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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 47
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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VIII

Als Dick den Fahrstuhl verlassen hatte, schritt er einen gewundenen Korridor entlang und folgte schließlich dem Klang einer fernen Stimme hinter einer beleuchteten Tür. Rosemarie trug einen schwarzen Pyjama; ein Lunch-Tisch befand sich noch im Zimmer; sie trank Kaffee.

»Du bist immer noch schön«, sagte er. »Fast noch schöner als früher.«

»Willst du Kaffee, mein Junge?«

»Es tut mir leid, daß ich vorhin so wenig gesellschaftsfähig war.«

»Du sahst nicht gut aus – bist du jetzt wieder in Ordnung? Willst du Kaffee?«

»Nein, danke.«

»Jetzt bist du wieder auf Deck. Vorhin war ich direkt erschrocken. Mutter wird im nächsten Monat herüberkommen, wenn die Gesellschaft hierbleibt. Sie fragt andauernd, ob ich euch nicht getroffen habe, so als wenn wir Tür an Tür lebten. Mutter hat dich immer gern gehabt – sie meinte immer, du seist jemand, den ich kennen müßte.«

»Nun, ich freue mich, daß sie noch an mich denkt.«

»Oh, das tut sie«, versicherte Rosemarie. »Sogar sehr viel.«

»Ich habe dich dann und wann im Film gesehen«, sagte Dick. »Einmal habe ich ›Vatis Mädelchen‹ für mich allein laufen lassen.«

»In dem jetzigen habe ich eine feine Rolle, wenn nicht zu viel herausgeschnitten wird.«

Sie ging hinter ihm durchs Zimmer und streifte im Vorbeigehen seine Schulter. Sie rief an, daß der Tisch weggenommen werden sollte, und ließ sich in einen großen Stuhl fallen.

»Ich war noch ein kleines Mädchen, als ich dich kennenlernte, Dick. Jetzt bin ich eine Frau.«

»Ich möchte alles über dich wissen.«

»Wie geht es Nicole – und Lanier und Topsy?«

»Ausgezeichnet. Sie sprechen oft von dir –«

Das Telefon läutete. Während sie sprach, besah sich Dick zwei Romane – einen von Edna Ferber und einen von Albert McKisco. Der Kellner holte den Tisch; als sich das Möbel nicht mehr im Zimmer befand, schien Rosemarie noch vereinsamter in ihrem schwarzen Pyjama.

»... Ich habe Besuch ... Nein, nicht sehr gut, nachher muß ich zum Schneider zu einer langen Anprobe ... Nein, jetzt nicht ...«

Als fühle sich Rosemarie durch das Verschwinden des Tisches erleichtert, lächelte sie Dick an – mit einem Lächeln, als sei es ihnen beiden gemeinsam gelungen, sich aller Beschwerlichkeiten der Welt zu entledigen und als hätten sie jetzt Frieden in ihrem eigenen Himmel ...

»Das wäre geschafft«, sagte sie. »Weißt du auch, daß ich die verflossene Stunde damit verbracht habe, mich auf dich vorzubereiten?«

Aber wieder ging das Telefon. Dick stand auf, nahm seinen Hut vom Bett und legte ihn auf den Kofferständer; erschrocken legte Rosemarie die Hand auf die Muschel und sagte: »Du willst doch nicht gehen?«

»Nein.«

Als das Gespräch beendet war, versuchte Dick, dem Nachmittag so viel wie möglich abzugewinnen und sagte: »Jetzt habe ich Lust auf etwas besonders Schönes.«

»Ich auch«, stimmte Rosemarie zu. »Der Mann, der gerade angerufen hat, hat einmal einen Vetter zweiten Grades von mir kennengelernt. Man stelle sich vor, daß man aus einem solchen Grunde angerufen wird!«

Nun dämpfte sie das Licht, zur Liebe bereit. Warum sonst sollte sie sich seinen Blicken verschließen wollen? Er richtete seine Worte an sie wie Briefe, so, als ob sie einige Zeit brauchten, um zu ihr zu gelangen.

»Es ist schwer, hier zu sitzen, so nah bei dir, und dich nicht zu küssen.« Sogleich küßten sie sich leidenschaftlich mitten im Zimmer. Sie preßte sich an ihn, dann ging sie zu ihrem Stuhl zurück.

