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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 56
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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VI

Am nächsten Morgen kam Dick früh in Nicoles Zimmer. »Ich habe gewartet, bis ich hörte, daß du auf bist. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß mir wegen gestern abend kläglich zumute ist – aber wie wäre es, wenn wir keine Leichenreden hielten?«

»Mir ist es recht«, meinte sie kühl.

»Hat Tommy uns nach Hause gefahren? Oder habe ich es geträumt?«

»Du weißt, daß er es getan hat.«

»Es ist offenkundig der Fall«, gab er zu, »da ich ihn gerade husten gehört habe. Ich denke, ich werde ihm einen Besuch abstatten.«

Sie war froh, als er draußen war, denn sie bemerkte eigentlich zum erstenmal in ihrem Leben, daß ihn seine schreckliche Eigenschaft, recht zu haben, offenbar verlassen hatte.

Tommy bewegte sich im Bett und erwachte, um seinen Milchkaffee zu sich zu nehmen.

»Wie fühlst du dich?« fragte Dick.

Als Tommy über Halsschmerzen klagte, nahm er eine berufliche Haltung an.

»Du solltest mit irgend etwas gurgeln.«

»Hast du etwas da?«

»Merkwürdigerweise nicht – aber wahrscheinlich hat Nicole etwas.«

»Bemühe sie nicht.«

»Sie ist auf.«

»Wie geht es ihr?«

Dick drehte sich langsam um. »Hast du geglaubt, sie wäre gestorben, weil ich betrunken war?« Er sprach in liebenswürdigem Ton. »Nicole ist jetzt aus – aus Georgia-Kiefernholz geschnitzt – dem härtesten Holz, das man kennt, außer dem Lignum vitae aus Neuseeland –«

Nicole, die hinunterging, hörte den Schluß der Unterhaltung mit an. Sie wußte, so wie sie es seit jeher gewußt hatte, daß Tommy sie liebte; sie wußte, daß er eine Abneigung gegen Dick gefaßt hatte und daß Dick, der das früher gemerkt hatte als Tommy, auf irgendeine positive Art auf die unglückliche Leidenschaft des Mannes reagieren würde. Als Folge dieses Gedankenganges stellte sich ein echt weibliches Gefühl von Genugtuung ein. Sie beugte sich über den Frühstückstisch ihrer Kinder und erteilte der Erzieherin Aufträge, während oben die Gedanken zweier Männer um sie kreisten.

Später dann, im Garten, war sie glücklich; sie wünschte sich nicht, daß irgend etwas geschehen sollte, nur daß der Zustand anhielte, in dem die beiden Männer sie sich gegenseitig zuwarfen wie einen Ball; sie hatte ja so lange nicht existiert – nicht einmal als Ball.

»Fein, ihr Kaninchen, nicht wahr? – Heda, Kaninchen – he, du! Ist es nicht schön? – Oder kommt es dir sonderbar vor?«

Das Kaninchen, dessen Erfahrung praktisch in nichts plus Kohlblättern bestand, stimmte, nachdem es ein paarmal prüfend mit der Nase geschnuppert hatte, zu.

Nicole machte ihren gewohnten Gang durch den Garten. Sie ließ die Blumen, die sie abschnitt, an vereinbarten Stellen liegen, damit sie später vom Gärtner ins Haus gebracht würden. Als sie an die Seemauer kam, geriet sie in mitteilsame Stimmung, und niemand war da, dem sie sich hätte mitteilen können, darum blieb sie stehen und dachte nach. Sie war einigermaßen entsetzt darüber, daß sie sich für einen anderen Mann interessierte – aber andere Frauen haben Liebhaber – warum nicht ich? Inmitten des schönen Frühlingsmorgens fielen die von den Männern errichteten Schranken, und sie ließ ihre Gedanken wandern, unbekümmert wie eine Blume, während der Wind in ihren Haaren zauste, bis der Kopf sich mit ihm bewegte. Andere Frauen haben Liebhaber gehabt – dieselben Kräfte, die sie dazu gebracht hatten, sich Dick am Abend vorher nahezu auf Leben und Tod auszuliefern, ließen sie jetzt dem Winde zunicken, zufrieden und glücklich in dem Gedanken: ›Warum nicht auch ich?‹

Sie setzte sich auf die niedrige Mauer und blickte auf die See hinab. Aus einem anderen Meer jedoch – der weiten Dünung der Phantasie – hatte sie etwas Greifbares herausgefischt, um es zu ihrer übrigen Beute zu legen. Wenn sie im Geiste nicht für immer eins sein wollte mit Dick, wie er sich ihr in der Nacht vorher gezeigt hatte, so mußte sie noch etwas darüber hinaus sein, nicht nur ein Abbild in seinem Inneren, wie auf dem Rund einer Schaumünze zu endlosem Gepränge verdammt.

Nicole hatte diesen Teil der Mauer zum Sitzen gewählt, weil die Klippe unmerklich in eine abschüssige Wiese mit einem bebauten Gemüsegarten überging. Durch ein Gewirr von Zweigen sah sie zwei Männer, die Rechen und Spaten trugen und sich in einem Gemisch von Nizzaer und provenzalischer Mundart unterhielten. Auf ihre Worte und Gebärden aufmerksam geworden, erfaßte sie deren Sinn:

»Hier habe ich sie hingelegt.«

»Ich habe sie dort hinter die Weinstöcke mitgenommen.«

»Ihr ist es einerlei – und ihm auch. Es war dieser verdammte Hund. Also, ich habe sie hier hingelegt –«

»Hast du den Rechen?«

»Du hast ihn ja selbst, Döskopp.«

»Nun, mir ist es gleichgültig, wohin du sie gelegt hast. Bis zu der Nacht hatte ich, seit meiner Heirat – vor zwölf Jahren – nicht wieder die Brust einer Frau an meiner Brust gefühlt. Und jetzt erzählst du mir –«

»Aber hör zu, was mit dem Hund war –«

Nicole beobachtete sie durch die Zweige hindurch; ihr schien richtig, was sie sagten – ein Ding war gut für den einen, das andere für den anderen. Dennoch war es eine männliche Welt, die sie soeben belauscht hatte; als sie zum Haus zurückging, kamen ihr wieder Bedenken.

