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Zipper und sein Vater

Joseph Roth: Zipper und sein Vater - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/roth/zipper/zipper.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleZipper und sein Vater
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectidabd30cab
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XVII

Es war um jene Zeit, da kam der alte Herr Zipper nach Berlin. Ein Prozeß, den er schon seit vielen Jahren auszutragen hatte und von dem er manchmal zu erzählen liebte, mit einem gewissen Stolz, als handelte es sich um ein großes Verdienst, dessen Belohnung der Ausgang des Prozesses bringen würde – indessen er höchstens die Verurteilung Zippers ergeben konnte –, dieser Prozeß sollte endlich stattfinden. Und obwohl es der rechtlichen Lage nach, wie die Juristen sagten, natürlich gewesen wäre, den Prozeß in der Stadt spielen zu lassen, in der Zipper wohnte, hatte dieser es durch allerhand Künste und Kniffe, die ihm niemals gelungen wären, wenn er sie nicht zu seinem Schaden angewendet hätte, nach langen Jahren verstanden, die Verhandlung bei einem Berliner Gericht anberaumen zu lassen, weil Zipper sich einbildete, daß die »Sache schneller klappte« als in Österreich, wo »die Richter ihre Nägel kauten«. Der alte Zipper, der schon längst nach Berlin hatte kommen wollen, hatte jetzt einen Vorwand, der ihn vor seiner eigenen Frau sogar hätte rechtfertigen können, wenn sie es nicht schon längst müde gewesen wäre, von ihrem Mann Rechenschaft zu fordern. »Dieser Prozeß kostet mir schon ein schweres Vermögen«, liebte der alte Zipper zu sagen. Aber welcher Prozeß hätte schon kein Vermögen gekostet? Und wenn ich ihn fragte: »Haben Sie denn Aussichten, zu gewinnen?«, so lächelte Zipper ein wissendes und müdes Lächeln, wie einer, der die Geheimnisse der Schöpfung ergründet hat, lächeln mag, wenn man ihn fragt, ob der liebe Gott wirklich einen langen Bart habe. Zippers Augen begaben sich für eine längere Weile in unbekannte, vielleicht unirdische Regionen, aus denen sie dann leuchtend und erleuchtet auf den Fragenden zurückblickten. Und wie aus einer Welt, die der andere niemals erreichen würde, kam die Antwort Zippers: »Ob ich den Prozeß gewinnen werde? Mein lieber Freund, Prozesse hängen nicht von den Gesetzen ab, sondern vom Schicksal. Es ist meine feste Überzeugung, daß man die dicken Bücher umsonst geschrieben hat und umsonst studiert. Der Richter hat keine Ahnung, der Kläger nicht und der Anwalt auch nicht. Nur der Angeklagte ist ein wenig orientiert, und in diesem Fall bin ich der Angeklagte« – und Zipper legte seine rechte Hand mit gespreizten Fingern auf die breite Krawatte, die den ganzen Ausschnitt seiner Weste verdeckte. »Ja, sehen Sie mich nur an! Ich bin der Angeklagte!« fuhr Zipper fort. »Und so wahr ich es bin, wird man mich auch verurteilen. Meine Anwälte meinen zwar, es gäbe Auswege. Aber ich bin für Auswege nicht zu haben. Zwar glaube ich nicht an Gerechtigkeit, aber ich glaube an das Schicksal. Es möge sich erfüllen!«

An dem Tag, an dem Arnold das Telegramm erhalten hatte, bekam auch ich eines, von Arnolds Vater. »Ankomme Mittwoch elf Uhr vormittags, entschuldigt Störung, Näheres mündlich!« lautete die Depesche. Ich mußte den alten Zipper erwarten – ich war übrigens auch neugierig genug, ihn zu sehen. Er kam mit einem eleganten Lederkoffer, den er sich eigens von einem Geschäftsfreund für diese Reise geliehen hatte. Er trug eine englische großkarierte Reisemütze und den Stock mit der Krücke aus echtem Elfenbein samt einem Schirm in einem Etui. Man konnte ihn für einen gewiegten Weltreisenden halten.

