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Zeche Gnadenfeld

Friedrich Zeckendorf: Zeche Gnadenfeld - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFriedrich Zeckendorf
titleZeche Gnadenfeld
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1.-10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
projectid14a6eff3
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4

Justizrat Trendelenburg, Rechtsberater und Freund im Hause der alten Frau von Teltzsch, hörte ruhig, ohne ein Wort der Unterbrechung, ihrem Redefluß zu, lehnte behaglich in einem Polsterstuhl der altfranzösischen Einrichtung ihres Damenzimmers, warf unbeirrt Zucker in die bauchige, dünne Teetasse, knabberte Keks zwischen je zwei Schlucken. Noch in der Zeit, in der er als junger Anwalt um die Gunst seiner Klienten warb, hatte er sich angewöhnt, die Ratbedürftigen, die ihn aufsuchten, erst einmal aussprechen zu lassen, und es war mit ein Grund seiner Beliebtheit, besonders bei den Frauen, daß er ihren kleinen und großen Schmerzen eine ihnen wohltuende, für ihn recht zeitraubende Geduld entgegenbrachte. Jetzt hätte er diese Geduld nicht mehr nötig gehabt, denn er konnte sich seine Auftraggeber aussuchen – er nahm überhaupt nur noch Fälle an, die ihn besonders interessierten – aber er hatte dennoch die alte Gewohnheit bewahrt. Ein sogenannter »schöner Mann« auch heute noch, trotzdem er auf die sechzig ging, war er im Sprechzimmer von bestrickender Liebenswürdigkeit, im Gerichtssaal ein gefürchteter Kämpe, der mit allen Finten juristischer Kniffligkeit, mit Witz ebenso wie wuchtiger Beredsamkeit Gegner und Gericht zu Leibe ging. Für Frau von Teltzsch hatte er eine gewisse Schwäche. Ihr bissiger Witz, ihre nicht zu brechende Lebenskraft, ihr mit Verschwendung geführtes Haus, das nur einem dreimal gesiebten Kreis von Auserwählten, doch diesen mit der großzügigsten Gastfreundschaft offenstand, machten ihm Vergnügen. Ihr zuliebe machte er gern eine Ausnahme und ersparte ihr mit Rücksicht auf ihren körperlichen Zustand, sich in seine Sprechstunde zu bemühen.

»Sehr interessant, gnädigste Freundin, ungemein interessant«, er spielte mit den Fingern an dem dunkelgefärbten Schnurrbart, der einen koketten Gegensatz zu dem eisengrauen Haar bildete, »und darf ich fragen, gründet sich Ihre Vermutung – wir wollen uns klar sein, vorläufig nur Vermutung – ausschließlich auf die Bekundungen dieses Fräuleins von Tillowitz, oder haben Sie noch andere Anhaltspunkte?«

»Wie man's nehmen will. Es ist zum Beispiel geradezu auffallend, wie mein angeblicher Enkel aus dem Typus unserer Familie herausfällt. Ich habe einen solchen Mangel an Ähnlichkeit mit beiden Eltern, Vater wie Mutter, einfach noch nicht gesehen. Geradezu eine ganz fremde Rasse.«

»Hm.«

»Und das wird Sie ja auch nicht überzeugen, wie ich Sie kenne. Haben Sie nichts von den sogenannten ›sozialen‹ Maßnahmen des jungen Mannes gelesen? Ich sage nichts gegen anständige Löhne, wohlverstanden, aber diese Pläne, Kasino für die Arbeiter, Sanatorium, bitte, nicht Krankenhaus, sondern Sanatorium, Ausgleich der ›sozialen Gegensätze‹, wie es so schön heißt. Lieber Justizrat, ich bitte Sie, auf solche Ideen kommt man nur, wenn man niedriger Herkunft ist.«

Trendelenburg lachte.

»Krupp hat für seine Arbeiter auch alles mögliche getan, deshalb –«

»Ja, das Wichtigste habe ich vergessen. Im Anfang seiner Ehe war mein Verhältnis zu meinem verstorbenen Sohn noch nicht so gespannt wie später, ich war immerhin unterrichtet über die Vorgänge in seinem Haus. Damals fürchtete man sehr, das weiß ich noch sehr genau, daß meine Schwiegertochter keine Kinder bekommen würde. Einige Ärzte erklärten, daß sie nicht fähig wäre – in den ersten beiden Jahren war auch nichts – und dann plötzlich –«

»– war das Kind oder, was wichtiger ist, der männliche Erbe da. Sie mutmaßen also, wenn ich recht verstehe, daß überhaupt keine Schwangerschaft vorgelegen hat.«

»Ich bin fest davon überzeugt. Sie wissen, ich bin nicht prüde und übermäßig moralisch, aber eine Frau vom Theater – da liegt das Komödiespielen im Blut, und man kommt nicht über die Bretter ohne ein gewisses Maß von Erfahrung, das im allgemeinen größer sein dürfte als in bürgerlichen Kreisen.«

»Na ja! Das ist eine sehr bündige, nur nicht sehr beweiskräftige Schlußfolgerung. Glauben Sie, daß Ihr Sohn Herbert in diese Dinge, sofern sie sich wirklich ereignet haben, eingeweiht war?«

»Ausgeschlossen.«

»Ausgeschlossen ist zwar gar nichts, aber nehmen wir es vorläufig an. Also fassen wir das Ergebnis unserer Unterhaltung zusammen: Frau Lenore von Teltzsch hatte nach ärztlicher Voraussicht keine Mutterfreuden zu erwarten. Nichtsdestoweniger kam sie nach einigen Ehejahren in andere Umstände, erwartete seltsamerweise ihre Niederkunft weder zu Hause noch in einem Sanatorium, wie es bei Frauen ihrer Gesellschaftskreise üblich ist, sondern im Entbindungsheim eines gewöhnlichen Krankenhauses, wo ihr ergebener Freund Doktor Vitali als Arzt tätig war. Und es besteht die Vermutung, daß diese Schwangerschaft überhaupt nicht bestand, sondern mit Unterstützung des befreundeten Arztes der gewünschte Erbe untergeschoben wurde, oder, wenn sie bestand, entweder möglicherweise ein Mädchen zur Welt kam oder vielleicht eine Fehlgeburt, welchen Fehler man durch Vertauschung mit einem Knaben ausglich. Dieser Knabe ist der jetzige Erbe, Herr Lutz von Teltzsch, der durch eine besondere Unähnlichkeit sowohl nach der väterlichen wie mütterlichen Seite auffällt. Habe ich richtig verstanden?«

»Vollkommen.«

»Dagegen spricht, daß Frau Lenore ohne jeden Anlaß nach so vielen Jahren ihre Freundin in dieser Sache ins Vertrauen gezogen haben soll. Aber solche Dinge kommen vor. Möglich auch, daß Ihre Schwiegertochter ganz etwas anderes erzählt hat als Fräulein von Tillowitz Ihrem Sohn Vinzenz weitergab. Solche Dinge kommen erst recht vor. Endlich erscheint mir eine solche Kindesunterschiebung oder ein Kindertausch in einem öffentlichen Krankenhaus ungemein schwierig, fast unmöglich.«

»Etwas ist an der Sache dran, das ist sicher.«

»Wir wollen es einstweilen voraussetzen. Eine derartige Handlung müßte eigentlich mit Wissen und Zustimmung der Mutter, deren Kind ausgetauscht oder fortgenommen wurde, ausgeführt worden sein. Sehr schwierig nach sechsundzwanzig Jahren nachzuweisen. Sehr schwierig.«

»Etwas muß geschehen. Das habe ich mir in den Kopf gesetzt.«

Die Falten in ihrem Gesicht, das wie eine mit deckender Ölfarbe überstrichene, zerrissene Baumrinde wirkte, strafften sich vor Kampfbereitschaft, die Augen bekamen dunkles, gefährliches Feuer.

