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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 54
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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IV

Divers wollten an die Riviera zurückkehren, die für sie Heimat bedeutete. Villa Diana war für den Sommer wieder vermietet, darum verbrachten sie die Zwischenzeit teils in deutschen Badeorten, teils in französischen Städten mit Kathedralen, wo sie immer ein paar Tage lang glücklich waren. Dick schrieb ein wenig, ohne besondere Methode; es war einer jener Lebensabschnitte, die eigentlich Erwartung sind – nicht in bezug auf Nicoles Gesundheit, die auf Reisen prächtig gedieh, auch nicht hinsichtlich der Arbeit, sondern einfach Erwartung an sich. Der Faktor, der dieser Periode einen Inhalt verlieh, waren die Kinder.

Dicks Interesse an ihnen wuchs mit ihrem Alter; sie waren jetzt elf und neun. Über die Köpfe der Angestellten hinweg beschäftigte er sich mit ihnen, nach dem Prinzip, daß sowohl der auf Kinder ausgeübte Zwang als auch die Angst vor solchem Zwang unzulängliche Surrogate sind für die ständige, sorgfältige Wachsamkeit, das Prüfen, Ausgleichen und Berechnen von Konten, mit dem Ziel, ein Abgleiten unter ein gewisses Pflichtniveau zu verhindern. So kam es, daß er sie viel besser kannte als Nicole, und wenn ihn der Wein der verschiedenen Länder in mitteilsame Stimmung versetzt hatte, schwatzte und spielte er eifrig mit ihnen. Sie besaßen jenen wehmütigen Scharm, eine gewisse Traurigkeit, wie sie Kindern eigen ist, die früh gelernt haben, nicht frei heraus zu weinen oder zu lachen. Anscheinend kannten sie kein Obermaß an Gefühl, sondern waren zufrieden mit einfacher Ordnung und einfachen Freuden, die ihnen gestattet waren. Sie führten das geebnete Leben, das die Erfahrung alter Familien der westlichen Welt als richtig erkannt hatte: sie wurden erzogen, nicht herausgestellt. So fand Dick zum Beispiel, daß für die Entwicklung der Beobachtungsgabe nichts so dienlich sei wie Schweigenmüssen.

Lanier war ein unberechenbarer Junge mit übermenschlichem Wissensdrang. »Wieviel Zungenspitzen würden nötig sein, um einen Löwen abzulenken, Vater?« war eine der typischen Fragen, mit denen er Dick plagte. Topsy war einfacher. Sie war neun Jahre alt, sehr blond und sah Nicole außerordentlich ähnlich, eine Tatsache, die Dick früher beunruhigt hatte. Letzthin war sie so robust geworden wie jedes andere amerikanische Kind. Er war zufrieden mit beiden, ließ sie das jedoch nur stillschweigend merken. Verstöße gegen gutes Benehmen ließ man ihnen nicht durchgehen. »Entweder man lernt Höflichkeit zu Hause«, sagte Dick, »oder das Leben bringt sie einem mit der Peitsche bei, und das kann Verletzungen mit sich bringen. Was kümmert es mich, ob Topsy mich ›anbetet‹ oder nicht. Ich erziehe sie ja nicht, damit sie meine Frau wird.«

Noch etwas anderes kennzeichnete für Divers diesen Sommer und Herbst: der Überfluß an Geld. In Anbetracht des ausgezahlten Anteils an den Klinik und der Entwicklung in Amerika war jetzt so viel davon vorhanden, daß allein schon das Geldausgeben und die Verwaltung des Gekauften sie völlig in Anspruch nahm; der Stil, in dem sie reisten, schien geradezu märchenhaft.

