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Zeche Gnadenfeld

Friedrich Zeckendorf: Zeche Gnadenfeld - Kapitel 4
Quellenangabe
authorFriedrich Zeckendorf
titleZeche Gnadenfeld
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1.-10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
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3

Die Unterredung mit Lutz hatte der alten Frau von Teltzsch eine schlaflose Nacht gekostet. Keinen Augenblick verhehlte sie sich, daß sie in diesem Zweikampf die Besiegte war. Sie hatte das Treffen herausgefordert, war von Anfang an im Angriff gewesen und hatte sich eine blutige Abfuhr geholt. Sie hatte kein glattes Beigeben erwartet, so sah dieser junge Mann nicht aus, aber auch nicht, daß er seine Klinge so mühelos ruhig und todessicher führen würde. Die Teltzsch waren jäh aufbrausend und schlugen ihre Schlachten mit dem dazugehörigen Schlachtenlärm. Darauf war sie vorbereitet gewesen und bereit, im überhitzten Endkampf Geschrei zu überschreien, Gedröhn zu überdröhnen, wie es ihrer Heftigkeit entsprach. Es war gar nicht erst dazu gekommen. So ließ sie ihre Wut nur an ihrer mitgebrachten alten Zofe aus, die, an derartige Ausbrüche gewöhnt, längst die Lakaienkunst plötzlicher Taubheit erlernt hatte.

Bis in den aufhellenden frühen Morgen hinein hatte die Greisin bald am Fenster, bald am Toilettentisch gewacht und überlegt. Von ihrem Plan, einen neuen, nur diplomatischen Feldzug über Lenore einzuleiten, war sie bald abgekommen. Soviel Einfluß schien die Schwiegertochter über Lutz nicht zu besitzen. Sie sah sich erbittert im erbarmungslosen Spiegel. Kein Mensch, selbst ihre Zofe nicht, die morgens erst ins Schlafzimmer durfte, wenn ihre Herrin die mühsame Arbeit der täglichen Verschönerung verrichtet hatte, hatte sie jemals so gesehen, die durchfurchten Wangen abgeschminkt und schlaff, mit fettiger Creme überzogen, den nächtlich zahnlosen Mund eingefallen, die Binde unterm Kinn, die einen verzweifelten und aussichtslosen Kampf mit den Schrunden und Falten des Halses kämpften. Die Kiefer mahlten brabbelnd aufeinander. Alt sein! Pfui! Fünfundzwanzig Jahre, ach was, fünf Jahre nur weniger, da war sie noch eine Riesin gewesen, da hätte dieses Bürschchen kommen sollen.

Sie war froh, daß sie beim morgendlichen Tee Lutz und Lenore nicht sehen brauchte. Lenore frühstückte schon sehr früh mit Lutz, bevor er in die Fabrik fuhr. Sie war es so gewohnt aus der Zeit, als er noch zur Schule ging und sie besorgt war, ob das Kind alles richtig bekam. Der Brauch wurde beibehalten. Die alte Frau Teltzsch und Vinzenz, meist ohne Hilde, nahmen wesentlich später gleichfalls gemeinsam das Frühstück.

»Da, lies gefälligst«, die alte Dame schob Vinzenz heftig die Zeitung über den gedeckten Tisch, »mein lieber Enkel ist bereits nobel auf unsere Kosten.«

Es war eine Zeitungsnotiz über den großzügigen Plan einer neuen Kolonie für die Arbeiter der Teltzschischen Werke. Acht Millionen hatte nach dem Voranschlag der neue Herr für die Ausführung vorgesehen. Vinzenz las und nickte zerstreut. Er war voller Neuigkeiten, die er sich in sorgfältig vorbereiteter Folge sozusagen künstlerisch aufgebaut und auf ihre Wirkung berechnet hatte.

»Na ja, chère maman, da werden unsere Bezüge etwas gekürzt werden.«

Schon tobte sie los.

»Jawohl, gekürzt, und du wirst jede Woche mir einen Brandbrief schreiben, daß du Schulden hast, daß ein Wechsel fällig ist, daß du dich, wie üblich, erschießen mußt. Ich habe nichts, gar nichts mehr, ich habe selbst Schulden. Sieh du zu, daß du aus dieser Bagage etwas herausbekommst. Du bist ja ein Mann.«

»Wir haben noch nichts verlangt, Mama, vorläufig hast du nur gewünscht, daß Hilde und Lutz – du verstehst schon. Zu deiner Beruhigung, die beiden Herrschaften gingen gestern abend per Sie in den Park hinein und kamen nach einer halben Stunde per Du wieder heraus. Ich mußte gleichfalls meinem Neffen sofort du sagen und die biedere Rechte schütteln. Wir sind bereits frère et cochon. Also postwendend erledigt. Zufrieden?«

»Mm«, murmelte sie, »ich habe mit deinem ›cochon‹ eine Stunde vorher eine kleine Auseinandersetzung gehabt, die mich weniger entzückt hat, mein lieber Junge. Wenn ich schon nichts ausrichte – reden wir nicht darüber. Ich habe noch jetzt von dieser Unterhaltung genug. Ich reise heute.«

»Na, und während also mein Töchterchen lustwandelte, machte ich zum Zeitvertreib Fräulein von Tillowitz den Hof.«

»Der dummen Gans? Lieber Vinzenz, du scheinst auch älter zu werden. Ich habe für die Dummheiten eines Mannes immer Verständnis gehabt. Aber nicht für Blödheiten. Soll ich vielleicht Verlobungskarten drucken lassen? Hast du auch per Sie angefangen und per Du aufgehört?«

»Selbstverständlich, Mama.«

»Vinzenz! Eine alte, mannstolle Jungfer.«

»Wieso? Sie plaudert sehr nett und interessant.«

»Plaudern heißt das jetzt? Früher hat man das bei Gänsen schnattern genannt.«

»Also gut, sie schnatterte ganz interessant aus den düsteren Geheimnissen des Hauses Teltzsch.«

»Keine langen Vorreden, Vinzenz. Ist es etwas Interessantes, das zur Sache gehört, bitte. Sonst, danke. Von diesen Leuten mag ich nicht einmal Familientratsch hören.«

Vinzenz, seines Erfolges gewiß, ließ sich diesmal nicht aus der Ruhe bringen.