»Ich kenne und schätze diesen Kopf, gnädigste Freundin, es wäre schade, mit ihm gegen eine Wand zu rennen. Immerhin könnte man versuchen, die Umstände, unter denen die Geburt Ihres Enkels Lutz vor sich ging, aufzuklären. Vielleicht sind die Schwestern, die damals auf der betreffenden Abteilung tätig waren, ausfindig zu machen. Möglich, daß eine etwas weiß oder daß ihr wenigstens etwas aufgefallen ist. Dann müßte man feststellen, welche Kinder ungefähr zur Zeit der Niederkunft Ihrer Schwiegertochter im Krankenhaus geboren wurden, müßte nach den Müttern und nach dem Verbleib der Kinder – meiner Meinung nach käme am ehesten ein uneheliches in Betracht – geforscht werden. Das ist am besten an Ort und Stelle zu erkunden.«

»Wollen Sie es tun?«

»Solche Detektivarbeit ist eigentlich nicht meine Sache. Dazu bin ich auch wohl zu teuer.«

»Geld spielt hier keine Rolle.«

»Ihr Sohn Vinzenz ist doch in Mannheim. Der könnte alles sehr gut feststellen.«

»Vinzenz ist ein famoser Kerl, aber ein Waschlappen. Wir wollen froh sein, wenn er nichts verdirbt. Es genügt, wenn er Fräulein von Tillowitz so lange den Hof macht, als wir sie zu Recherchen im feindlichen Lager nötig haben. Dazu ist er der richtige Mann.«

»Aha, bißchen Spionage.«

»Wenn Ihnen gerade dieser Ausdruck genehm ist, lieber Justizrat, bitte. Ich bin nicht empfindlich.«

*

Die Persönlichkeit des neuen Herrn der Teltzschischen Unternehmungen begann die Öffentlichkeit zu beschäftigen. In einer Versammlung von Industriellen fiel er durch die angriffslustige, schlagfertige Kampfart auf, in der er einige neue und überraschende Ideen mit zwingender Folgerichtigkeit verfocht. In den Reihen der älteren Werksherren wurde man aufmerksam und unruhig. Bei den jüngeren fand er zum Teil begeisterte Parteigänger. In den Zeitungen folgte entsprechend lebhafter Widerhall in anspornender Zustimmung oder erbittertem Widerspruch. Selbst in den Blättern gleicher Parteifärbung nahm man teilweise in gänzlich entgegengesetzter Weise zu Lutz Stellung. Das war jedenfalls allen offenbar, hier sprach ein Kopf eigenster Prägung, bedeutungsvoll durch sich selbst, doppelt bedeutungsvoll durch die wirtschaftliche Macht, die er als Erbe der Teltzsch-Unternehmungen vertrat. Auch in den Reihen der eigenen Arbeiter teilten sich schroff die Meinungen und platzten in einer Besprechung ihrer Vertreter, zu der sie Lutz wegen der Anlage der neuen Kolonie in den großen Versammlungssaal der Direktion einberufen hatte, aufeinander. Die Arbeiter selbst sollten Anregungen geben, ihre besonderen Wünsche vorbringen. Da saßen die Vertrauensmänner aus den verschiedenen Werken um den großen, linoleumbelegten Verhandlungstisch, teils im einfachen Straßenanzug, teils im ungelenken Sonntagsgewand, die Einheimischen in Arbeitsbluse oder Kittel, wie sie von der Maschine kamen. Kluge, aufgeweckte Gesichter darunter, mit Mutterwitz und scharfem, natürlichen Verstand begabt, andere verbohrt und verbissen, lungenstarke Schreier, denen nur diese Fähigkeit ihre Vertrauensstellung verschafft hatte. Vor jedem lagen Block und Bleistift.

An der Wand zeigte ein mächtiger farbiger Plan die in Aussicht genommene Anlage in übersichtlicher Zeichnung. Ein plastisches Modell, das mit Straßenzügen, Plätzen, Gärten auf dem Tisch aufgebaut war, sollte die Vorstellung sinnlich verdeutlichen. Rechts und links davon in größerem Maßstabe ein vollkommenes Abbild der Haustype, bis in die kleinste Einzelheit äußere und innere Ausgestaltung zeigend. Der entwerfende Architekt hielt einen kurzen, erläuternden Vortrag, dann erst nahm Lutz das Wort:

»Was ich Ihnen zu sagen habe, meine Herren, ist unpolitisch. Legen Sie meine Worte nicht auf die Goldwaage und betrachten Sie sie nicht vom Parteistandpunkt. Entweder Sie fühlen, was ich meine, oder wir werden uns eben nicht verstehen.«

Er entwickelte mit einer Klarheit, die dem einfachsten Hirn verständlich war, seinen Gedankengang. Das sollte der Anfang sein einer weitgreifenden Fürsorge für alle Menschen, die am mächtigen Bau der Teltzschwerke tätig waren. Dieser Anfang sollte so rasch als möglich überall, wo sich Unternehmungen des Konzerns befanden, Fortsetzung erfahren. Die Umwälzung der wirtschaftlichen Verhältnisse habe eine breite, bürgerliche Schicht proletarisiert. Hier ist das Umgekehrte zum Ziel genommen: Verbürgerlichung der proletarischen Masse.

»Nicht im politischen Sinn Verbürgerlichung. Nicht Ihr Wahlzettel soll beeinflußt werden. Nennen Sie es verbesserte Lebenshaltung oder wie Sie mögen. Ich spreche zu Ihnen so offen, wie ich zu Mitarbeitern am Biertisch sprechen würde. Es ist Unsinn, daß der Arbeiter, wenn er die Maschine verlassen hat, mit schmutzigen Fingernägeln herumlaufen muß –« unwillkürlich rutschten Hände, die vorher auf der Tischplatte lagen, zögernd herunter auf die Knie – »es ist Unsinn, daß der Arbeiter ohne Kragen herumläuft, wenn alle anderen Menschen einen tragen, Unsinn, wenn er sich anders kleidet, anders benimmt, anders spricht als die sogenannten ›besseren Kreise‹. Streiten Sie es nicht ab, die Mehrzahl Ihrer Kameraden fühlt sich unbehaglich, hat ein Gefühl der Unsicherheit, des Abgesondertseins, wenn sie zufällig in ein Lokal kommt, in dem andere Menschen als seine Arbeitsgenossen verkehren. Das meine ich mit Verbürgerlichung. Der Arbeiter darf weder äußerlich noch innerlich das Gefühl des Abstandes gegenüber anderen Berufsständen besitzen. Millionen Arbeiter treiben Sport wie die bürgerlichen Kreise, sind auf dem Sportplatz ebenbürtige, gleichberechtigte Gegner. Tausende von ihnen haben geistige Interessen, lesen, sammeln, bilden sich fort auf allen Gebieten. Die inneren Werte, die in unserer Arbeiterschaft stecken, müssen sich auch in der äußeren Lebensform ausdrücken.«

»Höhere Löhne«, rief eine Stimme vom anderen Ende des Tisches.

»Wenn wir ein paar tausend Menschen billigere, bessere, gesündere Wohnungen verschaffen, so bedeutet das höheren Lohn«, klatschte dem Zwischenrufer die Antwort zurück. »Und wenn Sie das nicht verstehen, so fragen Sie Ihre Kameraden, die mit Weib und drei, vier Kindern in einem schmutzigen, dumpfen Hinterhaus in Küche und Kammer hausen. Bei der Wohnung muß es beginnen. Aus der Schlafstelle muß ein Heim werden mit Sonne, Bad, Bequemlichkeit, wenn das gezüchtet werden soll, was ich erstrebe: der bürgerliche, mehr noch, der aristokratische Arbeiter.«

Schräg gegenüber von Lutz stand einer auf. Groß, mit breiten Turnerschultern und einem kleinen, fanatischen Kopf. Der geborene Versammlungsredner. Er machte ohne Scheu eine weit ausholende Armbewegung und öffnete den Mund mit den starken, gelben Zähnen:

»Wir Arbeiter verlangen unseren Anteil am Ertrag unserer Arbeit. Unser Schweiß, unser Blut –«

Lutz stand auf und faßte den Gegner mit einem verwirrenden Blick ins Auge. Er schnitt dem Redner kurz ins Wort und vollendete dessen Satz:

»– klebt am Reichtum der herrschenden Klasse. Stimmt's? Den Leitartikel haben wir schon gelesen. Ich habe Ihnen erklärt, warum wir Häuser bauen wollen, und Sie antworten mir, daß die Wirtschaftsordnung verkehrt ist. Wenn's Ihnen Spaß macht, gebe ich Ihnen sogar recht. Na und? Was wollen Sie damit jetzt?«

Sie standen sich gegenüber. Beide gleich groß, dunkel, die Augen fest aufeinandergerichtet.

