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Zipper und sein Vater

Joseph Roth: Zipper und sein Vater - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/roth/zipper/zipper.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleZipper und sein Vater
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectidabd30cab
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XI

Seitdem Arnold im Finanzamt war, besuchte er das Kaffeehaus eher aus Leidenschaft als aus Gewohnheit. Es gehörte zu seinen Erfüllungen und nicht mehr zu seinen Bedürfnissen. War er schon früher – und besonders, seitdem er aus dem Krieg zurückgekommen war – nicht fähig gewesen, einen Abend allein zu sein, so erfaßte ihn jetzt ein wahres Entsetzen vor der Einsamkeit. Nicht, daß er etwa die Sehnsucht gehabt hätte, in einer Gesellschaft zu leben. Er wollte nur im Kaffeehaus sitzen, nichts anderes als im Kaffeehaus sitzen.

Er hatte ein paar Bekannte, vielleicht ein paar Freunde. Es waren Schriftsteller, Maler, Musiker, Bildhauer. Ich kannte keinen genaueren Leser, kein gewissenhafteres Publikum, keinen eifrigeren Theaterbesucher, keinen frömmeren Hörer von Musik als Arnold. Für alle Künste interessierte er sich. Jenen, die sie ausübten, nahe zu sein gehörte zu seinen bescheidenen Freuden. Sicherlich beneidete er sie. Denn sie allein, so schien es ihm, hatten einen Sinn in ihrem Leben gefunden und besaßen ein Recht, dazusein, Geltung zu haben, Ansehen und Macht. Was sie sprachen, schien ihm so wichtig, daß er ihnen nur zuhörte, ohne sich an ihrem Gespräch zu beteiligen. Vielleicht fand er einen Trost darin, daß er ihre Abende teilte, obwohl seine Tage so ganz anders aussahen als die ihrigen. Vielleicht aber auch war er klüger, als ich glaubte, und er tröstete sich, wenn er die Künstler sah, damit, daß auch sie schließlich nicht von anderen Sorgen sprachen als alle Welt. Auch sie hatten kein Geld. Auch sie konnten keine Reisen machen. Auch sie spielten Tarock und Sechsundsechzig und Domino. Auch sie tranken Kaffee und tauchten ihre Kipfel ein.

Arnold spielte nicht, aber er sah gerne zu. Er war mit der Zeit manchen Spielern ein unentbehrlicher Kiebitz geworden. Man erholte sich einigermaßen von den Aufregungen des Spiels, wenn man von den Karten aufblickte und Zipper ansah. Die ständige Schwermut seines Angesichts – deren Grund übrigens niemand wußte und wahrscheinlich nur ich allein verstand, weil ich das Haus Zipper kannte, also die Heimat dieser Schwermut –, seine unveränderliche Leidenschaft, den Wechsel von Pech und Glück mitzuerleben, seine aufmerksame Schweigsamkeit, sein genauer Blick, der den Bewegungen und den Händen und den Karten immer folgte, mußte die Spieler ebenso beruhigen und zufriedenstellen wie einen Autor, der sein Werk vorliest, ein gespannter und mitgenommener Zuhörer. Es schmeichelte den Spielern, wenn Zipper ihnen zusah. Es war, als spendete er ihnen stillen Beifall. Wenn sie vom Spiel aufstanden, verließ Arnold nur zögernd den Tisch. Es tat ihm offensichtlich leid. Er fühlte sich leer. Er mußte jetzt zu einem anderen Tisch gehen, man spielte dort nicht mehr, man sprach nur, und ein Gespräch war lange nicht so übersichtlich. Außerdem war er an einem Tisch, an dem man nur sprach, mehr fremd als an einem, an dem man spielte. Denn verlangten die Gesetze des Kartenspiels geradezu einen Kiebitz, so waren die Gesetze einer Unterhaltung einem Außenseiter nicht hold. Arnolds hellhörige Empfindlichkeit erriet hundertmal die Frage, die sich viele stellten und die niemand aussprach: Was macht eigentlich dieser Zipper hier? Denn man wußte, daß er nicht malte, nicht schrieb und nicht komponierte, aber alle, die malten, schrieben und komponierten, kannten Zipper. Er beschäftigte sich nicht einmal mit der Politik, die ebenso wie die Tätigkeit in einer Redaktion jeden Gast in diesem Kaffeehaus heimisch machte. Dennoch gehörte Arnold in dieses Kaffeehaus und in kein anderes. Er ging unter den Schriftstellern herum – die immer auf der Jagd nach einem »Thema« waren – wie ein Romanstoff, der sich umsonst anbietet. Die Schriftsteller aber sind nicht geneigt zu glauben, daß ein Kiebitz literarisch brauchbar sein kann.

