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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 42
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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III

Die Mahlzeiten mit den Patienten waren eine Aufgabe, der er sich mit Gleichgültigkeit unterzog. Die Tischgesellschaft – die Insassen der »Heckenrose« und der »Birke« natürlich nicht inbegriffen – machte auf den ersten Blick einen ziemlich alltäglichen Eindruck, aber es lag immer eine tiefe Melancholie über ihr. Die gerade anwesenden Ärzte hielten eine Unterhaltung aufrecht; aber die Mehrzahl der Patienten – als seien sie erschöpft von den Mühen des Vormittags oder niedergedrückt durch das Beisammensein – sprachen wenig und blickten beim Essen auf ihre Teller.

Nach dem Lunch kehrte Dick in seine Villa zurück. Nicole war im Salon und machte ein sonderbares Gesicht.

»Lies das«, sagte sie.

Er öffnete den Brief. Er war von einer Frau, die kürzlich, obwohl sich die Ärzte skeptisch zeigten, entlassen worden war. Sie beschuldigte ihn in deutlichen Worten, ihre Tochter verführt zu haben, die während des kritischen Stadiums der Krankheit bei ihrer Mutter gewesen war. Sie vermutete, Frau Diver werde froh sein, davon in Kenntnis gesetzt zu werden und zu erfahren, »wes Geistes Kind« ihr Mann eigentlich sei.

Dick überlas den Brief noch einmal. Obwohl er in klarem, präzisem Englisch abgefaßt war, erkannte er ihn dennoch als den Brief einer Geistesgestörten. Ein einziges Mal hatte er das Mädchen, eine kokette, kleine Brünette, auf ihr Bitten hin im Wagen mit nach Zürich genommen und abends zur Klinik zurückgebracht. In tändelnder, fast herablassender Art hatte er sie geküßt. Später hatte sie versucht, die Sache fortzusetzen, aber er war nicht interessiert gewesen, und in der Folge, wahrscheinlich infolgedessen, hatte das Mädchen eine Abneigung gegen ihn gefaßt und ihre Mutter aus der Anstalt genommen.

»Dieser Brief ist verrückt«, sagte er. »Zwischen mir und dem Mädchen hat es nichts gegeben. Sie gefiel mir nicht einmal.«

»Ja, ich habe versucht, mir das einzureden«, sagte Nicole.

»Du glaubst es doch natürlich nicht.«

»Ich habe die Zeit über hier gesessen.«

Er gab seiner Stimme einen gedämpften, vorwurfsvollen Tonfall und setzte sich neben sie.

»Das ist widersinnig. Es ist der Brief einer Geisteskranken.«

»Ich war auch geisteskrank.«

Er stand auf und sagte gebieterisch:

»Ich meine, wir lassen den Unsinn, Nicole. Ruf die Kinder, wir wollen aufbrechen.«

Im Wagen, den Dick steuerte, folgten sie den kleinen Einbuchtungen des Sees, fingen den Glanz des Lichts und des Wassers in der Windschutzscheibe auf und bahnten sich einen Weg durch Kaskaden immergrünen Laubes. Es war Dicks Wagen, ein Renault, der so winzig klein war, daß sie fast herausquollen, außer den Kindern, zwischen denen, im Rücksitz, Mademoiselle wie ein Mast emporragte. Sie kannten jeden Kilometer des Weges, wußten, wo es nach Kiefernnadeln und wo nach dem Kohlenmeiler riechen würde. Die hochstehende Sonne, die aussah, als habe sie ein Gesicht, prallte heftig auf die Strohhüte der Kinder.

Nicole verhielt sich schweigsam. Dick war es unbehaglich unter ihrem geraden, strengen Blick. Oft fühlte er sich einsam bei ihr, und häufig ermüdete ihn die abgerissene Flut ihrer persönlichen Enthüllungen, die sie ausschließlich für ihn aufbewahrte. »Ich bin so veranlagt – ich neige mehr hierzu«; aber an jenem Nachmittag wäre er froh gewesen, wenn sie eine Weile in Stakkatomanier geredet und ihm Einblick in ihre Gedanken gewährt hätte. Die Situation wurde immer höchst bedrohlich, wenn sie sich in ihr Inneres zurückzog und die Türen hinter sich schloß.