»Ich dachte, man darf hier frei reden.«

»Wenn's zur Sache gehört, gewiß. Was wünschen Sie?«

»Wir Arbeiter fordern Beteiligung.«

»Gemacht. Mit wieviel wollen Sie sich beteiligen? Wir brauchen in der nächsten Zeit ohnehin dreißig Millionen.«

Einige lachten. Einige murrten.

»Dann wird eben eine Anleihe aufgenommen. Das tun andere auch.«

»Und Sie werden Wechsel unterschreiben, nicht? Lindemann, reden Sie hier doch keinen Mumpitz, wir sind in keiner Wahlversammlung. Wollen Sie behaupten, daß gute Wohnungen falsch und schlechte Wohnungen richtig sind? Daß es soziales Unrecht gibt, wissen wir. Dazu brauchten Sie nicht herzukommen. Aber wir wollen versuchen, in unserem Kreis mit unseren Mitteln zu mildern. Wenn Sie mithelfen wollen, ist's gut, wenn nicht, wird's ohne Sie gehen.«

»Laß doch schon. Red' doch nicht.«

Der Arbeiter setzte sich zögernd. Ein anderer, älterer stand auf.

»Ich wollte bloß mal fragen, welche Arbeiter die Wohnungen erhalten sollen?«

»Vorläufig nur verheiratete. Zuerst die kinderreichen und die, die besonders schlechte Wohnungen haben. Wissen Sie einen besseren Vorschlag?«

Im Handumdrehen entwickelte sich eine lebhafte Aussprache, ob die Dienstjahre im Werk berücksichtigt werden sollen. Auf einmal waren die meisten mit Feuereifer dabei. Einer bemängelte die Einrichtung der Küche. Mit ein paar geschickten Strichen zeichnete er den Grundriß auf den Block. Das Bett paßte einem anderen nicht. Es sei zu breit und nehme zu viel Platz weg. Sofort wußte ein erfinderischer Kopf einen Ausweg. Ein einfaches Bett, das durch einen Handgriff in ein Doppelbett verwandelt werden konnte. Und zeigte auch gleich, wie das Bett gebaut sein müsse. Es war erstaunlich, welche Fülle von Gedanken in diesen Köpfen steckte, wenn sie sich erwärmten. Hundert sachliche Fragen mußte der Architekt beantworten. Mit einer Fülle neuer Anregungen ging man auseinander.

Lutz hielt den Arbeiter, mit dem er den Zusammenstoß gehabt hatte, auf.

»Lindemann, ich muß Ihnen etwas sagen. Was ich Ihnen geantwortet habe, war Quatsch, ich weiß es. Entschuldigen Sie. Und was Sie gesagt haben, war auch Unsinn, es hat mich gereizt. Ich mag Sie, Sie gefallen mir. Wenn Sie etwas brauchen, kommen Sie zu mir.«

»Ich brauche nichts.«

Es klang mürrisch.

»Warum wollen Sie Feindschaft um jeden Preis?«

»Sie gehören zu Ihren Leuten, Herr von Teltzsch, ich gehör' zu meinen.«

»Schade. Denn auf anständige Feindschaft.«

Lindemann ging achselzuckend davon. Lutz sah ihm bedauernd nach. Das war der einzige Mann hier, der ihm wirklich gefiel.

Am Abend noch brachte eine radikale Zeitung einen scharfen Angriff. Kein klassenbewußter Arbeiter dürfe diese Häuser beziehen. Kein Almosen, nur Recht fordere man. Unbequemen Fragen weiche der junge Herr aus. Das war Lindemanns Berichterstattung. Die gemäßigteren Arbeiterblätter verhielten sich teils zurückhaltend, teils wohlwollend. Neue Besen kehrten gut. Man müsse abwarten. Lutz lachte.

Er fuhr abends mit seinem Wagen nach Heidelberg hinüber, um sich mit Hilde zu treffen. Er fragte sich selbst, ob er in sie verliebt sei. Verliebt? Er glaubte es nicht, aber ihre Gegenwart war ihm angenehm. Sie wäre nicht seine erste Liebe gewesen, er war kein Asket und ganz anders als sein Vater geartet. Keiner, der erobert und umworben werden mußte, sondern ein hitzig Nehmender. Als Student und später hatte er einige kurze, überaus heftige Erlebnisse gehabt, die alle nach kurzer Zeit mit einer Enttäuschung von seiner Seite endeten. Nicht daß er bei einer Frau besondere Klugheit oder Bildung suchte, aber ein starkes Echo, Reibfläche, an der er sich entzündete. Keine, die sein Feuer, seinen Schwung mit Plattheit dämmte, sondern anfachte durch – ja, durch nichts anderes als einfach dadurch, daß sie da war.

Hilde winkte schon von fern.

»Allein?«

»Papa befindet sich in zarten Banden, die Tillowitz hat ihn erwischt. Er war ganz entsetzt, als er ihr in die Arme lief. Ich glaube, sie sind nach der Molkenkur.«

»Also fahren wir nach Neckar-Gmünd.«

Der Motor sprang surrend wieder an. Lutz kannte jeden Stein in der Gegend. Er wußte ein kleines Gartenlokal, das ziemlich hoch lag und von dem man einen guten Blick auf den Fluß, auf Berge und Wälder hatte.

»Also du bleibst in Heidelberg?«

»Ja, aber ich wollte erst mit Semesteranfang herkommen. Plötzlich erklärte Papa, daß er jetzt schon hierbleiben will, und ich dürfte auch nicht fort. Ich möchte nur wissen, was ihn hier hält.«

»Ist's dir leid, Hilde? Ich bin ganz froh, daß du hier bist.«

»Lutz, rede keine Albernheiten. Wenn du mir den Hof machst, muß ich lachen. Das steht dir nicht.«

»Ich denke nicht daran. Ich bin kein Schwärmer. Ich glaube, wenn ich liebe, greife ich zu, ohne viel zu fragen.«

»Droh mir nicht mit Liebe, teurer Vetter, du schreckst mich nicht. Wir sind ja vom selben Ast. Prosit.«

Sie hob das Glas, und beide mußten lachen.

»Was macht Klaus?«

»Große Dinge. Du wirst staunen. Er ist ein Genie.«

»Und du?«

»Ich mache auch ganz hübsch ›große Dinge‹ jetzt.«

Er fing an zu erzählen. Von seiner Arbeit, seinen Plänen und von dem Steckenpferd, das er jetzt ritt, von der neuen Arbeiterkolonie.

Frauen mit wachen, empfindsamen Sinnen haben ein untrügliches Gefühl für die Bedeutung eines Mannes, und das junge Mädchen, gesund, unverdorben in ihrem inneren Trieb, erkannte, ohne alles zu verstehen und in seiner Tragweite abschätzen zu können, daß der da am Tisch ihr gegenüber ein Eigener war, ein Lebensstarker, ein Kämpfer in jeder Faser, in jedem Nerv. Wie ein Sturm brauste Wort und Gedanke aus diesem lebendigen, blutdurchpulsten Mund, die Hände sprachen in heftiger Bewegung, das Auge blinkte auf in zwingender Begeisterung. Sein dunkler, schöner Kopf beugte sich eindringlich vor, als müßte er sie besser sehen, um nicht in die Dunkelheit, ins Nichts zu reden.

Nacht stieg von Osten herauf und wanderte über den Himmel nach Westen. Die spärlichen Lichter des Gartens hellten in kleinem Kreis. Er brach ab. Sie legte ihre Hand zu kurzer Berührung auf seine.

