Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > F. Scott Fitzgerald >

Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 58
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
Schließen

Navigation:

VIII

Sie badete, fettete sich ein und bedeckte ihren Körper mit einer Puderschicht, während ihre Zehen auf dem Badetuch den verschütteten Puder zusammenscharrten. Wie durch ein Mikroskop betrachtete sie die Linien ihrer Hüften und fragte sich, wie bald das feine, schlanke Bauwerk zusammenschrumpfen würde. In sechs Jahren vielleicht, aber jetzt bin ich in Ordnung – ja, ich bin genau so in Ordnung wie jede andere auch.

Sie übertrieb nicht. Der einzige körperliche Unterschied zwischen der jetzigen Nicole und der Nicole von vor fünf Jahren bestand darin, daß sie kein junges Mädchen mehr war. Aber sie war hinlänglich angesteckt von der allgemeinen Anhimmelung der Jugend, von den Filmen mit ihren Tausenden und aber Tausenden von kindlichen Mädchengesichtern, um auf die Jugend eifersüchtig zu sein.

Sie zog das erste knöchellange Kleid an, das sie seit Jahren besessen hatte, und besprengte sich andächtig mit Chanel Sixteen. Als Tommy um ein Uhr vorfuhr, hatte sie ihre Person in den schmucksten aller Gärten verwandelt.

Wie schön war es, so etwas zu erleben, wieder angebetet zu werden, so zu tun, als habe man ein Geheimnis. Sie hatte zwei der herrlichen, anspruchsvollen Jahre im Leben eines hübschen Mädchens versäumt – jetzt kam es ihr vor, als hole sie sie nach; sie begrüßte Tommy, als sei er einer von vielen Männern, die ihr zu Füßen lagen, und schritt vor ihm her statt neben ihm, als sie durch den Garten auf den Markt-Sonnenschirm zugingen. Reizvolle Frauen von neunzehn und neunundzwanzig ähneln sich in ihrer forschen Zuversichtlichkeit, während die vielbegehrenden zwanziger Jahre die Außenwelt nicht zentripetal um sich kreisen lassen. Die ersten sind draufgängerische Jahre, einem jungen Kadetten vergleichbar, die anderen einem Streiter, der sich nach dem Kampf brüstet.

Aber während ein Mädchen von neunzehn Jahren ihre Zuversicht aus einer Überfülle an Aufmerksamkeit schöpft, delektiert sich eine Frau von neunundzwanzig Jahren an feineren Dingen. Im Verlangen wählt sie ihre Apéritifs weise aus, und in der Befriedigung kostet sie den Kaviar vorhandener Kraft. Glücklicherweise scheint sie in keinem Fall die später folgenden Jahre vorauszusehen, in denen ihre Einsicht häufig durch Bangigkeit getrübt werden wird, durch die Angst vor dem Schluß oder die Angst vor der Fortsetzung. Aber an der Schwelle der Neunzehn oder Neunundzwanzig ist sie ganz sicher, daß keine Gefahr droht.

Was Nicole wollte, war kein vages romantisches Erlebnis – sie wollte eine »Affäre«, sie wollte eine Veränderung. In Dicks Gedanken denkend, war sie sich bewußt, daß es, oberflächlich besehen, eine Niedertracht war, kaltblütig eine Befriedigung zu suchen, durch die sie alle bedroht wurden. Andrerseits machte sie Dick für die augenblickliche Situation verantwortlich und glaubte ehrlich, daß ein derartiges Experiment eine heilsame Wirkung haben könnte. Den ganzen Sommer über hatte es ihr einen Antrieb gewährt, die Leute zu beobachten und zu sehen, wie sie genau das taten, wonach sie Verlangen spürten, ohne Buße dafür zu zahlen, und trotz ihrer Absicht, sich nicht mehr zu belügen, versuchte sie sich einzureden, daß es lediglich eine Laune sei, daß sie sich jeden Augenblick zurückziehen könne ...

In dem hellen Schatten umfing Tommy sie mit seinen Armen, zog sie zu sich heran und blickte ihr in die Augen.

»Beweg dich nicht«, sagte er. »Von jetzt an werde ich dich sehr viel anschauen.«

Von seinen Haaren ging ein Duft aus und von seinem weißen Anzug ein schwacher Seifengeruch. Mit zusammengepreßten Lippen, ohne zu lächeln, stand sie da, und eine Weile blickten sie sich einfach nur an.

»Gefällt dir, was du siehst?« murmelte sie dann.

»Parle français.«

»Schön.« Und sie fragte noch einmal auf französisch: »Gefällt dir, was du siehst?«

Er zog sie näher zu sich heran.

