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Zipper und sein Vater

Joseph Roth: Zipper und sein Vater - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/roth/zipper/zipper.xml
typefiction
authorJoseph Roth
booktitleDie Rebellion ? Frühe Romane
titleZipper und sein Vater
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1984
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090625
projectidabd30cab
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IX

Im Hochsommer kam Zippers Bruder aus Brasilien.

Ich hatte ihn früher nie gesehen. Denn wenn er gekommen war, lud man mich nicht ein. Man sah ihn nur einmal im Jahr, man wollte mit ihm allein sein. Sein Aufenthalt kostete Geld, und man gestand ihm nicht, daß man »knapp war«. Die Zippers konnten gerade noch ihn bewirten, und er mußte für zehn Männer essen – nach den Beschreibungen, die mir Arnold gab. Nach diesen Beschreibungen malte ich mir den Onkel Arnolds wunderbar aus. Vor allem war er ein Farmer. Ein Mann also, der die Phantasie bewegt. Ein Mann, der Sklaven hält. Ein Mann, der eventuell wilde Pferde einfängt. Ein Mann, der vielleicht eines Tages eine Goldmine findet oder sie schon gefunden hat. Ein Mann ohne Rock und Weste, mit breitem Gürtel und großem Panamahut. Die Tatsache, daß der Bruder dieses braven Bürgers Zipper ein Farmer war, schien mir noch weniger wahrscheinlich als die Geschichte von den merkwürdigen Umständen in Monte Carlo.

Dennoch war es so. Arnolds Onkel war ein echter Farmer aus Brasilien. Diesmal sollte ich ihn sehen.

Er kam an einem heißen Tag, es war im Juli oder im August. Am Nachmittag gingen der alte und der junge Zipper zur Bahn.

Am nächsten Tag aß ich Mittag mit dem Farmer.

Er war wirklich beinahe so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Vergeblich suchte ich nach einer Familienähnlichkeit mit dem alten Zipper im Gesicht seines Bruders. Aber er war gar nicht wie ein Bruder, er war wie eine merkwürdige Geschichte, eine Geschichte aus Brasilien. Er war um drei Köpfe größer als der alte Zipper. Er hatte einen glattrasierten Kopf, einen dunkelbraunen, gleichsam durchgesottenen Nacken, eine starke rote Nase und winzige helle Augen unter dichten und kurzen Brauen. Sein Blick war spitz und schnell wie ein Pfeil. Seine Augen waren wie helle Lichter in einem dunklen Abend. Sein Kinn war ein vollendetes Trapez. Breit und hart, erinnerte es mich an eine Art Pult oder an einen glatten, hautüberzogenen Stein. An Stein erinnerte übrigens der ganze Mann. Er stand wie eine Mauer. Er schwieg wie eine Mauer. Menschlicher wurde er, wenn er trank. Er schickte Arnold um einige Flaschen Wein. Er hatte selbst von unterwegs einige mitgebracht. Im Vorzimmer stand sein merkwürdiger Koffer. Nur einen einzigen führte er mit sich. Es war ein altes Felleisen aus braunem Leder, der Deckel und der Boden waren harmonikaartig gefaltet. Auf dem Sofa lag sein Hut – er legte ihn niemals im Vorzimmer ab. Und es war wirklich ein großer, breitrandiger Panamahut. »Sehr erfreut!« sagte er in einem fremden Deutsch, als er mir zum erstenmal die Hand gab, eine entsprechend große, warme, trockene Hand. Dann erkundigte er sich nach dem Krieg in einem Ton, in dem man sich nach der Ernte erkundigt oder nach dem Ausgang einer interessanten Veranstaltung. Er hätte wichtigere Dinge zu Hause gehabt, das Vieh, die Ernte und die Knechte beanspruchten sehr viel Zeit. Wäre er reich gewesen und sorglos, dann wäre er vielleicht herübergekommen, um an dieser oder jener Seite zu kämpfen. Aufrichtige Bewunderung zollte er den drei eisernen Ringen Zippers. Einen Aschenbecher aus einem Schrapnell, das Arnold mitgebracht hatte, gedachte er, nach Brasilien zu nehmen. Den samtenen Sessel, auf dem Cäsar gesessen hatte, betrachtete er ein paarmal täglich. Er fühlte nicht, daß Zippers Herz stillstand, er sah nicht, wie Zippers Augen groß wurden und sein Blick fern (ein Blick, der in die weiten Gefilde des Schmerzes wandert) – wenn er den Sessel beklopfte, umdrehte und mit einer gleichgültigen Stimme sagte:

»Also hier hat Cäsar gelebt, ein Sessel hat ihm genügt. Als ich das letztemal hier war, war ihm die ganze Stadt nicht groß genug. Kein Wunder, daß man in diesem Sessel verrückt wird.«

