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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 45
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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VI

Er kam nach Innsbruck, als es dämmerte, ließ sein Gepäck ins Hotel schaffen und ging in die Stadt. Im Schein der untergehenden Sonne kniete Kaiser Maximilian betend über den trauernden Bronzegestalten; eine Gruppe von vier Jesuitennovizen schritt lesend durch den Universitätsgarten. Die Marmortafeln zum Gedenken an alte Siege, Heiraten und Jahrestage tauchten schnell ins Dunkel, als die Sonne verschwunden war, und er aß Erbsensuppe mit Würstchen, trank vier Glas helles Pilsener und schlug einen deftigen Nachtisch aus, der unter dem Namen »Kaiserschmarren« bekannt war.

Trotz der über ihm liegenden Berge war die Schweiz weit weg, war Nicole weit weg. Später, als er bei Dunkelheit durch den Garten ging, dachte er mit einem Gefühl inneren Befreitseins an sie und liebte sie um ihrer wahren Natur willen. Er entsann sich, wie sie einmal durch das feuchte Gras schnell auf ihn zugelaufen kam, ihre dünnen Schuhe vom Tau durchnäßt. Sie stellte sich auf seine Schuhe, schmiegte sich an ihn und hielt ihm ihr Gesicht entgegen wie ein aufgeschlagenes Buch.

»Denke daran, wie du mich liebst«, flüsterte sie. »Ich bitte nicht darum, daß du mich immer so lieben sollst, aber ich bitte dich, daß du dich daran erinnerst. Irgendwo in mir wird immer der Mensch sein, der ich heute abend bin.«

Aber Dick hatte sich um seiner Seele willen entfernt, und er begann, darüber nachzudenken. Er hatte sich verloren – er wußte nicht, wann, er konnte die Stunden oder den Tag, die Woche, den Monat oder das Jahr nicht angeben. Einstmals hatte er die Dinge ergründet; er hatte die kompliziertesten Gleichungen gelöst wie die einfachsten Probleme seiner einfachsten Patienten. Zwischen dem Zeitpunkt, da er Nicole am Zürichsee wie eine Blume unter einem Stein gefunden hatte, und seiner Begegnung mit Rosemarie war der Speer stumpf geworden.

Er hatte seines Vaters Kämpfe in armen Gemeinden beobachtet, und das hatte in seiner so gar nicht gewinnsüchtigen Natur den Wunsch nach Geld aufkommen lassen. Es war kein natürlicher Wunsch nach Sicherheit – er hatte sich seiner selbst niemals so sicher gefühlt, war nie so ganz und gar er selbst gewesen wie zu der Zeit, als er Nicole heiratete. Und dennoch war er wie ein Gigolo geschluckt worden und hatte irgendwie zugegeben, daß sein Arsenal in die Warrenschen Sicherheitsdepots eingeschlossen wurde.

»Es hätte eine Abmachung im kontinentalen Stil getroffen werden müssen; aber wir sind noch nicht am Ende. Ich habe neun Jahre damit vergeudet, die reichen Leute das Abc menschlichen Anstandes zu lehren; aber ich bin noch nicht erledigt. Ich habe noch zu viel unausgespielte Trümpfe in Händen.«

Er wandelte zwischen fahlen Rosenbüschen und Beeten mit feuchtem, süßem, verschwommenem Farn hin und her. Für den Oktober war es warm, doch kühl genug für eine dicke Wolljoppe, die am Hals mit einer kleinen elastischen Schlinge zugeknöpft war. Eine Gestalt löste sich aus der schwarzen Masse eines Baumes, und er erkannte die Frau, an der er beim Hinausgehen in der Halle vorbeigekommen war. Er verliebte sich jetzt in jede hübsche Frau, die er sah.

Sie kehrte ihm den Rücken zu, während sie die Lichter der Stadt betrachtete. Er zündete ein Streichholz an, was sie hören mußte, aber sie verharrte regungslos.

