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Zeche Gnadenfeld

Friedrich Zeckendorf: Zeche Gnadenfeld - Kapitel 6
Quellenangabe
authorFriedrich Zeckendorf
titleZeche Gnadenfeld
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1.-10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
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5

Justizrat Trendelenburg mußte in dringenden Geschäften für einige Tage nach Berlin zurück, bevor er das Knäuel, dessen Ende er gefunden hatte, weiter aufrollte. Zwischen Termine, Sprechstunde und Unterhandlungen schob er einen kurzen Besuch bei der alten Frau von Teltzsch ein. Sie fieberte vor Neugier und Ungeduld.

»Haben Sie etwas erreicht, lieber Justizrat?«

»Die Sache beginnt mich zu interessieren.«

Mehr ließ er sich trotz ihrer hartnäckigen Fragerei nicht entpressen. Aber auch ihn hatte Unruhe ergriffen, Aufregung der Jagd, in der er Treiber, Hund und Jäger in einer Person war. In solchen Fällen, da er mit jäher Witterung die Spur aufgenommen hatte, war er in seinen Beruf verliebt, übte ihn mit leidenschaftlicher Besessenheit aus. Und rasch mußte gehandelt werden. Die letzte Unterredung mit Vinzenz nach seinem Mißerfolg bei Hilde hatte ihn in seiner Meinung, daß er von Seite dieser beiden wenig Hilfe, eher Schwierigkeiten zu erwarten habe, bestärkt. Zwar hatte er Vinzenz das feste Versprechen abgenommen, das Ergebnis der bisherigen Nachforschungen vor Hilde streng geheim zu halten, doch da war wenig Verlaß. Auch auf Klaus, über dessen enge Freundschaft mit Lutz er sich unterrichtet hatte, war nicht zu rechnen. Es war geradezu toll, daß diejenigen, zu deren Gunsten er seine ganze Kraft einsetzte, von seiner Hilfe offenbar nicht im mindesten begeistert waren. Hilfe und Stütze war ausschließlich die alte Frau.

Er mußte Brigitte Hartwig in Essen aufsuchen. Ihre Adresse hatte er sich, obwohl sie seit vielen Jahren nicht mehr in der Stadt lebte, noch in Mannheim verschafft – seine guten Verbindungen arbeiteten bei solchen Gelegenheiten wirklich rasch – und wo die Mutter war, dort wird man auch das Kind zu finden wissen. Nach vier Tagen war er in der Ruhrstadt, die nichts von der Liebenswürdigkeit Düsseldorfs, nichts von der aus Ehrwürdigkeit und heiterer Lebenslust gemischten Stimmung Kölns besitzt. Hier ist das Reich der braun qualmenden Schlote, der Fördertürme, des aufgewühlten Erdleibes, dem geschwärzte Hände die Kohle entreißen, die Schmiede Deutschlands mit einem Heer berußter Arbeiter. Schönheit hat hier wenig Platz. Zwischen mächtigen Neubauten noch die kleinen, unansehnlichen, alten Häuser in lebhaften Straßen. Sparsame Enge. Vom Hauptbahnhof geht die stark befahrene Kettwiger Straße ab und verlängert sich in der Burgstraße am Rathaus vorbei bis zum Markt. Dort beginnt, schon etwas enger und kleinstädtischer, die Viehoferstraße, die nach Altenessen hinausgeht. Auf der rechten Seite eines der kleinen einstöckigen, armseligen Häuser. Hier wohnte Brigitte Hartwig. Eine Frau, die aus einem ebenerdigen Fenster schaute, sagte dem Justizrat Bescheid. Ersten Stock rechts. Fräulein Hartwig sei eben nach Hause gekommen. Trendelenburg kletterte mit verhalten schnuppernder Nase die abgetretene Treppe hinauf. Armeleutegeruch. Oben öffnete eine magere, ältliche Frau. Ein müdes, aschfarbenes Gesicht, dem jede Röte, Frische, Freudigkeit fehlte.

»Kann ich Fräulein Hartwig sprechen?«

»Bin ich selbst.«

Es mußte erst Mißtrauen überwunden werden, ehe sie ihn eintreten ließ. Das Zimmer war hell, zu hell für die entfärbte Tapete, die altersschwachen, abgebrauchten Möbel, deren Glanzstück, eine schäbige, altväterliche, grüne Plüschgarnitur aus Sofa und zwei Sesseln beim Fenster stand. Brigitte Hartwig hieß den Besucher setzen, blieb selbst stehen. Sie fragte nichts, wartete nur.

»Fräulein Hartwig, ich komme als Freund. Und mein heutiger Besuch könnte für Ihre Lage, die, wie ich sehe, nicht die sorgenfreieste ist, von größtem Nutzen sein. Nur bitte ich Sie, mir etwas Vertrauen zu schenken.«

Er sprach mit eindringlicher, weicher Stimme, die selten ihre Wirkung verfehlte. Ursprünglich hatte er die Absicht, die erwartete Gegnerin im ersten Anlauf zu überrumpeln, aber dieses mürbe, abgearbeitete, grauschwarze Menschenbündel wollte behutsam, rücksichtsvoll angefaßt sein. Sie antwortete nicht, wartete noch immer. Er wandte ihr seinen klugen Kopf mit dem schwarzen Schnurrbärtchen zu und hielt sie mit festem, forschendem Blick fest.

»Wo ist Ihre Tochter, Fräulein Hartwig?«

Noch unter der aschgrauen Haut verfärbte sie sich.

»Ich habe keine Tochter.«

»Doch, doch, Fräulein Hartwig, Sie haben eine. Ich bat Sie, zu mir Vertrauen zu haben, und Sie können es um so eher, als ich über Ihre Verhältnisse genauer unterrichtet bin, als Sie glauben. Ich frage Sie eigentlich nur Dinge, die ich schon längst weiß, die ich aber von Ihnen bestätigt erhalten möchte. Wollen Sie mir jetzt sagen, wo sich Ihre Tochter befindet?«

Sie setzte sich hin und stützte, das Gesicht auf den Tisch herabgeneigt, den Kopf mit dem unkleidsam glatt gestriegelten Haar in ihre Hände.

»Woher soll ich's denn wissen? Sind Sie bloß hergekommen, mich zu quälen? Und wenn Sie's wissen, was fragen Sie mich denn? Warum gerade mich? Ich habe ja nicht einmal gewußt, ob's ein Mädchen oder ein Junge war. Weiß ich denn, ob das Kind lebt, was mit ihm ist. Was wollen Sie denn überhaupt von mir?«

»Aber Fräulein Hartwig, wir sind hier unter uns, niemand hört uns, seien Sie doch offen. Sie wollen doch nicht bestreiten, daß Sie im Januar 1904 auf der Geburtsstation im Mannheimer Krankenhaus gelegen sind? Der bucklige Doktor Vitali ist Ihr Geburtshelfer gewesen. Wünschen Sie noch mehr Einzelheiten zu hören? Und Sie wollen mir einreden, daß Sie nicht einmal wissen, welches Geschlecht das Kind gehabt hat?«

Ein heftiges Kopfschütteln zwischen den aufgestützten, haltenden Händen.

»Nichts weiß ich. Ich durfte doch nichts wissen. Hat denn ein Mädel eine Ahnung, was es tut? Wenn ich's bloß nicht getan hätte, wäre ich wenigstens nicht so allein. Es hat ja doch nichts genützt.«

Ihre Stimme klang murmelnd, nur halb deutlich. Trendelenburg stand auf, legte die Hand leise auf ihre Schulter. Hier war eine schwache Stelle, die Einsamkeit des alternden Menschen.

»Wollen Sie sich nicht erleichtern? Ich glaube, ich kann Ihnen zu Ihrem Kind verhelfen, wenn Sie mir helfen wollen. Damals war für Sie das Kind ein Unglück, heute wäre es doch das größte Glück. Nicht? Ihre Notlage ist damals zu einer häßlichen Sache, die Sie vermutlich gar nicht verstanden haben, mißbraucht worden.«

Sie ließ die Hände auf den Tisch sinken und richtete sich auf.

»Mißbraucht? Doktor Vitali war der einzige Mensch, der mir geholfen hat. Daß mein Leben nachher doch verpfuscht war, dafür konnte er nicht.«

Langsam, vorsichtig zog Trendelenburg Wort für Wort aus ihr heraus, die alltägliche, traurige Geschichte dieses armen Lebens, in das einmal ein Mann getreten war, ein hübscher, eleganter, reicher, aus einem anderen, märchenhaft erscheinenden Lebenskreis, der Vater des Kindes.

