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Zipper und sein Vater

Joseph Roth: Zipper und sein Vater - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/roth/zipper/zipper.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleZipper und sein Vater
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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XV

Arnold Zipper sang den Ruhm seiner Frau. Er war schließlich durch allerlei Verbindungen, durch ein Zusammenspiel von Zufällen, das bereits wie ein Schicksal aussah, Filmredakteur an einer Mittagszeitung geworden.

Es schien mir, daß er endlich den Beruf gefunden hatte, der ihm paßte. Er besaß gerade jene konziliante Art, in der allein man etwas kritisieren kann, an dem man finanziell beteiligt ist. An der Stelle, an der er sich befand, galt es, eine Unparteilichkeit so geschickt vorzutäuschen, daß die Empfindlichkeit der Inserenten nicht getroffen wurde. Schlechte Filme durfte man nicht loben, aber man mußte an ihnen immerhin so viel Interessantes finden, daß das Publikum nicht wenigstens sofort darauf verzichtete, sie zu sehen. Es war schwer, sich in dem dunklen und unübersichtlichen Gewirr auszukennen, das die Zeitungs- und die Filmindustrie zueinander gesponnen hatten.

Es gab wichtige Nachrichten, die man zurücklegen mußte, um abzuwarten, ob und wann derjenige, von dem man die Nachricht bekam, sie auch bezahlen würde. Es gab andere, unwichtige, die keinen Leser etwas angingen und die man brachte, weil sie aus einer Quelle stammten, die jedes halbe Jahr regelmäßig Geld spendete. Es gab Nachrichten von feindlichen Seiten, die man sofort in den Papierkorb warf. Es gab verstohlene Nachrichten von Gegnern, die sich auf eine verzweifelt listige und außerordentlich geheimnisvolle Weise einzuschmuggeln versuchten und die man schnell entlarven und unerbittlich zurückweisen mußte. Es gab Zeitschriften, aus denen man Nachrichten und Artikel »schneiden« durfte, und andere, die auf dem Index des Verlegers standen. Es gab Interviews mit Finanzleuten aus der Filmwelt, die man just zu einer bestimmten Stunde bringen mußte, an einem ganz bestimmten Tag, an dem die internationale »Konstellation« einem Interview hold war. Es gab Fusionen, von denen man schon wußte, zwei Wochen ehe sie noch zustande gekommen waren, und die der Welt mitzuteilen Arnold begierig war. Aber nein! Der Verleger befahl Geduld selbst auf die Gefahr hin, daß ein Konkurrenzblatt die Nachricht früher brächte. Manchmal mußte man die Konkurrenz fürchten und ein anderes Mal die traurigen Konsequenzen eines Berichts.

Immer aber fürchtete Arnold den Verleger.

Immer fürchtete Arnold den Verleger. Was er tat, schien ihm so wichtig, seinen Beruf nahm er so ernst, daß er um keinen Preis seine Stellung verlieren wollte. Er hatte keine Angst vor der Arbeitslosigkeit oder vor dem Hunger. Aber hier, wo er saß, war der einzige Ort, an dem er für seine Frau arbeiten konnte – soviel eben Arnold für seine Frau arbeiten konnte. Hier erfuhr er von günstigen Möglichkeiten, die sie ausnützen konnte, von drohenden Gefahren, die sie meiden sollte, von Persönlichkeiten, die »noch in Position« oder schon ausgeschieden, von Rollen, die noch unbesetzt waren, von auftauchenden Rivalinnen und von drohenden Intrigen. Oh, wie heilig war Arnold dieser Beruf! Fast als Gleichberechtigter saß er jetzt am Tisch der Schriftsteller – manche bedurften seiner Unterstützung und schmeichelten ihm sogar –, nicht mehr in dem alten Wiener Stammcafé, in dem er so gerne diesen Triumph erlebt hätte, aber immerhin in einem Literatencafé. Von Zeit zu Zeit kam einer aus Wien herüber, sah Arnold Zipper im Kreise von bedeutenden Männern und wunderte sich: »Ei sieh! in Berlin ist sogar der Zipper was geworden!« Der Kundschafter kehrte nach Wien zurück, ließ sich von den Stammgästen umringen und rief:

»Der Zipper ist kein Kiebitz mehr!«

Arnold Zipper war jetzt Mitglied mehrerer Vereine. Keiner Wohltätigkeitsvereine, wie sein Vater! Es gab einen Verein für die Errichtung eines Asta-Nielsen-Denkmals, einige Journalistenvereine, einen Verein, der jährlich Filmfeste veranstaltete mit Schönheitskonkurrenzen und Damenboxen. Überall war Arnold ein lebhaftes Mitglied.

