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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 51
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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Fünftes Buch

I

Frau Käthe Gregorovius überholte ihren Mann auf dem Weg zu ihrer Villa.

»Wie geht es Nicole?« fragte sie sanft; aber sie sprach außer Atem, und das ließ erkennen, daß sie diese Frage, während sie lief, im Inneren vorbereitet hatte.

Franz sah sie erstaunt an.

»Nicole ist nicht krank, warum fragst du, Liebes?«

»Du besuchst sie so viel – ich dachte, sie müßte krank sein.«

»Darüber wollen wir im Haus reden.«

Bereitwillig fügte sich Käthe. Sein Arbeitszimmer befand sich drüben im Verwaltungsgebäude, und die Kinder waren mit ihrem Hauslehrer im Wohnzimmer, also gingen sie hinauf ins Schlafzimmer.

»Verzeih mir, Franz«, sagte Käthe, bevor er sprechen konnte. »Verzeih, Liebster, ich hatte kein Recht, das zu sagen. Ich kenne meine Pflichten, und ich bin stolz auf sie. Aber zwischen Nicole und mir besteht eine Abneigung.«

»Vögel in ihren kleinen Nestern vertragen sich«, donnerte Franz. Da er jedoch fand, daß sein Ton der Situation nicht angemessen war, wiederholte er seine Forderung in dem betonten, wohlüberlegten Rhythmus, mit dem sein alter Lehrer, Doktor Dohmler, den abgedroschensten Gemeinplätzen Bedeutung verleihen konnte. »Vögel – vertragen sich – in – ihren – Nestern!«

»Das weiß ich. Du wirst nie gesehen haben, daß ich es Nicole gegenüber an Höflichkeit habe fehlen lassen.«

»Ich sehe, daß du es an Vernunft fehlen läßt. Nicole ist zur Hälfte Patientin – möglicherweise wird sie ihr Leben lang eine Art Patientin bleiben. Während Dicks Abwesenheit bin ich verantwortlich.« Er zögerte; zuweilen versuchte er, als kleinen Spaß, Käthe Neuigkeiten vorzuenthalten. »Heute früh kam ein Telegramm aus Rom. Dick hat Grippe und reist morgen nach Hause ab.«

Erleichtert verfolgte Käthe ihren Kurs in einem weniger persönlichen Ton:

»Ich glaube, Nicole ist nicht so krank, wie man denkt – sie pflegt ihre Krankheit nur als Machtmittel. Sie sollte beim Film sein, wie deine Norma Talmadge – dort wären alle amerikanischen Frauen glücklich.«

»Bist du auf Norma Talmadge eifersüchtig?«

»Ich mag die Amerikaner nicht. Sie sind selbstsüchtig – selbstsüchtig!«

»Aber Dick hast du gern?«

»Ihn habe ich gern«, gab sie zu. »Er ist anders, er denkt an andere.«

– Das tut Norma Talmadge auch, dachte Franz bei sich. Norma Talmadge muß, über ihre Schönheit hinaus, eine wertvolle, vornehme Frau sein; offenbar wird sie gezwungen, alberne Rollen zu spielen; Norma Talmadge muß eine Frau sein, die kennenzulernen einen großen Vorzug bedeuten würde.

Käthe dachte schon nicht mehr an Norma Talmadge, diesen lebendigen Schatten, über den sie sich eines Abends, als sie vom Kino in Zürich nach Hause fuhren, bitter gegrämt hatte.

»– Dick hat Nicole um ihres Geldes willen geheiratet«, sagte sie. »Das war seine Schwäche – du selbst hast an einem Abend eine ähnliche Andeutung gemacht.«

»Du bist boshaft.«

»Ich hätte das nicht sagen sollen«, lenkte sie ein. »Wir müssen, wie du sagtest, alle zusammen leben wie Vögel. Aber es ist schwer, wenn Nicole so tut, als ob – wenn Nicole vor mir zurückweicht und den Atem anhält –, als ob ich schlecht röche!«

Käthe hatte hiermit an eine konkrete Wahrheit gerührt. Sie tat den größten Teil ihrer Hausarbeit selbst, und sparsam, wie sie war, kaufte sie nur wenig Kleidung. Ein amerikanisches Ladenmädchen, das jeden Abend zwei Garnituren Unterwäsche wusch und plättete, hätte einen leichten Anflug von gestrigem Schweiß um Käthes Person wahrgenommen, weniger einen Geruch, als einen an Ammoniak gemahnenden Hinweis auf immerwährende schwere Arbeit und auf Verfall. Franz war das ebenso vertraut wie der schwere, dunkle Duft von Käthes Haar, und er würde beides vermißt haben; für Nicole dagegen, der schon der Geruch der Hände einer Krankenschwester beim Verbandanlegen zuwider war, bedeutete es eine kaum zu ertragende Zumutung.