In Zug stieg Mademoiselle aus und verließ sie. Divers näherten sich dem Agiri-Jahrmarkt, hinter einer Reihe riesiger Straßenwalzen, die ihnen den Weg ebneten. Dick parkte den Wagen, und als Nicole ihn regungslos ansah, sagte er: »Komm heraus, Liebling.« Ihre Lippen verzogen sich zu einem plötzlichen, fürchterlichen Lächeln, und ihm wurde schlimm zumute; als ob er es nicht gesehen habe, wiederholte er: »Komm heraus. Dann können die Kinder auch aussteigen.«

»Oh, ich werde schon herauskommen«, entgegnete sie, indem sie die Worte irgendeiner Geschichte zu entnehmen schien, die sich in ihrem Inneren abspielte, zu schnell, als daß er ihr hätte folgen können. »Mach dir keine Gedanken darüber. Ich komme schon.«

»Dann komm.«

Sie kehrte sich von ihm ab, als er neben ihr herging, aber das Lächeln huschte immer noch spöttisch und abwesend über ihr Gesicht. Nur als Lanier sie mehrmals anredete, gelang es ihr, ihre Aufmerksamkeit auf eine Sache zu konzentrieren, nämlich auf ein Kasperletheater, und sich mit dessen Hilfe in die Umwelt zurückzufinden.

Dick überlegte, was zu tun sei. Das Zwiefache seines Ausblicks auf sie – als Ehemann und als Psychiater – lähmte seine geistigen Kräfte immer mehr. In den vergangenen neun Jahren hatte sie ihn mehrmals aus seiner Position gedrängt, ihn durch das Erregungsmoment tiefgefühlten Mitleids oder durch eine Flut phantastischen und zusammenhanglosen Witzes entwaffnend, so daß ihm erst nach dem Zwischenfall, im Bewußtsein seiner eigenen Entspannung, klar wurde, daß sie einen Sieg über sein besseres Urteil davongetragen hatte.

Nachdem eine Unterhaltung mit Topsy über das Kasperletheater – ob der Hanswurst derselbe Hanswurst sei, den sie im vorigen Jahr in Cannes gesehen hatten – zu Ende gebracht worden war, ging die Familie wieder unter freiem Himmel zwischen den Buden entlang. Die Hüte der Frauen, über Samtmiedern wippend, und die hellen weiten Röcke vieler Kantone erschienen schlicht im Vergleich zu dem Blau und Orange der Wagen und zu den Schaustellungen. Kreischend und klingelnd ertönte der Lärm einer Jahrmarktsschau.

Ganz plötzlich begann Nicole zu laufen, so plötzlich, daß Dick sie im ersten Moment gar nicht vermißte. Weit vorne sah er, wie sich ihr gelbes Kleid durch die Menschenmenge schlängelte, ein ockerfarbener Faden am Rande von Wirklichkeit und Unwirklichkeit, und er lief hinter ihr her. Heimlich lief sie weg, und heimlich folgte er ihr. Als der heiße Nachmittag durch ihre Flucht mißtönend und schrecklich wurde, hatte er die Kinder vergessen; nun kehrte er um und lief zu ihnen zurück, zog sie an den Armen hierhin und dorthin, während seine Augen an den Buden entlang suchten.

»Madame«, rief er einer jungen Frau hinter einem weißen Glücksrad zu. »Est-ce que je peux laisser ces petits avec vous deux minutes? C'est très urgent – je vous donnerai dix francs.«

»Mais oui.«

Er reichte die Kinder in die Bude. »Alors – restez avec cette gentille dame.«

»Oui, Dick.«

Er stürzte wieder davon, aber er hatte sie verloren; er lief um das Karussell herum und hielt Schritt mit ihm, bis es ihm zum Bewußtsein kam, daß er nebenher lief und die ganze Zeit dasselbe Pferd anstarrte. Mit dem Ellbogen bahnte er sich seinen Weg durch die Menge in der Weinschenke; dann erinnerte er sich einer Vorliebe von Nicole, griff hastig nach dem Vorhang am Zelt eines Wahrsagers und blickte hinein. Eine monotone Stimme begrüßte ihn: »La septième fille d'une septième fille née sur les rives du Nil – entrez, Monsieur –«

Er ließ den Vorhang fallen und lief dorthin, wo der Jahrmarkt am See endete und wo eine kleine russische Schaukel sich langsam vor dem Himmel drehte. Dort fand er sie.

