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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 46
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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VII

Dick stand noch so stark unter dem Eindruck von seines Vaters Tod, daß ihm die prächtige Fassade seines Heimatlandes, der Hafen von New York, zunächst ganz traurig und düster erschien, aber als er erst an Land gegangen war, wich das Gefühl und kehrte auch nicht in den Straßen, den Hotels oder den Eisenbahnzügen wieder, die ihn zuerst nach Buffalo und dann mit seines Vaters Leiche südwärts nach Virginia brachten. Nur als die Lokalbahn die mit Buschwald bewachsene lehmige Gegend von Westmoreland County durchratterte, identifizierte er sich noch einmal mit seiner Umgebung; vom Bahnhof aus sah er ein Sternbild, das ihm vertraut war, und einen kalten Mond, der über der Chesapeake Bay glänzte; er hörte die Räder der leichten Wagen knirschen, die süßen, einfältigen Stimmen und das Geräusch von langsam dahinfließenden, trägen, uralten Flüssen mit weichlautenden indianischen Namen.

Am nächsten Tag wurde sein Vater auf dem Friedhof zwischen hundert Divers, Dorseys und Hunters zur Ruhe gebettet. Es war ein lieber Gedanke, ihn hier inmitten seiner Verwandten zurückzulassen. Blumen wurden auf die braune, aufgeworfene Erde gestreut. Nichts mehr verband Dick jetzt mit dieser Gegend, und er glaubte nicht, daß er wieder herkommen würde. Er kniete auf dem harten Boden. Diese Toten waren ihm alle bekannt, ihre wetterharten Gesichter mit den blauen, blitzenden Augen, ihre hageren, sehnigen Körper, ihre in der waldschweren Finsternis des siebzehnten Jahrhunderts aus neuer Erde geformten Seelen.

»Leb wohl, mein Vater – lebt wohl, ihr meine Väter.«

 

Unter den langen Dächern von Dampferpiers befindet man sich in einem Land, das nicht mehr hier und noch nicht dort ist. Das dunstig-gelbe Gewölbe hallt von Geräuschen wider. Da ist das Rumpeln von Gepäckkarren, dort sind die Berge von Koffern, das laute Knarren der Krane, der erste Salzgeruch des Meeres. Dort läuft man hastig, auch wenn man Zeit hat; die Vergangenheit, der Kontinent, liegt weit hinten, die Zukunft ist der glühende Schlund in der Seite des Schiffes; der trübe, wildbewegte Zugang ist eine allzu verworrene Gegenwart.

Ist man erst auf dem Laufsteg nach oben gelangt, kommt das Weltbild wieder in Ordnung, schrumpft zusammen. Man ist Bürger eines Gemeinwesens, das kleiner ist als Andorra, und nichts ist mehr gewiß. Die Männer am Zahlmeistertisch sind ebenso merkwürdig gestaltet wie die Kabinen; geringschätzig blicken die Augen der Reisenden und ihrer Freunde. Laute klagende Pfiffe, unheilkündendes Erzittern des Rumpfes, und das Schiff, die Erfindung des Menschen, setzt sich in Bewegung. Der Pier und die Gesichter darauf gleiten vorüber, und einen Augenblick lang ist das Schiff wie ein zufällig abgebröckeltes Stück von ihnen; die Gesichter werden verschwommen, stimmlos, der Pier wird zu einem der vieler Flecke am Ufer. Das Schiff fährt schnell dem Meere zu.

Mit ihm fährt Albert McKisco, den die Zeitungen als seine wertvollste Fracht bezeichnen. McKisco erfreute sich großer Beliebtheit. Seine Romane waren aus den Werken der Besten seiner Zeit zusammengeflickt, ein Kunststück, das nicht gering eingeschätzt werden darf; dazu besaß er die Gabe, das Entliehene abzuschwächen und zu verkitschen, so daß viele Leser entzückt waren über die Leichtigkeit, mit der sie ihm folgen konnten. Durch seinen Erfolg hatte er sehr gewonnen und war bescheiden geworden. Er gab sich keiner Täuschung über seine Fähigkeiten hin – er war sich bewußt, daß er mehr Vitalität besaß als viele Männer mit größerem Talent, und er war entschlossen, sich des Erfolges zu freuen, den er verdient hatte. »Ich habe bisher noch nichts getan«, pflegte er zu sagen. »Ich glaube, ich verfüge über kein wahres Genie. Aber wenn ich mir weiter Mühe gebe, werde ich vielleicht einmal ein gutes Buch schreiben.« Es sind schon tadellose Kopfsprünge von schwächeren Sprungbrettern gemacht worden. Die vielen Demütigungen der Vergangenheit waren vergessen. Tatsächlich gründete sich sein Erfolg psychologisch auf sein Duell mit Tommy Barban, denn auf dieser Grundlage – so haftete es in seiner Erinnerung – hatte er wieder Achtung vor sich selbst bekommen.

