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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 53
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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III

Eine Woche später, als Dick eines Morgens ins Büro ging, um nach der Post zu sehen, bemerkte er draußen einen ungewöhnlichen Tumult: Der Patient Von Cohn Morris reiste ab. Seine Eltern, Australier, verstauten sein Gepäck mit heftigen Bewegungen in eine große Limousine, und neben ihnen stand Doktor Lladislau und setzte sich mit wirkungslosen Gebärden gegen das leidenschaftliche Gestikulieren von Morris dem Älteren zur Wehr. Der junge Mann sah der Verladung mit gleichgültigem Zynismus zu, als Doktor Diver hinzukam.

»Ist das nicht etwas plötzlich, Herr Morris?«

Herr Morris fuhr hoch, als er Dick sah – sein lebhaft gerötetes Gesicht und die großen Karos seines Anzuges schienen aufzuflammen und zu erlöschen wie elektrische Lampen. Er näherte sich Dick, als wolle er ihn schlagen.

»Höchste Zeit, daß wir abfahren, wir und alle, die mit uns gekommen sind«, begann er und holte Atem. »Es ist höchste Zeit, Doktor Diver, höchste Zeit.«

»Wollen Sie nicht in mein Büro kommen?« schlug Dick vor.

»O nein! Ich will mit Ihnen reden, aber ich will nichts mit Ihnen und Ihrer Anstalt zu tun haben.«

»Das tut mir leid.«

Er drohte Dick mit dem Finger. »Ich war gerade dabei, es dem Doktor hier zu sagen. Wir haben unsere Zeit und unser Geld vergeudet.«

Doktor Lladislau machte eine schwach verneinende Bewegung und ließ damit das aalglatte Wesen der Slawen erkennen. Dick hatte Lladislau nie gemocht. Es gelang ihm, den aufgeregten Australier zum Büro hinzudirigieren, und er versuchte, ihn zum Eintreten zu überreden, aber der Mann schüttelte den Kopf.

»Um Sie handelt es sich, Doktor Diver, speziell um Sie. Ich ging zu Doktor Lladislau, weil Sie nicht zu finden waren, Doktor Diver, und weil Doktor Gregorovius nicht vor heute abend zurückerwartet wird, und ich wollte nicht warten. Nein, mein Herr, ich wollte keine Minute länger warten, nachdem mir mein Sohn die Wahrheit erzählt hat.«

Drohend näherte er sich Dick, der seine Hände lose in den Taschen hielt, um ihn abzuwehren, wenn es sich als nötig erweisen sollte. »Mein Sohn ist wegen Alkoholmißbrauchs hier, und er hat uns erzählt, daß Ihr Atem nach Schnaps gerochen hat. Jawohl!« Witternd, aber anscheinend ohne Erfolg, zog er die Luft ein. »Nicht einmal, nein zweimal, sagt Von Cohn, hätte Ihr Atem nach Schnaps gerochen. Ich und meine Frau haben im ganzen Leben keinen Tropfen angerührt. Wir übergaben Ihnen Von Cohn, damit Sie ihn heilen, und innerhalb eines Monats stellt er zweimal fest, daß Ihr Atem nach Schnaps riecht! Was ist das eigentlich für eine Heilanstalt hier?«

Dick hielt an sich; Herr Morris war sehr wohl imstande, in der Auffahrt zur Klinik eine Szene zu machen.

»Schließlich, Herr Morris, werden die Leute um Ihres Sohnes willen nicht aufgeben, was für sie zur Nahrung gehört –«

»Aber Sie sind Arzt, Mensch!« schrie Morris wütend. »Wenn Arbeiter Bier trinken, so ist das schlimm für sie – aber Sie sind dazu da, andere zu heilen –«

»Das geht zu weit. Ihr Sohn ist wegen Kleptomanie zu uns gekommen.«

»Und was steckte dahinter?« Der Mann kreischte nahezu. »Trunksucht – nichts als notorische Trunksucht. Wissen Sie, was notorische Trunksucht bedeutet? Mein Onkel ist deswegen an den Galgen gekommen, verstehen Sie? Mein Sohn kommt in ein Sanatorium, und der Doktor riecht nach Schnaps!«

