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Zeche Gnadenfeld

Friedrich Zeckendorf: Zeche Gnadenfeld - Kapitel 10
Quellenangabe
authorFriedrich Zeckendorf
titleZeche Gnadenfeld
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1.-10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
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9

Vinzenz erwartete seine Mutter an der Bahn und geleitete sie ins Hotel. Sie bezog die bestellten Zimmer nicht wie ein Gast, sondern wie ein General, der in Feindesland sein Hauptquartier aufschlägt. Vom Fahrstuhlführer bis zum Hoteldirektor mußten ihr alle sofort zur Verfügung stehen, und es gab keinen, für den sie nicht ein halbes Dutzend Aufträge gehabt hätte. Sie verstand es, die Leute in Atem zu halten. Was ihr Aufenthalt eigentlich bezweckte, war niemandem klar. Trendelenburg hatte ihr von der Reise abgeraten, da sie in keiner Weise auf den Verlauf der Untersuchung Einfluß nehmen könne, aber sie lebte in der Einbildung, wenn sie nicht an Ort und Stelle wäre, würden lauter Dummheiten gemacht. Auch der Justizrat mußte sich bequemen, für einige Tage hinüberzufahren. Brigitte Hartwig und Kläre waren vom Untersuchungsrichter vorgeladen worden, da sollte Trendelenburg unter allen Umständen zugegen sein. Seinen Einwand, daß das ein kostspieliges Vergnügen sei, hatte sie mit einem Satz abgetan:

»Jetzt darf Geld keine Rolle spielen.«

Sie kam sich wie ein Feldherr vor, verteilte ihre Streitkräfte, wies jedem seine Aufgabe zu. Der Nachrichtendienst lag Trendelenburg ob, er war über alles rechtzeitig unterrichtet. Er wußte, wann Brigitte Hartwig vernommen werden sollte und wann sie ankommen würde. Er hatte es auch übernommen, für sie zu sorgen und sie in einem Gasthof unterzubringen. Kläre, deren Ankunft ebenfalls bevorstand, sollte von Vinzenz empfangen werden. Für ein junges Mädchen war er der richtige Mann. Er war übrigens bei der ersten Begegnung nicht weniger betroffen als jeder andere über die ins Gesicht springende Familienähnlichkeit. Kläre kam in Klaus' Begleitung, der seine Zukünftige nicht allein lassen mochte. Das Wiedersehen zwischen Vater und Sohn war kühl, mehr durch des Sohnes als durch Vinzenz' Verhalten, der insbesondere Kläre gegenüber den ihm eigenen Reiz herrenhafter Liebenswürdigkeit entfaltete. Er brachte sie mit der Ehrerbietung, die man einer großen Dame schuldet, ins Hotel, und sie war von ihm über alle Maßen bezaubert. Klaus stieg in seinem alten Zimmer ab, das er zufällig frei fand. Die Aufgeregtheit eines aufgestöberten Bienenstocks belebte den Europäischen Hof. Die Gäste wußten aus den Zeitungen Bescheid, und was sie nicht aus den Zeitungen wußten, trug ihnen der Klatsch der Bekannten, Kellner und Zimmermädchen zu. Wenn die alte Dame mit steifen Beinen, hoheitsvoll auf ihren Stock gestützt, in der Hotelhalle erschien, wandten sich ihr alle Blicke zu. Ihr verwegen geschminkter Mumienkopf mit den glühschwarzen Augen verfehlte nirgends seine Wirkung. Sie tat, als ob sie nichts berühre, aber innerlich war sie glücklich, sich als Mittelpunkt zu wissen und trug die Haltung einer Fürstin zur Schau. Es wurde leidenschaftlich Partei genommen, selbst die Spannung der Unbeteiligten stieg zur Siedehitze, einige Amerikanerinnen hatten die glänzende Idee, auf den Ausgang des Prozesses Wetten abzuschließen. Die Schlagzeilen der Zeitungen wuchsen von Nummer zu Nummer. Aber den Vogel schoß ein illustriertes Blatt ab. Unter der Spitzmarke »Die Tragödie einer Mutter, sie weiß nicht, ob ihr Sohn ihr Sohn ist«, brachte sie im Oval Lenores Bild. Und darunter drei Männerbildnisse in einer Reihe, links und rechts Lutz und Klaus, zwischen ihnen in der Mitte den Sohn des amerikanischen Stahlkönigs Roger Sunfield. »Zwei ritterliche Feinde« brüllten zollhohe Buchstaben. »Lutz von Teltzsch, der bekannte Großindustrielle, verhandelt für seinen Vetter Klaus mit dem amerikanischen Stahlkönig« und »Klaus von Teltzsch, der junge Entdecker der chemischen Stahlerzeugung, hat die Vertretung seiner Interessen in die Hände seines Prozeßgegners gelegt«, lautete der Text. Die Großmutter erschien an diesem Tag nicht in der Halle.

