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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 43
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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IV

»Ich möchte wegfahren«, sagte er zu Franz. »Einen Monat etwa, so lange es geht.«

»Warum nicht, Dick? So lautete unsere ursprüngliche Abmachung – du warst es, der darauf bestand, zu bleiben. Wenn du und Nicole –«

»Ich will nicht mit Nicole weggehen. Ich will allein fahren. Die letzte Sache hat mich umgeworfen – wenn ich in vierundzwanzig Stunden zwei Stunden Schlaf finde, so ist das eins von Zwinglis Wundern.«

»So wünschst du einen richtigen Erholungsurlaub.«

»Abwesenheit ist das richtige Wort. Paß auf: Könntest du hier für Frieden sorgen, wenn ich nach Berlin zum Psychiater-Kongreß fahre? Seit drei Monaten ist sie ganz in Ordnung, und die Krankenschwester gefällt ihr. Mein Gott, du bist auf dieser Welt der einzige Mensch, den ich darum bitten kann.«

Franz grunzte und überlegte, ob ihm wohl zugemutet werden könne, immer an das Interesse seines Partners zu denken.

In der Woche darauf fuhr Dick zum Züricher Flugplatz und bestieg das große Flugzeug nach München. Als es dröhnend ins Blau emporstieg, war er wie betäubt, und es kam ihm zum Bewußtsein, wie müde er war. Eine große Ruhe kam über ihn, er überließ den Kranken die Krankheit, den Motoren das Dröhnen, dem Piloten die Richtung. Er hatte nicht die Absicht, auch nur einer einzigen Sitzung des Kongresses beizuwohnen – er konnte sie sich gar zu gut vorstellen: neue Flugschriften von Bleuler und dem älteren Forel, die er sich viel besser zu Hause zu Gemüte führen konnte, den Vortrag des Amerikaners, der Dementia praecox heilte, indem er seinen Patienten die Zähne zog oder die Mandeln wegätzte, und die halbspöttische Achtung, mit der diese Idee aus keinem anderen Grunde begrüßt werden würde als darum, weil Amerika ein so reiches und mächtiges Land war. Die anderen Delegierten aus Amerika – der rothaarige Schwartz mit dem Gesicht eines Heiligen und der endlosen Geduld, mit der er versuchte, zwei Welten unter einen Hut zu bringen, sodann Dutzende von handwerksmäßigen Irrenärzten mit Galgengesichtern, die dort sein würden, entweder um ihr Ansehen und folglich ihre Aussichten auf die größten Rosinen in der Kriminalpraxis zu verbessern oder um neue Spitzfindigkeiten beherrschen zu lernen, die sie zur allgemeinen Verwirrung der Begriffe in ihr Repertoire aufnehmen konnten. Zynische Italiener würden dort sein und irgendein Anhänger von Freud aus Wien. Deutlich würde sich der große Jung unter ihnen abheben, höflich und außerordentlich eindringlich, wenn er wie üblich seinen Rundgang zwischen den Gestrüppen der Anthropologie und der Nervenstörungen von Schuljungen unternahm. Zuerst würde der Kongreß einen amerikanischen Anstrich haben, in seinen Formen und Feierlichkeiten fast wie der Rotary-Klub, dann würde sich die festergefügte europäische Vitalität durchkämpfen, und schließlich würden die Amerikaner ihre Trümpfe ausspielen mit der Bekanntgabe ungeheurer Spenden und Stiftungen, der Gründung von Fabrikanlagen und Erziehungsanstalten, und angesichts der Summen würden die Europäer klein und häßlich werden. Aber er würde nicht dabeisein und zusehen.

Sie flogen über die Vorarlberger Alpen, und Dick empfand ein ländliches Vergnügen, als er die Dörfer liegen sah. Es befanden sich immer vier oder fünf im Blickfeld, und jedes von ihnen war um eine Kirche gruppiert. Es war einfach, die Erde aus so weiter Entfernung zu betrachten, ebenso einfach wie mit Puppen und Soldaten grimmige Spiele zu spielen. Auf diese Weise betrachteten Staatsmänner und Befehlshaber und alle Leute, die im Ruhestand lebten, die Dinge. Auf alle Fälle war es eine gute Entspannung.

Ein Engländer sprach ihn über den Gang herüber an, aber neuerdings waren ihm die Engländer unsympathisch. England kam ihm vor wie ein reicher Mann nach einer abscheulichen Orgie, der seiner Familie schön tut und sich mit jedem einzelnen ihrer Mitglieder unterhält, denen klar ist, daß er nur versucht, seine Selbstachtung zurückzugewinnen und seine frühere Machtstellung wieder an sich zu reißen.

Dick hatte an Zeitschriften bei sich, was in Reisekiosken aufzutreiben war: The Century, The Motion Picture, L'Illustration und die Fliegenden Blätter, aber es machte ihm mehr Spaß, im Geiste in die Dörfer hinabzusteigen und den bäuerlichen Gestalten die Hand zu drücken. Er saß in den Kirchen, wie er in seines Vaters Kirche in Buffalo gesessen hatte, in der muffigen Luft gestärkter Sonntagskleider. Er lauschte der Weisheit des Nahen Ostens, wurde gekreuzigt, starb und wurde in der heiteren Kirche begraben, und wiederum schwankte er zwischen fünf und zehn Cent für die Sammelbüchse, wegen des Mädchens, das im Kirchenstuhl hinter ihm saß.

Der Engländer borgte sich plötzlich seine Zeitschriften aus und wechselte dabei ein paar Worte mit ihm, und Dick, der froh war, die Lektüre los zu sein, dachte an die Reise, die vor ihm lag. Wie ein Wolf in seiner Schafskleidung aus langschuriger, australischer Wolle betrachtete er die Welt des Vergnügens – das unvergängliche Mittelmeer mit dem herrlichen alten, verkrusteten Staub in den Olivenbäumen, das Bauernmädchen bei Savona mit einem Gesicht so grün und rosa wie der Widerschein eines beleuchteten Meßbuchs. Er würde sie in seine Hände nehmen und über die Grenze ziehen ...

... Aber hier verließ er sie ... er mußte schnell weiter zu den griechischen Inseln, den in Wolken gehüllten Gewässern unbekannter Häfen, dem verirrten Mädchen am Strand, dem Mond der Volksgesänge. Ein Teil von Dicks Gemüt steckte voll von den kitschigen Andenken seiner Kinderjahre. Und dennoch war es ihm gelungen, inmitten der achtlos verstreuten Groschenware das schwache, schmerzhafte Feuer des Verstandes am Leben zu erhalten.

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