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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 8
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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VI

Als er sie das nächstemal sah, war es Mai. Der Lunch in Zürich war eine Vorsichtsmaßnahme; offensichtlich strebte die folgerichtige Entwicklung seines Lebens von dem Mädchen fort; doch als ein Fremder vom Nebentisch sie mit Augen anstarrte, die wie ein unerlaubtes Licht beunruhigend glühten, wandte er sich dem Mann in weltmännisch einschüchternder Weise zu und durchkreuzte seinen Blick.

»Er war nur neugierig«, erklärte er munter. »Er hat sich nur Ihre Kleider angesehen. Warum haben Sie so viele verschiedene Kleider?«

»Meine Schwester sagt, wir wären sehr reich«, versetzte sie bescheiden, »seit Großmutter tot ist.«

»Ich verzeihe Ihnen.«

Er war um so viel älter als Nicole, daß ihm ihre jugendlichen Eitelkeiten und Vergnügungen Spaß machten, die Art zum Beispiel, wie sie beim Verlassen des Lokals ganz beiläufig vor dem Spiegel in der Halle stehenblieb, so daß sie sich in dem unbestechlichen Quecksilber wiederfinden konnte. Er war entzückt, wenn sie mit ihren Händen neue Oktaven zu greifen suchte, jetzt, da sie wußte, daß sie schön und reich war. Er gab sich redliche Mühe, in ihr nicht die fixe Idee aufkommen zu lassen, er habe sie wieder zusammengeflickt, und er war froh zu sehen, wie sie Glück und Zuversicht unabhängig von ihm wiedererlangte. Die Schwierigkeit lag darin, daß Nicole möglicherweise mit allen Dingen zu ihm kommen und sie ihm als köstliche Opfergaben, als Zeichen ihrer Anbetung zu Füßen legen könnte.

In der ersten Sommerwoche hatte sich Dick wieder in Zürich eingerichtet. Er hatte seine Broschüren und was er während seiner Dienstzeit geschrieben hatte, so zusammengestellt, daß es ihm bei seiner Durchsicht von »Eine Psychologie für Psychiater« als Vorlage dienen konnte. Er hatte bereits einen Verleger dafür und stand in Beziehung zu einem armen Studenten, der seine deutschen Sprachfehler ausmerzen wollte. Franz hielt die Sache für übereilt, aber Dick wies auf die entwaffnende Anspruchslosigkeit des Themas hin.

»Das ist ein Stoff, den ich nie wieder so gut beherrschen werde«, beharrte er. »Ich habe so eine Ahnung, als sei dies ein Thema, das nur darum nicht grundlegend ist, weil ihm niemals wesentliche Anerkennung zuteil wurde. Die Schwäche dieses Berufs liegt in seiner Anziehungskraft für den etwas bresthaften und schwächlichen Menschen. Innerhalb der Grenzen des Berufs findet er eine Entschädigung darin, daß er sich dem Klinischen, dem Praktischen zuwendet – er hat seine Schlacht kampflos gewonnen. Du hingegen bist ein tüchtiger Mann, Franz, weil das Schicksal dich, bevor du geboren wurdest, für deinen Beruf bestimmt hat. Du kannst Gott danken, daß du keine ›Anfechtung‹ gehabt hast. Ich bin Psychiater geworden, weil in St. Hilda in Oxford ein Mädchen war, das dieselben Vorlesungen hörte wie ich. Vielleicht klingt es banal, aber ich will nicht, daß mir meine gegenwärtigen Gedanken von ein paar Dutzend Glas Bier weggeschwemmt werden.«

»Schon richtig«, versetzte Franz. »Du bist Amerikaner. Du kannst so etwas ohne berufliche Schädigung tun. Ich mag diese Verallgemeinerungen nicht. Bald wirst du kleine Bücher schreiben, betitelt ›Tiefe Gedanken für den Laien‹, die alles so vereinfachen, daß sie garantiert keinerlei Nachdenken verursachen. Wenn mein Vater noch am Leben wäre, Dick, würde er dich ansehen und brummen. Er würde seine Serviette so zusammenfalten und seinen Serviettenring hochhalten, diesen hier«, – er hielt ihn hoch, ein Wildschweinkopf war in das braune Holz geschnitzt, – »und er würde sagen: ›Also, meiner Ansicht nach‹ – dann würde er dich ansehen und denken: ›Was hat es für einen Zweck?‹, würde abbrechen und wieder brummen, und dann wären wir beim Ende des Essens angelangt.«

»Heute bin ich allein«, sagte Dick gereizt. »Vielleicht bin ich es morgen nicht mehr. Und dann werde ich meine Serviette so zusammenfalten wie dein Vater – und brummen.«

Franz wartete einen Moment.

»Was macht unsere Patientin?« fragte er dann.

»Ich weiß nicht.«

»Na, allmählich solltest du über sie Bescheid wissen.«

»Ich habe sie gern. Sie ist anziehend. Was willst du, daß ich mit ihr anfange – Edelweiß suchen gehen?«

»Nein. Da du dich auf wissenschaftliche Bücher legst, dachte ich, daß dir vielleicht ein Gedanke kommen würde.«

»– ihr mein Leben weihen?«

»Du lieber Gott!« Er rief seiner Frau in der Küche zu: »Bitte, bring Dick noch ein Glas Bier.«

»Ich möchte keins mehr, wenn ich noch zu Dohmler soll.«

»Wir finden, das Beste wäre, wir hätten ein Programm. Vier Wochen sind vergangen – anscheinend ist das Mädchen in dich verliebt. Draußen in der Welt ginge uns das nichts an, aber hier in der Klinik haben wir ein Interesse an der Sache.«

»Ich werde tun, was Doktor Dohmler sagt«, erklärte Dick bereitwillig.

