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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 9
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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VII

Es war spät am Nachmittag, als sie ihre Beratung darüber, was Dick tun sollte, beendeten: er sollte sehr freundlich sein und sich dennoch zurückziehen. Als die Ärzte sich endlich erhoben, blickte Dick durchs Fenster und sah, daß es sachte regnete – Nicole wartete irgendwo im Regen auf ihn. Als er gleich darauf seinen Wettermantel am Hals zuknöpfte, seine Hutkrempe herunterbog und hinausging, traf er sie sofort unter dem Dach des Hauptportals.

»Ich weiß eine neue Stelle, wo wir hingehen können«, sagte sie. »Als ich krank war, machte es mir nichts aus, am Abend mit den andern im Haus zu sitzen – was sie sagten, klang mir, als wenn es so sein müßte. Jetzt weiß ich natürlich, daß sie krank sind, und es ist – es ist –«

»Sie gehen bald fort von hier?«

»Ja, bald. Meine Schwester Beth, sie wird immer Baby genannt, kommt in ein paar Wochen und wird mich irgendwohin mitnehmen; danach werde ich noch einmal für einen Monat hierher zurückkommen.«

»Die ältere Schwester?«

»Ach, ziemlich viel älter. Sie ist vierundzwanzig – sie ist sehr englisch. Sie lebt in London bei der Schwester meines Vaters. Sie war mit einem Engländer verlobt, aber er ist gefallen – ich habe ihn nie gesehen.«

Ihr Gesicht hob sich, wie Elfenbein und Gold, gegen den trüben Sonnenuntergang ab, der sich durch den Regen hindurchgekämpft hatte; es barg eine Verheißung in sich, die Dick nie zuvor darin gesehen hatte: die hochliegenden Backenknochen, das etwas blasse Aussehen, eher kühl als aufgeregt, gemahnten an ein vielversprechendes Füllen – ein Geschöpf, dessen Leben nicht nur ein Projektieren der Jugend auf seelenlose Filmleinwand, sondern wirkliches Wachstum bedeutete; das Gesicht würde in mittleren Jahren schön sein, es würde in alten Tagen schön sein.

»Was sehen Sie mich so an?«

»Ich habe gerade gedacht, daß Sie sicherlich einmal recht glücklich sein werden.«

Nicole erschrak. »Meinen Sie? Nun, es könnte ja auch nicht schlimmer werden, als es war.«

In dem gedeckten Holzschuppen, zu dem sie ihn geführt hatte, saß sie mit untergeschlagenen Beinen auf ihren Golfschuhen, den wasserdichten Mantel um sich geschlagen, ihre Wangen von der feuchten Luft belebt. Ernst erwiderte sie seinen Blick, beobachtete seine aufrechte Haltung, die dem Holzpfosten, an dem er lehnte, in nichts nachgab; sie betrachtete sein Gesicht, das, nach gelegentlichen Abstechern in Fröhlichkeit und Spötterei, die ihm eigen waren, immer wieder versuchte, sich in die Form aufmerksamen Ernstes zu zwingen. Den Teil seines Wesens, der am besten zu seinem rotblonden irischen Typ zu passen schien, kannte sie am wenigsten; sie hatte Angst davor, war aber um so begieriger, diese seine männlichere Seite zu erforschen; die andere, das Produkt der Erziehung, die sich in seiner Rücksicht, in der Höflichkeit seiner Augen ausdrückte, nahm sie als selbstverständlich hin, wie die meisten Frauen es taten.

»Jedenfalls ist diese Anstalt gut für Sprachen gewesen«, sagte Nicole. »Mit zwei Ärzten habe ich französisch gesprochen, mit den Schwestern deutsch, italienisch oder sowas Ähnliches mit zwei Scheuerfrauen und einem der Patienten, und von einem anderen habe ich eine ganze Menge Spanisch aufgeschnappt.«

»Das ist schön.«

Er versuchte, Stellung dazu zu nehmen, aber es kam nichts Rechtes dabei heraus.

