Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Zeckendorf >

Zeche Gnadenfeld

Friedrich Zeckendorf: Zeche Gnadenfeld - Kapitel 9
Quellenangabe
authorFriedrich Zeckendorf
titleZeche Gnadenfeld
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1.-10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
projectid14a6eff3
Schließen

Navigation:

8

Die Unterredung mit Klaus hatte Hilde zuerst in wilden Aufruhr versetzt. Sie hatte sich in ihrem Pensionszimmer aufs Sofa geworfen und ein Kissen vors Gesicht gepreßt, um nicht laut herauszuschreien. Sie hatte keine Gedanken, nur einen bohrenden Schmerz im ganzen Kopf und ein fiebriges Frostgefühl, daß sie die Knie eng an den Leib heranziehen mußte. Als das Dienstmädchen nach mehrmaligem Klopfen, das unbeantwortet blieb, mit einem Eilbotenbrief das Zimmer betrat, lag sie noch immer zusammengekrümmt mit eingewühltem Kopf, den sie zwischen die Schultern gezogen hatte, von Kälte geschüttelt. Das Dienstmädchen fragte mitleidig:

»Ist das gnädige Fräulein krank?«

»Kopfschmerzen, Ella. Haben Sie Pyramidon im Haus?«

Das Mädchen brachte das Gewünschte. Hilde nahm ein und warf dabei einen Blick auf den Brief, der auf dem Nickeltablett neben dem Wasserglas lag. Es war des Vaters große, schöne Schrift. Schon in den Buchstaben lag etwas von seiner heiteren Liebenswürdigkeit, und aus dem elfenbeinfarbenen Briefumschlag strömte ein zarter Duft von Gepflegtheit. Der Inhalt war eine einzige Liebeserklärung an die Tochter. Vinzenz beklagte sich, daß Hilde ihm nicht einmal ihre Adresse mitgeteilt und daß er sie sich erst von Trendelenburg hatte beschaffen müssen. Wie einsam ihm zumute sei, und daß ihr böses Gesicht noch hundertmal schöner und lieber wäre, als die Freundlichkeit aller Gesichter Mannheims und Heidelbergs zusammengenommen.

Der Brief schloß:

»... Fräulein von Tillowitz scheint endgültig auf mich böse zu sein. Das ist das einzige Angenehme, das mir widerfahren ist. Aber ich muß wohl alt und müde sein, daß mir nicht einmal mehr eine kleine Niederträchtigkeit rechte Freude bereitet. Schreibe mir, mein Mädel, zwei Zeilen, dann bin ich sofort um fünf Jahre jünger, und wenn Du gar schreiben würdest, daß ich zu Dir kommen soll – das Schlimme ist, daß nur ich Dich brauche, nicht Du mich.

Ich küsse Dich sehr zärtlich, mein süßes Mädel!

Dein Vinzenz.«

Nirgends stand das Wort Vater oder Tochter. Ein Außenstehender hätte meinen müssen, es seien die Zeilen eines unglücklichen Liebhabers. Trotz der tobenden Kopfschmerzen mußte Hilde lächeln. Es war so angenehm, sich lieben und zärteln zu lassen. Und jedes Wort des Briefes war Streicheln und Liebkosen. Sie war böse auf den Vater und liebte ihn doch. Aber war es mit Lutz nicht genau so? Nur daß es bei dem einen die Schwäche war und bei dem anderen die Stärke, die ihr weh getan hatten. Es dämmerte ihr die schmerzvolle Erkenntnis, daß alle Liebe in irgendeinem Sinn auch Leiden ist. Uralte Weisheit, dumm, wenn sie gepredigt, tiefstes Erlebnis, wenn sie eigene Erfahrung wird. Sie legte sich mit schweren Augen und schweren Gliedern zu Bett.

So ruhig, als ob der Sturm der Nerven und des Herzens im Meer des Schlafes verschlungen worden wäre, wachte Hilde am nächsten Morgen auf. Die Stadt lärmte in den Straßen. Ein fernes Geräusch war es, an dem man unbeteiligt war, das einen nichts anging. Das Zimmer, das Hilde bei der Aufnahme so freundlich geschienen hatte, war auf einmal fremd, als sähe sie es zum ersten Male. Was wollte sie eigentlich hier? Sie klingelte nach dem Mädchen.

»Ich möchte meine Rechnung haben, Ella, und ein Kursbuch. Aber das Kursbuch gleich.«

Die Gedanken, die die ganzen Tage verworren gewesen waren, arbeiteten wieder ruhig und folgerichtig. Die Nacht, der Schlaf hatten von selbst die Entscheidung gebracht. Es gab doch nur eines. Mit dem nächsten Zug zurückfahren. Wenn sie warten würde, bis der Prozeß so oder so entschieden wäre, gab es keine Rückkehr zu Lutz. Weder wenn er gewann, noch wenn er unterlag. Ihr Stolz oder der seinige würde es verhindern. Das war doch alles so klar und einfach, weshalb mußte man erst durch eine Hölle von Zweifeln und Verzweiflung hindurch, um es zu erkennen?

Klaus wunderte sich, daß Hilde ihn nicht zum Mittagessen abholte. Als er erfuhr, daß sie plötzlich abgereist sei, antwortete er verwirrt:

»Ja, ja – ich habe – vergessen –«

Aber es gab ihm einen Stich. Natürlich, sie gehörte zu Lutz. Es war ganz richtig so, daß sie hinfuhr. Und er – er gehörte – Er dachte an seine Arbeit, an Lutz, an Kläre! Alle, alle hatten Recht, jeder ein anderes, jeder von seinem Standpunkt aus, nur er war im Unrecht, was er auch tun würde. Er schüttelte den Kopf.

*

Vinzenz traute seinen Augen nicht, als er spät abends ins Hotel kam und Hilde in der Halle sitzen sah. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, als müßte er ein Traumbild verscheuchen, dann, mit offenen Armen, springend wie ein Junge, war er bei ihr.

»Wie kommt mein Mädel hierher?«

Sie ließ sich umarmen und hob langsam das offene Gesicht zu ihm.

»Um bei Lutz zu sein, Vater.«

Er hielt sie fest, unbekümmert um die Leute, die sie anstarrten.

»Gar nicht, um ein bißchen auch bei mir zu sein?«

Sie mußte den Blick niederschlagen, so bittend sah er sie an. Er ließ sie los, strich sich über die Schläfen und war einen Augenblick still.

»Wirst du wenigstens hier im Hotel wohnen?«

»Möchtest du es gern?«

Und fügte gleich in aufschießender Erschütterung ein »Ja« hinzu, als sie in seinen Augen einen Schimmer wie einen feuchten Schleier blinken sah. Nie hatte sie über den Vater, dem das ganze Leben leichtes, klingendes Spiel zu sein schien, nachgedacht. War noch etwas anderes hinter seinem lachenden, hübschen Gesicht, als was sie und die anderen vermuteten? Und auch das wurde ihr plötzlich flammende Erkenntnis, daß die Menschen zwei oder vielleicht viele Gesichter haben, die einander ähnlich sehen. Sie betrachtete Vinzenz aus schrägen Augenwinkeln, während er sie zu einem Tisch führte und Wein und Essen bestellte. Hinter dem Einglas, das er beim Lesen der Weinkarte trug, waren mehr kleine Fältchen, als sie je bemerkt hatte. Und merkwürdig viel graue Haare. Sein Mund, noch überraschend frisch, stand ein wenig schief im Gesicht wie bei Menschen, die innerlich unzufrieden sind. Er ließ das Einglas, das an schwarzer Seidenschnur hing, mit einem Hochziehen der Braue fallen.

»Und Klaus?« fragte er.

Sie hob die zart abfallende Schulter.

»Für oder gegen?«

»Ich glaube für – die neue Kusine.«

»Ahüm!?« machte er. »Kluge, junge Dame, ja?«

Sie wollte sich nicht weiter darüber auslassen.

»Hast du die Zeitungen gelesen, Papa?«

»Brr, ja!« schüttelte er sich.

Sie haschte nach seiner Hand.

»Weshalb hast du zugegeben, daß es soweit kommt. So schmutzig ist das alles.«

Er fühlte den schmiegsamen Druck ihrer samtig gespannten Handflächen und wich ihrem Blick aus.

»Sie sollen sich die Köpfe einschlagen, so viel sie wollen. Ich will von nichts mehr wissen.«

»Du hättest es verhindern können. Süßer, lieber Papa, du kannst es immer noch.«

»Nein«, sagte er kopfschüttelnd und mit einem wehen Zucken, »das glaubst du nur. Man sagt immer so: Du mußt, du kannst. Aber es ist nicht wahr. Wenn man nicht imstande ist, einen Zentner zu heben oder einen Bücherschrank von seinem Platz zu schieben, das glaubt einem jeder. Daß man nicht imstande ist, einem anderen Widerstand zu leisten, das will man einem nicht glauben, weil es sich nicht in Pfund und Kilo ausdrücken läßt. Feige? Vielleicht das. Es kommt nicht aufs Wort an. Wenn ich so nachdenke, glaube ich, daß ich mich mit meinem Bruder deshalb nicht vertragen habe, weil er alle Kraft zu kämpfen, Widerstand zu leisten, sich mit Gott und den Menschen herumzuschlagen mitbekommen hat und ich gar keine. Hast du nicht bemerkt, wie Klaus und ich uns im Grund genommen ähneln? Nur daß er viel begabter ist als ich. Er kann sich in sein Laboratorium zurückziehen, das ist seine Rettung. Bei mir hätte es zu einem Buchhalter gereicht, und dazu bin ich nicht erzogen worden. Vor lauter innerer Unsicherheit ist man dann frech oder ein Lebemann mit forschen Allüren. Ich glaube, es hat noch kein Student auf dem Paukboden so gezittert wie ich. Vor lauter Angst habe ich dann so wild losgedroschen, daß man den anderen abgeführt hat. Aber mit dem Rapier ist das leichter als mit dem Gehirn. Wenn zwischen hundert schreienden Menschen einer besonders laut brüllt, habe ich immer den Verdacht, daß er in seinem Herzen entgegengesetzter Meinung ist. Kommt dann ein Starker, ist die Unsicherheit wieder da. Und meine Mutter ist eben stärker als ich. Selbst ein Brief von ihr kann mich niederschlagen. Meinst du, ich weiß das alles nicht? Alles weiß ich.«

»So schlimm ist es doch nicht, wie du erzählst.«

»Du bist ja schon ein erwachsener Mensch, mein Mädel, und hast sicher gehört, was für ein Leben ich führe. Siehst du, ich habe hundert Geliebte gehabt. Casanova, nicht? Daß ich nicht lache. Weil ich nicht die Kraft gehabt habe, eine einzige wirklich stark zu lieben. Es hat eben immer nur für vier Wochen gereicht. Das ist alles. Sicher die größte Dummheit, daß man seiner zwanzigjährigen Tochter beichtet. Den Kindesrespekt hast du ja ohnehin nicht vor mir, es kommt auf ein bißchen mehr oder weniger nicht mehr an. Hat denn jemand Respekt vor mir? Ja, der Oberkellner. Meine Trinkgelder sind sein Respekt.«

Er wollte seine Hand fortziehen, sie gab sie nicht frei.

»Und liebst du mich auch nur so?«

»Ich müßte um zwanzig Jahre jünger sein und du nicht meine Tochter.«

Sie streichelte seinen Handrücken.

»Vater!« Und sie fuhr leise fort: »Du könntest mir zuliebe nichts tun?«

»Ich habe dir einmal etwas versprochen und habe es nicht gehalten. Ich verspreche nichts mehr.«

Er ließ aus der Flasche den blankgelben Wein in die Gläser rieseln.

»Dein Wohl, mein blondes, schönes Mädel, du sollst die Kraft haben, uns alle zu besiegen.«

Leise zitterte der Klang der Gläser.

»Den ganzen Abend habe ich mein Kind nicht zum Lachen gebracht. Und das ist doch das einzige Vernünftige, wozu ich noch gut bin.«

Der Gong einer großen Standuhr schlug Mitternacht.

*

Es war doch nicht so leicht, wie Hilde es sich vorgestellt hatte. Sie hatte es sich ganz einfach gedacht. Sie würde den Hörer in die Hand nehmen und Lutz anrufen: »Hier Hilde.« Man malt sich vorher aus, wie so ein Gespräch verlaufen würde, was für ein Gesicht man selbst machen, welchen Ton man in die Stimme legen wird. Und was der andere antworten könnte. Das ging doch nicht, daß man so in aller Harmlosigkeit, als sei nichts vorgefallen, in den Apparat hineinspricht: Hier Hilde. Oder demütig, liebevoll, sehnsüchtig – darauf kam es vielleicht gar nicht an. Man müßte die Augen schließen wie bei einem tiefen Sprung, bei dem man den Boden unten nicht sehen will. Springen mit zugedrückten Lidern. Aber was würde er antworten? Sie versuchte sich in Lutz' Lage zu versetzen. Oh, sie wüßte schon, was er sagen müßte. Ein liebes Wort. Der Überraschung, der Freude oder einen Seufzer der Erleichterung. Man müßte durch das Telephon hören, wie er langsam die Luft einzieht, ganz tief, die Brust zum Bersten voll und dann mit einem Stoß der Erleichterung ihren Namen ausatmen. Nein, so wird es sicher nicht sein. Er wird einen Moment still sein, ein Augenblick wird vergehen, zwei. Und diese beiden Augenblicke werden so endlos lang und totenstill sein wie eine schlaflose Nacht. Vor diesen beiden Sekunden, in denen er nichts sagen wird, hatte sie Angst, so maßlose, unüberwindliche Angst, daß sie den Hörer, den sie schon zwischen den Fingern fühlte, nicht aus der Gabel nahm.

Man mußte einen anderen Weg gehen. Hilde fuhr nach Mannheim hinüber, sie wollte zuerst mit Lenore sprechen. Auch das kostete Überwindung, und sie ging fünf- bis sechsmal vor der Villa auf und ab, verzögerte den Schritt, so oft sie zur Tür des eisernen Vorgartengitters kam. Springen, dachte sie, springen mit zugemachten Augen. Und schloß sie wirklich, während die Hand auf den Klingelknopf drückte. Lautlos drehte sich die Türe in den geölten Scharnieren.

Lenore empfing den unerwarteten Besuch mit ängstlichem Mißtrauen. Sie wußte nicht, was zwischen Lutz und Hilde vorgefallen war, denn die schmerzhaft bittere Unsicherheit, die ihre Beziehungen zum Sohn belastete, hatte jeden von ihnen gegeneinander abgeschlossen, so daß das Letzte und Eigenste immer ungesagt blieb. Einmal hatte sie Lutz – es war kurz nach den verhängnisvollen Eröffnungen Trendelenburgs – gefragt:

»Und Hilde?«

»Nichts!« hatte Lutz geantwortet, aber aus diesem einen Wort, in dem außer der Ablehnung, das Gespräch fortzusetzen, noch anderes herausklang, hatte sie feinhörig das Richtige herausgedeutet.