»Mir gefällt alles, was ich von dir sehe.« Er zögerte. »Ich glaubte, dein Gesicht zu kennen; aber es gibt anscheinend Dinge darin, von denen ich nichts wußte. Seit wann hast du Spitzbubenaugen?«

Entrüstet und empört machte sie sich los und rief auf englisch:

»Hast du darum französisch reden wollen?« Ihre Stimme wurde ruhig, als der Butler mit dem Sherry kam. »Da konntest du beleidigende Dinge in feinerer Form sagen.«

Ärgerlich ließ sie sich auf dem Silberbrokatkissen eines kleinen Stuhles nieder.

»Ich habe keinen Spiegel bei mir«, sagte sie, wieder auf französisch, jedoch sehr bestimmt. »Wenn meine Augen sich verändert haben, dann darum, weil ich wieder gesund bin. Und indem ich gesund geworden bin, habe ich vielleicht mein wahres Selbst wiedererlangt – ich glaube, mein Großvater war ein Spitzbube, und ich bin spitzbübisch durch Erbschaft, nun weißt du's. Befriedigt das dein logisches Gemüt?«

Er schien kaum zu wissen, worüber sie sprach.

»Wo ist Dick – wird er mit uns lunchen?«

Als sie merkte, daß er seine Worte nicht ernst gemeint hatte, lachte sie über ihre Wirkung hinweg.

»Dick macht eine Autotour«, sagte sie. »Rosemarie Hoyt ist wieder aufgetaucht, und entweder sie fahren zusammen, oder sie hat ihn so aus der Fassung gebracht, daß er das Bedürfnis hat, wegzugehen und von ihr zu träumen.«

»Weißt du, eigentlich bist du ziemlich kompliziert.«

»O nein«, versicherte sie ihm hastig. »Nein, das ist es nicht – ich bin nur – ich bin nur aus einer Menge verschiedener unkomplizierter Personen zusammengesetzt.«

Marius brachte eine Melone und ein Gefäß mit Eis heraus, und Nicole, die unentwegt an ihre Spitzbubenaugen dachte, sagte nichts weiter. Dieser Mann gab einem eine ganze Nuß zum Knacken, statt sie in kleinen Stücken darzubieten, die man mit Genuß knabbern konnte.

»Warum hat man dich nicht in deinem Naturzustand belassen?« fragte Tommy unvermittelt. »Du bist der dramatischste Mensch, den ich kenne.«

Sie wußte nichts zu erwidern.

»Überhaupt, diese Unterwerfung der Frauen!« höhnte er.

»In jeder Gesellschaft gibt es gewisse –« Sie fühlte, wie Dicks Geist ihr die Worte soufflierte, aber vor Tommys lauter Sprache gab sie klein bei.

»Ich habe viele Männer mit Gewalt umgemodelt, doch würde ich es nicht bei halb so vielen Frauen riskieren. Und diese Art der Tyrannei – wem nützt die schon? – Weder dir noch ihm oder sonst wem!«

Ihr Herz tat einen Sprung, dann setzte es aus bei dem Gedanken, wieviel sie Dick schuldete.

»Ich glaube, ich habe –«

»Du hast zu viel Geld«, sagte er ungeduldig. »Das ist der Haken an der Sache. Das kann Dick nicht überbieten.«

Sie überlegte, während die Melonen abgeräumt wurden.

»Was meinst du, was ich tun soll?«

Zum erstenmal seit zehn Jahren stand sie unter dem Einfluß einer anderen Persönlichkeit als der ihres Mannes. Alles, was Tommy zu ihr sagte, wurde für immer zu einem Bestandteil ihrer selbst.

Sie tranken ihre Flasche Wein, während ein sanfter Wind die Zweige der Kiefern wiegte und die lebhafte Hitze des frühen Nachmittags blendende Tupfen auf das karierte Tischtuch des Lunchtisches zauberte. Tommy kam zu ihr herüber und stellte sich hinter sie; er legte seine Arme auf ihre Arme und umklammerte ihre Hände. Erst berührten sich ihre Wangen, dann die Lippen, und sie atmete schwer, teils aus Leidenschaft für ihn, teils aus Überraschung über deren Heftigkeit ...

»Kannst du nicht für den Nachmittag die Erzieherin mit den Kindern wegschicken?«

»Sie haben Klavierstunde. Ich möchte auch sonst nicht hierbleiben.«

»Küsse mich wieder.«

Etwas später dann, als sie nach Nizza fuhren, dachte sie: Also Spitzbubenaugen soll ich haben? Nun denn, besser ein gesunder Spitzbube als eine geisteskranke Puritanerin ...