»Sprich weiter, Lutz.«

»Nein, jetzt kann ich nicht mehr. Es ist zu finster, ich kann dich nicht sehen. Weißt du, ich habe nie verstanden, wie sich Menschen zu Hause, wenn sie allein sind, auf eine Rede vorbereiten können. Ich muß Gesichter sehen, Beifall, Widerspruch auf ihnen, fast den Atem spüren, dann schießt es wie über ein geöffnetes Wehr aus mir heraus. Jeder, der zuhört, muß Gegner sein, den man überrennt, überzeugt, im Sturm nimmt. Komm, wir wollen noch eine halbe Stunde den Fluß entlang gehen, bevor wir zurückfahren.«

Der Neckar wusch mit quirlenden, scheuernden, plätschernden Lauten die Ufer. Aus den Fenstern zerstreuter Häuser äugte Lampenlicht in die dunkle, feuchte Luft. Hilde blieb plötzlich stehen.

»Sag, Lutz, weshalb hast du mir das alles erzählt? Verstehe mich recht, ich höre dir schrecklich gern zu, aber ich bin doch eigentlich ein dummes Mädel, das höchstwahrscheinlich gar nicht alles versteht, was du sagst. Und sonst weichst du immer aus. Warum nun gerade mir?«

Er fühlte ihre warme Nähe, ihre Stimme war weich und kindhaft. Ihr weißes Kleid schimmerte. Er blieb neben ihr stehen und antwortete nicht.

»Du sagst ja nichts, Lutz.«

Er sagte nichts. Aber seine Arme lagen unvermutet in klammernder Umarmung um ihren Körper und hoben sie mit spielender Kraft empor.

»Lutz!«

Im ersten Schrecken umschlang sie seinen Hals. Er hielt sie mit einem Arm an sich gepreßt, der andere legte sich mit unwiderstehlicher Gewalt um ihren Nacken. Sein Kopf war über ihr, sein Mund, in brennender Erregung, bedeckte mit rasenden Küssen ihr Gesicht. Wildheit griff mit stoßendem Atem aus ihm heraus, verschloß ihren Mund. Ein gepeitschtes Meer ungedämmter, leidenschaftlicher Zärtlichkeit trug sie auf hohen gefährlichen Wogen. Ihre Kraft erlahmte in dieser aufwühlenden, zermürbenden Umarmung. Sie hing an seinem Hals, den brennenden Kopf aus den Schultern gelöst, erschrocken und durchschauert, hingegeben.

»Lutz.«

Und es klang müd und zärtlich. Er stützte die Taumelnde und nahm sie lind, wie sie es ihm kaum zugetraut hätte, unter den Arm.

»Darum habe ich gerade dir das alles gesagt.«

Keine Nacht war je so still und in der Tiefe zitternd. Sie gingen ineinander eingehängt zum Wagen zurück. Lutz setzte sich an das Lenkrad, sie suchte seine dichte Nähe. Die Scheinwerfer rissen ihre großen Augen auf und warfen weiße Kegel auf die nächtige Straße. Surrend schluckte der Wagen den Weg in sich hinein. Hilde suchte von der Seite Lutz' Augen. Er fühlte es und wandte ihr das Gesicht zu. Eine Sekunde lang. Und in dieser Sekunde, in der sie sich gegenseitig mit den Blicken umfaßten, begannen sie beide, aus einem stillen Lächeln heraus, zu lachen. Ganz laut. Hell, unbekümmert und glücklich.

»Lutz, du, aber so richtig lustig kannst du doch nicht sein, gelt?«

»So wie dein Vater, meinst du?« Er verstand sie sofort. »Ich glaube nicht.«

»Schade. Nicht?«

*

Vinzenz war schlechter Laune. Gina ging ihm auf die Nerven. Wenn er nur einen Fuß aus dem Hotel setzte, sah er sich schon scheu um, ob sie nicht unvermutet um die Ecke kam, um im nächsten Augenblick mit schwärmerisch verliebtem Augenaufschlag vor ihm zu stehen. Er vermied nach Möglichkeit zu Fuß zu gehen, wurde er antelephoniert, ließ er sich von zehn Fällen neunmal verleugnen. Wenn sie sich noch mit zarten Aufmerksamkeiten, Blumen, kleinen Geschenken, in Gottes Namen auch großen, zufrieden gegeben hätte. Aber dieses Händestreicheln unter dem Tisch, wenn sie in einem Lokal saßen, dieses anschmiegende Einhängen, wenn sie spazieren gingen, dieses ewige Gekränktsein, Sichvernachlässigtfühlen, die Verdächtigungen und Eifersüchteleien, das ewige Fragen: »Liebst du mich noch?« und »Hast du dich nach mir gesehnt?«, dieses ganze Inbesitznehmen – es war nicht mehr zu ertragen. Gewiß, so ein alterndes Mädchen, das sich mit verzweifelter Zähigkeit an einen Mann hing – er war sogar überzeugt, daß sie ihn wirklich liebte – war sehr bedauernswert, nur hatte er keine Lust, in dieser Altjungferntragödie der leidtragende Teil zu sein. Nach Mannheim kam er auch fast nicht mehr. Besuche bei Lenore waren ihm, abgesehen von der Wahrscheinlichkeit, Gina dort zu treffen, unangenehm. Erfahren konnte er dort nichts, man war in einer schiefen Stellung, es war alles unerquicklich. Von der Mutter kam merkwürdigerweise keine Nachricht. Hatte sie etwas unternommen, wühlte sie schon, hatte sie im geheimen, hinter seinem Rücken, die Feindseligkeiten begonnen?

»Weißt du, Hilde, ich habe eine feine Idee. Machen wir einen kleinen Abstecher nach Paris. So auf acht Tage. Ist doch ein Katzensprung von hier. Es wird dort zwar irrsinnig heiß sein, aber Paris ist doch Paris.«

Hilde flog ihm um den Hals. Mit ihrem eleganten, freigebigen Papa reisen, das mußte wundervoll sein. Nach dem ersten Überschwang verfiel sie in kurzes Nachdenken. Und Lutz? Acht Tage waren doch eine kurze Zeit, und er war jetzt ohnehin so stark beschäftigt.

Als Justizrat Trendelenburg gegen Ende der Woche nach Mannheim kam und im Hotel bei Vinzenz anrief, vernahm er etwas erstaunt, daß Herr von Teltzsch mit seiner Tochter bereits seit einigen Tagen in Paris sei. Die Pariser Adresse? Hotel Claridge. Die Herrschaften kämen vermutlich im Laufe der nächsten Woche zurück. Das war weiter auch kein Unglück. Trendelenburg konnte vorläufig auf Vinzenz' Hilfe verzichten. Er hatte sich einen kleinen Feldzugsplan zurecht gelegt und wenn man Glück hatte, konnte man spätestens in zwei, drei Tagen so weit sein, daß man entweder die ganze Geschichte zu den Akten legte oder –

Die erste Stunde im Hotel war mit Telephongesprächen und Beschäftigung mit dem Adreßbuch ausgefüllt. Noch im Laufe des Vormittags verschaffte sich Trendelenburg aus dem Geburtsregister des Standesamtes einen Auszug sämtlicher Geburten, die in der Zeit vier Wochen vor und nach der Niederkunft Lenores aus dem Krankenhaus gemeldet worden waren. Die Wahrscheinlichkeit, ein außerhalb der Anstalt geborenes Kind in Betracht ziehen zu müssen, war außerordentlich gering. Die Auswahl war immer noch groß genug, wenn sie sich auch dadurch wesentlich beschränkte, daß nur ein Mädchen, und vermutlich nur ein uneheliches, in Frage kam. Und der Kreis verengte sich noch weiter, sofern Herbert wirklich nichts gewußt hat, auf die mit Lutz ungefähr gleichzeitig geborenen Kinder. Man konnte allerdings nie wissen. Jedenfalls war das Mittagessen redlich verdient und entsprechend reichlich. Nach Tisch war ein kleiner Besuch in der Werderstraße in der Wohnung Doktor Vitalis vorgesehen. Gut gebautes, nach Wohlhabenheit aussehendes Haus. Das große Messingschild an der Tür im ersten Stock, das den Namen ohne jeden Titel zeigte, war noch nicht entfernt. Eine ältliche, bescheidene Dame, die ehemalige Haushälterin des Verstorbenen, empfing den Justizrat und schwamm sofort in einem Meer von Tränen, als sich der Gast mit der Ausrede, ein Jugendfreund des Professors zu sein, einführte. Trendelenburg ließ den Ausbruch gelassen über sich ergehen, erkundigte sich mit angemessener Teilnahme nach den Einzelheiten des Unglücksfalles und rückte endlich nach mancherlei Abschweifungen mit der ihm wichtigsten Frage heraus, ob ein Testament vorhanden gewesen sei und wen Vitali als Erben eingesetzt habe.

