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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 48
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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IX

Rosemarie hatte noch eine Verabredung zum Dinner, eine Geburtstagsfeier für ein Mitglied der Filmgesellschaft. Dick stieß in der Halle auf Collis Clay, aber da er allein speisen wollte, schützte er eine Verabredung im Excelsior vor. Er trank einen Cocktail mit Collis, und es stellte sich heraus, daß seine verschwommene Unzufriedenheit nichts anderes war als Ungeduld – er hatte keine Entschuldigung mehr, die Klinik zu schwänzen. Dieses hier war weniger eine Liebestorheit als eine romantische Erinnerung. Nicole war seine Liebste – oft war er im Herzen betrübt über sie, und doch war sie seine Liebste. Die Zeit mit Rosemarie war Genußsucht – die Zeit mit Collis war plus minus null.

Im Eingang zum Excelsior stieß er mit Baby Warren zusammen. Ihre großen, schönen Augen, die genau wie Murmeln aussahen, starrten ihn mit Überraschung und Neugierde an. »Ich dachte, du seist in Amerika, Dick! Ist Nicole mit dir?«

»Ich bin über Neapel zurückgekommen.«

Der Trauerflor an seinem Ärmel veranlaßte sie, zu sagen: »Es tat mir so leid, als ich von deinem Kummer hörte.«

Es war unumgänglich, daß sie miteinander speisten.

»Erzähle mir alles«, bat sie.

Dick gab eine Darstellung der Tatsachen, und Baby runzelte die Stirn. Sie hielt es für nötig, irgendwen für die Katastrophe im Leben ihrer Schwester verantwortlich zu machen.

»Glaubst du, daß Doktor Dohmler von Anfang an den richtigen Weg mit ihr eingeschlagen hat?«

»Es gibt nicht viele Behandlungsmöglichkeiten – natürlich muß man versuchen, für den besonderen Fall die richtige Persönlichkeit zu finden.«

»Dick, ich bilde mir nicht ein, dir Ratschläge geben zu können oder viel davon zu verstehen, aber meinst du nicht, daß eine Veränderung gut für sie sein könnte – aus dieser Atmosphäre der Krankheit herauszukommen und in der Welt zu leben wie andere Menschen?«

»Du warst ja so erpicht auf die Klinik«, erinnerte er sie. »Du sagtest, du würdest Nicoles wegen nie richtig zur Ruhe kommen –«

»Das war, als ihr das Einsiedlerleben an der Riviera führtet, oben auf dem Berg, weit weg von allen Menschen. Ich meine auch nicht, daß ihr in dieses Leben zurückkehren sollt. Ich dachte zum Beispiel an London. Die Engländer sind die am besten ausbalancierte Rasse der Welt.«

»Das stimmt nicht«, widersprach er.

»Doch. Ich kenne sie, weißt du. Ich hatte mir gedacht, es müßte nett für euch sein, wenn ihr euch für die season im Frühling ein Haus in London mieten würdet – ich kenne ein entzückendes Haus am Talbot Square, das ihr möbliert übernehmen könntet. Das würde ein Zusammenleben mit vernünftigen, ausgeglichenen Engländern bedeuten.«

Sie hätte ihm noch länger die alten Propagandamärchen von 1914 aufgetischt, wenn er nicht gelacht hätte:

»Ich habe ein Buch von Michael Arlen gelesen, und wenn es diese –«

Sie erledigte Michael Arlen mit einem Schwenken ihres Salatlöffels.

»Er schildert nur degenerierte Menschen. Ich meine die Engländer, um die es sich lohnt.«

Als sie diese Bemerkung über ihre Freunde gemacht hatte, trat in Dicks Vorstellung an deren Stelle ein Bild der fremden, teilnahmslosen Gesichter, die in Europa die kleinen Hotels bevölkerten.