Sie gewöhnten sich an Zipper. Jeder hatte sich die Frage, was er eigentlich hier mache, schon so oft gestellt, daß er schließlich der Meinung war, er hätte schon eine Antwort auf sie gefunden. Es gefiel ihnen, einen Menschen in der Nähe zu haben, der nicht vom Fach war, aber dem Fach immerhin so nahe, daß man nichts übersetzen mußte, um ihm verständlich zu sein. Auch wenn sie sprachen, war er ihr Publikum. Und da sie mehr sprachen, als sie schrieben, war ihnen ein Leser, der zuhörte, von Nutzen.

Und Arnold hörte zu. Das Kaffeehaus lockte ihn jeden Abend, wie das Gasthaus einen Trinker, wie der Spielsaal einen Spieler. Er konnte nicht mehr leben ohne den regelmäßigen Anblick der kleinen, weißen, runden und der viereckigen grünen Tische; der dicken Säulen, die einmal in der ersten Jugend dieses Kaffeehauses seinen prunkvollen, majestätischen Charakter betont haben mochten, die heute schwarz von Rauch waren, gleichsam von jahrzehntelangen Opferbränden, und an denen Zeitungen hingen wie dürre Früchte in dürren, gelben, klappernden Rahmen; der dunklen Nischen, beschattet von Überkleidern an schwerbehängten Ständern; der Toilette im Korridor, vor der ein ständiges Kommen und Gehen war, vor der man Bekannte traf und begrüßte und vor der man, ohne zu merken, wie die Zeit verstrich, eine halbe Stunde stehen konnte; der blonden Kassierin am Büfett, die jeden beim Namen kannte und die den Stammgästen die Post verteilte, während sie Briefe und Karten, die für die gewöhnliche »Laufkundschaft« gekommen waren, in einer unpersönlichen, dienstlich kühlen Vitrine ausstellte; der Kellner, die niemals wechselten, niemals starben, niemals nach den Wünschen der Gäste fragten, sondern immer das Gewohnte brachten; der Karbidlampen, die um jene Zeit das Gas und die Elektrizität ersetzten und die aussahen wie gezähmte und zum Nutzen der Menschheit verwendete Irrlichter. Sie sangen übrigens – und auch diese Musik war Arnold unentbehrlich. Sie flackerten, wenn sie am Ende ihrer Kräfte waren, und warfen zackige Schatten um die Tische. Dann stieg ein Kellner auf Stühle und hauchte ihnen mit einem Blasebalg neues Leben ein. Fliegen summten, Karten klatschten, Dominosteine klapperten, Zeitungen rauschten, Schachfiguren fielen mit hartem Schlag auf Bretter, Billardkugeln rollten dumpf über gepolstertes Holz, Gläser klirrten, Löffel klangen, Schuhe schlurften, Stimmen murmelten, Wasser tropfte sentimental aus einem fernen, wie geträumten Hahn, der sich niemals schloß – und über allem sangen die Karbidlampen. Manchmal glich das Kaffeehaus einem Lager überwinternder Nomaden, manchmal einem bürgerlichen Speisezimmer, manchmal einem großen Wartesaal in einem Palast und manchmal einem warmen Himmel für Erfrorene. Denn es war warm, es war eine animalische Wärme, unterstützt von glimmenden Kohlen in drei breiten Öfen, durch deren Gitter es rötlich schimmerte und die aussahen wie Eingänge zu einer Hölle, die nichts Schreckliches hat. Erst wenn Arnold dieses Kaffeehaus betrat, war er seinem Tag endgültig entronnen. Hier erst begann seine Freiheit. Denn obwohl die Drehtür sich unaufhörlich bewegte, konnte Arnold doch sicher sein, in diesem Kaffeehaus keinen Menschen zu finden, der ihn an seine Arbeit oder an eine Arbeit überhaupt erinnerte. Nicht an seine Arbeit, nicht an das Viertel, aus dem er kam, nicht an die Freunde seines Vaters konnte hier irgend etwas gemahnen. Nur dünne, gelbe Vorhänge verhüllten die Straße an den Fenstern. Aber diese Vorhänge waren so dicht, daß man glauben konnte, selbst Steine und Schüsse würden an ihnen wirkungslos zurückprallen. Diese Welt hatte nichts mit der bitteren und nüchternen des Tages zu tun. Auch wenn die Sonne noch am Himmel stand, hier hatte sie nichts zu suchen.

