Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Zeckendorf >

Zeche Gnadenfeld

Friedrich Zeckendorf: Zeche Gnadenfeld - Kapitel 8
Quellenangabe
authorFriedrich Zeckendorf
titleZeche Gnadenfeld
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1.-10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
projectid14a6eff3
Schließen

Navigation:

7

Der alte Grabowski war seit acht Jahren Witwer, und Kläre hatte nach dem Tode ihrer Adoptivmutter so lange getrieben, bis Grabowski nachgegeben hatte und mit ihr nach Berlin übergesiedelt war. Sie führte ihm den kleinen Haushalt mit einer Aufwartefrau, die jeden Morgen die groben Arbeiten und das Aufräumen der beiden Zimmer besorgte, im übrigen lebte sie das selbständige Leben des sich selbst ernährenden Großstadtmädchens, besaß jede Freiheit, hatte ihren Pflichtenkreis und ihre Erlebnisse, und die beiden hausten kameradschaftlich nebeneinander, ohne sich gegenseitig zu behindern oder einander Vorschriften zu machen. Bloß das Pfeiferauchen hatte sie ihm abgewöhnt und versorgte ihn aus eigenem Verdienst mit Zigarren, zu denen die kleine Pension nicht reichte.

Er steckte sich seine schon halb gerauchte Brasil wieder an, strich sich den weißen Feldwebelschnurrbart, der an den Enden gelblich war, aus dem runden, immer freundlichen Gesicht und sah ihr behaglich zu, wie sie den Tisch abdeckte.

»Na, Mädele, wie warsch's?«

Er sprach noch immer den Mannheimer Dialekt.

»Ach nichts Besonderes. Gar nichts eigentlich.«

»Kannst doch sage. Hat dir ebbes nit gepaßt? Ich hab mir's ja gedacht, daß das nit so leicht geht. Weißt, Klärle, ich wünsch dir's, daß dei Glück machst, wenn ich auch nit gar gern allein bleibe möcht die paar Jahr.«

»Wer redet denn vom Alleinbleiben?«

»Ma redt nit, aber man denkt sich's.«

Sie sagte verdrossen:

»Laß mich heute! Wenn's so weit ist, werde ich dir's schon sagen.«

Kläre war über Lenore über alle Maßen erbittert. Für sie war es eine unumstößliche Tatsache, daß sie Lenores Kind sei. Woher sonst hätte sie das teltzschische Gesicht haben sollen? Und sie wurde von Trendelenburg wie von der alten Frau von Teltzsch in diesem Glauben bestärkt. Sie hatte nicht gerade erwartet, daß Lenore ihr bei der ersten Begegnung gleich um den Hals fallen würde. Wenn man jahrelang in einem Berliner Konfektionshaus tätig ist, erwirbt man eine gewisse nüchterne Art, an Menschen und Dinge heranzutreten, aber dieses entsetzte Abwenden Lenores, dieses Sich-in-den-Stuhl-Zurückziehen, die offenkundige Abwehr der ausgestreckten Hände, das war verletzend und kränkend gewesen. Auch sie war ja nicht mit überquellender Kindesliebe zu der fremden Frau gekommen, die sie nie vorher gesehen hatte, und der große Sprung aus dem kleinbürgerlichen Heim des pensionierten Briefträgers in den Kreis der reichen Familie von Teltzsch war ihr keine Herzensangelegenheit, sondern die große Chance ihres Lebens, der unerwartete Glücksfall, wie etwa ein Haupttreffer in der Lotterie. Nur hatte sie sich mit dem Gedanken vertraut gemacht, jetzt zu einer Dame, die sie sich aus Gott weiß welchem Grunde sehr kühl, mager und vornehm gedacht hatte, »Mama« zu sagen und zu ihr in irgendein, jedenfalls mehr förmliches als zärtliches Verhältnis zu treten. Im übrigen war es ihr weit wichtiger, aus der einfachen Buchhalterin Kläre Grabowski ein Fräulein von Teltzsch zu werden, ein eigenes Auto zu besitzen und das Leben einer jungen Dame aus reichem Hause zu führen. Mit bemerkenswerter Anpassungsfähigkeit, die sie ihrer Abstammung zuschrieb, hatte sie sich zwanglos in Ton und Umgangsformen gefunden, die ihrer zukünftigen Stellung angemessen waren, mit unauffälliger Sorgfalt vermied sie den Jargon der Konfektionsleute vom Hausvogteiplatz, und in der Auswahl der Kleidung, durch vieles Sehen im Geschäft geübt, bewies sie durchaus den Geschmack einer Dame der großen Welt.

Gleich, nachdem sie mit Abräumen fertig war, ging sie in ihr Zimmer, legte sich in ihr weißlackiertes Eisenbett, über dem ein mit rosa Seidenbändern umwickeltes Hufeisen als Glücksbringer hing, und fraß den Ärger über das Verhalten Lenores in sich hinein. Um keinen Preis der Welt hätte sie dem alten Grabowski erzählt, wie gedemütigt sie sich fühlte. Am meisten war sie über das Dazwischentreten von Lutz beleidigt. In welchem befehlshaberischen Ton er gesprochen hatte! Unwillkürlich hatte sie sich von dieser herrischen Art ducken lassen. Das war das gleiche Gefühl gewesen, wie wenn ihr dicker Chef durch das Büro tobte und die ganze Buchhalterei am liebsten in die Bücher hineingekrochen wäre. Nicht einmal so sehr auf Lenore wie auf Lutz warf sich Kläres Haß. Natürlich, dem Herrn paßte ihr Auftauchen nicht, für ihn ging es um die Wurst, er war ihr Rivale, der sie verdrängen wollte. Wie er das gesagt hatte: »Meine Mutter ist aufgeregt!« Sie wiederholte höhnisch: Meine Mutter, meine Mutter! Rücksichtslos mußte Trendelenburg vorgehen, rücksichtslos! Es war ja gar nicht auszudenken, was man ihr angetan hatte. Ihr ganzes Leben hatte sie mit den alten Grabowskis in Küche und Zimmer verbringen müssen, während der junge Herr in der noblen Villa saß. Für zweihundert Mark, die er mit zwei Fingern ausgab, schuftete sie den ganzen Monat von morgens bis abends. Jetzt kam an sie die Reihe. Jetzt gab es kein Lockerlassen. Bis in ihren Traum hinein verfolgte sie Lutz' Bild, mit dem sie sich wild stritt, bis sie mit klopfendem Herzen und schweißgenäßt aus dem Schlaf fuhr.

*

Klaus und Hilde hielt es nicht mehr. Sie hatten beschlossen, gemeinsam nach Berlin zu gehen. Für den jungen Gelehrten war es ein unerträglicher Zustand, sein geliebtes Laboratorium zu meiden. Und bei dem Gegensatz, der ihn von Lutz trennte, weiter in die Fabrik zu gehen und dabei dem Vetter, dem er überall begegnen konnte, auszuweichen, ging auch nicht an. Während Lutz verreist war, packte Klaus mit nervösen Händen seine Aufzeichnungen und wissenschaftlichen Arbeiten zusammen, nahm schweren Herzens Abschied von seinem Arbeitsraum und schrieb mit seiner schwer leserlichen Handschrift, die zerrissen wie seine Sprechweise war, ein paar Zeilen für Lutz auf einen Zettel:

»Tu nichts, ich bitte dich darum, was mir eine Rückkehr unmöglich machen könnte. Ich hoffe noch immer, daß es eine Lösung gibt, die uns wieder zusammenführt.«

Er verschloß den Zettel in einem Briefumschlag und übergab ihn Wissotzky, seinem treuen Helfer.

»Geben Sie – das in die Direktion hinüber für – Herrn von Teltzsch. Und – leben Sie – wohl, Wissotzky. Ich danke Ihnen für – Ihre Hilfe. Hoffentlich – sehen wir uns wieder.«

Er geisterte eine ganze Weile planlos herum, strich über jeden Hebel noch einmal mit der Hand, rückte an den Reagenzgläsern und Apparaten, konnte gar nicht hinausfinden. Sein ganzer Lebensplan schien ihm zerstört. In der Stille schaffen, befreit von allen Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten des Daseins, angefeuert von der fortreißenden Kraft, die vom Freund ausging, und alles, was man schuf, in der großzügigen, sicheren Hand von Lutz wissen – Traum, aus dem man nüchtern mit fadem Geschmack im Mund erwachte.

Mit bescheidenem Gepäck wie ein Student mit kleinem Monatswechsel fuhr er zur Bahn und schleppte selbst seinen Koffer vom Auto zum Zug. Er kam gar nicht auf den Gedanken, sich einen Träger zu nehmen. Hilde sollte erst in Heidelberg zu ihm einsteigen. Der Zug dröhnte heran, Bremsen griffen in den Schwung der Räder, Dampf zischte heiß und drohend, schwere Türen flogen auf. Klaus rannte ungewandt nach einem Platz. Er blieb am Fenster stehen und staunte über sich selbst. Jetzt ließ man alles liegen, Arbeit, Pläne, Laboratorium und lief einfach davon. Ob's nicht feige war? Ob es nicht richtiger wäre, wieder auszusteigen, zurückzugehen, weiterzuarbeiten und sich um nichts weiter zu kümmern? Er erschrak, als er bemerkte, daß er schon langsam an Menschen, die Abschied winkten, am Wagen mit den Erfrischungen, am Bahnhofsschank vorüberglitt. Nun war es vorbei. Man fuhr rascher und rascher. Vorbei. Häuser, Straßen, Bäume flogen vorüber. Vorbei. Die Räder hämmerten das Wort, und die Menschen im Laufgang des Wagens schwankten im selben Takt.

Hilde wartete ungeduldig auf dem Bahnsteig der Neckarstadt, vom reichlich bepackten Hoteldiener begleitet und äugte nach dem Bruder. Sie kletterte hastig zu ihm hinauf.

»Daß du nur da bist, Kläuschen, ich gehe vor Nervosität schon in die Luft.«

Es fiel ihm auf, daß sie allein war.

»Kommt Vater – nicht?«

»Nein«, sagte sie auffallend kurz und fügte dann hinzu, »ich wollte es nicht.«

Sie verkroch sich gleich in ihren Platz bei der Tür und warf keinen Blick mehr hinaus. Abfahren! Nur schon abfahren!

Seit Vinzenz sein Versprechen gebrochen hatte, stand eine Mauer zwischen Vater und Tochter. Jedes Beisammensein war von ihr abgekürzt worden, die vergnügten Schlendergänge und Einkäufe, die lustigen Abende hatten aufgehört, obwohl er bedrückten Gewissens mit tausend kleinen Aufmerksamkeiten sie zu versöhnen gesucht, um sie geworben hatte. Nicht wie man um die Liebe einer Tochter, sondern wie man um die Liebe einer Frau wirbt. Aber er war immer nur einem ernsten Blick begegnet, der gleich wieder vor ihm flüchtete und irgendwo an einem fernen Punkt haften blieb. Sie fühlte es deutlich, manchmal sogar mit einer gewissen Rührung, wie sich der Vater um sie bemühte, ohne daß sie sich überwinden konnte, und entzog sich ihm voll innerer Hemmungen, wenn er ihren blonden Kopf oder ihre Hände hatte streicheln wollen.

»Ich kann nicht mehr, Vater.«

Dabei verging sie im Wunsch nach Verzärtelung, Lachen, Licht. Ihr Gesicht war schmal und älter geworden und hatte mit seinem ungewohnten Zug von Strenge merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Bruder bekommen. Es war so nicht mehr weitergegangen, sie mußte fort. Und war nur froh, traurig froh, daß sie endlich in der Bahn saß, und daß niemand weiter einstieg. Warum fuhr man nicht schon? Klaus schrie vom Fenster nach einem Zeitungsverkäufer. Ganz kurz vor der Abfahrt kam Vinzenz angerannt mit einem großen Strauß weißer Rosen und lugte, die Wagen entlang laufend, in jedes Abteil. Sein Gesicht hellte sich auf, als er die beiden endlich fand.