»Wissen Sie seinen Namen?«

Nicken.

»Kurt Schrötter. Aber der Name war falsch oder die Adresse. Das ist ja auch heute egal.«

Einige Wochen Liebe, Leichtsinn, Lebenslust – und plötzlicher Schluß. Und dann Monate der Angst vor dem strengen Vater, Verzweiflung, vergebliches, immer hoffnungsloseres Suchen nach dem Mann, Anflehen des Arztes, ihr das Kind zu nehmen, sie zu befreien von diesem unbarmherzig nahenden Unglück.

»Aber das wollte oder durfte er nicht. Ich sollte ins Krankenhaus kommen, niemand sollte etwas erfahren, das Kind sollte gut versorgt werden, bei anständigen Leuten, ich mußte mich nur verpflichten, daß ich auf alle Rechte verzichte, mich um nichts kümmere. Ich habe ja nur einen Gedanken gehabt, nur das Kind nicht, das Kind nicht haben. Wohin hätte ich denn damit sollen? Und als es da war, hat es der Doktor mir gleich fortgenommen. Ich war auch so elend und schwach, daß ich es gar nicht sehen mochte. Nur nach Hause wollte ich wieder, sie sollten mich schlagen, es war mir alles gleich, nur nach Hause. Der Vater hat mich nicht mehr genommen.«

Kamen Jahre in Fabriken, in Geschäften, Angst vor allem, was »Mann« hieß, muffige, möblierte Zimmer, erst in Mannheim, dann in Essen, ein Jahr wie das andere, daß es nicht lohnte, sie zu zählen, ihren Ein- und Ausgang zu feiern. War dieses von den Mühlsteinen der Arbeit zerriebene, von Sorgen und Einsamkeit verunstaltete Häufchen Mensch einmal hübsch gewesen? Vielleicht. Heute war nichts mehr da als ein trauriger, magerer Kopf mit glanzlosem, bräunlichem Haar, von vielen weißen Fäden durchzogen, ein dürftiges Menschengestell in schwarzem Rock und schwarzweißer Bluse über schmalen Schultern und flacher Brust.

Trendelenburg zog die Brieftasche und entnahm ihr ein Bild. Es war ein Ausschnitt aus einer illustrierten Zeitschrift und zeigte den Kopf eines jungen Mannes. Es war Lutz, dessen Photographie nach der soviel Aufsehen erregenden Industriellenversammlung zwischen den führenden Köpfen der Wirtschaft von vielen Blättern gebracht worden war.

»Ich habe Sie vorher irregeführt, Fräulein Hartwig, Ihr Kind ist kein Mädchen, sondern ein Knabe gewesen. Und das ist Ihr Sohn.«

Kein Frommer kann ein Muttergottesbild andächtiger betrachten als Brigitte Hartwig dieses etwas undeutliche, schlecht gedruckte Bild mit verschwimmenden Augen in sich aufnahm. Sie sagte kein Wort, küßte es nicht, drückte es nicht an ihre Brust, sondern legte es vor sich hin auf die alte, rote Tischdecke und ließ keinen Blick davon.

»Er wird nichts mehr von mir wissen wollen. Eine Mutter, die ihr Kind weggibt und sich nicht mehr darum kümmert – –«

Ganz leise kam es heraus, ohne Tränen, nur unsäglich gepreßt.

»Mutter bleibt Mutter«, sagte der Justizrat, »wollen Sie mir helfen?«

»Was soll ich denn tun?«

»Vorläufig nichts.«

*

Diesmal hatte Vinzenz standgehalten. Alle Küsse, Schmeicheleien, Tränen Hildes hatten nicht vermocht, das Siegel von seinem Mund zu reißen. Manchmal, wenn er sie aufgelöst mit traurigen, vorwurfsvollen Augen umhergehen sah, war er nahe daran, sie vor der Gefahr zu warnen, die Lutz und damit ihr und ihrer Liebe drohte. Aber die Briefe seiner Mutter – Briefe, deren steilgestellte, herrisch große Schrift in keinem Zug Schwäche des Alters verrieten – schlossen jedesmal seine Lippen. Die alte Frau kannte ihren Sohn. Auf einmal prasselten ihre Briefe auf ihn herab. Befehlend und zärtlich, überzeugend und aufpeitschend, die Zukunft malend, seinen Ehrgeiz stachelnd, spöttisch, beschwörend und bettelnd. Kein Ton der Überredung, der ihr nicht zu Gebote gestanden hätte. Und jeden Tag kamen ihre Briefe und redeten auf ihn ein in allen Zungen, ließen keine andere Überlegung aufkommen, keinen anderen Einfluß stark werden. Machten ihn stumpf, lähmten und betäubten ihn. Manchmal entschuldigte er sich vor sich selbst, daß er nicht befugt sei, der Gerechtigkeit in den Arm zu fallen, daß er doch schließlich im wahren Interesse der Kinder handle. Dann wieder machte ihn der Zwiespalt seiner Stellung und Gefühle wütend. Weshalb sollte er sich gegen die eine oder andere Seite stemmen? Er war nicht zum Kampf geschaffen, wusch seine Hände in Unschuld. Mochte seine Mutter die Festung berennen, soviel sie wollte, mochte der Junge sich wehren, wie es in seiner Kraft stand. Er ließ die Dinge gehen, wie sie gingen.

»Papa, du hast mir versprochen, daß du mit Lutz Freundschaft halten willst. Papa, süßer, goldiger Papa, ich kann es nicht ertragen, daß sich die beiden einzigen Menschen, die ich liebe, verfeinden.«

Er streichelte ihr den blonden, hübschen Mädchenkopf.

»Ich habe doch gar nichts getan, wir sind doch ganz gut miteinander.«

Aber diese Szenen waren ihm unerträglich, er entzog sich ihnen so rasch wie möglich. Meist fand er auch ein lustiges Wort, das sie wieder zum Lachen brachte. Er besaß in unerhörtem Maße die Gabe, unangenehme Dinge mit einem Scherz zu übergehen, sie beiseite zu schieben, als wären sie gar nicht auf der Welt. Er ging mit Hilde ins Theater, in die elegantesten Lokale, erzählte vergnügliche Geschichten, die sie in gute Laune brachten, kaufte mit ihr hübsche Kleider ein, worauf er sich meisterlich verstand, und war der »einzige, geliebte Papa«.

Traf Hilde mit Lutz zusammen, so war sie mit einem Schlag in einer anderen Welt. Ihr erstes nach ihrer Unterredung mit Trendelenburg war gewesen, zu Lutz zu laufen und ihrer Verzweiflung Luft zu machen.

»Lutz, sie wollen uns auseinanderbringen.«

»Wer sind ›sie‹?«

Er hörte vollkommen ruhig zu und lachte schließlich, jung und sorglos.

»Bist mein tapferes Mädel, deine Antwort war goldrichtig. Großmama hat mir anscheinend den Krieg erklärt, obwohl ich ihr doch, weiß Gott, genug entgegengekommen bin. Vielleicht will sie auch noch ein Prozeßchen verlieren. Hast du Angst?«

»Doch. Ein bißchen.«

»Kleiner Narr, sehe ich aus, als ob ich ein leichter Gegner wäre?«

Sein ruhiges Kraftbewußtsein, seine selbstsichere Kampfbereitschaft brachten sie wieder ins Gleichgewicht.

»Aber ich will, daß du dich mit Papa verträgst.«

»Solange er mich in Ruhe läßt –«

Sie ließ den Kopf hängen und starrte auf die Spitzen ihrer Schuhe. Er ahnte den Kampf, der in ihr vorging. Mit gespreizten Beinen, beide Hände auf ihren Schultern, stellte er sich vor sie hin. Sein dunkler, fester Blick grub sich in ihre Augen, die sie, von seinem Griff aufgerüttelt, zu ihm erhob.

»Du, Hilde, willst du mir eine Frage beantworten? Aber ganz ehrlich, wie wir bisher zueinander waren. Ich weiß doch nicht, was deine Leute gegen mich planen, aber es wäre ja möglich, daß ich genötigt sein könnte, zwischen deinen Vater und mich einen Trennungsstrich zu ziehen. Auf wessen Seite würdest du dich dann stellen?«

Sie wich ihm aus mit Blick und Wort.

