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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 60
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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Um zwei Uhr in dieser Nacht wurde Nicole durch das Telefon geweckt und hörte, wie Dick sich im Nebenzimmer meldete.

»Oui, oui ... mais à qui est-ce-que je parle? ... Oui ...« In seiner Stimme prägte sich Überraschung aus. »Könnte ich nicht eine der Damen sprechen, Herr Leutnant? Es sind beides Damen von allerhöchstem Rang. Damen mit Konnexionen, die politische Verwicklungen ernsthaftester Art heraufbeschwören können ... Es ist Tatsache, ich schwöre es Ihnen ... Na schön, Sie werden ja sehen.«

Er stand auf, prüfte die Situation und war, da er sich selbst kannte, überzeugt, daß er mit ihr fertig werden würde – die alte verhängnisvolle Gefallsucht, der eindringliche Scharm beherrschte ihn wieder mit dem Ruf: »Bedient euch meiner!« Er würde diese Sache in Ordnung bringen müssen, an der ihm verdammt nichts lag, weil er sich früh daran gewöhnt hatte, sich beliebt zu machen, vielleicht von dem Zeitpunkt an, als ihm zum Bewußtsein kam, daß er die letzte Hoffnung eines absterbenden Geschlechtes war. Bei einer ähnlichen Gelegenheit, damals in Dohmlers Klinik am Zürichsee, als er sich dieser Fähigkeit bewußt geworden war, hatte er seine Wahl getroffen, hatte er Ophelia gewählt, das süße Gift, und hatte es getrunken. Vor allen Dingen hatte er gewünscht, tapfer und gut zu sein, doch mehr noch als das hatte er gewünscht, geliebt zu werden. So war es gewesen. So würde es immer sein, erkannte er im selben Moment, als er beim Abhängen das leise Klingeln des Telefons vernahm.

Dann war eine lange Pause. Nicole rief: »Was ist los? Wer war es?«

Dick hatte bereits angefangen, sich anzuziehen, als er den Hörer anhing.

»Es war die Polizeiwache in Antibes – sie haben Mary North und die Sibley-Biers festgenommen. Es handelt sich um etwas Ernstes – der Beamte wollte es mir nicht sagen; er sagte immer wieder ›pas de mortes – pas d'automobiles‹, ließ aber durchblicken, daß es alles andere sein könne.«

»Warum in aller Welt haben sie gerade dich angerufen? Das kommt mir sehr sonderbar vor.«

»Sie müssen gegen Bürgschaft freigelassen werden, wenn es keinen Skandal geben soll; und Bürgschaft leisten kann nur ein einheimischer Grundbesitzer.«

»So eine Unverfrorenheit.«

»Das ist mir einerlei. Jedenfalls werde ich Gausse im Hotel auftreiben –«

Nicole blieb wach, nachdem er weggefahren war, und zerbrach sich den Kopf, was sie verbrochen haben konnten; dann schlief sie ein. Kurz nach drei, als Dick zurückkam, setzte sie sich auf, hellwach, und sagte: »Was?«, als spräche sie zu einer Person im Traum.

»Es war eine tolle Geschichte«, sagte Dick. Er saß auf dem Fußende ihres Bettes und erzählte ihr, wie er den alten Gausse aus einem Bärenschlaf aufgeweckt und ihm gesagt hatte, er solle seine Geldkassette ausleeren, und wie er dann mit ihm zur Polizeiwache gefahren war.

»Ich habe keine Lust, etwas für diese Engländerin zu tun«, hatte Gausse gebrummt.

Mary North und Lady Caroline, in Anzügen von französischen Seeleuten, rekelten sich auf einer Bank, die vor den zwei schmutzigen Zellen stand. Die Lady zeigte die beleidigte Miene einer Engländerin, die jeden Moment erwartet, daß die Mittelmeerflotte zu ihrer Hilfe herbeieilen werde. Mary Minghetti befand sich in einem Zustand panischer Angst und war am Zusammenbrechen – sie warf sich Dick buchstäblich an die Brust, als fühle sie sich ihm dort am stärksten verbunden, und flehte ihn an, etwas für sie zu tun. Inzwischen setzte der Polizeichef Gausse die Sache auseinander, und dieser hörte sich ruhig jedes Wort mit an, teils voller Anerkennung für die Erzählergabe des Offiziers, teils in dem Bestreben, zu zeigen, daß ihn, den ehemaligen herrschaftlichen Diener, die Geschichte nicht schockierte.