Jeden Tag, wenn die Zeitung kam, fragte der Farmer: »Sind Bilder heute drin?« Denn er glaubte, unsere Zeitung erscheine heute illustriert und morgen nur mit einem Text, weil ihr Photograph zufällig geschlafen hat. »Schlecht sind eure Virginier geworden«, sagte er mitten im Rauchen, und er zerkrümelte die teure Zigarre, für deren Stummel ihm der alte Zipper dankbar gewesen wäre. Eine unbändige Vergnügungssucht trieb ihn an alle Orte, wo man musizierte, tanzte, Theater spielte. Für die Stunden, die er zu Hause blieb, kaufte er ein Grammophon, das er den Zippers zurückzulassen versprach. Nach dem Essen legte er sich auf das Sofa, auch wenn ich da war. Dann sah ich, wie sein Blick im Zimmer herumirrte, auf Menschen und Gegenständen haften blieb, als suchte er etwas, dessen Abbild er in den Schlaf herübernehmen wollte. Schließlich blieb er auf dem roten Sessel kleben, wurde selig-gefällig-schläfrig, und die Augenlider des Farmers schlossen sich.

Ich bemerkte an dem Farmer einige ungebräuchliche Wendungen, er sprach gewissermaßen in einem eigenen Stil. Gefiel ihm etwas, ganz gleichgültig, ob es ein Mann, eine Frau, ein Vorgang, eine Sache war, so sagte er: es wäre gemütlich. Er konnte sagen: die Suppe sei gemütlich, ich sei gemütlich – denn es schien, daß ich ihm gefiel –, der Aschenbecher aus dem Schrapnell sei gemütlich. Gefiel ihm etwas nicht, so nannte er es nicht, wie ich voller Spannung erwartet hatte, ungemütlich, sondern ausgeschlossen. So sagte er zum Beispiel: dieses Theater wäre ausgeschlossen, und er meinte, daß ihm der Zuschauerraum nicht gefalle, weil er zuviel Säulen habe, und die Bühne sei ausgeschlossen, weil der Vorhang eine alte »Malerei« enthalte. Denn jedes Bild nannte er eine Malerei, wodurch er ausdrücken wollte, daß das Gemalte sich vom Photographierten unterscheide. Die Möbel, die man bewegen konnte, also Stühle und Tische, nannte er Vehikel. Der Frau Zipper sagte er: Schwägerin, dem Herrn Zipper: Bruder, Arnold nannte er Zipper junior. Er sagte, Vornamen könne er sich nicht merken und sie seien überflüssig. Seine eigenen Söhne – er besaß drei – hatte er der Einfachheit halber gleich genannt. Sie hießen alle William.

»Nun, ist er nicht ein Prachtkerl?« sagte der alte Zipper von seinem Bruder. »Das ist ein energischer Mensch. Weder ich noch die anderen Brüder waren so. Mit vierzehn Jahren ist der Bursche hinübergegangen. Ich wollte es ihm nachmachen, sehen Sie, wenn Monte Carlo nicht dazwischengekommen wäre, ich wäre heute ein Farmer wie er.«

Ich dachte an die ganz besonderen Umstände, sah den alten Zipper an, der jetzt mit einem zahnlosen, schwachen, weichen Mund redete, die Worte feucht machte, ehe er sie sprach, den weißhaarigen, gebeugten alten Zipper, und verglich ihn mit seinem Bruder, der nur ein Jahr jünger war als er. Er war nicht von diesem Kontinent, der Farmer, er kam nicht aus diesem Mittelstück Europas, wo der Krieg angefangen hatte, wo er aufgebrochen war wie eine alte Eiterbeule. Nie wäre der alte Zipper ein Farmer in Brasilien geworden, er war ein Bürger von Mitteleuropa.

Nachdem der Farmer eine Woche nichts mehr als Gast gewesen war, begannen die Zippers, von Arnolds Absichten zu sprechen. Arnold wollte nicht gerne dabei sein.

»Ich will nicht«, sagte er mir, »daß mir der Onkel hilft. Hast du ihn nicht gesehen? Ein brutaler, engstirniger, egoistischer Mensch. Wenn er mich hinübernimmt, wird er mich ausbeuten, schlimmer als ein Fremder. Ich hasse dieses eigene Blut. Ich will nichts mit meiner Familie zu tun haben. Nie werde ich mit dem Onkel nach Brasilien gehen. Ich werde mir meinen eigenen Weg suchen. Ich werde schon nicht untergehen.«

Aber es fiel dem Farmer gar nicht ein, Arnold mitzunehmen.

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