»Was würdest du dazu sagen, meine Hebe Mama, daß ich der nächstberechtigte Erbe nach Herbert bin?«

»Daß Fräulein von Tillowitz eine Kuh ist, mein lieber Sohn. Bitte, gib mir die Zeitung, die Sache wird langweilig.«

Sie nahm das Blatt vom Tisch und langte nach ihrer Griffbrille. Vinzenz warf mit leichter Stimme seinen Trumpf in ihre Lektüre:

»Weißt du zufällig, was auf Kindesunterschiebung steht?«

Frau von Teltzsch blickte auf, sah in das triumphierende Gesicht ihres Sohnes und ließ das Stielglas mitten in die Teetasse fallen, daß es nur so nach allen Seiten spritzte.

»Bist du wahnsinnig?«

»Unbedeutend. Ich erzähle nur, was ich gehört habe. Die Sache scheint dir ja doch einigermaßen bemerkenswert.«

Kein Wort antwortete die alte Frau. Aber selbst Vinzenz erschrak über diesen Ausdruck wild aus den Augen sprühender Freude. Seine Mutter war eine gute Hasserin, das wußte er. Auch daß sie, bar allen mütterlichen Gefühls, Herbert selbst über den Tod hinaus und noch mehr die Schwiegertochter haßte, der sie alle Schuld an dem Zerwürfnis mit dem Sohn zuschrieb. Aber wie brennend, wie unversöhnlich, aus unheimlich brodelnder Tiefe kommend, dieser Haß war, erlebte er heute erschreckend doch das erstemal. Wie ihr Ohr seine Worte trank! Wie ihre geschminkte Maske sich spannend und befriedigt verzerrte. Hatte ihr Instinkt, der ihr urtriebhaft zu hassen befahl, nicht recht gehabt? Abrede mit Vitali, Kindestausch – alles, alles glaubte sie. Hätte noch viel mehr geglaubt, als ohnehin schon ausschweifende Phantasie der Zuträgerin aus unbestimmten Vermutungen gemacht hatte. Die Möglichkeit des Verbrechens hatte sich im aufgeregten Hirn Ginas zur vollbrachten Tat verdichtet. Vinzenz war nicht so fest überzeugt, daß die Erzählungen seiner unvermutet erworbenen Freundin ganz der Wahrheit entsprachen. Er hatte ihre verbitterte Eifersucht gesehen, ihr drängendes Bemühen, ihm mit Unerhörtem ihre Liebe zu beweisen, ihre Eitelkeit, ihr Wissen aufzubauschen. Solche Dinge kannte er. Was sprachen, erfanden, erlogen Frauen nicht alles in solchem Zustand seelischer Aufgelöstheit. Er zog glatt die Hälfte ab. Etwas war an der Sache dran, so etwas sog man sich nicht aus den Fingern. Da sah er schärfer als seine sonst männlich verstandklare Mutter.

»Was habe ich immer gesagt, Vinzenz? Diese Komödiantin hat sich zwischen uns gestellt. Die Stillen, die habe ich gefressen. Ich sage dir, das, was sie Gina erzählt hat, ist auch nur die Hälfte. Es ist viel schlimmer, viel ärger. Schon die ganze Schwangerschaft war Theater. Verlaß dich auf mich.«

»Aber warum hat sie überhaupt etwas erzählt?«

Er fühlte, ohne sonderlich feiner Empfindung zu sein, daß da etwas nicht stimmte.

»Weiß ich es? Weil alle Frauenzimmer tratschen. Weil kein Verbrecher das Maul halten kann.«

»Und was soll jetzt geschehen?«

»Restlos aufklären, Vinzenz. Bis auf den letzten I-Punkt. Ich will noch in diesem Leben Abrechnung halten.«

*

Klaus wohnte in der Nähe des Wasserturms. Sehr einfach, der eigenen Bedürfnislosigkeit entsprechend. Jeden Morgen hielt Lutz, der seinen kleinen, rotlackierten Zweisitzer selbst steuerte, vor dem Hause des Freundes, der meist schon auf der Straße wartete, um auf dem Wege zur Fabrik noch irgendwelche Dinge – gewöhnlich drehte es sich um Klaus' wissenschaftliche Experimente – zu besprechen. Lutz war wohl nicht annähernd von der wissenschaftlichen Tiefe des Vetters, der bereits mit seiner Dissertation die Aufmerksamkeit der fachwissenschaftlichen Kreise erregt hatte, aber er war mit seiner blitzschnellen Auffassung, seinem sofort sich erhitzenden Temperament ein hinreißender Anreger. Er hatte auf der Universität in sämtliche Fakultäten hineingerochen, hatte etwas Chemie studiert, gerade so viel, um sich rasch in jedes Problem einarbeiten zu können, hatte bürgerliches Recht und Handelsrecht belegt gehabt, sich mit den Grundzügen der Volkswirtschaft vertraut gemacht, war ein leidlicher Mathematiker und verstand überraschend viel von Architektur und künstlerischen Dingen. Er besaß die begnadete Fähigkeit einer alles ausschaltenden, wie die Linse eines photographischen Apparates sofort einstellbaren Konzentration auf einen bestimmten Gegenstand, dem er sich dann mit leidenschaftlicher Vorbehaltlosigkeit ergab. Prüfungen hatte er nicht abgelegt, alles diente ihm ausschließlich einer Steigerung seiner Kräfte und der Weitung seines Blickfeldes. Der Vater hatte ihn ruhig gewähren lassen, mit einer stillen Freude an der Unbändigkeit dieser Begabung. Er hatte Lutz – selbst nach seinem Eintritt in die Teltzschischen Werke – eine gewisse Freiheit in der Entscheidung über seine Tätigkeit gestattet, auch wenn die in voreiliger Selbstüberschätzung gewählten Aufgaben die Kräfte des Neulings zu übersteigen drohten. Aber diese scheinbare Planlosigkeit in der Erziehung des Sohnes war von bewußter Klugheit und eröffnete erst diesem jungen Feuergeist die volle Schwere der hier zu lösenden Probleme, zu erfüllenden Pflichten, in deren tausendfältiger Verzweigtheit selbst für die Spannweite eines Riesen noch Raum genug war.