Er war weit davon entfernt, die unsauberen Geschäfte, die er redigierte, zu bedauern. Ich glaube, daß er nicht einmal merkte, wie er für ganze und halbe Lügen bezahlt wurde. Er selbst ließ sich nicht bestechen, er nahm nicht einmal kleine Geschenke an, keine harmlose Einladung, wenn er eine verborgene Absicht spürte. Er log nur für seinen Chef. Er war wie die meisten ehrlichen Handlanger der Verdiener.

Er sah nur eine Aufgabe: seiner Frau nützlich zu sein. Weit von ihr entfernt, an der Peripherie ihres Lebens, streifte er herum. Sie wohnten nicht zusammen, sie aßen nicht, sie schliefen nicht, sie kamen nicht miteinander zusammen. Aber daß jedermann wußte, daß Arnold Zipper der Mann der entzückenden, wenn auch Männern nicht gefälligen Filmschauspielerin war, genügte ihm, oder genügte ihm nur scheinbar. Denn ich erfuhr später, daß er einer der unglücklichsten Menschen war, die jemals zwischen dem Film und der Zeitung gelebt hatten, obwohl er immerhin noch glücklicher aussah als zwei Jahre früher in Wien und ohne seine Frau.

Für sie beugte er seinen Rücken, wenn sein Verleger ihn rügte, für sie log er Nachrichten um, rannte er um Interviews, für sie bekam er tausend Einfälle, für sie war er ein »brauchbarer Filmjournalist«, für sie sprach er stundenlang mit Inseratenagenten, und weil in der Welt der Branche eine Hand die andere in der Öffentlichkeit wäscht – was eine der wenigen Tugenden dieser Welt ist –, schämte sich Zipper gar nicht, im Kaffeehaus oder im Klub zu erzählen, daß er »Coups contrecarrierte« und »Chosen deichselte« im Interesse seiner Frau, mochte sie auch noch so wenig interessiert sein an dem, was Arnold tat.

Denn sie kümmerte sich nicht um ihn. Sie wohnte außerhalb der Stadt, im Westen natürlich, der vornehmen Himmelsgegend, dort, wo eine Kolonie gutbezahlter Künstler den Bankdirektoren nahe war, den Politikern, den Industriellen. Sie wohnte mit drei Freundinnen, zwei Windhunden, die damals sehr modern waren, an Potsdam erinnerten und mit ihrer zerbrechlichen, dummen Grazie Eindruck machten, einem Gärtner und einem Chauffeur in einer Villa – – selbstverständlich in einer Villa. Die Buddhas begannen schon in der Halle und setzten sich bis ins Schlafzimmer fort. Eine ihrer Freundinnen war Morphinistin – des guten Tons halber – und besaß ein Grammophon, das sie in den Schlummer sang. Es spielte den ganzen Tag, man hörte sein fernes Ächzen, mit dem es die Melodien begleitete, durch alle Türen und das sanfte Quietschen der Kurbel, wenn man es aufzog. Oben, in einem Zimmer, das nur Sofas und Windhunde und Buddhas enthielt, lebte Arnolds Frau, wenn sie nicht im Atelier war.

Zu Hause trug sie des Morgens einen Kimono, zum zweiten Frühstück, das sie um vier Uhr nachmittags einnahm, ein sogenanntes »Déshabillé« aus durchsichtiger und plissierter Seide, und sie glitt aus diesem Gewand – das ja ihre Tageszeit war – sofort in den Abend hinein, das heißt: in die »Toilette«. Dann empfing sie Gäste.