»Die Wohnungseinrichtung und eine Rente hat der arme Herr Professor mir vermacht. Der andere Teil des Nachlasses ist an wohltätige und wissenschaftliche Anstalten gegangen. Auch die medizinische Bibliothek. Die übrigen Bücher und einige Kunstgegenstände hat Frau von Teltzsch erhalten.«

»Und die Tagebücher oder Schriften?«

»Die wissenschaftlichen Arbeiten hat die Universität bekommen, die Tagebücher ebenfalls Frau von Teltzsch.«

»So? Die hätten mich sehr interessiert.«

»Vielleicht gestattet Ihnen die gnädige Frau –«

»Ich denke schon. Wer war denn der Testamentsvollstrecker?«

»Herr Rechtsanwalt Benting.«

Der Justizrat wußte genug. In den Tagebüchern mochte etwas Wichtiges stehen und gerade die hatte Lenore geerbt. Bedeutungsvoll? Jedenfalls sprach dieser Umstand eher gegen als für sie. Den Kollegen Benting aufzusuchen hatte vorläufig keinen Zweck. Anwälte werden leicht mißtrauisch, auch wenn man ihnen die beste Komödie vorspielt, das gehört zum Beruf. Und es konnte wenig Sinn haben, jetzt schon mit der Tür ins Haus zu fallen. Blieb noch das Krankenhaus. Der Direktor war entgegenkommend und erteilte dem überaus Vertrauen erweckenden Justizrat ohne große Schwierigkeiten die Erlaubnis, die Krankengeschichten und die Verwaltungsbücher einzusehen. Es standen offenbar wichtige Dinge auf dem Spiel. Aber es war Sonnabend nachmittag, die Kanzlei geschlossen, man mußte bis zum Montag warten. In der Zwischenzeit konnte man Gelegenheit suchen, sich den jungen Herrn von Teltzsch und seine Mutter anzusehen. Die Ablehnung der Mitarbeit des Onkels, eine Erhöhung der der Verwandtschaft zufließenden Bezüge konnte allenfalls unauffällig eine Unterredung begründen. Lutz stellte sich Trendelenburg auf eine telephonische Anfrage hin für Sonntag vormittag zur Verfügung.

»Herr Justizrat«, begann Lutz die Unterhaltung, »ich weiß, daß Sie der Vertreter meiner Großmutter sind. Sie sind trotzdem oder eben deshalb – wie es Ihnen lieber ist – ein willkommener Gast. Sollten Sie aber mit mir nichts anderes zu besprechen haben, als die bereits von meiner Großmama angeschnittene Aufsichtstätigkeit meines Onkels, so schlage ich vor, daß ich Ihnen gleich unsere Bildersammlung zeige. Wir haben nämlich herrliche, alte Gemälde, mein Urgroßvater war ein großer Kenner und Sammler.«

Der alte Rechtsanwalt schmunzelte vergnügt. Guter Anfang für einen so jungen Mann. Mit einem solchen Gegner die Klingen kreuzen, war immer unterhaltsam.

»Meine Gründe interessieren Sie gar nicht, Herr von Teltzsch?«

»Außerordentlich, aber nur in einem Schriftsatz im Prozeß.«

»Hochachtung vor Ihrer Sicherheit. Und wenn ich nun als zweites von Geldangelegenheiten sprechen möchte, bekomme ich dann auch sofort als Antwort Ihre Bildersammlung vorgesetzt? Die wollte ich sehr gern, aber eigentlich erst später ansehen.«

»Ich fühle mich zwar nicht als Besiegten, aber wenn Friede geschlossen werden soll, können wir uns ein bißchen über die Kriegskosten unterhalten.«

Der Justizrat mußte innerlich zugeben, daß er es mit einem großzügigen Gegner zu tun hatte. Man verständigte sich über die meisten Punkte sehr rasch.

»Ich möchte noch erwähnen, daß Ihre Cousine, Fräulein Hilde von Teltzsch, sich im heiratsfähigen Alter befindet. Die vorgesehene Mitgift entspricht eigentlich nicht mehr –«

Weiter kam er nicht, denn Lutz lachte ihm herzlich ins Gesicht.

»Sie haben recht, Herr Justizrat, das ist natürlich sehr leicht möglich, daß Hilde heiratet. Nur glaube ich, daß Sie diesbezüglich keine Vollmachten haben. Aber ich verspreche Ihnen, daß ich gegebenenfalls nicht kleinlich sein werde.«

Trendelenburg war ein viel zu gewitzter Kopf, als daß er nicht auch Unausgesprochenes verstanden hätte. So stand die Sache? Das war keine Erleichterung, sondern eine Schwierigkeit. Die junge Dame hatte einen guten Geschmack, das war nicht zu leugnen, doch es ging wohl nicht gut an, daß man sich rechts verlobte und links Prozesse führte. Das mußte von vornherein die eigene Stellung schwächen. Seine Begeisterung für die Bildersammlung, bei deren Besichtigung die Frau des Hauses sich angeschlossen hatte, war merklich erlahmt. Bloß vor dem Bild Herberts blieb er längere Zeit stehen.

»Eigentlich sehen Sie Ihrem Herrn Vater ähnlich.«

»Da sind Sie der erste, der das behauptet, Herr Justizrat.«

»Doch Lutz, eine gewisse Ähnlichkeit ist sicher da. Nicht wahr, Herr Justizrat?«

»Die Mutter kann das immer am besten beurteilen, gnädige Frau«, antwortete Trendelenburg mit einer verbindlich zu ihr geneigten Geste. Ihr Gesicht war nicht das einer Lügnerin, doch was wollte das besagen? Wer schon mit einem Galgenvogelgesicht, dem man auf fünfzig Schritt das Gaunertum ansah, durch die Welt lief, hatte wenig Aussicht, sich auf unrechte Art durchzuschlagen. Dieser eine Satz, den sie gesprochen hatte, war der einzige, den sie keinesfalls hätte sagen dürfen. Wem wollte sie erzählen, daß sie an diese Ähnlichkeit glaubte? Selten war ein stärker ins Auge springender Gegensatz zwischen Vater und Sohn zu finden. Wozu also dieses Anklammern an eine nicht vorhandene Ähnlichkeit? Jede andere Mutter hätte ohne weiteres zugegeben, wenn sie nicht gerade der Untreue verdächtigt wurde, daß der Sohn nicht die Züge des Vaters trug. Dieser alte Satz! Kein Beweis, sicherlich, man durfte die Bedeutung solcher Dinge nicht zu hoch veranschlagen. Aber sie waren ebensowenig zu unterschätzen. Auch kleine Perlen ließen sich zur Schnur fügen.