Nur ein Theater oder ein Konzert konnte Arnold veranlassen, nicht etwa überhaupt einen Abend das Kaffeehaus nicht zu betreten, sondern um elf Uhr zu kommen statt wie gewöhnlich um sieben Uhr.

Die Liebe zum Theater hatte Arnold, wie manches andere, vom alten Zipper geerbt. War aber der alte Zipper mit Vorliebe zu Operetten gegangen, so zog der junge der Unterhaltung die Kunst vor. Hatte der alte Zipper seine Freikarten den Beziehungen zum Kassierer zu verdanken gehabt, so bekam der junge die Plätze unmittelbar vom Regisseur. Hatte sich der Alte für den Zauber der Kulissen interessiert, für den Mechanismus der Bühne, so verfolgte der Junge die Bemühungen der Regie und der Schauspieler.

Wenn Arnold mit Leidenschaft das Theater besuchte, so tat er es nicht etwa, weil er sich vorstellte, er selbst stünde auf der Bühne. Er war nicht so kindisch und nicht einmal in Träumen ehrgeizig. Er wollte nur die Luft des Theaters atmen, wie er ins Kaffeehaus kam, nicht um Karten zu spielen, sondern um die Luft des Kaffeehauses zu atmen. Er war Publikum mit genauer Fachkenntnis. Wenn er einen Schauspieler kennenlernte, fühlte er den Zwang, ihn spielen zu sehen. Sah er einen Schauspieler auf der Bühne, so mußte er ihn kennenlernen. Kannte er einen Autor, so mußte er ihn lesen. Las er ein Buch, so wollte er den Autor sehen. Sprach er mit einem Maler, so besuchte er ihn im Atelier. Diese seine Neigungen und Leidenschaften waren fast wissenschaftlich. Mehr als ein gedrucktes Buch interessierte ihn ein Manuskript, mehr als ein vollendetes Werk ein unfertiges, mehr als der verarbeitete Gegenstand die Veranlassung und die Ursache der Arbeit, mehr als das Porträt das Modell. Es schien, als suchte seine unglückliche Natur zu erfahren, wie es »gemacht würde«. Denn er besaß die Gabe der Empfindung wie ein Schöpfer, das Interesse für das Handwerk wie ein Berufener. Aber er konnte nichts hervorbringen. Er lebte wie in einem Angsttraum, wenn man rufen will und nicht kann. Da er so eifrig forschte, wußte er vieles aus dem Privatleben seiner Lieblinge. Trotzdem war er nie zudringlich. Denn sein Eifer hatte die wissenschaftliche unpersönliche Kühle. Auch war er verschwiegen wie ein Gelehrter, der die Ergebnisse seiner Forschungen aufbewahrt bis zu dem Tag, an dem er mit ihnen seine Theorie aufzubauen gedenkt.