So ging es nicht weiter, daß sie es im Zimmer lediglich angenehm fanden. Sie mußten vorwärts oder zurück; als das Telefon von neuem läutete, schlenderte er ins Schlafzimmer, legte sich auf ihr Bett und öffnete McKiscos Roman. Gleich darauf kam Rosemarie herein und setzte sich neben ihn.

»Du hast fabelhaft lange Wimpern«, bemerkte sie.

»Wir kommen wieder auf den Studentenbummel zurück. Unter den Anwesenden befindet sich Fräulein Rosemarie Hoyt, die Wimpern-Expertin –«

Sie küßte ihn, und er zog sie zu sich herunter, so daß sie nebeneinander lagen, und dann küßten sie sich, bis ihnen beiden die Luft ausging. Ihr Atem war jung, voll Verlangen und erregend. Ihre Lippen waren leicht geöffnet.

Als sie nur noch Gliedmaßen, Füße und Kleider waren, nur noch Kampf seiner Arme und seines Rücken und ihres Halses und ihrer Brüste, flüsterte sie: »Nein, nicht jetzt – diese Dinge haben ihren eigenen Rhythmus.«

Gut erzogen wie er war, drängte er seine Leidenschaft in eine Ecke seines Gemütes zurück, doch hob er ihr Fliegengewicht mit seinen Armen hoch, bis sie ein Stück über ihm schwebte, und sagte leichthin:

»Schadet nichts – Liebling.«

Ihr Gesicht schien ihm verändert, als er zu ihr emporblickte; ewiges Mondlicht lag darauf.

»Es wäre poetische Gerechtigkeit, wenn gerade du es wärst«, sagte sie. Sie entwand sich ihm, ging zum Spiegel und schob ihr in Unordnung geratenes Haar mit den Händen zurecht. Dann zog sie einen Stuhl zu ihm ans Bett und strich ihm über die Wange.

»Sag mir die Wahrheit über dich«, bat er.

»Das habe ich immer getan.«

»In gewisser Weise – aber ohne Zusammenhang.«

Sie lachten beide, aber er fuhr fort:

»Bist du wirklich noch Jungfrau?«

»Nei–ei–ein!« sang sie. »Ich habe mit sechshundertvierzig Männern geschlafen – wenn du diese Antwort hören willst.«

»Das schlägt nicht in mein Fach.«

»Willst du einen psychologischen Fall aus mir machen?«

»Da ich in dir ein vollkommen normales Mädchen von zweiundzwanzig Jahren sehe, das im Jahr neunzehnhundertachtundzwanzig lebt, nehme ich an, daß du der Liebe einigen Tribut gezahlt hast.«

»Es waren alles – Fehlschläge«, sagte sie.

Dick konnte ihr nicht glauben. Er war nicht imstande, festzustellen, ob sie absichtlich eine Schranke zwischen ihnen aufrichtete, oder ob es ihre Absicht war, einer möglichen Kapitulation größere Bedeutung zu verleihen.

»Wollen wir auf dem Pincio spazierengehen?« schlug er vor.

Er schüttelte seine Kleider zurecht und strich sein Haar glatt. Ein Moment war dagewesen und war vorübergegangen. Seit drei Jahren war Dick Rosemaries Ideal gewesen, an dem andere Männer gemessen wurden, und es war nicht zu vermeiden, daß sein Format heldische Dimensionen angenommen hatte. Sie wollte nicht, daß er wie andere Männer war, doch hier bestanden die gleichen dringlichen Forderungen, so als wollte er ein Stück von ihr wegnehmen und es in der Tasche forttragen.

Als sie auf dem Rasen zwischen Cherubinen und Philosophen, Faunen und Springbrunnen spazierengingen, nahm sie zutraulich seinen Arm und hängte sich hinein mit einer Reihe von zärtlich anschmiegenden Bewegungen, als wolle sie es sich behaglich machen, weil es für die Dauer sein sollte. Sie pflückte einen Zweig ab und brach ihn, aber er war ohne Saft. Unversehens, als sie in Dicks Gesicht das wahrnahm, was sie sehen wollte, nahm sie seine behandschuhte Hand und küßte sie. Dann machte sie ihm soviel Narrenspossen vor, daß er lächeln mußte, und sie lachte, und beide fingen an, vergnügt zu sein.