Betrachten wir sie, zum Beispiel, wenn der Zug sein Tempo vor Boyen verlangsamt, dem sie einen vierzehntägigen Besuch abzustatten gedenken. Der Umzug aus dem Schlafwagen hatte an der italienischen Grenze begonnen. Das Dienstmädchen der Erzieherin und Frau Divers Dienstmädchen waren aus der zweiten Klasse gekommen, um beim Gepäck und bei den Hunden behilflich zu sein. Mademoiselle Bellois wird das Handgepäck beaufsichtigen und überläßt dem einen Mädchen die Sealyhams, dem anderen das Pekinesenpärchen. Es braucht nicht unbedingt Mangel an Geist zu sein, der eine Frau veranlaßt, sich mit Leben zu umgeben – es kann auch ein Überfluß an Interessen sein, und außer während ihrer Krankheitsfälle war Nicole sehr wohl imstande, allem vorzustehen. Da ist zum Beispiel die große Anzahl schwerer Gepäckstücke: vier Schrankkoffer, ein Schuhkoffer, drei Hutkoffer und zwei Hutschachteln, ein Verschlag mit Dienstbotengepäck, eine Reisekartothek, eine Reiseapotheke, ein Spirituskocher mit Behälter, eine Picknick-Ausrüstung, vier Tennisschläger in Spannern und Futteralen, ein Grammophon, eine Schreibmaschine – all das würde gleich aus dem Gepäckwagen ausgeladen werden. In dem für die Familie und ihre Begleitung bestimmten Raum waren außerdem noch zwei Dutzend Handtaschen, Beutel und Pakete verstaut, alle, bis hinab zur Schirmhülle, numeriert. So konnte alles innerhalb von zwei Minuten auf jedem Bahnsteig nachgeprüft – einiges für die Gepäckaufbewahrung, einiges zum Mitnehmen bestimmt werden – an Hand der »kleinen Reiseliste« oder der »großen Reiseliste«, die ständig revidiert wurden und sich auf Tafeln mit Metallecken in Nicoles Tasche befanden. Sie hatte sich dieses System schon als Kind ausgedacht, als sie mit ihrer Mutter reiste, die in dieser Hinsicht versagte. Es entsprach dem System eines Nachschuboffiziers, der an die Ernährung und Ausrüstung von dreitausend Mann denken muß.

Divers strömten aus dem Zug in die aufkommende Dämmerung des Tales hinein. Die Dorfbevölkerung beobachtete das Entladen mit dem gleichen ehrfürchtigen Staunen, das vor hundert Jahren Lord Byrons italienischem Pilgerzug gefolgt war. Ihre Gastgeberin war Contessa di Minghetti, die ehemalige Mary North. Der Werdegang, der in einem Zimmer über einer Tapeziererwerkstatt in New York begonnen hatte, hatte in einer außergewöhnlichen Heirat geendet.

»Conte di Minghetti« war lediglich ein päpstlicher Titel – der Reichtum von Marys Gatten leitete sich von der Tatsache her, daß er Besitzer von Manganlagern im südwestlichen Asien war. Seine Hautfarbe war nicht hell genug, als daß er in den Südstaaten in einem Pullman hätte reisen dürfen; er entstammte der Völkergruppe der Kabylen, Berber, Sabäer und Hindu, die sich über Nordafrika und Asien ausbreitet und den Europäern sympathischer ist als die Mischlingsfratzen der Hafenstädte.

Als diese beiden fürstlichen Haushaltungen, die östliche und die westliche, auf dem Bahnsteig zusammentrafen, erschien der Diversche Prunk schlicht und primitiv im Vergleich zu dem des anderen. Ihre Gastgeber waren begleitet von einem Majordomus, der einen Stab in der Hand trug, einem Quartett von beturbanten Bedienten auf Motorrädern und zwei halbverschleierten weiblichen Wesen, die sich auf orientalische Weise vor Nicole verneigten, die sie durch diese Gebärde aus der Fassung brachten.

Sowohl auf Mary als auch auf Divers wirkte diese Begrüßung einigermaßen komisch; Mary versuchte mit einem kleinen entschuldigenden Lachen den Eindruck abzuschwächen, ihre Stimme jedoch klang, als sie ihren Mann mit seinen asiatischen Titeln vorstellte, stolz und hochfahrend.