»Ich wollte euch doch noch einmal adieu sagen.«

Er zog eine Schachtel Zigaretten für Klaus aus der Tasche. In Wirklichkeit wollte er nur Hilde noch einmal sehen. Sie war die einzige, zu der ihn eine tiefere Regung zog, bei der ihn, den Hotelmenschen, den Lebensbummler, etwas wie Heimgefühl überkam. Der Sohn, der so gar nichts von ihm hatte, war ein Fremder. Nur das Mädel, das Mädel. Sie war ihm in irgendeiner nicht bewußten Art das Ideal der Frau, wie er sie sich wünschte. Die seine Heiterkeit und Leichtigkeit hatte und doch dahinter etwas Ernstes, Festes, woran man einen Halt haben konnte. Vielleicht hätte man mit einer solchen Frau ein anderes Leben geführt. Er umarmte sie. Sie wehrte sich nicht, aber sie ließ die Arme schlaff heruntersinken.

»Bin ich denn ein so schlechter Vater?«

Das Abfahrtszeichen ertönte. Der Wagen bekam einen plötzlichen Ruck.

»Soll ich mitfahren? So wie ich bin? Ich fahre mit.« Sie schüttelte heftig den Kopf und drängte ihn hinaus.

»Bitte, bitte, nicht.«

Vinzenz konnte gerade noch abspringen.

In seiner Hand flatterte ein Taschentuch, Niemand sah es. Langsam rollten die Räder. Hilde schloß fest die Augen. Noch drei oder fünf Minuten, dann war man draußen aus Heidelberg.

Die Geschwister hatten sich enger als je aneinandergeschlossen. Nicht ihre Gegnerschaft zu Lutz, sondern ihre Sehnsucht nach ihm und ihre Einsamkeit hatte sie zusammengeführt. Wenn man beisammen war, konnte man doch von Lutz sprechen. Sie taten es immer vorsichtig, tastend, ohne sich eigentlich völlig preiszugeben. Und immer erst nach langem Schweigen. Jeder von ihnen erwartete, daß der andere anfangen würde.

Heidelberg lag schon weit hinter ihnen, als Hilde das erste Wort fand.

»Bist traurig, Kläuschen?«

Er sah sie groß an und wußte sofort, daß sie sich eigentlich selbst meinte.

»Hast du – keine Nachricht?«

Sie schüttelte »Nein« mit dem Kopf.

»Weshalb hast – du ihm nicht geschrieben? Man läuft nicht so auseinander.«

Erstaunt schaute sie auf.

»Ich kann ihm doch nicht nachlaufen, Klaus. Wenn er stolz ist, bin ich's auch.«

Es dauerte eine ganze Weile, bis er antwortete, als käme der Satz als Ergebnis einer langen Gedankenreihe.

»Er kann – nicht nachgeben.«

»Warum kann er nicht nachgeben? Er ist doch im Unrecht, ich habe ihm ja nichts getan.«

Sie war aufgeregt, weil es sie jeden Tag zwanzigmal gereizt hatte, an Lutz zu schreiben, und weil sie es doch nicht hatte über sich bringen können. Weshalb sagte gerade Klaus das? Er hatte sich doch auch mit Lutz entzweit und hing ebenso an ihm wie sie selbst.

»Er ist nicht – im Unrecht. Er ist im – Recht.«

»So? Also dann sind wir alle, du, ich und Vater, im Unrecht? Weshalb bist du dann von Mannheim fort, weshalb hast du nicht nachgegeben?«

»Das ist – nicht so.« Er sprach noch langsamer als sonst und legte dabei den Zeigefinger senkrecht an die Stirne. »Das Schreckliche ist, daß – wir auch im Recht sind. Ich habe – die ganzen Tage nachgedacht, und ich – fühle es wenigstens so: ihn hat das – Schicksal oder was es ist – auf diesen Platz gestellt. In Millionen Fällen – kommt das einmal vor, daß – der einzig richtige Mensch – auf den einzig richtigen Platz – zu stehen kommt. Das ist hier das – Besondere. Siehst du, das – fühlt er. Muß er – fühlen. Er weiß, daß er – von einer höheren Macht dahingeschoben ist und daß – er nicht fortgehen – darf. Und wir – sind, glaube ich – auch im Recht. Aber es ist – ein anderes Recht. Von Menschen gemacht. Und ich weiß nicht – welches das Höhere ist.«

Er sprach zum erstenmal aus, was ihn seit Tagen beschäftigte. Vielleicht war das wirklich seine Überzeugung, vielleicht suchte auch nur seine nachgiebige Weichheit nach einer Entschuldigung für den Freund, von dem er sich innerlich nicht loslösen konnte und dessen erbittert hartnäckiger Kampf ihm wesensfremd blieb.

»Du bist ja tausendmal besser, Kläuschen, als ich. Ich hab's von dieser Seite nie angesehen. Aber weshalb ist er zu mir so hart gewesen?«

»Hart? Ich weiß nicht, ob man soviel Kraft – haben kann, ohne – hart zu sein. Weiche Kämpfer – das gibt es wohl nicht.«

Sie meinte nachdenklich und spielte mit den Rosen, die neben ihr auf dem Polstersitz lagen:

»Papa hat von mir nie verlangt, daß ich gegen Lutz Stellung nehme.«

»Pah, Papa!« er machte eine verächtliche Miene, »Vater will – Geld haben, das ist alles, und er tut, was – die Großmutter will. Sie sagen, sie – kämpfen für uns. Lächerlich! Sie kämpfen – für sich. Unser ganzes Leben – haben sie uns allein gelassen.«

Es drängte Hilde, etwas zur Verteidigung des Vaters zu sagen. Es stimmte ja, man hatte sie beide von einer Pension in die andere geschickt. Elternhaus, Heim, Liebe, waren ihnen fremde Dinge geblieben. Sie hatte nie darüber nachgedacht, die Lehrer hatten sie verhätschelt, sie hatte Freundinnen, war gesellig und schloß sich leicht an. Der stille, verschlossene Junge mochte gelitten haben. Wer hatte sich darum gekümmert? Und die erste Freundschaft, die er gefunden hatte, die Unersetzliches ersetzen mußte, wurde von der Familie, der er die einsame Jugend nicht vergessen konnte, wieder zerstört.

»Papa ist nur schwach.«

»Ja. Aber immer – zu seinem Nutzen.«

»Du bist ein so anständiger, weicher Junge, Kläuschen. Ihr drei seid so verschieden, jeder ganz anders, und ich mußt euch alle liebhaben. Weshalb könnt ihr euch nicht vertragen?«

Sie hielten in Frankfurt. Am anderen Bahnsteig donnerte aus entgegengesetzter Richtung ein Zug in die Halle. Hilde packte Klaus am Handgelenk.

»Vielleicht ist er da drin. Und wir fahren aneinander vorbei. Glaubst du, daß er herüberkäme, wenn er wüßte, daß wir hier sind?«

Er verneinte mit einer Kopfbewegung.

»Und ich, ich müßte wohl zu ihm hinübergehen?«

Klaus nickte.

»Ich verstehe dich nicht, Klaus. Also er nicht, ich ja? Ich lauf niemandem nach.«

»Der Schwächere – muß sich anpassen.«

»Nein, gerade umgekehrt ist es, der Stärkere muß sich anpassen.«

Ein Schulterzucken kam zurück.

»Das ist auch – so etwas, wo beides – richtig ist.«

Frankfurt lag schon wieder hinter ihnen. Von Minute zu Minute schob sich Entfernung wie ein wachsendes, flutendes Meer zwischen sie und Mannheim. Dieses unaufhaltsame Fortstreben machte sie unruhig und unsicher. Die rollende, brausende Gewalt des Zuges riß sie vorwärts, unentschlossene Sehnsucht zog sie zurück.

»Klaus, sag, aber ehrlich: Möchtest du, daß er recht behält?«

»Ich weiß – selbst nicht. Und schon – deshalb habe ich unrecht. Man darf – am Recht nicht zweifeln.«

Der Zug wurde ein Ungeheuer, das sie in einem Käfig festhielt und sie gegen ihren Willen mit rasender Geschwindigkeit entführte. Stunden um Stunden. Irgendwo hinten ging die Sonne unter, die Landschaft tanzte springend in der Dämmerung vorbei. Es machte Klaus dumpf und teilnahmslos. Hilde war kläglich zumute.

»Weshalb sind wir eigentlich fortgefahren?«

Er zog zuckend die Schultern und die farblosen Augenbrauen hoch. Sie stand nervös auf. Der eiserne Käfig flog wackelnd und stampfend in wildgewordener Geschwindigkeit, krachte über Weichen, neigte sich seitwärts in den Kurven. Man konnte kaum geradestehen! Der Glühdraht der elektrischen Deckenlampe zitterte. Hilde verlor den Rest ihrer Ruhe. Die Rosen fielen vom Schütteln auf den Boden, zwei Füße stampften sie achtlos nieder. Zwei Hände griffen Klaus an die Schulter und schüttelten ihn, eine helle, gereizte Stimme schrie ihn an:

»Weshalb sind wir fortgefahren? Ich will nicht!«

Hilde riß das Fenster auf, Kohlenstaub der Lokomotive schlug ihr stechend ins heiße Gesicht. Weit hinten in dichtgestreuten Lichtern lag Berlin.

*

In den wenigen Tagen, die Lutz von Mannheim abwesend war, hatte sich viel Arbeit angesammelt. Er stürzte sich gleich in der ersten Stunde der Rückkunft in den Betrieb. Sein Ohr trank den stählernen Lärm der Maschinen, das Schnurren der Riemen. Mit dem ganzen Körper genoß er den hämmernd brausenden Takt des Werkes, durch Mund und Nase schlürfte er die schweflig schweren Schwaden in die Brust, als wären sie reine, erfrischende Brise des Meeres. Das tat gut, wieder in Schwung zu sein. Diktieren, anordnen, dazwischen telephonieren, eine Besprechung, hinüber ins Werk, wieder ans Telephon, Berichte entgegennehmen. Er bemerkte gar nicht, daß er ungewöhnlich hastig seine Befehle gab, gereizter war als sonst, wenn irgend etwas nicht klappte. Gegen seine Gewohnheit schrie er Angestellte an, die ihn nicht sofort verstanden. Nur in kurzen Pausen schien er sich selbst eine Maschine, die leer lief mit mächtigem Getöse. Er nahm den Zettel vor, den Klaus ihm hinterlassen hatte. Also Klaus war fort. Natürlich, gar nicht anders denkbar. Die Rechtsabteilung telephonierte wegen eines Streites, den man mit einer Konkurrenzfirma hatte. Man müßte unbedingt ein »Exempel statuieren«, schlug eine Stimme Lutz ins Ohr, entweder man habe Gesetze oder nicht. Klagen. Lutz biß die Lippen aufeinander.

»Bitte, ja! In drei Teufels Namen, klagen Sie.«

Er schlug den Hörer in die Gabel. Man hatte Gesetze, Gesetze müssen gehalten werden, selbstverständlich. Oder nicht? Aber erst muß man doch wissen, ob man im Recht ist? Oder nicht? Und Recht, wo ist das Recht? Wo Papier ist, Gesetze, Paragraphen? Haben sich Eroberer je um Gesetze geschert? Das war auch ein Gesetz, daß der Stärkere, Begabtere, Genialere das schwächere Gehirn verdrängen muß. Wo war hier das schwächere Gehirn? Bei Klaus, der in lautloser Arbeit in seinem Laboratorium der Wirtschaft neue Grundlagen schuf, der mit einer neuen chemischen Formel größere Umwälzungen hervorrief, als Tausende, auf Barrikaden tobend, erkämpfen konnten? Gut, aber wer mußte diesen Formeln erst Leben einblasen, was waren sie ohne Hirn und Faust, die sie in Tat umsetzten? War der Gedanke Diener der Tat oder die Tat Werkzeug des Gedankens? Lutz sprang auf, Hitze überflutete ihn, er rieb sich die heiß gewordenen Hände am Taschentuch ab. War es so weit, daß er an sich zweifelte? Herrgott noch einmal!