Er stieg aus dem Coupé, seinen Chronometer in der Hand – und ich hatte ihn kaum begrüßt, als er sagte, während er mit dem Zeigefinger auf das Uhrglas klopfte: »Genau eine Minute und zehn Sekunden Verspätung! Übrigens habe ich gemerkt, daß die elektrischen Uhren auf allen Stationen verschiedene Zeiten zeigen. Ich frage mich, wozu da die Elektrizität!« Und ehe wir in einen Wagen stiegen, sagte er: »Zu Arnold!« – in einem Ton, aus dem zu entnehmen war, daß der alte Zipper glaubte, jeder Chauffeur müßte die Adresse Arnolds kennen.

»Ich hätte ja Arnold selbst telegraphiert!« sagte der alte Zipper, »aber ich glaube, es ist besser, ich überrasche ihn. Er hat mir geschrieben, daß seine Frau verreist ist, also ist keine Störung zu befürchten.«

Ich erzählte dem alten Zipper nicht, daß Arnold niemals mit seiner Frau zusammen wohnte. Es hätte Mühe gekostet, seinen Fragen standzuhalten oder auszuweichen. Ich vermied es überhaupt, mit Zipper zu sprechen. Ich ließ ihn reden und dachte über ihn nach. Er hatte sich eigentlich nicht verändert. Er ist wieder jünger geworden. Der Krieg, der Tod seines jüngeren Sohnes, das Unglück seines älteren – das er doch fühlen müßte –, Sorgen, Schulden und die Beschwerden des Alters hatten ihm nur eine Trauer umgelegt, wie eine Kleidung, wie einen Mantel, den man sich anzieht, weil es draußen kalt ist, nicht weil man selbst friert. Und wie es Menschen gibt, denen ein Klimawechsel gar nichts bedeutet und denen es im Winter ebenso heiß ist wie im Sommer, nur daß sie der allgemeinen Sitte zufolge im Winter einen Pelz tragen und im Sommer ohne Weste gehen, so mochte es Menschen geben, die einen gedankenlosen Frohsinn in ihrem Leib trugen wie die Eigentemperatur und die sich nur in eine kalte Luftschicht von Trauer hüllten, wenn ihnen etwas Trauriges zustieß. Ja, ich hatte mich geirrt! Ich hatte den Alten für einen Erledigten gehalten, vielleicht geschah es deshalb, daß ich mich mit der Intensität dem Jungen zuwandte, die ich früher nur für das Studium des Vaters aufgebracht hatte. Aber der Vater war noch eines intensiven Studiums würdig genug!

Wir kamen an, Arnold hatte gerade gegessen. Er packte. Seine Koffer standen auf Stühlen, seine bunten Krawatten hingen über den Lehnen, eine Art mondäner Leichen. Es war fast kein Platz zum Sitzen.

Arnold war keineswegs so überrascht, wie der Alte erwartet haben mochte. Er trug und wälzte ganz andere Gedanken im Kopf. Er dachte an seine Frau. »Setz dich!« sagte er nach einer flüchtigen Umarmung zu seinem Vater, ohne zu merken, daß man sich nirgends setzen konnte. »Was willst du essen?« fragte er beinahe grob. »Zwei Eier im Glas, halbweich, mit Stundenglas gekocht, nicht, wie deine Mutter es macht!« erwiderte der alte Zipper, immer noch aufgeräumt und ohne zu merken, daß er zu ungelegener Zeit gekommen war.

Erst als der Kaffee kam, hatte Arnold seine Koffer gepackt. Er war ruhiger geworden, offenbar weil er, wie so manche, dem heilvollen Irrtum erlag, daß gepackte Koffer schon eine zurückgelegte Reise garantieren.