Als sich Dick und Nicole in ihren Gemächern zum Dinner umzogen, sahen sie sich mit entsetzten Gesichtern an: diese Sorte von reichen Leuten, die für demokratisch gelten möchte, überschlägt sich im Privatleben nahezu vor Großmannssucht.

»Die kleine Mary North weiß, was sie will«, murmelte Dick aus seinem Rasierschaum hervor. »Abe hat etwas aus ihr gemacht, und nun hat sie einen Buddha geheiratet. Wenn Europa jemals bolschewistisch werden sollte, wird sie als Stalins Frau in Erscheinung treten.«

Nicole drehte sich von ihrer Frisiertoilette um. »Hüte deine Zunge, Dick«, meinte sie, aber sie lachte dabei. »Sie sind große Tiere. Die Kriegsschiffe feuern alle für sie oder schießen Salut oder wie man das nennt. Mary fährt in London in der königlichen Kutsche.«

»Schon gut«, sagte er. Als er hörte, daß Nicole an der Tür nach Stecknadeln fragte, rief er ihr zu: »Ich möchte wissen, ob man etwas Whisky bekommen kann. Ich spüre die Höhenluft.«

»Sie wird welchen beschaffen«, rief Nicole gleich darauf durch die Badezimmertür. »Es war eine von den Frauen, die am Bahnhof waren. Jetzt ist sie ohne Schleier.«

»Was hat dir Mary über ihr Leben erzählt?« fragte er.

»Nicht viel – sie interessierte sich für die vornehme Welt – sie stellte eine Menge Fragen nach meinem Stammbaum und lauter solche Sachen, als wenn ich etwas darüber wüßte. Anscheinend hat der junge Ehemann zwei ziemlich braune Kinder aus einer anderen Ehe – das eine leidet an irgendeiner asiatischen Krankheit, man weiß nicht, was es ist. Ich muß die Kinder warnen. Es klingt mir merkwürdig. Mary möchte wissen, wie wir darüber denken.« Sie stand eine Weile grübelnd da.

»Sie soll es erfahren«, versicherte er. »Wahrscheinlich liegt das Kind im Bett.«

Beim Dinner unterhielt sich Dick mit Hosain, der eine höhere Schule in England besucht hatte. Hosain fragte nach Aktien und nach Hollywood, und Dick, der seine Phantasie mit Sekt aufpeitschte, erzählte ihm unglaubliche Geschichten.

»Billionen?« fragte Hosain.

»Trillionen«, versicherte ihm Dick.

»Ich hätte wirklich nicht geglaubt –«

»Nun, vielleicht sind es Millionen«, lenkte Dick ein. »Jedem Hotelgast wird ein Harem zur Verfügung gestellt – oder zum mindesten, was einem Harem entspricht.«

»Auch den Schauspielern und Regisseuren?«

»Jedem Hotelgast – sogar Handlungsreisenden. Sie versuchten, mir ein Dutzend Amerikanerinnen heraufzuschicken, aber Nicole war nicht dafür zu haben.«

Als sie in ihrem Zimmer allein waren, machte ihm Nicole Vorwürfe. »Wozu dies Feuerwerk? Warum hast du ihn derartig ›auf den Arm genommen‹, wie du es nennst?«

»Entschuldige, ich konnte ihn doch nicht auf den Fuß nehmen.«

»Dick, das sieht dir nicht ähnlich.«

»Entschuldige nochmals. Ich sehe mir selbst nicht mehr ähnlich.«

In der Nacht öffnete Dick ein Fenster des Badezimmers, das auf einen engen, schlauchförmigen Hof des Schlosses blickte; der Hof war grau wie Mäuse, tönte jedoch in diesem Augenblick von einer klagenden, seltsamen Musik wider, traurig wie Flötenspiel. Zwei Männer sangen in einer östlichen Sprache oder Mundart voller K- und L-Laute – er lehnte sich hinaus, doch konnte er sie nicht erblicken. Offenbar wohnte den Tönen eine religiöse Bedeutung inne, wie einem Gebet, und müde und gleichgültig ließ er es zu, daß sie auch für ihn mitbeteten, ohne zu wissen, wofür, außer vielleicht, daß er sich nicht in seiner wachsenden Melancholie verlieren möge.