»Heute abend kann ich nicht mit dir ausgehen, Liebling, denn ich habe es ein paar Leuten vor langer Zeit versprochen. Aber wenn du früh aufstehst, werde ich dich morgen zur Aufnahme mit hinausnehmen.«

Er speiste allein im Hotel, ging früh zu Bett und traf sich um halb sieben mit Rosemarie in der Halle. Im Wagen neben ihm erglühte sie frisch und jung in der Morgensonne. Sie fuhren durch die Porta San Sebastiano hinaus, die Via Appia entlang, bis sie zu dem gewaltigen Aufnahmegelände des Forums kamen, das größer war als das Forum selbst. Rosemarie überließ ihn einem Mann, der ihn um die großen Pfeiler herum, unter den Bogen durch, an den Sitzreihen entlang und über den Sand der Arena geleitete. Rosemarie arbeitete auf einer Bühne, die einen Kerkerraum für gefangene Christen darstellte, und sie gingen hin und besahen sich Nicotera, einen der zahlreichen vielversprechenden Valentinos, der vor einem Dutzend weiblicher »Gefangener« mit melancholischen Augen und fratzenhaften Zügen posierte und sich spreizte.

Rosemarie erschien in einer bis zum Knie reichenden Tunika.

»Paß gut auf«, flüsterte sie Dick zu. »Ich will deine Ansicht hören. Jeder, der das Abhaspeln gesehen hat, sagt –«

»Was ist Abhaspeln?«

»Wenn man das ablaufen läßt, was am Tag vorher aufgenommen wurde. Sie behaupten, dies sei der erste Film, in dem ich Sex-Appeal habe.«

»Ich merke nichts davon.«

»Du natürlich nicht! Aber ich habe welchen.«

Nicotera in seinem Leopardenfell sprach eindringlich auf Rosemarie ein, während der Elektriker etwas mit dem Regisseur erörterte und sich dabei auf ihn stützte. Schließlich stieß der Regisseur seine Hand heftig weg. Dicks Führer bemerkte: »Der spielt wiedermal verrückt, und wie!«

»Wer?« fragte Dick, aber bevor der Mann antworten konnte, kam der Regisseur eilig auf sie zu.

»Wer spielt verrückt? Selbst spielst du verrückt.« Er sprach heftig auf Dick ein, als habe er einen Schiedsrichter vor sich. »Wenn er verrückt spielt, glaubt er es immer von allen anderen, und wie!« Er starrte den Führer eine Weile an, dann klatschte er in die Hände: »Alles fertig zur Aufnahme.«

Es war wie ein Besuch bei einer großen, turbulenten Familie. Eine Schauspielerin kam auf Dick zu und unterhielt sich fünf Minuten mit ihm, weil sie sich einbildete, er sei ein kürzlich aus London gekommener Schauspieler. Als sie ihren Irrtum entdeckte, zog sie sich erschrocken zurück. Die Mehrzahl der Gesellschaft fühlte sich der Welt draußen entweder stark überlegen oder stark unterlegen, das erstere Gefühl jedoch überwog. Es waren Leute voll Tapferkeit und Fleiß; sie waren zu einer hervorragenden Stellung aufgestiegen in einem Volk, das zehn Jahre lang lediglich hatte unterhalten sein wollen.

Die Arbeit wurde eingestellt, als das Licht verschwamm – eine gute Beleuchtung für Maler, aber für die Kamera nicht mit der klaren kalifornischen Luft zu vergleichen. Nicotera folgte Rosemarie zum Wagen; sie sah ihn ohne zu lächeln an, als sie ihm auf Wiedersehen sagte.

Dick und Rosemarie nahmen den Lunch in den Castelli dei Caesari ein, einem prächtigen Restaurant in einer hochgelegenen Villa, die auf das zerfallene Forum aus einem unbestimmten Zeitraum des Niederganges hinabblickte. Rosemarie trank einen Cocktail und ein wenig Wein, und Dick trank so viel, daß das Gefühl der Unzufriedenheit von ihm wich. Danach fuhren sie zum Hotel zurück, berauscht und glücklich, in einer Art begeisterter Ruhe. Sie wünschte, genommen zu werden, und sie wurde genommen, und was in kindlicher Vernarrtheit am Strande begonnen hatte, wurde endlich vollbracht.

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