*

Kein Mensch außer Trendelenburg hatte Brigitte Hartwig zu Gesicht bekommen, und auch er vermochte sie nur bei ihrer Ankunft einige Minuten zu sprechen. Als führe sie zur eigenen Hinrichtung, so verstört war sie der gerichtlichen Vorladung nach Mannheim gefolgt. Ob der Justizrat ihr irgendwie dienlich sein könne? Ob sie irgend etwas möchte? Sie möge sich doch nur beruhigen, niemand wolle ihr etwas tun. Sie antwortete mit »Nein, nein« und verkroch sich in ihr Gasthofstübchen, das sie nicht verließ, bis sie sich ins Gerichtsgebäude begeben mußte.

Der lange, nüchtern helle Korridor des Landgerichtes summte von Stimmen. Hin und wieder öffnete sich eine der Türen, und ein Gerichtsdiener sang im Tonfall eines Ausrufers den Namen von Parteien und Zeugen. Rechtsanwalt Benting, der durch die Gruppen dem Zimmer des Untersuchungsrichters zustrebte, erspähte in einer Fensternische zwei Herren in eifrigem Gespräch. In dem größeren der beiden, der durch besondere Gewähltheit der Kleidung auffiel, erkannte er schon an der Familienähnlichkeit Vinzenz. Außerdem war er ihm auch schon – vor vielen Jahren – bei der geschäftlichen Auseinandersetzung der beiden Brüder begegnet. In dem anderen, älteren, mit dem ausgeprägten Juristenkopf vermutete er sofort den Justizrat. Er ging rasch auf die beiden zu.

»Herr von Teltzsch, wenn ich richtig sehe – Rechtsanwalt Benting, Sie erinnern sich vielleicht meiner.«

Vorstellung. Die Rechtsanwälte schüttelten einander die Hand und maßen sich mit einem prüfenden Blick. Benting wirkte klein, dicklich, spießig neben dem schlanken, weltmännischen Justizrat.

»Die Herren warten auf den Untersuchungsrichter?« Benting entnahm freundlich lächelnd seiner Aktentasche zwei schwarz gebundene Bücher. »Würden Sie mir erlauben, Herr Kollege, daß ich vor Ihnen hineingehe, ich habe bloß die beiden Bücher zu den Akten zu geben. Dauert einen Augenblick. Es sind die Tagebücher des Professors Vitali.«

Trendelenburg ließ sich mit keinem Zucken anmerken, ob er dieser Eröffnung auch nur das geringste Gewicht beilegte. Er verzog ein wenig spöttisch das Gesicht.

»Ach, die Tagebücher, die der junge Herr so sorgfältig vor mir verborgen hielt. Hoffentlich haben sie in der Zwischenzeit an Beweiskraft gewonnen.«

Benting sah seinen Gegner ruhig an.

»Ach so? Sie meinen so ein bißchen Urkundenfälschung?«

»Ich meine gar nichts. Höchstens, daß Sie sich durch rechtzeitige Vorlage vielleicht den ganzen Streit hätten sparen können.«

Der rundliche Anwalt meckerte ein kleines Lachen.

»Sparen ist nicht jedermanns Sache, Herr Kollege. Übrigens stehen wir natürlich auf dem Standpunkt, daß mit dem Sparen Ihre Mandanten hätten beginnen müssen.«

Die Tür hinter ihnen knarrte. Brigitte hatte das Zimmer des Untersuchungsrichters verlassen. Im dünnen, abgeschossenen Mäntelchen, einen komischen, alten Hut auf dem Kopf, stand sie unschlüssig inmitten des Ganges und suchte mit leeren Augen nach dem Ausgang. Trendelenburg ging auf sie zu, aber sie übersah ihn, denn ihr Blick riß sich plötzlich erschrocken und verständnislos auf und fiel wie ein mattes, unsicheres Licht auf Vinzenz, der ihr eine gleichgültige Aufmerksamkeit schenkte. Ihre Arme machten eine unbestimmte Bewegung, sie blinzelte wie erwachend. War das eine menschliche Stimme oder nur eine Sprechmaschine ohne Schallboden, die mit seelenlosem Laut zwei Worte sprach?