Nur das nicht. Er riß sich zusammen. Das Auto. Los. Zwei Stunden raste er in der Stadt umher. Zum Krankenhaus. Ins Stift zur Oberin Beatrix. Wieder zurück in die Stadt zur Wohnung Vitalis. Noch von unterwegs rief er bei Rechtsanwalt Benting an, wann eine Besprechung möglich sei.

»Wann wollen Sie kommen, Herr von Teltzsch?«

»Am liebsten gleich.«

»Bitte.«

Benting hörte aufmerksam dem Bericht zu, im altmodischen Stuhl zurückgelehnt, die dicklichen Hände über der prall gebauchten Weste verschränkt. Der Besuch bei Brigitte Hartwig machte wenig Eindruck auf ihn, aber das Zusammentreffen mit Kläre Grabowski ließ ihn gespannt den Kopf heben.

»Viel Schönes bringen Sie nicht.«

Daß Lutz alle Verhandlungen mit Trendelenburg kurzerhand abgebrochen hatte, war in seinen Augen natürlich vollkommener Unsinn.

»Sie verzeihen, aber Sie sind wirklich noch sehr jung, Herr von Teltzsch. Man darf einen Gegner nicht unnötig verärgern. Und Fräulein Grabowski vor den Kopf zu stoßen, hatte auch keinen Zweck. Sehr ungeschickt das alles. Worauf stützt sich eigentlich Ihre Sicherheit? Wie, bitte? Auf Ihr Gefühl? Da muß ich doch lachen. Glauben Sie vielleicht, daß Ihr Gefühl für einen Richter Beweiskraft hat?«

Er wurde erregt. Das war ja lächerlich. Da kommen die Leute zum Rechtsanwalt um Hilfe, und wenn man sie nach den Gegenbeweisen fragt, packen sie ihre Gefühle aus. Man muß sich in die Lage des Richters versetzen. Der braucht Tatsachen, an die er sich halten kann und keine Gefühle. Das heißt doch Wasser mit einem Sieb schöpfen wollen.

»Also Sie halten unsere Sache für verloren?«

»Nein«, sagte Benting ärgerlich, »ich halte nie etwas für verloren, solange ich es nicht wirklich verloren habe. Aber Sie dürfen Ihre Sache nicht für gewonnen halten, bevor Sie sie nicht endgültig gewonnen haben. Das ist alles.«

»Tu ich auch nicht. Nur sehe ich in allem, was Justizrat Trendelenburg vorbringt, noch keinen bündigen Beweis. Es sind da Lücken.«

»Kann sein.«

»Bitte, wir wollen doch diese Lücken ein bißchen besichtigen. Meine Mutter hat seinerzeit gestattet, daß Fräulein Hartwig zu ihr ins Zimmer gebettet wurde. Zugegeben, daß Professor Vitali mit dem Gedanken gespielt hat, meiner Mutter selbst um den Preis eines Verbrechens zu einem Sohn zu verhelfen. Aber woher konnte er wissen, daß Fräulein Hartwig diesen Knaben, den er möglicherweise benötigte, zur Welt bringen würde? Wenn Professor Vitali wirklich alles so bis ins kleinste ausgeklügelt hat, wie die Gegenseite behauptet, dann mußte er andere Sicherheiten vorkehren. Aber zufällig kann ich Ihnen sagen, warum die Hartwig nicht in den großen Saal kam. Ich habe soeben festgestellt, daß das Krankenhaus überfüllt war, es gab gar keine andere Möglichkeit, als sie in einer höheren Klasse unterzubringen. Es lag also sehr nahe, daß Vitali gerade meine Mutter ersuchte, mit der er befreundet war, ihr Zimmer mit dem armen Mädel zu teilen.«

»Schön, wäre möglich.«

»Zwischen der Entbindung der beiden Frauen lag ein Zeitabstand von etwa sechs Stunden. Es ist unwahrscheinlich, daß in dieser ganzen Zeit keine der Schwestern das Zimmer betreten hat. Die Oberin Beatrix behauptet auch gar nichts weiter, als daß sie selbst erst zum Beginn der zweiten Entbindung hereinkam und wieder fortging, ehe das Kind da war. Vermutlich war demnach Schwester Karola in der Zwischenzeit einmal oder öfter im Zimmer und dürfte demnach gewußt haben, ob das erste Kind ein Mädchen oder ein Knabe war. Sie hätte also auch von einem Tausch etwas erfahren müssen, und das hätte ihr Einverständnis notwendig gemacht. Es ist aber kaum glaubhaft wenn es auch heute infolge ihres Ablebens nicht mehr nachweisbar ist, daß eine Ordensschwester zu einem derartigen Verbrechen die Hand gereicht haben soll.«

»Alles ganz plausibel. Und woher kommt jetzt die Familienähnlichkeit mit Fräulein Grabowski?«

Lutz blickte eine Weile schweigend vor sich hin.

»Ich wüßte eine Erklärung –« er zögerte, »es ist mir nur unangenehm, davon zu sprechen – und noch mehr, davon Gebrauch zu machen.«

»Sentimentalitäten haben hier keinen Platz.«

»Das Wort paßt bei mir nicht, aber das ist ja gleich. Der Mann, der die Hartwig ins Unglück gebracht hat, hat einen falschen Namen genannt. Das ist mir nachträglich aufgefallen. Welche Gründe kann ein Mann dazu haben? Entweder er ist verheiratet, oder er ist eine bekannte Persönlichkeit, die verborgen bleiben will.«

»Kann so sein. Vielleicht. Es gibt schließlich auch noch ein Dutzend anderer Gründe. Wo wollen Sie nun eigentlich hinaus?«

Der junge Mann schwankte sichtlich.

»Vor meiner Geburt bestand zwischen meinen Eltern eine gewisse Spannung. Das heißt, der Teil, der sich zurückzog, vielleicht sogar sich mit dem Gedanken einer Trennung trug, war mein Vater. Ich weiß das teils von ihm, teils von meiner Mutter. Und die Beziehungen zwischen ihnen wurden erst wieder innig, als die Hoffnung auf ein Kind da war.«

»Nun und? Ach so, Sie meinen, in dieser Zeit der Entfremdung hat möglicherweise Ihr Herr Vater, um sich abzulenken oder aus einem anderen Grunde – das ist ja jetzt gleichgültig – irgend so ein kleines Abenteuer – läßt sich hören.«

»Die Zeit würde genau stimmen. Und es hätte einen Sinn, warum er einen falschen Namen genannt und warum er plötzlich verschwunden ist.«

»Hat was für sich.«

Der Sohn sah das Bild des Vaters vor sich, wie es aus der letzten Unterredung in ihm haften geblieben war. Groß, knochig, herrisch. Blond, mit überhoher, steiler Stirn und etwas langer Nase über dem starken Mund. Unerhört deutlich war dieses Erinnerungsbild, greifbar nahe. Lutz hielt den Blick in die Zimmerecke gerichtet, aus deren Halbdunkel sich der Schatten des Vaters zu formen schien.

»Die Sache hat nur einen Haken, Herr Rechtsanwalt.«

»Sie möchten nicht, daß das Andenken Ihres Vaters –«

»Das ist's nicht allein«, Lutz ließ die Augen nicht von der Ecke, als verständigte er sich mit jemand, der dort stand, »der Haken ist, daß ich es nicht glaube. Es sieht so wahrscheinlich und folgerichtig aus, weil es so alltäglich ist. Ein Ehepaar ist entfremdet, der Mann geht seine eigenen Wege, hat ein kleines Liebeserlebnis und löst es, als er sich wieder zu seiner Frau zurückfindet. Furchtbar einfach, kommt sicher immer und überall vor. Und gerade weil es so einfach und alltäglich ist, ist es falsch. Ich –«

Benting winkte ab.

»Sie fühlen es, weiß schon. Ihr Gefühl in Ehren, aber wir wollen hier doch keine Spitzfindigkeiten treiben. Wenn ich wissen will, ob Ihr Herr Vater auch der Erzeuger des zweiten Kindes war, dann frage ich nicht mein Gefühl sondern die Hartwig und zeige ihr eine Photographie. Wir wollen uns nur im klaren sein, Herr von Teltzsch, selbst im Falle der Richtigkeit ist das alles noch kein Beweis, daß der Tausch nicht doch stattgefunden hat. Ich gebe allerdings zu, es sind da Sachen, Dinge, hm, mit denen sich unter günstigen Umständen etwas anfangen läßt. Das soll vorläufig unsere Reserve sein. Und wie steht es nun mit den Tagebüchern Professor Vitalis? Sie haben mich doch vor Ihrer Reise deshalb angerufen.«

»Das entscheidende Heft fehlt. Aber Justizrat Trendelenburg weiß es natürlich nicht, er glaubt vermutlich sogar, daß das Tagebuch für uns etwas Günstiges enthält.«

Der Rechtsanwalt griff nach dem Bleistift und klopfte mit der Spitze nervös auf den Tisch.

»Trotzdem faul, geehrter Herr, oberfaul. Die Angelegenheit steht doch kurz so, daß die beiden wichtigsten Leute, Professor Vitali und Schwester Karola, tot sind und daß ausgerechnet das einzige Dokument, das Aufklärung schaffen könnte, fehlt. Das kann unser Pech oder – unser Glück sein. Merkwürdig sieht es jedenfalls aus. Und da sind noch zwei Dutzend anderer Tatsachen, die leider Gottes auch recht merkwürdig aussehen. Sagen Sie«, Benting machte eine Pause, »wäre es nicht möglich, daß Ihre Frau Mutter in ihrer Aufregung vielleicht den Kopf verloren und irgendeine Dummheit gemacht hat? Bitte, ich will die arme Frau nicht beschuldigen, man muß nur mit allem rechnen.«

Lutz erhob sich und sagte mit eisiger Stimme:

»Herr Doktor, wenn Sie auch nur den leisesten Verdacht hegen, daß meine Mutter sich etwas Unrechtes hat zuschulden kommen lassen, dann können Sie unsere Sache nicht führen.«

Benting antwortete ebenso kalt:

»Ich wäre unfähig, Ihre Sache zu führen, wenn ich nicht sämtliche Möglichkeiten ins Auge fassen würde. Wollen Sie mir jetzt Vollmacht geben?«

Unentschlossen stand Lutz am Tisch und trommelte hart mit den Fingern auf die Platte. Er war überempfindlich geworden, fühlte er. So kam man nicht vorwärts. Er griff nach der Feder und setzte seine Unterschrift mit hastigen Zügen unter die vorgedruckte Vollmacht, die Benting ihm hingeschoben hatte.

Nachdem Lutz das Zimmer verlassen hatte, diktierte Benting seinem kleinen Schreibfräulein an Trendelenburg einen Brief, in dem er mitteilte, daß Lutz ihn mit der Wahrnehmung seiner Interessen betraut habe. Mitteilungen in der bewußten Sache bitte er nicht mehr an seinen Mandanten, sondern direkt an ihn zu leiten. Und Verhandlungen nur noch mit ihm zu führen. Alles in sehr verbindlichem Ton, um dem Gegner die Wiederaufnahme der Verhandlungen zu erleichtern. Den nächsten Schritt müßte die Gegenseite tun – wenn, wenn sie ihn noch tun wollte.

Lutz riß auf der Straße den Hut vom Kopf. Nein, nicht mehr in die Fabrik zurück. Er warf sich mit einem Ruck in den Wagen und lenkte nach Heidelberg hinüber. Er fuhr langsam, seine Augen suchten die Straße ab. Er wollte es sich nicht eingestehen, daß er ein bestimmtes Gesicht suchte zwischen all den vielen, die rechts und links auftauchten und verschwanden. Bis sein Fahrzeug, unwillkürlich gebremst, vor der Stirnseite des Hotels de l'Europe stand und sein Blick über die spiegelnden Fensterreihen huschte. Er hatte im Augenblick Streit und Stolz vergessen und nur einen Wunsch: hinter dem Fenster im ersten Stock einen blonden, schmalen Mädchenkopf auftauchen zu sehen. Ganz offen und weich war sein Herz in dieser Sekunde, Arbeit und Werk waren nebensächlich, kein Gedanke gehörte dem Kampf, den er führte. Nichts als Sehnsucht hatte Platz und Macht. Er gab Gas und hielt an der nächsten Konditorei, um zu telephonieren. Der Portier des Hotels antwortete, Fräulein von Teltzsch sei vorgestern abgereist. Nach Berlin. Aber Herr von Teltzsch sei zugegen. Ob der Herr ihn zu sprechen wünsche.