Sie befand sich allein in der Gondel, die gerade auf der obersten Stelle des Rades war, und als sie herunterkam, sah er, daß sie hemmungslos lachte; er schlich sich zurück in die Menge, eine Menge, die bei der nächsten Umdrehung des Rades Nicoles ausgesprochene Hysterie erkannte.

»Regardez – moi ça!«

»Regarde donc cette Anglaise!«

Wieder kam sie herunter – diesmal wurden die Musik und die Drehung des Rades langsamer, und ein Dutzend Menschen umringte ihre Gondel; sie alle wurden durch die Art ihres Lachens dazu gebracht, teilnehmend idiotisch zu lächeln. Aber als Nicole Dick erblickte, erstarb ihr Lachen – sie machte eine Bewegung, als wenn sie an ihm vorbei und von ihm fortschlüpfen wolle, aber er ergriff ihren Arm und hielt ihn fest, als sie fortgingen.

»Warum hast du dich derartig gehen lassen?«

»Das weißt du ganz genau.«

»Nein, ich weiß es nicht.«

»Das ist ja lächerlich – laß mich los – das ist eine Beleidigung meines Verstandes. Glaubst du, ich habe nicht gesehen, wie dich das Mädchen angesehen hat – das kleine, dunkle Mädchen. Es ist grotesk – ein Kind, kaum fünfzehn Jahre. Glaubst du, ich habe es nicht gesehen?«

»Komm, bleib hier und beruhige dich etwas.«

Sie setzten sich an einen Tisch. In ihren Augen lag ein abgrundtiefes Mißtrauen, ihre Hand bewegte sich durch ihr Blickfeld, als sei da ein Hindernis. »Ich möchte trinken – ich möchte einen Kognak.«

»Einen Kognak kannst du nicht haben – wenn du willst, kannst du ein Glas Bier trinken.«

»Warum kann ich keinen Kognak haben?«

»Darüber wollen wir nicht reden. Hör zu – diese Sache mit dem Mädchen ist eine Fiktion. Verstehst du, was das Wort bedeutet?«

»Es ist immer eine Fiktion, wenn ich merke, was ich nicht merken soll.«

Er hatte ein Gefühl von Schuld, wie in einem jener nächtlichen Alpträume, in denen wir eines Verbrechens beschuldigt werden, das wir nicht leugnen können, von dem wir aber beim Aufwachen wissen, daß wir es nicht begangen haben. Seine Augen wichen ihrem Blick aus.

»Ich habe die Kinder bei einem Zigeunerweib in einer Bude gelassen. Wir müssen sie abholen gehen.«

»Was bildest du dir ein, wer du bist?« fragte sie. »Svengali?«

Noch vor einer Viertelstunde waren sie eine Familie gewesen. Nun, da er sie wider Willen in die Enge getrieben hatte, betrachtete sie alle, sowohl Kind als Mann, wie einen verhängnisvollen Zufall.

»Wir gehen nach Hause.«

»Nach Hause!« brüllte sie mit unbeherrschter Stimme, die in der oberen Lage schwankte und sich überschlug. »Und sitzen und darüber nachgrübeln, daß wir alle vermodern, daß die Asche der Kinder in jeder Schachtel, die ich öffne, modert? So ein Schmutz!«

Fast mit Erleichterung merkte er, daß sie sich mit ihren Worten verausgabt hatte, und Nicole, die sensitiv bis in die Fingerspitzen geworden war, spürte die Entspannung in seinen Zügen. »Hilf mir, hilf mir, Dick!«

Ein Gefühl der Angst überkam ihn. Es war entsetzlich, daß ein so schöner Turm nicht aufgerichtet dastehen, sondern nur hängen, an ihm hängen sollte. Bis zu einem gewissen Grade stimmte das: Männer waren für Waagebalken und Begriffe, für eiserne Brückenträger und Logarithmen; aber irgendwie waren Dick und Nicole eins und gleich geworden, ohne zueinander zu passen und sich zu ergänzen; sie war ein Teil von Dick, zehrte am Mark seiner Knochen. Er konnte ihre Verfallserscheinungen nicht beobachten, ohne ebenfalls von ihnen erfaßt zu werden. Seine ärztliche Kunst versickerte in Zärtlichkeit und Mitleid – er konnte nur den typisch modernen Weg einschlagen, weiteres Unheil zu verhüten – er würde eine Krankenschwester aus Zürich holen, die sie am selben Abend hinbegleiten sollte.