Als er Dick Diver am zweiten Tag entdeckte, beobachtete er ihn zunächst, dann begrüßte er ihn freundlich und setzte sich neben ihn. Dick legte sein Buch beiseite, und nach wenigen Minuten, die er brauchte, um die Veränderung in McKisco festzustellen – nämlich das Verschwinden des lästigen Minderwertigkeitsgefühls –, fand er Gefallen daran, mit ihm zu sprechen. McKisco war »wohlinformiert« auf einem Wissensgebiet, das umfassender war als das Goethes – es war interessant, den zahllosen gewandten Kombinationen zu lauschen, die er als seine Ansichten ausgab. Die beiden erneuerten ihre Bekanntschaft, und Dick speiste mehrmals mit ihnen. McKiscos waren aufgefordert worden, am Tisch des Kapitäns zu sitzen, aber in wachsendem Snobismus erklärten sie Dick, sie »könnten diese Gesellschaft nicht ausstehen«.

Violet war jetzt ganz groß – herausgeputzt von den ersten Schneiderinnen und entzückt von kleinen Entdeckungen, wie sie Mädchen aus guter Familie während ihrer Backfischjahre machen. Sie hätte dieses alles zwar von ihrer Mutter in Boise lernen können, aber ihre Seele entstammte den niederen Regionen kleiner Kintöppe in Idaho, und sie hatte keine Zeit für ihre Mutter gehabt. Jetzt »gehörte sie dazu«, zusammen mit mehreren Millionen anderer Leute – und war glücklich, wenn auch ihr Mann ihr immer noch über den Mund fuhr, wenn sie übermäßig albern wurde.

McKiscos verließen das Schiff in Gibraltar. Am nächsten Abend, in Neapel, nahm sich Dick im Autobus vom Hotel zum Bahnhof einer hilflosen und verlassenen Familie an, die aus zwei Mädchen und ihrer Mutter bestand. Er hatte sie auf dem Schiff gesehen. Ihm kam der unwiderstehliche Wunsch, zu helfen oder bewundert zu werden: er ließ Reste von Munterkeit blicken; er kaufte ihnen, gespannt auf die Wirkung, Wein und sah mit Vergnügen, wie sie ihre selbstverständliche Eigenliebe zurückgewannen. Er redete ihnen dies und jenes ein, und das kam seiner eigenen Absicht zustatten; sie tranken übermäßig, um die Illusion aufrechtzuerhalten, und die ganze Zeit über dachten die Frauen nur, daß dies ein Glücksfall sei, vom Himmel gesandt. Er zog sich von ihnen zurück, als die Nacht zu Ende ging und der Zug durch Cassino und Frosinone rüttelte und keuchte. Nach seltsamer amerikanischer Verabschiedung am Bahnhof in Rom fuhr Dick, ziemlich erschöpft, ins Hotel Quirinal.

Bei der Anmeldung hob er plötzlich den Kopf, und sein Blick wurde starr. Wie unter der Wirkung eines starken Getränkes wurde ihm warm im Magen, und Erregung durchströmte sein Gehirn, als er die Person erblickte, die er besuchen wollte, die Person, um derentwillen er die Mittelmeerroute eingeschlagen hatte.

Im selben Augenblick sah ihn Rosemarie, und er kam ihr bekannt vor, ehe sie wußte, wo sie ihn hinbringen sollte; bestürzt sah sie sich um, und nachdem sie sich von dem Mädchen verabschiedet hatte, das bei ihr war, eilte sie zu ihm hin. Dick straffte sich, hielt den Atem an und wandte sich ihr zu. Als sie durch die Halle schritt, rüttelte ihn ihre Schönheit wach, die gepflegt war wie die eines Pferdes, dem man ein Narkotikum eingegeben und die Hufe lackiert hat; aber es war alles zu schnell gekommen, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Müdigkeit so gut er konnte zu verbergen. Um dem Vertrauen in ihren strahlenden Augen standzuhalten, führte er eine unaufrichtige Pantomime auf, die besagte: »Von allen Leuten in der Welt mußt ausgerechnet du hier auftauchen!«

Ihre behandschuhten Hände legten sich auf dem Tisch über seine. »Dick – wir drehen ›Roms Größe‹ – zum mindesten glauben wir es; wir können jeden Tag damit aufhören.«

Er blickte sie fest an und versuchte, sie etwas verlegen zu machen, damit sie sein unrasiertes Gesicht sowie seinen zerknitterten Kragen, mit dem er geschlafen hatte, nicht so scharf unter die Lupe nähme. Glücklicherweise war sie in Eile.