»Kurt Schrötter.«

Vinzenz machte einen unwillkürlichen Schritt, als ob ihn jemand am Rockknopf nach vorn gezogen hätte. Der Justizrat griff erstaunt nach Brigittes Arm.

»Wie, bitte?« fragte Benting mit blitzschneller Gedankenverknüpfung und stellte sich so dicht hinzu, daß ihm kein Wort und keine Geste entgehen konnte. Der Justizrat blickte ihn wütend an. Er fühlte einen kurzen Ruck in der Hand, Brigitte hatte sich losgerissen und rannte den langen Korridor hinab. Die Augen der drei Männer folgten ihr wortlos.

»Na also, Herr von Teltzsch«, bemerkte Benting mit rascher Fassung, »da hätten wir den geheimnisvollen Kurt Schrötter erfreulich leicht gefunden. Fräulein Grabowski wird sich freuen, ihren Vater kennenzulernen.«

Trendelenburg hob die flachen Hände gegen den kleinen, rundlichen Anwalt.

»Was denn, was denn? Nicht so hastig mit den Folgerungen, Herr Kollege.«

»Verehrter Herr Justizrat, sorgen Sie sich nicht, ob ich meine Folgerungen zu rasch ziehe. Das langsame Denken pflege ich dem Gegner zu überlassen.«

»Ich kenne das Fräulein nicht«, sagte Vinzenz nervös am Einglas zupfend.

»Sie erkennen es bloß nicht wieder, Verehrter! Morgen, meine Herren, ich muß zum Untersuchungsrichter.«

Der Justizrat faßte sich ans Kinn und sah auf die Spitzen seiner Schuhe.

»Hübsche Überraschung! Mir will die Geschichte noch gar nicht in den Kopf. Haben Sie denn je in Mannheim gewohnt?«

»Gewohnt, nein? Aber ich habe mich oft hier aufgehalten. Es könnte schon stimmen mit der Zeit. Ungefähr ein Jahr vor Lutz' Geburt hatte ich die großen Auseinandersetzungen mit meinem Bruder. Da war ich einige Monate hier.«

»Und der Name?«

»Gott, ein nom de guerre, wenn ich mal ein kleines Abenteuer hatte, ein Deckname. Unsereins kennt doch in Mannheim jedes Kind. Ich kann mich nur so gar nicht –«

»Denken Sie bloß nach.«

»Wird schon stimmen. Das gute Kind wird damals eben ein bißchen anders ausgesehen haben. Fünfundzwanzig Jahre –«

»Wir können einpacken, finis la comedia«, seufzte Trendelenburg, »Ihre alte Dame wird eine Riesenfreude haben. Sie lächeln? Ich nicht.«

Wirklich, Vinzenz lächelte. Lächelte, schmunzelte, fast lachte er laut heraus.

»Komisch, lieber Justizrat, ich – ich habe eine Freude. Aber meiner Mutter, nicht wahr, bringen Sie allein die Medizin bei?«

*

Das Zimmer war schon ganz dunkel. Die beiden Menschen, die darin schwiegen, waren Schatten mit verschwommenen Umrissen. Kläre saß auf der Tischkante. Klaus hatte sich auf einen Stuhl neben sie gesetzt und den heißen Kopf in ihren Schoß gelegt. Ihre Finger spielten in seinem weichen, dünnen Haar.

»Aus«, sagte sie nach einer Weile mit belegter Stimme, »alles ist aus. Nicht weinen, kleiner Klaus.«

Er konnte gar nicht sprechen, erhob sich, ging zum Fenster und drückte, den Rücken Kläre zugewandt, die Stirn gegen das kühle Glas. Seine Zähne zerbissen das feuchte Taschentuch.

»Hast du Fräulein Hartwig – gesehen?« fragte er leise.

»Nein. Wozu auch?«

»Sie ist doch deine Mutter.«

Sie schlenkerte mit einem Bein und antwortete hart:

»Mutter – Unsinn! Ich habe so wenig eine Mutter wie einen Vater.«

Kurz drehte er sich herum.

»Mein Vater wird dir seinen – Namen geben, dazu werde – ich ihn zwingen.«

Ein hartes Lachen kam aus der Finsternis zu ihm.

»Kleiner, dummer Klaus, da kenne ich meine Leute besser«, sie sprang vom Tisch und näherte sich ihm, »du bist ein guter Junge, die anderen –«

Ganz dicht stand sie vor ihm und legte, selbst dem Weinen nahe, den Arm um seinen Hals.