»Nein; danke.«

Er ließ die Finger vom eingehängten Hörer gleiten. Gefühl endloser Einsamkeit überfiel ihn mit unbekannter Schwere. Auch Klaus hatte ihn verlassen, aber doch nicht ohne eine Abschiedszeile, aus der noch Wärme und Anhänglichkeit sprach. Hilde hatte kein Wort gefunden. Scham floß in hitziger Welle über seinen ganzen Körper, daß er den ersten Schritt getan hatte, und wandelte sich unmittelbar in verbissene Wut. Ohne jemand zu beachten, ging er zwischen den Tischen hindurch. Dicht beim Ausgang stand plötzlich, wie aus der Pistole geschossen, ein baumlanger, hagerer Kerl mit zerhacktem Gesicht, das Couleurband quer über der Weste, von einem der Rundtische auf und vertrat ihm den Weg. Eine mächtige, knochige Fechterpratze streckte sich Lutz entgegen, eine rauhe Stimme krächzte theatralisch:

»Seid vielmals mir gegrüßt, hochedler Ritter! Mein Herz jubelt, Eure Herrlichkeit zu sehen.«

Das war »Lackl«, ewiger cand. phil., dessen Doktorarbeit mehr Semester verschlang, als andere Menschen zum ganzen Studium brauchten, wildester Kämpe des Paukbodens, überzeugter Alkoholiker, voll frechem, derbem Witz, solange er nüchtern, und zu allem zu brauchen, sofern es nicht gerade etwas Vernünftiges war.

»Du bist's, Lackl, was gibt's?«

»Es gibt noch Schnaps, gebraut von frommen Brüdern des heiligen Benediktus, traute Seele, es gibt noch Rebensaft, vom lieben Herrgott höchstpersönlich zu süßer Reife gebracht, es gibt noch Met, wovon wir aber jetzt nicht sprechen wollen, weil es der Feierlichkeit der Stunde nicht entspricht. Darf ich Euch bitten, hohes Knäblein, mit Eurem alleruntertänigsten Sumpfhuhn ein Gläschen zu inhalieren?«

Lutz mußte lächeln. Er haßte das Saufen, aber heute kam ihm Lackl gerade zupaß.

»Hier nicht. Wenn du willst, fahren wir nach Neckar-Gmünd. Mein Wagen steht draußen.«

»Führe mich, Herz, fahre mich, Herz! Dein Roller wiehert schon ungeduldig. Ich wittre Rebensaft.«

Sie lehnten im Wagen. Lackl fuchtelte wild mit seinem Stock und schlug mächtige Hiebe gegen einen eingebildeten Gegner.

»Was treibst du eigentlich, Lackl?«

»O Herr, ich treibe frommes Tun. Ich habe die Feueranbeter mit den Wasseranbetern versöhnt und die Vereinigte Feuerwasseranbeter-Religionsgesellschaft m. b. H. gegründet. Ich bin ihr Oberpriester.«

Diesen Weg war Lutz mit Hilde gefahren. Er steuerte zum selben Wirtshaus, denselben Tisch suchte er aus, an dem er mit ihr gesessen hatte. So war es damals wie heute. So gegen Abend mit ersten Lichtern in der Dämmerung, so klangen die Gläser, so schmeckte der Wein, herb und erregend.

»Sollst leben, Farbiger, prost!«

»Prost, Lackl, ich komme mit.«

Lackl schlug statt des Schlägers den Spazierstock knallend auf den Tisch.

»Silentium! Der schöne Kantus steigt: Delectat variatio, sagte schon Horatio.«

»Schließ die Klappe, Lackl, ich bin nicht auf's Grölen gestimmt.«

Der lange Student faßte sein Gegenüber aus schmalen, grünen Augen aufs Korn. Er war noch nüchtern genug, um zu bemerken, daß mit Lutz etwas nicht in Ordnung war.

»Der Herr hat Kummer. Da ich annehme, daß die Philister ihre Rechnungen brav bezahlen, so steckt das Weib dahinter, des Höllenfürsten teuflische Erfindung, Patent in allen Staaten angemeldet.«

»Wenn's dich viel angeht, Lackl, geht's dich einen Schmarren an. Prost.«

»Prost, Farbiger, du weißt dein Glück nicht zu schätzen. Eine unglückliche Liebe ist eine herrliche, reelle Sache, dauerhaft wie Doppelsohlen, sehnsuchtsvoll wie ein Maienabend. Sauf ruhig, saufe ruhig, mein Kind, in dürren Ästen säuselt der Wind. Ein Prosit allen unglücklich Liebenden.«

»Prost.«

Sie tranken in langen Zügen, tranken Glas um Glas, Flasche um Flasche, der erzbraune, unbewegliche Römerkopf mit den steilen, langen Falten auf der Stirne gegenüber dem schmalen, glattrasierten Studentenschädel, auf dem die Narben rötlich leuchteten. Lackl bekam schwimmende Augen.

»Prost, Farbiger, laß es dich nicht anfechten. Liebe ist eine Mensur, heißt Kampf bis zur Abfuhr. Hast einen Blutigen, was ist dabei? Es geht weiter, mein Sohn. Auf die Mensur! Bindet die Klingen. Sind gebunden. Los!«

Lutz antwortete nicht. Er blickte mit klaren, starren Pupillen auf den Fluß, der abendliche Feuchte atmete. Der Garten wurde dunkel.

»Trink, mein Junge, trink. Kommst noch zurecht zum Traualtar. Immer noch zu früh. Als Ehemann lebt man wie ein Hund und stirbt wie ein König, als Junggeselle stirbt man wie ein Hund, aber man lebt wie ein König. Prost ex.«

»Hol dich der Teufel! Prost!«

Die grünen Augen im wüsten Studentengesicht wurden glasig. Der schlacksige Geselle hing schlapp im Stuhl, murmelte nur noch unverständliches Zeug. Lutz goß die Gläser voll. Wurde getrunken, sollte getrunken werden, verdammt nochmal! Dich werde ich eintunken, mein Junge, vollaufen lassen bis zum Rand. Er spürte keine Wirkung.

»Hallo, hier wird nicht gekniffen. Prost ex.«

Der Student langte mechanisch nach dem Glas und schüttete es in den Hals. Aber seine Hand war schon unsicher.

»Prost«, lallte er, »Pröstchen, Prösterchen. Ich komme mit! Ich komme überall mit.«

Lutz hatte einen Ekel vor sich und dem langen Burschen am Tisch. Er war wütend über sich, daß er da saß und sich sinnlos und ohne Genuß das Zeug hineintrichterte, war wütend, daß der andere betrunken war und er selbst nicht.

»Trink, du Schuft! Lackl! Schlapper Hund! Prosit!«

Eine zitternde Hand griff auf den Tisch und warf den Römer um, daß der Wein über die nackte Platte floß. Der willenlose Arm fegte das Glas auf die Erde, wo es in Splittern liegen blieb.

Ein Schnarchen kam aus gurgelnder Kehle. Lackl schlief mit bleichem, hintübergesunkenem Kopf und halboffenem Mund.

»Lackl! Verfluchter Schlappschwanz!« schüttelte Lutz den Schläfer. Der rührte sich nicht mehr. Lutz setzte sich wieder hin, die Ellbogen auf den Tisch, das Gesicht in die Hände gestützt. Und fing jetzt, wo der Betrunkene nicht mehr hören und nicht mehr antworten konnte, halblaut zu sprechen an. Mit leiser, heiserer Stimme:

»Du, sie ist weggefahren, hörst du? Weggefahren. Ohne ein Wort. Verstehst du das? Ohne ein Wort. Und ich halt's nicht aus ohne sie, ich halt's nicht aus!«

Lackl schnarchte mit gezogenen, sägenden Tönen.

»Ich will sie zurückhaben. Sie muß bei mir sein, wenn ich kämpfe. Lackl, du betrunkenes Schwein, verstehst du mich? Ich muß kämpfen, sonst gehe ich zugrunde, ich muß mich aufhängen, wenn ich um nichts mehr zu kämpfen habe. Ich bin keiner von den Bürgern, die ein Pöstchen brauchen, auf das sie sich setzen können. Ich brauche Kampf, daß die Fetzen fliegen. Was grunzt du denn, du Idiot? Kampf, hörst du mich, Lackl? Kampf! Und sie muß neben mir stehen. Ich muß ihre Hand und ihren Körper spüren und ihren Atem und ihren Dunst. Zu mir gehört sie, zu mir und nirgendwo anders hin. So will ich es haben, so, so und nicht anders.«

Er sprang auf und fegte mit einem Schlag die Gläser und Flaschen vom Tisch, daß sie zu klirrendem Haufen flogen, warf ein paar Scheine der herbeieilenden Kellnerin hin und ging, ohne auch nur einen Blick auf den Betrunkenen zu werfen, zu seinem Wagen.

*

Als Lutz nach Hause kam, nüchtern und doch vom Genuß des Weines unbewußt erregt, von rasender Fahrt durcheinandergerüttelt, machte er vor Lenores Tür halt. Zum erstenmal in seinem Leben hatten Einsamkeit und Sehnsucht seine Brust in klammernde Umarmung gezwängt und vor dem betrunkenen Kumpan das Wort gewaltsam auf seine Zunge getrieben. Aber es war keine Erlösung gewesen, sich vor dem bewußtlos schnarchenden Menschenklumpen auszuschütten, ohne die Milde des Widerhalls, ohne das beruhigende Streicheln des Mitgefühls. Er horchte. Aus dem Zimmer drang das leise Auf und Ab ruheloser Schritte. Auch da drinnen kämpfte ein Mensch mit sich und wurde nicht fertig. Irgend etwas zog Lutz hinein, irgend etwas hielt ihn zurück. Kindesgewohnheit, Erinnerung an mütterliche Zärtlichkeit gab ihm die Klinke in die Hand, bange Ungewißheit, daß sich eine Fremdheit zwischen ihn und die Mutter drängen könnte, vielleicht schon gedrängt hat, löste seine Finger wieder vom kühlen Metall. Mußte denn die ruhelose Frau drinnen nicht immer an das Mädchen denken, dessen Erscheinen sie mit so niederschmetterndem Grauen erfüllt hatte, mußte sich in ihr nicht doch eine Stimme erheben für das Wesen, das mit ihr vielleicht – wo war noch Sicherheit? – mit geheimnisvollsten Fäden unsichtbar unter der Fläche des Bewußtseins verwoben war? Oder müßte sie nicht eher spüren, daß er draußen steht und sich nach einem Menschen sehnt, müßte sie es nicht mit Gewalt zur Türe treiben, sie öffnen heißen und ihn zu sich hereinziehen? Drinnen klappten die Schritte gedämpft weiter auf Teppich und Bodenbelag. Keine Tür öffnete sich, kein Arm streckte sich, mütterlich rufend, entgegen. Im Gefühl ungeheuerlicher Verlassenheit ging Lutz von der Tür.