Am nächsten Tag schossen sie auf einem spärlich bewaldeten Bergabhang magere Vögel – entfernte, armselige Verwandte des Rebhuhns. Es geschah in vager Anlehnung an den englischen Brauch, mit einer Menge unerfahrener Treiber, die er nur darum nicht traf, weil er über ihre Köpfe hinweg einfach in die Luft schoß.

Als sie zurückkehrten, wartete Lanier in ihrem Zimmer.

»Vater, du hast mir doch gesagt, ich sollte dir sofort erzählen, wenn wir dem kranken Jungen nahekämen.«

Nicole drehte sich heftig um – augenblicklich sprungbereit.

»Also, Mutter«, fuhr er, sich an sie wendend, fort, »der Junge badet jeden Abend, und heute badete er direkt vor mir, und ich mußte in seinem Wasser baden, und es war schmutzig.«

»Was? Was soll das heißen?«

»Ich sah, wie sie Tony herausnahmen, und dann riefen sie mich herein, und das Wasser war schmutzig.«

»Ja – bist du denn hineingestiegen?«

»Ja, Mutter.«

»Großer Gott!« rief sie, zu Dick gewandt.

Er fragte: »Warum hat Lucienne dein Bad nicht zubereitet?«

»Lucienne kann es nicht. Der Boiler ist komisch – sie kann nicht heranreichen und hat sich gestern abend den Arm verbrüht. Nun hat sie Angst davor, und darum hat es eine von den beiden Frauen –«

»Geh in unser Badezimmer und nimm augenblicklich ein Bad.«

»Sagt nicht, daß ich es euch gesagt habe«, sagte Lanier von der Türschwelle aus.

Dick ging hinein und spülte die Wanne mit Schwefellösung aus; nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, sagte er zu Nicole:

»Entweder wir müssen mit Mary sprechen oder zusehen, daß wir hier wegkommen.«

Sie stimmte zu, und er fuhr fort: »Die Leute denken immer, ihre Kinder seien von Natur sauberer als anderer Leute Kinder, und ihre Krankheiten seien weniger ansteckend.«

Dick bediente sich aus der Karaffe und zerkaute, im Rhythmus des einfließenden Wassers im Badezimmer, wütend einen Keks.

»Sag Lucienne, sie muß lernen, mit dem Boiler umzugehen«, schlug er vor. In diesem Augenblick kam die asiatische Frau selbst an die Tür.

»El contessa –«

Dick winkte ihr hereinzukommen und schloß die Tür.

»Geht es dem kleinen kranken Jungen besser?« fragte er.

»Ja, besser, aber er hat noch häufig Ausschläge.«

»Das ist schlimm – es tut mir leid. Aber sehen Sie, unsere Kinder dürfen nicht in seinem Wasser baden. Das kommt nicht in Frage – ich bin überzeugt, Ihre Herrin wäre sehr böse, wenn sie wüßte, daß Sie etwas Derartiges getan haben.«

»Ich?« Sie war wie vom Donner gerührt. »Ich habe lediglich gesehen, wie Ihr Mädchen Schwierigkeiten mit dem Boiler hatte – habe es ihr erklärt und das Wasser angedreht.«

»Aber wenn ein Kranker darin gebadet hat, müssen Sie das Wasser ablassen und die Wanne ausscheuern.«

»Ich?«

Die Frau würgte an einem tiefen Atemzug, ließ ein krampfhaftes Schluchzen vernehmen und stürzte aus dem Zimmer.

»Sie darf sich der westlichen Zivilisation nicht auf unsere Kosten bedienen«, sagte er zornig.