»Ich muß Sie bitten, sich zu entfernen.«

»Sie – mich – bitten! Wir gehen von selbst!«

»Wenn Sie sich ein wenig mäßigen wollten, könnten wir Ihnen das Ergebnis der Behandlung bis zum heutigen Tag auseinandersetzen. So wie Sie eingestellt sind, würden wir natürlich Ihren Sohn nicht länger als Patienten behalten wollen –«

»Sie wagen es, mir von Mäßigung zu sprechen?«

Dick winkte Doktor Lladislau herbei und sagte, als er kam: »Bitte verabschieden Sie sich in unserem Namen von dem Patienten und seiner Familie.«

Mit einer leichten Verbeugung vor Morris ging er in sein Büro, wo er einen Augenblick unbeweglich neben der Tür stehenblieb; dann beobachtete er bis zur Abfahrt die schwerfälligen Eltern und ihren weichen, degenerierten Sprößling. Es war ein leichtes die Familie auf ihrer Jagd durch Europa prophetisch zu begleiten und vorherzusehen, wie sie Leute, die ihnen überlegen waren, mit gefühlloser Dummheit und gefühllosem Geld tyrannisieren würden. Was Dick jedoch nach dem Verschwinden der Karawane völlig in Anspruch nahm, war die Frage, bis zu welchem Grade er dieses Vorkommnis verursacht hatte. Er trank zu jeder Mahlzeit Rotwein, nahm allabendlich – meist in Form von heißem Rum – einen Schlummertrunk zu sich, und manchmal genehmigte er sich des Nachmittags Gin; denn Gin merkte man dem Atem am wenigsten an. Im Durchschnitt führte er sich etwa ein Viertelliter Alkohol täglich zu Gemüte, und das war zu viel für seinen Organismus.

Er wies den Wunsch, sich zu rechtfertigen, von sich, setzte sich an den Schreibtisch und schrieb, wie ein Rezept, einen Plan nieder, nach dem sein Alkoholverbrauch auf die Hälfte reduziert werden würde. Ärzte, Chauffeure und protestantische Geistliche durften nie nach Schnaps riechen wie etwa Maler, Makler oder Kavallerieoffiziere; Dick machte sich nur seine Unbesonnenheit zum Vorwurf. Aber die Angelegenheit klärte sich in keiner Weise auf, als Franz eine halbe Stunde später vorgefahren kam, durch einen zweiwöchigen Aufenthalt in den Alpen neu belebt und so begierig, die Arbeit wiederaufzunehmen, daß er bereits in sie untergetaucht war, ehe er sein Büro erreicht hatte. Dort traf Dick mit ihm zusammen.

»Wie war's auf dem Mount Everest?«

»Wir hätten bei unserem Tempo ebensogut den Mount Everest besteigen können. Wir haben daran gedacht. Wie geht hier alles? Was macht meine Käthe? Was macht deine Nicole?«

»Alles geht seinen gewöhnlichen Gang. Aber, mein Gott, wir haben heute vormittag eine ekelhafte Szene erlebt, Franz.«

»Wieso? Was war los?«

Dick ging im Zimmer auf und ab, während Franz die telefonische Verbindung mit seiner Wohnung herstellte. Als die Begrüßung mit der Familie beendet war, sagte Dick:

»Der junge Morris ist abgeholt worden – es gab Krach.«

Franz' heiteres Gesicht wurde ernst.

»Ich wußte, daß er weg ist. Ich traf Lladislau auf der Veranda.«

»Was hat Lladislau gesagt?«

»Nur daß der junge Morris weg ist und daß du mir darüber berichten wirst. Was ist damit?«

»Die üblichen widerspruchsvollen Behauptungen.«

»Er war ein Teufel, der Junge.«

»Er war ein Fall für Anästhesie«, stimmte Dick zu. »Jedenfalls hatte der Vater den Doktor Lladislau, als ich dazu kam, so weit, daß er nicht mehr muckte. Was wird übrigens mit Lladislau geschehen? Sollen wir ihn behalten? Ich sage nein – er ist kein richtiger Mann und versagt bei jeder Gelegenheit.« Dick zögerte an der Grenze zur Wahrheit. Diese Ablenkung sollte ihm den nötigen Abstand geben für seinen Bericht. Franz saß auf der Ecke seines Schreibtisches, immer noch in Staubmantel und Reisehandschuhen.

