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Zeche Gnadenfeld

Friedrich Zeckendorf: Zeche Gnadenfeld - Kapitel 3
Quellenangabe
authorFriedrich Zeckendorf
titleZeche Gnadenfeld
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1.-10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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2

Die alte Frau Charlotte von Teltzsch bewohnte allein in ihrem großen Berliner Hause in der Viktoriastraße eine prunkvolle, zehnzimmerige Etage. Ihr »Exil«, wie sie das nannte und in dem sie launisch, unbeschränkt und unwidersprochen herrschte. Sie war zweiundsiebzig Jahre, aber ungebrochenen, starken Geistes und von fanatischer Lebenszähigkeit. Trotz ihrer ewigen Kränklichkeit, trotz ihrer Gicht, die ihr nur steifbeinig und mit Stockhilfe zu gehen gestattete, hielt sie ihre hohe, korsettgesteifte Gestalt straff aufrecht, und ihr faltengenarbtes, verfallenes Gesicht unter schwarzgefärbtem Haar mit den beiden Reihen ebenmäßiger, falscher Zähne war eine starre Schmelzschicht aus Rosa und Weiß, aus Schminke und Puder. Wären nicht die immer noch bannstarken Augen gewesen, die unter breit nachgezogenen Brauen wetterleuchtend geboten, hätte dieses maskenhaft überdeckte Gesichtswrack eher einbalsamiert denn lebendig gewirkt.

Als sie die Trauernachricht empfing, war sie nur von der überrennenden Plötzlichkeit des Ereignisses und auch nur für Minuten der Fassung beraubt. Trauer, Schmerz, Entsetzen – nichts von alledem. So mochten andere die Botschaft vom Ableben irgendeines entfernten und fernstehenden Verwandten aufnehmen. Und wäre nicht Lutz als vollberechtigter Erbe dagewesen, vielleicht hätte sie über den Tod des Sohnes verheimlichte Freude empfunden. Keine zärtliche Beziehung hatte ihn der Mutter verbunden. Nicht als Kind und nicht später. Ihre bedenkenlos zur Schau getragene Neigung hatte immer nur Vinzenz, dem anderen Sohn, gegolten. Das Zwillingspaar, so teltzschisch einander ähnlich im Äußeren, war innerlich von durchaus gegensätzlich gestellter Grundart. Herbert von jenem arbeitsverbissenen, befehlshaberischen Herrentum, das die Teltzsch groß gemacht hatte, Vinzenz von freudigem Lebensüberschwang, der von dem trink- und liebesfrohen Großvater stammte und von mütterlicher Seite her noch eine Beimengung anmutiger Beweglichkeit, geistiger wie körperlicher, erhielt. Begreiflich, daß Frau Charlotte – damals die »schöne« Charlotte –, in deren Adern zur Hälfte polnisches Blut ungebärdig rollte, sich mehr zu Vinzenz hingezogen fühlte, der doch etwas von ihrem, dieser Familie so fremden, prunkliebenden Wesen hatte, als zu Herbert, dessen wortknappe Sprödigkeit sich fast ebenso fest verschloß wie die seines Vaters. Herbert mußte erobert, erweicht, durchdrungen werden, Vinzenz kam lachend in die geöffneten Arme gelaufen. Mit vierundzwanzig Jahren war Vinzenz ein eleganter Lebemann, dem die Frauen nachliefen und Herbert in seinen Augen ein »Kuli«, der im Kohlenstaub und Maschinengedröhn zu Hause war und noch kein Weib berührt hatte.

Nach dem Tode des Vaters hatte sich das kühle Verhältnis Herberts zu seiner Mutter bis zur Feindseligkeit zugespitzt, als es ihr nicht gelang, Vinzenz, den bevorzugten, verhätschelten Sohn, als gleichberechtigten Erben einzusetzen. Es kostete größte Mühe, daß man ihm wenigstens die Leitung eines Werkes mit dem Generaldirektortitel übertrug, eine Herrlichkeit, die übrigens nur kurze Zeit währte. Schlimmer war, daß Herbert der maßlosen Verschwendungssucht seiner Mutter unerbittlichen Widerstand entgegensetzte. Vielleicht hätte sich auch das noch alles einrenken lassen, sogar ihr Widerspruch gegen Herberts Ehe mit der »Komödiantin«, die Lenore so gar nicht war. Aber Frau Charlottes vulkanisch ausbrechende Herrschsucht, die sich in den Ehejahren unter der rücksichtslosen Faust ihres Mannes schwelend geduckt hatte und jetzt bei Herbert gegen nur minder gewalttätigen, doch nicht überwindlicheren Widerstand prallte, riß den bröckelnd sich weiternden Spalt zu unüberbrückbarer Kluft.

Herbert tot. Die alte Frau witterte Möglichkeiten des Handelns. Ein dringendes Telegramm flog nach Paris, wo Vinzenz, der seit seiner Scheidung zu einem unbeschwerten Junggesellenleben zurückgekehrt war, sich gerade aufhielt – Monte war ihm zu heiß geworden – ein anderes Telegramm ging nach Oxford, wo seine Tochter Hilde ein wohldotiertes, elegantes Studentenleben führte. Beide waren gewohnt, den Wünschen der alten Frau, die immer Befehle waren, ohne Einwand zu entsprechen. Die Schwiegertochter würde kaum den Teltzschischen Quaderschädel haben. Und dieser junge Mann, Lutz, ihr kaum gekannter Enkel – man wird ja sehen.