»Wir fangen früh an, weil um elf Uhr die Nebel aufsteigen – ruf mich um zwei an.«

In seinem Zimmer angelangt, sammelte sich Dick. Er gab Anweisung, ihn zu Mittag anzurufen, streifte seine Kleider ab und tauchte buchstäblich in einem tiefen Schlaf unter.

Er verschlief den Anruf, doch wachte er um eins erfrischt auf. Nachdem er die Reisetasche ausgepackt hatte, gab er Anzüge und Wäsche ab, rasierte sich, lag eine halbe Stunde im warmen Wasser und frühstückte. Die Sonne schien jetzt in die Via Nazionale, und er ließ sie herein, indem er die Vorhänge mit ihren alten Messingringen rasselnd beiseiteschob. Während er auf das Bügeln eines Anzuges wartete, las er im »Corriere della Sera« über »una novella di Sinclair Lewis, Wall Street, nella quak autore analizza la vita soziale di una piccola città Americana«. Dann versuchte er, über Rosemarie nachzudenken.

Zuerst fiel ihm nichts ein. Sie war jung und anziehend, aber das war Topsy auch. Er nahm an, sie würde in den verflossenen vier Jahren Liebhaber gehabt und sie geliebt haben. Nun, man konnte nie genau sagen, wieviel Raum man im Leben der Menschen einnahm. Und doch entsprang dieser Unklarheit seine Zuneigung – es sind die wertvollsten Bindungen, wenn man die Hindernisse kennt und die Beziehung doch aufrechterhalten will; die Vergangenheit kam wieder auf ihn zu, und er wünschte, er hätte die beredte Hingabebereitschaft von damals wie eine Kostbarkeit bewahren können, bis sie ganz in ihm wurzelte, bis sie außerhalb von ihm nicht mehr existierte. Dick versuchte, sich alles zu vergegenwärtigen, was auf sie anziehend hätte wirken können – es war weniger als vor vier Jahren. Achtzehnjährige betrachten Vierunddreißjährige durch den verschönernden Schleier der Jugend; aber die Zweiundzwanzigjährige würde den Achtunddreißigjährigen mit kritischer Schärfe betrachten. Überdies hatte sich Dick zur Zeit ihrer früheren Begegnung in einem Stadium starker Gefühlsspannung befunden? seither hatte sich die Begeisterung etwas gelegt.

Als ihm der Anzug gebracht wurde, zog er sich an: weißes Hemd und Kragen, schwarze Krawatte mit einer Perle; die Schnur seines Leseglases lief durch eine andere Perle von gleicher Form, die ein paar Zentimeter tiefer hing. Durch den Schlaf hatte sein Gesicht das rötliche Braun zurückgewonnen, das ihm viele Sommer an der Riviera verliehen hatten, und um geschmeidig zu werden, machte er Handstand auf einem Stuhl, bis sein Füllfederhalter und Geldmünzen herausfielen. Um drei rief er Rosemarie an und wurde gebeten, hinaufzukommen. Da er im Moment von seinen Turnübungen schwindlig war, ging er auf einen Schnaps in die Bar.

»He, Doktor Diver!«

Nur infolge von Rosemaries Anwesenheit im Hotel erkannte Dick in dem Mann sofort Collis Clay. Ihm haftete seine alte Zuversichtlichkeit an, ein Aussehen nach Wohlstand, und er hatte Hamsterbacken bekommen.

»Wissen Sie, daß Rosemarie hier ist?« fragte Collis.

»Ich traf sie zufällig.«

»Ich war in Florenz und hörte, daß sie hier sei, darum kam ich vorige Woche herüber. Sie würden Mamas kleines Mädelchen nicht wiedererkennen.« Er modifizierte die Bemerkung: »Ich meine, sie war so wohlbehütet, und nun ist sie eine Frau von Welt – wenn Sie wissen, was ich damit meine. Sie können es mir glauben, sie hat ein paar von diesen italienischen Jünglingen am Bändel! Und wie!«

»Studieren Sie in Florenz?«

»Ich? Klar! Ich studiere dort Architektur. Sonntag fahre ich wieder zurück – ich bleibe zum Rennen.«

Nur mit Mühe konnte ihn Dick davon abhalten, den Schnaps auf seinem Konto ankreiden zu lassen, das er in der Bar hatte.

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