Seine Feststellung schien sie von jeglicher Schuld, jeglicher Verantwortung freizusprechen, und sie empfand einen Schauer des Entzückens, als sie sich so anders sah. Neue Ausblicke lagen vor ihr, mit den Gesichtern vieler Männer, denen sie nicht zu gehorchen, die sie nicht einmal zu lieben brauchte. Sie zog die Luft ein, machte die Schultern krumm, schüttelte sich ein wenig und sagte, zu Tommy gewandt:

»Müssen wir wirklich das ganze Stück bis zu deinem Hotel in Monte Carlo fahren?«

Mit einem Kreischen der Reifen hielt der Wagen.

»Nein«, antwortete er. »Mein Gott, ich bin noch nie so glücklich gewesen wie in diesem Augenblick.«

Sie waren durch Nizza gefahren, entlang der blauen Küstenlinie, und hatten begonnen, die Steigung nach der höherliegenden Corniche zu nehmen. Nun bog Tommy scharf nach unten am Strand ein, fuhr über eine runde Halbinsel und hielt an der Rückseite eines kleinen Strandhotels.

Dessen greifbares Vorhandensein ängstigte Nicole zuerst. Am Empfangstisch stritt sich ein Amerikaner endlos mit dem Angestellten über den Wechselkurs. Äußerlich ruhig, aber innerlich unglücklich stand sie und wartete, während Tommy den polizeilichen Meldezettel mit seinem richtigen und einem falschen Namen für sie ausfüllte. Ihr Zimmer war ein typisches Mittelmeer-Zimmer: nahezu asketisch, nahezu sauber, zum grellen Licht der See hin verdunkelt. Das primitivste Vergnügen – die primitivste Umgebung. Tommy bestellte zwei Kognaks, dann, als sich die Tür hinter dem Kellner geschlossen hatte, saß er in dem einzigen Stuhl, dunkel, voller Narben und schön, seine Augenbrauen aufwärts gebogen, ein kämpfender Puck, ein ernsthafter Teufel.

Bevor sie den Kognak ausgetrunken hatten, bewegten sie sich plötzlich gleichzeitig, standen auf und gingen aufeinander zu; dann setzten sie sich aufs Bett, und er küßte ihre kräftigen Knie. Zuerst wehrte sie sich noch etwas wie ein gefangenes Tier, dann vergaß sie Dick und ihre neuen Augen, vergaß sogar Tommy und versank tief und immer tiefer in die Minuten und in den Augenblick.

... Als er aufstand, um den Fensterladen zu öffnen und um festzustellen, was den zunehmenden Lärm unter ihren Fenstern verursachte, schien seine Gestalt mit den Lichtreflexen auf den Muskelpartien dunkler und kräftiger als Dicks Gestalt. Zur Zeit hatte auch er Nicole vergessen – fast im gleichen Augenblick, als ihre Körper sich voneinander lösten, ahnte sie, daß alles anders werden würde, als sie geglaubt hatte. Sie empfand die undefinierbare Furcht, die jeder Gemütsbewegung, ob sie nun freudig oder traurig ist, so unweigerlich vorangeht wie Donnergrollen einem Gewitter.

Tommy spähte vorsichtig vom Balkon und berichtete:

»Ich kann nichts anderes entdecken als zwei Frauen auf dem Balkon unter unserem. Sie unterhalten sich übers Wetter und wiegen sich in amerikanischen Schaukelstühlen vor- und rückwärts.«

»Und machen soviel Lärm dabei?«

»Der Lärm kommt von irgendwo weiter unten. Hör zu.«

»Im Süden drunten im Baumwolland
Hotels verkommen, Geschäfte erbärmlich ich fand,
Sieh nicht hin –«

»Das sind Amerikaner.«

Nicole streckte auf dem Bett ihre Arme weit von sich und starrte die Zimmerdecke an; der Puder auf ihrer Haut war feucht geworden und bildete eine milchige Schicht. Ihr gefiel die Dürftigkeit des Zimmers, das Summen der einsamen Fliege, die über ihrem Kopf kreiste. Tommy brachte den Stuhl ans Bett und fegte die Kleider herunter, um sich zu setzen. Ihr gefiel es, wie sich ihre hauchdünnen Kleidungsstücke und Stoffschuhe auf dem Fußboden zu seinen derben Leinensachen gesellten.