Aber er hatte nicht viel Hoffnung, daß Dohmler Licht in die Angelegenheit bringen würde; er selbst war ja das in ihr enthaltene unberechenbare Element. Ohne bewußte Willensäußerung seinerseits war die Sache auf ihn zugekommen. Es erinnerte ihn an ein Vorkommnis in seiner Kindheit; jeder Mensch im Haus suchte nach dem verlorenen Schlüssel des Silberschrankes, während Dick wußte, daß er ihn unter den Taschentüchern im obersten Schubfach seiner Mutter versteckt hatte. Damals hatte er ein Gefühl philosophischer Ruhe empfunden, und das wiederholte sich jetzt, als er sich mit Franz zu Doktor Dohmlers Büro begab.

Der Professor mit seinem schönen Gesicht unter dem glatten Backenbart, das wie die weinbewachsene Veranda eines schönen alten Hauses wirkte, entwaffnete ihn. Dick kannte begabtere Menschen, aber keine Persönlichkeit, die Dohmler qualitativ überlegen gewesen wäre.

– Ein halbes Jahr später dachte er dasselbe, als er den toten Dohmler sah, das Licht der Veranda gelöscht, das Weingerank seines Backenbartes auf seinen steifen weißen Kragen herabfallend und die vielen Schlachten, die sich vor seinen mandelförmigen Augen abgespielt hatten, hinter den dünnen, zarten Lidern für immer verstummt.

»... Guten Morgen, Herr Professor!« Er nahm Haltung an wie beim Militär.

Professor Dohmler faltete seine ruhigen Hände. Franz sprach in Fachausdrücken, halb wie ein Verbindungsoffizier, halb wie ein Sekretär, bis sein Chef ihm die Rede mitten im Satz durchschnitt.

»Wir haben einen bestimmten Weg eingeschlagen«, sagte er sanft. »Jetzt sind Sie es, Doktor Diver, der uns am besten helfen kann.«

Dick fuhr erschrocken hoch und gestand: »Ich bin meiner Sache nicht so sicher.«

»Mit Ihren persönlichen Eindrücken habe ich nichts zu tun«, sagte Dohmler. »Aber ich habe sehr viel mit der Tatsache zu tun, daß diesem sogenannten ›Übergangsstadium‹« – er warf Franz einen kurzen, ironischen Blick zu, den dieser ebenso zurückgab, »ein Ende gemacht werden muß. Fräulein Nicole geht es tatsächlich gut, aber sie ist nicht in der Lage, etwas zu überstehen, was sie vielleicht als Tragödie empfinden könnte.«

Wieder begann Franz zu sprechen, aber Doktor Dohmler gebot ihm mit einer Bewegung Schweigen.

»Ich sehe ein, daß Sie sich in einer schwierigen Lage befunden haben.«

»Ja, das stimmt.«

Jetzt lehnte sich der Professor zurück und lachte, und mit dem letzten Atemzug seines Gelächters sagte er und blickte scharf aus seinen kleinen grauen Augen: »Vielleicht sind Sie selbst gefühlsmäßig engagiert.«

Dick merkte, daß man ihn aufziehen wollte, und lachte ebenfalls.

»Sie ist ein hübsches Ding – jeder ist bis zu einem gewissen Grade empfänglich dafür. Ich habe nicht die Absicht –«

Wieder versuchte Franz zu sprechen – wieder hinderte ihn Dohmler daran, indem er eine Frage direkt an Dick richtete. »Haben Sie daran gedacht, wegzugehen?«

»Ich kann nicht weg.«

Doktor Dohmler wandte sich an Franz: »Dann können wir Fräulein Warren wegschicken.«

»Wie Sie es für gut halten, Herr Professor«, stimmte Dick bei. »Es ist schon eine seltsame Situation!«

Professor Dohmler erhob sich so, wie ein Mann ohne Beine sich an seinen Krücken aufrichtet.

»Aber es ist eine berufliche Situation!« brüllte er.

Seufzend sank er in seinen Stuhl zurück und wartete, bis der Widerhall des Donners im Zimmer verebbte. Dick merkte, daß Dohmler seinen Höhepunkt erreicht hatte, und war sich nicht klar darüber, ob er mit heiler Haut davongekommen war. Endlich gelang es Franz, zu Worte zu kommen.

»Doktor Diver ist ein Mann von Charakter«, sagte er. »Ich bin überzeugt, er braucht die Situation nur zu erfassen, um richtig mit ihr fertig zu werden. Meiner Meinung nach kann Dick hier mithelfen, ohne daß jemand weggeht.«

»Was meinen Sie dazu?« fragte Professor Dohmler Dick.

Dick fühlte sich angesichts der Situation unsicher; gleichzeitig wurde ihm in der Stille, die Dohmlers Worten folgte, klar, daß dieser Zustand der Schwebe nicht endlos in die Länge gezogen werden konnte; plötzlich warf er alle Hemmungen über Bord.

»Eigentlich bin ich in sie verliebt – der Gedanke, sie zu heiraten, ist mir durch den Kopf gegangen.«

»O weh!« entfuhr es Franz.

»Warten Sie!« sagte Dohmler beschwichtigend, aber Franz wollte nicht warten: »Was! Und den größten Teil deines Lebens Arzt und Krankenschwester sein – niemals! Ich kenne diese Fälle. Von zwanzig Fällen wird einer beim erstenmal geheilt – es ist besser, du siehst sie nie wieder!«

»Wie denken Sie darüber?« fragte Dohmler Dick.

»Natürlich hat Franz recht.«

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