»Wir haben uns doch nur einen Jux machen wollen«, sagte Lady Caroline geringschätzig. »Wir taten so, als seien wir zwei Matrosen auf Urlaub, und lachten uns zwei alberne Mädels an. In einem Gasthaus erkannten sie ihren Irrtum und machten eine widerwärtige Szene.«

Dick nickte mit ernstem Gesicht und blickte auf den Steinfußboden nieder wie ein Priester während der Beichte – er schwankte zwischen der Neigung, ironisch zu lachen, und der, ihnen fünfzig Streiche mit der Strickpeitsche und zwei Wochen bei Wasser und Brot aufzubrummen. Daß sich in Lady Carolines Gesicht keine Spur eines Gefühls für das Böse widerspiegelte, außer für das Böse, das von feigen provenzalischen Mädchen und törichter Polizei heraufbeschworen worden war, verblüffte ihn; dabei war er schon seit langer Zeit zu dem Schluß gekommen, daß gewisse Klassen des englischen Volkes ein antisoziales Leben in Reinkultur führten, mit dem verglichen New York mit all seiner Gier wie ein Kind wirkte, das sich den Magen an Eiskrem verdirbt.

»Ich muß von hier weg, bevor Hosain davon hört«, bettelte Mary. »Dick, sag ihnen, wir würden direkt nach Hause fahren, sag ihnen, wir würden jede Summe bezahlen.«

»Ich nicht«, sagte Lady Caroline verächtlich. »Nicht einen Schilling. Aber ich will schon herauskriegen, was das Konsulat in Cannes dazu meint.«

»Nein, nein!« beharrte Mary. »Wir müssen noch heute abend hier weg.«

»Ich will sehen, was sich tun läßt«, sagte Dick und fügte hinzu: »Aber natürlich wird es Geld kosten.« Er betrachtete sie mit einem Gesicht, als hielte er sie für unschuldig, obwohl er wußte, daß sie es nicht waren, und schüttelte den Kopf: »So ein verrückter Streich!«

Lady Caroline lächelte wohlgefällig.

»Sie sind doch Irrenarzt, nicht wahr? Sie sollten eigentlich imstande sein, uns zu helfen – und Gausse muß einfach!«

Hier ging Dick mit Gausse beiseite und erörterte mit dem alten Mann dessen Ansicht. Die Sache war ernster, als man sie hingestellt hatte – eins der Mädchen, das sie mitgenommen hatten, stammte aus achtbarer Familie. Die Familie schäumte vor Wut, oder gab sich zum mindesten den Anschein, es zu tun. Man würde sich mit ihnen auseinandersetzen müssen. Mit der anderen, einem Hafenmädchen, würde man leichter fertig werden. Es gab französische Gesetze, nach denen eine Schuldigsprechung Gefängnisstrafe oder mindestens öffentliche Landesverweisung nach sich ziehen konnte. Zu diesen Schwierigkeiten kam noch, daß diejenigen Stadtbewohner, die durch die Ausländer Nutzen hatten, ihnen gegenüber duldsamer waren als diejenigen, die sich über die ständig steigenden Preise ärgerten. Nachdem Gausse die Situation geschildert hatte, überließ er das weitere Dick. Dieser bat den Polizeichef um eine Unterredung.

»Wie Sie wissen, wünscht die französische Regierung den Zustrom von amerikanischen Reisenden zu unterstützen – und zwar in einem Maße, daß diesen Sommer in Paris eine Verfügung herausgekommen ist, nach der Amerikaner nur wegen der allerschlimmsten Vergehen festgenommen werden dürfen.«

»Du lieber Gott, dies ist schlimm genug.«

»Sehen Sie mal – Sie haben doch ihre Kennkarten?«

»Sie hatten keine. Sie hatten nichts – zweihundert Franken und ein paar Ringe. Nicht einmal Schnürsenkel, um sich daran aufzuhängen!«

Erleichtert darüber, daß keine Kennkarten vorhanden waren, fuhr Dick fort:

»Die italienische Gräfin ist immer noch amerikanische Bürgerin. Sie ist die Enkelin –« Langsam und gewichtig fuhr er mit einer Reihe von Lügen auf: »– von John D. Rockefeller Mellon. Haben Sie von ihm gehört?«