»Eine der Bemerkungen, die der Junge seinem Vater gegenüber gemacht hatte, war, daß dein hervorragender Mitarbeiter ein Trunkenbold sei. Der Mann ist ein Fanatiker, und sein Sprößling scheint Spuren von Landwein an mir wahrgenommen zu haben.«

Franz setzte sich und biß sich auf die Unterlippe. »Das kannst du mir später ausführlich erzählen«, sagte er schließlich.

»Warum nicht gleich?« schlug Dick vor. »Du weißt, ich bin der letzte, der Mißbrauch mit Alkohol treibt.« Er und Franz sahen sich fest in die Augen. »Lladislau ließ den Mann so in Wut geraten, daß ich mich in der Defensive befand. Es hätte sich ebenso vor Patienten abspielen können, und du kannst dir vorstellen, wie schwer es gewesen wäre, sich in einer derartigen Situation zu verteidigen.«

Franz entledigte sich seines Mantels und seiner Handschuhe. Er ging zur Tür und sagte seinem Sekretär: »Wir wollen nicht gestört werden.« Als er wieder im Zimmer war, warf er sich auf den Schreibtischstuhl und blätterte in seinen Briefschaften, dabei äußerte er sich wenig, wie es für Menschen in einer solchen Lage charakteristisch ist, vielmehr suchte er nach einer passenden Einkleidung für das, was er zu sagen hatte.

»Dick, ich weiß, daß du ein mäßiger, gesetzter Mensch bist, wenn wir auch über das Thema Alkohol nicht völlig übereinstimmen. Aber jetzt ist es so weit – Dick, ich muß dir offen sagen, ich habe mehrmals bemerkt, daß du Schnaps getrunken hast, wenn der Zeitpunkt dazu nicht geeignet war. Ein Grund ist gegeben; willst du es nicht mit einem Urlaub versuchen, zwecks Enthaltung?«

»Abwesenheit«, verbesserte Dick automatisch. »Für mich ist es kein Ausweg, wenn ich fortgehe.«

Beide waren gereizt, Franz, weil ihm seine Heimkehr verpfuscht worden war.

»Manchmal machst du keinen Gebrauch von deinem gesunden Menschenverstand, Dick.«

»Ich habe nie verstanden, was gesunder Menschenverstand, auf komplizierte Probleme angewandt, bedeutet – es müßte denn bedeuten, daß ein praktischer Arzt eine Operation besser ausführen kann, als ein Spezialist.«

Plötzlich übermannte ihn Widerwillen gegen die Situation. Erklärungen abgeben und beschönigen – das war in ihrem Alter kein angemessenes Benehmen – dann schon lieber so weitermachen, mit dem entstellenden Echo einer alten Wahrheit im Ohr.

»So geht es nicht weiter«, sagte er unvermittelt.

»Das ist mir auch schon so vorgekommen«, pflichtete Franz bei. »Du bist nicht mehr mit dem Herzen bei dem Unternehmen, Dick.«

»Ich weiß. Ich möchte austreten – wir könnten Vorkehrungen treffen, um Nicoles Geld allmählich herauszuziehen.«

»Auch daran habe ich gedacht, Dick – ich habe dies kommen sehen. Es wird mir gelingen, Unterstützung von anderer Seite zu erhalten, und es wird möglich sein, euer ganzes Geld bis Ende des Jahres zurückzuzahlen.«

Dick hatte nicht beabsichtigt, so schnell zu einer Entscheidung zu kommen, war auch nicht darauf vorbereitet, Franz zu einem Bruch so bereit zu finden. Dennoch fühlte er sich erleichtert. Nicht ohne Kummer hatte er seit langem schon gefühlt, daß die Ethik seines Berufes zu einem leblosen Etwas geworden war.

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