Sie saßen einander gegenüber, der Alte und der Junge. Zum erstenmal saßen sie so einander gegenüber, nicht in ihrem Hause, nicht unter den gewohnten Möbeln, nicht in der Nähe der Mutter. Nichts mehr als Vater und Sohn. Wie ein Exempel der Geschichte, dachte ich. Vertreter zweier Generationen einer und derselben Rasse. Jeder hat die Aufgabe, seine Zeit zu repräsentieren.

»Deine Frau ist natürlich weggefahren!« begann der Alte in dem Ton, in dem er zu Hause immer gesagt hatte: »Der Tee ist natürlich lauwarm!«

»Sie hat leider einen Unfall erlitten, und ich bin auf dem Sprung, zu ihr zu fahren«, erwiderte Arnold. »Ich mag nicht, daß du in diesem Ton von ihr sprichst.«

»Ich habe es nicht bös gemeint. Was für ein Unfall übrigens?«

»Ich weiß es noch nicht, ich fahre ja erst hin.«

»Nun«, begann der Alte, »ein Unfall ist für eine Künstlerin nur eine Reklame. Man sagt, daß Sarah Bernhardt, seitdem man ihr ein Bein amputiert hat, das Doppelte verdient.«

»Um Gottes willen!« schrie Arnold.

»Ich sag ja nicht, daß man deiner Frau ein Bein amputieren wird. Sie wird auch nicht ein Drittel von dem verdienen, was die Sarah Bernhardt verdient.«

»Wer spricht denn unter solchen Umständen vom Geld?«

»Ich habe dir oft aushelfen müssen, mein Sohn, seitdem du mit ihr verheiratet bist. Und du weißt, daß meine Geschäfte nicht die besten sind. Mein Prozeß kostet mir schon ein schönes Geld. Jetzt habe ich noch diese kostspielige Reise bezahlen müssen.«

»Wie kannst du mir in dieser Situation das Geld vorwerfen? Du weißt, daß ich eine Künstlerin geheiratet habe.«

»Kunst geht nach Brot!« bestätigte der alte Zipper.

»Und ich will dir gleich sagen«, fuhr Arnold fort, »daß du mir morgen noch für die Reise Geld beschaffen mußt. Es ist gut, daß du gekommen bist. Wenn Erna wirklich einen Unfall erlitten hat, muß ich sie in das allerbeste Sanatorium bringen. Sie soll nicht daran denken, Vorschüsse zu nehmen, die sie für Jahre verpflichten. Ich muß ihr die materielle Freiheit sichern.«

»Wieviel Geld brauchst du?« fragte der Alte. In diesem Augenblick ahmte er einen der vielen amerikanischen Milliardäre nach, die er im Kino gesehen hatte, jene Milliardäre, die das Scheckbuch lose in der Westentasche tragen und bereit sind, ihren Söhnen mit väterlicher Großmut aus schwierigen Lagen zu helfen.

»Soviel du aufbringen kannst!« sagte Arnold.

»Das geht zu weit!« empörte sich der Alte, der jeden Monat vergebliche Anstrengungen machen mußte, um einen seiner fälligen Wechsel zu prolongieren.

»Wenn man nur wüßte, ob die Kunst sie wirklich ganz okkupiert hat«, fuhr der alte Zipper fort, ruhiger und mit dem Ton eines Sachverständigen, der sich selbst seine Sachkenntnis durch die Wahl einer so preziösen Wendung bestätigt.

»Sie ist die leidenschaftlichste Schauspielerin, die ich jemals gesehen habe!« rief Arnold. »Für eine einzige Bewegung ihrer Hand gebe ich alle Monologe der berühmten Tragödinnen.«

»Zur großen Tragödin fehlt ihr schon die Statur!« widersprach der alte Zipper. »Übrigens habe ich sie noch nicht gesehen!«

»Oh, wenn sie jetzt gesund wäre, du würdest sie heute abend sehen und mir recht geben.«

»So, sind Sie auch von ihr überzeugt?« fragte mich der Alte.

»Ich glaube, daß sie sehr viel kann«, erwiderte ich.