Klaus besaß für Lutz eine aufrichtige, liebevolle Bewunderung. Ihm selbst, der nur in stillerer, aber nicht minder leidenschaftlicher Art in seine scheinbar enge Welt versponnen war, fehlte die Gabe dieser gefühlsmäßig das Ziel erkennenden Anpassungsfähigkeit, die kämpferische Lebenskraft, er war durchaus ein Genie der Einseitigkeit. Aber in seiner Welt der Retorten und Reagenzgläser, der Mikroskope und seltsam verschlungenen Glasröhren, in denen dauernd, gehitzt und gekühlt, von elektrischem Strom durchzuckt, nach sorgfältigen Berechnungen gemischt, alle Elemente ein geheimnisvolles Leben führten, wurde dieser immer müde wirkende Mensch von unerschöpflicher Arbeitskraft, vollführte dieser Schwächliche mit kühlem, selbstverständlichem Mut die gefährlichsten Versuche und harrte mit der beherrschten, innerlich brennenden Ruhe des unheilbaren Spielers auf den Erfolg seiner Experimente.

»Ich glaube, Lutz, heute – wird's«, sagte er in seiner stockend abgehackten Art.

»Herrlich, wenn ich nicht am Steuer säße, möchte ich dir um den Hals fallen. Gesteh's, Klaus, du hast immer gezweifelt. Ich habe das so sicher im Gefühl gehabt, daß du es schaffst, jeden Eid hätte ich darauf geschworen. Kann ich um eins zu dir hinüberkommen? Da habe ich Zeit.«

Der Wagen rollte über die Jungbuschbrücke und bog in die Richtung des Industriehafens ab. Auf weitem, schienendurchzogenem Gelände dehnte sich in zahlreichen Gebäuden die Teltzschische Fabrik, bald Straßen bildend, bald einzeln auf baumbestandene Plätze gestellt und riesenhaft überschattet von dem vierzehnstöckigen Sandsteinkoloß des Verwaltungshauses, dessen obere sechs Stockwerke, stufig zurücktretend, sich turmartig verjüngten. Hier in diesem geradlinig strengen Hochbau war Herz und Hirn aller Teltzschischen Unternehmungen.

Der rote Wagen passierte das große Gittertor an der Ostseite, das kein Außenstehender ohne besonderen Erlaubnisschein und auch dann nie allein durchschreiten durfte, und hielt an den fünf Vierkantsäulen, die die vorgebaute Überdachung des Haupteinganges stützten.

»Also um eins.«

Lutz ging mit raschen, gestrafften Schritten durch das große Viereck des Tores. Klaus, lebendig, sobald er nur das eigentümlich ätzende Luftgemisch verschiedener Gerüche, deren Schwaden alle Straßen der Fabrikstadt bis weit über die Tore hinaus durchdrangen, in der Nase hatte, ließ das Verwaltungshaus und das große elektrische Kraftwerk, das das ganze Werk mit elektrischem Strom versorgte, zur rechten Hand, eilte mit seinem lässig schlenkernden Schritt über Schienenstränge, Rampen und Straßen nach der äußersten Nordwestecke des Geländes, wo, gesichert wie die Stahlkammer einer Bank, inmitten von Bäumen der weißlich schimmernde Bau des Laboratoriums stand. Wer seine Räume mit der Vorstellung einer geheimnisvoll dämmerigen, verräucherten Alchimistenwerkstatt betrat, in der bei nächtlich geschlossenen Fensterladen um die künstliche Erzeugung des Goldes gekämpft wurde, der fand sich erstaunt in einer schimmernden Flucht weiter, lichtdurchfluteter Säle, weiß und sauber wie Operationszimmer, angefüllt mit Maschinen, Apparaturen, komplizierten Schalttafeln in sinnvoller Ordnung, mit dem ganzen vielartigen und zweckdienlichen Rüstzeug der modernen Wissenschaft, und in allen Räumen ernste Männer und Frauen, in säureverätzten, buntfleckigen Apothekerkitteln, wiegend, beobachtend, rechnend, bastelnd, Hände an den Schalttafeln, Hände an den Maschinen, Hände in den chemischen Bädern, überall Menschenhände, gelenkt von menschlichen Hirnen, an die Rätsel der Natur rührend.

Klaus experimentierte seit Monaten in strengster Abgeschlossenheit in einem eigenen Raum, nur unterstützt von einem alten Werkmeister, der an praktischer Erfahrung den meisten Wissenschaftlern überlegen und selbst ein halber Gelehrter war.

»Wissotzky, rasch, heute – müssen wir fertig werden. Um eins kommt Herr von Teltzsch. – Ich will – was zeigen!«

»Nur ruhig, Herr Doktor. Wir haben fünf Stunden.« Die große Fabriksirene gab hallend das Zeichen zum Arbeitsbeginn.