»Natürlich geht es mich nichts an«, wiederholte Baby als Einleitung zu einem weiteren Vorstoß, »aber Nicole in einer derartigen Atmosphäre allein zu lassen –«

»Ich bin nach Amerika gefahren, weil mein Vater gestorben ist.«

»Ich weiß, ich sagte dir schon, daß es mir leid tut.« Sie spielte mit den Glastrauben ihres Halsschmucks. »Aber es ist jetzt so viel Geld vorhanden. Genug, um sich alles leisten zu können, und es sollte dazu verwandt werden, Nicole gesund zu machen.«

»Aus einem bestimmten Grund mag ich nicht nach London.«

»Warum nicht? Ich sollte doch meinen, du müßtest dort ebenso gut arbeiten können wie anderswo.«

Er lehnte sich zurück und betrachtete sie. Wenn ihr jemals die schlimme Wahrheit, die wirkliche Ursache von Nicoles Krankheit bekanntgeworden war, hatte sie sie bestimmt vor sich selbst abgeleugnet und in eine dunkle Rumpelkammer verbannt, wie eins der Gemälde, die sie aus Versehen gekauft hatte.

Sie setzten ihre Unterhaltung im Ulpia fort, wo Collis Clay zu ihnen herüberkam und sich an ihren Tisch setzte, und wo im Keller zwischen den aufgestapelten Weinfässern ein begabter Gitarrenspieler klimpernd und zupfend »Suona Fanfara Mia« zum besten gab.

»Es ist möglich, daß ich nicht die geeignete Persönlichkeit für Nicole war«, sagte Dick. »Und doch hätte sie wahrscheinlich einen Mann meines Typs geheiratet, einen, von dem sie geglaubt hätte, daß sie sich auf ihn verlassen könnte – unbegrenzt.«

»Du meinst, sie würde mit einem anderen glücklicher sein?« dachte Baby plötzlich laut. »Selbstverständlich ließe sich das arrangieren.«

Erst als sie sah, wie Dick sich, hemmungslos lachend, vornüberbeugte, kam ihr die Unsinnigkeit ihrer Bemerkung zum Bewußtsein.

»So war es nicht gemeint«, versicherte sie ihm. »Du darfst keinen Augenblick glauben, wir wären nicht dankbar für alles, was du getan hast. Und wir wissen, daß du Schweres durchgemacht hast.«

»Ach Gott, laß doch das«, wehrte er ab. »Es wäre etwas anderes, wenn ich Nicole nicht liebte.«

»Aber du liebst sie doch?« fragte sie beunruhigt.

Collis kam jetzt hinzu, und Dick brach das Gespräch kurz ab. »Wie wäre es, wenn wir von etwas anderem reden würden – von dir, zum Beispiel. Warum heiratest du nicht? Wir hörten, du hättest dich mit Lord Paley verlobt, dem Vetter von –«

»O nein.« Sie wurde spröde und wich aus. »Das war voriges Jahr.«

»Warum heiratest du nicht?« beharrte Dick eigensinnig.

»Ich weiß es nicht. Einer der Männer, die ich geliebt habe, ist im Krieg gefallen, und der andere hat mich verlassen.«

»Davon mußt du mir erzählen, Baby, von deinem Privatleben und deinen Ansichten. Du tust es nie – wir sprechen immer über Nicole.«

»Beide waren Engländer. Ich glaube kaum, daß es auf der Welt einen vollkommeneren Typ gibt als einen hochstehenden Engländer. Und wenn doch, so habe ich keinen kennengelernt. Dieser Mann – ach, es ist eine lange Geschichte. Ich hasse lange Geschichten, ihr auch?«

»Und wie!« sagte Collis.

»Warum? – Ich mag sie gern, wenn sie gut sind.«

»Das ist etwas, was du kannst, Dick. Du kannst eine ganze Gesellschaft in Atem halten, nur durch einen kurzen dazwischengestreuten Satz oder eine Redensart. Ein wunderbares Talent.«

»Es ist ein Trick«, sagte er sanft. Das waren jetzt drei Ansichten von ihr, mit denen er nicht übereinstimmte.

»Selbstverständlich bin ich für Formen – ich will das so haben, und zwar in großem Stil. Ich weiß, du machst dir wahrscheinlich nichts daraus, aber du mußt doch zugeben, es ist ein Zeichen von Solidität bei mir.«

Dick gab sich nicht einmal die Mühe, anderer Meinung zu sein.