Jetzt wußte sie nicht, ob es Lutz recht sein würde, daß sie Hilde empfing. Hatte auch Furcht vor neuem Schrecken, neuen Überraschungen, denen sie nicht gewachsen sein könnte. Sie stand auf, ohne Hilde entgegenzugehen, die in der vom Mädchen geöffneten Türe stehen blieb und um die Erlösung eines Wortes rang. Und das war gerade Erlösung, daß Hilde kein berechnetes, auf bestimmte Wirkung zielendes Wort fand, sondern nur den verzweifelnden Laut ihrer Sehnsucht:

»Ich kann nicht mehr!«

Dann sah sie aus umflortem Blick Hände, die sich ihr entgegenstreckten, fühlte sich wirklich oder vielleicht bloß durch ferne Bewegung zweier Arme hereingezogen und sacht in den Sitz eines Sessels gedrängt. In verschattetem Dämmer des Zimmers war Flüstern. Innerstes kann nur schamvoll, leise gesagt werden. Ein zuckender, junger Mund sprach, ein offenes, schmerzverstehendes Herz horchte.

Hilde fragte:

»Werden Sie mir helfen?«

Ein wenig hilflos, weil sie Lutz sich halb entglitten wußte, und wieder auch glücklich, durch Hilde aufs neue in sein Leben verflochten zu sein, antwortete Lenore:

»Ich will's. Lassen Sie mich, mich an ihn herantasten.«

»Und wenn er mich nicht mehr haben will?«

»Wir wollen nicht an Böses denken.«

»Kann ich ihm denn nicht helfen, damit er sieht –«

»Helfen? Das ist alles so schwer hier. Aber vielleicht«, – Lenore dachte lange nach – »vielleicht könnten Sie auch helfen.«

Hilde glaubte zu taumeln, wie sie in das Licht der Straße trat. Aber es war ihr doch leichter als eine Stunde vordem. Rostrot, gelb und braun leuchtete der Luisenpark herüber. Die Spatzen machten geschwätzigen Lärm und hatten viel zu tun mit Hüpfen, Picken und Balgen. Aus dem graufaltigen Wolkengewand war ein langer Streifen herausgerissen, so daß man das blaue Unterkleid des Himmels sehen konnte.

*

Kläre erwartete Besuch. Klaus sollte zum ersten Male kommen. Vater Grabowski war gut unterwiesen, am Kaffee durfte er teilnehmen, aber nicht zu viel sprechen, vor allen Dingen nichts fragen, was auf den Prozeß Bezug hatte, und dann hatte er zu verschwinden.

»Gut, gut«, brummte der Alte, die Zigarre zwischen den Zähnen. Er war nicht sonderlich gut gelaunt, denn seitdem sich die Zeitungen des Falles bemächtigt hatten und dauernd mit mehr oder minder sensationellen Berichten allgemeine Spannung erzeugten, befand sich Kläre in einem Zustand reizbarer Erregung. Nun sie die Entscheidung schon in greifbarer Nähe glaubte, verlor sie mit einem Schlage ihre Sicherheit. Sie hatte Grabowski streng untersagt, mit irgend jemand ein Sterbenswörtchen über die Sache zu reden und war schon mißtrauisch und nervös, wenn sie ihn beim Nachhausekommen mit einem Nachbarn oder Bekannten im Gespräch traf. Der Alte, der sich viel langweilte und überaus gesellig war, hatte keine leichte Zeit. Er traute sich bald kaum mehr auf die Straße. Für ihn hatte die ganze Geschichte bis jetzt keine angenehme Seite gehabt. Er stand neben ihr, während sie in seinem Zimmer den Kaffeetisch mit dem täglichen Geschirr deckte.

»Nimmste nicht das gute?« fragte er erstaunt.

»Nein.«

»Weshalb deckste nicht in deinem Zimmer? Ist doch freundlicher.«

»Ich habe meine Gründe. Laß mich nur.«

Sie sah sich um. Mit Ausnahme einiger bescheidener Blumen auf dem Tisch war nichts festlich hergerichtet. Mit voller Überlegung. Klaus sollte sehen, wie ärmlich sie wohnte und was man an ihr verbrochen hatte. Deshalb wollte sie ihn auch im Zimmer Grabowskis, das viel einfacher war als ihr eigenes, empfangen. Daß ihr elegantes Kleid nicht recht in die proletarische Behausung hineinpaßte, war ihr bewußt, aber sie brachte es nicht über sich, auf die weibliche Waffe hübschen Aussehens zu verzichten. Vielleicht war es auch gerade richtig, wenn Klaus bemerkte, wie wenig sie in diese Umgebung hineingehörte. Klaus war jetzt ihre ganze Hoffnung, an ihn klammerte sie sich mit verdoppelter Kraft, nachdem sie erkannt hatte, daß er der einzige war, den keine Selbstsucht trieb und der ihr Liebe entgegenbrachte. Daß Hilde ihr vom Augenblick der ersten Begegnung feindselig gegenüberstand, war unschwer zu erkennen. Und daß sie der alten Frau Teltzsch nur Mittel zum Zweck war trotz aller Freundlichkeit und allen verwandtschaftlichen Getues, darüber gab sie sich ebensowenig einer Selbsttäuschung hin. Sie war zu klug, um nicht zu wissen, daß sie in diesem Spiel nur eine geschobene Figur war. Und wenn das Spiel verloren wurde? Sie hatte eine grauenvolle Angst, in die Vergangenheit zurückzustürzen, wieder nichts weiter zu sein als das uneheliche Kind, das der Briefträger Grabowski aus Barmherzigkeit aufgezogen und adoptiert hatte, tagein, tagaus ins Geschäft zu rennen und schuften zu müssen bis an ihr Lebensende. Sie begann die bedrohliche Wirklichkeit, die ihre Träume umlagerte, um so maßloser zu hassen, je mehr sie Furcht vor ihr hatte. Mit Gewalt redete sie sich ein, daß sie in Klaus verliebt sei, obwohl sie sich in besinnlichen Minuten eingestand, daß er ihr gar nicht einmal recht gefiel und beträchtlich von dem Wunschbild abstach, das sie sich von einem Mann seiner Kreise machte. Aber sie war auch nicht so herzlos, daß sie seine Gefühle nicht mit geschwisterhafter Zuneigung erwidert hätte, die seine Unerfahrenheit für Liebe hielt.

Er kam mit einem großen Blumenstrauß an und ließ sich mit einer gewissen Verlegenheit, die ihn Fremden gegenüber leicht befiel, Grabowski vorstellen. In solchen Fällen sprach er noch abgehackter als sonst:

»Freut mich – sehr, Herr – Grabowski. Das ist – hübsch, daß ich Sie – kennenlerne.«

Grabowski schüttelte ihm die Hand mit eindringlicher Herzlichkeit, die unzweideutig zum Ausdruck bringen sollte, wie hochwillkommen ihm der Gast sei. Dann zog er sich zunächst in die Küche zurück, konnte sich aber nicht enthalten, zu seiner Tochter, die Klaus' Hut und Mantel in den Korridor trug, leise im Vorübergehen zu sagen:

»Du, der stottert doch.«

Kläre saß eine Antwort wie ein Knödel im Hals. Sie schluckte sie und kehrte zu Klaus ins Zimmer zurück. Sie nahm seine Hand.

»Siehst du, hier wohnen wir, kleiner Klaus. Sehr einfach, nicht wahr? So schlimm hast du dir's nicht vorgestellt?«

Sie erwartete die tröstliche Antwort, es sei doch nur noch für kurze Zeit, daß sie hierbleiben müßte, dann würde sie es viel, viel schöner haben, so schön, wie sie es sich nur wünsche. Statt dessen ließ er sich behaglich auf einen Stuhl fallen und meinte:

»Einfach? Ich – finde es sehr gemütlich. Hier – ist mir wohl.«

»Du willst mich nur nicht fühlen lassen, wie schlecht es uns geht. Du bist es doch ganz anders gewöhnt.«

»Ich bin – gewöhnt, in einem möblierten Zimmer – zu wohnen. Ich möchte gleich – zu euch ziehen.«

Sie gab es auf und sagte mit einer Herzlichkeit, die nicht ganz echt war:

»Dann würde es mir bei uns auch besser gefallen.«

Grabowski brachte die Kaffeekanne herein, und Kläre »machte in Hausfrau«. Klaus ließ sich von ihr einschenken und Kuchen vorlegen und nahm von den Zigarren des Alten. Es war ihm durchaus wohlig zumute. Wie hübsch sie ist, dachte er, man müßte immer so beisammenbleiben, in einer einfachen Behausung, nicht viel Menschen, nicht viel Verkehr, ein stilles Leben für sich führen. Kläre würde das können, denn sie ist nicht so erzogen wie die Mädchen unserer Kreise. Der Sproß der Teltzschischen Familie hatte ein weltumspannendes Gehirn und die Bedürfnisse eines Kleinbürgers. Kläre dachte zur gleichen Zeit, diese spießige Art könnte man ihm schon abgewöhnen. Wie er wieder die Krawatte gebunden hat, am liebsten möchte er sicher fertig genähte Schlipse tragen. Er müßte elegante Anzüge haben. Weil er ein großer Erfinder ist, braucht er auch nicht gleich mit einem so unmöglichen Hut herumzulaufen. Er würde sich in einer schönen Wohnung ebenso wohl fühlen wie im Hinterhaus in der Spandauer Straße.

Grabowski glaubte für Unterhaltung sorgen zu müssen. Er fragte, ob »Schemie« sehr schwer sei, was ihm einen wütenden Blick Kläres eintrug, und kramte dann erschrocken seine Briefträgererinnerungen aus, denen Klaus belustigt zuhörte, während Kläre unter dem Tisch mit dem Fuß nach den Stiefeln des Alten fahndete, um ihn mit einem kleinen Tritt zum Schweigen zu bringen. Aber sie erwischte den Schuh des Gastes, der ihren Druck beglückt erwiderte.

»Die letzten Jahre war ich doch Geldbriefträger«, erzählte Grabowski nicht ohne Stolz, »da lernt man die Mensche kenne, glaube Sie mir, Herr Doktor. Wenn man zu arme Leut' zwanzig Mark brachte, wollte sie eine gleich dabehalte zum Mittagesse. Und wenn man mit tausend Mark zu de Millionäre kam, hawwe sie einen nit emal angeguckt. Und wie die Leut' das Geld nehme. Der eine reißt's einem fast aus de Pfote, einer faßt's ganz vorsichtig an, als wär's nit wahr und könnt wieder verschwinde, wenn er grob zugreift. Ärmere tanze vor Freud' in de Stub' rum, und eine hübsche Dam' hat mich sogar emal umarmt, awer das dürft' ich meiner Alt'n gar nit erzähle. Wenn man wisse will, wie die Mensche sin, muß mer zuschaue, wie sie's Geld in die Hand nehme, glauwe Se mer. Und die Leut', wo viel Geld hawwe –«

»Vater, bist du nicht verabredet?«

Das fehlte gerade noch, daß der Vater auf die reichen Leute zu schimpfen anfing.

»Sie haben – sicher Recht, Herr Grabowski«, sagte Klaus freundlich, »es wird schon – stimmen. Geld verdirbt – den Charakter.«

»Kein Geld verdirbt auch den Charakter!« warf Kläre ins Gespräch und ließ den Alten nicht aus den Augen. »Es ist sechs Uhr, Vater.«

»Ja, ja, natürlich«, zögerte Grabowski in der Hoffnung, daß man ihn doch noch zurückhalten würde, »ja, ja, ich muß eile. Der Herr Doktor entschuldige.«

Er schlurfte hinaus und zog langsam die Türe hinter sich ins Schloß. Kläre streichelte Klaus über die Wange.

»Jetzt sind wir allein, kleiner Klaus.«

Die Stille in der Wohnung verwirrte ihn. Er hielt den Kopf unbeweglich unter der sametweichen Berührung ihrer Handfläche und genoß die ungewohnte Zärtlichkeit. So sich streicheln lassen. Unaufhörlich. Unaufhörlich. Er schloß hinter den Brillengläsern die Augen, wagte kaum zu atmen. Er empfand deutlich, es ist etwas Besonderes mit einer Frau, die man liebt, allein in einem Zimmer, allein in einer Wohnung zu sein. Man müßte aufstehen und die Frau umarmen, das müßte man vielleicht, vielleicht wartete sie darauf. Aber vielleicht erschrak sie, wenn man so mit der Tür ins Haus fiel und wurde abgestoßen. Alle Hemmungen der Einsamen hielten ihn umklammert, daß er unfähig war, sich zu rühren.

»Du bist ja so still, Klaus? Ist's dir unangenehm mit mir allein zu sein?«

Klaus schüttelte den Kopf und schluckte. Ob er noch Kaffee wollte? Oder Kuchen? Nichts, nichts. Also eine Zigarette. Es war nicht leicht, mit diesem Gast eine Unterhaltung zu führen.

»Ich fürchte mich vor dem Prozeß«, fing sie an, »das ist alles so plötzlich gekommen. Alle Leute reden schon darüber. Und wenn wir verlieren, was dann? Dann sind wir alle unsterblich lächerlich gemacht.«

Er zuckte mit den Achseln.

»Ich glaube, dir ist es ganz gleichgültig, ob wir gewinnen oder nicht. Es wäre doch furchtbar, wenn dieser gräßliche Mensch –«

»Lutz – ist ein außergewöhnlicher Mensch.«

»Bist du vielleicht kein außergewöhnlicher Mensch? Er ist ein Gewaltmensch, weiter nichts, Warum bist du so bescheiden, kleiner Klaus? Alle Menschen sagen, daß du ein weltberühmter Gelehrter bist, und du tust, als ob du nicht bis drei zählen könntest. Wenn ich ein Mann wäre und das könnte, was du kannst, ich möchte nicht so still zusehen, wie ein anderer den Platz einnimmt, der mir gebührt.«

»Gebühren – tut er mir nicht. Ich könnte – ihn höchstens erben. Aber der Richtige dort – ist Lutz.«

Sein Widerspruch und seine Schwerfälligkeit brachten sie außer Fassung. Sie fiel ein wenig aus der Rolle.

»Ach, dein Lutz, immer nur dein Lutz. Du sprichst so, weil deine Schwester dich beeinflußt. An mich denkst du überhaupt nicht. Was aus mir wird, das ist euch ja gleichgültig. Das ist ja so egal. Jetzt braucht man mich als Beweismittel, und geht's gut, dann ist's gut, geht's schief, dann adieu, es hat uns sehr leid getan. Ich habe geglaubt, daß ich mich wenigstens auf dich verlassen kann.«

Sie fuhr sich mit dem Taschentuch über die Augen.