Wissotzky, den weißhaarigen Glatzkopf mit einer klobigen Schutzbrille verunstaltet, war seit seiner Lehrlingszeit im Werk. Fast zweiundvierzig Jahre. Ein Mensch, stämmig untersetzt, süddeutscher Dickschädel, der keine Eile kannte und trotzdem schneller fertig wurde, als die Hastenden, scheinbar Raschen. Er hatte gut ein halbes Dutzend schwere Explosionen hinter sich, trug im Gesicht und am Hals unverlöschliche, rotglühende Brandnarben, hatte unwahrscheinlich zerfressene, verkrümmte Hände, der kleine Finger der linken Hand, ein Glied vom Mittelfinger der rechten fehlte. Zum Teufel gegangen bei den Explosionen. Sonst war er noch immer gut davongekommen und hatte verlernt, die Ruhe zu verlieren.

Übrigens war alles bereit. Die beiden elektrischen Öfen, die Einsätze, die Bäder, die chemischen Beimengungen, die Tabellen, auf denen die Ergebnisse der hundertmal wiederholten und abgeänderten Experimente verzeichnet standen. Flüssigkeiten in verschiedenen Farben wurden erhitzt, gemischt, auf den sorgfältig errechneten Wärmegrad gebracht. Die Schalttafel gestellt, elektrischer Strom fuhr durch die Öfen.

Das Experiment begann. Gleichmütig verfolgt von den scharfen, wimperlosen Augen Wissotzkys – die waren auch bei dem verdammten Experimentieren draufgegangen – von Klaus mit unterdrückter Erregung unter zusammengezogenen Brauen beobachtet. Was da werden sollte, war das Ergebnis einer ungeheuren Arbeit, aber nicht ungeheurer als das Ergebnis selbst, das da lautlos von den beiden Männern erwartet wurde. Eine Stunde verrann, ohne daß ein Wort gewechselt wurde. Zwei Stunden vergingen. Genau nach zwei Stunden und vierunddreißig Minuten sagte Klaus:

»Wissotzky, ich glaube, jetzt –«

»Mm«, brummte der Dickschädel, »noch nit.«

»Nach unseren Berechnungen müßt's sein.«

»Noch nit. Ich seh's, ich spür's. Die Farb' is noch nit richtig.«

Klaus hielt es nicht länger. Er mußte eine Probe machen. Es war nichts. Wissotzky hatte recht. Wo es sich um das Gefühl, um das Beobachten der unmerkbarsten Stufungen von Licht, Farbe, Wärme handelte, konnte so bald kein Mensch dem Werkmeister etwas erzählen. Er war empfindlich wie das feinste Meßinstrument. Also warten. Nach einer weiteren Viertelstunde, die in ihrem Nichtsgeschehen spannender und aufregungsreicher war, als wenn, Gott weiß was, sich ereignet hätte, murrte Wissotzky.

»Weiß scho den Fehler.«

Klaus sprang auf. Sein blasses Gesicht war bis unter das blonde, dünne Haar rot übergossen.

»Nit springe, Herr Doktor, nit springe. 'S wird scho. Bloß später.«

Nach zwölf weiteren Minuten stand der Meister gemächlich auf. Als flüssige Flamme floß das geschmolzene Erz in die bereite Form. Abkühlung in besonders konstruierten Anlagen. Dampf zischte hell, fast pfeifend.

»Jetzt is's. Glaaben's? Ich hab's geroche. Jetzt mag er kumme.«

Klaus konnte sich vor Aufregung kaum erheben. Die Beine wurden ihm plötzlich schwach. Wenn ihm ein anderer, sei es der berühmteste Universitätsprofessor, so aus dem Handgelenk ohne Probe auf Belastung und Dehnung gesagt hätte, das Experiment sei gelungen, er hätte es nicht geglaubt. Wenn Wissotzky es sagte, war das wie das Amen im Gebet.

»Ich hab' Ihnen – viel zu danken, Wissotzky.«

»Nit, daß ich wüßt. Sie habe e gut's Köppche, Herr Doktor.«

Noch zwei Stunden Festigkeit, Härte, Dehnung zu prüfen, die chemische Analyse zu machen. Als einige Minuten nach eins Lutz das Laboratorium betrat, waren Klaus und Wissotzky gerade dabei, das Material zu erproben.

»Na?«

»Gelungen.«

Lutz nahm ein Stück in die Hand und betrachtete es andachtsvoll.

»Klaus, wenn's mir gelungen wäre, könnte ich mich nicht mehr freuen. Weißt du, was das heißt? Die größte Umwälzung in der Stahlindustrie seit Bessemer und Martin.«

Und wer diese drei Männer zufällig sah, wie sie ohne gekünstelte Stellung, ohne gespielte Haltung im nüchternen Raum über einigen Stücken unscheinbaren Metalls ihre Köpfe zusammensteckten, das bewundernd strahlende, italisch dunkle Gesicht von Lutz zu den glücklich müden Zügen des jungen Erfinders gedrängt und dicht dabei des Werkmeisters zerbeulten Blankschädel über den gemächlich grinsenden, unrasierten Wangen, der konnte nicht einmal ahnen, daß diese drei die ersten Zeugen einer Erfindung von unermeßlicher Tragweite waren: der Umwandlung von Eisen in hochwertigen Stahl auf chemischem Wege.

Weder Lutz noch Klaus sprachen nur ein Wort. Lediglich Wissotzky meinte mit einer Ruhe, die einen Elefanten gekleidet hätte: »Das muß ich sage, Herr Doktor, so aufgeregt bin ich mei Lebtag nit gewese.«

