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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 44
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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V

Tommy Barban war eine Herrschernatur, Tommy war ein Held – Dick traf ihn zufällig auf dem Marienplatz in München, in einem der kleinen Cafés, in denen kleine Spielratten auf bunten Decken würfelten. Die Luft war erfüllt von Politik und vom Aufschlagen der Karten.

Tommy saß an einem der Tische und ließ sein martialisches Gelächter hören: »Um–buh–ha-ha! Um–buh–ha-ha!« Gewöhnlich trank er wenig; sein Steckenpferd war der Mut, und seine Kameraden hatten immer ein wenig Angst vor ihm. Ein Achtel seiner Schädeldecke war kürzlich von einem Warschauer Militärarzt entfernt worden; die Wunde vernarbte unter seinem Haar, und der schwächste Mensch im Café hätte ihn durch einen Schlag mit einer geknoteten Serviette töten können.

»Dies ist Fürst Tschillitschew –«, ein verlebter, grauhaariger Russe von fünfzig Jahren, »– und Herr McKibben – und Herr Hannan.« Der letztere war eine lebhafte Kugel mit schwarzen Augen und schwarzem Haar, ein Spaßmacher; sogleich sagte er zu Dick:

»Vor allen Dingen, bevor wir uns die Hand geben – wie kommen Sie dazu, sich mit meiner Tante herumzutreiben?«

»Aber ich –«

»Sie haben gehört, was ich gesagt habe. Was tun Sie überhaupt hier in München?«

»Um–bah–ha-ha!« lachte Tommy.

»Haben Sie nicht selbst Tanten? Warum treiben Sie sich nicht mit denen herum?«

Dick lachte, woraufhin der Mann seine Angriffstaktik änderte:

»Wir wollen nicht weiter von Tanten reden. Wie soll ich wissen, ob Sie sich nicht alles ausgedacht haben? Sie sind hier völlig fremd, kennen uns kaum eine halbe Stunde und kommen und erzählen mir eine Lügengeschichte über Ihre Tanten. Wie soll ich wissen, was Sie verheimlicht haben?«

Tommy lachte wieder, dann sagte er gutmütig, aber bestimmt: »Genug jetzt, Carly. Setz dich, Dick – wie geht's dir? Wie geht's Nicole?«

Er machte sich nicht viel aus Männern und suchte ihre Gegenwart nicht besonders eifrig – er war völlig ausgeruht für neue Taten; so wie ein guter Sportsmann, der bei irgendeinem Wettkampf die Rolle des zweiten Verteidigers spielt, sich während eines großen Teils der Zeit entspannt, wogegen ein wenig guter Spieler nur so tut, sich dabei aber in ständiger selbstquälerischer, nervöser Spannung befindet.

Hannan, der sich nicht völlig geschlagen gab, ging zu dem dicht danebenstehenden Klavier, und während sein Gesicht jedesmal, wenn er zu Dick hinblickte, einen Ausdruck von Empörung annahm, schlug er Akkorde an und murmelte von Zeit zu Zeit: »Ihre Tanten!« und mit sinkender Stimme: »Ich habe überhaupt nicht Tanten gesagt. Ich sagte Tanzen.«

»Also, wie geht's dir?« wiederholte Tommy. »Du siehst nicht so –«, er suchte nach einem Wort, »– so flott aus wie früher, so unternehmend. Du weißt, was ich meine.«

Die Bemerkung klang ganz so, als werde ihm mangelnde Vitalität zum Vorwurf gemacht, und Dick war drauf und dran, sich dafür mit einer Bemerkung über die außergewöhnliche Kleidung von Tommy und Fürst Tschillitschew zu rächen – Anzüge von so phantastischem Muster und Schnitt, daß man sie auf einem Sonntagsbummel in der Beale Street hätte spazierenführen können – als man ihm mit einer Bemerkung zuvorkam.

»Ich sehe, Sie betrachten unsere Anzüge«, sagte der Fürst. »Wir kommen direkt aus Rußland.«

»Sie sind in Polen beim Hofschneider gemacht worden«, sagte Tommy. »Tatsächlich – von Pilsudskis persönlichem Schneider.«

»Ihr habt eine Rundreise gemacht?« fragte Dick.

Sie lachten, und dabei schlug der Fürst Dick klatschend auf den Rücken.

»Ja, wir haben eine Rundreise gemacht. Das ist das Wort, eine Rundreise. Wir haben ganz Rußland bereist. Mit großem Pomp.«

Dick wartete auf eine Erklärung. Diese wurde ihm von Herrn McKibben in drei Worten gegeben:

»Sie sind geflohen.«

»Waren Sie in Rußland gefangen?«

»Ich war es«, erklärte Fürst Tschillitschew, indes er Dick mit toten, gelben Augen anstarrte. »Nicht gefangen, aber ich hielt mich verborgen.«

»War es schwierig, herauszukommen?«

»Ziemlich. Wir ließen drei Rotgardisten tot an der Grenze zurück. Tommy zwei und ich einen.«

»Das ist eine Sache, die ich nicht verstehe«, sagte McKibben. »Warum hatte man etwas gegen eure Ausreise einzuwenden?«

Hannan kehrte sich vom Klavier ab und sagte, indem er den anderen zuzwinkerte: »Mac glaubt, ein Marxist sei jemand, der die Sankt Markus-Schule besucht hat.«

Es war die Geschichte einer Flucht nach alter Überlieferung: ein Aristokrat, der sich neun Jahre lang bei einem ehemaligen Diener verborgen hielt und in einer staatlichen Bäckerei arbeitete; seine achtzehnjährige Tochter lebte in Paris, und Tommy Barban kannte sie. Während der Erzählung stellte Dick fest, daß diese vergilbten papierenen Überbleibsel der Vergangenheit kaum das Leben dreier junger Männer wert waren. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob Tommy und Tschillitschew Angst gehabt hätten.