Am Abend, bei Tisch, machte er sich klar, daß der Besuch abgebrochen werden müsse; von seinem eigenen Land schien Hosain nur zu wissen, daß es dort viele Berge und einige Ziegen und Ziegenhirten gab. Er war ein zurückhaltender junger Mann – um ihn aus der Reserve zu locken, hätte es großer Kraftanstrengungen bedurft, die Dick jetzt seiner Familie vorbehielt. Bald nach dem Dinner ließ Hosain Mary mit Divers allein, aber die alte Gemeinsamkeit hatte einen Knacks – zwischen ihnen lag die Ruhelosigkeit des gesellschaftlichen Lebens, das Mary im Begriff stand zu erobern. Dick war erleichtert, als Mary um halb zehn ein Briefchen erhielt und sich, als sie es gelesen hatte, erhob.

»Ihr müßt mich entschuldigen. Mein Mann geht auf eine kurze Reise, und ich muß zu ihm.«

Am nächsten Morgen folgte Mary dem Dienstmädchen, das Kaffee brachte, auf den Fersen und betrat Divers Zimmer. Sie war angezogen, während das Ehepaar noch nicht angezogen war, und sie erweckte den Eindruck, als sei sie schon einige Zeit auf. Ihr Gesicht war verzerrt in krampfhafter Wut.

»Was ist das für eine Geschichte, daß Lanier in schmutzigem Wasser gebadet haben soll?«

Dick versuchte zu widersprechen, aber sie schnitt kurz ab:

»Was soll das heißen, daß du der Schwester meines Mannes befohlen hast, Laniers Wanne auszuscheuern?«

Sie blieb stehen und starrte sie an, wie sie, ohnmächtig wie Götzenbilder, mit den Tabletts beschwert in ihren Betten saßen. Gleichzeitig riefen beide: »Seine Schwester!«

»Daß ihr einer seiner Schwestern befohlen habt, eine Wanne auszuscheuern!«

»Das haben wir nicht getan –« Ihre Stimmen klangen zusammen, als sie gleichzeitig dasselbe sagten. »Ich habe mit der eingeborenen Dienerin gesprochen –«

»Du hast mit Hosains Schwester gesprochen.«

Dick brachte nichts anderes heraus als: »Ich dachte, es seien zwei Dienerinnen.«

»Es ist euch gesagt worden, daß es Himadoun sind.«

»Was?«

Dick sprang aus dem Bett und warf einen Schlafrock über.

»Ich habe es euch vorgestern abend erklärt, als wir am Klavier standen. Ihr wollt mir doch nicht weismachen, daß ihr zu beschwipst wart, um es zu begreifen.«

»Hast du darüber gesprochen? Ich hatte den Anfang nicht mitbekommen. Wir brachten es nicht in Verbindung mit – sahen keinen Zusammenhang, Mary. Das einzige, was wir tun können ist, zu ihr zu gehen und sie um Verzeihung zu bitten.«

»Zu ihr gehen und um Verzeihung bitten! Ich erzählte euch, daß, wenn das älteste Mitglied der Familie – wenn der Älteste heiratet, die zwei ältesten Schwestern es übernehmen, Himadoun – das heißt Ehrendamen seiner Frau – zu sein.«

»Ist das der Grund, warum Hosain gestern abend verreist ist?«

Mary zögerte, dann nickte sie.

»Er mußte – sie sind alle fort. Seine Ehre erfordert es.«

Jetzt waren beide Divers auf und zogen sich an; Mary fuhr fort:

»Und was ist das für eine Geschichte mit dem Badewasser? Als wenn in diesem Hause so etwas passieren könnte! Wir wollen Lanier darüber befragen.«

Dick saß auf der Bettkante und gab Nicole durch eine geheime Gebärde zu verstehen, daß sie die Sache in die Hand nehmen sollte. Inzwischen ging Mary an die Tür und sprach italienisch mit einem Diener.

»Warte einen Augenblick«, sagte Nicole. »Ich will das nicht haben.«

»Ihr habt uns beschuldigt«, erwiderte Mary in einem Ton, wie sie ihn Nicole gegenüber nie zuvor angeschlagen hatte. »Jetzt habe ich das Recht, Untersuchungen anzustellen.«

»Ich will nicht, daß das Kind hergebracht wird.« Nicole warf sich die Kleider über, als wenn sie ein Kettenpanzer seien.