»Lina, sofort den großen Schrankkoffer packen.«

*

Vinzenz kam, fast gleichzeitig mit Hilde, gerade noch mit dem Flugzeug aus Paris zurecht. Er kam nicht gern. Gewiß, sehr traurig der Unglücksfall. Aber im Grunde, was ging das ihn an? Er war nicht hart, dem verstorbenen Bruder nicht einmal eigentlich feindlich gesinnt. Seine Liebe war spielerisch und nie von langer Dauer. Und so war auch sein Haß. Es war doch alles schon so lange her und völlig gleichgültig geworden. Schön, er hatte sich mit dem Bruder nicht vertragen, weil er angeblich nicht genug gearbeitet hatte. Das Auseinandergehen war ja nicht gerade brüderlich freundschaftlich gewesen. Und die Geschichte mit der »Süddeutschen Farbenfabrik«, an der er sich nachher mehr aus Ärger über den Bruder als aus unbezähmbarem Tätigkeitsdrang beteiligt hatte, war auch keine angenehme Erinnerung gerade. Als die Fabrik in Schwierigkeiten geriet, hatte Herbert die Sanierung des Konkurrenzunternehmens brüsk abgelehnt und man mußte liquidieren. Nachher hieß es natürlich, Herbert habe den Bruder ruiniert. Vinzenz wußte genau, daß es nicht so war, aber wozu diese angenehme Version erschüttern! Wozu sich vor allen Dingen jetzt wieder erinnern. Olle Kamellen. Aber diese Trauerkomödie aufführen, an der man ganz und gar unbeteiligt war, das war erst recht überflüssig. Wozu hatte er dieses fürchterliche Weinen der Witwe beim Begräbnis mit anhören müssen und diese Klischeerede des Geistlichen, der vor lauter Lobpreisung des Verstorbenen gar kein Ende finden konnte. Dann diese langatmigen Nachrufe der Vertreter der Arbeiterschaft, die den strengen Herrn sicher nicht leiden konnte, der Loge, der Bank, in deren Aufsichtsrat er saß, der Wohltätigkeitsvereine, die nun den Sohn mit verdoppelter Kraft anschnorren werden, und diese schwitzende, gedrängte, schwarze Menge, die das Ende kaum abwarten konnte – bah, abscheulich das alles. Und Mama bei alledem mit ihrer imposanten, auf Trauer geschminkten Leichenbittermiene – direkt zum Lachen. Das hatte der Bruder, den er, weiß Gott, nicht hatte ausstehen können, nicht verdient. Also gut, das war vorüber. Und was jetzt? Mama verfolgte sicher wieder einmal einen Zweck. Um Himmels willen, bloß keine Zwecke. Es lebte sich zehnmal hübscher so. Bloß fort, schnell fort aus diesem gräßlichen Haus, in dem alle mit todernsten Gesichtern herumgingen. Ein Glück, daß man sich wenigstens mit Hilde im Zimmer einmal einsperren und für einige Minuten lachen konnte.

Am Abend zog sich Vinzenz mit der alten Frau Teltzsch zurück.

»Wie lange gedenkst du noch hier zu bleiben, Mama? Ich möchte morgen reisen.«

»Du wirst hierbleiben. Vorläufig. Erstens wirst du dich um deine Schwägerin kümmern, die Trost braucht. Dieses Talent dürftest du ja ausgiebig besitzen. Sieht übrigens nicht übel aus. Wie meinst du? Nichts? Ist auch besser so. Und zweitens wünsche ich, daß du auf den Jungen Einfluß nimmst. Es ist jetzt der richtige Moment, daß endlich etwas geschieht.«

Vinzenz war trotz seiner dreiundfünfzig Jahre das »Kind«, wenn er bei seiner Mutter war. So leicht und zwanglos er sich gab, fürchtete er sie noch immer und beugte sich vor der unerklärlichen Gewalt, die sie, wie über die meisten Menschen, über ihn besaß. Sein Einwand war eigentlich ein Rückzugsgefecht:

»Was heißt das, Mama, ›daß endlich etwas geschieht‹?«

»Bitte, stelle dich nicht dumm. Zeit, daß dein Bummelleben aufhört. Die Hörner dürftest du dir ja inzwischen abgelaufen haben.«

»Nicht, daß ich wüßte. Oder sie wachsen mir immer nach.«

Im Grunde ihres Wesens war sie verliebt in Vinzenz. Oh, so einen Mann hätte sie haben müssen. Ah, das Leben in der großen Welt führen, reisen, amüsieren. Verdammte Gicht, die ihr den Körper verkrümmte. Verzerrung lief über ihr geschminktes Gesicht, das Schmerz oder ein Lächeln war.

»Sei nicht kindisch. Was denkst du über Hilde? Der Bursche sieht recht gut aus. Scheint mit Klaus gut befreundet. Da ist ein Weg.«

Vinzenz platzte ein Lachen heraus.

»Du bist großartig, Mama. Ich habe mir's ja gedacht, daß du einen fertigen Plan hast. Ich soll die Witwe trösten, bis sie mir liebend in die Arme sinkt, Hilde soll Lutz heiraten – fertig, Schluß. Und wenn Lenore nicht will? Und wenn Hilde nicht will? Und wenn Lutz nicht will?«

Sie stieß aufbrausend mit ihrem Stock, den sie nie aus der Hand ließ, auf den Teppich, ihre Stimme zischte ihn an wie Dampf, der aus plötzlich geöffnetem Ventil stößt.