»Als mir kalt war«, sagte Tommy. »Ich fürchte mich immer, wenn ich friere. Während des Krieges habe ich immer Angst gehabt, wenn mir kalt war.«

McKibben erhob sich.

»Ich muß mich verabschieden. Morgen früh fahre ich per Wagen mit meiner Frau und den Kindern und der Erzieherin nach Innsbruck.«

»Ich fahre morgen ebenfalls dorthin«, sagte Dick.

»Oh, wirklich?« rief McKibben. »Wie wär's, wenn Sie mit uns fahren würden? Es ist ein großer Packard, und wir sind nur meine Frau und die Kinder und ich selbst – und die Erzieherin -«

»Ich kann unmöglich –«

»Natürlich ist es keine richtige Erzieherin«, fügte McKibben hinzu und sah Dick fast kläglich an. »Die Sache ist die, daß meine Frau Ihre Schwägerin Baby Warren kennt.«

Aber Dick ließ sich nicht blind festlegen.

»Ich habe versprochen, mit zwei Herren zu fahren.«

»Oh!« McKibben machte ein langes Gesicht. »Nun, dann will ich mich verabschieden.« Er band zwei Vollblut-Drahthaarterrier vom Nebentisch los und zögerte. Dick stellte sich den vollgepfropften Packard vor, wie er, mit McKibbens und ihren Kindern, ihrem Gepäck und den kläffenden Hunden – und der Erzieherin beladen, auf Innsbruck zufuhr.

»Die Zeitung behauptet, man wisse, wer ihn getötet hat«, sagte Tommy. »Aber seine Vettern wollten nicht, daß es in die Zeitung kommt, weil es in einer Flüsterkneipe geschah. Was hältst du davon?«

»Das ist, was man Familienstolz nennt.«

Hannan schlug einen lauten Akkord auf dem Klavier an, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

»Ich glaube nicht, daß das, was er zuerst komponiert hat, von Dauer ist«, sagte er. »Mal ganz abgesehen von den Europäern – es gibt ein Dutzend Amerikaner, die dasselbe können wie North.«

Dies war für Dick der erste Hinweis, daß sie über Abe North sprachen.

»Der einzige Unterschied ist, daß Abe es zuerst gekonnt hat«, sagte Tommy.

»Der Meinung bin ich nicht«, beharrte Hannan. »Man hat ihn in den Ruf gebracht, ein guter Musiker zu sein, weil er soviel trank, daß seine Freunde irgendeine Ausrede dafür brauchten –«

»Was ist mit Abe North los? Was soll das heißen? Sitzt er in einer Klemme?«

»Hast du heute früh den ›Herald‹ nicht gelesen?«

»Nein.«

»Er ist tot. Er ist in einer Flüsterkneipe in New York erschlagen worden. Er konnte sich gerade noch nach Hause in den Racquet Klub schleppen, um dort zu sterben –«

»Abe North?«

»Freilich, sie –«

»Abe North?« Dick erhob sich. »Wißt ihr genau, daß er tot ist?«

Hannan drehte sich nach McKibben um. »Es war nicht der Racquet Klub, wohin er sich schleppte – es war der Harvard Klub. Ich weiß genau, daß er nicht Mitglied vom Raquet war.«

»Es stand in der Zeitung«, beharrte McKibben.

»Es muß ein Irrtum gewesen sein. Ich weiß es genau.«

» In einer Flüsterkneipe erschlagen

»Aber ich kenne zufällig fast alle Mitglieder des Racquet Klubs«, sagte Hannan. »Es muß der Harvard Klub gewesen sein.«

Dick brach auf und Tommy ebenfalls. Fürst Tschillitschew fuhr aus der stumpfen Betrachtung des Nichts hoch – vielleicht hatte er erwogen, ob er Chancen hätte, jemals aus Rußland herauszukommen, eine Erwägung, die ihn so lange beschäftigt hatte, daß er sich nicht so plötzlich von ihr trennen konnte – und folgte ihnen hinaus.

» Abe North erschlagen

Auf dem Weg zum Hotel, dessen Dick sich kaum bewußt wurde, sagte Tommy:

»Wir warten darauf, daß der Schneider ein paar Anzüge fertigstellt, um nach Paris fahren zu können. Ich habe vor, ins Effektengeschäft zu gehen, und in diesem Aufzug würden sie mich nicht nehmen. In deinem Land macht jeder Millionen. Wirst du wirklich morgen fahren? Wir können nicht einmal mit dir essen. Der Fürst hatte eine alte Bekannte in München. Er wollte sie besuchen, aber sie ist vor fünf Jahren gestorben; nun essen wir mit den beiden Töchtern.«

Der Fürst nickte mit dem Kopf.

»Vielleicht hätte ich mich für Doktor Diver frei machen können.«

»Nein, nein«, sagte Dick hastig.

Er schlief fest und erwachte davon, daß ein trauervoller Zug langsam an seinem Fenster vorbeimarschierte. Es war eine lange Kolonne: Männer in Uniform mit den wohlbekannten Helmen von 1914, dicke Männer mit Gehröcken und Zylindern, Bürger, Aristokraten, Biedermänner. Es war eine Gesellschaft von Veteranen, die Kränze auf die Gräber der Toten brachten. Die Kolonne marschierte langsam, in einer Art stolzierendem Schritt, der eine verlorene Herrlichkeit, eine vergangene Anstrengung, ein vergessenes Leid andeutete. Die Gesichter waren nur äußerlich traurig; augenblicklich schwoll Dick das Herz vor Kummer über Abes Tod und über seine eigene Jugend, die zehn Jahre zurücklag.

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