*

Lenore erlebte eine unerklärliche Überraschung. Sie ordnete Blumen im großen Speisezimmer und sah rein zufällig von einem Fenster aus auf der Straße ein Mietauto vor der Villa stehen, das einen großen Schrankkoffer neben dem Führersitz aufgeladen hatte. Und jetzt – trat die alte Frau von Teltzsch, von Vinzenz gestützt, die Zofe hinter sich, steifbeinig aus dem Tor. Sie bestiegen alle drei, ohne sich umzusehen, den Wagen, der sich sofort in Bewegung setzte. Lenore wollte das Fenster aufreißen, ein Ruf drängte sich in die Kehle, dann ließ sie die Hand von der blanken Messingklinke. Was war das? Abreise ohne Abschied? Warum? Die Unterredung, die die Schwiegermutter mit Lutz gehabt hatte – er hatte es beim Frühstück kurz angedeutet –, war doch kein Grund, ohne ein Wort des Dankes das Haus zu verlassen, ohne auch nur die einfachste Form der Höflichkeit zu wahren. So verließ man ein Hotel, in dem man die Rechnung beglichen hatte. Lenore ging klopfenden Herzens – alles erregte sie jetzt übermäßig – ein Stockwerk höher, wo das von Vinzenz bewohnte Zimmer lag. Seine Koffer standen gepackt bei der Tür. Nur Hildes Zimmer war unberührt. Was sollte das alles bedeuten? In aller Trauer hatte es Lenore doch gefreut, daß sie sich nicht mehr so von lauernder Feindschaft umgeben glauben mußte. Sollte das alles wieder auferstehen? Ihre Weichheit brauchte Wärme und Herzlichkeit. Aufgeregt ließ sie sich mit der Fabrik verbinden.

»Lutzel, eben ist Großmama ohne jeden Abschied fortgefahren.«

Ein Lachen antwortete.

»Gott sei Dank, Mamachen. Ich liebe offene Karten. Und was ist mit Onkel Vinzenz und Hilde?«

»Seine Koffer sind noch da, aber auch schon gepackt. Nur ihre Sachen sind noch draußen.«

»So«, es klang befriedigt, fast erleichtert, »dann ist ja alles in bester Ordnung. Onkel Vinzenz war heute schon bei mir im Büro. Wir sprechen darüber, wenn ich nach Hause komme. Es ist alles in Butter, kannst beruhigt sein.«

Sie war es dennoch nicht. Die Zimmer beengten ihr den Atem, Feindseligkeit kroch aus allen Ecken, Einsamkeit fiel beängstigend über sie her. Ihr ganzes Leben war immer nur ein Warten auf Herbert gewesen, ein Warten auf seine Gegenwart, seine Stimme, seine spröde, ungelenke Zärtlichkeit, auf Alleinsein mit ihm. Dieses ganze Haus war, seitdem sie darin schaltete, nur eine große Bereitschaft, ihn zu empfangen. Und jetzt – nichts hatte sich geändert, ihr Warten nicht und nicht die Bereitschaft des weiten Hauses. Nur – er kam nicht. Das bohrte sich zehnmal täglich schmerzhaft in Herz und Gehirn und löste sich Abend für Abend, Nacht für Nacht in verweinte, endgültige Gewißheit. Flüchten, flüchten. Nur in den friedvollen Garten der Toten konnte man fliehen.

Lenore schnitt im Park lange Stiele vom Fingerhut, die Herbert besonders geliebt hatte, und Rosen für Vitalis Grab. Stundenlang konnte sie in dem efeuumsponnenen Viereck sitzen, das die Ruhestätte der Teltzsch undurchsichtig umrankte, und, von einem fiebrigen, aber doch irgendwie wohltätigen Grauen durchzittert, mit dem Toten unter dem frischen Grabhügel sprechen. Leise, zerrissene Sätze, zärtliche, schmerzvolle, sehnsüchtige, die sich mit heißen Tränen in die Erde tranken.

»Herbert, du, warum kommst du denn nicht im Traum zu mir, im Traum doch nur, ich will dich ja nicht quälen – du bist so weit von mir – kannst du denn nicht kommen? Einmal im Traum, ich will nur deine Hand fühlen, Herbert, deine liebe Hand –«

So seltsam, daß man diesen einzigen Traum, den man sich wünschte, nicht träumen konnte. Alle Inbrunst ihrer Gebete hatte nur diesen Inhalt, im Schlaf mit ihm vereint zu sein. Und wenn man nach zerquälten, verschluchzten Stunden endlich in wirre Betäubung fiel, kam das ineinandergeschobene Jagen der Träume, von Lutz, von der Schwiegermutter, Kindheitserinnerungen, nie Herberts Bild. Als wäre es so endgültig von dieser Welt gelöscht, so unwiederbringlich zerflossen, daß nicht einmal ein Schatten in ihrem Traum wiedererstehen konnte. Geheimnisvoll, furchtbar, unsagbar quälend war das.

Lenore ging zu Vitalis Grab. Es lag einsam zwischen kahlen, neuen Hügelreihen, die da täglich aus dem lehmig gelben Boden wuchsen und sich zu stillen Gemeinden der Felder schlossen. Kaum ein Mensch war da. Die Toten sind einsam. Die schwarze, traurige Frau ordnete die verdorrten Kränze, die welkenden Blumen und streute die rote Glut der Rosen darüber.

Treuester Freund, nun hast du unser Geheimnis mitgenommen. Kein Mensch kann es dir mehr aus dem stummen, klugen Mund reißen. Lenore mußte wehmütig lächeln. Wie hatte sie dieses Hirngespinst erschreckt und wie bedeutungslos war es geworden. Konnte man einen Sohn, konnte ein Sohn die Mutter mehr lieben? War es nicht gleichgültig, ob Lutz ihr Kind war? Ach, er war es ja, er, der einzige, den sie noch besaß, sie fühlte es jetzt mit so tiefer, unzerstörbarer Gewißheit, wie man nur die Wahrheit fühlen kann. Das Gespenst war zerstoben, Schatten eines Schreckbildes, das in nichts zerrann, ein Gebüsch am Weg, das im Dunkel Spukgestalt angenommen hat und beim dichten Herankommen sein wahres Gesicht in Blatt und Zweig enthüllte. Nicht mehr daran denken, fortschieben.