»Das – kannst du auch.«

»Beweise es doch.«

»Die Entscheidung – treffen die Richter. Wenn sie – gegen uns ausfällt –«

»Dann darf ich mich weiter im Geschäft schinden und mich von der ganzen Welt auslachen lassen. Verstehst du denn nicht, daß ich mich hier heraussehne und daß ich mich nicht mein Leben lang in Stellungen herumstoßen lassen will? Du kommst her und denkst: Gott ist das hier gemütlich, weil du nicht weißt, wie das ist, wenn man sich jeden fünfzehnten den Kopf zerbrechen muß, ob es bis zum Monatsende reicht, weil du nicht weißt, was alles drum und dran hängt. Hier beim Kaffeetisch sieht alles so friedlich aus.«

Sie hatte den klagenden, vorwurfsvollen Stimmfall, der auch einen Härteren als Klaus mürbe machen konnte.

»Du mußt doch nicht – hierbleiben.«

»Wohin soll ich denn gehen? Glaubst du vielleicht, die alte Dame wird mich einladen, bei ihr Tochter des Hauses zu spielen, wenn sie die Partie verloren hat? Dann bin ich für sie erledigt. Tot, gestorben, nie dagewesen.«

Klaus, der immer gleich geneigt war, sich an die Stelle eines anderen zu versetzen, war schon weich. Ein Gedanke, mit dem er in diesen Tagen tändelnd in verträumten Stunden umgegangen war, bekam feste Form. Es gab doch eigentlich nur einen Weg, wenn man eine Frau – liebte, sagte er sich, man mußte nur die richtige Gelegenheit finden, es auszusprechen.

»Und ich bin dir – nicht genug?«

»Was heißt das, nicht genug sein? Natürlich bist du mir genug, Klaus. Jetzt. Und was wird später sein? Gott weiß, wo du in einem Jahre sein wirst. Vielleicht an einer Universität als Professor. Vielleicht in Amerika. Und wirst nicht einmal mehr an deine Kläre denken. Ich bin ja kein Backfisch mehr, daß ich mir selbst etwas vormache.«

Wie sie sich in die Vorstellung hineinredete, daß sie nach einem verlorenen Prozeß rettungslos wieder die Vorführdame Kläre Grabowski sein würde oder eigentlich nicht einmal das, sondern eigentlich nur eine der lebendigen Kleiderpuppen, die nach Backfischgröße, oder Größe 42 oder 44 sortiert wurden und denen man Kleider und Mäntel überzog, damit Hilde und ihre Freundinnen sich das Schönste und Kostbarste aussuchen konnten, war sie tief unglücklich und ganz von Mitleid mit sich erfüllt. In dieser Stimmung war ihr der Gedanke, daß Klaus sie verlassen und vergessen könnte, er, der Einzige, in den sie noch Vertrauen setzte, so entsetzlich, daß sie ihn, wie um ihn festzuhalten, schluchzend an den Schultern packte.

»Kein Mensch hilft mir, kleiner Klaus, ich bin ganz allein.«

Er hielt in der Rechten die Kaffeetasse, in der Linken die Zigarre und vermochte vor lauter Angst, Kaffee zu verschütten oder Asche zu verstreuen, nichts aus der Hand zu legen.

»Ich will dir doch – helfen, Kläre.«

Seine rührend komische Unbeholfenheit ließ sie unter Tränen lächeln. Sie nahm ihm die Tasse aus der Hand und schnippste ihm die weiße Asche von der Zigarre.

»Du kannst dir doch selbst nicht helfen, mein kleiner Junge, nicht einmal die Kaffeetasse kannst du hinstellen, um mich zu umarmen und zu trösten. Und deine Schlipse kannst du auch nicht binden, du Unglückswurm, so bindet man nicht einmal einen Schifferknoten.«

Mit ihren hübschen Händen löste sie seine Krawatte und knüpfte sie ihm flink und geschickt. Mit Daumen und Zeigefinger hielt sie den modischen Knoten und zog das eine Ende der Seide kräftig an, bis ihm fast die Luft verging. Ihr Kopf war dicht vor seiner Brust, eine Welle ihres blonden, feinen Haares streifte seine Nase.

»Kläre, willst du mir immer – meine Krawatten binden?

»Ich? Das wird deine Frau machen, wenn du verheiratet bist.«

»Das – meine – ich ja!«

Ihr Herz setzte aus. Das sind immer die ganz großen Überraschungen, wenn das, was man erwartet, wirklich eintrifft. Sein blasses Sommersprossengesicht war rot wie von großer Anstrengung.

»Klaus!?«

Er nickte nur als Antwort auf die unausgesprochene Frage. Sie ließ die Krawatte fahren und rückte langsam ihr Gesicht so nahe vor das seinige, daß ihre Nasen sich berührten. Ihr Blick bohrte sich in seine Augen, die hinter den Brillengläsern blinzelten. Dann – da er es nicht tat – umarmte sie ihn mit ungestümer Plötzlichkeit, preßte und schüttelte ihn und bedeckte ihm Wangen und Mund mit einer Flut wühlender Küsse, die einige Erfahrung vermuten ließen.

Noch tief atmend, stand sie vor dem ovalen Spiegel, der über der alten Mahagonikommode hing, richtete sich das Haar und zog mit dem Lippenstift den Umriß des Mundes nach. Klaus bückte, die Hände zwischen den Knien verschränkt, seufzend vor sich auf den Fußboden.

»Die Kaffeetasse kann – ich nicht hinstellen, die Krawatte kann – ich nicht binden und küssen – glaube ich – kann ich – auch nicht.«

Kläre lächelte seinem Spiegelbild zu.

»Wir werden eben üben, mein kleiner Klaus.«

Und er antwortete:

»Ich glaube, ich – werde es nie lernen – eine Krawatte zu binden. Hast du nicht – geseufzt, Kläre?«

*

»Ich bin verlobt!« sagte sich Klaus auf der Straße, nahm die Schultern zurück und drückte die Brust heraus. »Ich bin verlobt! Ich muß für eine Frau sorgen!«

Er blickte an sich hinunter und meinte irgendeine Veränderung an sich wahrnehmen zu müssen. Er war höchlichst erstaunt, daß nichts Besonderes an ihm wahrzunehmen war. Vor dem Schaufenster eines Uhrmachers blieb er stehen. Um Gottes willen, schon halb acht. Um acht Uhr erwartete ihn die Großmutter zum Abendbrot. Das wäre ein Vergnügen, ihr mit der großen Neuigkeit ins Gesicht zu springen. Lieber nicht. Kläre meinte, es wäre besser, vorläufig zu schweigen. Er suchte sein eigenes Gesicht in den blanken Spiegelscheiben. Man muß doch irgend etwas einem Menschen, der sich eben verlobt hat, ansehen. Der Selbstbinder zeigte einen flott geschlungenen Knoten, und die Brille war schmutzig, das war alles. Er kramte nach einem Taschentuch, fand es endlich zwischen Schlüsseln, Handschuhen und zwanzig Kleinigkeiten in der Manteltasche und begann eifrig, mit kurzsichtig zusammengezogenen Augen weitergehend, die Gläser zu putzen. Die vermißte Veränderung war dennoch da, innerlich, in einem Gefühl der Befreitheit, Leichtigkeit, Beschwingtheit. Jetzt müßte man tanzen können, fiel es Klaus ein, und unwillkürlich machte er einen hüpfenden Wechselschritt. Er fing zu lachen an, denn er brachte den einfachsten Walzer nicht zusammen. Ja, tanzen, Charleston, Tango. Warum nicht Tango? Wenn schon, denn schon. Einige Vorübereilende drehten sich belustigt nach dem Herrn mit dem seltsamen Gebaren um. Sonderbare Sache das, verlobt zu sein. Aber schön, herrlich schön. Man war auf einmal selbstsicher, fest, wußte, was man wollte. Als ob man in den letzten beiden Stunden ganz unvermutet und ohne Übergang gereift wäre. Unvermutet hatte man die Kraft zu handeln, und es mußte etwas geschehen, den Prozeß zu einem glücklichen Ende zu bringen. Anders, als sich die Herrschaften die Sache vorstellten. Klaus war sich gar nicht klar, wie er das anzufangen hätte. Es wird sich schon finden. Nur in sich hineinforschen und tun, was man für richtig fand. Das war dann schon das Rechte. Jetzt hatte er ja freie Hände. Nicht nach Kläre fragen, die nicht mehr besorgt zu sein brauchte wegen ihrer Zukunft, nicht nach Hilde fragen, nicht nach der Großmutter. Ach ja, die Großmutter, das Abendbrot. Wo war die nächste Haltestelle?

Die Großmutter saß mit Trendelenburg schon beim Essen, als Klaus eintrat. Hinter ihr stand ein livrierter Diener in feierlicher Haltung und bediente. Sie reichte hoheitsvoll dem Ankömmling die Hand zum Kuß. Klaus stammelte eine Entschuldigung.

»Ich habe Sie den ganzen Nachmittag nicht erreichen können, Herr von Teltzsch«, sagte Trendelenburg, »aber von meiner alten Freundin erfuhr ich, daß ich Sie abends hier treffen würde. Es ist von Rechtsanwalt Benting aus Mannheim ein ziemlich wichtiger Brief gekommen. Er fragt wegen Ihrer Erfindung an, an der Herr Lutz offenbar großes Interesse hat. Welche Vereinbarungen haben Sie denn mit ihm getroffen?«

»Mit Lutz – gar – keine«, antwortete Klaus, »nur mit meinem – verstorbenen Onkel.«

»Könnte ich nicht einmal den Vertrag sehen?«

»Wir haben keinen – schriftlichen Vertrag gemacht. Onkel Herbert sagte, ich – könne tun, was ich – will. Und wenn ich – etwas erfinden würde, dann wollte er ein – Vorkaufsrecht haben. Er – hat nichts Schriftliches verlangt.«

»Das ist doch bei einem so gewiegten Kaufmann sehr merkwürdig. Kaum glaubhaft eigentlich.«

»Onkel Herbert war – sehr großzügig. Es war ja auch nur eine Gefälligkeit, daß er mich – aufnahm.«

Der Diener legte mit lautlosen Bewegungen den nächsten Gang auf.

»Mein Sohn wußte natürlich sehr gut, was er tat. Großzügig hin, großzügig her, wenn er nicht sicher gewesen wäre, daß er mit dir jederzeit fertig wird, hätte er sich nicht geniert, den Vertrag schriftlich zu machen. Du bist ein Kind, Klaus.«

Trendelenburg füllte sich den Teller aus der Schüssel, die ihm der Diener hinhielt.

»Mag ja sein. Mir ist jetzt nur nicht recht klar, mit wem Sie eigentlich den Vertrag geschlossen haben, Herr Klaus, mit Ihrem Onkel persönlich, also sozusagen privatim, oder mit dem Werk. Sie verstehen, daß das von Wichtigkeit ist?«

»Ich habe mir – darüber noch nicht – den Kopf zerbrochen. Was wäre – günstiger?«

Der Justizrat nahm einen tüchtigen Bissen auf die Gabel.

»Hm, nicht so ohne weiteres zu sagen.« Er überlegte kauend. »Solange der Prozeß unentschieden ist, ist es für alle Fälle günstiger, wenn das Abkommen mit Herrn Herbert persönlich getroffen worden ist.«

Klaus verfiel in tiefes Nachdenken. Er war kein Jurist, Advokatenkniffe lagen ihm fern. Für ihn lag die Sache einfach so: Mit Herbert, der ihm ohne zu rechnen und zu feilschen, die Mittel zur Verfügung gestellt hatte, die zu seiner Arbeit notwendig gewesen waren, verknüpfte ihn unlösbar ein Band der Dankbarkeit. Was scherte es ihn, ob Herbert persönlich oder als Herr des Werkes seine Erfindung in fruchtbringende Tat umgesetzt hätte. Das waren Spitzfindigkeiten. Daß jetzt das Ergebnis seiner mühseligen Arbeit, an die er Herz und Hirn verschwendet hatte, nichts weiter sein sollte als eine Beute, um die sich die zufälligen Erben balgten, war widerwärtig. Herbert hatte ihm Vertrauen entgegengebracht, ohne zu wissen, ob er etwas schaffen würde, und er hatte das Vertrauen erwidert. Wenn er jetzt wieder volles Verfügungsrecht hätte –

»Das richtige wäre«, sagte die Großmutter plötzlich, »wenn Klaus aus dem Vertrag überhaupt herauskönnte. Dann hätte man ein Druckmittel in der Hand.«

Erschrocken blinzelte Klaus zu der alten Frau hinüber, die hart und kalt mit kohlschwarzen Augen aus der geschminkten Maske blickte. Konnte sie Gedanken lesen? Ein Druckmittel in der Hand haben, das war es, ein Druckmittel, das einem Macht verlieh. Nur meinte sie es anders als er.

»Man müßte den Vertrag anfechten«, meinte Trendelenburg bedächtig, »schließlich kann man jeden Vertrag anfechten, wenn man es nur geschickt anfängt.«

»Dann werden wir also anfechten«, sagte die alte Frau entschieden.

Der Justizrat sprach vor sich hin.

»Irrtum oder Unsittlichkeit, wir werden schon etwas finden.«

Klaus mußte innerlich lachen. Unsittlichkeit. Onkel Herbert und Unsittlichkeit. Herrlich! Der anständigste und korrekteste Mensch auf Gottes Erden und Unsittlichkeit. Wunderbar, was so ein Juristengehirn ausklügeln konnte. Und die Großmutter, die doch Onkel Herberts Mutter war und den Sohn gekannt hatte von Kindesbeinen an, spuckte einem Menschen nicht ins Gesicht, der dem Toten einen unsittlichen Vertrag unterstellen wollte. Das sommersprossige, blasse Gesicht des jungen Menschen bekam rote Flecken.

»Ich – werde es mir – noch überlegen.«

Die schwarzen, starren Augen schossen gefährliche Blitze auf ihn.

»Du wirst dir gar nichts überlegen, mein lieber Klaus. Der Justizrat und ich verstehen das besser als du, und du wirst gefälligst tun, was man dir sagt. Punktum.«

Ich bin verlobt, dachte Klaus, ich bin ein Mann, ich lasse mich nicht zwingen, ich bin ein Mann, ich bin verlobt. Er preßte den Mund zu. Wozu würde ihm wohl Kläre raten? Kläre natürlich – die Pupillen der Großmutter waren noch immer hypnotisierend auf ihn gerichtet. Ein Druckmittel sagten sie befehlend. So konnte Lutz manchmal dreinschauen, so herrisch und zwingend. Das runzlige Gesicht verschwand wie im Nebel, Lutz saß auf einmal gegenüber, Lutz mit dem straffen, strengen Römergesicht und blitzenden Blicken. Ein Druckmittel, wiederholten sie, ein Druckmittel. Klaus zwang sich, an Kläre zu denken, aber es war Hildes Gesicht, das er sah. Nein, nicht Hilde war's, sondern der Vater, und er war kurzsichtig, trug eine Brille und hatte entzündete Augenränder wie der Sohn. Natürlich, Verwandtschaft, Erbteil wie der dunkle Bann, dem sie beide unterlagen, wenn sie in den Machtkreis der alten Frau kamen. Man mußte die Lider schließen, damit dieser wüste Spuk verschwand.