– War das eine Aufforderung? Oder ein Zeichen von Vergeßlichkeit? Er hatte so lange außerhalb der Welt geringfügiger Wünsche und deren Erfüllungen gelebt, daß er unbeholfen und unsicher war. Soviel er wußte, gab es irgendeine Verständigungsmethode zwischen Wanderern in kleinen Kurorten, durch die sie sich schnell fanden.

– Vielleicht galt die nächste Bewegung ihm. Fremde Kinder würden sich anlächeln und sagen: »Wir wollen spielen.«

Er ging näher heran, der Schatten bewegte sich zur Seite. Vielleicht würde er eine Abfuhr erleiden wie die aufdringlichen Handlungsreisenden, von denen er in seiner Jugend hatte reden hören. Sein Herz schlug laut, als es von dem Unerforschten, Unzergliederten, Unanalysierten und Unerklärlichen angerührt wurde. Er wandte sich unvermittelt ab, und indem er es tat, löste sich das Mädchen aus der schwarzen Einheit, die es mit dem Laubwerk gebildet hatte, ging ruhigen, aber entschlossenen Schrittes um eine Bank herum und nahm den Weg zurück zum Hotel.

Mit einem Führer und zwei anderen Herren brach Dick am anderen Morgen zur Birkkarspitze auf. Es war ein herrliches Gefühl, als sie sich erst einmal über den Kuhglocken der höchsten Almen befanden – Dick freute sich auf die Nacht in der Hütte, freute sich seiner eigenen Müdigkeit, freute sich der Überlegenheit des Führers und fand Gefallen an seiner eigenen Anonymität. Aber um die Mittagszeit änderte sich das Wetter; mit dichtem Graupelschnee und Hagel zog ein Berggewitter auf. Dick und einer der anderen Bergsteiger wollten weiter, aber der Führer weigerte sich. Betrübt kämpften sie sich nach Innsbruck zurück, mit der Absicht, am nächsten Morgen erneut aufzubrechen.

Nach dem Dinner, als er im verlassenen Speisesaal eine Flasche schweren Landwein getrunken hatte, fühlte er sich erregt, ohne zu wissen, warum, bis er an den Garten dachte. Vor dem Essen war er dem Mädchen in der Halle begegnet, und sie hatte ihn angesehen und gezeigt, daß er ihr gefiel, und doch fragte er sich: Wozu eigentlich? Da ich doch eine Menge der hübschen Frauen meiner Zeit für ein Wort hätte haben können, warum soll ich jetzt diese Sache anfangen? Mit einem gespenstigen Aufleben, einem Fragment meines Begehrens? Wozu?

Als seine Phantasie vorwärtsdrängte, siegten sein alter Hang zur Askese und sein gegenwärtiges Gefühl der Fremdheit: Gott, ich könnte eigentlich ebensogut an die Riviera zurückfahren und mit Janice Caricamento oder dem Wilburhazy-Mädel schlafen. Sollte man sich die Erinnerung an die vergangenen Jahre durch etwas Billiges, Bequemes verderben?

Trotzdem war er immer noch erregt, verließ die Veranda und ging auf sein Zimmer, um nachzudenken. Körperlich und geistig allein sein, erzeugt Einsamkeit, und Einsamkeit erzeugt noch mehr Einsamkeit.

Oben ging er umher und überdachte die Sache, dabei legte er seinen Touristenanzug sorgsam über den lauwarmen Heizkörper. Wieder kam ihm Nicoles noch ungeöffnetes Telegramm unter die Hände, mit dem sie seine Reise täglich begleitete. Vor dem Essen hatte er gezögert, es zu öffnen – vielleicht wegen des Gartens. Es war ein Kabel aus Buffalo, über Zürich geleitet:

»Ihr Vater heute abend friedlich entschlafen. Holmes.«

Ein heftiger Schrecken durchzuckte ihn, mobilisierte seine ganze Widerstandskraft, rieselte ihm durch Lenden, Magen und Kehle.