Als sie wieder nach Hause kam, war Vinzenz von der Bahn schon zurückgekehrt. Auch Gina war da. Er befand sich in einiger Verlegenheit, die plötzliche Abreise der Mutter zu bemänteln. Solchen Situationen wich er gern aus. Er war auch nicht hinterhältig genug, um nicht von einem etwas beschämenden Gefühl bedrückt zu werden. Wenn ihn nicht seine Mutter mit allen Mitteln ihrer Eindringlichkeit gegen die ›scheinheilige Komödiantin‹, ›Verbrecherin‹, ›Erbschleicherin‹, aufgehetzt hätte, wäre es ihm noch viel schwerer geworden, diesen Krieg im Dunkel wider einen ahnungslosen Gegner zu führen. Und er schämte sich auch seiner Schwäche im Bewußtsein, nicht selbständig, nicht ganz freiwillig zu handeln, sondern nur Werkzeug des maßlosen verbitterten Hasses der alten Frau zu sein. Er mußte sich mit Gewalt in sittliche Entrüstung hineinreden.

»Liebe Schwägerin, Mama läßt sich entschuldigen, sie mußte unvermutet abreisen –«

»Ich weiß, Vinzenz, ich habe sie vom Fenster gesehen.«

Es war ihm sichtlich unangenehm.

»So, sie dachte, Sie halten Ihren Nachmittagsschlaf und wollte nicht stören.«

Lenore antwortete nicht. Er fuhr mit gemachter Ungezwungenheit fort.

»Auch ich und Hilde müssen Sie leider verlassen. Ich will noch einige Zeit hierbleiben, das heißt, ich ziehe nach Heidelberg hinüber ins Hotel de l'Europe, insbesondere Hilde ein Semester drüben studieren möchte. Und so lange möchten wir Ihre Gastfreundschaft nicht in Anspruch nehmen. Sie werden ja auch froh sein, uns endlich los zu sein.«

Mit keiner Silbe erwiderte Lenore. Die beiden hätten ja im Heidelberger Landhaus wohnen können, das ganz leer stand, aber da war etwas Unwahres in seiner Sprechweise, mit allen Nerven spürte sie es, und sie unterließ die Einladung. Besser so.

Vinzenz war ein großer Frauenkenner, aber hier versagte seine Wissenschaft. Nicht, daß er Verwirrtheit, Unruhe oder unsicheren Blick bei seiner Schwägerin suchte, aber irgendeinen Zug von Verwegenheit im Ansatz der Nase, von spitzer Verschlagenheit in der Stellung der Augen, von verkniffener Selbstsucht in den Mundwinkeln, irgendein Kainszeichen, das auch größter Schönheit aufgeprägt ist, wenn sie niederer Handlung, gemeiner Gesinnung fähig ist.

Bei Tisch warf er die verfängliche Frage zu Lutz hinüber:

»Wem siehst du eigentlich ähnlich? Ein Teltzsch bist du eigentlich nicht.«

Gina, die neben Vinzenz saß, verfärbte sich und berührte mit ihrem Fuß seinen Schuh. Vorsicht, um Gottes willen. Lutz zuckte nur gleichmütig mit der Schulter:

»Ich habe mir, offen gestanden, noch nicht den Kopf darüber zerbrochen.«

Vinzenz interessierte seine Antwort kaum, er hörte gar nicht recht hin. Er suchte nur, ruhig weiter essend, das Gesicht Lenores mit einem seitlichen Blick. Hatte sie nicht aufgehorcht? Und auf einmal begann sie eifrig zu sprechen. Übereifrig. Eigenartig, nicht wahr? Aber sie habe ihrer Mutter auch nicht geähnelt. Noch mit fünfundzwanzig nicht. Und jetzt im Alter bemerkte jeder die Verwandtschaft. Das käme bei Lutz vielleicht auch noch später. Und im Wesen hätte er doch Ähnlichkeit mit dem armen Herbert, nicht? In der Stimme?

Plötzlich brach sie ab und ließ das Auge von einem zum anderen gehen. Was war das? Weshalb hatte sie sich so erregt ins Zeug gelegt? Etwas hatte sie herausgefordert, die Färbung des Tones, in dem die Frage gestellt war, ein halb geöffnetes Lid, unter dem sie beobachtet wurde. Gina blickte in ihren Teller, als ob sie nichts gehört und gesehen hätte. Vinzenz war schon bei einem anderen, scheinbar interessanteren Gegenstand. Lenore preßte unter dem Tisch die Knie zusammen, die ein Zittern gegeneinanderstieß. Stieg das Schreckgespenst wieder auf? Nein, nein, eine zufällige Frage, die jedem nahelag. Nur die Nerven waren überempfindlich geworden und witterten Gefahr, die gar nicht vorhanden war.

Vinzenz empfahl sich gleich nach Tisch. Durchaus freundlich. Von Gina mit einem leisen Lächeln des Einverständnisses. Er wollte sein Gepäck ins Hotel befördern und Hilde gleich mitnehmen. Gina blieb bei der Freundin. Sie hatte ein schlechtes Gewissen und suchte es mit außergewöhnlicher Zärtlichkeit wettzumachen. Sie war wie verändert. Die Schlacken des Alterns, der Verbitterung schienen in der Umarmung, mit der Vinzenz sie an sich gerissen hatte, zerbrochen zu sein. Verliebtheit verschönte, verjüngte sie, mitleidige Weichheit mit Lenore glättete ihr spitzes, kleines Gesicht. Sie streichelte die Hände der Freundin, wie der Schlächter das zitternde Tier beruhigt, das zu töten unwiderruflicher Beschluß ist.

»Du bist heute so hübsch, Gina«, sagte Lenore.

Gina, sonst gierig nach jeder Schmeichelei, war unangenehm berührt. Warum war Lenore so ahnungslos? Weshalb wehrte sie sich nicht, weshalb stieß sie sie nicht zurück? Nein, sie, Gina, konnte nicht anders handeln, als sie es getan hat. Ihr Lebensglück stand auf dem Spiel, wer weiß, ob es je wieder ihren Weg kreuzen würde, wenn sie jetzt nicht danach griff, es jetzt nicht festhielt und rücksichtslos, sei es über Leichen, ihren Weg ging. Jeder ist sich selbst der Nächste. Vielleicht hat Lenore nur Angst vor ihr, weil sie Mitwisserin ihres Geheimnisses war, und wollte sich ihrer nur versichern.