»Natürlich weiß ich, daß die Leute sagen, Baby Warren hetzt durch Europa, macht Jagd auf alles, was ausgefallen ist, und verpaßt die besten Dinge des Lebens; aber ich bin im Gegenteil der Ansicht, daß ich einer der wenigen Menschen bin, die wirklich hinter den besten Dingen her sind. Ich habe die interessantesten Menschen meiner Zeit kennengelernt.« Ihre Stimme ging in dem metallischen Geklimper einer neuen Gitarrennummer unter, aber sie übertönte es, indem sie rief: »Ich habe sehr wenige große Fehler begangen –«

»Nur die ganz großen, Baby.«

Sie hatte einen belustigten Ausdruck in seinen Augen wahrgenommen und wechselte das Thema. Beiden schien es unmöglich, etwas miteinander gemein zu haben. Aber irgend etwas bewunderte er an ihr, und als er sie am Excelsior absetzte, geschah es mit einer Reihe von Komplimenten, so daß sie strahlend zurückblieb.

 

Rosemarie bestand darauf, Dick am nächsten Tag zum Lunch einzuladen. Sie gingen in die kleine Trattoria eines Italieners, der in Amerika gearbeitet hatte, und aßen dort ham and eggs und Waffelkuchen. Danach gingen sie ins Hotel. Dicks Entdeckung, daß weder er in sie noch sie in ihn verliebt war, hatte dazu beigetragen, seine Leidenschaft für sie nicht zu vermindern, sondern eher noch zu steigern. Seitdem er wußte, daß er nicht weiter in ihr Leben eindringen würde, war sie für ihn die fremde Frau geworden. Er vermutete, die meisten Männer meinten nichts anderes als dies, wenn sie behaupteten, verliebt zu sein – kein wildes Untertauchen der Seele, kein Aufgehen aller Farben in verdunkelnde Tinten, wie seine Liebe zu Nicole es gewesen war. Gewisse Vorstellungen – daß Nicole sterben, in geistige Umnachtung fallen oder einen anderen Mann lieben könnte, machten ihn körperlich krank.

Nicotera war in Rosemaries Wohnzimmer und schwatzte mit ihr über eine berufliche Angelegenheit. Als Rosemarie ihm sein Stichwort zum Weggehen gab, zog er sich unter witzigen Protesten zurück, indem er Dick in fast unverschämter Weise zublinzelte. Wie gewöhnlich schrillte das Telefon und nahm Rosemarie zehn Minuten in Anspruch, was Dicks Ungeduld steigerte.

»Wir wollen in mein Zimmer gehen«; schlug er vor, und sie war einverstanden.

Sie lag auf einem großen Sofa, quer über seinen Knien; er ließ seine Finger durch die lieblichen Stirnlocken ihres Haares gleiten.

»Darf ich wieder neugierig sein?« fragte er.

»Was willst du wissen?«

»Über Männer. Ich bin neugierig, um nicht zu sagen wild danach.«

»Du meinst, wie lange, nachdem wir uns begegnet waren?«

»Oder vorher.«

»O nein!« Sie war entrüstet. »Vorher war nichts. Du warst der erste Mann, aus dem ich mir etwas machte. Du bist immer noch der einzige Mann, aus dem ich mir etwas mache.« Sie dachte nach. »Ich glaube, es war ein Jahr später.«

»Wer war es?«

»Nun, ein Mann.«

Er ging über ihre Ausflucht hinweg.

»Ich möchte wetten, ich kann dir etwas darüber erzählen. Die erste Sache verlief unbefriedigend, und danach war eine lange Pause. Die zweite war besser, aber du warst nicht von Anfang an in den Mann verliebt gewesen. Die dritte war in Ordnung –«

Selbstquälerisch fuhr er fort: »Dann hattest du eine regelrechte Affäre, die an ihrem eigenen Gewicht zerbrach. Und jetzt bekommst du es mit der Angst, du könntest dem Mann, den du einmal lieben würdest, nichts mehr zu geben haben.« Er fühlte sich immer viktorianischer. »Hinterher gab's bis zur Gegenwart noch ein halbes Dutzend bloßer Episoden. Habe ich's getroffen?«

Sie lachte zwischen Belustigung und Tränen.

»Es ist so verkehrt wie nur möglich«, sagte sie zu Dicks Erleichterung. »Aber eines Tages werde ich jemand finden und werde ihn lieben und lieben und ihn niemals loslassen.«

Nun läutete sein Telefon, und Dick erkannte die Stimme von Nicotera, der nach Rosemarie fragte. Er hielt die Hand über die Muschel.