»Nicht will, nicht will! Wer hat gesagt, daß er nicht will? Lenore? Bist du ein Tölpel? Hilde? Sie wird wollen, ich garantiere dir. Lutz? Der fünfundzwanzigjährige Junge? Ich habe das Gewäsch satt. Du bleibst hier. Ich hoffe, du hast den Verstand dazu.«

*

Lenore hatte erwartet, daß die Verwandten gleich nach dem Begräbnis abreisen würden. Sie war zum Zusammenbrechen erschöpft. Die öffentlich ausgestellte Qual des Begräbnisses, bei dem sie trotz ihres festen Willens unter immer neu gepeitschtem Schmerz zusammengebrochen war, dieser Überfluß herandrängenden Beileids, das Händeschütteln, Wortehören riß mit zerrüttender Gewalt an ihren Nervensträngen. Allein sein, Gott, nur allein sein. Das war noch Glück, abends sich im großen Bett verkriechen, sich ohne Scham vom Schmerz schütteln lassen, sich weinend im Kissen verbeißen, das naß von Tränen ins Gesicht klatschte. Und die krampfhaft gespreizten Finger hinüberkrallen nach seiner Seite, nach seinem Kissen, wo sonst sein großer Körper still im Warten lag, daß sie, seine Hand suchend, leise und zärtlich sagte:

»Herbert, wo ist denn dein Arm? Deinen Arm, Herbert!«

Sie getraute sich nicht, zu Vinzenz oder zur alten Frau eine Bemerkung zu machen. War's auch wiederum in ihrer allem Streit abholden Weichheit zufrieden, daß die alte Feindschaft verlöscht schien. Die Schwiegermutter hatte einmal ihre Hand genommen:

»Wir bleiben nun, bis du ruhiger geworden bist. Man braucht in solchen Fällen einen gereiften Mann, und Vinzenz steht dir in allem zur Verfügung. Auch Lutz wird ihn nötig haben.«

Was sollte man darauf sagen? Vielleicht mochte Lutz, auf den plötzlich so ungeheure, erdrückende Verantwortung gefallen war, wirklich jemand benötigen, mit dem er sich aussprechen, beraten konnte. Der Schwager war wenigstens insofern erträglich, als er sie nach Möglichkeit verschonte. Das war allerdings weniger zarte Rücksicht bei ihm, sondern er drückte sich in seiner Abneigung gegen alles Traurige, immer mit schlechtem Gewissen und Angst vor seiner Mutter, wie ein schwänzender Schuljunge. Immerhin machte er ihr, von den mütterlichen Augen scharf beobachtet, bei Tisch und anderem unvermeidbaren Zusammentreffen mit weltmännisch zurückhaltender Bedachtsamkeit den Hof. Was ihm um so leichter fiel, als das seidige Schwarz der Trauerkleidung ihrer Frauenschönheit liebevoll ergebener Diener war.

Vor Lutz hatte er eine gewisse Scheu. Diesem »Jungen« von fünfundzwanzig Jahren mit dem dunklen Römerkopf schienen verwandtschaftliche Ratschläge nicht nötig und noch viel weniger erwünscht. Über die Hürden der Anspielungen und vorsichtig gestellten Fragen, sei es der Großmutter oder des Onkels, setzte er mit der spielenden Sprungkraft eines Rennpferdes hinweg, um je nach Belieben in einem freundschaftlich unbedeutenden Gespräch mit Hilde oder in einem Gedankenaustausch über einen wissenschaftlichen Gegenstand mit dem stillen Klaus zu landen, der während der Anwesenheit seines Vaters und seiner Schwester an den gemeinsamen Mahlzeiten teilnahm.

Lutz hatte sich unmittelbar nach dem Tode des Vaters mit dem ganzen Schwung seiner Jugend in die Arbeit gestürzt. Zunächst war ja nichts zu befürchten, die ungeheure Maschinerie der Teltzschischen Unternehmungen, in allen Werken und Abteilungen von erprobten und gesiebten Kräften geleitet, lief zwangsläufig und ununterbrochen ihren Gang weiter. Der neue Herr, teils mißtrauisch, teils hoffnungsvoll begrüßt, griff noch nirgends mit grundlegenden Änderungen ein. Lediglich eine von Klaus angeregte Erweiterung des chemischen Laboratoriums wurde mit überraschend schneller Entschlossenheit in Angriff genommen.

Vinzenz, an all diesen Dingen eigentlich nicht sonderlich interessiert, fühlte dem Sohn gegenüber Verpflichtung zu aufmerksamer Teilnahme. Er war am Abend mit Hilde und Klaus ein wenig ausgegangen, um der trüben Stimmung des Hauses zu entgehen, und saß nun auf der Terrasse bei Rumpelmeyer mit einer gewissen Beklemmung zwischen dem jungen Mann und der jungen Dame, die seine Kinder waren. Sonderbares, höchst sonderbares Gefühl, wenn man fast eben noch in Paris um die Gunst schöner und junger Frauen, die kaum älter als sein Sohn und seine Tochter waren, mit Begeisterung und auch nicht ohne Erfolg geworben hat und nun plötzlich von zwei erwachsenen Menschen als Papa angeredet wird. Höchst sonderbar und keineswegs ohne weiteres beglückend. Na ja, auch an Vaterfreuden muß man gewöhnt sein. Mit Hilde, das war schließlich leicht. Sie war groß, gut angezogen, englisch-blond und erfreulich hübsch. Was man sonst von den Frauen aus Teltzschischem Blut nicht gerade gewöhnt war. Die Schönheiten mußten immer erst importiert werden, wie Vinzenz zu sagen pflegte. Man hatte bei Hilde nicht so sehr das Empfinden, als Vater die Tochter auszuführen, eher als Kavalier mit einer eleganten, jungen Dame auszugehen. Insbesondere sie in ihren eleganten, vergnügten Papa ausgesprochen verliebt war. Mit diesem ernsten, jungen Mann, der bei aller verwandtschaftlichen Ähnlichkeit irgendwie ganz anders war als der Vater, anders als die anderen Teltzsch, haperte es mit der Einstellung. Er war kleiner als Vater und Schwester, trug sich nicht gerade vernachlässigt, aber doch ein wenig unachtsam und salopp, die Straffheit, die alle Männer dieses Stammes auszeichnete, war in ihm einer gelenkschlappen Schlenkrigkeit gewichen. Die gelbe Hornbrille über den müden kurzsichtigen Augen, das farblose Stubengesicht, schon ein wenig verknüllt von angestrengter Hirnarbeit, das war alles fremd, unvertraut, so – so – abseits liegend.