»Ihre Frau Großmutter hat wirklich recht«, hörte Klaus die beschwichtigende Stimme Trendelenburgs, »es ist das Vernünftigste, wenn Sie mir eine Vollmacht geben, Herr von Teltzsch.«

Mit zugedrückten Augen antwortete Klaus zwischen den Zähnen:

»Ich – muß es – mir – überlegen.«

Der Justizrat winkte seiner alten Freundin ab, ohne daß Klaus es bemerkte. Er würde den jungen Mann schon kirre machen. Nicht drängen. Er verabschiedete sich und nahm Klaus mit.

»Ich will Ihnen nicht zureden, überlegen Sie sich die Sache bis morgen«, meinte er auf der Straße, »die Großmama hat eine etwas gewalttätige Art, ihren Willen durchzusetzen. Das soll Sie nicht kopfscheu machen. Also morgen bei mir, dann unterhalten wir uns weiter.«

Der Justizrat wartete ungehalten am nächsten Tag. Die Sprechstunde war längst vorüber. Was dachte sich eigentlich der junge Herr? Es widerstrebte ihm eigentlich bei Klaus anzurufen, er tat es aber schließlich doch. Was war das? Er glaubte sich verhört zu haben und fragte noch einmal.

»Herr von Teltzsch ist heute mittag abgereist«, wiederholte das Zimmermädchen der Pension. »Wohin, hat er nicht gesagt.«

»Ist Fräulein von Teltzsch vielleicht zugegen?«

»Die Dame ist bereits vor drei Tagen abgefahren. Nein, sie hat auch nichts hinterlassen.«

*

Der Herbst rauschte in allen Tönen der Reife und des Welkens. Der Wind riß mit vollen Händen die entfärbten Blätter aus den Bäumen und streute sie mit weit geschwungenem Arm ins Land. Lutz machte einen Umweg, bevor er ins Werk fuhr, um die erste Serie der Arbeiterhäuser, die kurz vor der Vollendung standen, in Augenschein zu nehmen. Sein Wagen war ein rollender, roter Fleck auf der gelben, raschelnden Decke, die die Waldhofstraße polsterte. Nach Norden zu, zwischen Neckarstadt und Waldhof lag das Gebäude der neuen Kolonie, die ganz nach neuzeitlichen Grundsätzen angelegt war und bei manchem der biederen Mannheimer, die solche Bauart nicht gewöhnt waren, erstauntes Kopfschütteln hervorrief. Nirgends Schnörkel, nirgends überflüssiges Beiwerk, aber überall Platz für Licht, Luft und Sonne. Große Balkone und Veranden, auf denen man nicht nur mit knapper Mühe zwei Sesselchen, sondern Tische und Stühle für eine ganze Familie bequem unterbringen konnte, flache Dächer, die zierliche Gärten waren, Kinderspielplätze, Gemüse- und Obstgärten – nichts war vergessen worden. »Ein bißchen verrückt«, meinten die Leute, wenn sie die geradlinigen Gebäude betrachteten, »aber kolossal, kolossal.« Lutz schritt durch die Häuser bis zum Boden und Dach hinauf, besichtigte die Gärten und Anlagen und nickte zufrieden. So hatte er sich's gedacht. Hier durfte man Menschen leben lassen, hier konnten Geschlechter heranwachsen, die im Boden hier und im Werk drüben verwurzelt waren, aus diesen Fenstern würden Gesichter blicken, die nicht mißgünstig hinter jedem hersahen, der im sauberen Anzug über die baumgesäumte Straße ging.

»In vierzehn Tagen ist alles fix und fertig«, sagte der begleitende junge Architekt, der sozusagen sein Herz hier mit hineingebaut hatte.

In vierzehn Tagen? Was wird in vierzehn Tagen sein?

»Und im nächsten Jahr ist die Kolonie, so Gott will, doppelt so groß, Herr von Teltzsch.«

Im nächsten Jahr. So weit durfte man gar nicht denken.

»Wir wollen's hoffen, lieber Baumeister.«

Der Architekt verstand genau, was Lutz dachte, es gab ja keinen Menschen mehr, der nicht aus den Zeitungen erfahren hätte, was im Gange war. Teufel, ja, wenn ein anderer Herr herkam, konnte man vermutlich alle schönen Pläne begraben. Es rutschte ihm ungewollt heraus.

»Es gibt noch eine Gerechtigkeit auf dieser Welt, muß sie geben.«

»Gerechtigkeit kann eine böse Sache sein, mein Lieber.«

Auch das war nicht beabsichtigt, aber Lutz wußte, zu wem er's sagte.

Als er gegen halb zehn Uhr das Chefzimmer betrat, meldete ihm der Bürodiener, daß Herr von Teltzsch auf ihn warte und ihn zu sprechen wünsche. Lutz dachte, es sei Vinzenz und runzelte die Stirn. Was sollte das?

»Ich lasse bitten.«

Wenn sich das Zimmer mit dem Fußboden nach oben gedreht hätte, wäre er nicht verblüffter gewesen als durch den Anblick von Klaus, der, die Aktentasche unter dem Arm, vom Diener eingelassen wurde.

»Klaus, du?«

»Ich – bin es, Lutz.«

Jedem anderen gegenüber, ob es Vinzenz, die Großmutter oder Trendelenburg gewesen wäre, hätte Lutz seine kühle, selbstbewußte Haltung bewahren können. Das unerwartete Erscheinen des Freundes brachte ihn um seine Sicherheit. Auch Klaus, der sich jedes Wort, das er sagen wollte, eingeprägt hatte, verlor die Fassung. Sie warteten beide, daß der andere die Hand hinstrecken würde. Lutz ging zwei Schritte auf den Gast zu, bis in die Schultern zuckte ihm der Arm im Wunsch freundschaftlichen Darreichens. Eine kleine, winzige Bewegung auf der anderen Seite hätte genügt, die Bewegung auszulösen. Klaus stand still mit hängenden Schultern. Ein Meter trennte sie, und es zog sie zueinander wie Magnet und Eisen. Dieser Meter war weniger als ihre Hände brauchten, um einander zu erreichen, und doch brachte es keiner von ihnen über sich, dieses Nichts von Entfernung zu überrennen.

»Setz dich doch.«

Eine Handbewegung wies auf einen der gepolsterten Ledersessel, die einen niedrigen Rauchtisch umstanden. Klaus nahm umständlich Platz, um Zeit zu gewinnen, und Lutz war froh, daß ihn ein Telephongespräch einige Sekunden in Anspruch nahm. Man mußte über den Anfang hinwegkommen.

»Störe – ich dich, Lutz?«

»Stören?« Lutz riß sich zusammen. »Wir wollen doch die belanglosen Phrasen lassen. Gehören nicht zwischen uns. Ich weiß nicht den Grund deines Kommens, und ich will zuerst ganz etwas anderes wissen. Ob du als Freund kommst oder nicht. Als Freund bist du willkommen. Als Gegner – wollen wir unsere Rechtsanwälte sich streiten lassen.«

Eine quälende Pause füllte das Zimmer wie mit schwelender Luft.

»Hast – du Vertrauen – zu mir, Lutz?«

»Weiche nicht aus. Ich habe die erste Frage gestellt. Ich verlange von dir keine Liebeserklärung. Zwischen uns liegt manches, das bereinigt werden muß, und dabei wird's vermutlich Späne geben. Wenn dich das hindert, innerlich Freund zu sein, dann werden wir uns auch jetzt nicht verständigen.«

Wie einfach und klar sich Lutz das Leben macht, fühlte Klaus mit rasender Schnelligkeit, das ist seine unerhörte Stärke. Freundschaft oder Feindschaft, als ob es nichts weiter gäbe. Er ist doch ebenso klug wie ich und weiß genau, daß es Nichtfreundschaft und Nichtfeindschaft in ungezählten Abstufungen gibt, aber er streicht mit einem Schwung alle Zwischenmöglichkeiten aus und bringt die Dinge auf die einfachste Formel. Ich weiß vor lauter Überdenken und Durchfühlen schließlich selbst nicht, was ich will. Bin ich nicht als Freund hier? Warum muß ich gleich dabei überlegen, daß mich auch Liebe zu Kläre, Mitleid mit Hilde, Abscheu gegen diesen Streit hergetrieben hat? Und warum kann ich es nicht aussprechen, sondern nur denken? Die Eroberer, die wissen, was sie wollen. Ich muß ihm antworten, ich muß das Wort aussprechen, muß klipp und klar ja oder nein sagen. Über die eigene Ohnmacht betrübt, hob er hilfesuchend die Augen zu Lutz. Siehst du nicht, daß man mich anfassen und ziehen muß, sonst komme ich nicht vom Fleck? Lutz ließ im Stehen einen dunklen, schweren Blick auf dem Kämpfenden ruhen. Die Großmutter, dachte Klaus, die Großmutter. Verstand Lutz die stumme Sprache? Er trat erschreckend plötzlich an Klaus heran und hielt ihm mit einem hinreißenden Ausdruck des schönen Kopfes die braune, lange Hand hin.

»Freund?«

Ein Ertrinkender kann nicht gieriger den rettenden Ring ergreifen, als der Angesprochene die dargebotene Hand umklammerte. Er nickte grenzenlos erleichtert mit einem schwachen Lächeln.

»Wollen wir jetzt sprechen, Klaus?«

»Du hast – wegen – meiner Erfindung an Trendelenburg geschrieben?«

»Mein Rechtsanwalt, das ist schließlich das gleiche. Es sind nämlich Anfragen hier, die ich erledigen möchte. Ich will überhaupt die Sache in Angriff nehmen, je früher, je besser.«

»Laß mich aus – unserem Vertrag heraus.«

Mißtrauen blitzte auf.

»Gute Idee unserer lieben Großmama?«

Klaus konnte nicht lügen.

»Sie wünscht es auch, allerdings zu einem anderen – Zweck als ich. Darüber möchte – ich jetzt nicht sprechen.«

Lutz ging mit festen Schritten auf und ab. In seinem Gehirn arbeitete es. Er antwortete entschieden:

»Nein, Klaus, ich kann's nicht tun. Abgesehen davon, daß ich es als Kaufmann nicht verantworten könnte, spricht doch noch anderes mit. Ich will dein Verdienst an deiner Entdeckung nicht schmälern. Sie ist vollkommen dein Werk. Aber, du hast mich vom Anfang an ihr teilnehmen lassen, und ich bin so in sie hineingewachsen, daß mein Herz an ihr hängt, als wäre sie mein Geisteskind. Und so viel wirst du mir zubilligen, daß mein Vater und ich dir jede Schwierigkeit aus dem Wege geschafft haben. Gedanken, Begabung, Wissen hast du mitgebracht, doch Kraft und Antrieb, wenn sie bei dir zu Ende waren – und du weißt, daß das vorgekommen ist – hast du bei uns borgen müssen. Stimmt's?«

»Ohne – dich wäre ich nicht – fertig geworden.«

»Will ich gar nicht gesagt haben. Du sollst nur verstehen, daß es mir ein unerträglicher Gedanke wäre, wenn jetzt, wo die Reihe an mich kommt, ein anderer Funken und Feuer aus dem Stein schlagen würde.«

»Will ich ja – auch gar nicht.«

»Sondern?«

Der blasse Mensch im Sessel wurde vor Scham noch blasser. Seine matten Augenringe kreisten.

»Ich muß – Macht in der – Hand haben, um mich zu – wehren.«

»Macht muß man hier haben«, ballte Lutz die Faust, daß die Sehnen strähnig und trocken aus Ballen und Gelenk sprangen.

»Gib mich frei, Lutz«, sagte Klaus leise bittend, »es wird – nichts ohne dein – Einverständnis geschehen. Hier sind – alle Schriften in der Mappe. Schließ sie – ein. Hier hast du – mein Vertrauen, gib mir deins. Ich – muß einmal frei sein, von dir – frei, von der Großmutter, von allen.«

Lutz war noch zu jung, um sich von allem Tun verstandesmäßig Rechenschaft zu geben, Temperament und Instinkt gaben immer noch den letzten Ausschlag. Er klingelte nach seiner Sekretärin. Mit knappen Worten diktierte er. Mitten drin mußte er in sich hineinlächeln. Wenn ich das Benting erzähle, erklärt er mich für vollkommen irrsinnig.

»Mit zwei Durchschlägen, Fräulein Schütt.«

Er war plötzlich leicht und froh gestimmt.

»Möglich, daß ich eben die größte Dummheit meines Lebens gemacht habe, Klaus. Ich lasse mir mit diesem Wisch etwas entwinden, womit ich innerhalb weniger Jahre die Stahlindustrie der Welt beherrscht hätte. Du weißt gar nicht, was für eine Fülle von Gewalt du zwischen den Fingern hältst. Bist jetzt frei. Aber ich sage dir, du wirst nie frei sein, mein Alter, du wirst immer jemanden haben, der dich zieht oder stößt. Bin ich's nicht, wird's die Großmutter sein, wenn die nicht, dann eine Frau oder sonst irgendwer.«

Wie er mich kennt, dachte Klaus und antwortete nicht. Nun war man eigentlich fertig und konnte gehen. Weshalb konnte man sich nicht entschließen aufzustehen, als ob man halb betäubt wäre. Das war die Luft hier, die mit Ammoniak-, Schwefel- und Teergeruch durchsetzt war und trotz aller Lüftungsanlagen bis in alle Räume und Winkel kroch. Diese stinkende, herrliche, wunderbarste Luft, die die verschiedenen Objekte des Werkes ahnen ließ und das Laboratorium, sein Laboratorium. Eine wilde Sehnsucht überfiel ihn, hinüberzugehen in den weißen Bau, in dem seine Maschinen und Retorten und Flaschen waren, in dem sein Tisch stand mit der Waage, dem Bunsenbrenner, den reihenweisen Reagenzgläsern. Nur für eine halbe Stunde hinübergehen, gar nichts tun, sich nur umsehen und ganz flüchtig einmal die Gläser und Tiegel berühren und dem treuen, guten Wissotzky, diesem widerlichen Hund, der einen zur Raserei bringen konnte mit seiner Ruhe, die Hand drücken. Lutz hatte gewiß nichts dagegen, es bedurfte nur eines Wortes. Aber man mußte es aussprechen können.