War noch zu befürchten, daß die Krankenblätter nach so viel Jahren nicht beschafft werden könnten, obwohl der Direktor versichert hatte, daß sie vorhanden sein müßten. Die Befürchtung erwies sich als grundlos. Trendelenburg sah sich jede Krankengeschichte, die für ihn überhaupt in Frage kam, aufs genaueste durch, ohne Abweichungen von den Eintragungen des Standesamtes festzustellen. Auch keine Radierungen. Da stimmte alles. Einige Fehlgeburten fügte er noch seinen Aufzeichnungen an. Ein überaus mageres Ergebnis. Glücklicherweise waren auf den Blättern die Namen der diensthabenden Schwestern vermerkt, Schwester Carola und Hebammenschwester Beatrix. Ob die überhaupt noch lebten und wo? Eine der älteren Schwestern wußte wenigstens, daß Schwester Beatrix in Mannheim Oberin eines Stiftes weit draußen an der Seckenheimer Straße war. Trendelenburg nahm sich einen Wagen und fuhr hinaus. Es war wohl vollkommen ausgeschlossen, daß die Oberin etwas Genaues wußte, dazu hätte sie mit Doktor Vitali im Einverständnis gewesen sein müssen, aber vielleicht erinnerte sie sich irgendwelcher besonderen Umstände, die weitere Schlüsse zuließen oder auf einen Weg wiesen, den man verfolgen konnte.

Die Oberin war eine stille Frau, ein wenig zur Fülle neigend; mit sehr ruhigem Gehaben und von nicht leicht zu schätzendem Alter. Vielleicht fünfzig, vielleicht auch sechzig. Das ernste, geradlinige Gesicht mit der großen weißen Haube, wie ein alter, vergilbter Holzschnitt wirkend, richtete einen fragenden Blick auf den Besucher. Trendelenburg überlegte während der Vorstellung und der einleitenden Worte, ob er den wahren Zweck seiner Nachforschungen enthüllen oder zu einem harmlos erklärenden Vorwand greifen sollte. Klugheit gebot hier Aufrichtigkeit.

»Frau Oberin, mein Beruf zwingt mich, eine Angelegenheit von recht weittragender Bedeutung aufzuhellen. Gestatten Sie mir, daß ich im Interesse der Wahrheit Ihnen zunächst keine näheren Aufklärungen gebe, ich möchte Sie nicht von vornherein nach der einen oder anderen Seite beeinflussen. Nicht Ihre Hilfe, nur Ihr Gedächtnis möchte ich in Anspruch nehmen. Darf ich?«

»Bitte, fragen Sie ruhig. Ich werde ja sehen, ob ich Ihnen antworten kann und will.«

»Ich habe aus den Verwaltungsbüchern und Krankengeschichten des Krankenhauses festgestellt, daß Sie, Frau Oberin, und eine gewisse Schwester Carola in der Zeit vom 12. bis 19. Februar 1904 in der Entbindungsanstalt des Krankenhauses Dienst getan haben. Kann das stimmen?«

»Wenn es in die Krankengeschichten eingetragen ist, sicher, erinnern kann ich mich natürlich gerade an diese eine Woche nicht mehr.«

»Wissen Sie vielleicht, wo sich Schwester Carola heute befindet?«

»Schwester Carola ist während des Krieges an Typhus gestorben.«

»Sie dürften sich kaum erinnern, welche Frauen sich damals in Ihrer Obhut befunden haben, aber vielleicht darf ich Ihnen mit einem Namen zu Hilfe kommen, der hier zu bekannt ist, als daß er ohne weiteres vergessen werden könnte. War die damals jung verheiratete Frau von Teltzsch unter Ihren Kranken?«

»Daran erinnere ich mich natürlich, wenn mir auch Jahr und Monat entfallen sind.«

»Und daß der kürzlich verunglückte Professor Vitali damals auf dieser Station Chefarzt war?«

»Das ist auch sicher. Aber das muß gleichfalls aus den Krankenblättern ersichtlich sein.«

»Ja, die Eintragungen rühren von seiner Hand. Waren Sie, Frau Oberin, oder Schwester Carola bei der Geburt des jungen Herrn von Teltzsch zugegen?«

»Keine von uns beiden.«

»Ist das vollkommen sicher?«

»Vollkommen. Daran erinnere ich mich ganz genau. Die Geburt ging in diesem Falle nicht wie gewöhnlich im Kreißsaal vonstatten, sondern im Zimmer der Patientin, denn es war eine Sturzgeburt.«

»Richtig, das habe ich notiert.«

»Soll Professor Vitali damals einen Kunstfehler begangen haben? Das festzustellen hätte jetzt doch keinen Zweck mehr. Nach dieser Richtung hin würde ich Ihnen auch keine Auskunft geben, Herr Justizrat.«

»Ich denke an keinen Kunstfehler, Frau Oberin. Ich möchte nur wissen, ob Sie das neugeborene Kind gesehen haben.«

»Ich glaube nicht, wenigstens kann ich mich dessen nicht entsinnen. Meiner Meinung nach kam Schwester Carola dem Arzt zu Hilfe.«

»Und das unterliegt gar keinem Zweifel, daß weder Sie noch Schwester Carola bei der Entbindung selbst zugegen waren?«

»Meiner Meinung nach nicht. Ich gewiß nicht.«

Trendelenburg wiegte den grauen, klugen Kopf. Hier kam man nicht vorwärts, wenn es auch noch so seltsam war, daß gerade diese Geburt sich ohne Zeugen abgespielt hatte. Seltsam und auch wieder nicht.

»Auch eine andere Schwester oder ein anderer Arzt kann nicht zufällig im Zimmer gewesen sein?«

»Außer der Zimmergenossin der Frau von Teltzsch wüßte ich niemand.«

Der Justizrat hob den Blick. Kam etwas Besonderes?

»Eine Zimmergenossin? Ich denke, die Patienten der ersten Klasse haben ein Zimmer für sich?«

»Das schon, aber wir hatten einige Tage vorher noch das Bett einer Kassenpatientin hineingestellt. Ob Frau von Teltzsch nicht allein sein wollte oder ob Doktor Vitali einen anderen Grund hatte, weiß ich heute nicht mehr.«

»Ist so etwas öfter vorgekommen?«

»Öfter ist zuviel gesagt. Wenn Platzmangel war oder wenn der Zustand der Kranken besondere Rücksicht erforderte, so legte man sie manchmal in eine höhere Klasse.«

»Hm! Und an den Namen dieser Zimmergenossin erinnern Sie sich nicht?«

»Nein, wirklich nicht. Es ist doch zu lange her, und man hat so viele Kranke gesehen.«

»Wenn ich Ihnen die Namen der Frauen, die damals auf der Station lagen, vorlesen würde?«

»Schwerlich. Ist ein Fall nicht ganz außergewöhnlich, dann vergißt sich so etwas sehr rasch. Versuchen können wir es ja.«

Der Justizrat, ganz gespannte Aufmerksamkeit, breitete seine Aufzeichnungen auf dem Tisch aus. Wenn überhaupt etwas festzustellen war, mußte man den Namen dieser Zimmergenossin wissen, deren Vorhandensein schwerer in die Waagschale fiel als alle bisherigen, doch nur formlosen, vieldeutigen Vermutungen. Hier war der Hebel anzusetzen, fühlte er mit untrüglicher, durch Erfahrung und Instinkt geschärften Deutlichkeit.

»Ich habe mir aus den Krankengeschichten einzelne Schlagworte notiert, hoffentlich hilft das ein wenig.«

Die Oberin nestelte eine Brille aus schwarzer Papphülse. Sie hielt reihenweise jeden Namen mit gestreckt aufgepreßtem Zeigefinger fest, wanderte mit Augen und Finger langsam über die Zeilen, ein Pfadfinder, der eine Spur verfolgt, stockte bei einem Namen oder bei einer Bemerkung, wie der Schritt bei einer Wegegabelung zögert, und kehrte wieder zu irgendeinem Punkt zurück, um sich, nach neuen Zeichen suchend, auf einem anderen Steig aus dem wirrsäligen Gestrüpp des Gedächtnisses herauszufinden. Zweimal, dreimal ging sie den mühseligen Schlangenweg der Zeilen.

»Es ist zu lange her. Ich habe sonst ein recht gutes Gedächtnis.«

Trendelenburg hatte die ganze Zeit regungslos neben ihr gesessen, jetzt stand er enttäuscht auf.

»Haben Sie nicht einmal eine ganz schwache Vermutung?«

»Mir ist, als ob ich ein Gesicht sehen würde, aber Namen – Namen –«

Es war nichts zu machen. Mit langsamem Griff faltete er den Bogen zusammen, wollte schon das Blatt in die Tasche senken, da machte sie eine unvermutete Handbewegung.