*

Lenore hatte einen aufregenden Nachmittag hinter sich. Seit der Reise quälten sie ununterbrochen Gewissensbisse. Aller Welt gegenüber fühlte sie sich im Unrecht, obwohl sie sich keiner Schuld bewußt war. Sie konnte die Erinnerung an Brigitte Hartwig nicht verscheuchen. Wäre Lutz zu dem vereinsamten, armseligen, alten Mädchen irgendwie gut und weich gewesen, wäre nur ein Fünkchen von Wärme von ihm zu dem abgehärmten Schatten hinübergesprungen, sie wäre umgekommen vor Eifersucht, wäre tausend Tode der Verzweiflung gestorben. Nun, da er so kühl und unnahbar gewesen war, kam sie nicht los von dem Gedanken, daß sie einer anderen das einzige Glück genommen hatte. Wenn die andere noch um den Sohn gekämpft hätte, wie jedes Tier um sein Junges kämpft, aber dieses zerschlagene, hoffnungslose Stillhalten! Lenore griff sich an den Kopf. Was waren das für irrsinnige Gedanken! Lutz war doch ihr Sohn, ihr Junge, ihr Lutz, der fest zu ihr hielt. Aber das war ja das unsäglich Zermürbende und Quälende, daß alle Zweifel der Hölle in ihr losgelassen waren. Man hatte auf ihr Herz gezielt und gut getroffen. Als Kläre Grabowski vor ihr aufgetaucht war wie eine unglaubwürdige Erscheinung, war der letzte Rest von Sicherheit in ihr zusammengebrochen. War so Ungeheuerliches möglich? Das Leben war so unwahrscheinlich wie kein Roman, kein Theaterstück, und eine so klägliche Rolle spielte man in dieser Komödie. Was hatte dieses Mädchen getan, daß sie es haßte, daß jeder Pulsschlag Abneigung klopfte, jede Faser in ihr sich aufbäumte gegen den Gedanken, die schlanke Gestalt Tochter zu nennen? War das nicht schreiendes Unrecht, Sünde gegen das eigene Blut?

Nachmittags war Lenore von Rechtsanwalt Benting angerufen worden. Er hatte sie zu sich gebeten gleich nach Lutz' Weggang. Sie sollte den Sohn beeinflussen, nachgiebig zu sein. Sie sollte beeinflussen, die für sich nicht genug Kraft hatte. Und man dürfe Kläre Grabowski nicht unnötig brüskieren. Wie die Dinge nun einmal liegen, wäre doch das Unwahrscheinlichste möglich. Also auch er glaubte – alle Menschen glaubten wohl schon – – Wie vorsichtig Benting sich an sie herangetastet hatte. Ob sie nicht vielleicht aus Zerstreutheit oder Verwirrtheit die fehlenden Tagebuchhefte Vitalis – – es handle sich um die Gegner, um das Gericht, der merkwürdige Eindruck – – Sie hatte anfangs gar nicht begriffen, wessen er sie eigentlich verdächtigte, er mußte erst deutlicher werden. Und sie war so betroffen gewesen, daß sie nur den einen Satz herausgebracht hatte:

»Glaubt das Lutz von mir?«

»Aber nein, nein«, hatte Benting geantwortet.

Vielleicht hatte er das nur so gesagt, um sie zu beruhigen, weil er sah, wie aufgeregt sie war. Vielleicht glaubte Lutz wirklich – – Gott, Gott, womit hatte sie das verdient? Weshalb kam Lutz nicht zu ihr, weshalb fühlte er nicht, daß er zu ihr kommen muß und ihr sagen, daß nicht eine Spur von Verdacht in seinem Herzen Platz hat? Durch zehn Wände mußte er das fühlen. Es klopfte. Lenores Herz klopfte rascher. Kam Lutz, hatte er ihr lautloses, inbrünstiges Rufen gehört?

»Ja, bitte.«

»Fräulein von Tillowitz möchte die gnädige Frau sprechen«, meldete das Mädchen.

Gina, nicht Lutz. Lenore ließ den Kopf sinken. Ja, ja, Gina soll nur kommen, wenigstens ein Mensch, der sich um sie kümmerte.

Gina war nie diejenige gewesen, die beruhigen und Trost spenden konnte. Und in ihrem jetzigen Zustand weniger denn je. Sie hatte fast täglich Auseinandersetzungen mit Vinzenz, dessen Benehmen zu ihr von Beisammensein zu Beisammensein kränkender wurde, und der sich immer weniger Zwang auferlegte. Gina erduldete alles, drückte beide Augen zu, verstopfte sich die Ohren, nur um sich darüber hinwegzutäuschen, daß das Spiel eigentlich schon zu Ende sei. Vielleicht hoffte sie, von Lenore irgend etwas Neues zu erfahren, was sie Vinzenz hinterbringen konnte, um ihm ihre Liebe zu zeigen, oder ihr Wissen gegen ihn auszuspielen, damit er bemerke, daß er sie gebraucht, daß er auf sie angewiesen ist. Vielleicht war es das. Aber vielleicht brauchte sie auch nur selbst Trost und suchte Zuflucht bei der Freundin, obwohl Lenore gar nicht wissen durfte, wie sie eigentlich mit Vinzenz stand.

»Wann bist du zurückgekommen? Gute Nachrichten gebracht? Du weißt doch, wie ich mich interessiere. Bist ja so blaß? Unannehmlichkeiten gehabt? Kannst du es mir nicht sagen? Nicht einmal mir?«

Lenore blickte vor sich hin und rührte gedankenverloren in ihrem Tee, den das Mädchen angerichtet hatte.

»Frag' mich jetzt nicht. Später, Gina. Wie geht's dir?«

»Ach, mir. Wie soll's mir gehen?«

»Sag', Gina, ist mein Schwager noch hier?«

Lenore fragte völlig harmlos. Sie glaubte im Gegenteil, wenn Gina etwas wüßte, was für sie von Belang sein könnte, würde es die Freundin ihr erzählen. Sie waren doch Vertraute. Gina faßte die Frage anders auf. War Lenore mißtrauisch geworden? Hatte man ihr etwas hinterbracht? Sie wußte nicht recht, was sie antworten sollte, und zögerte.

»Ich glaube wohl. Vor ein paar Tagen habe ich ihn noch gesehen.«

Es mußte wohl etwas in Ginas Stimme sein, was Lenore auffiel, denn sie sagte plötzlich:

»Siehst du, Gina, etwas verstehe ich nicht. Und das beschäftigt mich schon die ganze Zeit. Wie sind sie, meine Schwiegermutter und mein Schwager, auf die Idee gekommen.«

Gina war eine gute Schauspielerin, aber sie fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Sie öffnete ihr Handtäschchen und fing an, sich zu pudern. Und wußte im selben Moment, wie auffällig gerade in diesem Augenblick diese Bewegung, die ihre Verlegenheit verbergen sollte, war.

»Woher soll ich das wissen, Lenore? Ich war ja selbst so überrascht.«

»Gina, sag', bist du meine Freundin?«

»Das weißt du doch. Du fragst so merkwürdig. Hast du Mißtrauen zu mir? Dann kann ich ja gehen.«

»Weshalb bist du so aufgeregt, Gina?«

»Ich bin gar nicht aufgeregt. Du bist aufgeregt.«

»Weißt du noch, Gina, erinnerst du dich an den Tag, an dem der arme Vitali das letzte Mal bei uns war? Da war ich doch so unruhig und habe dir mein Gespräch mit ihm erzählt. Gina, ich bitte dich, sei ehrlich zu mir. Ich war dir immer eine gute Freundin, was ich tun konnte, habe ich immer getan.«

»Ach, willst du mir deine Wohltaten aufs Brot schmieren? Ich denke –«

»Habe ich dir je etwas vorgehalten?«

»Immer.«

Unter anderen Umständen hätte Gina vielleicht nicht so scharf geantwortet. Aber sie hatte Angst vor einer gewissen Frage, von der sie spürte, daß Lenore sie auf der Zunge trug. Nur diese Frage nicht, lieber Zank. Streit, ablenken, nur diese Frage nicht.

»So verstehe mich doch. Wir sind ja Freundinnen. Was die eine der anderen tut, ist selbstverständlich.«

»Scheinst du ja nicht zu finden, sonst würdest du es nicht immer betonen.«

»Nicht streiten, bitte, bitte, nicht streiten. Du warst immer meine Vertraute, dir habe ich alles erzählt.«

»Ach sooo? Und du meinst –? Wenn du mir so kommst, dann gehe ich lieber. Ich muß mir ja nicht alles gefallen lassen.«

Sie erhob sich und griff nach ihrer Handtasche. Lenore hielt sie aufgeregt fest.

»Du darfst jetzt nicht fortgehen. Du mußt mir antworten. Hast du meinen Leuten irgend etwas erzählt? Bitte, sage es mir. Ich will dir keine Vorwürfe machen, vielleicht war es nur Unvorsichtigkeit und ist dir nur so herausgerutscht.«

»So laß mich doch los.«

»Nein, jetzt will ich erst die Antwort haben.«

Die beiden Frauen sahen sich gegenseitig in die Augen. Gina zwang sich, den Blick, der sie aus großen, dunklen Pupillen traf, auszuhalten. Sie hätte keinen Moment Gewissensbisse empfunden, wenn ihr nicht tief im Inneren schon die Ahnung gedämmert hätte, daß das Opfer, das sie gebracht, der Verrat, den sie begangen hatte, nutzlos gewesen war. Im Grunde hatte sie nur das Gefühl, daß ihr Unrecht geschehen sei, daß sie Unglück habe und von aller Welt verlassen sei. Weinen saß ihr in den Mundwinkeln, und mit aller Gewalt kämpfte sie sich eine trotzige Antwort ab.

»Ich habe gar nichts gesagt.«

»Schwöre mir.«

»Wegen so einer Lappalie schwöre ich nicht. Laß mich los.«

Lenore sah sie groß und erschrocken an, ohne ihr Handgelenk loszulassen.

»Lappalie? Du sagst Lappalie, wenn es sich um mein Lebensglück handelt? Wenn du mir jetzt nicht die Wahrheit sagst, wenn du jetzt nicht schwörst, Gina, sind wir geschieden.«

»Sei doch nicht kindisch.«

Gina hatte Angst vor einer Feindschaft mit Lenore. Sie war hier mehr zu Hause als bei sich, sie hatte eigentlich niemanden außer Lenore, von der sie nur Gutes empfing. Sie dachte an Vinzenz, an den Mann. Es riß sie hin und her, Tränen kamen ihr hoch.

»Du schwörst nicht?«

»Gut, ich – schwöre.«

»Bei allem, was dir heilig ist?«

Gina schlug die Augen nieder. Leise und schwer kam es ihr von den Lippen.

»Bei allem – was mir heilig ist.«

*

Vinzenz langweilte sich. Und das war für ihn das Schlimmste. Er wollte sich nicht eingestehen, was ihm eigentlich fehlte. Daß er sich nach Hilde sehnte, daß sie ihm schon beim Frühstück abging und weiter den ganzen Tag. Er machte sich Vorwürfe, daß er so schwach gewesen war und seiner Mutter gar keinen Widerstand entgegengesetzt hatte. Obwohl er genau wußte, daß er, wenn es hart auf hart käme, wieder klein beigeben würde. Briefe, die von seiner Mutter kamen, ließ er oft tagelang uneröffnet liegen, und wenn er sie endlich las, war er außer sich vor hilfloser Aufregung. Er war nun einmal nicht aus dem Holz, aus dem Kämpfer geschnitzt werden. Stand er vor dem Spiegel, eitel wie eine Frau, stellte er mit Schrecken fest, daß er alt aussah. Die Figur ging ja. Aber das Gesicht. Die grauen Haare, die Falten. Bevor er nach Mannheim gekommen war, hätte ihm niemand mehr als vier- bis fünfundvierzig Jahre gegeben und jetzt – – Weit ärger war, daß er sich alt fühlte. Der Teufel, ja, alt. Die ganze Lebensfreude ging einem flöten bei den familiären Balgereien. Und wozu – wofür? Für sich? Lachhaft. Für Hilde? Erst recht nicht, denn die hätte mehr, wenn sie Lutz heiraten würde. Und für Klaus, der sich scheinbar gar nicht um das Glück riß, das man ihm erweisen wollte? Selbstbetrug alles! Schwindel! Die Mutter wollte ihre Rache haben. Deshalb mußte er hier sitzen, aufpassen wie ein Gefängniswärter und den sauer gewordenen Reizen Fräulein Ginas huldigen. Das sollte ein anderer aushalten. Aus reinem Ärger hatte er ein kleines Geplänkel mit einem Chormädel von der Oper angefangen, das ihm obendrein nicht einmal sonderlich gefiel. Daß man ihn sehen würde, daß man darüber tratschen würde, war ihm gleichgültig. Daß Gina ihm ihre schon zur ständigen Einrichtung gewordenen Eifersuchtsszenen machen würde, erst recht. Sollte sie wenigstens Grund haben dazu. Er sah auf die Uhr der Hotelhalle. Jetzt wird sie gleich angetanzt kommen. Sie waren erst in einer halben Stunde verabredet, aber Gina kam immer zu früh. Es war zum Auswachsen. Wenn sie zu spät kam, kam sie auch noch zu früh.