»Lutz, Liebster, quäl' nicht. Ich würde es nicht dulden, daß sie dir ein Unrecht zufügen. Aber ich könnte es auch nicht haben, daß du Papa unrecht tust.«

Er ließ mit einer abreißenden Bewegung von ihrer Schulter und drehte sich im Schwung auf der Ferse um. Bittend streckte sie die Hände gegen seinen Rücken:

»Lutz! Lutzelchen!«

»Ich habe eine andere Antwort erwartet.«

Wie scharf das herausfuhr. Sie sagte mit einer unsäglichen Zärtlichkeit:

»Lutz! Du mußt mich doch verstehen! Lutz!«

Ihre Stimme hatte für sein Ohr einen bezaubernden, erregenden Klang. Mit der gleichen Heftigkeit, mit der er sich von ihr abgewandt hatte, riß es ihn wieder zu ihr herum. Seine Arme hatten sie umfaßt, bevor sie einen Atemzug beenden konnte. Ganz fest, jeden Widerstand brechend, preßte diese Zange sie an seine Brust, aus der sich ein undeutlich geröchelter, wilder Ton rang. Doch ihre Stimme sang in einer süß vergehenden Melodie, so sehr sein Griff schmerzte.

»Lu – tzel – chen!«

Schien es ihr nachher nur so? War in seinen Augenwinkeln noch ein Rest von Düsterkeit geblieben?

*

Dann kamen Tage, wo alles wieder vergessen war. Noch immer brachte die Post täglich die Briefe aus Berlin, die den Papa ärgerten oder aufregten, so daß er sie jedesmal wütend zerriß. Aber es geschah nichts, und Hilde atmete auf. Auch Lutz war wieder der Alte. Er hatte sich als einer der ganz wenigen Privatleute in Deutschland ein eigenes Sportflugzeug angeschafft – er besaß längst das Pilotenzeugnis – einen schnittigen, zweisitzigen Eindecker, der draußen auf dem Neuostheimer Flughafen untergebracht war. Das erstemal hatte sie mit einem zagen Gefühl das schwanke, geflügelte Gestell erklettert, doch das zweite und die nächsten Male sprang sie schon, die schützende Kappe auf dem Kopf, unternehmungslustig an seine Seite. Und wenn der Apparat sich hinaufschraubte in den klaren Juliabend, das Gesichtsfeld sich ungeheuer weitete und an den Rändern emporwölbte wie eine ungemessene Schale in der Hand Gottes, dann schrie sie, rot und laut vor Aufgerütteltheit, durch Motorgedröhn und Surrgesang der Propeller Lutz ins Ohr:

»Höher! Höher!«

An seiner Seite wurde alles abenteuerlich, phantastisch, von weitspannendem Gefühl und ausrasender Unternehmungslust. Gleich, ob er das Lenkrad des Flugbootes unter den lederbewehrten Händen hatte, ob er seinen kleinen, starken Wagen auf freier Straße in närrisch jagende Bewegung hetzte oder ob er Hilde in der Fabrik zwischen Maschinenriesen erklärend herumführte. Wo er hinkam, war Leben, Schwung, fortreißende, anfeuernde, unbändige Kraft. Selbst das Verwaltungsgebäude mit seiner sinnvoll nüchternen Ordnung wurde, von ihm erläutert, zu einem märchenhaften, bannenden Wunder.

»Lutz, wieso verstehst du das eigentlich alles?«

»Verstehen? Ich weiß nicht einmal recht, ob ich alles verstehe. Ich spüre in den Fingerspitzen, in allen Nerven, ob etwas richtig oder falsch ist. Ich bin ja auch verliebt in all dies Ungeheuerliche, Weitverzweigte, planvoll Vernetzte. Ich glaube, so verliebt kann nur ein Mann in eine Frau oder ein Künstler in sein Schaffen sein. Und wenn mir etwas fremd, unverständlich ist, muß ich es, ob ich will oder nicht, anspringen und in mich hineinschlingen, bis ich es fest da drinnen habe.«

»Ich möchte auch ein bißchen davon verstehen. Meinst du, soll ich Nationalökonomie studieren?«

»Herrliche Wissenschaft, weil sie so gar nicht fertig ist. Da kann man sich noch austoben.«

Ihr Leben bekam mit einem Ruck Richtung und Ziel.

Wenn Lutz keine Zeit hatte, saß sie bei Klaus im Laboratorium. Seine Freundschaft und ihre Liebe zu Lutz hatte die Geschwister wieder einander genähert und verbunden. Klaus sagte von ihm in seiner gehackten Art:

»Er ist – ein Schöpfungswunder, Naturereignis. Ja. Der geborene – Herrscher. Das ist – Gottesgnadentum.«

Das füllte sie mit einem schwebenden, flutenden Glück. Aber abends mit ihrem Papa ausgehen und lachen und richtig ohne Anstrengung lustig sein, das war auch wunderschön.

Von Klaus waren diese Tage alle Zeitungen voll. Seine neuen Versuche hatten alle Erwartungen übertroffen. Auch in größerem Maßstabe ausgeführt, erfüllten sie alle Hoffnungen, die er in sie gesetzt hatte. Die Patente wurden angemeldet, die Erfindung wurde der Öffentlichkeit zur Wertung und Prüfung übergeben. Man horchte auf in der Welt. Aus England, Frankreich, Amerika, Japan kamen Telegramme, Angebote, Anmeldungen.

Lutz war nicht minder beglückt als Klaus über den Erfolg des Freundes.

»Weißt du, Klaus, daß du mit deiner Erfindung heute die stärkste Macht in der Stahlindustrie bist? Daß du imstande sein wirst, jeden zu ruinieren, der sich deinen Bedingungen nicht fügt? In fünf oder zehn Jahren wird jedes andere Verfahren überholt, veraltet, unwirtschaftlich sein. Reizt dich nicht diese Macht?«

Sein gebräunter, junger Kopf glühte. Seine Begeisterung sprühte aus weitgeöffneten, dunklen Augen. Klaus, blaß und blond, zog die entzündeten Lider zusammen und wölbte den Mund.

»Offengestanden, gar nicht.«

Lutz lachte.

»Im Grunde genommen kannst du mich jetzt auch in die Tasche stecken, Kläuschen. Ich muß mich mit dir verhalten.«

Klaus wurde fast verlegen. Er fühlte sich plötzlich irgendwie bloßgestellt wie jemand, der auf öffentlichem Platz der Schaulust der Gaffer preisgegeben ist. Das war ihm unbehaglich.

»Wir zwei – ich denke – werden uns verständigen. Das wirst – wohl du alles machen müssen.«

*

Wie still die Tage dahinzogen. Die Herrin der großen Villa in der Otto-Beck-Straße zählte sie nicht, sie kamen und gingen, grüßten sie ernst am Morgen, begleiteten sie mit wandelnder Sonne auf schweigsamen Wegen im Park und zum Friedhof, wölbten sich abschiednehmend hinüber in gedankenvolle, erinnerungsreiche Nächte. Wie viele waren wieder über Leben und Sterben hingeflossen?

Lenore hatte sich ganz in sich zurückgezogen. Sie hatte sich müde geweint, müde gesehnt, müde getrauert und fand sich nun auf eigenem, abseitigem Weg wieder zurück zum Leben. Nicht zum vorherigen, alten, sondern einem eng begrenzten, nur ihr gehörigen, das sich aus ihr heraus und um sie abschließend aufbaute. Hatte sie früher jeder Gegenstand, der sie an Herbert erinnerte – und welcher hätte das nicht? – bis auf den Grund ihres Wesens aufgerührt und zu jammernder Verzweiflung gebracht, machte sie jetzt alles, was mit ihm je in Verbindung gestanden hatte und sein Bild, seine Stimme zurückrief, auf eine traurige und doch beseligende Art glücklich. Gina kam selten, fehlte ihr aber nicht. Mit Lutz war sie bei den Mahlzeiten zusammen, sah entzückt, wie er sich in dem ihr unbegreiflich großen Pflichtenkreis mit Kraft und Sicherheit zurechtfand und fast von Tag zu Tag zu überraschender Männlichkeit reifte. Im übrigen ließ sie und gönnte ihm Freiheit und Freude an seiner jungen, lodernden Liebe. War auch nicht ungehalten, daß Hilde nicht allzuoft herüberkam, sie fühlte selbst, kaum dem eigenen Gleichgewicht wiedergegeben, daß sie anderen nicht viel zu sein vermochte und auch selbst noch nicht geöffnet war, um von anderen empfangen zu können.