»Du bist mit Lutz gut befreundet, Klaus?«

»Kolossaler Kerl, was?« warf Hilde ein.

»Nicht so – einfach zu sagen«, Klaus antwortete langsam, abgehackt, als ob er sich erst mit den Worten herumbalgen müßte, bevor sie in unregelmäßigen Rudeln aus dem zu wenig geöffneten Mund hervorkrabbelten, »mir ist – er sehr viel. Nicht so – sehr als Wissenschaftler. Aber als Anreger. Das ist so – intuitiv bei ihm. Künstlerisch. Spielend. Ja.«

»Dir gefällt er, Hilde, was?«

Hilde schlug die langen, schlanken Beine seitwärts vom Tisch übereinander und schlürfte ihre Eisschokolade durch den flachsgelben Strohhalm.

»Hm – ja. Auch wieder nicht sehr. Er ist ein bißchen unbequem. Man traut sich nicht recht an ihn heran. Man weiß nicht, ob er nicht im nächsten Moment beißt. Stimmt's? Dir geht's ja genau so, Papachen, schüttle doch nicht den Kopf. Wie er Großmama und dich so – mit einem Schwupps – abtut, wenn ihr ihn irgendwo festnageln wollt, das ist ja manchmal direkt lustig, aber ein wenig peinlich.«

Es stimmte auf ein Haar. Vinzenz lenkte ab.

»Na, nicht so schlimm. Man kennt sich ja kaum. Ich dachte nur, er gefällt dir, wie eben ein hübscher, fescher Kerl einem jungen Mädchen gefällt.«

»Ach, äußerlich fabelhaft. Er sieht so aus, findest du nicht, wie der Filmschauspieler Ramon Novarro. Ähnlich. Vielleicht ein bißchen männlicher. Oder geistiger. Aber ein großer Courmacher scheint er nicht zu sein. Nichts für einen Flirt.«

Auf dem Heimweg – Klaus bog gleich beim Herauskommen nach seiner Wohnung ab – gingen Vater und Tochter Arm in Arm. Er elastisch, leicht vorgeneigt, sie mit lebhaftem freien Schritt.

»So einen Mann möchte ich haben, wie du bist, Papachen. Du wärest der richtige für mich. Schade, daß wir nicht heiraten können. Gefällt dir übrigens Tante Lenore? Ich glaube übrigens, ihre Freundin, Fräulein von Tillowitz, hat ein Auge auf dich geworfen. Papa, ich bitte dich, Du wirst doch nicht noch einmal heiraten. Das tu mir nicht an.«

*

In der Villa in der Otto-Beck-Straße war eine besondere Stimmung, als sie nach Hause kamen. Lenore saß mit Gina in stockendem Gespräch auf der Gartenterrasse. Aber Gina wurde sofort lebhaft, als sie Vinzenz erblickte. Ihre Besuche jetzt galten mehr ihm als der Freundin und ihre Teilnahme war erwünschter und betonter Vorwand. Sie witterte den Mann. Vinzenz mochte ihre geschwätzig plappernde Art nicht leiden und widmete sich, ihre Eifersucht erfühlend, lebhafter, als er selbst wollte, der Schwägerin. Gina war sofort gekränkt. Nicht über Vinzenz, sondern über Lenore. Sie fieberte innerlich vor Nervosität. Wenn ein Mann im Spiel war, geriet sie außer Rand und Band. Verbissenes Altjungferntum machte sich in kleinlich gehässigen Spitzen Luft. Lenore kokettierte natürlich wieder. Sogar mit ihrer Trauer. Nur damit Vinzenz sich um Gottes willen nicht einer anderen Frau –

Lenore fröstelt unter der aufsteigenden Mißstimmung. Sie verabschiedete sich.

»Bleib doch nur ruhig, Gina, damit Vinzenz Gesellschaft hat. Ich bin sehr abgespannt.«

Lutz saß oben mit der Großmutter im Arbeitszimmer des Verstorbenen. Das schien die Ursache der gedrückten Atmosphäre im Hause zu sein. Die alte Dame saß, thronte vielmehr in einem hochlehnigen, reichgeschnitzten Renaissancesessel, ihren Stock in der aderüberwirrten Linken, und hatte schon eine gekränkte Schärfe in der Stimme. Sie hatte erkannt, daß sie auf die bisherige Art nicht weiterkam. Dieser Junge mußte gestellt werden.

»Ich habe erwartet, Lutz, daß du zu mir und deinem Onkel einen Weg finden würdest.«

Lutz saß sehr zwanglos im Klubsessel.

»Ich verstehe nicht, Großmama. Was für einen Weg«?

»Du verstehst sehr gut. Ich glaubte, du würdest es für nötig erachten, mir und Onkel Vinzenz einige Aufklärungen zu geben. Wenigstens Fragen, die wir stellen, zu beantworten. Es hätte ja nicht geschadet, wenn du dich mit deinen fünfundzwanzig Jahren mit deinen älteren und erfahreneren Anverwandten – wir sind ja keine Fremden – ausgesprochen und ihren Rat eingeholt hättest.«

»Nun und, Großmama«, kam es ruhig aus dem Klubsessel, »was wünschst du eigentlich von mir?«

Die alte Frau beherrschte sich nur noch mühsam.