Diesmal verspätete sich Gina wirklich. Es war schon eine Viertelstunde über die Zeit. Noch fünf Minuten, dachte Vinzenz, dann gehe ich. Immer noch besser, sich allein langweilen als mit Gina. Aber sie kam in diesen fünf Minuten. Mit verbissenem Gesicht, die Aufregung über das Zusammensein mit Lenore in den Gliedern. Sie war eine halbe Stunde länger bei der Freundin geblieben, hatte gebohrt und gebohrt, um auf das scheinbar wiedergewonnene Vertrauen hin aus Lenore etwas herauszubekommen. Lenore hatte sich ausgeschwiegen, so sehr es sie gedrängt hatte, der inneren Spannung das Ventil freundschaftlicher Aussprache zu öffnen. Diesmal hatte sich die sonst so Vertrauensselige, wie von innerer Stimme gewarnt, in hartnäckiges Schweigen verschlossen. In um so hartnäckigeres, je mehr die Freundin ihr zugeredet und sie mit Fragen bestürmt hatte.

Gina setzte sich hastig in einen der Klubsessel der Halle und riß sich mit spitzen, hastigen Fingern die Handschuhe ab. Sie hatte das Gefühl, als käme sie zu Vinzenz mit leeren Händen, wo sie zu schenken verpflichtet wäre. In den wenigen Minuten der Einkehr, in denen sie sich selbst die Wahrheit zu sagen pflegte, gestand sie sich mit erschreckender Offenheit, wie die Fäden beschaffen waren, die Vinzenz an sie fesselten. Sie brauchte die aufgebauschten und ausgeschmückten Neuigkeiten und Sensationen, damit sie nicht überflüssig wurde. Und mit den Neuigkeiten würde es jetzt ein Ende haben.

»Oh, die Gnädige ist ungnädig«, sagte Vinzenz mit leichtem Spott.

Sie konnte ihm nicht antworten: Ich war bei Lenore, sie ist mißtrauisch geworden und will mir nichts mehr anvertrauen. Ihre Beziehungen zu ihm waren ein Krieg, in dem sie sich keine Blöße geben durfte.

»Dafür scheint der gnädige Herr um so besserer Laune zu sein. Vermutlich hat man sich mit dieser ›Dame‹, mit der man heute vormittag spazieren gegangen ist, sehr gut unterhalten.«

Gina hatte ihn also gesehen. Sie sah ja alles. Vinzenz schien gar nicht verlegen.

»Gefällt sie dir?«

»Bitte, laß deine taktlosen Bemerkungen. Ich verstehe nicht, wie ein Mann von Kultur sich mit einem solchen – Farbenkasten öffentlich zeigen kann.«

»Du hast eine rote Nase, Gina.«

Das war ihr wunder Punkt. Sie entnahm sofort ihrem Handtäschchen Spiegel und Dose und begann sich zu pudern.

»Und jetzt steck den Farbenkasten wieder weg.«

Oh, er hatte die Kunst, sie zu ärgern, zur Vollkommenheit ausgebildet. Und wenn er so in nachlässiger Haltung und mit überlegenem Lächeln vor ihr stand, groß und elegant, ganz Herr der guten Gesellschaft, verging sie vor Liebe, Eifersucht und Gefühl der Ohnmacht, die sie sich nicht eingestehen wollte. Dann wurde sie spitz, was sie häßlich machte, und verdarb es ganz, weil sie nie zur richtigen Zeit aufzuhören verstand.

»Willst du mit mir streiten? Das kann ja sehr gemütlich werden.«

»Ich und streiten?« sagte er unschuldig. »Ich denke nicht daran. Die wenigen Tage, die ich noch hier bin, möchte ich so angenehm verleben wie nur möglich.«

Heute war er von einer geradezu ausgewählten Niedertracht zu ihr. Er wußte sehr genau, wenn er den Gedanken einer Abreise nur streifte, geriet sie schon außer sich. Von allem durfte er sprechen, nur nicht von Abreise. Sie starrte ihn aus aufgerissenen Augen an.

»Was soll das heißen?«

»Daß ich bald mein schweinsledernes Bündel schnüre. Ich kann doch nicht ewig hier sitzenbleiben.«

»Und ich?«

»Wie meinst du das?«

Er hatte eine bewundernswerte Art, die einfachsten Dinge nicht zu verstehen, wenn er nicht verstehen wollte.

»Und ich soll allein hier bleiben?«

»Allein? Du hast doch deine Mutter hier und Lenore, deine beste Freundin.«

»Du bist ja so gemein zu mir«, zischte sie ihn an. »Das ist der Dank, daß ich dir geholfen habe? Dafür habe ich mich aufgeopfert und mich von dir und deiner Familie ausnutzen lassen? Was machst du, wenn ich euch jetzt sitzen lasse? Glaubst du, ihr wißt schon alles?«

»Vielleicht nicht alles, aber doch genug. Am Ende sogar mehr als du.«

»Gar nichts wißt ihr, gar nichts. Ich komme eben von Lenore und habe Sachen erfahren, von denen ihr nicht einmal einen Schimmer habt. Bildet euch nur nicht ein, daß ihr die Partie schon gewonnen habt. Und ohne mich werdet ihr sie auch nicht gewinnen. Dafür garantiere ich.«

Was für eine kleine Bestie sie ist, dachte er.

»Du wirst deine Weisheit vor Gericht schon auskramen.«

»So, meinst du? Wer will mich dazu zwingen? Wenn ich nicht will, weiß ich gar nichts. Dann ist eben alles Tratsch und Klatsch gewesen.«

Er glaubte wirklich, daß sie etwas Wichtiges erfahren hatte und war doch neugierig. Jetzt wollte er es nicht zum Bruch kommen lassen.

»Wollen wir nicht lieber Abendbrot essen, statt uns zu zanken?«

Sie sah, daß er einlenkte und wollte sich den kleinen Vorteil, den sie in der Hand hatte, nicht entwinden lassen. Jetzt würde er wieder süß reden und sie dumm machen. Nein, sie wollte eine Erklärung, ein klipp und klares Versprechen. Sie hatte einen Verrat begangen, gut, sie wollte es nicht umsonst getan haben.

»Danke, ich bin nicht hungrig.«

»Also, was möchtest du?«

»Reinen Tisch.«

»Wie meinst du das?«

»Ach, du verstehst mich nicht?«

Sie konnte ihm doch nicht sagen, ich will, daß du mich heiratest. Das brachte sie nicht über die Lippen. Er verstand sie natürlich sehr gut, aber er hütete sich, es einzugestehen.

»Wirklich nicht.«

Sie spielte mit den Handschuhen. In das peinvolle Schweigen, das entstand, klang aus dem Speisesaal Geigenton, Schlagwerk und dudelndes Singen eines Blaszeuges.

»Also gut, du verstehst mich nicht. Ich werde dir einmal etwas sagen, lieber Vinzenz«, sie klapperte vor Frost mit den Zähnen, obwohl es glutheiß in der Halle war, »wir haben lange genug Komödie gespielt, es wird Zeit, daß wir die Karten aufdecken.«

»Bitte nur ruhig aufzudecken.«

»Ich habe meine beste Freundin an dich verraten. Ich weiß, daß das eine – sagen wir's nur ruhig – Gemeinheit war. Aber ich liebte dich und glaubte, daß das nicht ganz einseitig sei. Und du hast, zumindest im Anfang, nichts getan, um diesen Glauben zu zerstören. Stimmt's?«

»Bitte, nur weiter.«

Sie redete rascher.

»Bis du offenbar der Meinung wurdest, daß du mich nicht mehr benötigst. Da hast du langsam begonnen, die Maske zu lüften. Und jetzt möchtest du mich gern ganz zur Seite schieben.«

»Klingt sehr schön, was du sagst, hat aber ein kleines Loch.«

»Und durch dieses Loch denkst du als Kavalier, der du bist, hindurchzuschlüpfen?«

»Dieses kleine Loch besteht in der Tatsache, daß du Lenore verraten hast, als du mich noch kaum kanntest. Also bevor von einer Gegenseitigkeit die Rede sein konnte.«

Gina verkniff böse den Mund. Ihre Stimme spritzte laugenscharf.

»Ach sooo? Jetzt macht man es mir zum Vorwurf, daß ich mich geopfert habe? Jetzt wird man plötzlich moralisch, weil man glaubt, das Ziel schon erreicht zu haben? Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan und nun Gott befohlen? Oh, nein, mein Lieber, so einfach ist das nicht. Mich abschütteln und fertig?«

»Du willst an dem Geschäft beteiligt sein«, antwortete Vinzenz eisig. »Verstehe ich vollkommen. Ich habe nur nicht gewagt, dir eine Provision anzubieten. Aber ich werde mit unserem Rechtsanwalt sprechen.«

Er sah, wie Fieberröte in ihr blasses, gepudertes Gesicht schoß. Er fühlte keine Spur des Mitleids. Sie erschien ihm so abstoßend, so widerwärtig in diesem Augenblick, daß ihm seine Roheit nicht leid tat. Es mußte ja doch ein Ende gemacht werden. Lieber früher als später. Gina konnte schaden. Mochte sie. Jetzt war ihm schon alles egal. Es ekelte ihn. Sie schnappte nach Luft.

»Weißt du, was du bist?«

»Ja, ich weiß«, sagte er, und sie hatte ihn noch nie in diesem Ton sprechen gehört, »ich bin ein Lump, weil ich mich in diese ganze Schmutzerei eingelassen habe, weil ich auf dich und die anderen gehört habe, weil ich das Glück meines Mädels opfere, und weil ich ein Waschlappen bin. Genug Karten jetzt aufgedeckt?«

Sie griff über den Tisch und packte ihn am Ärmel.

»Nein«, fauchte sie, »noch nicht genug. Du bist ein Feigling, ein erbärmlicher Feigling.«

»Bitte, auch noch ein Feigling. Es kommt nicht mehr darauf an.«

»Du, ich mache dir hier einen Skandal, daß das ganze Hotel zusammenläuft. Ich schreie.«

Er streifte ihre Hand vom Ärmel wie etwas Lästiges.

»Bitte, schreie ruhig. Vielleicht schreie ich sogar mit. Mir ist ohnehin so zumute. Hallo, Ober, eine Mumm.«

Gina war kreideweiß. Sie stand auf und raffte Handtasche und Handschuhe zusammen. Ihre Stimme zitterte vor Aufregung.

»Das wird dir noch leid tun, sehr leid.«

Sie wandte sich zum Gehen. Er rührte sich nicht und besah seine Fingernägel. Sie zögerte im Schritt, wartete, daß er sie doch noch zurückhalten würde. Er blickte erstaunt auf, als ob er fragen wollte: Du bist noch da?

»Du wirst noch an mich denken.«

Sie war schon außer Hörweite und konnte seine Antwort nicht hören.

»Das wird ein böser Traum sein.«

Der Kellner brachte diensteifrig den Sekt und stellte ihn in einen Eiskübel. Vinzenz streckte sich behaglich im Klubsessel. Ein Boy kam herangerannt.

»Der Herr Baron wird von einer Dame am Telephon verlangt.«

Das war die Kleine vom Chor.

»Sage, daß ich soeben mit dem Flugzeug nach Honolulu gefahren bin.«

Der Junge machte dumme Augen und grinste.