Seit einigen Tagen hatte sie die Tagebücher Vitalis, die ihr vom Testamentsvollstrecker Doktor Benting ausgefolgt worden waren, vorgenommen. Anfangs hatte sie eine Scheu, in die Aufzeichnungen des Toten hineinzublicken. Es schien ihr fast unziemlich dem Freund gegenüber, der wehrlos alles Tun mit seinem geschaffenen, erworbenen Hab und Gut dulden mußte, in die Geheimnisse und nur für ihn selbst bestimmten Bekenntnisse einzudringen. Dann glaubte sie, es ihm vielleicht sogar schuldig zu sein. Denn wozu hätte er gerade ihr diese Bücher überlassen ohne den Wunsch, die Freundin, der gleichzeitig sein Herz gehörte, noch nachträglich an seinem Leben teilnehmen zu lassen?

Sie blätterte planlos einmal in diesem, einmal in jenem der zierlich gebundenen, roten Lederhefte, die wie alles, was aus Vitalis Besitz stammte, einen fast weiblich anmutenden Einschlag gepflegter Eitelkeit besaßen, und mühte sich mit den zarten Buchstaben der kleinen, schwungvollen Schrift, die so ganz und gar seinen schönen, einst so lebendigen Händen entsprach. Dieses Leben eines mit allen Gnaden des Geistes und der Seele gesegneten, mit der Last eines verkrüppelten Körpers verfluchten Menschen war nichts als der Roman einer großen, in ihrer hoffnungsvollen Verzweiflung und selbstaufopfernden Verklärung erschütternden Liebe. Wie diese Bücher mit dem Namen Lenore begannen, so schlossen sie mit ihm, und er kehrte Seite für Seite wieder, in täglichen Aufzeichnungen durch dreißig Jahre hindurch. Die Kämpfe des jungen Arztes um das tägliche Brot, des anerkannten, um Erfolg und Ruhm mit unbeirrbarer Zähigkeit geführt, sein Zwiespalt mit dem Leben, den Menschen, mit dem eigenen zerrissenen Inneren und dem Fluch, den er allen sichtbar auf dem Rücken trug, rankten und webten sich zu einem Muster, das sich in unabänderlicher Bestimmung immer wieder um diesen Namen schlang. Seine Liebe war ihm stärkster Ansporn und größte Hemmung, tiefstes Glück und drohender Abgrund zugleich. Er huldigte dem eigenen Gefühl in allen Tönen der Begeisterung, übergoß es ein andermal mit der ätzenden Schärfe seines Witzes, sich verachtend und verspottend, demütigte sich vor seinem Gefühl, schwor es ab und verfiel wieder wie ein Giftsüchtiger seiner Leidenschaft. Tausend kleine, bedeutungslose Bemerkungen, die Lenore gemacht hatte, wurden ihm zum unberechenbaren Ereignis, ein Telephonanruf, der sie zufällig nicht erreichte, versetzte ihn in maßlose Wut. Fortwährend war er durch Nichtigkeiten gekränkt und beleidigt, um sofort durch ähnliche Belanglosigkeit beglückt und versöhnt zu werden. Dieser Mensch war verurteilt, ohne Befriedigung alle Widerstände einer Welt zu besiegen, besessen von der Hörigkeit des Herzens, getrieben und gepeitscht von der Liebe zu einer Frau, der er verfallen und die ihm nicht erreichbar war. Und es war ihm durch alle Jahre männlichen Begehrens nicht anders vergönnt, dargebotene Frauenzärtlichkeit zu genießen, als mitten in einer Umarmung voller Gewissensbisse über die eingebildete Untreue an die eine einzige denken zu müssen, bis jeder Rausch in Nüchternheit und bebendem Ekel zerrann.

Allein, eingeschlossen in ihrem Zimmer, errötete noch Lenore, umflossen von dem Weihrauch einer Liebe, der aus dem Blut zwecklos vergeudeter Leidenschaft dampfte. Der ein Leben lang verschlossen gewesene, nun endgültig schweigende Mund durfte endlich, endlich als Toter, aus aller Gebundenheit befreit, dem Götzenbild seines Herzens mit allen Worten der Hingebung schmeicheln, den angesammelten See seiner Zärtlichkeit ausgießen, werbend zu Füßen sinken und das Gebet aller Gebete sprechen, das einzig den Weg zum Ohr Gottes findet:

»Ich liebe dich!«

*

Trotz aller Mittel, die Justizrat Trendelenburg in Bewegung gesetzt hatte, war es ihm nicht leicht gefallen, seinen Nachforschungen den Schlußstein anzufügen. Es hatte geraume Zeit in Anspruch genommen, bis er die letzte und wichtigste Adresse, die er gebrauchte, das letzte Glied in der Kette seiner Nachforschungen, in der Hand hatte, um den ersten Vorstoß wagen zu dürfen. Brigitte Hartwig war eine wertvolle Hilfe, die man nicht entbehren konnte, aber sie wäre belanglos geworden ohne den letzten Trumpf: Und der hieß Kläre Grabowski, war die Adoptivtochter des pensionierten Briefträgers Grabowski und seiner Frau in der Spandauer Straße in Charlottenburg und Buchhalterin eines großen Konfektionshauses am Hausvogteiplatz. Kläre Grabowski war der stärkste Stützpunkt in Trendelenburgs kunstvollem Kriegsplan, sie war sozusagen das Amalgam, das die Mutmaßungen und Wahrscheinlichkeiten zum festen Stoff der Sicherheit verdichtete. Das war ein langer Weg aus der Geburtsstation des Mannheimer Krankenhauses bis in das einfache Briefträgerheim in Charlottenburg, und der Justizrat war froh, als er Schritt um Schritt die verwischten Spuren dieses Weges aufgedeckt hatte.

Vinzenz von Teltzsch war nicht wenig überrascht, als eines Tages ohne jegliche Vorbereitung seine Mutter in der Begleitung Trendelenburgs in seinem Heidelberger Hotel erschien. Ihm schwante, daß es jetzt unangenehm ernst wurde und daß die Dinge weiter gediehen waren, als er sich hätte träumen lassen. Sie bemerkte den leisen Zug der Unzufriedenheit in seinem Gesicht.

»Du scheinst ja von unserem Kommen nicht sehr entzückt. Was habe ich Ihnen gesagt, lieber Justizrat? Ich opfere mich auf, und so sieht der Dank aus.«

»Bitte, Mama, ich weiß ja nicht einmal, was dich herführt.«

In Wirklichkeit hatte sie die für sie beschwerliche Reise ohne Notwendigkeit unternommen, denn Trendelenburgs Anwesenheit hätte vollkommen genügt. Aber bei der Schlacht, die geschlagen werden sollte, mußte sie dabei sein. Und wenn sie sich im Schubkarren hätte hinrollen lassen müssen. Das war ihr Krieg und mußte ihr Triumph werden. Sie sah feierlich wie eine Rachegöttin aus, stand, so schwer es ihr fiel, hochaufgerichtet vor dem Sohn, das alte, zerklüftete, schlaffe Gesicht mit den Künsten einer alle Rücksicht verachtenden Kosmetik überzogen, die bei jeder anderen ihres Alters schamlos und lächerlich gewirkt hätte. Bei ihr jedoch noch den Eindruck sich selbst Gesetze gebender Kühnheit erweckte. Es war erstaunlich, welche Glutkraft des Lebens, des Willens, des Hasses in gesammelter Spannung von der Greisin ausstrahlte, und Vinzenz wich heute, genau wie einst in jungen Jahren, scheu und mit einer gewissen Bewunderung vor ihrer machtvollen Ursprünglichkeit zurück.

Trendelenburg unterbrach die Peinlichkeit des entstandenen Schweigens.