Er betrachtete den länglichen, weißen Rumpf, an den sich die gebräunten Gliedmaßen und der Kopf unvermittelt anschlossen, und sagte mit feierlichem Lachen:

»Du bist ganz neu, wie ein Säugling.«

»Mit spitzbübischen Augen.«

»Auf die werde ich aufpassen.«

»Es ist sehr schwer, auf spitzbübische Augen aufzupassen – noch dazu, wenn sie in Chicago hergestellt sind.«

»Ich kenne alle Hausmittel der Languedoc-Bauern.«

»Küß meine Lippen, Tommy.«

»Das ist echt amerikanisch«, sagte er und küßte sie trotzdem. »Das letztemal, als ich in Amerika war, gab es Mädchen, die dem andern und sich selbst die Lippen zerfleischten, bis ihre Gesichter rings um den Mund rot von verschmiertem Blut waren – aber weiter erfolgte nichts.«

Nicole stützte sich auf einen Ellbogen.

»Mir gefällt dieses Zimmer«, sagte sie.

Tommy blickte umher.

»Ich finde es etwas dürftig. Liebling, ich bin glücklich, daß du nicht bis Monte Carlo warten wolltest.«

»Wieso dürftig? Ich finde, es ist ein herrliches Zimmer, Tommy – wie die leeren Tische auf so vielen Cézannes und Picassos.«

»Ich weiß nicht.« Er gab sich keine Mühe, sie zu verstehen. »Da, wieder der Lärm! Mein Gott, ist da jemand ermordet worden?«

Er ging ans Fenster und berichtete von neuem:

»Es scheinen zwei amerikanische Matrosen zu sein, die sich prügeln, und verschiedene andere, die sie durch Zurufe anfeuern. Sie sind von eurem Kriegsschiff, das vor der Küste liegt.« Er nahm ein Handtuch um und trat weiter auf den Balkon hinaus. »Sie haben Weiber dabei. Davon habe ich schon gehört – die Frauen folgen ihnen von Ort zu Ort, wohin das Schiff fährt. Aber was sind das für Frauenzimmer! Man sollte meinen, bei ihrer Heuer sollten sie bessere Frauen finden können! Wenn ich an die Frauen denke, die Korniloff nachliefen! Unter einer Tänzerin haben wir es nicht gemacht!«

Nicole freute sich, daß er so viele Frauen gekannt hatte, so daß das Wort als solches keinen Eindruck auf ihn machte. Sie würde imstande sein, ihn zu halten, solange ihre Persönlichkeit die Gegebenheiten ihres Körpers übertraf.

»Immer feste, hau ihn!«

»Hoooh – ruck!«

»Heda, gleich werd' ich dir eins verpassen!«

»Komm ran, Dulschmit, Hundeseele!«

»Hooh-hooh-hooh!«

»Heeh – uuiii – haah!«

Tommy wandte sich weg.

»Dieses Zimmer scheint seinen Zweck erfüllt zu haben, meinst du nicht auch?«

Sie pflichtete ihm bei, aber bevor sie sich anzogen, umarmten sie sich noch einmal, und dann schien das Zimmer eine ganze Weile seinen Zweck so gut zu erfüllen wie nur eins ...

Als sie sich endlich ankleideten, rief Tommy:

»Mein Gott, diese beiden Frauen in den Schaukelstühlen auf dem unteren Balkon haben sich nicht gerührt. Sie versuchen ihr Gesprächsthema totzuhetzen. Sie verleben hier billige Ferien, und die ganze amerikanische Flotte und alle Huren Europas sind nicht imstande, sie ihnen zu verderben.«

Leise kam er zu ihr herüber und umfing sie, dabei rückte er mit den Zähnen das Achselband ihres Unterkleides zurecht; draußen zerriß plötzlich ein Ton die Luft: KR – ACH – BUUUM-M-M! Das Kriegsschiff gab das Signal zur Heimkehr.

Nun brach unter ihrem Fenster ein Höllenlärm los – denn das Schiff sollte mit unbekanntem Ziel in See stechen. Kellner stellten Rechnungen aus und baten mit erregten Stimmen um Begleichung; Flüche und Weigerungen waren zu hören, das Zurückweisen zu hoher Beträge und nicht stimmenden Wechselgeldes; den Abfahrenden wurde in die Boote geholfen, und die knappen Kommandos der Flottenpolizei übertönten alle übrigen Stimmen. Als die erste Barkasse abstieß, gab es Schreie, Tränen, Gekreisch und Versprechen, und die Weiber drängten schreiend und winkend zum Kai vor.