»Ich glaube – einen Augenblick – geben Sie, bitte, noch einmal –«

Jetzt flog der Blick in raschem Trab über freigelegten Weg.

»Sie haben bei den Namen den Beruf und die Adresse nicht hingeschrieben. Schade. Hier sehe ich bei zwei Namen das Wort ›Emboliegefahr‹. Es muß etwas Schweres gewesen sein, es dämmert mir so langsam. Noch etwas Besonderes war dabei, etwas Persönliches –« Sie zerbrach sich angestrengt den Kopf. »Es war keine Frau, es war ein Mädchen. Wenn ich mich jetzt irre, dann kann ich Ihnen gar nichts mehr sagen, dann ist es zwecklos, länger nachzudenken. Erinnern Sie sich vielleicht, Herr Justizrat, ob auf einem der Krankenblätter Pedellentochter oder etwas ähnliches stand? Ich meine, es könnte nur eine dieser beiden Frauen hier gewesen sein. Das Alter könnte stimmen.«

»Ich habe nichts bemerkt. Würden Sie mir gestatten, Frau Oberin, daß ich von hier ins Krankenhaus telephoniere? Wenn das Büro noch geöffnet ist, können wir in zehn Minuten alles wissen.«

Es dauerte viel länger, ohne daß das Krankenhaus Bescheid gab. Der Justizrat entschuldigte sich, daß er die Zeit der Oberin so lange in Anspruch nahm. Endlich kam der Anruf, und die Oberin ging selbst an den Apparat.

Die wundervolle Maschinerie des menschlichen Gehirns hatte aus den Abertausenden von Geschehnissen, Gesichtern, Namen, die es in ununterbrochener Folge wahllos in Jahresläufen aufgenommen, das richtige Bild herausgeholt. Eine der beiden Frauen, Brigitte Hartwig, war tatsächlich Tochter eines Schuldieners. Die Oberin ließ sich die ganze Krankengeschichte vorlesen, um sich den Fall besser zurückrufen zu können, während der Justizrat seinen Auszug noch einmal schneller Durchsicht unterzog. Da stand es: »Lenore von Teltzsch, einundzwanzig Jahre alt, Sturzgeburt, fünf Uhr zwanzig Minuten, Knabe«, und »Brigitte Hartwig, dreiundzwanzig Jahre alt, elf Uhr fünfundvierzig Minuten nachts, Mädchen, Emboliegefahr.« Also die beiden Frauen in einem Zimmer zusammenliegend, hatten am gleichen Tage geboren, in einem Zeitabstand von etwa sechs Stunden, die eine einen Knaben, die andere ein Mädchen.

Die Oberin hängte den Hörer ein. Sie wurde plötzlich lebhaft, da der quälende Druck des Nichterinnernkönnens von ihr wich.

»Jetzt weiß ich wieder vieles. Diese Brigitte Hartwig war ein armes Mädchen, die durch irgendein unglückseliges Abenteuer zu dem Kinde gekommen war. Sie war in fürchterlicher, seelischer Verfassung, hatte, glaube ich, ungeheure Angst vor ihrem Vater, er machte wohl auch einmal eine große Szene im Krankenhaus, so daß man ihn nicht mehr zu seiner Tochter ließ. Und dann wurde sie sehr, sehr krank, wir fürchteten, daß wir sie nicht durchbringen, aber das war erst einige Tage nach der Geburt. Jetzt sehe ich wieder deutlich, als ob alles gestern gewesen wäre.«

»Und wie verlief die Geburt selbst?«

»Vollkommen normal, aber auch im Krankenzimmer, nicht im Kreißsaal. Weshalb, ist mir nicht recht erinnerlich. Doktor Vitali wird wohl seine Gründe gehabt haben.«

»Wer war, das ist mir sehr wichtig, Frau Oberin, bei dieser Geburt zugegen?

»Zuerst ich. Ich war Hebammenschwester. Später kam Doktor Vitali hinzu. Jetzt entsinne ich mich sogar genau. Ich wurde abberufen, weil ich im Kreißsaal gebraucht wurde. Wir waren damals sehr knapp mit Personal auf der Station. Ich wollte Doktor Vitali eine andere Schwester schicken, aber er wollte keine haben, es ging ja alles ganz glatt. Die Hartwig war so ein bißchen sein persönlicher Schützling.«

»Also im eigentlichen Moment der Geburt waren Sie nicht im Zimmer?«

»Nein.«

»Ist Ihnen gar nicht aufgefallen, daß bei Frau von Teltzsch wie bei Fräulein Hartwig außer Doktor Vitali niemand Zeuge der Geburt war?«

»Aufgefallen? Nein. Wir waren alle derartig überlastet auf der Station, daß so etwas schon vorkommen konnte.«

»Das genügt mir, Frau Oberin. Vielen Dank für Ihre Mühe. Sollte ich noch eine Auskunft benötigen, dann darf ich Sie vielleicht wieder in Anspruch nehmen.«

Er winkte auf der Straße ein Auto heran.

»Zum nächsten Postamt.«

Noch in derselben Stunde ging ein Telegramm an Vinzenz nach Paris mit der Bitte um sofortige Rückkehr.

*

Vinzenz und mehr noch Hilde waren von dem so unvermutet notwendig gewordenen Abbruch des Pariser Aufenthaltes wenig begeistert. Vinzenz ahnte, daß ihn sogenannte günstige Nachrichten gleichbedeutend mit unangenehmen Aufgaben erwarteten. Trendelenburg in Mannheim, das bedeutete Eröffnung der Feindseligkeiten. Er hatte nicht den Mut, Hilde zu erklären, was hinter diesem bündigen Telegramm steckte. Vater und Tochter hatten sich in dieser Woche, die ausgefüllt war mit Theaterbesuchen, Fahrten ins Bois, vergnügten Bummeleien auf den Boulevards, enger aneinandergeschlossen, als Vinzenz es je vermutet hatte. Seine Vaterwürde, der er sich immer mit einer gewissen ängstlichen Scheu entzogen hatte, wurde ihm leicht an der Seite dieser jungen, hübschen Dame, die sogar neben den eleganten Gestalten der Paris füllenden Amerikanerinnen gut bestand, und väterliche Verliebtheit, die mit kameradschaftlicher Zärtlichkeit erwidert wurde, erwachte in ihm zu neuartiger, angenehm empfundener Blutsverbundenheit. Daß ihm in diesem Gefühlskreis der Vertrautheit der kaum geschlossene Liebesbund Hildes nicht entgangen war – das so gewaltsam überrumpelte, in stärkste Schwingung versetzte Herz hatte sich mit Worten Befreiung schaffen müssen – war bei der Ausschließlichkeit ihres Beisammenseins natürlichste Folge. Jetzt war Vinzenz schlechten Gewissens. Die nah gerückte Unmöglichkeit, mit Lutz, seinem Versprechen gemäß, gute Freundschaft zu halten, bedrückte ihn.

Das junge Mädchen war in diesen Pariser Tagen sehr glücklich. Der Sturm, der es in seine starken Arme genommen, hatte bei aller Süße manchmal etwas Erschreckendes, die rasende Leidenschaftlichkeit, die von Lutz ausging, war von der lähmenden Gewalt einer Urkraft. Hier an der Seite ihres lustigen Papas, dessen leichte, tändelnde Zärtlichkeit sie wie ein Kind verwöhnte, der so freigebig und elegant war, ganz unbeschwert von großen Pflichten und Kämpfen, fand die andere Seite ihres Wesens, die heiter liebenswürdige, die sich in spielerischem Leichtsinn, in hübschen Kleidern, buntwechselnden Unterhaltungen vergnügte, harmlose Befriedigung. Es war so hübsch, mit ihrem großen, eleganten Papa, dem trotz seiner ergrauenden Schläfen manche hübsche Frau nachblickte, ein weltstädtisches Lokal zu betreten und von allen so ehrerbietig umdienert zu werden. Papa hatte dieses Gewisse des Weltmannes, das den Portier mit Schwung die Tür aufreißen ließ und die Kellner zu besonderer Beflissenheit veranlaßte. Man fühlte sich so geborgen. Wohl auch bei Lutz, doch in ganz anderer Art. Bei Lutz hatte man die Empfindung, daß er einen in jeder drohenden Gefahr zu schützen vermöchte, mit ihm war alles so verwegen und abenteuerlich, und das war auch schön. Aber bei Papa kam einem gar nicht der Gedanke, daß man überhaupt in Gefahr geraten könnte, es ging alles so glatt, so selbstverständlich. Wenn man nicht Lutz liebte und Papa nicht der Papa wäre – der Abschied von Paris war nicht leicht.