»Erlauben Sie, Herr von Teltzsch, Sie zu den Erfolgen Ihres Sohnes zu beglückwünschen. Ich glaube, er ist der geeignete und berufene Mann, das Erbe Ihrer Familie anzutreten, und es scheint mir, daß wir bis vor kurzem nur für ein papiernes Recht stritten, daß wir aber jetzt eine moralische Pflicht erfüllen, der auch Sie sich nicht werden entziehen wollen. Sie werden übrigens um Ihr Recht nicht zu kämpfen haben, dazu bin ich da, sofern überhaupt zu kämpfen nötig sein wird. Ich hoffe, der Gegner wird angesichts des Materials, das uns zur Verfügung steht, die Waffen strecken. Was Ihre Frau Mutter und ich erwarten, ist lediglich, daß Sie mir Ihre Vollmacht nicht verweigern und mir nicht in den Arm fallen, was ich wohl nicht zu befürchten brauche. Es geht um das Recht, um das Schicksal Ihrer Kinder, Herr von Teltzsch.«

Versammlungsredner, dachte Vinzenz, der nicht dumm war, dennoch war er schon halb überzeugt. Natürlich, moralische Pflicht, für die Kinder. Da war etwas dran. Und wenn die Sache ohne ihn ging, wenn Trendelenburg alles machte, warum nicht? Der Justizrat kannte seine Pappenheimer und wußte Vinzenz zu nehmen. Dieser elegante Fünfziger mit seiner durch Sorglosigkeit genährten Jugendfrische und bequemen Selbstsucht wollte seine Bezüge und seine Ruhe haben. Die Bügelfalte seiner gut sitzenden Hose und die letzte Zylinderform, die der Prinz von Wales trug, war ihm wichtiger als der ganze Familienrummel, und das englische Derby war ihm sicher ein größeres Ereignis als die ganze Stahlerzeugung auf chemischem Wege. Leichtsinnig, schwach, oberflächlich das alles, zweifellos, und Trendelenburg würde Vinzenz vermutlich verachtet haben, wenn er ihn nicht ein bißchen beneidet hätte.

Auf dem Zimmer der alten Frau wurde großer Kriegsrat abgehalten, und Vinzenz war ziemlich sprachlos, was der Justizrat in der kurzen Zeit alles herausbekommen hatte. Wirklich fabelhaft. Und geradezu unglaublich. Da mußte natürlich etwas unternommen werden – er war schon vollkommen der Meinung seiner Mutter – aber, bitte, ohne sein Beisein. So erprobte Kämpen wie die Mama und der Justizrat werden das allein viel besser erledigen. Es gab deshalb einen kleinen Zusammenstoß zwischen Mutter und Sohn, doch wenn es sich darum handelte, sich einer sehr peinlichen Aufgabe zu entziehen, konnte Vinzenz eine anerkennenswerte Charakterstärke entwickeln.

Es wurde beschlossen, Lutz und Lenore telephonisch zu einer Besprechung ins Hotel zu bitten. Lutz bedauerte unendlich, ablehnen zu müssen, wenn man von ihm etwas wünsche, müsse man ihm schon zu Hause das Vergnügen machen.

»Frechheit!« sagte die alte Dame.

»Wir können ihn nicht hindern, sich das Schlachtfeld auszusuchen, solange wir nicht zu Gericht gehen«, antwortete der Justizrat.

Der Empfang in der Teltzschischen Villa roch ein bißchen nach Förmlichkeit, ohne gerade unfreundlich zu sein. Lutz bot unbefangen und höflich der Großmutter den Ehrenplatz im hohen geschnitzten Lehnstuhl an, von dem aus sie mit ihm das erste Geplänkel ausgefochten hatte. Nur Lenore war von erstaunter Unruhe erfüllt. Was waren das für wichtige Dinge, bei deren Besprechung sie unbedingt zugegen sein mußte? Trendelenburg schwang schon die Lanze zum ersten Wurf.

»Wir wollen es möglichst kurz machen. Als Bevollmächtigter meiner verehrten alten Freundin, Frau Charlotte von Teltzsch, und ihres Sohnes Vinzenz –«

»Sie sind Beauftragter des Herrn Vinzenz von Teltzsch, Herr Justizrat?« fragte Lutz scharf dazwischen.

»Gewiß. Vor allen Dingen eigentlich. Ich darf Ihnen wohl die schriftliche Vollmacht überreichen. Also in dieser Eigenschaft bestreite ich das Erbrecht des Herrn Lutz von Teltzsch nach dem verstorbenen Herrn Herbert von Teltzsch.«

Er machte eine kurze Pause. Lenore war mehlweiß im Gesicht. Die alte Frau saß steif mit den versteinten Zügen eines Marmorbildes im Lehnstuhl. Ohne mit der Wimper zu zucken, blickte Lutz auf den Sprecher, sein Mund öffnete sich ein wenig, als wollte er antworten. Er hatte es sich scheinbar wieder überlegt und schwieg. Es war beklemmend still im Zimmer. Trendelenburg fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.

»Zur Begründung unserer Ansprüche, die ich am Schlusse unserer Besprechung bekanntgeben werde, muß ich auf die sonderbaren Ereignisse bei der Geburt des jetzigen Erben zurückgreifen, die ich teils dokumentarisch, teils durch einwandfreie Zeugen erhärten kann, der Rest ergibt sich zwanglos aus dem logischen Zusammenhang der Dinge. Frau Lenore von Teltzsch wird es ebenfalls ein Leichtes sein, die Richtigkeit meiner Behauptungen zu bekunden.«

Noch immer von keiner Seite ein Wort, bloß die Erregung Lenores, die ihr Taschentuch zwischen fiebrigen Fingern knüllte, war unverkennbar. Lutz warf einen kurzen Blick auf seine Mutter, tat, als ob er nichts bemerkte. Aber er wechselte die Stellung der Füße, beugte den schlanken Oberkörper nach vorn zu sprungbereiter Stellung.

»Bevor Frau Lenore von Teltzsch überhaupt hoffen durfte«, fuhr der Justizrat unbeirrbar fort, »ihrem Gatten einen Erben zu schenken, der aus verschiedenen, im Augenblick gleichgültigen Gründen von Herrn Herbert besonders heiß gewünscht wurde, trat zwischen den jungen Ehegatten eben infolge dieser Hoffnungslosigkeit eine gewisse Entfremdung ein. Stimmt es, gnädige Frau?«

Lenore antwortete auch jetzt nicht.

»Bitte, Herr Justizrat«, sagte Lutz mit echter oder zumindest glänzend gespielter Ruhe, »Sie erzählen sehr spannend, unterbrechen Sie sich nicht selbst.«

»Wie Sie wünschen. Wir wollen ohne weiteres zugeben, daß auf Ihrer Seite, gnädige Frau, keine andere Befürchtung bestand, als den von Ihnen sicherlich sehr geliebten Mann zu verlieren. Es liegt uns fern, Ihnen irgendwelche unlauteren Beweggründe für Ihr weiteres Handeln unterzuschieben. Jedenfalls wurde endlich die Sehnsucht des Ehepaares erfüllt, Frau von Teltzsch erwartete ein Kind. Die behandelnden Ärzte, der Frauenarzt Doktor Mellinghaus und der leider verstorbene Doktor Vitali, standen wohl auf dem Standpunkt, daß der körperliche Zustand der jungen Frau eine Geburt nicht statthaft erscheinen lasse. Sie waren damals recht kränklich, Gnädigste. Die glückliche, künftige Mutter nahm die zweifellos bestehende Lebensgefahr mit Heroismus, das sei hier ohne weiteres anerkannt, auf sich« – Trendelenburg liebte es, seinen Angriffen immer eine gewisse ritterliche Form zu geben – »und bestand hartnäckig darauf, was ja leicht begreiflich ist, das Kind zur Welt zu bringen. Es war lediglich noch zu befürchten, daß die Hoffnungen des Gatten durch die Geburt eines Mädchens oder durch eine Fehlgeburt enttäuscht werden könnten. Und hier beginnt die Reihe der Seltsamkeiten. Von den beiden Ärzten, die Frau von Teltzsch behandelten, wurde plötzlich der immerhin bewährte Hausarzt Doktor Mellinghaus ohne stichhaltigen Grund nicht mehr zugezogen. Ein etwas ungewöhnliches Vorgehen. Noch ungewöhnlicher ist es, daß Damen aus dem Gesellschaftskreis, dem die Familie von Teltzsch angehört, ihrer Entbindung nicht in einem Privatsanatorium oder im eigenen Heim entgegensehen, sondern in einem öffentlichen Krankenhaus. Ich darf ruhig sagen, daß das nicht allein ungewöhnlich, vielmehr einzig dastehend ist. Die Erklärung ist, daß der Chefarzt auf der Geburtsstation des Krankenhauses eben der andere Arzt, nämlich Doktor Vitali, war, der – ich bin nicht indiskret, wenn ich dieses stadtbekannte Geheimnis verrate – eine unglückliche Liebe zur jungen Frau von Teltzsch im Herzen trug und ihr auf Tod und Leben ergeben war.«

Lenore hob schwach die Hand. Sie wollte vielleicht etwas sagen. Der Justizrat schnitt das noch ungesprochene Wort ab.