Auch Lutz war ganz mit sich selbst beschäftigt und mit einer Frage, die in ihm auf- und niederstieg, zurückgedrängt wurde und sich langsam wieder auf die Zunge schob, bis sie mit scheinbar ruhigem, beherrschtem Laut den Weg durch die Öffnung des Mundes fand.

»Was macht Hilde?«

Unbemerktes Erstaunen streifte Lutz. Wußte er nichts, war Hilde nicht hier?

»Ich weiß – es nicht. Hat sie –«

Mitten im Satz hörte Klaus auf. Mit welchem Recht durfte er sich in ihre Angelegenheiten mischen? Wie geschnittene Nuten standen die Falten auf Lutz' Stirn. Er hatte erwartet, daß Hilde ihm durch den Bruder irgend etwas sagen lassen würde. Also nicht. Mit einer Handbewegung schob er das Gespräch beiseite. Er griff nach dem Paket Schriften, das Klaus ihm reichte und verschloß es im Geldschrank.

»Willst du hinüber ins Laboratorium, Wissotzky guten Tag sagen?«

Klaus schnellte auf, als hätte man ihm mit einem raschen Griff das tiefste Geheimnis entrissen. Nein, nicht hinüber. Wenn er jetzt hinüber gehen würde, käme er nicht mehr los. Und Kläre wartet. Er schüttelte den Kopf.

»Ich – kann nicht«, er reichte Lutz die Hand zum Abschied. »Du hast mir – etwas Gutes getan. Ich vergesse – es nicht.«

»Die Großmutter ist stärker als du«, antwortete Lutz traurig.

*

Hilde war voll Bangigkeit. Ob Lenore schon mit Lutz gesprochen hat? Im Grunde genommen, überlegte Hilde, kenne ich Lutz gar nicht. Ist er nachtragend oder versöhnlich, ist er nur aufbrausend oder hart bis ins Innerste hinein? Wie sonderbar und eigentlich schrecklich, daß man einen Menschen liebt, sich nach ihm zu Tode sehnt, ohne in ihn hineinsehen zu können. Gar nichts weiß man voneinander. Sie beschleunigte ihre Schritte. Um drei wollte sie bei Lenore sein und hatte sich mit einigen Besorgungen etwas verspätet. Gut zwei Stunden konnte sie bei der Tante bleiben. Vor sechs kam Lutz nie nach Hause. An der Ecke der Augusta-Anlage und Otto-Beck-Straße stieß sie mit Gina zusammen. Die Begegnung war ihr unangenehm, sie wollte mit kurzem Gruß vorbeieilen. Gina hielt sie fest.

»Fräulein Hilde, ich freue mich sooo –«

Wie sieht sie bloß aus, dachte das junge Mädchen peinlich berührt. Gina hatte den Hut schief auf, ihre Bewegungen waren fahrig und nervös, das kleine Vogelgesicht übermäßig geschminkt und gepudert, aber es fiel dadurch nur doppelt auf, wie verfallen und grau sie unter der grellen Farbe war. Sie ist vielleicht betrunken, glaubte Hilde und ekelte sich. Mit rasender Geschwindigkeit sprudelte Gina:

»Sind Sie wieder in Mannheim? Oh, wir müssen einmal zusammen sein, wir haben uns so lange nicht gesehen. Sie gehen zu Lenore? Grüßen Sie sie, bitte, recht herzlich von mir. Nein, ich habe Lenore lange nicht gesehen. Ich bin jetzt so beschäftigt. Wie, bitte? Hatten Sie etwas gefragt? Nein?«

Sie hielt, stehen bleibend, inne, als wäre ihr das Wort unvermittelt abgeschnitten worden. Warum fragte Hilde nicht? Kein Mensch fragte sie, keinem Menschen konnte sie sich anvertrauen. So plötzlich sie verstummt war, so plötzlich schossen ihr die Tränen aus den Augen und zeichneten verschwommene Bäche in die Puderschicht. Tagelang hatte sie sich um das Hotel in Heidelberg herumgedrückt in der Hoffnung, Vinzenz nach dem Bruch wieder zu treffen, dann wieder umkreiste sie Lenores Haus, zu der sie sich nicht mehr hinauftraute.

»Bitte, verzeihen Sie mir«, sagte sie, ohne die Tränen zu trocknen und wieder hysterisch schnell plappernd, »ich habe so viel Aufregungen. Die letzten Tage – es war nur ein Moment. Nicht wahr, Sie grüßen Lenore? Ist Papa noch hier? Er hat sich sehr gefreut mit Ihnen? Kann ich mir denken. Wir wollen uns treffen, ist's Ihnen recht? Morgen nachmittag! Oder lieber vormittag? Heute abend vielleicht?«

Sie trocknete sich das Gesicht und verwischte Schminke und Puder zu einer häßlichen, gelblichen Farbe, die die verweinten Augen ungleichmäßig umgab. Hilde war zugleich angewidert und von Mitleid erfüllt. Aber ihre Abneigung gegen Gina, die mit ihrer Klatschsucht das Verhängnis entfesselt hatte, überwog. Sie wußte nicht, was sie tun sollte.

»Jetzt kann ich nichts bestimmen. Ich bin erst einen Tag da. Aber Tante Lenore will ich gern grüßen. Wir werden uns schon wiedersehen!«

Sie ging rasch davon, nur um endlich loszukommen. Als sie sich vor dem Tor der Villa noch einmal umdrehte, sah sie Gina immer noch an der Ecke stehen, in einer betäubten, fassungslosen Haltung, ein Mensch, der alle Würde und Haltung verloren hatte, ein armes Tier, das irgendwo unterkriechen wollte.

Lenore war wieder beim Schreiben. Sie hob freundlich, aber matt, den Kopf bei Hildes Eintritt.

»Kommen Sie nur, ich freue mich, daß Sie da sind.«

Tante und Nichte sagten noch immer »Sie« zueinander.

Hilde blieb neben dem Schreibtisch stehen und streichelte die feine, blaugeäderte Hand, die auf dem Papier ruhte.

»Briefe, immer wieder Briefe?«

»Und alles unnütz. Ich weiß nicht mehr, an wen ich mich wenden soll.«

»Ich glaube, Sie machen es falsch, Tante«, meinte das junge Mädchen nach einigem Sinnen, »Sie schreiben nur an Ihre Familie. Wo steht denn, daß das, was Sie suchen, gerade bei ihr sein muß? Ich werde die Sache vom anderen Ende anpacken.«

Aus unbewußter Tiefe tauchte ein Bild in Hilde auf. Eine Dame im Reitkleid, den Dreispitz auf dem Kopf, mit großen, dunklen Augen. Sie stand vor einem großen, schloßähnlichen Haus, nein, vor mächtigen, alten Bäumen, und ein schlankes Windspiel zu Füßen der Frau hob zierlich Kopf und rechten Vorderfuß. Irgendwo in ferner Erinnerung lag das Bild. Hatte sie als Kind diese Frau gesehen? War's ein Gemälde, das ihr irgendwo, vielleicht in einer Galerie, begegnet war? Und weshalb fiel ihr das alles jetzt ein? Diese Frau hatte sie als Kind einmal geliebt, die Frau selbst oder ihr Bild. Diese Frau hatte eine Geschichte, die vielleicht in einem Märchenbuch gestanden hatte.

»Wenig Hoffnung«, sagte Lenore und legte die Feder hin.

Eine Frage lag in der Luft, aber es dauerte eine Weile, ehe Hilde sie herausbrachte.

»Weiß – Lutz schon?«

»Es war gestern nicht die richtige Gelegenheit. Ich bin schon so unsicher, daß ich nicht mehr weiß, wie ich mit ihm sprechen muß.«

Draußen vor dem Fenster stand der Park, gelb und rot zwischen dunklem Nadelgrün. Wind bewegte spielend zitternde Blätter. Die beiden Frauen versanken in Denken, das wehmütig aus Vergangenheit schöpfte, scheu an Gegenwart streifte und einen Weg suchte, der ins Geheimnis der Zukunft führte. Die Jüngere brach die Stille.

»Gina habe ich getroffen.«

»Ach, Gina.«

Lenore hörte mit einem undeutlichen Ausdruck von Teilnahme zu, So, so? Merkwürdig hat Gina ausgesehen und gesprochen?

»Auch nur ein armes Menschenkind.«

»Würden Sie sie etwa empfangen? Sie ist doch eigentlich an allem schuld.«

»War sie es also doch? Manchmal habe ich es gedacht. Sie wird der Anstoß gewesen sein, aber Schuld – Schuld ist ein so großes Wort.«

»Tante!« Hilde ereiferte sich, »ich glaube wirklich, Sie könnten ihr wieder verzeihen. So weit geht meine Gutmütigkeit nicht.«

Die weißen Hände Lenores lagen ruhevoll im Schoß übereinander, und ihre Stimme war von schwebender Zartheit:

»Ich habe in meinem Leben wenig zu verzeihen gehabt. Hassen muß man können, ich habe nicht das Zeug dazu. Und wenn man so viel einsam ist, wie ich es in der letzten Zeit war –«

Sie sprach den Satz nicht zu Ende. Erschrocken legte sie ihre Hand auf Hildes Arm und lauschte aufmerksam. Ein Schritt klang draußen.

»Lutz«, sagte sie flüsternd.

»Um Gottes willen, er soll mich nicht sehen, bevor Sie mit ihm nicht gesprochen haben. Bitte, lassen Sie mich ins Nebenzimmer, bitte!«

Mit einem Griff raffte Hilde ihre Handtasche und Handschuhe zusammen und hatte kaum die Tür des Nebenzimmers hinter sich ins Schloß gezogen, als Lutz bei seiner Mutter anklopfte und eintrat. Es war eine ungewöhnliche Zeit, zu der Lutz heute nach Hause kam. Über eine Stunde früher als sonst. Lenore war verlegen und konnte es nicht verbergen.

»Was hast du, Mutter, störe ich dich?«

»Nein, nein«, kam es ungeschickt heraus, »nur weil du nie so früh –«

»Mir war heut so leichtsinnig. Ich war bei Benting.«

»Etwas Gutes?«

»Gutes? Kann kein Mensch behaupten. Aber wir kämpfend durch.«

»Du kämpfst um etwas anderes als ich, Lutz.«

Sie hatte mit vorgeneigtem Kopf vor sich hingesprochen. Konnte Lutz verstehen, daß ihr das Werk, die Erbschaft, alles, alles ganz gleichgültig war? Daß es ihr um etwas für sie viel Wichtigeres ging? Brigitte Hartwig, das stumpfe, müdgearbeitete, alte Mädchen, das Mutter war und doch keine, die verstand sie vielleicht. Seine Hand strich leise über ihre Haare. Das war beglückend.

»Rate, Mutter, wer mich besucht hat?«

»??«

»Klaus. Ich war erst wie erschlagen.«

»Nein?! Wie sonderbar. Versöhnung?«

»War ja nicht nötig. Er wollte etwas.«

Sie fragte nicht weiter. Wenn Lutz »etwas« sagte, so hieß das, daß er sich nicht darüber äußern wollte. Sonst hätte er von selbst gesprochen.

»Ich habe – auch einen Besuch gehabt, Lutz«, sagte sie stockend.

»Gina?« gab er mißbilligend zurück. Seine Züge veränderten sich plötzlich. Sein Blick legte sich mit verblüffter Spannung auf einen Gegenstand, den auf dem kleinen Tisch die blumengefüllte Kristallvase halb verbarg. Ein kleines Notizbuch, in kirschfarbenes Leder gebunden und mit einem Namen aus kleinen Silberbuchstaben in einer Ecke, lag jetzt frei, da Lutz die Blumenschale beiseite geschoben hatte. Ein dunkles Blinken öffnete seine Augen. Dann wandte er Lenore das braune Gesicht zu, dessen Ruhe nur von einem kurzen Wittern der Nasenflügel durchzuckt wurde. Sie wartete. Er knöpfte sein Jakett auf und wieder zu, wie jemand, der seine Hände beschäftigen muß. Hinter der Tür des Nebenzimmers stand Hilde in der Leblosigkeit höchster Erregung, die faustverkrampften Hände gegen das Herz gepreßt, das unerträglich langsam und hallend in der Brust schlug. Jetzt, jetzt mußte etwas kommen, was sie betraf, jetzt.

»Seit vorgestern.«

Hilde wußte nur, das ging auf sie. Und jetzt mußte doch Lutz etwas sagen. Aber sie hörte keine Antwort. Lutz strich sich über Stirn und Augen und weiter herunter, bis Ballen und Fingerspitzen sich wie Backen eines Schraubstockes um seine Kiefer spannten. Er fühlte, daß in der Kehle nur ein Schrei wäre, wenn er jetzt loslassen müßte. Wieder sagte Lenore leise:

»Sie gehört doch zu uns.«

Und fügte nach einer Weile, als ob sie nichts bemerken würde, hinzu:

»Willst du sie nicht – –?«

Sie blickte nach der angelehnten Tür. Mit unverständlicher Heftigkeit schüttelte er den Kopf. Seine Stimme war vollkommen heiser.

»Jetzt – ich kann nicht.«

Er schnellte auf, umarmte Lenore mit solcher Gewalt, daß sie in Ohnmacht zu sinken glaubte, und rannte fast springend zum Zimmer hinaus. Aber sein Schritt hatte die Leichtigkeit eines Tänzers.

*

Hilde war, als ob ihr sämtliche Glieder gebrochen wären, so kraftlos lag sie im Wagen, der sie nach Heidelberg zurückbrachte. Jeder Stein, über den die Räder sprangen, bereitete im Körper Schmerzen. Es war doch nicht so geworden, wie sie es gehofft hatte, da nützten alle beruhigenden Worte Lenores nichts. Zuerst war sie erschrocken gewesen, als Lutz so unvermutet heimgekehrt war, dann, im Nebenzimmer hinter der Tür, da hatte sie doch zuerst gedacht, besser eine unvorbereitete, plötzliche Begegnung als dieses quälende Warten. Aber als kein Wort von ihm kam, hatte sie auch nichts mehr denken können. Sie wäre vielleicht umgefallen, wenn sie sich nicht an den Türstock gelehnt hätte. Daß Lutz, der in allem Handeln so rasch und leidenschaftlich war, fortzugehen vermochte, ohne sie zu sehen, das verstand sie nicht. Er hätte die Tür aufreißen, zu ihr hineinstürzen müssen, sie entweder in seine Arme reißen oder sie mit Vorwürfen überhäufen, ganz gleich, aber nicht so, nicht so. Mußte er erst überlegen? Wenn er erst überlegen mußte –

Was ist mit meinem Mädel, dachte Vinzenz, als sie den ganzen Abend schweigsam und blaß neben ihm saß. Er vermutete, daß irgend etwas mit Lutz nicht in Ordnung sein müsse, getraute sich jedoch nicht zu fragen. Lutz wurde zwischen ihnen nicht erwähnt. Nur ihre Hände streichelte er sanft, wenn er bemerkte, wie hastig und unruhig ihre Bewegungen waren.