»Was ich wünsche? Erstens verlange ich klar zu wissen, ob unsere Beziehungen, zu denen ich trotz meines Alters den ersten Schritt getan habe, eine freundschaftliche Fortsetzung erfahren sollen. Zweitens scheinst du zu vergessen, daß mit der eingetretenen Veränderung auch unsere Interessen stark berührt werden. Wir alle haben einen Anteil, wenn es auch nur ein Nutzanteil ist, am Teltzschischen Besitz. Der jeweilige Haupterbe ist doch sozusagen nur der testamentarische Verwalter. Stimmt es oder stimmt es nicht?«

»Bitte, nur weiter, Großmama. Sprich ruhig zu Ende, dann werde ich dir auf alles antworten.«

»Wie du meinst«, sie sprach schon mit dem heiseren Klang ausbruchsbereiter Erregung, »man kann von uns nicht verlangen, daß wir durch die Unerfahrenheit eines jungen Mannes, bitte, bitte, du willst doch nicht etwa sagen –«

»Ich wollte überhaupt nichts sagen, Großmama.«

»– daß wir also einen Schaden erleiden. Ich habe mit Justizrat Trendelenburg bereits in Berlin gesprochen. Selbstverständlich will ich, daß wir uns ohne Rechtsanwalt verständigen, wenn du keine Schwierigkeiten machst. Dein Vater hat Onkel Vinzenz schweres Unrecht zugefügt, von mir spreche ich gar nicht –«

Der junge Mann machte eine plötzliche Bewegung, die ihre Rede zerriß.

»Papa wollen wir ein für allemal aus dem Spiel lassen, nicht wahr?«

»Es muß einmal gesagt werden.«

»Aber von mir nicht angehört.«

Er stand mit einem Ruck auf und machte einen Schritt zur Tür. Sie preßte die welken, mit einzelnen Haaren besetzten Lippen mit letzter Selbstbeherrschung aufeinander.

»Ich bin nicht gewöhnt, Lutz, daß man mir den Mund verbietet, ich will nur nicht streiten. Du kannst die Sache von einer anderen Seite betrachten. Ich wünsche, daß Onkel Vinzenz hier bleibt und dir mit seiner Erfahrung und Autorität zur Seite steht. Das soll keine Kontrolle sein sondern eine Hilfe, die dir nur nützen wird.«

Der Stock zitterte in ihrer Hand.

»Ist das alles, ja? Also dann kann ich ja sprechen. Eure Rechte sind vollkommen klar festgelegt. Aufschluß geben euch jederzeit die Bilanzen. Es handelt sich also um eine eventuelle Mitarbeit von Onkel Vinzenz. Ich habe es nicht für nötig gehalten, deinen oder Onkel Vinzenz' Rat einzuholen, denn die Erfahrungen, die er in Paris und du, Großmama, in Berlin gesammelt habt, dürften für hier wenig verwendbar sein.«

»Ich verbitte mir jede Spitze.«

»Soll gar keine sein. Für die mir angebotene Hilfe danke ich dir, Großmama, aber ich kann sie nicht brauchen. Dafür haben wir geeignetere Kräfte in den Werken. Wenn dir das ein Anlaß ist, die Beziehungen zu lösen, tut es mir leid.«

Sie konnte sich nicht mehr halten.

»Du willst also hier wirtschaften, wie es dir paßt?«

»Nein, Großmama, ich will, so gut ich es kann, meine Pflichten erfüllen und meine Rechte wahren. Gute Nacht, Großmama.«

Sie konnte nicht so schnell erwidern, wie er an der Türe war. Mit losgelassener Heftigkeit stieß sie den Stock auf den Fußboden und drückte sich, mit Anstrengung die schmerzhafte Steifheit der Beine überwindend, aus dem Stuhl. Lutz war schon auf dem Korridor.

»Lenore«, schrie sie mit keifender Heftigkeit, »Lenore!«

Er drehte sich noch einmal um.

»Ich bitte, Mama unter keinen Umständen zu stören. Sie hat Ruhe nötig.«

Ihr noch offener Mund klappte hörbar über den falschen Zähnen zu.

Lutz ging ruhig, mit einem Griff nach der Zigarettendose, die Treppe hinab. Gott sei Dank, daß der Krach endlich da war. Er hatte ihn von den ersten Fragen an kommen gespürt. Im Bewußtsein seines Sieges wurde er fast guter Laune. Auf der Terrasse saßen noch Vinzenz mit Gina und Hilde.

»Nun, Hilde, haben Sie Lust« – sie siezten einander – »noch ein wenig im Park spazieren zu gehen? Jetzt am Abend ist er am schönsten.«

»Geh doch«, sagte Vinzenz, der hoffte, daß auch ohne seine Hilfe die beiden jungen Menschen zueinander finden würden.

»Gehen Sie doch«, sagte Gina, die glücklich war, Vinzenz für sich allein zu haben. Vielleicht –

Der nächtliche Park in seiner kunstvoll wirren Verschlungenheit war still. Nur sehr gedämpft schlug manchmal murmelndes Geräusch der Stadt, ein hell herausgeschälter Hupenton herüber. Hübsch eigentlich, mit einem jungen, gutgewachsenen Mädchen durch die blaue Finsternis zu gehen. Er schwieg in diesem angenehmen Gefühl ihrer körperlichen, frischen Nähe. Nicht aus Verlegenheit. Sie platzte plötzlich heraus.