»Bitte, gnädige Frau, es liegt mir vollkommen fern, etwa eine Gegenseitigkeit der Gefühle zu unterstellen. Diese Liebe ist sicher ganz einseitig und sehr groß und selbstlos gewesen. Ich glaube nicht, daß ich mit dieser Behauptung dem Toten oder Ihnen nahe trete. Im Krankenhaus lag wohl Frau von Teltzsch in der ersten Klasse, eigenartigerweise dennoch nicht allein in einem Zimmer, vielmehr wurde dorthin noch eine zweite Person, ein junges Mädchen, das ein uneheliches Kind erwartete, gebettet, und zwar auf Anordnung Doktor Vitalis, das ist erwiesen, und sicher mit Einwilligung der Frau von Teltzsch, die ja Anspruch auf ein Einzelzimmer besaß. Dafür möchte es immerhin harmlose Erklärungen geben, wenn sich die – ›Zufälligkeiten‹ nicht allzu sehr häuften. Das freudige Ereignis verzögerte sich bei Frau von Teltzsch über Erwarten, und es ist wohl kein wissenschaftliches Gesetz, doch eine meist zutreffende Erfahrung, daß in solchen Fällen ein Mädchen zur Welt gebracht wird. Ausnahmen sind natürlich möglich, und in unserer Ereignisreihe sind ja die Ausnahmen selbstverständliche Regel. Bei dieser Geburt, die eine Sturzgeburt war, ist nur der Arzt zugegen und nicht, wie üblich, auch eine Schwester – Ausnahme. Sie fand nicht im Kreißsaal, sondern im Krankenzimmer statt – Ausnahme. Fünf Stunden später entbindet die Zimmergenossin, gleichfalls nicht im Kreißsaal – also Ausnahme. Die Geburt wird, wie aus dem Krankenblatt ersichtlich, vom Arzt beschleunigt, die Beistand leistende Hebammenschwester wird abberufen, die Hinzuziehung einer anderen Hilfe von Doktor Vitali abgelehnt, so daß bei der Geburt dieses zweiten Kindes ebenfalls niemand Zeuge ist als einzig der Arzt – gleich drei Ausnahmen auf einmal. Das Mädchen hat sich vorher einverstanden erklärt, daß der ihr überraschend wohlgesinnte Arzt das Kind, das der armen, unehelichen Mutter äußerst unerwünscht ist, bei fremden Leuten an Kindesstatt unterbringt, und bekommt das Neugeborene überhaupt nicht zu sehen, erfährt also gar nicht, ob es einem Knaben oder Mädchen das Leben geschenkt hat. Auch das darf man wohl als recht seltene Ausnahme bezeichnen. Das Ergebnis dieser fünfzehn oder zwanzig Zufälligkeiten, Ausnahmen oder wie man es sonst nennen mag, ist – niemand wird etwas anderes vermuten – daß Frau von Teltzsch den ersehnten männlichen Leibeserben besitzt, der sich überaus gut entwickelt und nur den einen kleinen, immerhin ziemlich auffallenden Fehler besitzt, daß er auch nicht die geringste Spur einer Ähnlichkeit mit den beiden Eltern aufweist.«

Trendelenburg machte eine Pause, um seine Worte voll auswirken zu lassen. Gebannt und festgehalten vom hypnotisierenden Blick der alten Frau und den festen Augen Trendelenburgs, leichenblaß unter den Anklagen, die sich gleich festen Stricken um ihre Arme und Beine legten, daß sie sich wie gelähmt an den Stuhl gefesselt wähnte, wollte Lenore etwas sprechen. Lutz, der aus seiner angriffslustigen Stellung in eine nachdenkliche gesunken war, ließ es nicht zu.

»Bitte, Mama, Herr Justizrat ist noch nicht fertig. Wollen Sie nicht beenden?«

Trendelenburg richtete sich straffer auf, seine Stimme wurde etwas härter in der Betonung. Die Greisin saß steif gerichtet und feierlich, als wäre sie Vorsitzende eines Gerichtshofes, der Urteil über Leben und Tod spricht.

»Wir behaupten, daß Frau Lenore von Teltzsch nicht einem Knaben sondern einem Mädchen das Leben gegeben hat und daß dieses Mädchen im Einverständnis mit ihrem Freund Doktor Vitali durch diesen gegen den von Fräulein Brigitte Hartwig geborenen Knaben ausgetauscht wurde.«

»Und was wünschen Sie jetzt?« fragte Lutz.

»Daß Sie von Ihrem unrechtmäßig, wenn auch im guten Glauben erworbenen Erbrecht freiwillig zurücktreten zugunsten des rechtmäßigen Erben Herrn Vinzenz von Teltzsch. Sollten Sie unserer Forderung nicht Folge leisten, so wären wir genötigt, im Wege des Strafprozesses gegen Frau Lenore von Teltzsch die Angelegenheit aufzurollen und Ihren Verzicht im Zivilprozeß zu erzwingen.«

»Ist es Ihnen bekannt, daß Hilde und ich einander lieben?«

Die alte Frau, die bis jetzt stumm der Besprechung beigewohnt hatte, öffnete zum ersten Male den Mund.

»Sie werden von selbst wissen, was Ihre Pflicht ist, Lutz?«

»Ich weiß es, nur dürften wir kaum über diese Pflicht einer Meinung sein.«

»Darf ich bitten, gnädige Frau«, lenkte Trendelenburg zurück, »daß Sie sich endlich zur Sache äußern? So werden wir am ehesten ins reine kommen.«

Lutz sprang energisch auf und sagte, bevor Lenore den Mund öffnen konnte, in jeden Widerspruch erstickendem Ton:

»Jetzt, Mama, wirst du dich nicht rechtfertigen. Unter keinen Umständen. Ich nehme Ihre Mitteilungen zur Kenntnis, Herr Justizrat, und sage Ihnen gleich, meine Entscheidung können Sie jetzt nicht erhalten. Morgen früh werden Sie meine Antwort haben. Wollen Sie mir die Adresse dieses Fräulein Hartwig geben, oder wünschen Sie sie geheim zu halten?«

»Aber bitte, nicht im geringsten. Essen an der Ruhr, Viehoferstraße 36. Wollen Sie vielleicht noch etwas wissen? Wir haben keine Geheimnisse, Herr H –«

Der Name Hartwig schwebte ihm fast unwillkürlich auf den Lippen. Lutz spürte es.

»Einstweilen noch Teltzsch, Herr Justizrat. Kann ich auch die Adresse des Mädchens erhalten, mit dem ich –«

»Gern, auch das. Kläre Grabowski, Berlin-Charlottenburg, Spandauer Straße 68.«

»Bei dieser jungen Dame haben Sie ja vermutlich die von Ihnen bei mir vermißte Ähnlichkeit vorgefunden?«

Der Justizrat erwiderte gemütlich.

»Ich denke, Sie werden sich doch persönlich überzeugen wollen. Übrigens hat Frau Lenore von Teltzsch die Tagebücher des Herrn Professor Vitali geerbt, auch in ihnen dürften Sie vielleicht entsprechende Aufklärungen finden. Es wäre hübsch, wenn wir vielleicht gleich nachsehen könnten.«

»Das werden wir ohne Ihre freundliche Mitwirkung besorgen. Mama, ich darf dich auf dein Zimmer führen? Für heute haben wir einander ja nichts mehr zu sagen, Herr Justizrat?«

»Wenn Frau von Teltzsch es für richtig hält, auf meine Darstellung nichts zu erwidern –«

»Ich halte es für richtig!« sagte Lutz.

Er machte eine knappe Verbeugung und reichte Lenore seinen Arm. Im Hinausgehen fühlte er, wie sie zitterte und bei jedem Schritt schwankte. Da zog er ihren Arm fest und stützend in den seinen.

*

Seit Herberts Tod war keine Mahlzeit in so beklemmender Stimmung eingenommen worden wie dieses Abendbrot nach der Unterredung mit Trendelenburg. Lutz zwang sich zum Essen, hob aber keinen Blick vom Teller und trank nur gierig zwischen lustlos geschlungenen Bissen einige Gläser Wein. Lenore brachte nichts durch den krampfhaft würgenden Schlund. Keine Silbe wurde gewechselt. Der Tisch war schon wieder abgedeckt, Lutz ging mit gewaltsam verhaltenen Schritten, Hände in den Hosentaschen, das gebräunte Gesicht wie von tiefstem Nachdenken gestrafft, im Dämmer des Zimmers auf und ab. Lenore, deren Blicke ihn unruhig und ängstlich von Wendung zu Wendung verfolgten, zerriß endlich das Schweigen.