Lenore merkte nichts. Sie war zu harmlos, um eine gute Menschenkennerin zu sein.

»Ich glaube, Ginachen, Vinzenz macht dir ein bißchen den Hof.«

»Glaubst du? Er ist ein hübscher Mensch.«

Es sollte unbeteiligt, gleichgültig klingen.

»Sicherlich. Aber ich glaube, ein großer Damenfreund und ein etwas flatterhafter Vogel, der nicht lange auf der Hand sitzen bleibt.«

Sofort war Gina bereit, Vinzenz zu verteidigen. Oh, sie verstand sehr gut, man wollte sie gegen ihn aufhetzen, sie von ihm fernhalten.

»Natürlich, wenn mir einer den Hof macht, ist er gleich ein flatterhafter Vogel. Wenn er dir den Hof machen würde, wäre er vermutlich der beste, treueste, feinste. Was weißt du denn von ihm?«

»Nichts, Gina, gar nichts. Ich kann mich ja täuschen. Wir wollen nicht zanken. Sieh, jetzt gerade brauche ich eine Freundin, gerade jetzt. Und ich habe doch keine andere als dich. Jetzt dürfen wir nicht streiten.«

»Du hast ja angefangen«, beharrte Gina, der es angenehmer gewesen wäre, wenn sie einen Grund gehabt hätte, sich mit Lenore zu überwerfen. Dann hätte man freie Hand gehabt und niemand hätte ihr etwas vorwerfen können.

»Mag sein, daß ich angefangen habe, aber du darfst mir jetzt nichts übelnehmen, Gina. Wir wollen doch Freundinnen bleiben.«

*

Das war mit seiner Mutter abgemacht, daß Vinzenz vorläufig in Mannheim oder Heidelberg bleiben sollte. Jedenfalls in der Nähe. Daß Hilde in Heidelberg zu studieren wünschte, war ein willkommener und glaubhafter Vorwand. Hilde sollte eben in der leichtlebigen Studentenschaft nicht allein bleiben. Die alte Frau Teltzsch wollte Justizrat Trendelenburg, ihren alten Anwalt, zu Rate ziehen, und Vinzenz würde dann die Richtlinien, nach denen vorzugehen wäre, mitgeteilt erhalten.

Eine angenehme Aufgabe war das für ihn nicht. Er hatte mancherlei Hemmungen. Ihm hätte es mehr zugesagt, wenn man auf dem Verhandlungswege versucht hätte, eine größere Beteiligung als bisher herauszuschlagen, insbesondere in Geldfragen Lutz großzügig zu sein schien. Vinzenz hatte sich nach äußerster Selbstüberwindung genötigt gesehen, wegen einer größeren Summe an den Neffen heranzutreten. Es liefen einige Wechsel, die eingelöst werden mußten. Spiel, allzu kostspielige Reisen und die nicht gerade geringen Ansprüche einer brünetten, kleinen Schauspielerin vom Grand Guignol hatten seinen Gebrauch im letzten halben Jahr überspannt. Lutz hatte ihn im Werk fast herzlich begrüßt und war überaus liebenswürdig gewesen. Freundlich zuhörend, als Vinzenz mit kavaliermäßiger Nachlässigkeit sein Anliegen vorbrachte.

»Ein andermal, Onkel, ein bißchen rechtzeitiger, damit ich besser disponieren kann, wir haben jetzt sehr große Auslagen. Aber selbstverständlich steht dir der Betrag zur Verfügung.«

Fast wäre es Vinzenz lieber gewesen, wenn es nicht so schmerzlos gegangen wäre. Er tröstete sich mit dem Gedanken, daß er eigentlich sein eigenes Geld verlangte, das ihm von Rechts wegen zustand. Immerhin, in eine Abneigung gegen Lutz konnte er sich mit bestem Willen nicht hineinreden. Netter Junge und imponierend, wie er Befehle gab, Anweisungen erteilte, sicher, knapp, ohne Aufregung. Nichts drüber zu reden. Die Frauen mußten nicht schlecht auf den Burschen fliegen. Vinzenz war auch von dem Gedanken, möglicherweise in dieses ungeheure Werk mit seinem verwirrenden Betrieb als Herr einziehen zu müssen, wenig erbaut. Der beizende Geruch aus Schwefel, Ammoniak, Teer und Gott weiß welchen Bestandteilen nahm ihm fast den Atem. Das Geklapper der Schreibmaschinen, das Telephonieren, die überall herumeilenden Menschen in diesem Riesenbau mit den endlosen Fluren und unzähligen Türen, nein, dem fühlte er sich nicht gewachsen. Schließlich war man zweiundfünfzig Jahre alt, Teufel auch, tatsächlich zweiundfünfzig, da lud man sich nicht mehr solche Bürde auf. Und ob Klaus dieser irrsinnigen Arbeit gewachsen wäre? Er betrachtete forschend den etwas zarten Gelehrtenkopf des Sohnes, der ihm noch immer fremd, ohne jede Vertraulichkeit war. Er sah ihn auch zu selten. Hin und wieder eine Stunde abends bei Rumpelmeyer oder unter den Arkaden des Rosengartens. Und Vater wie Sohn schienen diesen Verabredungen mit geringer Neigung nachzukommen.