»Du kannst mir helfen.«

Ihre süße Tyrannei entzog ihm den Boden unter den Füßen. »Du hast mir früher geholfen – du kannst mir auch jetzt helfen.«

»Ich kann dir nur auf die gleiche alte Art helfen.«

»Irgendeiner kann mir helfen.«

»Vielleicht. Am ehesten kannst du dir selbst helfen. Wir wollen nach den Kindern sehen.«

Es gab viele Glücksbuden mit weißen Rädern – Dick erschrak, als er bei der ersten nachfragte und man von nichts wußte. Mit bösem Blick stand Nicole abseits, verleugnete die Kinder, denn sie lehnte sie als Bestandteile einer positiven Welt ab, die sie ihrer Gestalt zu berauben suchte. Gleich darauf fand Dick die Kinder, die von Frauen voller Entzücken wie gute Ware geprüft wurden und von stierenden Bauernkindern umringt waren.

»Merci, Monsieur, ah, Monsieur est trop généreux. C'était un plaisir, M'sieur, Madame. Au revoir, mes petits.«

Sie brachen auf, von heißer Not umspült; der Wagen war mit ihrer gemeinsamen Furcht und Qual beladen, und die Gesichter der Kinder waren ernst vor Enttäuschung. Der Schmerz zeigte sich in seinem ganzen Schrecken, düster und fremd. Als sie nahe bei Zug waren, wiederholte Nicole mit krampfhafter Anstrengung eine Bemerkung, die sie vorher gemacht hatte, über ein verschwommenes, gelbes Haus abseits der Straße, das wie ein noch feuchtes Gemälde aussah; aber es war wie der Versuch, einen Strick zu erfassen, der schnell wegglitt.

Dick versuchte zur Ruhe zu kommen – der eigentliche Kampf stand ihm zu Hause noch bevor, und er würde vielleicht lange bei ihr sitzen und immer wieder das Weltall für sie zergliedern müssen. Eine schizophrene Persönlichkeit wird treffend als zwiespältig bezeichnet – Nicole war einmal ein Mensch, dem nichts erklärt zu werden brauchte, und einmal einer, dem nichts erklärt werden konnte. Es war notwendig, sie mit tätiger, positiver Beharrlichkeit zu behandeln, indem man den Weg in die Wirklichkeit immer offenhielt, den Weg zur Flucht hingegen verbaute. Aber die geistige Beweglichkeit und die Vielseitigkeit des Wahnsinns gleichen der Findigkeit des Wassers, das durch einen Deich sickert, über ihn hinwegflutet und ihn umspült. Die vereinte Kraft vieler Menschen ist erforderlich, um dagegen anzukämpfen. Er fand es nötig, daß Nicole sich diesmal selbst heilte; er wollte warten, bis sie sich an die anderen Male erinnerte und Abscheu davor empfand. Resigniert nahm er sich vor, das Verfahren wieder aufzunehmen, das man vor einem Jahr fallen gelassen hatte.

Er hatte den Weg bergauf genommen, um schneller zur Klinik zu gelangen, und als er jetzt auf den Gashebel drückte, um scharf am Abhang entlangzufahren, schwankte der Wagen heftig nach links, schwankte nach rechts, stellte sich auf zwei Räder, und als Dick, Nicoles kreischende Stimme im Ohr, die wahnsinnige Hand vom Steuer losriß, das sie umklammert hielt, richtete sich der Wagen auf, machte noch eine Wendung und schoß von der Straße hinunter. Er stürzte durch niedriges Unterholz, kippte wieder hoch und fuhr langsam, in einem Winkel von neunzig Grad, gegen einen Baum.

Die Kinder kreischten, und Nicole schrie und fluchte und versuchte, Dick das Gesicht zu zerkratzen. Da Dick zunächst an die abschüssige Lage des Wagens dachte und nicht imstande war, sie abzuschätzen, bog er Nicoles Arm zurück, kletterte über die hochstehende Seite und hob die Kinder heraus; dann erst sah er, daß der Wagen festlag. Er konnte nichts anderes tun; er stand zitternd und keuchend da.