»Sagen Sie, Lutz, weshalb haben Sie mich eigentlich zu diesem Spaziergang aufgefordert? Sie haben sich doch die Tage, mit Verlaub zu sagen, den Teufel um mich geschert.«

»Weil Sie die netteste von der ganzen Verwandtschaft sind, Klaus natürlich ausgenommen, der ist mir der liebste Freund«, antwortete er geradeheraus.

»Oh, was für ein bitteres Kompliment. Also sozusagen das kleinste Übel?«

»Bitte, keine künstlichen Mißverständnisse. Ich meinte ganz einfach, Sie sind die einzige in der Verwandtschaft, die mir gefällt. Es tut mir nur leid, daß Sie hier nicht so froh sein können, wie Sie es gern möchten. Sie und Ihr Papa und die Großmutter können ja beim besten Willen keine Trauer empfinden. Bei Klaus ist das etwas anderes.«

»Ihr habt euch wohl gegenseitig sehr ins Herz geschlossen? Wir zwei sind ja einander fast fremd geworden. Schade, ich glaube, er ist etwas Besonderes. Überhaupt, seit Papa geschieden ist, ist die ganze Familie zerstreut. Man sieht sich in Jahr und Tag nicht. Ich muß ja sagen, mit Papa habe ich mich am meisten gefreut. Er ist doch ein famoser Mensch, nicht? Und Großmama ist im Grunde genommen auch ein merkwürdiger Mensch.«

»Ich habe Ihren Papa erst jetzt kennen gelernt. Er ist sicher sehr liebenswürdig und ein guter Gesellschafter. Aber ich glaube, ich habe mit ihm wenig Berührungspunkte. Mit der Großmama habe ich eben einige sehr heftige gehabt.«

»O weh, der ist so leicht keiner gewachsen. Wir haben alle Angst vor ihr. Was haben Sie denn mit ihr gehabt?«

»Eine Kleinigkeit, sie wollte Ihren Papa als Kontrollorgan über mich ins Werk hineinsetzen.«

»Um Gottes willen, armer Papa! Dazu ist er, glaube ich, am wenigsten geeignet.« Sie schlug sich auf den Mund. »Da habe ich vermutlich eine Dummheit gesagt. Gut, daß mich Großmama nicht hört.«

»Schon erledigt der Fall.«

Sie blieb stehen.

»Also werden wir wieder eine kleine, aber innige Familienfeindschaft haben? Dumm. Ich hatte gerade Lust bekommen, in Heidelberg ein bißchen weiterzustudieren. Wenn wieder Krach ist, habe ich keine Lust dazu.«

»Weshalb nicht? Wir brauchen uns doch deshalb nicht auch zu verfeinden.«

»Na ja, wenn Sie mit Großmama überquer sind, wird Papa mit hineingezogen, das ist für mich dann sehr schwer.«

Auf den gekrümmten Parkwegen war es fast stockfinster geworden.

»Lutz, geben Sie mir Ihren Arm, ich sehe nichts mehr. So, ja. Komisch, wenn ich's überdenke. Wir sind doch ganz nahe Verwandte, unsere Väter waren Brüder, mein Bruder ist Ihr bester Freund, und wir haben uns erst jetzt kennengelernt. Und kaum, daß wir heute abend angefangen haben, uns ein bißchen – wie soll ich sagen –«

»Anzufreunden –«

»Also gut, anzufreunden, soll man gleich auseinanderlaufen und einander unfreundliche Gesichter schneiden.«

Er fühlte ihren Arm, der sich in der undurchsichtigen Finsternis eng und fest in den seinen legte.

»Dumm finde ich das, Lutz. Schade. Sie sind, glaube ich, ein schlechter Verehrer, aber ein guter Freund.«

Das gefiel ihm. Es klang echt, ungeziert.

»Machen wir doch Revolution. Revolution ist lustig. Seien wir jetzt erst recht gut Freund miteinander.«

»Versprechen Sie mir, daß Sie sich mit Papa unter keinen Umständen verfeinden werden, sonst kann ich nicht.«

»Wie soll ich das versprechen? Das hängt doch nicht nur von mir ab.«

»Sehen Sie, es fängt schon an. Sie werden sich mit meinem Vater zanken und gebe ich ihm dann recht, werden Sie böse sein, gebe ich Ihnen recht, wird er böse sein. Das geht nicht, Lutz. Schnell, versprechen Sie.«

»Nur wenn Sie von Ihrem Vater das gleiche Versprechen bekommen. Einverstanden?«

»Und jetzt?«

»Jetzt wollen wir zueinander du sagen.«

*

Gina hatte Blut vor den Augen. Auf diesen Moment hatte sie gewartet. Seit Vinzenz in Mannheim war, suchte sie nach einer Gelegenheit, ihn irgendwie zu sich herüberzuziehen, fiebrig nach einem wärmeren Hauch von Vertraulichkeit zu einem Mann. Sechsmal am Tage besuchte sie mit und ohne erklärenden Vorwand die Freundin, Zufälligkeit des Zusammentreffens mit Vinzenz herauszufordern. Kleidete und frisierte sich mit ebenso abwechslungsreicher Sorgfalt wie unleugbarem Geschick und opferte am Toilettentisch, ihrem Altar der Schönheitspflege, ein kleines Vermögen für wirksame und unwirksame kosmetische Künste, die fatalen Pfade der Zeit zu verwischen. Sie fand alle Töne der Schelmerei oder des kindlichen Geplappers, des Ernstes, der lustig gespitzten Bosheit und der schwärmenden Tiefe, erprobt und zur Vollendung ausgebildet im jahrelangen Kampf um den Mann. Aber immer war Lenore da, die nach Ginas Empfindung ihr Leben lang schattend daneben gestanden hatte, wenn sie um das Licht eines Sonnenstrahls kämpfte. Lenore, das Hindernis, das unentwegt zwischen ihr und dem Mann stand, sie hemmend und jenen hindernd, verführend mit allen Mitteln einer aus Verborgenheit zielenden Koketterie und listvoll verdeckten Berechnung. Lenore war schuld, daß Vinzenz sich nicht Gina widmete, Lenore gönnte ihr auch diesen nicht, wie sie ihr Herbert und Vitali nicht gegönnt hatte. Morgen oder in wenigen Tagen wird Vinzenz wieder abreisen und alle Stränge hoffnungsvoller Möglichkeit werden unknüpfbar zerrissen sein. Und jetzt war sie, ersehnter Augenblick, allein mit diesem hübschen, eleganten Kavalier, allein in der erregenden Stimmung warmer, sternenüberflimmerter Sommernacht, in der alle Männer weicher und zugänglicher wurden.