»Was bist du eigentlich in der Fabrik, Klaus?«

»Was? Gar nichts. Chemiker. Aber ich bin nicht – angestellt.«

»Du mußt doch irgendwelche Pflichten erfüllen. Bekommst du kein Gehalt?«

»Ich kann – tun und lassen, was – ich will. Man hat mir ein Laboratorium eingerichtet, – wie es vielleicht in Deutschland – kein zweiter Chemiker hat. Ist das nicht genug?«

»Du kannst doch mit deinen vierhundert Mark Zuschuß nicht leben. Und wenn du eine Erfindung machst, wem gehört die?«

»Was ich erfinde, gehört mir. Die Fabrik hat nur das Vorkaufsrecht. Und zum Leben – genügt mir der Zuschuß. Ich brauche – ja nichts.«

»Ich finde das sehr eigenartig. Man arbeitet doch nicht ohne Gehalt.«

Vinzenz hätte gern irgendeine Ungerechtigkeit herausgefunden, die Klaus zugefügt wurde, um sich in die nötige Empörung hineinzureden.

»Ich arbeite – doch für mich.«

Seine Erfindung erwähnte er mit keinem Wort, das war mit Lutz abgemacht. Bevor nicht die werksmäßige Erzeugung gesichert war, sollte niemand etwas wissen.

»Und was hast du für Aussichten? Willst du Direktor werden? Oder was?«

»Wozu Direktor? Ich habe darüber – nicht nachgedacht.«

Also dieser weltfremde Gelehrte, dessen Schädel offenbar nur mit chemischen Formeln gefüllt war, sollte möglicherweise an die Stelle des jetzigen Herrn treten. Die alte Dame sollte sich das noch einmal überlegen. Aber die zum Nachgeben bringen, eher konnte man ein Raubtier zum Pflanzenfressen bekehren. Wenn man nur schon wieder aus Mannheim fort könnte. Hier den Detektiv und bei Gina den Liebhaber spielen, brr. Gina mit ihren verstohlenen Händedrücken, ihren zufälligen Berührungen, ihrem ewigen Anschmiegen! Bei richtiger Beleuchtung hatte sie stark an Reiz eingebüßt, und er traute sich kaum auf die Straße aus Angst, daß sie ihm fortwährend über den Weg lief. Abschütteln konnte man sie nicht, abreisen auch nicht. So viel Ausreden gab es in der Welt nicht, wie man brauchte, um das Zusammensein mit ihr auf das Notwendigste zu beschränken. Ihre Eröffnung war ein Nervenkitzel in dieser Langeweile gewesen, es hatte sich ausgekitzelt. Lästig alles, lästig. Hilde war die einzige, mit der man es noch aushalten konnte. Er war froh, als er nach Heidelberg ins Hotel zurückkehrte, daß sie schon auf ihn wartete.

»Papachen, heute trinken wir beim Ritter eine Flasche Wein, mir ist so alkoholisch.«

»Schon gemacht.«

Der alte, niedrige Raum war mit lärmenden Studenten und biederen Bürgern gefüllt. Aber die Leute waren wenigstens vergnügt. Hilde sah sich mit blanken Augen um.

»Schade, daß Lutz nicht dabei ist. Ich glaube, der kann ganz lustig sein.«

»Das ist ja rasch gegangen.«

»Was heißt das, Papachen, rasch gegangen? Darf ich vielleicht mit meinem Vetter nicht gut Freund sein? Magst du ihn nicht leiden?«

»Doooch!«

»Großmama hat natürlich sofort den herrlichsten Kladderadatsch in Szene gesetzt. Aber ich habe mir von Lutz versprechen lassen, daß er sich mit dir unbedingt vertragen wird. Und du mußt es mir auch versprechen, Papa. Ich habe reichlich genug von diesem ewigen Streit in der Familie.«

»Ja, wie soll ich dir das versprechen?«

»Mein Gott, Papa, wenn sich zwei Menschen vertragen wollen, dann tun sie es eben. Das ist doch nicht schwer.«

»Weil du sagst, vertragen wollen. Ich habe einmal in Spanien einen Stierkampf angesehen. Ich glaube, die Pferde und der Stier in der Arena haben gar nichts gegeneinander gehabt. Aber dann hetzte man den Stier, und die Pferde liefen ihm vor der Nase herum und schließlich schlitzte er den armen Biestern mit den Hörnern den Leib auf.«

»Sehr schön. Und du meinst, das ist das getreue Abbild des Familienlebens?«

»Nicht ganz, aber so ungefähr.«

»Also, du versprichst es mir nicht?«

»Liegt dir sehr viel daran?«

»Ich weiß nicht.«

Vinzenz strich sich über die gutgebügelte, beigefarbene Sommerhose. Es war eine verlegene Handbewegung. Hier spannen sich zarte Fäden oder er verstand nichts mehr von dem ewigen, urältesten Spiel zu zweien, das sich Liebe nannte. Sollte man das Spiel stören? Er hatte nicht das Herz. Er war gutmütig, aber er war im Guten etwas leichtherzig wie im Bösen. Immer hatte der Gegenwärtige bei ihm recht, der Abwesende unrecht. Er wußte selbst sehr genau, daß er schwach und beeinflußbar war. Wenn seine Mutter wieder die Hetzpeitsche schwang, unterlag er ihrem ungestümen, durch kein Alter gebrochenen Haß und ließ sich von ihr treiben, wohin sie wollte. Er hatte eine leise Hoffnung. Vielleicht war alles nicht wahr, alles nur Ausgeburt einer hysterischen Altjungfernphantasie. Konnte denn Lenore derartiges begangen haben? Er hatte einmal als Student ein Gefängnis besucht und in der Frauenabteilung an langen Arbeitstischen die blassen Insassen bei tödlich verdummender, eintöniger Arbeit gesehen. Alle stumpf, in gleichförmiger, häßlicher Anstaltskleidung, die braunen, schwarzen, blonden Haare kunstlos geschnitten. Auf Kindesunterschiebung stand Gefängnis, Zuchthaus –

In einer Ecke stimmten Studenten, buntbemützt, mehr grölend als singend, einen Kantus an.

»Du siehst ja so ernst drein, Hilde? Ich verspreche dir ja –«

Aber er war sich innerlich gar nicht sicher, ob er sein Wort halten würde.

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