»Wir können doch – zusammen – bleiben«, bettelte er, »wir sind – doch Bruder – und Schwester. Alles – sollst du haben.«

Sie schüttelte heftig den Kopf.

»Wohin – willst du denn?«

»Zurück, Klaus, woher ich gekommen bin.«

Sie küßte ihn, so zart, so liebkosend, wie sie ihn noch nie geküßt hatte. Im Finstern suchte sie sich Hut und Mantel und zog sich an. Ohne ein Wort. Er vernahm es kaum, daß die Türe leise auf und wieder zu ging und daß er allein war. Und hatte nicht die Kraft, ihr nachzugehen.

*

Kläre behielt recht. Auf die Sondervorlesung, die Klaus seinem Vater über moralische Verpflichtungen hielt, erwiderte Vinzenz mit einer ungewohnten Entschiedenheit. Geld, ja. Adoption, ausgeschlossen. Vinzenz hatte knapp vorher zum sechsten Male die Vorwürfe und Wutausbrüche seiner Mutter über sich ergehen lassen müssen, er war verärgert und ging mit lang ausholenden Schritten, die Hände in die Hosentaschen versenkt, vor dem Sohn auf und ab. Klaus sah aus wie ein Toter.

»Wir verstehen – uns nicht, Vater.«

Vinzenz blieb stehen. Das zur Verzweiflung versteinerte Gesicht des jungen Menschen machte ihn wieder weich.

»Ich weiß nicht, ob sich zwei Menschen überhaupt verstehen können«, fing er an, »sicher nicht, wenn sie sich so ähnlich sind. Wir laufen beide mit der Sehnsucht nach der Liebe herum, deshalb habe ich hundert Frauen gehabt und du gar keine – im Grunde ist es dasselbe. Und wir werden immer einsam bleiben, du mit deiner Arbeit, ich mit einer Masse Menschen – das ist auch das gleiche. Ersatz. Sei froh, deiner ist wenigstens anständig. Wir sind eben keine Kerls, die das Glück im Genick fassen. Wir greifen immer daneben.«

Er umarmte plötzlich aufwallend den Sohn. Klaus konnte sich nicht erinnern, je vom Vater geküßt worden zu sein und war so überrascht und überrumpelt, daß er den Kuß erwiderte. Nachmittag schlich er um die Fabrik. Den Kragen hochgeklappt, ging er den vertrauten Weg zum Laboratorium. Stand fröstelnd im weißgetünchten Raum mit den säurebespritzen Tischen, Reagenzgläsern, Waagen und Kolben. Alles wie früher. Wissotzky war auch da. Wie früher. Und alles andere.

»Ich warte schon alle Tag, Herr Doktor, nu wolle wir wieder arbeite? Da sind Sie doch auch froh, nit?«

Klaus nickte, an einem Wort würgend; das er nicht herausbrachte. Sein Blick hing an der großen Fensteröffnung mit den kleinen Scheibenvierecken im eisernen Stabwerk. Gefängnisgitter, dachte er, Gefängnisgitter. Und zog sich langsam den Mantel aus.

*

Ein Fallschirmspringer, über dem sich mitten in abwärts sausendem Sturz die rettende Hülle entfaltet, mochte ein ähnliches Gefühl haben wie Lenore. Besinnungsloses Fallen glitt in langsames Schweben. Vitalis Tagebuch hatte einen Satz enthalten: »Lenore hat einen Sohn, meine Hände sind heilig von ihrem Leib, aber morden ist leichter als gut sein.« Alle Wirrnisse lösten sich, irgendwo gab es eine waltende Gerechtigkeit. Lenore hatte das Bedürfnis, irgend jemandem etwas Liebes zu tun. Brigitte aufsuchen. Brigitte war nicht mehr da. Still und unbemerkt abgereist. Versöhnung mit der alten Frau – Lenore ließ sich bei ihr anmelden und wurde nicht empfangen. Gina etwas schenken. Mit ihr einkaufen gehen, etwas, was sie freut. Einen Mantel? Gut, einen Mantel. Gina mäkelte an jedem Stück.

»Der schwarze steht mir am besten, nicht? Der graue ist aber billiger. Ich will nicht, daß du nachher sagst –«

Lenore war gar nicht verletzt.