»Papa«, begann sie mitten in einer Belanglosigkeit, die er zu ihrer Unterhaltung erzählte, ohne daß sie auch nur hinhörte, »mir ist heute, ich weiß nicht warum, etwas eingefallen. Kennst du zufällig ein Bild aus unserer Familie, das eine Dame im Reitkleid mit Dreispitz darstellt? Der Hintergrund ist ein großes Haus oder Bäume, das weiß ich nicht mehr. Und vorn bei der Dame sitzt ein Windhund.«

»Wie kommst du darauf?«

»Nichts, es fiel mir nur so ein. Die Erinnerung war einen Augenblick so merkwürdig deutlich.«

»Gott, weißt du, in unserer Familie sind so viel Bilder. Ich habe mich, offen gestanden, um unsere verehrten Vorfahren verflucht wenig gekümmert. Die Großmutter wird das eher wissen, sie interessiert sich für Familiengeschichte. Soll ich sie gelegentlich fragen? Liegt dir daran?«

»Ach wo«, sie lenkte ab, »weißt du, wer heute bei Lutz war? Klaus.«

»Aber – ist ja sehr komisch! Was wollte er?«

»Das weiß ich nicht.«

Vinzenz fing zu lachen an, so daß ihn Hilde ganz erstaunt ansah.

»Weißt du, Mädel, wenn ich mir die Sache so überlege, das wird der herrlichste Prozeß auf Gottes Erden. Dir liegt nichts daran, Klaus liegt nichts daran, mir ist's egal – zuletzt wird die Großmama Generaldirektor. Na, wundervoll.«

Sie lächelte schwach. Der Hotelboy kam an ihren Tisch. Anruf aus Berlin.

»Ich gehe mit«, sagte Hilde auf einmal lebhaft und eifrig. Vinzenz zog eine unwillige Miene. Wenn es so dringend war, kam sicher etwas Unangenehmes. Er drängte sich mit Hilde in die enge Zelle und nahm zögernd den Hörer in die Hand.

»Guten Tag, Mama, wie – was? Was ist mit Hilde?«

Er tat, als ob er nicht verstand und bedeckte das Sprachrohr des Hörers mit der Hand.

»Sie weiß, daß du hier bist. Was soll ich ihr sagen?« fragte er leise.

Hilde nahm ihm den Hörer ab und sprach mit einer Freundlichkeit, die Vinzenz stutzig machte:

»Großmama, du? Ja, ich bin's, Hilde. Was ich in Heidelberg mache? Ich werde doch noch Papa besuchen dürfen. – Suchen, natürlich habe ich hier nichts zu suchen. Aber in Berlin habe ich schließlich auch nichts verloren. Wie meinst du? – Klaus? – Habe ich nicht gesehen – nein, bei Papa war er auch nicht. Ist er denn hier? – Warum soll ich denn nach Berlin zurückkommen? – Also schön, ich komme – morgen schon? Gut, morgen. – Du willst noch Papa sprechen? Gern, er freut sich schon – auf Wiedersehen!«

Verdrießlich ging Vinzenz wieder an den Apparat.

»Ja, bitte? Wer hat geschrieben? Gina? – Ich brutalisiere sie? – Die ist ja hysterisch. – Warum soll ich sie denn aufsuchen? Ich habe ihr doch nichts getan. – Was ist mit den Tagebüchern? – Du glaubst doch selbst nicht, daß Gina das herausbekommt. Gerade ihr werden sie's auf die Nase binden. – Ich kann ihr doch nicht nachlaufen. Du hast ihr geschrieben, daß ich sie besuchen werde?«

Verzweifelte Blicke flogen gegen die Decke. Aber Vinzenz wurde schon sichtlich mürbe und nachgiebig. Die Stimme der Mutter grub sich selbst am Telephon noch mit eindringlicher Schärfe in sein Ohr.

»Ja, in Gottes Namen, ja doch. – Es muß doch nicht gleich sein. – In den nächsten Tagen vielleicht. – Gut, sicher, ganz sicher, ja. Gleich? Es ist doch Nacht, man macht doch in der Nacht – Morgen gewiß, morgen. – Hilde hat dir doch gesagt, daß sie kommt. – Gut, ich werde dafür sorgen.«

Aufatmend stieß er die Tür der Telephonzelle auf. Seine Zähne knirschten hörbar.

»Verd..., jetzt kann die Sache von vorn losgehen. Ich war schon ganz glücklich, daß die Sache aus war. Und du läßt mich auch wieder allein?«

»Ich denke, du wolltest dafür sorgen, daß ich rasch von hier wegkomme? Was sie mit dir aufstellen, mein armer Papa! Du bist wirklich ein schlechter Verbündeter, nicht nur für mich, sondern auch für die Großmutter.«

»Bleib' hier, Hilde«, er stand still und faßte sie am Arm, »bleibe hier, dann kann Gina warten, bis sie schwarz wird.«

»Nimm die Klage zurück, dann bleibe ich.«

»Die Klage?« Er zauderte und war schon nervös bei dem Gedanken, so Ungeheuerliches der Mutter gegenüber zu wagen. »Es ist ja zu spät, das Strafverfahren ist ja schon eingeleitet.«

Hilde machte sich los.

»Ja, Papa, es ist zu spät. Du änderst dich doch nicht mehr. Triff du dich nur ruhig mit Fräulein Gina, es schadet nichts, und ich fahre wieder nach Berlin. Ich werde mich ein bißchen mit unserer Familiengeschichte beschäftigen, da wird sich die Großmutter freuen.«

*

»Na, Großmama, bist du jetzt mit mir zufrieden? Bin ich prompt da?«

Hilde, noch die Reisetasche in der Hand, war von schmelzender Freundlichkeit. Die alte Frau von Teltzsch hatte es noch nicht vergessen, daß der Rebellion der Enkelin ihr kostbar kunstvolles Gebiß einmal zum Opfer gefallen war und stach mit einem mißtrauischen Blick nach ihr. War der Ton echt, oder war er nur Vorbereitung zu einem versteckten Angriff? Dieser plötzliche Ausflug nach Heidelberg hinter ihrem Rücken, die ebenso geheimnisvolle Reise von Klaus, von der nicht einmal Kläre etwas wußte – selbstverständlich war ihr nicht entgangen, daß zwischen Klaus und Kläre sich etwas entsponnen hatte – waren ihr verdächtig. Sie schloß auf einen Zusammenhang.

»Wo ist Klaus?«

»Keinen Schimmer. Wirklich, Großmama, wenn ich dir sage. Du siehst mich so komisch an.«

»Lassen wir das. Gehst du jetzt in die Pension zurück?«

»Wohin denn sonst? Oder wär's dir lieber, wenn ich hier wohne?«

Ganz fest dachte Hilde: Sag ja, sag ja. Sie war mit der festen Absicht gekommen, bei der alten Frau zu bleiben.

»Etwas sehr plötzlich änderst du deine Ansichten«, sagte die Großmutter.

»Gott, ich habe mir die ganze Sache reiflich überlegt. Es führt ja doch zu nichts. Also wozu?«

Hilde blieb tatsächlich in der Viktoriastraße. Klaus, der auch wieder nach Berlin zurückgekehrt war, nahm mit Erstaunen davon Kenntnis, verlor jedoch keine Silbe darüber. Kläre hob die Nase wie Wild, das den Jäger wittert.

»Das geht gegen mich, Klaus, das rieche ich.«

»Ich – bitte dich –«

»Alles ist bei euch mit einem Male so geheimnisvoll. Du reist weg, ohne mir ein Wort zu sagen. Sehr sonderbar, muß ich schon sagen.«

»Genügt dir – nicht, wenn ich dir – versichere –«

»Kleiner Klaus, wenn ich mich auf dich nicht mehr verlassen kann –«

Es war ein kleiner Mißton, aber Kläre zitterte vor einem Zerwürfnis noch mehr als Klaus. Seitdem sie nicht zur alten Dame kommen konnte, ohne Hilde dort anzutreffen, fühlte sie sich unsicherer denn je. Die beiden Mädchen waren freundlich zueinander, ohne daß auch nur eine von ihnen sich über die Art dieser Freundlichkeit täuschte. Es war ein Umschleichen des Gegners, dessen verwundbare Stelle man auszukundschaften suchte.

Hilde hatte sich mit vollendeter Verstellungskunst bei der Großmutter eingeschmeichelt. Nichts, was den Prozeß betraf, wurde auch nur gestreift, Lutz nie erwähnt. Und wenn die alte Frau das Gespräch, eigentlich nur um die Wirkung der Worte zu prüfen, auf diesen heiklen Punkt brachte, so fand sie in der Enkelin eine völlig unbefangene Hörerin. Noch nie hatte sich ihr jemand in allen Dingen so willig untergeordnet. Die Großmutter wollte ausgehen? Also ausgehen. Oder lieber heute zu Hause bleiben? Auch gut, bitte, gern. Hilde war auf einmal der erklärte Liebling, ohne den die alte Dame keinen Schritt vor das Haus tat. Angeblich konnte ihr niemand so vorsichtig ins Auto helfen und niemand so geschickt bei Einkäufen das Richtige finden. Wie alle alten Menschen erzählte sie gern aus ihrer Jugendzeit. Hilde war begeistert und lauschte stundenlang. Familienbilder wurden ausgekramt. Die Großmama mußte jedes ausführlich erklären. Wer ist das? Ach, Urgroßpapas Tante? Sehr interessant.

»Ist deine Familie auch so alt wie unsere?«

»Oh, die Goremskys sind viel älter. Die sitzen seit über dreihundert Jahren in Schlesien.«

»Einmal war ich ja als Kind unten, aber ich kann mich gar nicht mehr erinnern.«

»Warst ja auch erst vier oder fünf Jahre alt.«

»Ich muß dich etwas fragen, Großmama, weil wir gerade die Familienbilder ansehen. Das ist eine ganz merkwürdige Sache. Ich muß einmal ein Gemälde gesehen haben, das auf mich, ich weiß nicht warum, einen sehr tiefen Eindruck gemacht hat. Es war eine Dame im schwarzen Reitkleid, noch ein ganz langes, weißt du, wie man sie früher getragen hat, und mit einem Dreispitz auf dem Kopf. Dann war noch ein schneeweißer Windhund auf dem Bild. Und der Hintergrund war entweder ein großes Haus mit einer Freitreppe oder grüne Bäume, das weiß ich nicht mehr genau. In die Frau muß ich als Kind verliebt gewesen sein. Ich habe Papa gefragt, wer das ist, weil ich glaubte, es muß jemand aus der Familie sein, aber er wußte es nicht.«

»Stimmt aber, stimmt sogar ganz genau. Daß du dir das gemerkt hast. Es ist eine Photographie meiner Tante, der Schwester meines Vaters. Eine sehr schöne Frau, aber so ein bißchen Abenteurerin. Man erzählte sich, daß sie in ihrer Jugend durchgegangen und Kunstreiterin geworden war. Eine etwas dunkle Geschichte. Dann heiratete sie einen verarmten Lord, der in Indien Offizier war – sagte man – gesehen hat ihn keiner. Eines Tages war sie wieder zu Hause, als Witwe. Aber genau wußte man das auch nicht. Da war sie schon über die fünfzig, sah noch immer aus wie dreißig und ritt wie der Teufel. Mit fünfundsechzig brach sie sich den Hals, mit dem Hengst zusammen, den sie bändigen wollte, weil ihm die Stallburschen nicht beikommen konnten. Eine tolle Person das.«

»Siehst du, ich hab's gewußt. Wo habe ich denn das Bild gesehen, du hast es doch nicht?«

»In dem weißen Haus. Das ist unser Landhaus, in dem du als Kind gewesen bist.«

Eine Weile schwieg Hilde. Plötzlich warf sie den Kopf empor.

»An der Frau habe ich einen Narren gefressen. Das Bild möchte ich furchtbar gern besitzen. Mit keinem Schmuck könnte man mir eine solche Freude machen. Kannst du verstehen, Großmama, daß man sich nach einem Bild krank sehnt.«

»Nein, das kann ich gar nicht verstehen. Ich glaube auch nicht, daß es mein Bruder hergeben würde.«

»Wenn ich sehr, sehr betteln würde?«

»Schreib ihm.«

»Nein, ich muß hinfahren.«

»Du bist verrückt. Du schreibst ihm heute, und ich schreibe dran. Basta.«

Fünf Tage später kam die Photographie mit einem freundlichen Begleitbrief, den eine zitternde Hand gekritzelt hatte. Eine Daguerreotypie, schon ganz verblaßt, die Züge der Frau kaum erkennbar, das Windspiel wirkte wie ein heller Fleck. Der Baumriese, vor dem die Gestalt stand, würde den Eindruck einer Wand gemacht haben, wenn nicht seine mächtigen, nach unten gezogenen Zweige undeutlich zu sehen gewesen wären.

»Das ist sie«, sagte die Großmutter, »in Indien aufgenommen.«

Hilde schüttelte schwer enttäuscht den Kopf.

»Das ist nicht das Bild.«

*

Trendelenburg tobte, die alte Frau von Teltzsch bekam beinahe einen Schlaganfall vor Wut. So etwas war ja noch nicht dagewesen. Klaus war beim Justizrat erschienen und hatte klipp und klar erklärt, daß er unter keinen Umständen die Leitung der Werke übernehmen würde. Die Großmama möge sich selbst ins Direktionsbüro setzen, wenn sein Vater es nicht wolle. Aber das war noch das wenigste. Er hatte ebenso entschieden die Zurückziehung der Klagen gefordert mit der Drohung, die Auswertung der Patente an Lutz persönlich zu übertragen. Die Teltzsch-Werke – sofern sie dann noch bestehen – würden die letzten sein, die aus seiner Arbeit Nutzen zu schlagen Gelegenheit bekämen. Dafür bürge er. Alle Überredungskunst des Justizrates war an der starrhalsigen Ablehnung des jungen Gelehrten abgeprallt. Geduldiges und zorniges Zureden, Berufung auf Vernunft und eigenes Interesse – nichts hatte gefruchtet. Trendelenburg war sich nicht im Zweifel, daß die Pistole, die Klaus ihm auf die Brust gesetzt hatte, scharf geladen war. Oft genug hatte er es immer wieder in allen Blättern gelesen, wie sich die mächtigen amerikanischen und englischen Stahlkonzerne um die umstürzende, deutsche Entdeckung bemühten. Sie bedeutete mehr Macht, als sich irgendein Mensch vorstellen konnte. Die Großmutter versuchte vergeblich Klaus zu erreichen, er war nicht zu Hause. Kläre wurde zu sofortigem Kommen befohlen. Inzwischen ging ein Donnerwetter über Hilde nieder, als ob sie an allem schuld wäre. Hilde hielt still, obwohl sie am liebsten gleich zum Bruder gerannt wäre, um ihn zu umarmen. Wie ein Raubvogel stürzte sich die alte Frau auf Kläre, die außer Atem ankam. Ob sie wisse, was ihr sauberer Freund angerichtet habe. Von Lutz, diesem abgefeimten Patron, habe er sich einwickeln lassen wie ein Kind. Gar nichts wisse sie, nein? Äußerst merkwürdig. Man möge sie doch, weil sie eine alte Frau sei, nicht für taub, blind und dumm halten. Keine Widerrede! Sie wisse alles. Kläre habe sofort Klaus aufzusuchen und ihn von diesem verrückten Schritt abzuhalten, sonst könne sie sich ihre weiteren Besuche sparen. Wenn sie es verstanden habe, diesen Schwachkopf zu kapern, müsse sie auch so viel Verstand haben, einen solchen Wahnsinn zu verhindern. Für sie, jawohl, für sie holte man die Kastanien aus dem Feuer.