»Hast du nicht verstanden, du Dummkopf? Nach Honolulu! Mit dem Flugzeug! Marsch!«

Schon lange hatte Vinzenz nicht so gut geschlafen wie diese Nacht. Er lag noch im Bett, als ihm der Briefträger ein Schreiben Trendelenburgs brachte. Darin stand als letzter Satz: »Bitte, versichern Sie sich der Zeugenaussage des Fräuleins von Tillowitz.«

Vinzenz lächelte und zerriß, leise pfeifend, den Brief in winzig kleine Stücke. Die weißen Papierfetzen flatterten wie Schneeflocken auf den Bettvorleger.

*

Um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche brauste der Strom der Kraftwagen, Elektrischen und Autobusse wie eine wahnsinnig gewordene Drehschaukel. Verkehrsampeln wechselten rote, gelbe und grüne Lichter. Hilde wartete mit Klaus in der gestauten Menge der Fußgänger, um den Fahrdamm zu kreuzen. Ihre Augen huschten beglückt über den Hexenkessel der Fahrzeuge, über aufflammende und verlöschende Lichtreklamen, saugten sich voll mit dem lärmenden, hastenden, von hunderttausend Lichtern überspielten Leben Berlins, das sich in diesen Brennpunkt ergoß und nach allen Richtungen wieder auseinanderstob. Sie hörte das dröhnende Herzklopfen dieser Stadt, deren Schall in rauschenden Wogen gegen die Mauern der Häuser schlug.

»Herrlich ist das, Kläuschen, sich so vom Strom tragen zu lassen. Hier wird uns beiden leichter werden.«

»Komm nur rasch hinüber.«

Er schien gar nicht beglückt. Ihn verwirrten der Lärm, die Lichter, das Gedränge. Das war nicht seine Welt. Nie würde er hier heimisch werden. Er wünschte sich zurück in die arbeitsvolle Stille seines Mannheimer Laboratoriums. Oder wenigstens in die Pension in der Augsburger Straße, in der die Geschwister sich Zimmer gemietet hatten. Die Großmutter hatte zwar gewünscht, daß sie bei ihr in der Viktoriastraße wohnen sollten, denn sie meinte stärkeren Einfluß ausüben zu können, wenn sie die beiden unter ihren Augen hatte. Doch weder Klaus noch Hilde dachten auch nur daran, die Einladung anzunehmen. Seitdem Hilde in Heidelberg gegen die alte Frau aufgetrumpft hatte, war sogar so etwas wie unausgesprochene Feindschaft zwischen ihnen, und Klaus ging immer, so still und weich er war, eigene, unbeirrbare Wege.

Ein bißchen widerstrebend folgte er der Schwester in den Vorgarten einer der Kurfürstendammkonditoreien. Sie wollte noch das Bild dieses starken, aufreizenden Lebens genießen, das aus den Quellen der Arbeit und des unerbittlichen Wettkampfes, des Vergnügens und Lasters mit immer erneuten Kräften gespeist wurde.

»Wenn du zu Hause bist und deine Bücher siehst, habe ich ja doch nichts von dir.«

Und außerdem wollte sie mit Klaus über Kläre Grabowski sprechen.

Als sie das erstemal – es war bei einem Mittagessen bei der Großmutter – Kläre erblickten, waren sie beide nicht weniger verblüfft als es die anderen waren. Aber ihre Einstellung zu ihr war grundverschieden. Kläre kam ihnen, das war ja selbstverständlich, überaus freundlich entgegen und warb, im Bestreben sich mit allen Gliedern ihrer neuen Verwandtschaft gut zu stellen, nicht ungeschickt um die Gunst des Vetters und der Base. Das waren ja Klaus und Hilde sozusagen. Und es mußte doch leider sein, mit den beiden jungen Menschen, die im Alter zu ihr paßten, zu jenem Ton der Vertrautheit zu gelangen, den Kläre ersehnte und der der alten Frau gegenüber doch unmöglich war. Bei Hilde scheiterten diese Bemühungen sofort. Nicht weil sie hochmütig gewesen wäre, wenn auch Kläre das Benehmen der Kusine so deutete. Aber Hilde hatte nur einen Gedanken: das ist Lutz' Feindin, auch sie kämpft gegen ihn. Es gab nur einen Menschen auf der Welt, dem sie den Kampf gegen Lutz verzeihen konnte. Das war ihr Vater. Lutz war hart zu ihr gewesen und ungerecht, und jeder Gedanke an ihn war schmerzhaft und aufwühlend, aber doch voller Liebe und Sehnsucht. Und jeder, der ein Feind von Lutz war, war auch ihr Feind. Sie erwiderte den Händedruck Kläres mit keinem Fingerzucken, und ihr Gespräch war kühl und unbeteiligt, wie es gar nicht ihrer Art entsprach. Kläre hätte keine Frau sein müssen, um nicht sofort zu spüren, daß diese Tür ihr nicht aufgetan werden würde. Instinktsicher schloß sie sich sofort an Klaus an, und sie war nicht unerfahren im Umgang mit Männern. Klaus war unbeholfen und schweigsam in Gesellschaft von Frauen, die ihn auch nie beachteten. Äußere Vorzüge zeichneten ihn nicht aus, seine schwere, stockende Art zu sprechen, wirkte häufig lächerlich, und er hatte eine beklemmende Angst vor Neckereien, denen er nicht gewachsen war. Mit der zarten Gewandtheit der Erfahrenen brach Kläre seine Sprödigkeit auf. Und sie verstand es vor allen Dingen, sich in das richtige Licht vor ihm zu setzen. Eine Frau, der himmelschreiendes Unrecht geschehen war und die Schutz brauchte – welchen Mann hätte das nicht gerührt? Noch nie hatte jemand Klaus so unbefangen und so gesprächig gesehen wie in Kläres Gegenwart.

Über Kläre Grabowski also wollte Hilde mit Klaus sprechen.

»Was sagst du, Kläuslein, zu unserer neuen Verwandten?«

Seine Augen hinter den runden Brillengläsern gingen unruhig hin und her. Er wußte selbst nicht, warum ihm die Frage unangenehm war.

»Wie meinst du? Ich glaube, sie ist – ein hübsches Mädchen.«

Hildes grauer, großer Blick hing an seinem Gesicht.

»Seit wann bemerkt mein Herr Bruder, ob eine Frau hübsch ist oder nicht?«

Sie ließ seiner Verlegenheit Zeit.

»Also sie gefällt dir?«

»Dir – nicht?«

»Ich mag sie nicht.«

Er antwortete nicht.

»Sie hat sich eingedrängt. Sie und die Großmutter sind an allem schuld.«

»Ich glaube, du tust – ihr unrecht. Man hat sie – doch aufgestöbert und gerufen. Und sie ist – nur im Recht.«

Hilde hielt sich die Ohren zu. Sie war sofort nervös und gereizt.

»Ich bitte dich, höre mir schon mit Recht und Unrecht auf. Bei dir sind alle im Recht. Lutz ist im Recht, und Vater ist im Recht, und ich und sie und Vetter Fuhrmanns Peitschenstock. Und dann sind wieder alle im Unrecht. Ich, du, er, sie, es.«

»Aber es ist – doch so. Und sie – sie ist nur im Recht. Man hat ihr die Mutter genommen, den Vater, ihre – Stellung, ihren Reichtum.«

»Du hast dich also richtig aufhetzen lassen und stehst auf ihrer Seite? Und willst ein Freund von Lutz sein?«

»Lutz braucht – von niemand Hilfe. Und sie – ist eine Frau.«

»Und ich, Klaus, was bin ich? Mir braucht niemand zu helfen, nein? Ich werde es schaffen, nicht wahr? An mich denkt kein Mensch. Alle haben mich verlassen, Lutz, Vater und du jetzt auch. Zu wem gehöre ich jetzt eigentlich?«

»Niemand hat dich – verlassen, Hilde. Du hast uns – verlassen.«

»Ja, ja, ich weiß schon, ich bin im Recht, ich bin im Unrecht. Einmal so, einmal so. Man kann es an den Knöpfen abzählen. Ich bitte dich, zahlen wir, gehen wir, ich will nichts mehr sehen und hören.«

Mit einem Schlage war Feindseligkeit im Lärm der Straße, lauerte Gefahr an jeder Ecke, die Verkehrsampel war ein großes, böses Auge.

Wohin gehöre ich eigentlich, fragte sich Hilde, während Klaus stumm neben ihr herging, was will ich hier? Sie beobachtete ihn aus den Augenwinkeln, und ihr Spürsinn tastete sich auf den Weg, den seine Gedanken gingen. Alle Hoffnung hatte sie auf Klaus gesetzt, er hätte die Brücke sein müssen, die wieder zu Lutz hinführte. Und diese Brücke, blitzte die Erkenntnis auf, war aufgerissen.

Die Pulse der großen Stadt schlugen in rasendem Takt in den steinernen Adern, aber es war nur noch ein häßlicher, sinnloser Lärm.

*

Hilde saß verzweifelt in ihrem Pensionszimmer vor Lutz' Bild, das unheimlich lebendig aus dem schmalen Silberrahmen sprang. Sie nahm das Bild in die Hand und hielt es dicht vor ihr Gesicht. Lutz, Liebster, was soll ich denn tun? Ich kann nicht zu dir, und ich kann nicht hierbleiben. Sprich doch zu mir, du, sage doch, was ich tun muß. Du mußt mir befehlen. Der schmale Römerkopf starrte aus dunklen Augen mit festgeschlossenem Mund. Sie drückte das Bild an die Wange und bettelte: Sage mir's doch ins Ohr, Lutz, was ich machen soll, so sage doch. Ungeduldig stellte sie das Bild wieder hin. Warum holst du mich nicht? Warum kommst du nicht und nimmst mich an der Hand und führst mich fort?

Im Korridor ging der helle Glockentriller des Telephons. Das Zimmermädchen klopfte an Klaus' Tür.

»Herr Doktor, eine Dame ist am Apparat.«

Dann kamen rasche Schritte, und Klaus sprach leise in den Hörer.

»Ja – ja – nach dem Abendbrot – nein – ja – gut!«

Es war deutlich erkennbar, er wünschte nicht, daß irgend jemand das Gespräch verstand. Hilde hatte bewegungslos gehorcht. Klaus und eine Dame – vielleicht die Großmutter. Nein, dann hätte er anders gesprochen. Sie dachte nach, wer – Und wußte dabei ganz genau, daß er sich mit Kläre Grabowski verabredet hatte. Warum auch nicht? Weshalb soll sich ein junger Mann mit einem jungen Mädchen nicht verabreden? War Klaus ihr Rechenschaft schuldig? Also weshalb regte es sie auf? Und sie antwortete sich selbst: Weil es Untreue gegen Lutz ist. Nach einer Weile ging sie zu Klaus hinüber. Er stand schon im dunklen Abendanzug und kramte in seiner Kragenschachtel.

»Wollen wir nachher ins Kino gehen?«

Er wandte ihr den Rücken zu.

»Heute kann – ich nicht.«

»Willst du arbeiten?« fragte sie harmlos.

»Nein – nein. Ich gehe fort.« Er drehte ihr sein sommersprossiges, blasses Gesicht zu, und seine Stimme war belegt. »Du verstehst dich doch auf – solche Sachen, welcher Schlips – paßt besser?«

Ihm fiel auf, wie ähnlich Hilde und Kläre sich waren, wie zwei Schwestern. Gleich blond, gleich schlank, gleich hübsch. Und er dachte mit einem weichen Gefühl an Kläre. Hildes Mund war spöttisch gekräuselt, ihr Blick huschte prüfend an ihm entlang.

»Du wirst ein Dandy, Klaus. Zeichen und Wunder, Bügelfalte und Krawattenprobleme. Nimm die da, hoffentlich gefällt sie – deinem Fräulein Kläre.«

Sie ging rasch aus dem Zimmer, weil ihr die Tränen aus den Augen schössen.