»– auch Musik. Ich hoffe, Sie glauben nicht, daß ich mich nur für Negermusik interessiere. Ich übe jeden Tag – in den letzten Monaten habe ich in Zürich einen musikgeschichtlichen Kursus besucht. Tatsächlich hat mir das zu Zeiten über vieles hinweggeholfen – Musik und Zeichnen.« Plötzlich beugte sie sich hinunter und riß einen losen Streifen von ihrer Schuhsohle ab, dann blickte sie auf. »Ich würde Sie gern zeichnen, so wie Sie dasitzen.«

Es stimmte ihn traurig, daß sie ihre Fertigkeiten herausstrich, um seinen Beifall zu erringen.

»Ich beneide Sie. Im Augenblick habe ich für nichts anderes Interesse als für meine Arbeit.«

»Oh, ich glaube, für einen Mann ist das schön«, sagte sie schnell. »Aber ein Mädchen, finde ich, sollte über eine Menge kleiner Fertigkeiten verfügen und sie an ihre Kinder weitergeben.«

»Das mag sein«, sagte Dick mit absichtlicher Gleichgültigkeit.

Nicole saß schweigend da. Dick wünschte, sie hätte gesprochen, so daß er die bequeme Rolle des Zuhörers hätte spielen können, aber jetzt schwieg sie.

»Sie sind jetzt wieder gesund«, sagte er. »Versuchen Sie, die Vergangenheit zu vergessen, und schonen Sie sich ungefähr ein Jahr lang. Gehen Sie nach Amerika zurück, lassen Sie sich in der Gesellschaft einführen, verlieben Sie sich – und werden Sie glücklich.«

»Ich kann mich nicht verlieben.« Ihr malträtierter Schuh schabte ein Stück vermoderter Rinde von dem Baumstamm ab, auf dem sie saß.

»Natürlich können Sie«, beharrte Dick. »Vielleicht nicht im nächsten Jahr, aber früher oder später doch.« Dann fügte er brutal hinzu: »Sie können ein absolut normales Leben führen mit einem ganzen Stall voll bildhübscher Nachkommen. Allein schon die Tatsache, daß Sie in Ihrem Alter so völlig wiederhergestellt werden konnten, beweist, daß die verursachenden Faktoren nicht so ungewöhnliche waren. Jung wie Sie sind, werden Sie noch auf dem Posten sein, wenn Ihre Freunde längst zum Teufel sind.«

Ein Ausdruck von Schmerz lag in ihren Augen, als sie die bittere Pille schluckte und ihn verstand.

»Ich weiß, daß ich für lange Zeit nicht dazu taugen werde, mich mit jemand zu verheiraten«, sagte sie demütig.

Dick war zu sehr aus der Fassung gebracht, um noch etwas zu sagen. Er blickte in das Kornfeld hinaus und versuchte, seine unerbittliche Strenge wiederzuerlangen.

»Es wird alles gut gehen – alle hier glauben an Sie. Ja, Doktor Gregory ist so stolz auf Sie, daß er wahrscheinlich –«

»Ich hasse Doktor Gregory.«

»Das sollten Sie nicht tun.«

Nicoles Welt war in Scherben gegangen, aber es war nur eine dünne, kaum erst erschaffene Welt; unter ihrer Oberfläche lagen ihre Gefühle und Instinkte miteinander im Streit. War es erst eine Stunde her, daß sie am Portal auf ihn gewartet hatte, ihre Hoffnung wie ein Mieder um ihren Körper tragend?

... Kleid, bleibe gefältelt für ihn, Knopf, platz nicht ab, blühe Narzisse – Luft, bleibe still und süß.

»Es wird schön sein, wieder Freude am Leben zu haben«, tastete sie sich weiter vor. Einen Moment kam ihr der verzweifelte Gedanke, ihm zu erzählen, wie reich sie sei, was für große Häuser sie bewohne und daß sie in Wahrheit ein kostbares Besitztum darstelle – einen Augenblick lang wurde ihr Großvater in ihr lebendig, Sid Warren, der Pferdehändler. Aber sie überwand die Versuchung, alle Werte umzuwerten, und verschloß diese Dinge in ihrer viktorianischen Rumpelkammer – obwohl ihr selbst keine Heimstatt geblieben war außer Leere und Schmerz.