Da ich Arnolds Interesse für das Theater kannte, wunderte ich mich nicht darüber, daß ich ihn schon an einigen Abenden nicht im Kaffeehaus gesehen hatte. Er muß noch vor dem Theater da gewesen sein, dachte ich. Wahrscheinlich treten in dieser Woche Schauspieler auf, die ihn interessieren. Wahrscheinlich ist er eingeladen worden.

Als er aber länger als eine Woche ausblieb, wurden selbst die Spieler unruhig. Arnolds tragische Schweigsamkeit fehlte ihnen. Für wen spielten sie noch? Jedesmal, wenn ich an einem Tisch vorbeiging, hielt mich einer am Rock fest und fragte: »Wo bleibt Zipper so lange?« Auch ich fragte. Die Kellner hatten ihn nicht gesehen, die Kassierin auch nicht. Ja, am Büfett lag Post für ihn, die er nicht abgeholt hatte.

Ich war schon lange nicht bei den Zippers gewesen. Es war Winter, ich wußte, daß sie nicht heizten.

Oh, ich kannte diese Winter im Hause Zipper! Da saß der Alte im Winterrock, die Frau Zipper hatte nach der Art der Bäuerinnen ihrer Heimat einen Schal kreuz und quer um den Körper geschlungen, die Fensterscheiben waren trüb, kleine Wässerchen rannen an ihnen herunter, sie waren nicht wie aus Glas, sondern wie aus trübem Wasser, aus den Mündern der Menschen kam ein grauer Hauch, ihre Hände waren rot, ihre Finger geschwollen, eine tote Fliege klebte hier und dort in einer Ecke, das Licht war aus unbekannten Gründen grünlichgrau, die Wohnung erinnerte an eine Art Meeresgrund, an eine Art Bassin, an ein Aquarium. Der Abend fiel früher in diese Wohnung, als er von Rechts und Natur wegen sollte. Waren die Lampen angezündet, so brannten sie in einem grauen Nebel, man sah ihren Kern nicht, sie erinnerten an Mitternachtssonnen. Der alte Zipper schneuzte sich fortwährend. Er hatte einen Rachenkatarrh seit seiner ersten Jugendzeit. Ich erinnere mich, daß er Jahr für Jahr davon gesprochen hatte, nach Kudowa zu fahren. Da aber auch sein Magen nicht ordentlich arbeitete, schwankte der alte Zipper, ob er nicht doch lieber nach Karlsbad fahren sollte. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß er nirgends hinfuhr, weil er kein Geld besaß. Er bildete sich ein, er bliebe zu Hause, weil er zwei Übel habe, von denen jedes einen anderen Kurort verlange. Er krächzte, räusperte sich, trank Sliwowitz und hustete.

Als ich diesmal die Wohnung der Zippers betrat, sah ich, daß der Alte den Schal seiner Frau trug. Er war ein bißchen krank, er konnte seinen bescheidenen Geschäften nicht mehr nachgehen. Ein Glück, daß Wandl heil aus dem Krieg zurückgekommen war und die Miete für den »Salon« bezahlte. Sie war jetzt Zippers einzige Einnahme. Er traktierte mich mit Weichselschnaps und Tee. Er wurde warm, er sprach viel, er war sogar optimistisch. Hörte man ihm zu, so konnte man glauben, er ginge einem glücklichen, sorglosen Greisenalter entgegen. Arnold war gut versorgt. Während eine Million junger Männer brotlos umherirrte, saß er an einer Stelle, auf der man wachsen und gedeihen konnte, eine Pflanze in einem gut placierten Blumentopf. Nichts konnte mehr in seinen Weg kommen. Er war nicht einmal nur Vertragsbeamter. Er war ausnahmsweise schon mit Dekret angestellt. Er war auch schon seit einigen Tagen nicht zu Hause gewesen.