Dick und Tommy waren auf der Terrasse. Sie ging zwischen ihnen hindurch ins Haus, brachte einen Zeichenblock heraus und fing an, Tommys Kopf zu skizzieren.

»Die Hände niemals müßig – der Spinnrocken in Bewegung«, sagte Dick leichthin. Wie konnte er so trivial daherreden, während das Blut noch nicht in seine Wangen zurückgekehrt war, so daß sein bräunlicher Bart rot wirkte wie seine Augen? Sie wandte sich zu Tommy:

»Ich kann mich immer beschäftigen. Ich habe einmal einen niedlichen polynesischen Affen besessen und konnte ihm stundenlang Kunststücke beibringen, bis die Leute anfingen, die häßlichsten, gröbsten Witze darüber zu machen –«

Sie sah Dick absichtlich nicht an. Kurz darauf entschuldigte er sich und ging hinein – sie beobachtete, wie er sich zwei Gläser Wasser eingoß, und verhärtete sich noch mehr.

»Nicole«, setzte Tommy an, unterbrach sich jedoch, um sich zu räuspern.

»Ich werde dir eine Spezial-Kampfereinreibung holen«, meinte sie. »Etwas Amerikanisches – Dick hält viel davon. Warte noch eine Minute.«

»Ich muß gehen – wirklich.«

Dick kam heraus und setzte sich. »Hält viel – wovon?«

Als sie mit dem Salbentopf zurückkam, hatte sich keiner der Männer vom Platz gerührt, und doch spürte sie, daß sie irgendeine lebhafte Unterhaltung über nichts geführt hatten.

Der Chauffeur war an der Tür; er brachte in einer Reisetasche Tommys Kleider vom Abend vorher. Der Anblick Tommys in ausgeliehenen Sachen von Dick stimmte sie grundlos traurig, so, als könne sich Tommy solche Kleidung nicht leisten.

»Wenn du ins Hotel kommst, reib dir den Hals und die Brust damit ein und inhaliere es«, sagte sie.

»Hör zu«, murmelte Dick, als Tommy die Treppe hinunterging, »gib ihm nicht den ganzen Topf mit – man muß das Zeug aus Paris kommen lassen – hier ist es ausgegangen.«

Tommy kam wieder in Hörweite, und alle drei standen in der Sonne, Tommy direkt vor dem Wagen, so daß es schien, als würde er ihn sich auf den Rücken kippen, wenn er sich vorbeugte.

Nicole ging zur Straße hinunter.

»Hier, halt es fest«, riet sie ihn. »Es ist etwas sehr Seltenes.«

Sie merkte, wie Dick neben ihr schweigsam wurde, tat einen Schritt von ihm fort und winkte, als der Wagen mit Tommy und der Spezial-Kampfereinreibung davonfuhr. Dann kehrte sie sich ab, um ihre eigene Medizin einzunehmen.

»Diese Geste war unnötig«, sagte Dick. »Wir sind hier zu viert – und seit Jahren, wenn jemand hustet –«

Sie blickten einander an.

»Wir können jederzeit wieder einen Topf mit Salbe bekommen –« Unlustig folgte sie ihm nach oben, wo er sich auf sein Bett legte und nichts sagte.

»Willst du, daß dir der Lunch hier heraufgebracht wird?« fragte sie.

Er nickte und lag weiter ruhig da und starrte hinauf zur Decke. Unschlüssig ging sie hinunter, um den Lunch zu bestellen. Wieder oben angelangt, warf sie einen Blick in sein Zimmer – seine blauen Augen spielten wie Scheinwerfer auf einem dunklen Himmel. Sie stand einen Augenblick auf der Schwelle, war sich der Sünde bewußt, die sie an ihm begangen hatte, und fürchtete sich beinahe, einzutreten ... Sie streckte ihre Hand aus, als wollte sie ihm über den Kopf streichen, aber er wandte sich ab wie ein argwöhnisches Tier. Nicole konnte es nicht länger aushalten; wie ein in Furcht versetztes Küchenmädchen jagte sie die Treppe hinunter und fragte sich voller Angst, wie der heimgesuchte Mann dort oben weiter leben sollte, wenn sie fortfahren würde, ihm das Herzblut aus der verdorrten Brust zu saugen.

Nach einer Woche hatte Nicole ihre Entflammtheit für Tommy vergessen – sie hatte kein gutes Gedächtnis für Menschen und vergaß sie schnell. Aber beim ersten heißen Wind im Juni hörte sie, daß er in Nizza sei. Er schrieb ein Briefchen an sie beide – und sie öffnete es unter dem Sonnenschirm, zusammen mit der übrigen Post, die sie von zu Hause mitgebracht hatten. Nachdem sie es gelesen hatte, warf sie es zu Dick hinüber, und dafür warf er ein Telegramm in den Schoß ihres Strandpyjamas:

»Ihr Lieben werde morgen bei Gausse sein leider ohne Mutter erwarte euch zu sehen

Rosemarie.«

»Es wird mir ein Vergnügen sein, sie zu sehen«, sagte Nicole grimmig.

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