»Ich muß zur Klinik zurück. Es regnet nicht mehr.«

Dick ging neben ihr her, fühlte ihre Verzweiflung und hätte ihr am liebsten den Regen von den Wangen geküßt.

»Ich habe ein paar neue Platten«, sagte sie. »Ich kann es kaum erwarten, sie zu spielen. Kennen Sie –«

 

An jenem Abend, nach dem Essen, beabsichtigte Dick, den Bruch zu vollenden; auch wollte er Franz die Sitzfläche versohlen, weil er es zum Teil gewesen war, der ihm diese widrige Sache eingebrockt hatte. Er wartete in der Halle. Seine Blicke verfolgten eine Baskenmütze, nicht naß vom Warten im Regen wie Nicoles, sondern einen Schädel bedeckend, der unlängst operiert worden war. Darunter blickten menschliche Augen umher, fanden ihn und näherten sich.

»Bonjour, Docteur.«

»Bonjour, Monsieur.«

»II fait beau temps.«

»Oui, merveilleux.«

»Vous êtes ici maintenant?«

»Non, pour la journée seulement.«

»Ah, bon. Alors – au revoir, Monsieur.«

Froh, wieder eine Begegnung überstanden zu haben, entfernte sich der Unglückselige mit der Baskenmütze. Dick wartete. Nach kurzer Zeit kam eine Krankenschwester herunter und richtete ihm eine Botschaft aus.

»Fräulein Warren läßt sich entschuldigen, Herr Doktor. Sie will sich hinlegen und möchte heute abend oben speisen.«

Die Schwester spannte auf seine Antwort, halb und halb erwartend, er werde durchblicken lassen, daß Fräulein Warrens Verhalten pathologisch sei.

»Oh, ich verstehe. Nun –« Er schluckte ein paarmal und versuchte, seinen Herzschlag zu bändigen. »Ich wünsche gute Besserung. Danke.«

Er war ratlos und unzufrieden. Aber jedenfalls entlastete es ihn.

Er ließ ein paar Zeilen für Franz zurück als Entschuldigung, daß er nicht zum Abendessen blieb, und ging zu Fuß durch die Gegend zur Straßenbahn-Haltestelle. Als er sie erreichte, vergoldete die Frühjahrsdämmerung die Schienen und die Glasscheiben der Automaten, und es kam ihm zum Bewußtsein, daß sich Haltestelle und Hospital in der Schwebe zwischen Zentripetal- und Zentrifugalkraft befanden. Er erschrak. Er war froh, als seine Absätze wieder auf dem soliden Züricher Kopfsteinpflaster klapperten.

Er erwartete, am nächsten Tag etwas über Nicole zu hören, aber es kam nichts. Um zu erfahren, ob sie krank sei, rief er die Klinik an und sprach mit Franz.

»Sie kam gestern und heute zum Lunch herunter«, sagte Franz. »Sie schien etwas abwesend und in den Wolken. Wie verlief es?«

Dick versuchte, den alpinen Abgrund zwischen den Geschlechtern zu überbrücken.

»Wir kamen gar nicht so weit – jedenfalls hatte ich den Eindruck. Ich versuchte, mich zurückzuziehen, aber ich glaube nicht, daß genug geschehen ist, um ihre Einstellung zu ändern, wenn es überhaupt tief ging.«

Vielleicht sprach aus ihm gekränkte Eitelkeit, weil es kein Todesstoß gewesen war.

»Aus einigem, was sie zu der Schwester sagte, möchte ich entnehmen, daß sie begriffen hat.«

»Sehr schön.«

»Es war das beste, was passieren konnte. Sie scheint nicht hypererregt – nur etwas in den Wolken.«

»Na also!«

»Komm mich bald besuchen, Dick.«

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