»Bleiben Sie noch lange bei uns, Herr von Teltzsch?«

Vinzenz schrak aus verlorenen Gedanken heraus. Er hatte gerade überdacht, vor welche unerwünschte Aufgabe ihn seine Mutter gestellt hatte. Die Vorstellung, die große Welt, all die Orte internationalen Vergnügens von Kairo bis London gegen Mannheim einzutauschen, an der Seite dieses dunklen, unbequemen Feuerkopfes plötzlich ein Leben planvoll geordneter, unablässiger Arbeit zu führen, ohne Spielsaal, ohne elegante, nicht zu moralische Frauen, war keine vergnügliche Vorstellung. Alle Szenen heftiger Auseinandersetzungen mit dem verstorbenen Bruder tauchten wieder aus den Abgründen der Erinnerung. Sollte dieses unerquickliche Spiel – nun mit dem Sohn – von vorn beginnen? Gewiß, seine Bezüge aus dem Familienvermögen stiegen meist nicht auf die Höhe seiner sorglosen Ausgaben. Wechsel liefen. Die Mutter mußte aushelfen, »sich's vom Munde sparen«, wie sie es nannte. Es gab unerfreuliche Korrespondenzen. Aber das war harmlos gegen das, was hier drohte. Vinzenz besaß in hohem Maße die Gabe, aus Nichtstun eine unablässige Folge mit buntem Wechsel ausgefüllter Tage zu gestalten, die ihn nie langweilten. Er freute sich wirklich an diesem Leben. Er war in tieferen Dingen von bedürfnisloser Bescheidenheit, und selbst ein gutes Buch war ihm bestenfalls Kurzweil in einem Eisenbahnzug, in dem man keinen zusagenden Anschluß fand. In Mannheim bleiben –

»Wie meinen, gnädiges Fräulein, ich bitte um Entschuldigung, ich war eben etwas in Gedanken. Lange in Mannheim bleiben? Ich glaube kaum.«

»Nichts, so gar nichts zieht Sie her?«

Die Frage wurde im Ton leicht verständlicher Tändelei gestellt. Vinzenz, in nichts so erfahren wie im Umgang mit Frauen, war im Bilde. Und es war ihm selbstverständlichste Form der Unterhaltung mit dem anderen Geschlecht, aus bloßer prickelnder Lust am Spiel der Nerven, Gina den Hof zu machen. Er hatte sich das Leben durch sonderliche Auswahl der Partnerin nie unnötig schwer gemacht. Ein Künstler im Abschütteln durch einen handfesten Griff, durch glattes Übersehen, ein einfaches Nichtmehrverstehen, oder in schwierigen Fällen, durch leicht beschlossene Abreise, spielte er bedenkenlos mit dem zartbunten Gespinst, das sich so leicht vom Manne zur Frau webt; stets bereit, in einem Augenblick des Überdrusses die empfindsamen Fäden kurzerhand zu zerreißen. Übrigens war Gina nicht die Übelste und ein leichtes Objekt. Man kam um zwanzig Jahre zu spät, allerdings, aber – er legte seine gutgeformte, große Männerhand, auf deren Rücken blonde Härchen glänzten, quer über den Tisch in Ginas Nähe.

»Daß mich nichts hierher zieht, will ich nicht sagen –«

»Oh, ein zartes Geheimnis. Nun, wird die Betreffende nicht sehr unglücklich sein, wenn Sie wieder abreisen?«

»Meinen Sie, soll man die Betreffende fragen?«

Sie zog ein Schmollmäulchen.

»Gott, wenn Sie sich doch nicht abhalten lassen, fortzugehen, hat es wenig Zweck.«

Er lächelte sie an und streckte sich weit im weißen Korbsessel.

»Man kann ja eine Abreise ein wenig hinausschieben. Auch kurze Novellen haben ihren Reiz.«

»Aber wenn man lieber Romane liest?«

Aus diesem Loch pfiff der Wind? Romane, möglichst in lebenslänglichen Fortsetzungen. Ach, du gutes Kind, schau, schau! Man wird es billiger geben. Seine Hand spielte sich, leise auf den Tisch trommelnd, näher an sie heran.

»Sehr schade, gnädiges Fräulein, sehr schade. Ich hatte so ganz, ganz leise gehofft, ein hübsches Kapitel mit Ihnen gemeinsam zu lesen.«

Sie tat mit einem leisen »Ach« erstaunt, fand für ihr Gesicht den Ausdruck schämiger Überraschung, aber ihre Augen glänzten Nachgiebigkeit, und ihre Hand näherte sich jetzt lässig, zufällig der seinen.