»Schon gut«, sagte Dick. »Bring Lanier her. Wir wollen diese Badewannenangelegenheit ins reine bringen – ob wahr oder unwahr.«

Lanier – noch verschlafen und halb bekleidet – blickte in die ärgerlichen Gesichter der Erwachsenen.

»Hör zu, Lanier«, sagte Mary, »wie kommst du darauf, zu glauben, du seist in schon benutztem Wasser gebadet worden?«

»Sprich«, fügte Dick hinzu.

»Es war eben schmutzig, das ist alles.«

»Konntest du nicht von deinem Zimmer nebenan das frische Wasser einlaufen hören?«

Die Möglichkeit gab Lanier zu, doch wiederholte er seine Behauptung – das Wasser sei schmutzig gewesen. Er war etwas verängstigt und suchte nach einem Ausweg:

»Es konnte nicht einlaufen, weil –«

Sie nagelten ihn fest:

»Warum nicht?«

Wie er in seinem kleinen Kimono dastand, erweckte er das Mitgefühl seiner Eltern, gleichzeitig aber Marys Ungeduld – dann sagte er:

»Das Wasser war schmutzig, es war voller Seifenschaum.«

»Wenn du nicht genau weißt, was du sagst«, begann Mary, aber Nicole unterbrach sie.

»Halt, Mary. Wenn schmutzige Schaumflocken im Wasser waren, so ist es nur logisch, daß er es für schmutzig hielt. Sein Vater hatte ihm gesagt, er sollte –«

»Es konnten keine schmutzigen Schaumflocken im Wasser sein.«

Lanier blickte vorwurfsvoll nach seinem Vater, der ihn im Stich gelassen hatte. Nicole nahm ihn bei den Schultern, drehte ihn um und schob ihn aus dem Zimmer. Dick zerriß die Spannung mit einem Lachen.

Und als ob dieser Ton die Vergangenheit und die alte Freundschaft lebendig gemacht hätte, erkannte Mary, wie weit sie sich von ihnen entfernt hatte und sagte in versöhnlichem Ton: »Kinder sind alle gleich.«

Ihre Bedrücktheit wuchs, als sie sich die Vergangenheit ins Gedächtnis zurückrief. »Es wäre töricht, wegzufahren – Hosain wollte diese Reise sowieso machen. Schließlich seid ihr meine Gäste und habt nun mal diese Dummheit gemacht.« Aber Dick, den die verkehrte Auffassung und das Wort Dummheit noch ärgerlicher gemacht hatten, wandte sich ab, packte seine Sachen zusammen und sagte:

»Das mit den jungen Frauen tut mir zu leid. Ich würde so gern die um Verzeihung bitten, die bei uns im Zimmer war.«

»Wenn ihr nur am Klavier zugehört hättet!«

»Ach, Mary, du warst so verflucht langweilig. Ich habe so lange hingehört, wie ich konnte.«

»Sei still!« riet ihm Nicole.

»Ich gebe ihm das Kompliment zurück«, sagte Mary bitter.

»Leb wohl, Nicole.« Damit verließ sie das Zimmer.

Hiernach war keine Rede davon, daß Mary bei ihrem Abschied zugegen war; der Majordomus leitete den Aufbruch. Dick ließ förmliche Schreiben an Hosain und seine Schwestern zurück. Es blieb ihnen nichts anderes übrig als zu gehen, aber ihnen allen, besonders Lanier, war nicht gut dabei zumute.

»Und es war doch schmutziges Badewasser«, beharrte Lanier in der Eisenbahn.

»Genug davon«, sagte sein Vater. »Du tätest gut daran, es zu vergessen, wenn du nicht willst, daß ich mich von dir scheiden lasse. Weißt du nicht, daß in Frankreich ein neues Gesetz herausgekommen ist, demzufolge man sich von seinen Kindern scheiden lassen kann?«

Lanier brüllte vor Vergnügen, und die Familie Diver war sich wieder einig – doch fragte sich Dick, wie oft das wohl noch geschehen könnte.

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