»Wie?« gellte die alte Stimme, »Freund? Nicht Freund? Was? Ich bin nicht gewohnt, daß man mir widerspricht. Am Abend bekomme ich Bescheid. Trab, bitte, aber rasch!«

Kläre war unter diesem keifenden Platzregen nicht zu Worte gekommen. Alte Hexe, knirschte sie zwischen den Zähnen, während sie mit verbissenen Tränen die Treppe hinunterhetzte. Sie fühlte sich maßlos gedemütigt, doppelt gedemütigt, weil Hilde der häßlichen Szene beigewohnt und so teilnahmslos dagestanden hatte, als ob die ganze Geschichte sie nichts anginge. Zierpuppe, blöde! Und Klaus, dieser Dummkopf! Natürlich hat die geschminkte Mumie recht. Etwas so Hirnverbranntes! Gott im Himmel, konnte denn gar nichts auf dieser Welt glatt gehen? Was an ihr lag, wollte sie ja tun, aber da war ein Punkt bei Klaus, an den man nicht rühren durfte, in dem er störrisch wurde wie ein Maulesel, wenn man ihn hart anging. Und verderben wollte sie sich's mit ihm doch auch nicht. So setzte sie ein sterbensunglückliches Gesicht auf, während sie sich durch die Drehtüre der Konditorei am Wittenbergplatz drückte, ging mit schleppendem Schritt zwischen den Tischen hindurch und ließ einen umflorten Blick durch das Lokal schweifen. Klaus blickte freudig von seiner Zeitung auf und bemerkte sofort, daß etwas vorging. Aber er hörte mit einer irritierenden Ruhe dem Fluß ihrer Klage zu, bis sie sich selbst unterbrach:

»Du hörst mir wohl gar nicht zu? Weißt du, was du mir angetan hast? Bei deiner Großmutter bin ich unten durch. Bei deiner Schwester – na, ich will lieber nichts sagen. Und mit diesem Menschen, der alles daran setzt, mich um mein Recht zu bringen, mit diesem Menschen paktierst du. Denkst du nicht an meine und deine Zukunft?

Zukunft! Das schlug ein. Seit Klaus wieder die Rauchschwaden des Werkes geatmet hatte, seit er in so greifbarer Nähe seines Laboratoriums gewesen war, trug er eine so inbrünstige Sehnsucht nach seiner Arbeit, nach der geliebten Schaffensstätte mit sich herum, als hätte er das Heil seiner Seele in dem nüchternen weißen Raum mit dem säurebespritzten, gläserbestandenen Tisch verloren. Seine Augen glänzten Kläre an. Wie hübsch sie war, wie zart durchblutet die weiße Haut, wie ihr Haar in blonden Lichtern spielte. Zukunft. Dort der Arbeitstisch und irgendwo ein verstecktes Häuschen, in dem sie ihn am Abend erwartete, Stille, Ruhe, kein Prozeß, kein Streit – alles andere war wertlos. Der Schüchterne fand auf einmal Worte, der Unbeholfene loderte in Feuer, die stockende Zunge löste sich. Seine Finger, die nach ihrer Hand langten, hatten einen ungewohnt festen Griff. Kläre horchte auf die neue, fremde Stimme, betrachtete das sonderbar veränderte Gesicht, das sie zum erstenmal zu erkennen meinte. Dieser blasse, sommersprossige Mensch, dem sie sich mit ihrer berlinischen Pflastergescheitheit immer so überlegen dünkte, trug eine nie bemerkte, ausdrucksvoll hohe Stirn unter dem schütteren Haar, der Mund hatte die verbissene Kraft der Besessenheit, die entzündeten, müden Augen wurden von eigenwillig geraden Brauen überdacht. Fast mit Grauen dämmerte ihr die Bedeutung dieses Kopfes auf. Wo war der schwache, gute Junge, den sie spielend beherrschen zu können glaubte? Sie sank vor sich selbst zu einem kleinen, schwachen Mädchen zusammen, das nach ein bißchen Glanz und sorgloser Lebensfreude hungerte und sich an die Hoffnung klammerte, die Klaus hieß. Was sie noch nie bei ihm gefühlt hatte, eine sanfte, vertrauensvolle Verliebtheit bemächtigte sich ihres Herzens. Nicht jauchzend, nicht himmelstürmend, doch weich und zärtlich und zutraulich empfand sie ihn auf einmal als »Mann«. Und mit einer neigenden Bewegung ihres Körpers schmiegte sie sich sacht an ihn, daß ihre Schulter die seine berührte und nickte ohne Widerspruch. Er wußte nicht, was ihn eigentlich in diesem Augenblick so beglückte, aber etwas war anders als sonst und drang mit überquellender Heftigkeit auf ihn ein.

»Was braucht denn meine kleine Kläre? Geld? Wir werden so viel Geld haben als wir wollen. Hübsche Kleidchen, Reisen? Was meine Liebste haben mag. Wir werden zusammen durchs Leben tanzen, kleine Kläre. Ja?«

Er stockte nicht mehr im Sprechen, die Worte hüpften leichtfüßig von den Lippen. Kläre glänzte ihn lächelnd an.

»Du kannst doch gar nicht tanzen, du tolpatschiger Narr, du.«

»Was kann ich nicht? Du wirst sehen, wie ich tanzen können werde, Tango, Boston! Ha! Kleinigkeit!«

Frau von Teltzsch wartete auf Kläres Bescheid. Es wurde neun, es wurde zehn. Endlich kam ein zaghafter Anruf.

»Was, keinen Einfluß? Ich danke für Ihre Hilfe, Fräulein. Hoffentlich können Sie sich selber besser helfen. Ich verzichte.«

»Ich konnte wirklich nicht –«

Mitten in Kläres weinerlicher Antwort hing die alte Frau ab.

»Glaub doch nicht, daß sie dir etwas tun können«, tröstete Klaus, »sie brauchen dich.«

Er brachte Kläre erst im Wagen nach Hause und fuhr dann in seine Pension. Kaum daß er eine Viertelstunde in seinem Zimmer war, klopfte es, und bevor er »Herein« sagen konnte, steckte das kleine, huschelige Zimmermädchen den Kopf zur Tür herein.

»Herr Doktor, das Telephon, Ihre Frau Großmutter – ja, was macht denn der Herr Doktor da? Sie tanzen wohl solo?«

Klaus stand mitten im Zimmer, den Radiohörer, den er mit einem Draht verlängert hatte, über den Schädel gestülpt und machte rührend komische Stelzschritte. Er blieb, selbst lachend, in einer unmöglichen Stellung stehen.

»Können – Sie Tango – tanzen, Berta?«

Er zerhackte in seiner Verlegenheit wieder die Sätze. Berta kniff listig ein Auge zusammen und wippte, den Mund keck zum Pfeifen gespitzt, mit den Hacken.

»Berta, großartig. Kommen – Sie rasch her«, er hielt ihr den Hörer ans Ohr, »Tanzstunde im – Radio, hören Sie? Sagen Sie – meiner Großmutter, ich käme – heute sehr spät. Sie müssen – mit mir tanzen.«

»Um Gottes willen, wenn das die Alte, die gnädige Frau, wollte ich sagen –«

»Sieht ja – niemand. Rasch!«

Nach einer Minute kam sie wieder.

»Ei weh, die alte Dame ist nicht schlecht geplatzt. Gefährlich! Was wollen Sie denn nun eigentlich, Herr Doktor? Ohne Musik geht doch das gar nicht.«

Er blickte hilflos drein, dann kam ihm die Erleichterung. Die eine Muschel wurde nach außen gedreht, und Berta mußte den Kopf eng an den seinen legen. Es war höchst unbequem.

»Los, ich muß gleich wieder raus – zwei Schritte nach vorn – Sie treten mir ja die Zehen ab, au! Ja, so! Sie müssen den Kopf tiefer halten, sonst höre ich nichts! So schön! Sie haben sich wohl 'ne Braut zugelegt, Herr Doktor, daß Sie so plötzlich tanzen müssen? Den rechten Fuß zurück – na, ich weiß nicht, wenn sich alle Doktoren so anstellen! Was denn, was denn? Nicht so stürmisch. Herrje, es klingelt.«

Vorsichtig huschte sie zur Tür.

»Bei der nächsten Stunde, Sie müssen's – mir beibringen, Berta.«

»Em we, Herr Doktor, machen wir. Bis zur silbernen Hochzeit werden Sie's ja hoffentlich kapiert haben.«

*

Der Schriftsatz Trendelenburgs wurde der Gegenpartei zugestellt. Es war ein Meisterwerk an Folgerichtigkeit und scharfer Beweisführung. Die Staatsanwaltschaft eröffnete das Verfahren. Vorladungen zum Untersuchungsrichter. Das Landgericht entschied die Privatklage bis zur Entscheidung des Strafverfahrens auszusetzen.

Benting hatte eine lange Unterredung mit Lutz und ärgerte sich über die Hartnäckigkeit des jungen Mannes. Immer noch war es Zeit zu einem Vergleich. Man hatte von Klaus, der seine Drohung wahrgemacht hatte, die notarielle Übertragung der Auswertungsrechte an den Patenten in der Hand, das herrlichste Druckmittel, das man sich denken konnte. Jedoch Lutz war unerschütterlich. Durchfechten. Seit er Hilde und Klaus auf seiner Seite wußte, war er wie umgewandelt. Seine finstere Entschlossenheit war einem frohen Kampfmut gewichen. Alle Kräfte schienen verzehnfacht.

»Lassen Sie Ihre Bemühungen, Herr Doktor. Sie übernehmen die Verteidigung meiner Mutter? Sie werden doch nicht mehr Angst haben als ich?«

Benting brummte.

»Angst. Lächerlich. Ich habe nur Verstand und Sie haben –« keinen Verstand, wollte er sagen, aber er vollendete mit herabgezogenem Mund: »– Sie haben Gefühle.«

Auch Trendelenburg redete einem Vergleich das Wort und fand ebenso taube Ohren wie sein Mannheimer Kollege. Der Justizrat hatte eine feine Spürnase. Daß die Jungen sich von ihm abwandten, war ihm ein ärgerer Schlag als irgendeine unliebsame Überraschung im Prozeß. Es fehlte ihm die moralische Unterstützung. Die alte Frau hatte jedes Augenmaß verloren und verbiß sich wie eine kämpfende Bulldogge in ihre Pläne. Sie und nachgeben. Der alte Anwalt spielte einen Augenblick mit dem Gedanken, die Vertretung niederzulegen. Nein, das ging auch nicht. Sein Name stand auf dem Spiel. Dann also hineingestiegen, die Herrschaften in Mannheim sollten ihn kennenlernen. Wer mit ihm Kirschen aß, lief Gefahr, nur die Kerne zu erwischen.

Wie auf Verabredung waren die Spalten der Zeitungen wieder voll. Und Benting wie Trendelenburg waren bemüht, die öffentliche Meinung für ihre Partei zu gewinnen. Von einer rechtlichen Beurteilung des Falles hielten sich die Blätter zurück, das war zu gefährlich. Eingreifen in ein schwebendes Verfahren verbot das Gesetz. Aber es gab andere Arten, Partei zu ergreifen, und schließlich sind auch Richter und Geschworene nur Menschen, die unbewußt äußeren Einflüssen unterliegen. Man mußte es Trendelenburg lassen, daß er es glänzend verstand, die Stimmung, die er brauchte, vorzubereiten. Er ließ alle Minen springen. Die Zusammenkunft zwischen Lenore und Kläre wurde ein herrlicher Artikel. Eine Reporterfeder tobte sich aus. Kläre die Märtyrerin! Die Herzen aller Spießer bibberten vor Mitgefühl. Die Großmutter, die noch am Grabesrande für das Recht ihrer Enkel kämpfte. Herrlich! Das Bild der alten Dame erschien in allen Zeitungen. Sie sah darauf aus wie eine beleidigte, englische Herzogin in Spiritus. Vor der Aufnahme hatte der Friseur zwei Stunden an ihr herumgeschminkt, bis er Blut und Wasser geschwitzt hatte. Ein Blatt brachte einen scharfen Angriff auf Lutz. Die Wohnungen in der neuen Kolonie sollten angeblich nach politischen Gesichtspunkten zugeteilt worden sein. Ein Zankapfel fiel zwischen die Arbeiter. An einem Abend kam es zu einer Zusammenrottung vor der Teltzschischen Villa in der Otto-Beck-Straße. In Minuten war die Straße schwarz von Menschen. Pfiffe gellten, Geschrei durchschnitt die Luft. Ruhige wollten besänftigen, sie wurden überschrien von halbwüchsigen Burschen. Jemand erhielt einen Schlag auf den Kopf, ein Knäuel Menschen balgte sich am Boden. Ein Stein schmetterte in ein Fenster, das klirrend zerbrach. Lenore bebte, halb ohnmächtig vor Aufregung, und hielt sich an Lutz fest. Er schob sie in ihr Zimmer, das nach der Gartenseite lag, dann öffnete er die Tür zum Balkon und trat hinaus. Sein Erscheinen entfesselte einen Höllenlärm. Innerhalb von Sekunden waren alle Scheiben eingeworfen. Ein Stein streifte Lutz an der Stirn und hinterließ eine blutende Wunde. Kein Mensch wußte, woher die Steine auf einmal kamen. Das alles dauerte nur einige Minuten, bis Polizei erschien und die brüllende, tosende, aufgepeitschte Menge zerstreute.