Um ihn nicht unruhig zu machen, log ich, daß ich Arnold erst vorgestern im Kaffeehaus gesehen hätte. Warum vorgestern? – Es schien mir, daß ich weniger log, wenn ich eine vorgetäuschte Unterredung vor einer längeren Zeit stattfinden ließ.

Ich wußte aber schon, daß Arnold etwas zugestoßen war. Oh, kein Unglück, keine Katastrophe! Denn in dem Leben der Zippers hatten die Schicksale keine ursprüngliche und plötzliche Kraft. Sie hatten die langsame, langweilige Tätigkeit der Bohrwürmer. An dem grauen Himmel, der sich über den Zippers wölbte, entluden sich keine Gewitter. Sie zogen sich nur an ihm zusammen. So eine zaghafte Wolke fühlte ich jetzt herannahen. Ich sprach aber nicht von ihr. Ich tat so, als wäre es heller Sonnenschein.

An diesem Abend wollte ich Arnold im Kaffeehaus erwarten.

Es schien mir, daß es nicht mehr so aussah wie immer. Arnold Zipper fehlte. Alle, die sich so oft im stillen gefragt hatten: Was macht eigentlich dieser Zipper hier?, fragten heute laut: »Warum ist Zipper nicht da?« Er fehlte den Spielern wie den Sprechern. Einige standen früher von den Spieltischen auf, weil die ermunternde düstere Zustimmung Arnolds ihnen mangelte. Einige Beredte schwiegen heute, weil gerade jener Zuhörer ausblieb, den sie immer übersehen hatten, wenn er da war. In der Symphonie der Gesichter, der Geräusche und der Stimmungen, die den Wert des Kaffeehauses ausmachten, fehlte das Gesicht Arnolds, seine Schweigsamkeit und sein tragischer Schatten. Die Polizeistunde nahte heran, und Arnold kam nicht. Am nächsten Tag ging ich ins Amt. Einer von seinen Kollegen sagte mir, Herr Zipper hätte sich krank gemeldet und wäre schon einige Tage ausgeblieben. Ich glaube, es war Herr Kranich, der es mir sagte. Ich glaube auch, daß er es mit jener hämischen Kälte sagte, die vielen unglücklichen Staatsbeamten nach fünfundzwanzigjähriger Dienstzeit eigen ist.

Auch in seiner Wohnung war Zipper nicht Daß er nicht krank war, wußte ich sofort. Sollte er plötzlich nach Brasilien gefahren sein? So plötzliche Entschlüsse entsprachen nicht seiner Langsamkeit. Ein Zipper beging keine Gewaltstreiche. Wo sollte ich ihn suchen?

Ich gab mir selbst eine Frist von acht Tagen. Ich fand mich vorläufig damit ab, daß Arnold nicht da war. Ich löschte ihn aus der Liste der Lebenden aus und tat so, als wäre er nie dagewesen. Ich beschloß, erst nach acht Tagen wieder an ihn zu denken.

Aber die acht Tage waren noch nicht verstrichen, als ich Zipper traf. Es war um die Mittagszeit. Ich kam ins Kaffeehaus, um nachzusehen, ob ein Brief für mich gekommen wäre. Da saß Zipper, in einem Winkel, fast verborgen, und schrieb offenbar an einem Brief. Er sah mich noch nicht. Ich beobachtete, wie er den Mund halb geöffnet hatte, wie ein Schlafender oder wie ein Kind. Sein Kopf lag tief über dem Papier, auf dem er schrieb. Er schrieb nicht fließend. Er schien nachzudenken oder Pausen zu machen, in denen er einem Zug fremder Gedanken nachsah, wie man Vögeln nachsieht, die am Horizont dahinschweben. Obwohl er seine Augen auf mich gerichtet hatte, sah er mich nicht.

»Guten Tag, Arnold!«

Er legte den Ellenbogen auf das Papier, erinnerte sich, daß er sich durch diese Bewegung verraten hatte, zog den Arm zurück, tat, als ob er etwas Gleichgültiges geschrieben hätte, und rückte zurück, um mir Platz zu machen. Ich setzte mich aber nicht.