»Weshalb hast du mich vorhin nicht sprechen lassen, Lutz?«

Er blieb vor ihr stehen.

»Weil ich nicht wollte, daß du dich verteidigst. Wenn man so maßlos aufgeregt ist, schlägt man daneben. Und ist überhaupt etwas zu verteidigen, so kommen wir immer noch zurecht.«

Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen. Sie legte die heißen, zitternden Hände an ihre Wangen, und die Worte, die sie schreien wollte, kamen leise und heiser aus der Kehle.

»Lutz, um Himmels willen, du glaubst wirklich –«

Eine ganze Weile antwortete er nicht, und sie wartete auf ein armseliges, erlösendes Wort wie der Büßer auf ein Zeichen Gottes. Er zwang sich mit übermenschlicher Anstrengung ganz ruhig zu sprechen.

»Wir wollen doch den Dingen ins Auge schauen. Was Trendelenburg gesagt hat, ist nicht aus den Fingern gesogen, und wenn ein Mensch wie er mit einer so unerhörten Forderung, mit einer so ungeheuerlichen Drohung an dich und mich herantritt, so hat er seine sicheren Gründe, auf die er sich stützen kann.«

Ihr Kopf sank vornüber auf ihre Knie, mit verzweifelter Inbrunst schlangen sich ihre Arme um seine Hüfte und zogen ihn an sich heran, ihr Sprechen war ein fassungsloses, hastendes Schluchzen.

»Ich schwöre dir, Lutz! – ich schwöre dir, bei allem, was mir heilig ist –, nichts, nichts, gar nichts weiß ich. Ich habe nie von Vitali etwas so Wahnsinniges verlangt, mit keinem Wort. Niemals, niemals! Das wäre doch ein Verbrechen, ein gräßliches, unausdenkbares Verbrechen.«

Warum antwortete er nicht, daß er ihr glaubte? Wie konnte ihr Junge, ihr Kind, das sie mit allen Fasern ihres Herzens vergötterte, auch nur einen einzigen Augenblick zweifeln? Kraftlos glitten ihre Arme aus gelöstem Griff von seinen Hüften.

»Lutz, ich schwöre dir!« Sie richtete sich auf und stand dicht vor ihm. »Ich schwöre dir beim Andenken deines Vaters, bei meinem Leben und beim Teuersten, was ich noch habe, Lutz, bei deinem Leben! Glaubst du mir jetzt?«

»Und schwörst du mir auch, daß, ohne daß du es gewollt und gewußt hast, nichts geschehen ist? Schwörst du mir, daß du dich, bevor dieses andere Kind zur Welt gekommen ist, überzeugt hast, daß ich – dein Sohn bin?«

Eine bangvolle, entsetzliche Sekunde verstrich. Lenore sank wie mit durchschnittenen Gelenken in den Stuhl zurück und warf sich über den Tisch. Wie der Sohn sie quälte! Konnte sie denn diesen Eid leisten? Der tote Arzt hatte ihr selbst diesen zerfressenden Zweifel eingepflanzt. Vitalis zackig zerrissenes, sommersprossiges Gesicht, sein unnatürlich verzerrtes Lächeln stieg auf. Und Lutz erfuhr zum erstenmal, erzählt von einer stockenden, Tränen schluckenden Frauenstimme, die im dunkelnden Zimmer sehr seltsam klang, von der Geschichte einer Liebe, die allen Raum bis in die letzte Fuge im Leben des ärmsten Teufels ausgefüllt hatte.

Lenore sagte längst nichts mehr, ehe Lutz wieder ein Wort fand. Doch nun strich er dabei beruhigend über ihr Haar.

»Wollen wir das Tagebuch jetzt durchsehen? Vielleicht finden wir etwas, das uns hilft.«

Sie holte die rotledernen Hefte, wohl ein Dutzend. Elektrisches Licht prallte von der Krone ins Zimmer. Bis jetzt hatte Lenore immer nur planlos in den eng bekritzelten Seiten geblättert, deren Aufzeichnungen sich über mehr als dreißig Jahre erstreckten, jetzt suchte sie hastig nach dem betreffenden Buch. Es mußte das zweite oder dritte sein. Eins fand sie, das endete etwa ein Jahr vor Lutz' Geburt, ein anderes begann über anderthalb Jahre später. Sie warf mit aufgeregten Händen die Hefte durcheinander, rannte in ihr Zimmer zurück, vielleicht hatte sie eins liegen lassen. Um Gottes willen, es fehlte doch ein Buch, das eine allerwichtigste. Noch einmal wurde jedes aufgeschlagen und durchflogen. Nichts! Eins fehlte. Lutz begann die roten Einbände nach dem Datum zu ordnen. Es stellte sich heraus, daß noch ein zweiter Band verloren schien, die Reihe war unvollständig. Es waren elf Hefte im ganzen und das zweite und sechste waren offenbar abhanden gekommen. Lutz legte seine Hand auf Lenores fliegende Finger, die immer zielloser durch die Blätter flogen.

»Nicht so aufgeregt sein, das ist zwecklos. Erst wollen wir noch nachsehen, ob deine letzte Unterredung mit Onkel Ernst aufgezeichnet ist.«

Aber das Tagebuch war in den letzten beiden Jahren schon sehr spärlich geführt. Es fand sich nur eine kurze, nichtssagende Notiz von wenigen Zeilen. Vitali hatte wohl nicht geahnt, was er mit seiner Andeutung angerichtet hatte, und war über sie als unbedeutend hinweggegangen.

»Wir wollen Doktor Benting und die Haushälterin anrufen, vielleicht finden sich die beiden Hefte dann.«

Rechtsanwalt Benting hatte seine Kanzlei in seiner Wohnung und war sofort bereit, das Nachlaßverzeichnis durchzusehen. Bereits nach wenigen Minuten gab er Antwort.

»Es hat seine Richtigkeit, Herr von Teltzsch. Ihre Frau Mutter hat elf rotgebundene Tagebücher erhalten. Das Inventar ist mit geradezu lächerlicher Genauigkeit aufgenommen. Außerdem hatte Professor Vitali die Gewohnheit, alle Bücher gleicher Materie in besonderer Farbe binden zu lassen. Das weiß ich von seiner Haushälterin. Die medizinischen Bücher waren schwarz, andere wissenschaftliche Werke blau, Schöngeistiges violett und lediglich seine Tagebücher waren rot gebunden. Er war ein Ordnungsfex, der gute Vitali. Wie bitte? Nein, ich halte einen Irrtum für ausgeschlossen. Sie können ja für alle Fälle bei der Haushälterin anfragen.«

Auch die Haushälterin wußte nichts. Sie beteuerte, daß sich kein einziges Buch mehr in ihrem Besitz befinde. Die Bibliothek wäre, soweit sie nicht Frau von Teltzsch erhalten hätte, vollzählig in den Besitz der Universität übergegangen. Und das waren ausschließlich schwarze und blaue Einbände. Ein roter hätte dazwischen unbedingt auffallen müssen.

Wie das sich immer hoffnungsloser gestaltete. Ein häßlicher Verdacht keimte in Lutz. Sollten die Bücher doch herübergekommen und hier erst verschwunden sein? Er runzelte die Stirn in langgegrabene Furchen. Als ob Lenore in seinem Gesicht lesen konnte, sagte sie:

»Lutz, du hast doch gehört, ich habe nur elf Bücher erhalten. Muß ich wieder schwören, damit du mir glaubst?«

Natürlich. Er hatte es im Augenblick vergessen. Aber was bedeutete dieses Verschwinden der beiden Bücher? Hatte Vitali sie selbst vernichtet, weil Dinge darin standen, die ihm und der geliebten Frau gefährlich werden konnten? Wer wollte das jetzt entscheiden? Wollte man ehrlich und unparteiisch sein, so konnte die Deutung nicht günstig ausfallen. Lenore brütete zusammengesunken mit verworrenen, hilflosen Gedanken neben den roten, feindselig gewordenen Bänden. Zaghaft fragte sie:

»Was wirst du ihnen antworten?«

»– – –«

»Lutz – wenn – wenn – ich kann das nicht ausdenken, wenn sie recht haben, wirst du mich noch liebhaben, wirst du bei mir bleiben?«

So zerbrochen, zerschmettert, aller Kraft beraubt, war die Stimme. Der Sohn stand, ein hoher, dunkler, ungewisser Schatten, und starrte auf die blaugedunkelten Baumkronen draußen, deren Zweige bauschig und undurchdringlich ineinanderflossen. Hinter ihm weinten schluckend verzweifelte Worte:

»Lutz, nicht einmal – hast du heute abend – zu mir Mutter gesagt.«

*

Lutz hatte seinen Monteur aus den Betten geholt und war mit ihm nach dem Flughafen gerast. Sie holten das Flugzeug aus dem Schuppen. Rasch die Verspannungen, den Motor geprüft. Nur nicht hier unten bleiben, wo einem der Atem wegblieb. Hinauf! Sich oben in der Luft austoben, auf dem weißen gespenstischen Vogel durch die Wolken reiten auf die Sterne zu, bis dieser Druck auf der Brust wich und das Herz im Surren und Gedröhn der Maschine ruhig schlug. Klaren Kopf bekommen, die Nerven zusammenreißen.