Es waren ihre Kollegen aus den benachbarten Villen, lauter Lieblinge des Publikums, dämonische, sarkastische, lyrische, Verführer – und plebejische Typen, Schwerenöter und unwiderstehliche Bezwinger des Schicksals. Ach, wie sahen sie gleichmäßig aus und harmlos! Sie waren nicht geschminkt, es leuchteten keine Lampen, es befahl kein Regisseur. Sie hatten niemandem zu gehorchen als der Sitte, die ihnen befahl, zweimal innerhalb von fünf Jahren zu heiraten und dreimal in einem Jahr bestohlen zu werden. Wenn man sie sah, wie sie Karten spielten, Buki-Domino, wie sie panierte Schnitzel aßen und nach den wehenden Blättern des Salats schnappten, wie sie Liköre mischten und zum Grammophon tanzten, so verstand man nicht, was sie eigentlich dazu trieb, Schauspieler zu sein, durch weite, von Lärm erfüllte, wüste Ateliers zu hasten, in merkwürdigen Kostümen, was sie veranlaßte, Tränen zu vergießen und Throne aus Pappendeckel zu besteigen, auf Pferden zu galoppieren und auf Schiffen unterzugehen; weshalb sie ferner ihr privates Leben in den Glasvitrinen ausstellten, in den Zeitungen druckten, Biographen mitteilten, einen Klatsch um sich selbst erzeugten, logen und dementierten, sich verliebten – ohne an die Liebe zu glauben – und sich trennten, ohne an die Trennung zu glauben. Ach! weshalb waren sie nicht wie ihre Väter Zigarrenhändler, Börsenmakler, brave Uhrmacher und Bankbeamte? Weshalb spielten sie so ein lustiges Künstlervölkchen und trieben Opposition gegen ihre Nachbarn, die Bankdirektoren, die Fabrikanten und die Grundbesitzer? Waren sie alle zur Schauspielerei gekommen wie Fräulein Erna Wilder?

Einmal in der Woche, nämlich am Sonntagnachmittag, durfte Arnold seine Frau besuchen. »Den Sonntag kann ich nicht ausstehen!« sagte Erna. »Volk ist eine ganz gute Sache, aber ein Volk am Sonntag geht mir auf die Nerven! Es ist doch gut, daß die meisten Menschen arbeiten.« Infolgedessen ging sie am Sonntag nicht aus. »Zu Hause bin ich nur am Sonntag!« kündigte sie einigen Leuten an, die sie außerhalb des offiziellen Mittwochs sehen wollten. Und Arnold ging zu ihr jeden Sonntagnachmittag.

Es war das einzige Mal in der Woche, daß er ein Auto nahm; denn er brachte seiner Frau Blumen, und er war zu schüchtern, um jemanden sehen zu lassen, daß er Blumen trage. Er zog einen eleganten Anzug an – er hatte jetzt einige. Denn in der mondänen Welt, in der er jetzt lebte, mußte man besser angezogen sein, als man aß. Sogar ein Monokel trug Arnold in der Westentasche. Legte er es an, so lag es in seinem traurigen Gesicht wie ein vereister See in einer herbstlichen Landschaft. Aber er mußte es anziehen, bei Schönheitskonkurrenzen und auch, weil er kurzsichtig war.

Seine Kleider kamen aus einem jener teuren und kleinen Schneiderateliers, die der großen Welt noch nicht bekannt sind, die noch vor einem Jahr für Briefträger arbeiteten, plötzlich von einem Schauspieler einen Auftrag bekamen und nichts mehr zu sorgen hatten. Irgend jemand sagte im Nachtlokal der Künstler:

»Ich bin dem Tschipek tausend Mark schuldig.«

»Wer ist Tschipek?« fragt ein Neugieriger.

»Sie wissen nicht, wer Tschipek ist?«

Und der andere begann nachzudenken, ob es nicht möglich wäre zu sagen, man kenne ihn, ehe man laut zugeben mußte, man kenne ihn nicht.

»Tschipek ist der beste Schneider von Europa!« sagte der Schuldner (und wenn er witzig war, so sagte er: »von Europa und Umgebung!«). Dann rückte man mit den Stühlen und betrachtete den Anzug.