»Du –!« schrie er.

Sie lachte hemmungslos, ohne sich zu schämen, unerschrocken und unbekümmert. Keiner, der die Szene gesehen hätte, wäre auf den Gedanken gekommen, daß sie die Urheberin war; sie lachte, wie nach einem harmlosen Kinderstreich.

»Du hast Angst gehabt«, warf sie ihm vor. »Du wolltest am Leben bleiben!«

Sie sprach mit solchem Nachdruck, daß Dick in seinem augenblicklichen Zustand nicht wußte, ob er für sich selbst Angst gehabt hatte – aber die gespannten Gesichter der Kinder, die von einem zum andern blickten, weckten in ihm den Wunsch, Nicoles grinsende Larve zu Brei zu schlagen.

Direkt über ihnen, einen halben Kilometer entfernt, wenn man den Windungen der Straße folgte, aber nur hundert Meter, wenn man den Weg durch Klettern abschnitt, lag ein Wirtshaus, dessen einer Flügel durch die Bäume schimmerte.

»Nimm Topsy bei der Hand«, sagte er zu Lanier, »sieh, so, ganz fest, und klettere den Berg dort hinauf – siehst du den schmalen Weg? Wenn du zum Wirtshaus kommst, sage ihnen: ›La voiture Diver est cassée.‹ Es muß sofort jemand herunterkommen.«

Lanier, der nicht recht wußte, was geschehen war, aber Geheimnisvolles und Unerhörtes ahnte, fragte:

»Was wirst du tun, Dick?«

»Wir werden hier beim Wagen bleiben.«

Keines der Kinder sah seine Mutter an, als sie sich auf den Weg machten. »Seid vorsichtig, wenn ihr oben die Straße überquert! Seht euch nach beiden Seiten um!« rief ihnen Dick nach.

Gleich darauf blickten er und Nicole sich an; ihre Augen glichen Fenstern des gleichen Hauses, die sich über den Hof hinweg anfunkeln. Dann nahm sie eine Puderdose heraus, sah in deren Spiegel und strich sich das Haar aus der Schläfe zurück. Dick beobachtete einen Augenblick die kletternden Kinder, bis sie auf halbem Wege zwischen den Tannen verschwanden; dann ging er um den Wagen herum, um nach dem Schaden zu sehen und zu überlegen, wie er wieder auf die Straße geschafft werden könnte. Im Sand konnte er den Zickzackkurs feststellen, den sie, mehr als hundert Fuß weit, verfolgt hatten; er war erfüllt von heftigem Abscheu, der nichts mit Ärger zu tun hatte.

Ein paar Minuten später kam der Besitzer des Wirtshauses heruntergelaufen.

»Mein Gott!« rief er. »Wie ist denn das passiert? Sind Sie zu schnell gefahren? So ein Glück! Wäre der Baum nicht gewesen, wären Sie den Abhang hinuntergestürzt!«

Dick nahm den Vorteil wahr, der sich ihm in Emiles realem Vorhandensein, seiner weiten schwarzen Schürze und dem Schweiß auf den Wülsten seines Gesichtes darbot, und gab Nicole in sachlicher Weise zu verstehen, er wollte ihr aus dem Wagen helfen; daraufhin sprang sie zu der tief erliegenden Seite heraus, verlor auf dem abschüssigen Boden das Gleichgewicht, fiel auf die Knie und stand wieder auf. Als sie zusah, wie die Männer versuchten, den Wagen zu bewegen, nahm ihr Gesicht einen trotzigen Ausdruck an. Dick, dem sogar diese Stimmung willkommen war, sagte:

»Geh und warte bei den Kindern, Nicole.«

Erst nachdem sie gegangen war, fiel ihm ein, daß sie nach Kognak verlangt hatte, und dort oben war Kognak zu haben – so sagte er zu Emile, er solle den Wagen sein lassen; sie wollten auf den Chauffeur und den großen Wagen warten, der ihn auf die Straße hinauf schleppen könnte. Zusammen eilten sie zum Wirtshaus hinauf.

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