»Mich meinen Sie? Ich habe geglaubt, Sie denken an Lenore.«

Er wollte sie ein bißchen ärgern und zog, die Stellung wechselnd, wie unabsichtlich seine Hand aus dem Bereich ihrer nähergleitenden Finger.

»Ich weiß, daß es Ihnen als Lenores Vertrauten Vergnügen macht, über Ihre Freundin Gutes zu hören, aber meine Schwägerin ist wirklich eine entzückende Frau.«

Sie wand sich unter seiner kleinen Bosheit. Wenn es um den Mann ging, hatte sie keinen Sinn für Scherz, jeder Maßstab entglitt ihr. Lenore war rotes Tuch, das hetzend vor ihren Augen flatterte. Sie war auf einmal in aufgewühlte Wut verwandelt. Ein kleiner Krater, der giftige Dämpfe spie.

»Lenore hat über mich gesprochen? Sie hat Ihnen abgeredet, hat Sie vor mir gewarnt? Glauben Sie, ich weiß nicht, wie Freundinnen sind? So sprechen Sie doch, sagen Sie's, wenn Sie Mut haben.«

Wie die Kleine sich aufregte! So ein kleiner Drachen. Geradezu lustig, sie ein wenig zappeln zu lassen.

»Aber! Wie kommen Sie nur auf den Gedanken? Ich meinte, Lenore ist Ihre beste Freundin?«

»Oh, beste Freundin! Was heißt das, wenn eine Frau eifersüchtig wird? Sie ist mir zu großem Dank verpflichtet, das ist alles. Ich verlange ja keine Dankbarkeit, aber Intrigen, Hinterlist – oho! Die Gute scheint zu vergessen, daß ich sie in der Hand habe. Ich bin sehr gutmütig, aber man soll mich nicht reizen.«

Sie schnappte außer sich nach Luft, ihre kleine, knochige Hand ballte sich auf dem Tisch zur Faust, die in schnellem Klappern auf die Platte schlug. Vinzenz war neugierig überrascht. Sieh da, um die stille, zarte Lenore gab es Geheimnisse. Was wird's schon sein? Eine kleine Liebesaffäre. Aber so ein bißchen Tratsch ist immer vergnüglich. Gar in dieser Langeweile. Seine Hand kletterte wieder auf den Tisch, legte sich neben ihre noch immer zur Faust geballte, überwölbte sie schmeichlerisch und beruhigend.

»Ich habe doch gar nichts gesagt.«

»Nein, weil Sie feige sind, wie die Männer alle feige sind. Glauben Sie, ich kann nicht zwischen den Zeilen lesen?«

»Wieso feige? Weil ich nicht tratsche?«

Sie riß ihre Hand aus der seinen. Ihr schlanker Körper schüttelte sich in hysterischer Wut. Das war der Dank für ihre Freundschaft? Wie du mir, so ich dir! Sich noch einmal das Leben verpfuschen lassen? Sie sprühte die Worte ihm wie scharfe Hagelkörner ins Gesicht.

»Sehen Sie, jetzt haben Sie sich verraten. Natürlich sind Sie feige. Warum bleiben Sie nicht hier, wenn Sie ein Mann sind, weshalb lassen Sie sich hinausdrängen, warum kämpfen Sie nicht um Ihre Rechte? Sind Sie nicht Herberts Zwillingsbruder?«

Er war enttäuscht. Mit was für Dummheiten kam die Kleine? Er hatte geglaubt, eine pikante Geschichte würde herauskommen.

»Gnädiges Fräulein, das sind doch so alte Sachen. Längst erledigt. Juristisch hatte er eben recht, und jetzt kommt nach demselben Recht der Sohn an die Reihe.«

»So, der Sohn? Und woher wissen Sie, daß Lutz der Sohn Herberts ist?«

Es war heraus. Ein Pistolenschuß aus aufblitzender Mündung, der senkrecht aufklatschend sein Ziel traf. Wie von derselben Kraft gerissen, waren beide aufgesprungen. Mit zwei Schritten stand er neben ihr im Dunkel und umgriff mit gespreizter Hand ihren Arm.

»Was sagen Sie?«

Sie schlug eine fast irre, kichernde Lache an.

»Oh, ich weiß viel.«

»Sie sagen es sofort.«

Er preßte seine Finger ins magere Fleisch ihres Armes. Mit einem Ruck riß sie sich los.

»Wenn ich will. Sie haben ja auch nichts gesagt.«

Auf dem Kies hörte man Schritte.

»Still, es kommt jemand.«

Aus der Richtung des Geräusches kam eine Mädchenstimme.

»Hallo, Papa, wir kommen.«

Vinzenz riß mit einer einzigen heftigen Bewegung Gina in seine Arme, drückte ihren Kopf in den Nacken und beugte sich so tief über sie, daß sein Mund fast den ihren berührte.

»Du, wirst du mir die Wahrheit sagen?«

»Wenn ich Lust habe. Vielleicht einem Manne, den ich liebe.«

Seine Lippen preßten sich auf ihren lechzend geöffneten Mund. Ein zuckendes Bündel willenloses Fleisch in losgebundener, aufgepeitschter Sinnlichkeit biß sich mit scharfen Zähnen an ihm fest. Eine Sekunde lang in Flammen entfesselte Umarmung. Aber noch im Rausch dieser Sekunde wußte Gina mit blitzheller Klarheit, daß sie die Freundin verraten hatte, wußte darüber hinaus in rasender Erschütterung, daß sie für die Liebe eines Mannes bedenkenlos bereit war, auch jeden Mord zu begehen.

Aus der schwarzen Wand des Parkes löste sich ein Schattenpaar: Hilde, die sich in Lutz' Arm gehängt hatte.

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