Über dem weiten Platz spielten die Scheinwerfer. Der Motor sprang singend an, die Räder rannten in den weißen Lichtkegeln über das Feld. Das Flugzeug hob sich in flacher Kurve vom Boden und dann steil, immer steiler hinauf in den Nachthimmel. In riesiger Schraube wand es sich hinauf. Ding gewordener Traum der Menschheit, sieghaft überwundene Erdenschwere hinter sich, unter sich lassend. Im Boden der Mulde lag die Stadt mit den tausend nächtlichen Lichterschnüren der sich kreuzenden Straßen zwischen den farblos dunklen Bändern der beiden Flüsse. Dort lag das Werk. Die schwarzen Kanonenrohre der Schlote zielten starr und senkrecht auf den Flieger. Der Höhenmesser sprang von Strich zu Strich. Die Wälder unten zerflossen in schwarzdunkle Seen. Fünfzehnhundert Meter, achtzehnhundert, zweitausend. Ungeheuer wurde die Mulde. Die Luft schlug kalt gegen das heiße Gesicht. Die Flügel surrten, unsichtbar vor Schnelle, das Getriebe schrie, wie befreit vom Alpdruck der Tiefe, tobend und tosend in den Raum hinaus und raste in immer weiter gezogenen Kreisen. Mannheim lag schon weit, neue Städte, Berge, gedehnte Felder glitten in die ausgewölbte Mitte der Riesenschale unter der ausgestirnten, blauen Kuppel des Himmels. Und zwischen Schale und Kuppel schwebend ein winzig kleiner Punkt, ein geflügeltes Nichts, darin ein Mensch saß und mit sich kämpfte. Wo war das Recht? Unten irgendwo lag das Werk in der Finsternis, mit dem er verwachsen war, das nicht ihm gehörte, sondern – so wie sein Vater gesagt hatte – dem er gehörte. Aber er gehörte ihm mit Liebe und Hingegebenheit, mit jedem Blutstropfen und wußte, so wie er würde es keiner von den anderen lieben können. Keiner hatte das starke Herz, mit so grenzenloser Liebe, so uneingeschränkt, so mit dem ganzen Einsatz des eigenen Seins, es zu umfassen, keiner den Willen, es zu beherrschen, keiner den aufopfernden Mut, die bedrohliche Verantwortung zu tragen. Wer sollte dort Herr werden? Vinzenz von Teltzsch? Die Vorstellung war Wahnwitz. Klaus? Ja, ein Genie im Laboratorium, aber ein verlegener Schwächling, wenn fünf Menschen im Zimmer waren. Also wer? Ein bezahlter Kuli, ein Knecht mit Kündigung? Nur er, nur er, niemand anders. Wer wagte sein Recht zu bestreiten? Ihm war Wille und Kraft und Liebe anerzogen und eingeimpft, eingeflößt mit der Muttermilch; schon eingeboren, bevor er die Welt erblickt hatte. Eingeboren? Aus wessen Blut und Samen? Wer war er? Wer waren Vater und Mutter? Nicht die Frau unten in der Villa, nicht der Mann, der unten im Friedhof in unerwecklichem Schlaf ruhte? Log jedes Gefühl, aller Instinkt? Man mußte glauben! An sich, an die Stimme des Blutes, oder man war ein verlorener Mann.

Der Tag stieg auf vom östlichen Rand der Erdenschüssel, Licht des Alls goß sich anbetungswürdig über die kleine Welt da unten, strahlte in die dunkle Kuppel, daß die Sterne in der blauen Helle blaß und lichtlos verstummten. Ein weißlicher Schemen wurde der Mond.

Man mußte glauben! Mochte es Gott oder Stimme des Blutes heißen oder den eigenen Namen tragen. Glauben und kämpfen. Glauben mit heißem Herzen und kämpfen mit kühlem Kopf. Jedes Wort, das Trendelenburg gesprochen hatte, haftete noch in seinem Hirn. Alles war logisch und sonnenklar. Nirgends ein Loch im feinen Gewebe? Nicht eine schwache Stelle im stark gesponnenen Netz?

Es war früher Morgen, als Lutz wieder auf dem Flugplatz landete. Er war nüchtern und sicher. Keine Müdigkeit in den straffen, jungen Gliedern, der braune Römerkopf war Ruhe aus einem Guß.

*

Als Lutz nach kaum zweistündiger Ruhe zum Frühstückstisch kam, fand er Lenore schon im Zimmer. Er ging, ohne ein Wort zu sagen, auf sie zu, nahm ihren Kopf zwischen die Hände und küßte sie auf beide Augen.

»Bist ja doch meine Mutter!«

Wie wenn nichts geschehen wäre, frühstückte er und warf wie täglich einen kurzen Blick in die Zeitung. Lenores Pupillen gingen jeder seiner Bewegungen nach. So beruhigend war das, ihn mit Hunger essen und trinken, seine Augen mit Aufmerksamkeit über die Zeilen laufen zu sehen. Keine Falte auf der Stirn, die Wangen noch jung und glatt. Das war beglückend. Nur einmal, als sie den Kopf über ihre Tasse beugte, warf er einen unbeobachteten Blick auf sie und bemerkte, wie grau sie geworden war, wie viele, viele weiße Fäden sich immer vordringlicher durch das braune Haar zogen. Von den Nächten seit des Vaters Tod oder von dieser einen zwischen gestern und heute? Sie wagte nur eine leise Frage.

»Was wirst du ihnen antworten, Lutz?«

Er winkte mit der Hand ab. Nachher. Mit größerer Umständlichkeit als sonst beendete er sein Frühstück, ließ sich zu allem Zeit und schien es gar nicht eilig zu haben. Erwartungsvoll, als müßte jetzt, jetzt gleich ein unerhörtes Wunder sich vollziehen, sah sie ihn aufstehen, zum Telephon gehen, den Hörer in die Hand nehmen. Sie hing an seinen Lippen, von denen die Offenbarung kommen sollte. Er ließ sich mit Trendelenburg verbinden, den er wohl aus dem Schlaf weckte.

»Sie entschuldigen die frühe Stunde, Herr Justizrat, ich wollte Ihnen nur meinen Entschluß bekanntgeben. Ich lehne ab.«

Trendelenburg mochte ihm wohl gut zureden.

»Danke für das großmütige Anerbieten, daß Sie mich und die mir von Ihnen freundlichst zugedachte neue Verwandtschaft nicht verhungern lassen wollen. Liegt mir nicht, die Rolle. Wie, bitte?«

Auf der anderen Seite wurde heftig zugeredet.

»Direktorposten? Vielleicht gar Generaldirektor? Herrlich, einstweilen vergebe ich noch selbst diese Posten. Bewahre, ich wünsche nicht im mindesten Sie zu reizen, Herr Justizrat, aber wer den Krieg erklärt, darf sich nicht wundern, wenn er wirklich ausbricht. Vor Gericht auf Wiedersehen? Sie wissen, Herr Justizrat, es freut mich, Sie wiederzusehen, wo es auch sei.«

Er legte den Hörer auf. Absichtlich hatte er ungezwungen und leicht gesprochen, um jede Unruhe von seiner Mutter zu nehmen. Er drehte sich lächelnd zu ihr, ein Lächeln erwartend. Sie hatte, die Ellbogen auf dem Tisch, den Kopf aufgestützt, und die Tränen rannen ihr still und hoffnungslos vom übernächtigen Gesicht.

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