Er las die Nachricht noch einmal. Dann setzte er sich aufs Bett, schwer atmend und vor sich hinstarrend; als erstes ging ihm der alte selbstsüchtige Gedanke durch den Kopf, den jedes Kind hat, wenn eines seiner Eltern stirbt: Wie hart wird es mir vorkommen, nun, da mein ältester und stärkster Schutz von mir gegangen ist.

Die atavistische Regung verging, und er schritt wieder durch das Zimmer, von Zeit zu Zeit einen Blick auf das Telegramm werfend. Holmes war nach außen hin der Hilfsgeistliche seines Vaters, tatsächlich jedoch seit einer Dekade schon der Pfarrer der Kirche. Woran war er gestorben? An Altersschwäche – er war fünfundsiebzig. Er hatte lange gelebt.

Es stimmte Dick traurig, daß der alte Mann einsam gestorben war – er hatte seine Frau und seine Geschwister überlebt. Zwar existierten Vettern von ihm in Virginia, doch waren sie unbemittelt und konnten nicht in den Norden reisen, und so hatte Holmes das Telegramm unterzeichnen müssen. Dick liebte seinen Vater – immer wieder paßte er seine Urteile dem an, was sein Vater wahrscheinlich gedacht oder getan haben würde. Dick wurde ein paar Monate nach dem Tod seiner beiden kleinen Schwestern geboren, und da sein Vater voraussah, welche Folge das bei seiner Mutter haben würde, hatte er ihn vor dem Verwöhntwerden bewahrt, indem er die moralische Leitung des Kindes übernahm. Er stammte aus müdem Geschlecht, doch raffte er sich zu dieser Willensanstrengung auf.

Im Sommer gingen Vater und Sohn zusammen munter in die Stadt, um sich ihre Schuhe blankputzen zu lassen – Dick in gestärktem derbem Matrosenanzug, sein Vater stets in gutsitzender geistlicher Tracht –, und der Vater war sehr stolz auf seinen hübschen, kleinen Jungen. Er erzählte Dick alles, was er vom Leben wußte, nicht viel, aber das meiste davon wahr, einfache Züge, Dinge des Benehmens, auf die es in seinem geistlichen Stand ankam. »Einmal, in einer fremden Stadt, als ich gerade in mein Amt eingeführt war, betrat ich einen überfüllten Saal und befand mich in einiger Verlegenheit, weil ich nicht wußte, wer die Gastgeberin war. Mehrere Leute, die ich kannte, kamen auf mich zu, aber ich beachtete sie nicht, denn ich hatte am anderen Ende des Raumes eine grauhaarige Dame am Fenster sitzen sehen. Ich ging zu ihr hin und stellte mich vor. Danach erwarb ich viele Freunde in der Stadt.«

Sein Vater hatte aus seines Herzens Güte heraus so gehandelt – er war sich bewußt, wer er war, voller Stolz auf die beiden würdigen Witwen, die ihn in dem Glauben erzogen hatten, daß es nichts Höheres gäbe als »gute Instinkte«, Ehre, Höflichkeit und Mut.

Sein Vater stand auf dem Standpunkt, daß das kleine Vermögen seiner Frau seinem Sohn gehöre, und schickte ihm davon viermal im Jahr einen Scheck zur Universität und in die Klinik. Er war einer der Menschen, von denen im goldenen Zeitalter mit erschöpfender Selbstgefälligkeit gesagt wurde: »Ein Ehrenmann durch und durch, aber kein Draufgänger.«

... Dick ließ sich eine Zeitung nach oben kommen. Indem er sich dem offen auf dem Schreibtisch liegenden Telegramm näherte und sich wieder von ihm entfernte, wählte er ein Schiff für die Überfahrt nach Amerika aus. Dann meldete er ein Gespräch mit Nicole nach Zürich an, prägte seinem Gedächtnis eine Menge Dinge ein, während er wartete und wünschte, er wäre immer so gut gewesen, wie er sich vorgenommen hatte.

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