»Wo steckst du?«

»Ich arbeite so viel.«

»Du bist aber doch krank gemeldet im Amt?«

»Ach, so, du warst dort, freilich – –! Ich arbeite etwas anderes.«

»Warum kommst du nicht mehr am Abend hierher?«

»Weil ich müde bin. Es langweilt mich auch schon. Ich mag nicht.«

»Wollen wir zusammen essen?«

»Wenn du mich einlädst.«

»Willst du nicht den Brief zu Ende schreiben?«

»Das hat Zeit!«

»Ist er nicht sehr wichtig?«

»Doch, er ist sehr wichtig!«

»Dann schreib ihn lieber!«

»Ich kann aber nicht mehr.«

»Warum gehst du nicht ins Amt?«

»Ich halte es nicht mehr aus!«

Arnold packte den Brief ein, er faltete ihn viermal zusammen und legte ihn in die Brieftasche. Auf der Straße sagte ich:

»Wenn dich jemand sieht?«

»Das wäre mir recht.«

»Willst du denn aus dem Amt weg?«

»Eigentlich nicht. Aber ich wünsche, daß man mich zwingt, es zu verlassen. Es wäre mir lieb, wenn jetzt der Hofrat Kronauer zum Beispiel vorbeiginge. Ich habe nicht die Kraft wegzugehen. Ich erwarte ein Malheur. Es steht in meiner Macht, es heraufzubeschwören, aber ich habe nicht die Kraft dazu.«

In diesem Moment sah ich von ferne den Hofrat Kronauer vorbeigehn.

Ich ergriff Arnold beim Arm:

»Du, der Kronauer!«

»Wo?« rief Arnold. Im nächsten Augenblick stand er schon verborgen in einem Haustor.

Ich zog ihn wieder heraus, wie aus einer Schublade.

»Warum hast du dich versteckt?«

»Ich weiß nicht.«

Wir aßen schweigend. Nach dem Essen sagte Arnold: »Heute gehe ich wieder ins Amt. Am Abend komme ich ins Kaffeehaus.«

Ich erwartete ihn am Abend. Er kam nicht.

Man fragte nicht mehr so dringend nach ihm. Man schien sich zu gewöhnen. Die Spieler blieben wieder länger an ihren Tischen. Die Sprecher begannen wieder, ihre Vorträge zu halten. Irgendein leerer, aber unbestimmter Platz füllte sich wieder. Ein Loch, das Arnold gelassen hatte, verschwand in der immer dichteren, schöpferischen, sich selbst nachzeugenden Atmosphäre.

Plötzlich erschien Arnold. Es war gegen Mitternacht. Man rüstete schon zum Aufbruch. Ein paar Tische lagen schon im Schatten. Die flackernden Karbidlampen blies man nicht mehr aus. Es waren so wenig Menschen da, daß der Eintritt Arnolds ein dreifach starkes Aufsehen hervorrief.

Man rückte die Stühle weg. Alle umringten ihn. Es war, als wenn er von einer langen Reise zurückgekommen oder von einer langen schweren Krankheit aufgestanden wäre. Die Kellner standen im Hintergrund, schon bereit, Arnold zu beglückwünschen, nachdem er mit seinen Freunden fertig geworden war.

Diese Begrüßung freute Arnold, wie jedes Ereignis, das ihm bewies, daß er für jemanden einen Wert hatte, und sei es auch nur den Wert eines Zuschauers. Er, der immer am Rande stand, befand sich für einige Minuten in der Mitte. Jener Teil seiner Persönlichkeit, der das Schauspielerische, das nie entladene, schlummernde, leidende Schauspielerische enthielt, wurde geweckt und aktiv. Fünf Minuten lang stand Arnold auf der Bühne. Er spielte und verbeugte sich gleichzeitig. Nichts rührte mich so sehr wie dieser kurze Auftritt, der die entscheidenden Momente einer ganzen Rolle und eines ganzen Abends enthielt.

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