»Willst du mit ihm sprechen?«

Sie ging zum Apparat und plapperte in hastigem Italienisch, von dem Dick nichts verstand.

»Das Telefonieren kostet Zeit«, sagte er. »Es ist nach vier, und ich habe um fünf eine Verabredung. Es ist wohl besser, du gehst mit Signor Nicotera spielen.«

»Sei nicht albern.«

»Dann denke ich, du solltest ihn kaltstellen, solange ich hier bin.«

»Es ist so schwer.« Unvermittelt weinte sie. »Dick, ich liebe dich und werde nie jemand so lieben wie dich. Aber was fühlst du für mich?«

»Was fühlt Nicotera für irgend jemand?«

»Das ist etwas anderes.«

– Weil Jugend nach Jugend verlangt.

»Er ist ein Hansnarr!« sagte er. Er war rasend vor Eifersucht, er wollte nicht wieder verletzt werden.

»Er ist nur ein Kindskopf«, sagte sie schluchzend. »Du weißt, daß ich vor allen Dingen dir gehöre.«

Als Antwort legte er die Arme um sie, aber sie bog sich abwehrend nach hinten zurück; so hielt er sie einen Augenblick wie am Ende eines Adagio: ihre Augen geschlossen, ihre Haare glatt nach hinten fallend wie bei einem ertrunkenen Mädchen.

»Dick, laß mich los. Ich war in meinem Leben noch nicht so durcheinander.«

Instinktiv zog sie sich von ihm zurück, da seine unberechtigte Eifersucht das ihr vertraute Maß der Überlegung und des Verständnisses zu übersteigen begann.

»Ich will die Wahrheit wissen«, sagte er.

»Gut. Wir sind viel zusammen, er möchte mich heiraten, aber ich will nicht. Was ist dabei? Was erwartest du von mir? Du hast mich nie gebeten, dich zu heiraten. Willst du etwa, daß ich mich in alle Ewigkeit mit Halbidioten wie Collis Clay abgebe?«

»Warst du gestern abend mit Nicotera zusammen?«

»Das geht dich nichts an«, schluchzte sie. »Verzeih, Dick, es geht dich wohl an. Du und Mutter, ihr seid die beiden einzigen Menschen in der Welt, an denen mir liegt.«

»Und Nicotera?«

»Wie soll ich das wissen?«

Ihr Ausweichen hatte einen Grad erreicht, der den geringfügigsten Bemerkungen einen verborgenen Sinn verlieh.

»Ist es so, wie du in Paris für mich gefühlt hast?«

»Ich fühle mich behaglich und glücklich, wenn ich bei dir bin. In Paris war es anders. Aber man kann sich nie erinnern, was man früher gefühlt hat, nicht wahr?«

Er erhob sich und suchte seine Abendkleidung zusammen – wenn er in seinem Herzen die Bitterkeit und den Haß der ganzen Welt zu vereinigen hätte – er würde Rosemarie nicht wieder in seine Arme nehmen.

»Ich mache mir nichts aus Nicotera!« erklärte sie. »Aber ich muß morgen mit der Gesellschaft nach Livorno. Warum mußte das nur so kommen?« Wiederum folgte ein Tränenstrom. »Es ist so beschämend. Warum bist du hergekommen? Warum konnten wir nicht nur die Erinnerung behalten? Es ist mir zumute, als hätte ich mich mit Mutter gezankt.«

Als er anfing, sich anzukleiden, stand sie auf und ging zur Tür.

»Ich werde heute abend nicht an der Feier teilnehmen.« Es war ihr letzter Versuch. »Ich werde bei dir bleiben. Ich will keinesfalls gehen.«

Die Flut begann wieder anzusteigen, aber er hielt sich zurück.

»Ich werde in meinem Zimmer sein«, sagte sie. »Leb wohl, Dick.«

»Leb wohl.«

»O wie schrecklich! Was für einen Sinn hat das alles?«

»Das frage ich mich schon lange.«

»Aber warum gerade ich?«

»Ich glaube, ich bin der Schwarze Tod«, sagte er langsam. »Ich scheine den Menschen kein Glück mehr zu bringen.«

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