Am anderen Morgen hatten die Zeitungen ihr großes Ereignis. Den einen war Lutz' Verhalten heldisch, den anderen eine Herausforderung für die Arbeiter, den dritten Theaterpose oder nur eine maßlose Dummheit, die überhaupt erst die Ausschreitungen veranlaßt hatte. Die Polizei bekam auch ihr Teil ab. Sie war zu schlapp, zu scharf, sie hätte überhaupt im vorhinein alles wissen und verhindern müssen. Vierundzwanzig Stunden später war alles wieder vergessen.

Von Hilde kam ein ängstliches Telegramm an Lenore. Lutz antwortete postlagernd, wie sie wünschte:

»Nichts geschehen. Ich küsse Dich.«

Hilde preßte den weißen Zettel ans Herz. Es klang ihr hell in den Ohren, als hörte sie Lutz' Stimme. Im Hinausgehen aus dem Postamt trat sie einem Arbeiter auf den Fuß und lachte ihm dabei so freundlich ins Gesicht, daß er auch zu lachen begann.

»Na, Frollein, hat a jeschrieben?«

Auf der Straße mußte sie plötzlich rennen, rennen, sie wußte sich nicht anders zu helfen. So müßte man bis Mannheim laufen können.

*

Tagelang kämpfte Vinzenz mit dem Entschluß, mit Gina wieder zusammenzutreffen. Er richtete einige Zeilen an sie, man solle sich gegenseitig keine Vorwürfe machen, es sei doch im Grunde alles nur Kinderei gewesen und so weiter. Bloß keine neuen Auseinandersetzungen. Sie antwortete, sie sei nicht wohl, er möchte sie doch besuchen. Brr, dachte er. Er erinnerte sich mit Schaudern an seinen ersten und einzigen Besuch in der altmodischen, dunklen Wohnung, die mit zeitgedunkelten Mahagonimöbeln und großmütterlichem Krimskrams vollgestopft war, daß man vor Angst, etwas umzuwerfen, sich kaum zu rühren wagte. Ihre Mutter, eine alte, stille Dame mit weinerlicher Stimme, die ihm schon deshalb unangenehm war, weil Gina ihr ähnlich sah, öffnete ihm. Ja, Gina sei ein wenig malade, sie kränke sich so viel, la petite pauvre. Das ging auf ihn. La petite pauvre trug zu seinem Empfang überflüssigerweise ein grellseidenes Hauskleid, das mehr ein Morgenrock war, die mageren Arme freiließ und bei jeder Bewegung sich über der Brust ein wenig öffnete, ohne seine Neugier zu reizen. Ein Wink scheuchte die Mutter hinaus. Gina machte in »leidend«, tat sehr glücklich und zog einen dünnbeinigen Stuhl dicht an sich heran. Vinzenz schnupperte in der Luft. Lavendel, Muff, pfui Teufel.

»Vinzi«, miaute Gina. Sie berührte seine Hand und wollte nicht bemerken, daß er sich mit einer scheinbar unabsichtlichen Bewegung ihr entzog. Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen, obwohl sie sich alle Mühe gab, eine freundliche Stimmung zu erzeugen. Bei der Frage, ob sie bei Lenore gewesen sei wurde Vinzenz rot wie ein ertappter Schuljunge.

»Ja«, log sie, »zweimal.«

Dumm war Gina nicht, sie wußte sofort, daß man wieder etwas von ihr erfahren wollte. Harmlos suchte er auf die Tagebücher überzulenken.

»Für jemanden, der mich liebt, weiß ich alles«, schmeichelte sie und rückte ganz nahe zu ihm, daß ihr übermäßig gebrauchtes Parfüm ihm beizend in die Nase stieg. Am liebsten wäre er aufgesprungen. Und duldete doch ihre Zärtlichkeit. Dabei hatte er das Gefühl, daß er sich beschmutze und konnte ihr nicht ins Gesicht sehen. Hundert Liebesabenteuer hatte er hinter sich, Erfahrungen und Frauen aller Art – hier war er ungeschickt und wehrlos, überschattet und verfolgt von dem dämonischen Zwang der alten Frau.

»Ich bin doch nicht schlecht zu dir«, sagte er unsicher.

»Liebster, du quälst mich, du darfst mich nicht mit den anderen Frauen, die du gekannt hast, in einen Topf werfen. Kannst du dir nicht vorstellen, was es heißt, wenn eine Frau zum erstenmal ihr Herz verschenkt?«

Der Ausschnitt ihres Kleides fiel über der dürftigen Schulter zurück. Es wirkte gar nicht verführerisch. Er blieb stumm und wartete ängstlich, wo sie hinauswollte.

»Ich habe doch einen Ruf zu verlieren, alle Menschen sprechen schon über uns.«

»Laß sie doch sprechen.«

»Das ist dir gleichgültig, aber nicht mir. Ich bin eine Dame. Du gehst in vierzehn Tagen oder vier Wochen fort und denkst, es ist ein hübsches Liebesabenteuer gewesen. Mir genügt das nicht.«

Er dachte im Traum nicht daran, daß es ein hübsches Abenteuer gewesen sei. Aber darf man das einer Frau sagen?

»Man kann doch nicht gleich heiraten«, fuhr es ihm heraus.

»Gleich oder nicht gleich, man kann es doch einmal. Willst du denn ewig als Junggeselle herumlaufen? Sehnst du dich gar nicht ein bißchen nach einem Heim, nach einer Frau, die für dich sorgt? Du bist doch nicht mehr der Jüngste. Schau, da sind schon ein paar graue Härchen –«

Er war wie benommen. Legte den Oberkörper weit im Stuhl zurück, um so weit wie möglich von ihr entfernt zu sein. Sogar ihr Atem störte ihn. Ernüchterung floß ihm klar und kühl um die Stirn. Funkelnd und starr saß das Einglas im langen, abweisenden Gesicht. Weiße Haare, Herrgott, ja, sie brauchte ihn nicht daran zu erinnern. Heim, Frau – er wußte nicht, ob er danach Sehnsucht hatte. Manchmal, wenn er in einem gesichtlosen Hotelzimmer die Koffer packte. Sicher nicht, wenn Gina ihm gegenübersaß. Was wollte er noch hier? Die kleine Spionin da, die für ihre Dienste nicht weniger wollte als ihn selbst, erfüllte ihn mit Widerwillen. Hier hörte alle mütterliche Gewalt auf.

»Du mußt schon einen anderen Preis verlangen. Ich heirate nicht.«

Ganz brüsk und beleidigend setzte er die Worte. Sie duckte sich unter dem scharfen Klang. Hysterisches Zucken packte ihren ganzen Körper. Weinen, Wut, Haß zerriß ihr Gesicht. Bevor sie etwas Häßliches, das zwischen ihren entblößten Zähnen hockte, herausbrachte, stand er auf und stellte sich groß und gereckt mit gespreizten Beinen vor sie hin.

»Schluck es, Gina. Laß uns ohne böse Worte und ohne großes Theater scheiden. Wir haben uns gegenseitig nichts vorzuwerfen. Deine Hände sind schmutzig, meine sind es auch. Es soll genug sein.«

Er nahm die Tür in die Hand. Sie stürzte auf ihn zu und verkrampfte sich schluchzend in seinen Ärmel.

»Vinzenz, laß mich doch nicht allein. Ich liebe dich.«

Es ließ ihn völlig unbewegt. Mit einem Ruck machte er sich frei und schob sie zurück.

»Ich will nicht mehr.«

Sie hing sich an die Klinke und ließ sich, die Knie am Boden, wie ein Bündel von der Tür schleifen, die er trotz ihres Widerstandes öffnete. Den Mantel über dem Arm stürmte er hinaus. Nasse Herbstluft schlug ihm kühlend ins Gesicht. Einen Augenblick horchte Gina auf seine verhallenden Schritte, dann war sie wie eine Katze auf den Füßen. Mit der Schnelligkeit eines Menschen, der um sein Leben kämpft, faßte sie ihre Entschlüsse. Die Tränen abwischen, pudern, ein Kleid – zu Lenore.

*

Der Prozeß mit allen seinen Schrecknissen und Aufregungen warf seine Schatten voraus, und doch empfand Lenore so etwas wie Glück: Lutz hatte seine gute Laune wieder. Seit er Klaus und Hilde wieder auf seiner Seite wußte, waren die tiefen Schatten unter seinen Augen verschwunden, der bronzene Kopf strahlte von Willenskraft, nichts mehr von der verbissenen Kampfwut des Einsamen, die ihn vordem beherrscht hatte. Sein schlanker, großer Körper schien eine einzige, mächtige Stahlfeder, voller Schwung in jedem Schritt. So kam er in ihr Zimmer, drei schwarzgebundene Bücher schwenkend.

»Ich habe eben etwas Merkwürdiges bekommen, Mutter«, er tippte mit einem Finger der freien Hand auf die dunklen Hefte, »weißt du, was das ist? Streng dich nicht mit Raten an, ich sag's dir auch so – Vitalis Tagebücher.«

Lenore starrte mit schreckweiten Augen auf die Bücher.

»Lutz, woher hast du –«

»Vitalis Assistent, Doktor Röscher, hat sie mir vor zehn Minuten gebracht. Er ist mit der Herausgabe des wissenschaftlichen Nachlasses betraut worden und hat bei Durchsicht der Schriften gefunden, daß in diesen drei Bänden wissenschaftliche und persönliche Eintragungen durcheinandergehen. Aus irgendeinem Grunde hat Onkel Vitali einigemal sein privates Tagebuch nicht gesondert geführt. Deshalb haben wir die drei Hefte nicht gefunden.«

»Was – –«

»Ich weiß nicht, ich habe sie noch nicht durchsehen können. Röscher dachte sich gleich, daß uns die Aufzeichnungen interessieren würden. Außerdem weiß er natürlich aus den Zeitungen Bescheid.«

Sie ließ keinen Blick von den schwarzen Lederbänden, die geschlossen in der Hand des Sohnes lagen. Bargen sie das Geheimnis, das sich jetzt mit einem Schlage enthüllen würde? Erlösung konnte in einem Satz stehen, Vernichtung in einem einzigen Wort. Aus Lenores Lippen wich das Blut. Sie ruhten wie ein blasser See in der weißversteinten Landschaft des Gesichts, von erregten Zitterwellen gekräuselt. Sie hatte ein reines Gewissen, keinen Richter hatte sie zu scheuen. Doch auf irgendeiner Seite, auf irgendeiner Zeile dieser Bücher konnte ihr Schicksal entschieden sein. Lutz fühlte ihre maßlose Angst und legte seine Arme um sie.

»Fürchtest du dich? Sieh, ich weiß nicht, was drin steht und bin unbesorgt.«

Mit halbgeschlossenen Lidern schüttelte sie tapfer den Kopf.

»Ich fürchte mich nicht.«

Und knickte im gleichen Augenblick so kraftlos zusammen, daß sie ihm fast entglitten wäre.

»Es ist nicht wahr, Lutz«, ihre Stimme hatte jeden Klang verloren, »ich fürchte mich.«

Sein Kopf neigte sich über ihren Scheitel, keiner konnte des anderen Gesicht sehen.

»Was quälst du dich? Bis morgen früh habe ich jede Zeile gelesen, dann hast du Gewißheit.«

»Und wenn –?«

»Willst du dann nicht mehr meine Mutter sein?«

Es sollte scherzhaft klingen. Sie lag still wie ein toter Vogel an seiner Brust. Langsam stieg ihr ein kaltes Zittern von den Knien über die Schenkel hinauf ins Rückgrat. Sie brachte keine Antwort aus dem krampfverengten Schlund und drängte Lutz hinaus.

Auf dem Flur traf er mit Gina zusammen. Er grüßte sie ohne jede Freundlichkeit und überlegte, ob er sie nicht kurzerhand abfertigen sollte. Er hatte gegen sie Mißtrauen, ohne recht zu wissen, warum, denn Lenore hatte ihm verschwiegen, was sie von Hilde gehört hatte. Schließlich war es ihm nicht unlieb, wenn Lenore jetzt Gesellschaft hatte. Er öffnete ihr selbst die Tür und sprach ins Zimmer hinein:

»Du bekommst Besuch, Mama.«

»Ich bin's – Gina«, erklang es zaghaft hinter ihm.

Gina ließ die Tür hinter sich einschnappen und stand im Zimmer. Auf dem Wege zu Lenore hatte sie sich einen ganzen Roman zusammengedichtet, wie sie eigentlich nur mit Vinzenz Freundschaft geschlossen hätte, um ihn auszuhorchen, um der Freundin einen Dienst zu erweisen. Daß sie sich so lange nicht habe sehen lassen, sei eigentlich Lenores Schuld, die in der letzten Zeit immer so komisch gewesen wäre und aufdrängen – nicht wahr? Gina wollte schon Lenore mit einer Wortflut überfallen, da begegnete sie einem so todwunden Blick, daß sie verschüchtert den geöffneten Mund schloß.

»Du, Gina? Ich habe dich nicht mehr erwartet.«

»Wir sind doch nicht verfeindet«, kam es leise zurück.

Bangigkeit und Verzweiflung schrien schrill heraus:

»Warum hast du mich verraten, Gina?«

Jeder Vorsatz starb vor diesem Schrei, alle Kraft zerbrach vor diesem Schmerz. Man war nur noch ein zermürbter, abgekämpfter Mensch, ohne Neid, ohne Berechnung, leer und enttäuscht. Man sank in den nächsten Stuhl, die mageren, kleinen Hände vors Gesicht geschlagen.

»Ich wollte einen Menschen für mich allein haben.«

Mehr als zwanzig Jahre kannten sich die Freundinnen, und zum erstenmal hörte Lenore von Gina ein Wort, das leise und sehnsüchtig aus dem Herzen quoll. Wozu Vorwürfe? Sie legte ihre weiche, mütterliche Hand liebkosend auf den schütternden Hals des alten Mädchens.

»Alle wollen wir dasselbe.«

*

Es gab einen Heidenlärm, die Mädchen duckten sich wie geprügelte Hunde. Die Großmutter wollte mit Hilde nach Mannheim fahren, die Untersuchung ging los, da mußte sie dabei sein. Und Hilde war nirgends zu finden. Sie kam nicht zu Mittag, kam den ganzen Nachmittag nicht. Niemand hatte sie weggehen sehen. Gegen Abend kam die alte Zofe und meldete:

»Der Handkoffer des gnädigen Fräuleins ist auch fort. Aber auf dem Tisch des gnädigen Fräuleins lag der Brief.«

Ihre Herrin riß den Umschlag auf. Hilde teilte ihr kurz mit, daß sie nach Schlesien zum Großonkel gefahren sei. Sie müsse das Bild finden. Sofort wurde ein Telegramm hinterhergefeuert.

»Augenblicklich zurückkommen.«

Die Antwort war ebenso bündig:

»Sobald Angelegenheiten geregelt.«

Die alte Dame mußte allein mit der Zofe fahren, die nichts zu lachen hatte.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.