Tommy sah ein Mädchen auf den unteren Balkon hinausstürzen und mit einer Serviette winken, und bevor er feststellen konnte, ob die schaukelnden Engländerinnen sich endlich geschlagen geben und von dem Trubel Kenntnis nehmen würden, klopfte es an ihre eigene Tür. Erregte weibliche Stimmen draußen veranlaßten sie, die Tür zu öffnen, und sie sahen zwei junge, schlanke, fremdländische Mädchen im Treppenflur stehen. Die eine weinte schluchzend.

»Können wir von Ihrem Altan aus winken?« flehte die andere in erregtem Amerikanisch. »Ja? Können wir, bitte? Unseren Jungs winken? Bitte erlauben Sie es uns. Die anderen Zimmer sind alle verschlossen.«

»Mit Vergnügen«, sagte Tommy.

Die Mädchen stürzten hinaus auf den Balkon, und alsbald erhob sich ihr lauter Diskant über den Lärm.

»Wiedersehen, Charlie! Guck hier herauf!«

»Schick'n postlagerndes Telegramm nach Nizza!«

»Charlie! Er sieht mich nicht.«

Das eine der Mädchen hob plötzlich ihren Rock hoch, zog und zerrte an ihren rosa Schlüpfern und zerriß sie zu einer ansehnlichen Fahne, die sie wild schwenkte, indem sie »Ben! Ben!« schrie. Als Tommy und Nicole aus dem Zimmer gingen, flatterte der rosa Fetzen immer noch gegen den blauen Himmel – oh, sag, kann man ihm nicht noch die zarte Farbe des Fleisches ansehen? –, während am Heck des Kriegsschiffes, wie in Konkurrenz dazu, das Sternenbanner hochging.

Sie speisten im neuen Strandkasino in Monte Carlo ... und viel später badeten sie in Beaulieu in einer ungedeckten Grotte voll weißen Mondlichts, in einer Mulde voll phosphoreszierenden Wassers, die von einem Ring fahler Felsblöcke umgeben war, und von wo aus man Monaco und – verschwommen – Mentone liegen sah. Nicole fand es schön, daß er sie dorthin gebracht hatte in eine östliche Traumwelt mit ungeahnten Wirkungen von Wind und Wasser; alles war so neu, wie sie beide füreinander waren. Symbolisch genommen lag sie quer über seinem Sattel, so als hätte er sie gewaltsam aus Damaskus entführt und wäre mit ihr durch die mongolische Steppe geritten. Von einer Minute zur anderen fiel alles von ihr ab, was Dick sie gelehrt hatte, und sie näherte sich immer mehr dem Wesen, das sie von Anbeginn gewesen war, ein Beispiel für das rätselhafte Strecken der Waffen, wie es in der Welt um sie her geschah. Verstrickt in Liebe, inmitten des Mondscheins, war sie beglückt von der Zügellosigkeit ihres Geliebten.

Sie erwachten zusammen, als der Mond untergegangen und die Luft kühl geworden war. Sie raffte sich auf und fragte, wieviel Uhr es sei, und Tommy sagte mit rauher Stimme: »Drei Uhr.«

»Dann muß ich nach Hause.«

»Ich dachte, wir würden in Monte Carlo übernachten.«

»Nein. Da ist eine Erzieherin, und da sind die Kinder. Ich muß vor Tagesanbruch heimkommen.«

»Wie du meinst.«

Sie gingen schnell noch einmal ins Wasser, und als er sah, daß sie fröstelte, rieb er sie tüchtig mit einem Handtuch ab. Als sie sich mit noch feuchtem Haar, die Haut frisch und glühend, in den Wagen setzten, hatten sie gar keine Lust, zurückzufahren. Es war herrlich dort, wo sie waren, und als Tommy sie küßte, fühlte sie, wie er sich an die Blässe ihrer Wangen verlor, an ihre weißen Zähne, die kühlen Brauen und die Hand, die sein Gesicht berührte. Noch ganz auf Dick eingestellt, wartete sie auf eine Erklärung oder einen Kommentar, aber es kam nichts. Beruhigt, schläfrig und glücklich darüber, daß nichts erfolgte, versank sie tief im Sitz und schlummerte, bis das veränderte Geräusch des Motors ihr anzeigte, daß sie die Steigung zur Villa Diana hinauf nahmen. An der Pforte küßte sie ihn nahezu automatisch zum Abschied. Das Geräusch ihrer Schritte auf dem Weg klang verändert, die nächtlichen Laute des Gartens gehörten mit einem Male der Vergangenheit an, aber trotzdem war sie froh, wieder zurück zu sein. Der Tag war wie ein Stakkato gewesen, und wenn er ihr auch Beglückungen gebracht hatte, so war sie solche Anspannung nicht gewöhnt.

 << Kapitel 57  Kapitel 59 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.