Es gab da verschiedene verborgene, raffinierte Feinheiten, die nur Kenner zu schätzen wußten und die man auf den ersten Blick gar nicht eruieren konnte. So wurde man von den Wissenden ausdrücklich belehrt, daß die Knopflöcher jungfräulich geschlossen waren, obwohl sie so aussahen, als könnte man eine Blume in sie stecken. Die Taschen waren innen grau und nicht weiß. Die Hose hielt ohne Gürtel und Hosenträger, und die Weste hatte keine Schnalle. Die inneren Rocktaschen hatten Klappen, und das Unterfutter des Rocks ließ am unteren Rand eine hohle Stelle fühlen, eine Falte, damit der Stoff nicht »gezogen werde«, wie man fachmännisch sagte.

Bei Tschipek, der seit einigen Jahren von Mund zu Mund empfohlen wurde, ließ auch Zipper »arbeiten«, wie er sagte. »Alle nähen jetzt bei Tschipek«, erzählte er. Er zeigte mir manche verborgenen Feinheiten, die anderen Kunden fremd waren und wohl ewig unbekannt bleiben würden. So erinnere ich mich an eine Weste, die so zauberhaft geschnitten war, daß man sie »tief« und »hoch«, das heißt: mit einem kleinen und einem weiten Ausschnitt tragen konnte, je nach der Farbe des Gewandes, das man gerade angelegt hatte.

Wie weit lag die Zeit zurück, in der Arnold einen groben Anzug aus gefärbtem Militärtuch getragen hatte! Er hatte Geschmack an vielen kostbaren Spielereien gefunden, mein Freund Arnold Zipper. Seine Krawatten waren mustergültig, selbst Leute, die ihm übelwollten, mußten es zugeben. Seine Schuhe waren nach Maß gearbeitet und handgenäht, und vor Warenhäusern hatte Zipper einen Abscheu wie ich vor Abdeckereien.

Manche zerbrachen sich den Kopf über sein Verhältnis zu seiner Frau.

»Was macht sie mit diesem Mann?« fragten die Boshaften.

»Was macht er mit dieser Frau?« fragten die Gutmütigen.

»Warum ließen sie sich nicht scheiden wie alle Welt?« fragten die Neutralen.

Erna aber hielt es für eine besondere Note, auf eine so merkwürdige Weise verheiratet zu sein. Fragte man sie, so gab sie Aufklärung:

»Wir sind katholisch verheiratet, der gute Arnold und ich. Wir können nicht voneinander los.«

Und ich war doch ihr Zeuge beim Standesamt gewesen. Erna sagte es aber auch, wenn ich da war.

Daß sie ihn den »guten« Arnold nannte, schien mir beinahe ihrer selbst unwürdig. Warum? Sie hatte es doch nicht nötig, ein so abgenutztes Eigenschaftswort anzuwenden. Sie hätte sich doch schon etwas Mühe geben können, eine originellere Bezeichnung zu finden. Arnold aber lächelte, wenn sie ihn »guter« nannte. Sprach sie direkt zu ihm, so sagte sie sogar: »Bester«. Er lächelte wie einer, der es besser weiß und der, mögen die anderen auch glauben, er sei nur ein Guter, auch Stunden kennt, in denen ihm andere Eigenschaften zugemutet werden.

Weshalb sie Arnold behielt, das fragte auch ich mich. Aber sie war klug und bitter genug, auch an die Stunden des Unglücks zu denken, die einmal kommen könnten. Aus manchen ihrer Reden glaubte ich auch entnehmen zu können, daß sie abergläubisch war und daß sie ihren Mann behielt, so wie man etwa einen Glücksaffen vor den Motor seines Autos stellt, um Zusammenstöße zu verhüten. Aber hinter diesem Aberglauben lag ihr Heimweh, von dem sie selbst nicht wußte, das frierende Stückchen Seele, das der Mensch nicht kennt, wenn es im Zimmer warm ist, das verborgene bißchen Armseligkeit, das man niemanden sehen läßt und selbst nicht sieht, wenn man reich ist, die zitternde Sehnsucht, die erst in den letzten Stunden des Lebens zu singen beginnt.

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