu, »muß er sich freilich dazudenken. Diese Uhr ist noch nie beim Uhrmacher gewesen. Sie geht schon einundvierzig Jahre Tag und Nacht. Ich habe sie einmal unter ungewöhnlichen Umständen in Monte Carlo erworben.«

Diese »ungewöhnlichen Umstände« gaben dem jungen Zipper und mir nicht wenig zu denken. Der Vater, mit dem wir bei hellichtem Tage zusammenkamen, der ein Mensch war wie andere Menschen, mit einem schwarzen runden Hut und einem Stock mit Elfenbeingriff – der übrigens auch seine Geschichte hatte –, dieser Vater hatte irgendwann und gerade in Monte Carlo unter ungewöhnlichen Umständen etwas erlebt. Wir sahen mit Ehrfurcht, wie der alte Zipper die astronomische Uhr der Sternwarte mit seiner Uhr verglich, den Stand der Sonne um Mittag kontrollierte, die elektrischen Zeitmesser in der Stadt. Manchmal, wenn er am Tisch saß und alle schweigsam aßen, schob er den Riegel an der Uhr, und die Tischgenossen lauschten verwundert dem rätselhaften Klang.

Zippers Vater liebte Überraschungen. Er gebrauchte sogenannte Juxgegenstände, falsche Zündholzschachteln, aus denen kleine Mäuschen sprangen, Zigaretten, die explodierten, und kleine Gummiblasen, die unter dem dünnen Tischtuch gespensterten. Er kümmerte sich um viele kleine Dinge, die Erwachsene gewöhnlich verachten. Er hatte aber auch Interesse für wichtigere Gegenstände, für Geographie, Geschichte, Naturwissenschaften zum Beispiel. Die alten Sprachen achtete er gering, auf die modernen legte er das größte Gewicht »Englisch und Französisch«, so sagte er, »muß heutzutage jeder junge Mann lernen. Hätte ich eine bessere Jugend gehabt, ich wäre direkt polyglott geworden. Latein lasse ich mir noch gefallen. Eventuell braucht man's, wenn man Mediziner oder Pharmazeut wird. Aber Griechisch? Eine tote Sprache! Homer kann man auch in der Übersetzung lesen. Die griechischen Philosophen sind längst überholt. Am liebsten hätte ich Arnold in die Realschule gegeben. Aber die Mutter! Dabei behauptet sie, daß sie ihren Sohn liebt. Liebt ihn und läßt ihn griechische Grammatik lernen!«

Es gab noch mehr Meinungsverschiedenheiten zwischen dem alten Zipper und seiner Frau. Sie hatte Respekt vor Lehrern, Priestern, dem Hof und den Generalen. Er war ein Leugner ewiger Wahrheiten, ein Rebell und ein Rationalist. Er verehrte ausnahmsweise Genies, Goethe, Friedrich den Großen und Napoleon, verschiedene Erfinder, Nordpolfahrer und besonders Edison. Er hatte Respekt vor der Wissenschaft und nur vor denjenigen unter ihren Jüngern, die ihm durch den Tod oder durch eine bedeutende geographische Entfernung entrückt waren. Seiner Hochachtung vor der Medizin entsprach sein Mißtrauen gegen Ärzte. Er behauptete, niemals krank gewesen zu sein. Er bedurfte ebensowenig eines Arztes wie seine Uhr eines Uhrmachers. Dennoch befand er sich manchmal in einem Zustand, den er Ruhebedürfnis nannte. Dann erklärte er, daß der gesunde Mensch – und gerade der gesunde – von Zeit zu Zeit ein Bedürfnis nach Ruhe und sogar erhöhter Temperatur habe. Er hatte mehrere Methoden, die Temperatur zu messen. Kein anderer konnte so gut wie er das Quecksilber im Fieberthermometer hinuntertreiben. Seine Heilungsmethoden waren merkwürdig und in der Medizin unbekannt. Sie hätten eher für seine Neigung zum Aberglauben zeugen können, sie widersprachen seinem einzigen Glauben: dem an die Vernunft. Er aß Zwiebeln, wenn er Kopfweh hatte, legte Spinngewebe auf offene Wunden und heilte Gicht durch Wassertreten.

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