»Aber ja doch, freilich. Halten Sie mich denn für einen Ignoranten?«

»Außerdem ist sie die Nichte von Lord Henry Ford und dadurch liiert mit den Firmen Renault und Citroën –« Er hielt es für ratsam, hier Schluß zu machen. Doch der aufrichtige Ton seiner Stimme hatte sichtlich Eindruck auf den Offizier gemacht, darum fuhr er fort: »Wenn sie verhaftet werden, ist das ebenso, als wenn Sie ein Mitglied der königlichen Familie von England verhaften würden. Die Folge wäre vielleicht – Krieg!«

»Und wie ist es mit der Engländerin?«

»Darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen. Sie ist mit dem Bruder des Prinzen von Wales verlobt – dem Herzog von Buckingham.«

»Sie wird eine großartige Frau für ihn abgeben.«

»Nun, wir sind bereit –«, Dick machte schnell einen Überschlag, »an jedes der beiden Mädchen tausend Franken zu zahlen – und ein weiteres Tausend an den Vater der ›seriösen‹. Außerdem zweitausend, die Sie nach Gutdünken verteilen mögen« – er zuckte die Achseln – »unter die Männer, die die Verhaftung vorgenommen haben, den Gastwirt und so weiter. Ich werde Ihnen die fünftausend aushändigen und erwarte, daß Sie sofort alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Dann kann Anklage wegen Ruhestörung gegen die beiden erhoben werden, man kann sie gegen Kaution auf freien Fuß setzen, und die Geldstrafe, einerlei wie hoch sie ist, wird morgen vor Gericht – durch Boten – bezahlt.«

Noch bevor der Offizier sich dazu äußerte, sah Dick seinem Gesichtsausdruck an, daß alles in Ordnung gehen würde. Der Mann meinte zögernd: »Ich habe keine Eintragung gemacht, weil die Frauen keine Kennkarten hatten. Ich muß versuchen – geben Sie mir das Geld.«

Eine Stunde später setzten Dick und Gausse die Frauen beim Hotel Majestic ab, wo Lady Carolines Chauffeur in ihrem Wagen schlief.

»Denkt daran«, sagte Dick, »jede von euch schuldet Herrn Gausse hundert Dollar.«

»Es ist gut«, erklärte Mary. »Ich werde ihm morgen einen Scheck geben – und noch etwas mehr.«

»Ich denke nicht daran!« Erschrocken drehten sich alle nach Lady Caroline um, die sich völlig erholt hatte und vor Rechtlichkeit platzte. »Man hat uns Gewalt angetan. Auf keinen Fall habe ich Sie ermächtigt, den Leuten hundert Dollar zu geben.«

Der kleine Gausse stand neben dem Wagen; seine Augen funkelten plötzlich.

»Sie wollen es mir nicht bezahlen?«

»Natürlich wird sie es tun«, sagte Dick.

Mit einemmal wurde in Gausse der Schimpf wieder lebendig, der ihm, dem Hotelpagen, in London angetan worden war, und er ging im Mondlicht auf Lady Caroline zu.

Er überschüttete sie mit einer Flut von Schimpfworten, und als sie sich mit einem gefrorenen Lächeln abwandte, tat er einen Schritt hinter ihr her und traf mit seinem kleinen Fuß in das beliebteste aller Ziele. Lady Caroline, der das ganz unvermutet kam, warf die Arme hoch wie jemand, der von einem Schuß getroffen wird, und fiel in ihrer Seemannskluft der Länge nach vornüber auf den Bürgersteig.

Dicks Stimme übertönte ihren Wutausbruch: »Mary, beruhige sie! Oder ihr alle beide werdet in zehn Minuten in Fußeisen stecken!«

Auf der Rückfahrt zum Hotel sagte der alte Gausse kein Wort, bis sie das Kasino von Juan les Pins hinter sich gelassen hatten, wo immer noch Jazzmusik winselte und hämmerte; dann stieß er hervor:

»Solche Sorte von Frauen wie diese Frauen habe ich noch nie gesehen. Ich habe viele große Kurtisanen der Welt gekannt, und vor ihnen habe ich oft Achtung gehabt; aber Frauen, wie diese Frauen habe ich noch nie gesehen.«

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