»Und die Kinder«, fuhr Käthe fort. »Sie erlaubt nicht, daß sie mit unseren Kindern spielen –« Aber Franz hatte genug gehört:

»Schweig still – solches Gerede kann mir beruflich schaden, da wir diese Klinik dem Geld von Nicole verdanken. Wir wollen essen gehen.«

Käthe sah ein, daß ihr Ausbruch unangebracht gewesen war, aber Franz' letzte Bemerkung erinnerte sie daran, daß es noch andere Amerikaner mit Geld gab, und eine Woche später kleidete sie ihre Abneigung gegen Nicole in neue Worte.

Die Gelegenheit bot das Essen, das sie dem Ehepaar Diver nach Dicks Rückkunft gegeben hatten. Kaum waren die Schritte der Gäste auf dem Weg verklungen, als Frau Gregorovius die Tür schloß und zu Franz sagte:

»Hast du gesehen, wie er um die Augen aussah? Er muß ein ausschweifendes Leben geführt haben!«

»Sachte, sachte«, beschwichtigte er sie. »Dick hat mir davon erzählt, als er nach Hause kam. Er hat auf dem Transozeandampfer geboxt. Die amerikanischen Passagiere boxen viel auf Überseedampfern.«

»Und das glaubst du?« höhnte sie. »Es tut ihm weh, wenn er den einen Arm bewegt, und an der Schläfe hat er eine noch nicht verheilte Narbe – man kann sehen, wo das Haar weggeschnitten worden ist.«

Franz hatte diese Kleinigkeiten nicht bemerkt.

»Was folgt daraus?« fragte Käthe. »Glaubst du, daß derartiges für die Klinik von Vorteil ist? Sein Alkoholatem, zum Beispiel, den ich heute abend und schon mehrere Male, seit er zurück ist, an ihm wahrgenommen habe.«

Sie sprach langsamer, um ihre Stimme dem Ernst dessen anzupassen, was sie sagen wollte: »Ich halte Dick nicht länger für einen seriösen Mann.«

Während sie nach oben gingen, zuckte Franz die Achseln, wie um ihre Hartnäckigkeit abzuschütteln. Im Schlafzimmer wandte er sich ihr zu:

»Selbstverständlich ist er ein seriöser Mann und ein hochbegabter dazu. Von allen, die in letzter Zeit in Zürich auf dem Gebiet der Nervenkrankheiten einen akademischen Grad erlangt haben, wird Dick als der hervorragendste angesehen – hervorragender, als ich jemals sein könnte.«

»Schäm dich!«

»Das ist die Wahrheit – ich müßte mich schämen, wenn ich es nicht zugeben würde. Ich wende mich an Dick, wenn Fälle besonders verwickelt sind. Seine Veröffentlichungen sind immer noch maßgebend auf ihrem Gebiet – geh in irgendeine medizinische Bibliothek und frage. Die meisten Studenten halten ihn für einen Engländer – sie glauben nicht, daß soviel Gründlichkeit aus Amerika stammen kann.« Mit einem gewohnheitsmäßigen Seufzer nahm er seinen Pyjama unter dem Kopfkissen hervor. »Ich verstehe nicht, warum du in dieser Art über ihn sprichst, Käthe – ich dachte, du hättest ihn gern.«

»Es ist beschämend!« sagte Käthe. »Du bist der Solide, du tust die Arbeit. Es ist wie mit dem Hasen und dem Igel – und meiner Meinung nach ist der Wettlauf für den Hasen fast entschieden.«

»Na, na!«

»Jawohl, das ist wahr.«

Mit seiner offenen Hand schlug er heftig durch die Luft.

»Schweig still.«

Der Endeffekt war, daß sie ihre Standpunkte vertauscht hatten wie Redner. Käthe gestand sich selbst ein, daß sie zu hart über Dick geurteilt hatte, den sie bewunderte und vor dem sie sich fürchtete, der sich ihr gegenüber so anerkennend und verständnisvoll erwiesen hatte. Und was Franz betraf, so glaubte er, als Käthes Gedanke erst einmal in ihm Fuß gefaßt hatte, niemals wieder, daß Dick ein ernst zu nehmender Mensch sei. Und als die Zeit verstrich, war er innerlich überzeugt, daß er es niemals geglaubt hatte.

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