»Gina, mein Altes, du bist doch immer die gleiche. Wir werden uns noch zwanzig Jahre streiten und vertragen.«

Nichts konnte ihr heute weh tun, nichts sie verstimmen. Lutz gehörte ihr, ganz und gar ihr, ohne den blassesten Schatten eines Zweifels. Hymnen müßte man singen, in einer Kirche niederknien. Ach, man kann den Menschen nichts von den ganz großen Schmerzen klagen und nichts von den ganz großen Freuden jubeln. Lenore setzte Gina vor ihrem Haus ab und kaufte in der nächsten Blumenhandlung einen Arm voll Blumen. Der Chauffeur fuhr sie zum Friedhof. Den Toten kann man alles sagen. Vitali, treuester Freund! Herbert, Deinen Arm! Wo ist dein Arm? –

*

Im Europäischen Hof wurden die Koffer gepackt. Die alte Frau ließ sich nicht mehr in der Halle blicken und empfing auch niemanden. Nur ihre scharfe Stimme drang bisweilen auf den langen Hotelgang, wenn sie Vinzenz mit Vorwürfen überschüttete oder die Zofe Walli umherjagte. Plötzlich war Hilde da. Ohne Anmeldung mitten im Trubel. Sie hatte von der Bahn mit Lutz telephoniert und ihn in einer Stunde vor das Hotel bestellt, das war das erste, dann stürmte sie zur Großmutter, trat, ohne das »Herein« abzuwarten, ins Zimmer. Hinter ihr tänzelte ein schneeweißes Windspiel.

»Großmutter, ich hab's, ich hab's!«

Sie hielt der alten Dame ein großes, altes Medaillon unter die Nase.

»Meine Reiterin, Großmutter, meine geliebte Reiterin, sieh dir sie genau an. Ist das nicht Lutz, wie er leibt und lebt? Nach dir ist er geraten, nach deiner Familie.«

Sie schwang das elfenbeinerne Rundbild wie eine Siegesbeute in der Luft. Das Windspiel sprang kläffend zu ihrem erhobenen Arm empor. Jetzt bemerkte sie erst, daß auch Vinzenz im Zimmer war. Sie stürzte auf ihn zu.

»Papa, mein goldener Papa, wißt ihr, wie ich das und den Hund erobert habe? Ich bin ein Sherlock Holmes –«

Weiter kam sie nicht. Die alte Frau hatte sich schon erhoben und knallte ihren Stock auf den Fußboden. Ihre Stimme gellte vor Wut.

»Allein lassen!«

Hilde blieb wie angewurzelt auf ihrem Platz. Dann schrie sie ebenso zurück:

»Und doch ist er nach dir geraten! Genau so unausstehlich ist er wie du! Und jetzt gehe ich zu ihm.«

Sie faßte Vinzenz an der Hand und zog ihn mit sich aus dem Zimmer, bevor die Großmutter antworten konnte. Hochaufatmend blieb sie stehen.

»Papa, sag mir sofort, daß du dich mit mir freust. Du mußt dich schrecklich freuen.«

»Ich freue mich, mein Mädel«, antwortete er, aber es klang bedrückt und traurig.

»Das ist nicht richtig gefreut.«

»Weil ich dich jetzt erst richtig verliere.«

Ein blonder Kopf senkte sich vor ihm, von unten kam eine leise Frage:

»Wohin wirst du gehen?«

»Irgendwohin. In ein Hotelzimmer. Und wieder in eins und dann in ein anderes.«

Er berührte sie nicht, und sie getraute sich nicht nach seiner Hand zu greifen. Beide hatten Angst vor der Berührung. Einen Augenblick spielte sie mit seinem Rockknopf, ohne ihm ins Gesicht zu sehen. Langsam drehte sie sich um. Er sah noch ihren Rücken, den schlanken Schritt ihrer Beine, die rascher und immer rascher die Treppen hinuntersprangen.

*

Vor dem Hotel stand ein roter Wagen. Neben ihm Lutz, den einen Fuß aufs Trittbrett gestützt, den braunen Römerkopf unbeweglich auf den Eingang gerichtet. Als Hilde im Tor erschien, ging er rasch auf sie zu, bis sie so dicht voreinander standen, daß einer des anderen Atem einsaugen mußte.

Nichts wie das eine Wort sagte er zwischen den Zähnen:

»Du!«

Und seine harten Finger schlossen sich mit unentrinnbarem Griff um ihr Handgelenk.

»Au!« schrie sie leise auf und lachte dabei, »du tust mir ja weh.«

Das war alles. Aber so, gerade so hatte sie sich das Wiedersehen mit Lutz gedacht.

 

Ende

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