Klaus machte eine verwunderte Miene. Was hatte sie? Tat er etwas Schlechtes? Kläre war doch wirklich Unrecht geschehen, das gutgemacht werden mußte. Schön, er hatte verschwiegen, daß er Kläre nicht nur bei der Großmutter sah. Hilde mochte doch Kläre nicht leiden, weshalb sollte er es ihr also sagen? Er quälte sich ungeschickt mit dem Binden der Krawatte. Er war doch kein kleiner Junge, der um Erlaubnis fragen mußte. Um Erlaubnis? Wofür denn Erlaubnis? Ja doch, Kläre war ihm angenehm. Nun und? Durfte das nicht sein, weil Kläre gegen Lutz – was hatte seine Verabredung mit Lutz zu tun? Er zerrte wütend an den Enden des Selbstbinders. Weil Freundschaft ihn an Lutz gebunden hatte? Klaus erschrak über sein eigenes Gesicht im Spiegel. Hatte? Hatte? Was hieß das? Fühlte er sich nicht mehr an Lutz gebunden? Er ließ den Kopf sinken und wurde jetzt erst inne, wie genau Hilde ihn verstanden hatte. Besser als er selbst. Er setzte sich unentschlossen hin, das Gesicht in die gespreizten Hände gebettet und ging mit sich ins Gericht. War er untreu? Und wenn er nicht zu Kläre ging, war er dann – nicht auch untreu? Er stand am Scheideweg und wußte sich nicht recht zu tun in der Zwickmühle seiner Gefühle. Es zog ihn zum starken Freund. Aber brauchte der ihn, wollte der ihn überhaupt haben? Und es zog ihn zu der Frau, die seiner bedurfte, die um seinen Schutz bat, und die er – nicht einmal in Gedanken vollendete er den Satz und scheute vor dem Wort, in dem doch alle Entscheidung eingeschlossen war. Ohne es zu wollen, ereiferte er sich. Lutz hatte Kläre gedemütigt. Gewiß, gedemütigt. Hatte nicht einen einzigen Schritt unternommen, um ihr wenigstens einen Teil von dem zu geben, was ihr gebührte. Wenn schon nicht aus Rechtsgefühl, aus Großmut, aus Ritterlichkeit hätte Lutz die Geste des Entgegenkommens machen müssen. Klaus hatte einmal einen Satz gelesen: Wo es Stärkere gibt, immer auf Seite der Schwächeren. Jedes Menschen Wahlspruch mußte das sein. Er riß die Hände vom Gesicht und schoß aus dem Stuhl. Und weshalb sich belügen, weshalb sich etwas vormachen? Ja, ja, und hundertmal ja, er liebte diese Frau, er sehnte sich nach ihr, ihre Gegenwart war ein unbeschreibliches Glück. Klaus öffnete eine Schublade und entnahm ihr einen schon vorbereiteten Blumenstrauß, der in weißes Seidenpapier gehüllt war. Den Mantel über den Arm, den Hut aufgestülpt. Klaus rannte, als ob er verfolgt würde.

*

Die Zeitungen rissen ihre Münder auf. Die schwarzen Überschriften brüllten. Die Bombe war geplatzt.

Die führenden Blätter schrien:

»Ein Sensationsprozeß in der Großindustrie!« – »Um ein Millionenerbe!« – »Ein zweiter Fall Kwilecka!«

Die Revolverpresse keifte:

»Geheimnisse im Hause Teltzsch!« – »Der vertauschte Industriebaron!« – »Briefträgerstochter und Kohlenmagnat!«

Überschriften wie in Hintertreppenromanen. Zwei Zoll hoch getürmte Lettern. Große Aufmachung. Spaltenlange Berichte. Die Reporter rasten.

Kein Mensch wußte, woher die Zeitungen ihre Weisheit nahmen, denn das Verfahren war noch gar nicht eröffnet. Aber sie wußten, wußten, wußten. Wirkliche und erlogene Dinge, die Geschichte des Hauses Teltzsch, Vitalis Liebe zu Lenore, alle Familienbeziehungen, den Gegensatz zwischen Herbert und seiner Mutter, die Firma, bei der Kläre Grabowski angestellt war, die bescheidene Laufbahn des Briefträgers Grabowski. Alles wußten sie, alles erfuhren sie. Tausend verborgene Kanäle mündeten in einem Meer von Druckerschwärze.

Trendelenburg schäumte. Nachdrücklich untersagte er allen Beteiligten, Auskünfte zu erteilen. Er hatte noch einmal verhandeln wollen, war besorgt wegen der Tagebücher Vitalis, deren unbekannter Inhalt ihm nicht geheuer war. Aber die alte Frau hatte hartnäckig jede Verhandlung hintertrieben. Umsonst hatte Rechtsanwalt Benting gewartet, daß der Berliner Kollege die ihm gebaute Brücke betreten würde. Die alte Frau mußte ihren Skandal haben, und sie war die einzige, die ihn nicht fürchtete.

Hilde las morgens die Überschriften, packte die Zeitungen zusammen und rannte zu Klaus hinüber. Er saß anscheinend in seine Arbeit vertieft und schrak auf, als sie ungestüm die Tür aufriß.

»Das sind wir, mein Junge, wir«, sie warf ihm die Blätter auf den Tisch. »Lies nur! Sensation! Wir sind berühmt! Schmutz! Schmutz! Man kann darin baden, versinken kann man darin bis zum Halse. Jetzt habt ihr euren Prozeß, jetzt werden alle zu ihrem Recht kommen!«

Sie lachte schrill vor Aufregung. Klaus blieb stumm bei ihrem Ausbruch und tat, als ob er eifrig die Zeitung studierte, obwohl er sie schon kannte.

»Was sagst du jetzt? Zufrieden? Und dein Fräulein Grabowski marschiert an der Spitze. Wie die Jungfrau von Orleans! Nicht?«

Er war auf den Füßen und unterdrückte eine aufwallende Gereiztheit.

»Bitte, laß sie aus – dem Spiel.«

Sie warf sich, plötzlich umschlagend, an seinen Hals.

»Kläuschen, Geliebtes, sage doch, daß du nicht zugeben wirst, daß dieser schmutzige Prozeß geführt wird. Du hast mir selber erzählt, was du Lutz verdankst. Du kannst doch nicht alles vergessen haben. Sage mir, versprich mir, schwöre.«

Ihre weiche Wange lag an seinem Gesicht, ihre Lippen drückten sich zitternd und heiß gegen seinen Hals. Und Klaus mußte bei der Berührung ihres Mundes an die andere Frau denken, an die erste, von der er glaubte, daß sie ihn liebe und für deren Recht er kämpfen zu müssen meinte. Er machte sich leise aus Hildes Armen frei.

»Ich muß mir überlegen – wir haben – doch nichts zu sagen.«

Hilde fühlte, was in seiner fortschiebenden Bewegung lag. Sie war wieder scharf.

»Ach – nichts zu sagen! Dann hat vielleicht – Fräulein Kläre etwas zu sagen. Du«, sie trat an ihn heran, daß ihre Gesichter sich fast berührten, »ich – ich liebe Lutz. Er hat mir weh getan, Klaus, aber er weiß doch, was er will. Und du?«

Er rührte sich nicht, sondern gab Blick um Blick zurück. Ohne Feindseligkeit, nur mit dem Mut des Bekenntnisses.

»Ich liebe sie.«

Und beide ließen, fast gleichzeitig, die Köpfe sinken. Das war die Trennung. Er wollte ihre Hand fassen, als müßte er sie um Verzeihung bitten und griff in die Luft. So jäh war ihre Wendung im Abstoß der Fußspitzen, daß er nur noch das blonde Gekräusel ihres Nackens sah, der durch die Tür entschwand.

In der Mannheimer Villa hatten die Zeitungsnachrichten eine beklemmende Stille ausgelöst. Lenore verfolgte unter gesenkten Lidern die Bewegungen des Sohnes. Er war von gefährlicher Ruhe. Seine Augen lagen in blauen, drohenden Löchern. Keine Frage brach von ihren Lippen. Kein beruhigendes Wort von den seinen. Mit breit auf den Tisch gelegter Hand drückte er sich in die Höhe, eigentümlich steif am ganzen Körper und sagte aus vollgesogener Brust:

»Gott sei Dank.«

Lenore führte seit Tagen eine hastige, geheimnisvolle Korrespondenz, von der Lutz nichts erfuhr. Erhielt Briefe, die er nicht zu sehen bekam. Sie erbrach sie heute, als sie wieder allein war, noch eiliger und gespannter als sonst. Die Briefe enthielten Bilder, in die sie sich mit brennendem Blick vertiefte. Männer in steifen Röcken, Frauen in altmodischen Kleidern, Kinderbilder mit lachenden und weinenden Gesichtern. Müde und enttäuscht schob Lenore die Photographien beiseite. Alles nichts.

Benting rief Lutz im Büro an.

»Ich habe von Fräulein Hartwig einen Brief.«

»Was schreibt sie?«

Benting las trocken und ausdruckslos, wie man einen Geschäftsbrief liest:

»Geehrter Herr Rechtsanwalt!

Das Bild von dem Herrn kenne ich nicht. Ich will auch nichts mehr wissen. Ich habe von niemand was verlangt, was will man von mir? Der junge Herr ist nicht mein Kind, ich will nichts haben, man soll mich lassen, wo ich bin. Ich will auch nicht zu Gericht gehen. Warum läßt man mich nicht allein? Das wäre doch das beste. Hochachtungsvoll

Brigitte Hartwig.«

»Ich habe mir's gedacht.«

»Schade, es wäre gut für uns gewesen. Haben Sie die Zeitungen gesehen? Verfeinden Sie sich, bitte, jetzt nicht mit den Blättern. Wir brauchen auch die öffentliche Meinung. Sonst etwas Neues? Nein? Also nicht den Mut verlieren.«

Ein kaltes Lachen antwortete dem Rechtsanwalt.

»Ich gebe Ihnen noch ab, lieber Doktor.«

Lutz hatte sich wieder in der Gewalt. Er gab wie sonst seine Anordnungen, diktierte seine Briefe, verhandelte. Als ob nichts geschehen wäre. Blicke der Angestellten, Geschäftsfreunde, Bekannten, die ihn forschend und scheu streiften, glitten an der eisblanken Mauer seines Gleichmutes ab. Er schien die neugierige Teilnahme, die ihn umgab, überhaupt nicht zu bemerken. Nur der kleine Photograph, der Lutz knipsen wollte, als er den Fuß auf die Straße setzte, bekam einen so fürchterlichen Blick, daß das schmächtige Männchen den Momentverschluß zu betätigen vergaß.

Lutz ging gegen seine Gewohnheit zu Fuß heim. Ziellos dünkte ihm der Weg und fremd. Goldgelbe Blätter raschelten am Boden. Herbst funkelte in süßen Farben der Reife. In zitternder Verschwommenheit spiegelten die Wasser des Rheins Häuser und Bäume. Gewichtlose Kuppel spannte sich weiter, blauer Himmel und gab Sanftheit allen Umrissen. Schwarze Linien zeichneten die Telegraphendrähte in die seidig flimmernde Luft, und Lutz glaubte ihr Gesurr zu hören. Durch die Drähte zuckten jetzt Nachrichten, die ihn betrafen. An ihren Enden hingen Morseapparate und klapperten ihre Zeichen. Die Luft war voll mit unfühlbaren, elektrischen Wellen, die alle etwas bedeuteten: Silben, Worte, Sätze.

»Skandal im Hause Teltzsch. – Um ein Millionenerbe. – Der vertauschte Industriebaron.«

Er blieb breitbeinig stehen, die Hände in die Jackentaschen gestemmt, den Kopf hoch mit vorgestrecktem Kinn. Bilder kreisten. Klaus, die Großmutter, Kläre Grabowski, Hilde. Der Tanz geht an. Hallo! Kampf! Entscheidung! Schöner Film das! Die Bilder schoben sich durcheinander, verwandelten sich, gingen über und kamen nach vorn. Hilde. Großaufnahme. Abblenden. Schluß. Er preßte die Lippen aufeinander, aber das eine Wort fand noch einen Ausweg und hatte einen weichen Klang:

»Hilde.«

Er ging rasch weiter und sagte das Wort noch einmal, leise, eindringlich. Doch diesmal klang es befehlend und herrisch:

»Hilde!«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.