»Ja, ja, sie kann viel!« wiederholte Zipper. Und schon merkte ich, wie in dem Alten der Stolz auf die Schwiegertochter wieder erwachte, den er nur zurückgedrängt hatte, gleichsam um sich selbst und seine verletzte Eitelkeit auch einmal zur Geltung zu bringen. Erfüllt von dem Gegenstand seines Prozesses und die Rolle vorbereitend, die er morgen vor dem Gericht – und vor einem Berliner, wo alles klappte – spielen würde, hatte er sich gezwungen gesehen, seiner Schwiegertochter weniger Bedeutung beizumessen, als sie in ruhigen Zeiten verdiente. Nun aber war sie durch den Unfall nicht nur als Privatmensch, sondern auch als Schauspielerin wieder zur größeren Geltung gekommen. Der alte Zipper widersprach seinem Sohn eigentlich nur noch aus dramatischen Gründen, um sich auszusprechen, um den Dialog nicht absterben zu lassen und weil er sich gerne den Anschein gab, daß er nur sehr schwer und nur nach längerer Zeit zu überzeugen war.

Deshalb stritten sie noch eine Weile über das Genie Ernas.

Über den Alten wunderte ich mich nicht. Ich beobachtete einigermaßen erstaunt meinen Freund Arnold. Mir war, als hätte ich die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn erst in dieser Stunde feststellen können, in der sie miteinander über einen Gegenstand stritten, von dem sie eigentlich das gleiche dachten. Ich bemerkte in Arnolds Angesicht denselben Zug einer verspielten kindischen Seligkeit, die das Angesicht des Alten so schicksalhaft zeichnete. Nur, daß sie in Arnolds Angesicht von einem traurigen Schleier überweht schien. Es war, als besäße der Sohn schon das Wissen von der Lächerlichkeit seiner selbst und wäre deshalb tragisch; während der Vater noch die gleiche Eigenschaft mit dem siegreichen Stolz eines Menschen trug, der zu wissen glaubt, daß er gerade infolge dieser Anlage triumphieren wird.

Wir saßen noch lange so – Arnolds Zug ging erst am Abend –, tranken viele Tassen Kaffee und sprachen von Erna. Endlich – es dämmerte schon – sagte Zipper mit erhobener Stimme, und er glich einem Fanatiker der Gerechtigkeit, der nur ihren Triumph will und auf seinen eigenen verzichtet:

»Was Recht ist, ist Recht! Der Wahrheit die Ehre! Zeig mir ein Bild von Erna!«

Arnold brachte ein Dutzend Photographien. Erna in verschiedenen Rollen. Der alte Zipper zog ein Vergrößerungsglas aus der Tasche, kniff ein Auge zu und betrachtete, über den Tisch gebeugt, die Photographien.

Endlich sagte er:

»Du scheinst recht zu haben! Sie hat eine edle Haltung, möcht ich sagen! Ich hör sie fast deklamieren! Medea! Am Schluß, wie sie die vergifteten Gewänder hinüberschickt, du weißt schon! Schade, daß ich so selten im Burgtheater bin. Da kriegt man nicht leicht Freikarten, und außerdem laß ich mich nicht gerne traurig machen. Aber sie hat eine edle Haltung, diese Frau. Wenn sie einmal zum Burgtheater kommt, werde ich doch hingehen!«

Und Arnold, Arnold, der seinen Vater so genau kannte wie ich, Arnold rief: »Nicht wahr, sie ist eine große Schauspielerin?!« Als hätte er die Kritik aus dem Munde eines großen Kenners vernommen.

Der Abend fiel ins Zimmer und verwischte die Züge in beiden Gesichtern. Jetzt saßen sie da und glichen einander wie zwei Brüder. Man sah weder des Alten graue Haare noch die braunen des Jungen.

Sie saßen beide im Abend wie in einem Schiff und segelten langsam, töricht und selig dem gleichen Schicksal entgegen.

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