Trendelenburg kam sofort, als Vinzenz ihm seine Ankunft anzeigte, nach Heidelberg und berichtete kurz das Ergebnis seiner Nachforschungen.

»Jetzt haben wir uns noch mit diesem Fräulein Hartwig und ihrer angeblichen Tochter in Verbindung zu setzen.«

»Die muß man doch erst finden. Gott weiß, ob sie noch am Leben sind.«

»Sie sind am Leben. Meine Verbindungen arbeiten schnell. Deshalb hätte ich Sie jedoch nicht gebeten, zurückzukommen. Es ist Ihnen vielleicht unbekannt, daß zwischen Ihrem Fräulein Tochter und dem jungen Herrn in Mannheim ein gewisses Einverständnis herrscht, das unseren Zwecken nicht gerade dienlich ist. Ich halte es für unumgänglich notwendig, daß Sie für etwas Zurückhaltung der jungen Dame Sorge tragen.«

»Ich bin im Bilde, Herr Justizrat. Weshalb soll man die beiden jungen Menschen auseinanderreißen. So sicher sind wir doch unserer Sache nicht. Verdacht, gut –«

»Schwerwiegender Verdacht.«

»Meinetwegen auch schwerwiegender Verdacht. Angenommen, wir erlangen sogar Gewißheit, so könnte man doch dann auf friedlichem Wege vielleicht eine Lösung finden. Meiner Mutter kann ich das nicht sagen, sie gerät sonst gleich aus dem Häuschen, Sie wissen ja, aber zu Ihnen kann ich offen sein. Ich wäre von einem Prozeß und allem, was daran hängt, nicht so restlos begeistert.«

»Ich bin ein alter Jagdhund, Herr von Teltzsch, wenn meine Nase Witterung genommen hat, geht sie selten fehl. Sie hat Witterung genommen. Halbe Arbeit können wir nicht tun. Ganz oder gar nicht. Ist unsere Vermutung richtig, dann muß der junge Mann freiwillig oder gezwungen auf alle seine Rechte verzichten und ist der mittellose, uneheliche Sohn eines armen, alten Mädchens. Wollen Sie dem Ihre Tochter geben?«

»Hm.«

»Und wir werden ihn zwingen müssen. Das ist keiner, der mir nichts dir nichts das Feld räumt. Das gibt einen Kampf bis aufs Messer. Auch Frau Lenore wird nicht ohne weiteres weichen. Vergessen Sie nicht, was für die Frau auf dem Spiel steht. Nicht nur das Vermögen, sondern auch Ehre, Freiheit, kurz alles. Außerdem liebt sie den Jungen. Es gibt einen Kladderadatsch, wie er größer noch nicht da war. Da ist eine Verbindung der beiden jungen Leute vollkommen unmöglich. Wollen Sie abwarten, bis sich eine Leidenschaft bei Fräulein Hilde entwickelt, die sie todunglücklich machen muß?«

Vinzenz war nicht der Mann, der lange Widerstand zu leisten vermochte. Der Justizrat hatte ja auch recht.

»Ich kann es ihr nicht sagen. Tun Sie es bitte, wenn Sie es für nötig halten.«

Nach dem gemeinsamen Essen entfernte sich Vinzenz mit einer Ausrede. Er wollte auf keinen Fall dabei sein. Hilde blieb mit Trendelenburg allein. Sie ließen sich an einem abseits stehenden Tisch im Garten den Kaffee auftragen.

»Also Sie haben sich entschlossen, gnädiges Fräulein«, begann er nach einer Überlegungspause, »Ihre Studien im schönen, alten Heidelberg fortzusetzen. Hja, Alt-Heidelberg –«

Sie hob abwehrend die flache Hand gegen ihn.

»Wenn Sie jetzt ›Du feine‹ sagen und zufällig auch Ihr Herz in Heidelberg verloren haben, stehe ich auf und lasse Sie allein, Herr Justizrat. Das sagen nämlich alle. Ich kann's schon nicht mehr hören.«

»Nein, das wollte ich gar nicht sagen. Im Gegenteil, ich wollte Ihnen sogar nahelegen, zunächst vielleicht eine andere Universität zu besuchen.«

Ein verwunderter, verständnislos unruhiger Blick erhob sich langsam zu ihm.

»Ich halte Sie für zu klug, gnädiges Fräulein, als daß ich es wagen könnte, Ihnen mit einer Unwahrheit zu kommen, und ich bin ein zu alter, wie ich hoffe, auch bewährter Freund Ihrer Familie, um nicht Anspruch darauf zu haben, daß mein Wort gehört wird.«

»Herr Justizrat, kommen Sie zur Sache. Sie wollen mir etwas Unangenehmes mitteilen, also bitte.«

Die Aufgabe war, weiß Gott, nicht erfreulich. Trendelenburg räusperte sich. Himmel, ja, mit den Fünfzigjährigen wurde man leichter fertig als mit den Jungen von zwanzig.

»Durch einen Zufall komme ich auf die Vermutung, daß Ihr Interesse an dem hiesigen Aufenthalt nicht rein wissenschaftlicher Natur ist. Oder irre ich mich?«

»Nun und?«

»Nun sind gewisse Ereignisse vorauszusehen, die es zu Ihrem eigensten Wohl wünschenswert erscheinen lassen, wenn diese anderen Interessen für Sie keine allzu große Bedeutung gewönnen.«

»Hat Sie mein Papa zu mir geschickt?«

»Nn – nein. Nicht eigentlich.«

»Bitte, Herr Justizrat, laufen wir nicht um den heißen Brei herum. Was heißt das, nicht eigentlich? Ja oder nein? Und was sind das für gewisse Ereignisse?«

»Leider kann ich Ihnen keine genauere Aufklärung geben, weil ich mich – verübeln Sie mir das nicht – auf niemandes Verschwiegenheit verlassen möchte. Ihr Herr Vater schickt mich wohl nicht, doch weiß er um die Sache.«

»Hat sich Lutz etwas zuschulden kommen lassen?«

»– auch eigentlich nicht.«

»Was drehen und wenden Sie sich, Herr Justizrat. Meine Großmutter schickt Sie, weil sie zur Abwechslung wieder ein bißchen Unfrieden stiften will. Aber Papa hat mir versprochen und Lutz ebenfalls, daß sie miteinander gute Freundschaft halten werden.«

»Haben sie das? Ich fürchte nur, daß die Ereignisse diesen guten Vorsatz bei beiden Herren unmöglich machen werden.«

»Und Sie wollen mir nicht sagen, worum es sich handelt?«

»Ich kann es heute noch nicht. In Kürze werden Sie es erfahren.«

Sie stampfte unter dem Tisch heftig mit dem Fuß auf. Das Weinen war ihr nahe.

»Das Ganze ist eine Hinterhältigkeit, um Lutz und mich zu trennen.«

Er sagte begütigend:

»Ich nehme Ihnen kein erregtes Wort übel, ich bitte Sie nur zu glauben, daß ich die allertriftigsten Gründe habe und es sehr, sehr gut mit Ihnen meine, wenn ich Sie bitte, diese Stadt zu verlassen.«

»Haben Sie mir noch etwas zu sagen?«

»Nichts anderes. Und werden Sie meinen Rat, meine Bitte befolgen?«

Sie stand sehr blaß auf. Ihr schlanker Körper zitterte an allen Gliedern, und Tränen standen in ihren Augen.

»Ich bleibe unwiderruflich in Heidelberg, Herr Justizrat.«

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